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Schlagwort: Liebe

Saskia Louis: Die Lügenkönigin

Saskia Louis: Die Lügenkönigin

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„Die Lügenkönigin“ folgt auf „Die Lügendiebin“ und so muss Fawn nun mit Verrat und Enttäuschung fertig werden und einsehen, dass sie sich in Caeden getäuscht hat. Mit ihrer Befreiung aus den Händen der Roten Magier nimmt ihr Schicksal erneut ein Wende. Doch haben ihre Retter eine besondere Aufgabe für sie im Sinn. Mit ihren magischen Kräften soll Fawn dabei helfen, die Königsfamilie zu entmachten. Der Preis wäre hoch und es würde auch Unschuldige treffen. Deshalb hinterfragt Fawn das Ansinnen. Ihre Fähigkeit, Lügen zu entlarven, hilft ihr dabei. Doch wird sie mit einer Wahrheit konfrontiert, die ebenfalls unglaublich ist.

Die Geschichte um Fawn und Caeden entwickelt sich nahtlos weiter. Es ist also wichtig, das erste Buch zu kennen. Fawn scheut keine Gefahr. Sie hinterfragt das Machtkonstrukt der Königsfamilie und dessen Bedeutung für das Leben der Menschen in Mentano und ist begierig darauf, Antworten zu finden. Lügen als solche zu erkennen, ist für sie einfach. Weniger einfach ist es, die Gründe dafür herauszufinden. Doch nur so lässt sich die Wahrheit ergründen, die auch mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihrer Familie zu tun hat.

Fawn und Caeden begegnen sich natürlich in diesem zweiten Band wieder. Doch sind die Gefühle nun von Enttäuschung geprägt. Dennoch ist eine unterschwellige Verbindung spürbar, welche die Autorin immer weiter ausbaut. Sie findet Worte für tiefe Gefühle und versteht es, sie besonders emotional zu beschreiben, sodass es leicht fällt, mitzufühlen. Magie in verschiedenster Form zeigt sich offensichtlich, aber auch zwischen den Zeilen.

Es kommt einem Abenteuer gleich, das Buch zu lesen. Die Geschichte ist einzigartig, sehr spannend und von Überraschungen und fantasievollen Einfällen geprägt. Der Lesefluss ist perfekt, auch weil die Autorin so lebendig schreibt und stets einem roten Faden folgt. Mühelos lässt sie faszinierende Bilder entstehen. Und so erfährt die Geschichte auch einen schlüssigen Abschluss.

Am Ende des Buches befindet sich ein hilfreiches Glossar mit Erklärung zu Begriffen aus der Welt Mentanos.

Rezension von Heike Rau

Saskia Louis
Die Lügenkönigin
416 Seiten, gebunden
Ueberreuter Verlag, Juli 2022
ISBN-10: 3764171294
ISBN-13: 978-3764171292
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Susanne Abel: Was ich nie gesagt habe

Susanne Abel: Was ich nie gesagt habe

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In dem vorliegenden Roman von Susanne Abel geht es um die Familie Monderath. Sie ist durch vielfältige Verstrickungen eine wahre Schicksalsfamilie!

Das Paar Gretchen und Konrad sind die Hauptakteure.
Gretchen war mit Konrad Monderath verheiratet. Im Jahr 2016 ist er schon lange tot, und sie ist alt und dement. Tom, der gemeinsame Sohn, ist 47 Jahre alt. Er lebt und liebt in Köln, wo er eines Tages Besuch von einem Halbbruder erhält. Er wusste nicht, dass es ihn gibt, hat das aber durch Recherchen herausgefunden. Henk van Dong ist Holländer. Er sieht ihm ähnlich wie ein Zwilling, was zu allerlei Vermutungen im näheren Bekanntenkreis von Tom führt.

Die Autorin lässt die Brüder auf Spurensuche nach dem Vater der beiden gehen.
Nun beginnt in zwei Zeitabschnitten einmal die Geschichte von Tom 2016, und die Geschichte Konrads vom Kind bis zum Soldaten im Zweiten Weltkrieg von 1933-1943.

In dem Roman wird Vergangenheits-und Gegenwartsgeschichte verarbeitet.
1933 beginnt Hitlers Herrschaft mit all’ den Folgen, die jene Jahre prägten: Naziideologie, Judenhass und Verfolgung, Ermordung und Eliminierung Behinderter. Nicht zuletzt folgt der Zweite Weltkrieg. Die Schwester von Konrad, ein mongoloides Mädchen, fällt dem Vernichtungswahn zum Opfer, und Franz, der ältere Bruder von Konrad, fällt 1942 im Krieg.
Konrad wird nach Militärzeit und Gefangenschaft Arzt und findet in Gretchen seine große Liebe. Letztere hat ein verborgenes Geheimnis, dass ihr Leben begleitet und beschwert.

Charaktere unterschiedlicher Mentalität und Geisteshaltung finden sich in den Figuren der Protagonisten wieder.
Vom Nazi bis zum aufgeklärten Nachkriegskind werden alle Seiten vergangener und gegenwärtiger Zeiten berührt.

Die Spannung steigt nach der Hälfte des Romans, als Kinderwunsch und Unfruchtbarkeit an der Realität zu zerbrechen drohen. Die Ärzte Konrad und ein Onkel verstricken sich in Gesetz und Ärzteordnung.

Worum also geht es in diesem Roman?
Ein wenig schleicht sich der Eindruck ein, dass hier die großen Fragen der Menschheitsgeschichte in einen Roman gepackt wurden: Liebe, Betrug, Trauer, Kinderwunsch und Verleugnung, politische Gegensätze und Krieg. Es wird gut erzählt und viel gesprochen. Man kann der Autorin eine fantasiereiche Fabulierkunst nicht absprechen. Die zahlreichen Erzählstränge lassen den Leser*in nicht los, so dass man gebannt dem Suchen nach der Wahrheit folgt.

Der Schreibstil ist schlicht und mit zahlreichen Kraftausdrücken bestückt.
Alles in Allem kann man von einem unterhaltsamen und im Aufbau durchaus spannenden Familienepos sprechen, das sicher viele Liebhaber der leichten Literatur erfreuen wird.

Susanne Abel
Was ich nie gesagt habe
dtv Verlagsgesellschaft, Juni 2022
560 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3423290234
ISBN-13: 978-3423290234
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Helen Wolff: Hintergrund für Liebe

Helen Wolff: Hintergrund für Liebe

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Hinter einer autobiographisch gefärbten Liebesgeschichte verbirgt sich Helen Wolff, die legendäre Verlegerin und Frau des ebenso bekannten Verlegers Kurt Wolff.

Im Sommer 1932 fuhr die Protagonistin des Romans mit ihrem Geliebten Kurt an die Cote d’Azur, um dort einen schönen Sommer zu verbringen. Beide arbeiten im Verlagswesen in Berlin.
Er, der zwanzig Jahre Ältere, freute sich darauf, seiner jungen Freundin Helen die herrliche Landschaft der Provence zu erschließen.

Was als wunderbares Liebesabenteuer beginnt, entwickelt sich zu einer überaus zarten, rauen und empathischen Geschichte.
Er, der im Text nur als „Du“ erscheint, ist weltgewandt und dynamisch. Sie hingegen ist eher unscheinbar und unerfahren.

Angekommen in Nizza bezieht er mit Helen ein feines Hotel. Schon bald tauchen nahe und ferne Bekannte von ihm auf, die zu einem ausschweifenden und lauten Partyleben verleiten.
Helen ist entsetzt, fühlt sich kreuzunglücklich und beginnt, sich aus dieser Gesellschaft und von „ihm“ abzunabeln.
Sie verschwindet aus dem Dunstkreis der „Partymenschen“, sucht und findet in Saint- Tropez ein im Schilf verborgenes Häuschen. Es ist spartanisch aber paradiesisch in seiner Abgeschiedenheit.

Nun beginnt eine wirklich hinreißende Geschichte. Atmosphärisch nah und unmittelbar berührend beschreibt Helen den Zauber der Landschaft. Sie malt buchstäblich mit dahin getupften Worten die Farben und Düfte einer Gegend, die wohl jeden dafür empfänglichen Menschen begeistern kann. Das Meer in seiner Unendlichkeit, die Natur rundum, die zarten Farben der Häuser und der Duft nach fruchtbarem Landleben werden in den schönsten Farben gezeichnet. Helen findet Freunde und lernt das Leben zu genießen. Die lustvolle Begeisterung an Sonne, Meer, Essen, Wein und allgemeiner Lebensfreude ergreift Besitz von ihr.

Der Leser:in fiebert mit, wie sich die Liebesgeschichte zwischen ihr und ihrem „Du“ entwickeln mag! Provence ohne Charme und Liebe ist schwer vorstellbar.

Helen Wolffs Großnichte Marion Detjen hat sich in Archive vertieft und konnte dieses Manuskript entdecken.
Sie ist Historikerin und hat in einem zweiten Teil des Buches einen Essay hinzufügt, in dem sie die politischen Hintergründe und gesellschaftlichen Umstände jener dramatischen Jahre beschreibt.

Die einschlägige Künstlerszene traf sich damals an der Côte d’Azur, geriet in den Strudel vor Hitlers Machtergreifung und musste bald schon die Flucht nach Amerika antreten. Viele sehr bekannte Namen werden von ihr genannt, Liebschaften aufgedeckt und Verbindungen zwischen Autoren, Verlegern und Künstlern in einen Zusammenhang gestellt.

Sowohl die poetische Liebesgeschichte des fiktiven Paares, als auch die historischen Betrachtungen sind aufschlussreich und außerordentlich lesenswert.

Helen Wolff
Hintergrund für Liebe
Weidle, März 2020
216 Seiten, broschiert
ISBN-10: 3938803967
ISBN-13: 978-3938803967
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Saskia Louis: Die Lügendiebin

Saskia Louis: Die Lügendiebin

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Fawn ist eine begabte Lügendiebin. Sie kann mit ihrer roten Magie erkennen, wer die Wahrheit spricht und wer lügt. Doch hat sie es nicht auf Notlügen, Flunkereien und Ausreden abgesehen, sondern vielmehr auf bedeutsame Lügen, denn diese sind den Dunkeldieben mehr wert. So schleicht sie sich ein in die Häuser der adligen Familien im weißen Ring, um heimlich an ihren Gesprächen teilzunehmen. Unbemerkt aus ihrem Versteck heraus hängt sie an ihren Lippen und erfährt, was eigentlich geheim bleiben soll.

Fawn fühlt sich sicher, sie versteht ihr Handwerk. Doch im Hause der Familie Falcron wird sie erwischt. Lord Kaltherz persönlich steht ihr plötzlich gegenüber, als sie gerade einer unglaublich brisanten Lüge, die sie von Lady Falcron Lippen gestohlen hat, auf den Grund gehen will. Nun muss sie selbst lügen und es wie Wahrheit aussehen lassen. Doch kommt sie damit nicht durch. Caeden will sie für seine Zwecke einspannen. Er glaubt, nur so den Mörder seines Vaters finden zu können. Aber dazu muss sie sich als seine Verlobte ausgeben. Fawn holt sich Rückendeckung von den Dunkeldieben und spielt mit. Sie hat ohnehin kaum eine Wahl. Es ist eine äußerst gefährliche Sache, die sie das Leben kosten könnte.

Vor dem geistigen Auge tut sich eine geheimnisvolle Welt auf, die in fünf Ringe eingeteilt ist. Dabei bildet der Königshof von Mentano die innere Mitte. Fawn lebt im äußeren grauen Ring. Hier ist die Armut, der sie entfliehen möchte, am größten. Es kostet keine Mühe, sich diese Welt vorzustellen, denn sie ist sehr bildhaft beschrieben.

Fawn kommt in diesem Buch selbst zu Wort. Die Geschichte ist aus ihrer Sicht erzählt. Sie ist eine offene, mutige und etwas zu abenteuerlustige junge Frau. Ihre Erlebnisse und ihre Gedanken werden sehr ausführlich wiedergegeben, sodass man sich perfekt in sie hineinversetzten kann. Besonders spannend ist ihr Umgang mit Caeden. Hat er seinen Spitznamen Lord Kaltherz wirklich verdient? Überhaupt gibt sich seine Familie unerwartet freundlich. Als Leser kommt man nicht umhin, sich um ihren Vertrauensvorschuss Sorgen zu machen. Nach außen hin spielen die beiden ihre Rolle als verlobtes Paar wirklich gut und Fawn ist sich ihrer Gefühle nicht mehr sicher.

Die Autorin eröffnet einen völlig neuen Blick auf das Wesen der Lüge und ihrer Vielfältigkeit bis hin zum Verrat. Über bewusste Täuschung und Intrigen hinweg entwickelt sich die absolut fesselnde und wunderbar flüssig zu lesende Geschichte fort bis hin zu einem dramatischen Ende, das Lust auf den zweiten Teil des Buches macht.

Rezension von Heike Rau

Saskia Louis
Die Lügendiebin
ab 14 Jahren
416 Seiten, gebunden
Ueberreuter, Februar 2022
ISBN-10: 3764171286
ISBN-13: 978-3764171285
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Michela Murgia: Chirú

Michela Murgia: Chirú

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Eleonore ist 38 Jahre alt, als sie dem Drängen des 18jährigen Musikstudenten Chirú nachgibt, seine Lehrerin zu werden.
Zwischen den beiden entsteht eine erotische, unterschwellige Spannung. In Sardinien, wo die Geschichte zunächst spielt, führt Eleonore den Studenten Chirú in einschlägige Künstlerkreise ein, und der Leser*in erfährt selber, wie es in diesen Kreisen zugeht.

Eleonore hat Freunde und ehemalige Geliebte, die sie auf ihrem Lebensweg begleiten, und mit denen sie in regem Austausch steht, auch in Fragen ihres eigenen Lebens.
Fabrizio, einer von ihnen, warnt sie vor den Folgen, sich mit so einem jungen Studenten abzugeben. Aber sie kann es nicht lassen.
In langen Passagen geht es um Begegnungen aller Art, immer wieder aber auch um die stete Annäherung Chirús an Eleonore. Beide sind voneinander fasziniert.
Sie nimmt ihn mit auf eine Reise nach Rom, wo sie ein Engagement hat. In Museen und beim Essen sehen sie sich und tauschen Gedanken aus. Der Zauber der wunderbaren Stadt lässt Nähe und Sehnsüchte bei den beiden aufkommen. Oh Jugendzeit, Du schöne Zeit! Eleonore spürt erste Zeichen des Älterwerdens, wenn sie auch eine schöne Frau zu sein scheint.

Chirú und Eleonore werden als Antipoden dargestellt. Jeder sucht etwas beim anderen, das man selber nicht hat. Zwei verlorene Seelen, die sich unter dem Deckmantel der Lehre begegnen und in Wahrheit Liebe und Anerkennung suchen. Eleonore bewegt sich wissend durch ihre Kreise und zeigt Chirú, wie man sich gut darstellt.

Richtig spannend wird die Geschichte, als Eleonore ein Engagement in Stockholm erhält. Chirú will nachkommen. Unerwartet trifft Eleonore einen schwedischen Dirigenten wieder, den sie schon in Cagliari einst getroffen hat. Nun wendet sich das Blatt, und die Geschichte endet geheimnisvoll.

Murgia versteht es wunderbar, einzelne Charaktere hervorzuheben. Es geht ihr dabei auch um Treue, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. Liebe kommt und vergeht und Dinge geschehen, die man nicht ändern kann. Die Frage nach Unrecht und Wahrhaftigkeit wird zuletzt zur Kernfrage der Geschichte. Ist der Mensch gut oder schlecht? Welche Folgen hat das Glück oder Unglück? Die Antwort bleibt die Autorin schuldig, denn Gefühle und Bedürfnisse wechseln, und die reine Wahrheit gibt es nicht. Aber schuldig wird der Mensch da, wo er Verletzungen auslöst, die nicht vermeidbar sind, wenn man seinen eigenen Weg gehen will. Ambivalenzen zeichnen zwischenmenschliche Beziehungen aus, so dass es immer wieder zu Missverstehen kommen kann. Das alles macht sie Erzählung zu einer faszinierenden Geschichte, die gut und schlüssig erzählt wird!

Michela Murgia
Chirú
Verlag Klaus Wagenbach, März 2017
206 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3803132878
ISBN-13: 978-3803132871
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Daniel Schreiber: Allein

Daniel Schreiber: Allein

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Eine Philosophische Abhandlung über das Leben mit seinen zahlreichen Facetten im Zusammen- und Alleinleben.

In den Schriften von Daniel Schreiber geht es darum, wie wir in der Welt verortet sind.
Schon in dem Buch „Zuhause“ ging es um sehr persönliche Fragen dieser Denkrichtung.
In dem jetzt erschienenen Buch „Allein“ stellt der Autor die gleichen Fragen nun aber bezogen auf sein Dasein als Schriftsteller.
Er bezieht Stellung zu seinem Alleinsein und sucht die Gründe für das Leben ohne Liebe oder eine Zweisamkeit. Wie und auf welche Weise lebt man überhaupt in den Beziehungen zu anderen Menschen?

Dass die Liebe und die Gemeinschaft mit anderen unser soziales Leben bestimmen, ist unleugbar.
Nicht jedem aber ist es vergönnt, eine anhaltend gute Beziehung in der Zweisamkeit zu finden.

Für uns Menschen können Freundschaften einen großen Teil sozialer Einsamkeit abdecken. Für seine Freundschaften ist D. Schreiber ausdrücklich dankbar und definiert genau, wo Freundschaften anfangen, und wie es um Bekanntschaften steht, und wie verschieden Beziehungen sein können. Unwillkürlich denkt man an den jungen Pianisten Igor Levit, der in allen Gesprächen betont, wie wichtig ihm Menschen, gute Freunde und Freundinnen sind, auch und gerade in schwierigen Zeiten, wichtiger sogar als die Musik!

Daniel Schreiber entwickelt seine Ideen, in dem er u.a. auf die Aussagen bekannter Schriftsteller und Philosophen zurückgreift. Er bleibt in der Erzählung jedoch bei sich, denn die Reflexion eigener Erfahrungen werden zur Grundlage für seine Theorien über das Alleinsein.

Die Natur als Entdeckung und Horizonterweiterung wird von ihm unglaublich einfühlsam beschrieben. Er war zu einem Literaturaufenthalt in der Schweiz eingeladen. Sehr lustlos hat er die Reise angetreten, um dann in Schnee, Kälte und einsamen Wanderungen die Befreiung seiner Seele zu erleben. Das ist hinreißend geschildert.

In weiten Teilen greift Schreiber die Wochen und Monate der Pandemie auf, um anhand der Lebensformen, die uns alle betreffen, über Isolation und Einsamkeit nachzudenken.

Zwischen den Reflexionen über sein Leben zitiert Schreiber unzählige Autoren und Philosophen, die ihm bei seinen Einsichten Stützpfeiler zur Selbsterkenntnis waren.

Das Buch mit seinen Essays regt zum Nachdenken an. Die Abhandlungen sind intensiv und einprägsam.

Die Denkschrift von Daniel Schreiber ist nicht unterhaltsam. Sie enthält eine Analyse wichtiger Stadien menschlichen Seins im Sozialgefüge menschlichen Zusammenlebens am Beispiel seines eigenen Lebens. Dabei eröffnet sich auch für uns Lesende der Horizont in Richtung Kontemplation und Begreifen. Eine sehr empfehlenswerte und erhellende Studie ist Daniel Schreiber mit seiner Schrift gelungen.

Im Anhang findet man eine lange Liste zitierter Schriften und Autoren.

Daniel Schreiber
Allein
Hanser Berlin, 6. Auflage September 2021
160 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3446267921
ISBN-13: 978-3446267923
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Elizabeth Strout: Oh William!

Elizabeth Strout: Oh William!

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Wieder geht es in diesem Roman um Lucy Barton, die schon aus einigen früheren Romanen bekannt ist.

Heute ist sie schon fortgeschrittenen Alters.
Ihr zweiter Mann David ist tot, und sie lebt alleine.
Zu William, ihrem ersten Mann, einem Biologieprofessor, hat sie den Kontakt nie verloren.

In kurzen Episoden erinnert sie sich an das Leben, das sie als glückliche Familie mit ihren zwei Töchtern und William einst gelebt hat.
Wir erfahren, warum sie ihn verließ, und wir hören, wie innig ihre Beziehung zu ihren Töchtern ist, die inzwischen längst verheiratet sind, und an deren Leben sie lebhaft Anteil nimmt.

Inzwischen ist Lucy eine gefeierte Schriftstellerin.
Sie ist eine sehr gefühlvolle Frau, die gute wie schlechte Zeiten in ihrem Leben erlebt hat.
Die Nähe und das Heimatgefühl, das sie bei William immer gefühlt hat, das hat sie nie vergessen.
Die beiden sind Freunde fürs Leben geworden. In schwierigen Momenten suchen sie immer Kontakt zu einander. Jetzt ist es so weit: auch Williams dritte Frau hat ihn verlassen.
Die Sprache, die die Eheleute mit einander sprechen, lässt auf eine tiefe Vertrautheit schließen.

Elizabeth Strout hat die besondere Gabe, sich ihren Figuren mit sehr viel innerer Wärme zu nähern und auf diese Weise den Leser*in ganz in den Bann ihrer Erzählung zu schlagen.
Sie ist den beiden Hauptprotagonisten so nah, dass man fast meint, es hier mit einer Biographie zu tun zu haben.

Der Roman ist ein wenig episodenhaft aufgebaut. So hört man einmal, wie es früher war, um dann wieder im Heute anzukommen. Es sind die feinen kleinen Details, die uns immer wieder begeistern.
Die Nachbarn, Freunde, das tägliche Leben oder auch Landschaftseindrücke: wir dürfen an allem teilnehmen.

Strouts Protagonistin Lucy, die in der Ichform erzählt, ist ausgesprochen reflektiert in ihren Überlegungen; dass sie aus sehr armseligen und lieblosen Verhältnissen stammt, kann man fast nicht glauben. Ihre traurige Kindheit und Williams liebevolle Mutter, die allerdings ein Geheimnis mit sich trägt, sind ebenso Gegenstand der Erzählung, wie die momentanen Gefühlszustände ihrer Hauptpersonen: Lucy und William.
Ein ganzes Leben mit Höhen und Tiefen erschließt sich vor dem Auge des Lesers/ Leserin.

Da allgemeine Lebenserfahrungen zur Sprache kommen, lassen sich Parallelen zum Leben des/der Lesenden durchaus herstellen. Tiefe Erkenntnisse und Einsichten bringen uns immer wieder zum Nachdenken.

Weisheit bietet das Ende des Romans, in dem es heißt: „Wir sind alle gleich unerforschlich. Das ist die einzige wirkliche Wahrheit, deren bin ich mir ganz sicher.“

Elizabeth Strout ist eine Meisterin der Innenschau, der psychologischen Beobachtung und der unendlichen Suche nach dem Kern der Wahrheit unseres Selbst. Sie spürt feinste Unterschiede zwischen den Charakteren ihrer Hauptfiguren auf und blickt mit überzeugender Menschenkenntnis hinter die nach außen gezeigten Fassaden.

Ihr Roman gehört zu den Büchern, die man nicht aus der Hand legen will.

Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Elizabeth Strout
Oh William!
Luchterhand Literaturverlag, November 2021
224 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3630875300
ISBN-13: 978-3630875309
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Éliette Abécassis: Mit uns wäre es anders gewesen

Éliette Abécassis: Mit uns wäre es anders gewesen

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Zwei junge Menschen, Amélie und Vincent, treffen sich an der Sorbonne, als sie sich für das nächste Semester einschreiben wollen. Später geht man als Grüppchen noch in ein Café.

Vincent und Amélie verplaudern die ganze Nacht, in der sie sich über ihre Herkunft, die Zukunftswünsche und ihre Träume unterhalten. Sie erfahren viel über sich aber nicht genug.

Bald ist klar, dass sie sich verliebt haben. Ein nächstes Treffen wird vereinbart. Und dann passiert eine Schicksalswende: sie verpassen sich!

Das Leben geht weiter. Im großen Abständen begegnen sie sich wieder. Sie hat innerlich an ihm festgehalten, während er inzwischen verheiratet ist und zwei Kinder hat. Auch Amélie findet einen Mann, von dem sie glaubt, er könnte der Richtige sein. Nach der Geburt ihrer Kinder aber tut sich eine Leere auf, die am Ende zur Scheidung führt. Bei den Kindern merken beide erst, wie sehr sie lieben können, während ihre Ehen im Alltag und in der Gleichgültigkeit versinken.

Die Jahre gehen ins Land. Nach dreißig Jahren und vielen Zwischenstationen auf ihren Lebenswegen begegnen sich die beiden wieder. Sie empfinden großes Glück miteinander!

Éliette Abécassis hat einen bezaubernden Roman geschrieben. Die Atmosphäre des Studentenlebens ist wunderbar eingefangen. Es ist das Glück des Neubeginns, der jugendlichen Freiheit und die Neugier auf das Leben, die uns die Autorin vermittelt.

Amélie ist die zarte, empfindsame und von Selbstzweifeln geplagte Frau, die sich nach dem großen Glück sehnt. Es hat lange gedauert, bis sie sich zu einer ersten Ehe entschlossen hatte.

Der Leser*in lässt sich vom Leben in der Pariser Gesellschaft beeindrucken und empfindet mit, wie locker und frei Begegnungen und Feiern ablaufen.

Das Entscheidende an dieser Erzählung aber ist die unterschwellige Spannung und der Charme, mit der die Liebe zwischen zwei Menschen bestehen bleibt und erst nach vielen Wirren, Enttäuschungen und zerplatzten Lebensträumen noch einmal neu aufflammt. Oder ist sie nie erloschen?

Ich war hingerissen, weil es den Leser zuerst in die Welt der Jugend mitnimmt und neben der Leichtigkeit die Tragik nie weit ist. Auch alles Folgende ist besonders reizvoll, weil eine immerwährende Sehnsucht nach der einen großen Liebe spürbar bleibt.

Menschwerdung und Menschsein zeigt sich facettenreich und getragen von Sehnsüchten, die dem Menschen eigen sind. Irrtümer können unerwartete Wendungen herbeiführen, und das Schicksal und der Zufall spielen mit. Verletzungen, die Partner sich zufügen können, werden ebenfalls in den Focus genommen.

Wer am Ende zu wem findet, und ob es das vollkommene Glück überhaupt gibt, das bleibt hier die Frage.

Auf jeden Fall ist die Geschichte lesenswert, weil sie mit der lockeren, flotten Erzählweise, die nicht der Tiefe entbehrt und uns keine schöne Welt vorgaukelt, besonders gut getroffen ist.

Das Büchlein liest sich leicht, ist spannend und anregend bis zur letzten Seite und verspricht anhaltendes Lesevergnügen.

Éliette Abécassis
Mit uns wäre es anders gewesen
144 Seiten, gebunden
Arche Literatur Verlag, Juli 2021
ISBN-10: 3716027979
ISBN-13: 978-3716027974
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Alex Schulman: Die Überlebenden

Alex Schulman: Die Überlebenden

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Drei erwachsen gewordene Brüder begegnen sich nach zwanzig Jahren im Sommerhaus der Eltern, um die Asche der Mutter zu verstreuen. Es ist ein altes Haus, morsch z.T., in einer idyllisch gelegenen Gegend an einem See nicht weit von Stockholm entfernt. In wechselnden Szenen erlebt man die Geschwister einmal in ihrer Kindheit und dann wieder im Heute mit der Urne der Mutter.

Der Autor Alex Schulmann malt ein düsteres Bild sowohl von heute als auch von damals.
Die Atmosphäre ist beklemmend. Die Eltern sitzen und trinken, sie trinken sehr viel, sie essen und schlafen.
Dazwischen wechseln die Brüder vom Spielen oder Schwimmen in die Nähe der Eltern oder in den nahegelegenen Wald.

Ganz unmerklich schälen sich die Charaktere heraus.
Nils ist der Älteste. Er ist klug und steht innerlich und äußerlich oft abseits.
Benjamin ist 9 und Pierre 7 Jahre alt.
Benjamin scheint sensibel und still beobachtend. Man ahnt, wie intensiv er Stimmungen und laute Unstimmigkeiten registriert. Aus seinen Beobachtungen wird die Erzählung gespeist.
Pierre wirkt in der Darstellung ängstlich, klein und eher verzagt.
Glücklich wirkt die Kindheit dieser drei Brüder nicht.
Man spürt, dass in diesem Elternhaus vieles ungesagt bleibt und ein eisernes Schweigen herrscht.
Benjamin, der Sensible, neigt zu Vorstellungen, in denen er die Wirklichkeit nicht mit der Einbildung vereinbaren kann.

Man erfährt nichts über den Alltag der einzelnen Familienmitglieder und von ihrem Leben in Stockholm. An einer Stelle wird vermerkt, dass die Kinder in einem „Oberklassenhaushalt“ aufgewachsen sind. Dass sie am Rande des Existenzminimums lebten, an einer anderen. Für die akademische Ausbildung scheint kein großer Aufwand getrieben worden zu sein. Der Leser*in merkt, dass über der Familie ein unbekanntes Unheil schwelt.

Alex Schulman konstruiert seine Geschichte so ausgefeilt, dass eine schwer zu ertragende Spannung entsteht. Warum machen die Eltern einen recht verwahrlosten Eindruck? Welche Dynamik besteht zwischen der äußeren Lebensform und der inneren seelischen Unausgeglichenheit?

Langsam und unmerklich nähert man sich einem Ereignis, dass ungeahnte Folgen für alle hatte. Alex Schulman hält uns ganz lange im Ungewissen, bis wir uns dem eigentlichen tragischen Geschehen nähern.

Es handelt sich in diesem Roman um die Sozialstudie einer Familie, deren Regeln ungeordnet und fahrlässig von den Eltern bestimmt werden, und die die Kinder in Einsamkeit und Verlustgefühle treiben. Angst und Unbehagen ist aus allen Handlungen zu spüren immer im Wechsel mit dem Bemühen, Liebe und Zuwendung von den Eltern zu erfahren.

Der Stil der Erzählung schwankt zwischen fast protokollartigen Berichten bis zu unregelmäßigen Gefühlsausbrüchen der Mutter und unverhofft auftretenden Wutausbrüchen des Vaters. Ein jeder lässt hier jeden allein.
Zusammenhalt zwischen den Brüdern gibt es, wenn dieser auch zerbrechlich ist.
Am Ende sind sie im Unglück vereint.

Die raue Natur, die Schönheit der Bäume, Pflanzen und der See bilden einen wunderbaren Hintergrund zu dem Familiendrama. Es ist ein lesenswerter Roman, voller Tiefe und intensiver Innenbetrachtung eines zerrütteten Familienlebens mit einem überraschenden Ende.

Alex Schulman
Die Überlenden
dtv Verlagsgesellschaft, August 2021
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3423282932
ISBN-13: 978-3423282932
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Eva Fellner: Die Highlanderin

Eva Fellner: Die Highlanderin

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Enja ist eine Auserwählte. Doch ihren geheimnisvollen Bestimmungsort erreicht die kleine Isländerin nicht. Das Schiff hält einem Unwetter nicht stand. Enja kann sich retten, doch sie verliert ihre Mutter, die mit ihr gekommen war. Sie gerät in die Hände von Menschenhändlern und wird in den Orient gebracht und verkauft. Stets denkt sie an Flucht und so steht ihr eine wechselhafte Zukunft bevor.

Enja wird im Laufe der Jahre zur Assassinin und Heilerin ausgebildet, bevor sie nach Schottland kommt und auf Caerleverock Castle ein Zuhause findet. Sie verfügt also schon als junge Frau über eine außergewöhnliche Ausbildung, die sie auch dringend benötigt, denn es herrscht Krieg. Die schottischen Clans kämpfen für ihre Unabhängigkeit. Bei einem Kampf wird Enja schwer verletzt. Der charismatische Clanführer James Douglas wird zu ihrem Retter. Als sie sich eines Tages revanchieren will, setzt sie viel aufs Spiel.

Die Geschichte ist wundervoll erzählt. Die Autorin bedient sich einer gefühlvollen, bildhaften und perfekt ausformulierten Sprache. Das erzeugt einen harmonischen Lesefluss.

Dennoch verlangt das Buch eine besondere Aufmerksamkeit, denn es werden verschiedene Zeitabschnitte aus Enjas Leben dargestellt. Die Handlungsstränge wechseln oftmals abrupt. Kaum hat man sich auf die eben erzählte Handlung eingestellt, erfolgt ein Blick in die Vergangenheit oder etwas bereits Begonnenes wird fortgesetzt. Man muss also stets die Jahreszahlen, die am Anfang eines neuen Abschnitts aufgeführt sind, im Blick behalten und schnell umschalten können.

Dazu kommen die Perspektivwechsel. Enja ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Ein Teil der Handlung wird aus ihrer Sicht erzählt, sodass es möglich ist, ihr etwas näherzukommen und ihre Motivation zu erkunden. Sie ist eine starke Frau, die ihre Emotionen jedoch vor anderen zu verbergen versucht. Dennoch verliebt sie sich in James Douglas. Viel Raum wird dieser Liebe jedoch vorerst nicht gewährt.

Der Roman wird mitten in der Handlung abgebrochen. Das ist sehr schade. Ein gewisser abgeschlossener Rahmen wäre dann doch schön gewesen. Nun heißt es, auf die Fortsetzung zu warten.

Rezension von Heike Rau

Eva Fellner
Die Highlanderin
505 Seiten, broschiert
Aufbau Taschenbuch, Mai 2021
ISBN-10: 3746638291
ISBN-13: 978-3746638294
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