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Schlagwort: Liebe

James Baldwin: Giovannis Zimmer

James Baldwin: Giovannis Zimmer

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Es geht in diesem Roman u.a. um Homosexualität, um Liebe und den Rausch, den diese auszulösen vermag.

Ein ratloser junger Mann nimmt eines Tages in New York eine Passage nach Frankreich. Er hat seine Orientierung verloren, da auch sein Vater nach dem Tod seiner Frau seinen inneren Halt verloren zu haben scheint.
In Paris lebt David schlecht und recht von Ersparnissen, die sich bald dem Ende zuneigen.
In einer Bar lernt er Giovanni kennen. Dieser wird zu seinem Schicksal!

Die Atmosphäre im Paris der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bestimmt das Geschehen.
Es ist eine morbide, eine zügellose und doch so anziehende Welt, in die der Amerikaner David fällt. Die nächtlichen Eskapaden mit viel Alkohol und mit der Begegnung ungewöhnlicher Männer und Frauen nimmt ihn gefangen. Sex in einer runtergekommenen und anzüglichen Form legt einen Schleier der Verruchtheit über die Geschichte.
Aller bürgerlichen Tabus beraubt fällt man der ungezügelten Gier nach Lust, Genuss und Ausschweifung zum Opfer.

David ist verlobt und sehnt sich nach bürgerlicher Ordnung. In seiner ungewöhnlichen Liebe zu Giovanni fällt er jedoch aus seinem bisherigen Leben heraus.

James Baldwin wäre nicht der herausragenden Schriftsteller, als der er uns bekannt ist, wenn die Geschichte nicht einen tieferen Sinn hätte. Abgesehen von seiner hinreißenden Sprache mit Bildern, die gelegentlich fast biblisch anmuten, geht es um die Gefühle einer sich verlierenden Generation: Alkohol, Sex, Frauen und Homosexualität spielen ihre Rolle bei der Suche nach der wahren Identität. Es geht um Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Im Nachtleben von Paris kommen die Genies und die Versager zusammen.

Als Extrakt der Geschichte möchte man festhalten: wenn man die Unschuld verliert, hat man den Garten Eden verlassen. Man fällt der Fratze der Hässlichkeit, der ungezügelten Gier und Lust anheim, und man schaut in die Grimasse des Betrugs und der Besitzgier.

Zuweilen fühlt man sich beim Lesen abgestoßen von der Darstellung, kann sich aber dem tieferen Sinn der Geschichte nicht entziehen. Alle Schranken sind gefallen, und man lebt nur noch auf der Suche nach Geld, Zeitvertreib und Lustgewinn. Das Verbotene treibt Menschen in immer höhere Sphären der Exzesse bei gleichzeitig zunehmender Düsternis der Gemüter.

Das muss ein tragisches Ende nehmen!

Der erste Verlag von Baldwin lehnte die Veröffentlichung ab und trennte sich von ihm.

Immerhin befinden wir uns in der Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als gänzlich andere Regeln den Umgang unter den Menschen bestimmten. Es gab noch längst keine auch gesetzlich verankerten Freiheiten, wie wir sie heute im Zusammenleben von Männern und Frauen kennen.

Baldwin lebte von 1924 bis1987. Er war zu seiner Zeit ein vielfach geehrter Schriftsteller und hat sich für Gleichberechtigung im Geschlechterkampf, zwischen arm und reich, Mann und Frau und zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe eingesetzt.

James Baldwin
Giovannis Zimmer
208 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, Februar 2020
ISBN-13: 978-3423282178
ISBN-10: 3423282177
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Nick Hornby: Just Like You

Nick Hornby: Just Like You

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Nick Hornby schreibt über eine Liebesbeziehung, die sicher nicht alltäglich ist.

Wir schreiben das Jahr 2016 in London. In England findet die Abstimmung für oder gegen den Brexit statt, was zu gesellschaftlichen Verwerfungen geführt hat. Freunde und Familien gerieten in Streit über diese Frage. In den Gesprächen im Roman wird der Brexit zum Synonym für eine offene, liberale Gesinnung gegen eine, die engherzig und rückwärts gewandt daherkommt.

Die Erzählung befasst sich mit der Beziehung einer 42 jährigen weißen Lehrerin mit zwei halbwüchsigen Söhnen, die von ihrem Mann getrennt lebt. Sie verliebt ich in einen 22 jährigen Mann schwarzer Hautfarbe, der sie seinerseits wunderbar findet. Sie beschäftigt ihn gelegentlich als Babysitter. Doch dabei soll es nicht bleiben.

Nick Hornby lässt die Geschichte langsam angehen. Er umkreist förmlich sanft die gegenseitige Zuneigung. In langen Dialogen, das Umfeld der beiden mit ausleuchtend, nähert er sich dem Plot, der die Erzählung beherrschen wird. Durch zaghafte Annäherungen gewinnt die Geschichte eine fast erotische Spannung, die den LeserIn ganz in seinen/ ihren Bann zieht.

Die Geschichte beinhaltet ja einen Doppelkonflikt: schwarz gegen weiß und Alter gegen Jugend.

Lucy ist eine gescheite Person, die zwar zunächst Skrupel beschleichen, als sie sich mit Joseph einlässt. Doch ihre Söhne mögen diesen jungen Mann, der so schöne Spiele mit ihnen spielt. Was als Job mit gelegentlichem Babysitten beginnt, endet in einer langen Liaison. Für die Söhne ist er Joseph und sonst nichts. Dass sich seine Mutter mit ihm einlässt, bereitet ihnen eher Freude als Anstoß.

Dialoge beherrschen die Szenen und hinter den Dialogen die Gedanken.

Es handelt sich bei Lucys Freunden um einfache Mittelschichtfamilien. In London ist zwar die Diskriminierung von Paaren mit unterschiedlicher Hautfarbe nicht mit der in den USA zu vergleichen. Dennoch wundert sich jeder, was es mit dieser besonderen Verbindung auf sich haben könnte. Beide Partner fürchten die Konfrontation mit ihren jeweiligen Lebenskreisen.

Nick Hornby bietet das Bild einer engen Verbindung, die sich langsam ergeben hat. Alle Schritte werden analysiert: kleine Reisen, Feste und Feiern. Der LeserIn fragt sich, wie es wohl weitergehen wird mit diesem so ungleichen Paar.

Während Lucy als souveräne und besonnene Person beschrieben wird, entwickelt sich Joseph zu einem nachdenklichen, treuen Mann, der fest zu seiner Freundin steht. Dass eine einmalige Untreue von Joseph zur Zerreißprobe werden könnte, wird von Nick Hornby genial aufgelöst. Er erweist sich mit dieser Geschichte als hervorragender Kenner menschlicher Zweifel und Möglichkeiten.

Es handelt sich hier nicht um einen gelungenen Lebensentwurf, sondern die Geschehnisse zeigen eine von zahlreichen Zumutungen geprägte Einmaligkeit.

Wie mit dem Thema um Moral, gesellschaftliche Zwänge und Zweifel umgegangen wird, zeugt von tiefer Menschenkenntnis. Es bleibt der Eindruck einer warmherzigen und starken Liebesgeschichte.

Mich hat das Buch sehr beeindruckt.

Nick Hornby ist ein gefeierter Autor, der in London lebt.

Nick Hornby
Just Like You
384 Seiten, gebunden
ISBN-10: 346200039X
ISBN-13: 978-3462000399
Kiepenheuer & Witsch, 2. Auflage, September 2020
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Helga Glaesener: Das Erbe der Päpstin

Helga Glaesener: Das Erbe der Päpstin

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Freya kann nicht verhindern, dass ihre Mutter Gisla nach schweren Jahren als Sklavin von ihrem Entführer, dem dänischen Wikinger Björn, ermordet wird. Doch ist es ihr im verzweifelten Kampf gelungen, ihn lebensgefährlich zu verletzen. Ihr bleibt nur die Flucht aus dem Dorf. Ihre Schwester Asta nimmt sie. Die Angst vor den Verfolgern, vor allem vor Björns älterem Bruder Hasteinn, begleitet die beiden. Die Mutter hatte nicht viel von ihrer Vergangenheit erzählt. Doch Freya weiß von ihrem Großvater Gerold von Villaris, den sie nun unbedingt finden will, und der, wie sie später herausfindet, in Rom als Schutzherr des Papstes fungiert. Tatsächlich erreicht sie mit ihr Ziel. Doch viel gemeinsame Zeit haben die beiden nicht. Während einer Prozession geschieht Unglaubliches: Der Papst oder vielmehr die Päpstin und Gero werden ermordet.

Hier schließt sich der Kreis, denn Helga Glaesener hat sich von „Die Päpstin“ von Donna W. Cross zu dieser Geschichte inspirieren lassen. Papst Johannes bzw. Johanna war eine Freundin von Freyas Mutter Gisla gewesen.
Hier in Rom lernt die junge Frau auch den Gardisten Aristid kennen. Die beiden verlieben sich ineinander. Doch steht ihre Liebe angesichts der Ereignisse unter keinem guten Stern. Der gefürchtete Wikingerfürst Hasteinn ist ihnen auf der Spur und ihre Wege kreuzen sich unweigerlich.

Helga Glaesener führt mit einem sehr gut lesbaren und fesselnden Schreibstil durch das Buch. Sie erzählt von den verschiedenen Stationen der Reise und von einer Liebe in schwierigen Zeiten. Als Leser ist man ganz nah dran am Geschehen. Der historische Roman ist breit angelegt und sehr spannend geschrieben. Die Charaktere wirken auf mich überzeugend. Freyas Leben ist von vielen dramatischen Wendungen geprägt, die auch den historischen Hintergründen geschuldet sind, die detailreich vermittelt werden. Sie als wissbegierige Heilerin, die sogar lesen kann, darzustellen, ist ausgesprochen passend.

Rezension von Heike Rau

Helga Glaesener
Das Erbe der Päpstin
464 Seiten, gebunden
Rütten & Loening, September 2020
ISBN-10 : 3352009287
ISBN-13 : 978-3352009280
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David Grossmann: Was Nina wußte

David Grossmann: Was Nina wußte

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Geheimnisvoll, widersprüchlich und zugleich realistisch erzählt uns David Grossmann eine Geschichte. Eine Geschichte von drei Frauen und ihrem jeweiligen Schicksal, das sie einerseits zusammenschweißen sollte,das aber alle drei Frauen voneinander getrennt hat.

In seiner unvergleichlich assoziativen und in Andeutungen sich ergehenden Diktion schält sich erst allmählich die ganze Wahrheit über das Leben der drei Frauen heraus.
Wir befinden uns in Israel. Vera feiert ihren 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass erscheinen ihre Tochter Nina, ihr Stiefsohn Rafael und deren gemeinsame Tochter Gili, ihre Enkelin. Letztere dreht einen Film über ihre Großmutter. Dazu führt sie Gespräche und schreibt alles auf. Sie ist zugleich eine der Protagonistinnen.
Wie soll man über etwas schreiben, das Gefühle ausdrücken und zugleich verbergen soll?

Vera und auch Nina schweigen beharrlich über ihre Vergangenheit. Nur in kurzen Ansätzen kann man Hinweise auf außergewöhnlich harte Jahre bekommen. Vera und Nina sind aus Jugoslawien nach Israel eingewandert. Milos, Ninas Vater und Veras Mann, ist tot. In Israel treffen sie auf Tuvia, der seine Frau nach langem Leiden verloren hat. Er hat drei Kinder u.a. den Sohn Rafael. Vera und Tuvia verbinden sich aus Liebe und Einsamkeit.

In sporadischen Episoden berichtet Vera, wie es zu dieser Ehe kam.
Gili sucht in den Gesprächen mit der Großmutter und ihrem Vater hinter Ninas geheimnisvolles Leben zu kommen. Es ist bemerkbar, dass da vieles nicht stimmt.
Ihre Nachforschungen haben ergeben, dass sich Nina und Rafael begegneten, als sie siebzehn und er fünfzehn Jahre alt waren.
Er ist hingerissen von ihr und wird es ein Leben lang bleiben. Nina aber findet nie zur Ruhe.

Die Spuren der Vergangenheit verdichten sich, als alle genannten Personen beschließen, in die ehemalige Heimat von Vera und Nina nach Jugoslawien, jetzt Kroatien, zu reisen. Was hat sich damals vor so vielen Jahren zugetragen?
Das ist eine lange Geschichte! Sie hat mit dem Jugoslawienkrieg unter Tito zu tun, mit Verrat, Folter, Shoah, Tod und grausamen Verlusten.

Menschen verlieren sich, bleiben sich treu oder geraten durch schwere Schicksalsschläge ganz aus den Fugen. Vera ist zutiefst durchdrungen von ihrer Liebe zu Milos. Aus Liebe zu ihm durchstand sie grausamste Folter, nur um ihn nicht zu verraten. Nina, ihre gemeinsame Tochter, ist das Opfer.

Wie David Grossmann diese Geschichte erzählt, das erinnert sehr an seinen großen Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“.
Auch hier wird geschwiegen, erduldet und mit unbekannten Mächten gerungen um der Wahrheit willen, oder um ihr zu entgehen.
Gebannt folgt man den Lebenswegen der drei Frauen. Die starke Vera bestimmt das Geschehen.

Die Erzählung hat einen wahren Hintergrund: das Schicksal der Jüdischen Kommunistin Eva Panic-Nahir.
Grossmann macht daraus eine Geschichte von gewaltiger Tragweite.
Wieder gelingt es ihm, die Geschehnisse um Verfolgung, Krieg und Shoah ins Bewusstsein der Gegenwart zu holen.
Spannend, beklemmend und eindrucksvoll bleibt der Eindruck eines herausragenden Werkes in der Übersetzung von Anne Birkenhauer.

Davod Grossmann
Was Nina wußte
352 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, 2. Auflage, August 2020
ISBN-10: 3446267522
ISBN-13: 978-3446267527
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Ulla Coulin-Riegger: Mutters Puppenspiel

Ulla Coulin-Riegger: Mutters Puppenspiel

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Was für eine grässliche Mutter!

Ulla Coulin-Riegger hat mit diesem Debütroman wohl ihrem Herzen aus der reichlichen Erfahrung ihrer psychotherapeutischen Arbeit Luft gemacht!

Es gibt sie! Diese Mütter aus Vorwurf, Selbstmitleid und Erwartung. Immer voller Anspruch und Eifersucht bis hin zu kränklichen Zuständen, mit denen das Kind, in diesem Fall die Tochter Lisette, zu Gehorsam und Fürsorge gezwungen wird. Diese Tochter kann sich einfach nicht befreien aus dem Zwang der Abhängigkeit.

Sie, die Tochter, ist 38 Jahre alt, Ärztin und toll verliebt in einen verheirateten Mann mit Frau und Tochter im Hintergrund. Anlass zu Ärger für die Mutter ohne Ende!

Ulla Coulin –Riegger beschreibt die Beziehungen aller beteiligter Personen so wahrhaftig, dass man ganz gefangen wird von den verworrenen Beziehungsstrukturen. Man ärgert sich mit der Tochter mit, man möchte ihr helfen, herauszukommen aus der Abhängigkeit sowohl vom Liebhaber als auch von der Mutter.

Es fehlt nicht an existenziellen Ereignissen, die das ganze starre System zum Zusammenbruch zu bringen droht.

Liebe, Zärtlichkeit und Erwartungsfreude zum Liebhaber werden erst angeknackst, als Emil immer und immer wieder eine Stellungnahme und Entscheidung für oder gegen die Geliebte hinauszögert.

Alle Personen haben Schwierigkeiten, sich auf wirkliche Nähe, Distanz oder notwendige Konfrontationen einzulassen.

Erst als eine neue Freundin der Tochter ins Spiel kommt, eine Psychotherapeutin, gelingt es Lisettte, aus der Umklammerung der Mutter fast herauszufinden. Ruth, diese neue Freundin, hat zwar auch ein Problem, aber sie scheint es besser in den Griff zu bekommen.

So wie Ulla Coulin-Riegger alles beschreibt, wird man zum Zuschauer des psychodynamischen Geschehens. Man sieht, was alles nicht stimmt, und glaubt, Lösungen zu kennen; aber man ist ja nur von außen dabei. Es macht einen Unterschied, ob man selbst in so einer bizarren Verstrickung lebt, oder nur Zuschauer mit Brennglas ist.

Zuletzt wird noch ein überraschendes Geheimnis gelüftet, das aber wichtig ist und den Leser sehr erschüttert.

Dass am Ende alles recht glücklich endet, ist fast nicht zu glauben.

Ein spannendes, aufregendes und fesselndes kleines Buch, das viel über die Psyche und ihre Verstrickungen verrät.

Sehr lesenswert!

Ulla Coulin-Riegger
Mutters Puppenspiel
174 Seiten, gebunden
Klöpfer, Narr, 30. März 2020
ISBN-10: 3749610274
ISBN-13: 978-3749610273
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Hubert Achleitner: flüchtig

Hubert Achleitner: flüchtig

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Hier wird die Geschichte von Maria und Herwig, einem freundlichen und zugänglichen Paar in Österreich, erzählt.

Nach dreißig Jahren Ehe, in denen es existenzielle Konflikte gab, ist Maria eines Tages verschwunden. Niemand hat eine Erklärung dafür.

Die beiden hatten nicht in heißer Liebe zu einander gefunden. Sie waren sich ganz im Gegenteil erst langsam nähergekommen. Als Maria schwanger wurde, heirateten sie. Nach einigen Wochen verlor sie das Kind, und das Unglück darüber war groß.

In langsam vorbeiziehenden Bildern und Berichten entwickelt Hubert Achleitner das Psychogramm einer Ehe, wie es sie wohl häufiger gibt. Entfremdung, Ehebruch, Heimlichkeiten: es fehlt nichts, was uns diese Geschichte nicht verstehen lässt. Man leidet mit, trauert mit und ist sehr berührt vom Schicksal dieser zwei Menschen. Es gipfelt im Verschwinden von Maria, die bei ihrem Verschwinden keinerlei Spuren hinterlässt.

Nach dem ersten noch sehr realitätsnahen Teil der Geschichte, wird der zweite Teil recht abstrus und sonderbar.

Er führt zu einer abenteuerlichen äußeren und inneren Reisebeschreibung, die aus dem fernen Österreich tief in den Süden bis nach Griechenland zu einem Heiligen Berg und abgelegenen Kloster führt. Hier wird es für den Leser zuweilen irritierend. Seelenzustände und Landschaftsbeschreibungen, menschliche Begegnungen und Abenteuer wechseln sich ab. Maria führt ab jetzt eine Aussteigerexistenz. Der Leser erfährt von immer neuen Irrwegen menschlichen Seins. Es geht um Selbstverwirklichung, Erleuchtung und psychedelische Erfahrungen, die sich auf vielerlei Art und Weise manifestieren. Ganz oben aber steht der Wunsch nach einem Leben ohne innere Zwänge, genau gesagt: Freiheit. Zuweilen verwirrend, immer aber spannend lässt uns Achleitner an den dramatischen Abenteuern und Erfahrungen seiner Protagonisten teilnehmen.

Gesellschaftliche und politische Bezüge in Musik und Lebensformen weisen auf die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts hin.

Hubert Achleitners Fantasien im Erfinden abstruser Erlebnisse und Aktionen zeugt von impulsiver Vitalität und Vielfalt. Gelegentlich scheint es einem fast zu viel des Guten.

Zuweilen ist es schwer, allen verworrenen Beziehungsstrukturen zu folgen. Doch kann man dem Autor eine wahrhaftig lebhafte, bilderreiche und malerische Schreibkultur nicht absprechen.

Wer sich gut unterhalten will, kommt wunderbar auf seine Kosten!

Hubert Achleitner ist in seinen Kreisen ein bekannter Vertreter der Neuen Volksmusik, der mit diesem Debütroman Erfolg haben wird!

Rezension von Claudine Borries

Hubert Achleitner
Flüchtig
304 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag, 2. Auflage Mai 2020
ISBN-10: 3552059725
ISBN-13: 978-3552059726
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Monika Helfer: Die Bagage

Monika Helfer: Die Bagage

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In einem Bergdorf in Österreich fernab größerer Siedlungen leben Maria und Josef mit ihren zahlreichen Kindern. Maria ist schön, so schön, dass sich ihrer Anziehung kein Mann entziehen kann.

Sie sind arm, leben in einer Hütte und gelten als die „Bagage“. Sie schlagen sich nur mühsam durch.

1914 muss Josef in den Ersten Weltkrieg ziehen. Er lässt seine Frau unter dem Schutz des Bürgermeisters im Bergdorf zurück.

Ein schöner Mann erscheint eines Tages: Georg! Er kam aus Hannover. Kurze Zeit nur weilt er hier. Dann ist er wieder verschwunden. Auch er kann sich der Anziehung der schönen Maria kaum entziehen. Was mag sich zwischen ihm und Maria abgespielt haben? Das Verhalten des Bürgermeisters treibt die Geheimnisse um die schöne Frau auf die Spitze.

Eine archaische Welt tut sich vor uns auf!

Die zentrale Figur dieser mit kurzen Sätzen und in einem stoischen Stil verfassten Geschichte ist die schöne Maria. Sie ist sehr auffallend. Von ihr geht eine erotische Strahlkraft aus, die fast alle Männer in Sehnsucht, Bewunderung und Begierde treibt.

Monika Helfer verfasst ihre Geschichte in Erinnerungssprüngen an die verschiedenen Generationen.

Maria ist die Großmutter, aus deren Schoß so viele Kinder geboren wurden. Mutter der Icherzählerin ist Marias Tochter Grete, ein Mädchen, dessen Herkunft während der Kriegszeit nicht so ganz sicher zu bestimmen ist.

Schaut Josef sie deswegen nie an und spricht auch nie ein Wort zu dieser Tochter? Hat er Zweifel an seiner Vaterschaft für dieses Kind?

Mit spröden Sätzen und in faszinierenden Bildmalereien ersteht ein Panorama, das Landluft und Natur mit einbezieht in die Geschichte einer großen Familie. Die Icherzählerin befasst sich mit den einzelnen Charakteren ihrer Onkel und Tanten, und es kommen skurrile Naturen zum Vorschein. Hervorstechend bleibt die Großmutter mit ihrer starken Anziehungs- und Verführungskraft.

In dieser Erzählung macht die Armut nicht hilflos und schwach, sondern sie erzeugt kraftvolle Menschen. Sie sind stolz und trotzen dem Hunger, der Kälte und der Armut. Auch verbindet die ganze Sippschaft eine enge Zusammengehörigkeit. Es gibt die Liebe, aber sie bleibt verhalten und man spricht nichts aus.

Zarte Beobachtungen der Natur und der Vogelwelt sind von poetischer Schönheit. Man fühlt sich hautnah dem Winter, dem Schnee und der Kälte ausgesetzt.

Die Autorin hat es geschafft, eine magische Welt zu beschreiben. Der Leser bleibt bis zuletzt im Banne der Geschichte und ist fasziniert, wie aus jedem skizzierten Leben eine ganz eigene Geschichte entsteht.

Das schmale Bändchen mit nur 158 Seiten hat das Zeug zu einem wirklich großen Roman.

Hervorragend!

Monika Helfer
Die Bagage
160 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Februar 2020
ISBN-10: 3446265627
ISBN-13: 978-3446265622
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Graham Swift: Da sind wir

Graham Swift: Da sind wir

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In diesem schmalen Roman geht es um drei Varietékünstler, die 1959, geprägt von den Kindheitserinnerungen im Zweiten Weltkrieg, in Brighton/ England zusammenfinden.

Jack ist Tanzkünstler und Initiator des Events. Ronnie ist Zauberer und Magier, und Evie ist seine Assistentin. Sie pflegen einen Sommer lang mit zunehmendem Erfolg Ihre Auftritte in Brighton.
Während Ronnie sich mit Evie verlobt, kann schließlich doch der charmante Frauenheld und Charmeur Jack ihre Liebe gewinnen. Im Alter von 79 Jahren erzählt sie aus der Rückansicht die Geschichte ihres Lebens, in dem Ronnie und Jack ihren festen Platz hatten.

Wie haben sie zusammengefunden?

Das erfahren wir, wenn wir uns näher mit ihrer Herkunftsgeschichte befassen. Am interessantesten und eindrucksvollsten sind die Erfahrungen von Ronnie. Er kam aus ärmlichsten Verhältnisse in London. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 musste sich seine verhärmte und unglückliche Mutter von Ronnie trennen, und ihn zu hilfsbereiten Menschen nach Oxfordshire ziehen lassen. Mit Kindertransporten wurden während des Krieges die Kinder in weniger gefährdete entfernte Orte verschickt. Einigen Kindern ging es schlecht, andere trafen es blendend. Ronnie kam zu äußerst liebenswerten Menschen, die ihn wie einen Sohn aufnahmen. Er hatte es sehr gut dort und bekam für sein Leben viel mit. U.a. erlernte er die Zauberkunst von Eric, dem “Ersatzvater“. Zum Ende des Krieges musste er zurück zu einer Mutter, die ihm als unglückliche, alte Frau begegnete.
Bald schon traf er Jack und heuerte Evie an, um sich mit seinen Zauberkünsten als Varietékünstler zu verdingen.

Was macht die Geschichte so reizvoll?

Es sind die vielen Details im Kleinen: die Trennung von seiner Mutter, die er zuerst noch schmerzvoll erlebt, um dann umso glücklicher bei den Ersatzeltern so sein. Dieses Glück beim Einzug in ein komfortables Haus, die duftenden Gardinen, die liebevolle Behandlung und das Zwitschern der Vögel im Morgengrauen sind atmosphärisch so eindringlich, dass man sich ganz zu dieser Idylle hingezogen fühlt. Ein staunender kleiner Junge erfährt das Glück!

Die Zauberei und die Magie in den Vorstellungen der drei geraten zu Glanzstücken der Beschreibung. Fiktion und Wirklichkeit liegen nahe beieinander. Der Reiz der Magie liegt darin, dass uns das Geheimnisvolle in der Zauberei erheitert, nachdenklich macht und uns eine schöne, entrückte Welt vorgaukelt, die voller Wunder steckt.

Neben dem Showbusiness sind die persönlichen Beziehungen der drei von ernsthafter und zu Herzen gehender Tiefe. Der Wechsel zwischen Magie und dem wirklichen Leben ist äußerst feinfühlig und anrührend beschrieben. Die poetischen Schilderungen lehren uns, dass Magie zuweilen scheinbar wie die Wirklichkeit daherkommt.

Graham Swift ist ein wunderbarer Erzähler. Er kann Geschichten erzählen, die wie im Märchen den Leser berühren und in Bann ziehen.

Man lese dieses Büchlein und genieße die Fiktion und erfreue sich zugleich am Leben!

Grajam Swift
Da sind wir
160 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, März 2020
ISBN-10: 3423282207
ISBN-13: 978-3423282208
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Jean Philippe Blondel: This is not a love song

Jean Philippe Blondel: This is not a love song

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Eine Reise in die Vergangenheit.

Vincent und Susan leben in London und sind gut situiert. In Paris haben sie sich kennengelernt, und Vincent, der nicht so recht wusste, wohin sein Leben steuert, ist mit Susan nach London gezogen. Inzwischen haben sie zwei kleine Töchter, und es sieht so aus, als seien sie glücklich.
Eines Tages bittet Susan ihren Mann um eine Auszeit. Sie will sich mit den Kindern bei ihren Eltern vom Alltag erholen und meint, Vincent könne doch einmal seine Eltern in Frankreich besuchen.

Widerwillig macht er sich auf den Weg. Seine Eltern sind schlichten Gemüts, und sein Bruder Jerôme ist ein Langweiler mit einer strengen Frau. Besonderer Schicksalsschlag: die beiden können keine Kinder bekommen.
Vincent ahnt nicht, wie ihn auf dieser Reise in die Vergangenheit seine Jugend nochmal einholen wird.

Er hatte in jungen Jahren einen Freund, mit dem er lange in einer Wohngemeinschaft vereint war. Etienne ist auf die schiefe Bahn geraten und in der Obdachlosigkeit gelandet. Bei seiner Heimkehr erfährt Vincent nach und nach von den Umständen, in denen seine Freundinnen und Freunde ihr Leben verbracht haben. Da gibt es Trennungen, Scheidungen und — Etienne. Nicht zuletzt aber auch Céline, seine Schwägerin, die ihm in aller Ehrlichkeit die Wahrheit über Etienne sagt.

Philippe Blondel hat ein feines Gespür für die Brüche im Leben seiner Protagonisten. Man wird hineingezogen in eine verwirrende Geschichte aus Hass, Liebe, Treue, Verführung, Schuld und Versagen. Freundschaften sind sang-und klanglos vergangen, und niemand hat sich weiter füreinander interessiert. Besonders Vincent hat sein altes Leben und die ungeliebten Eltern samt Bruder und Schwägerin hinter sich gelassen. Man fragt sich natürlich, ob nicht jeder das Recht hat, seinen eigenen Weg und das Glück zu suchen. Die besonderen Verwicklungen zwischen allen Beteiligten hier in der Provinz machen den Roman jedoch zu einem spannenden Leseerlebnis. Atemlos folgt man dem Geschehen, das immer neue Verstrickungen offenbart.

Fein ziseliert sind die Charaktere gezeichnet und einprägsam das Milieu, in denen ein jeder sich am Ende wiederfindet.

Lebenswege sind oft unglaublich in ihren Abläufen, und die hier beschriebenen lassen den Gedanken aufkommen, dass die Geschichte aus dem richtigen Leben stammen könnte.

Philippe Blondel gelingen seine Milieustudien hervorragend. Man kann die Lektüre nur empfehlen.

Philippe Blondel
This is not a love song
Goldmann Verlag, Juli 2017
ISBN-10: 3442485932
ISBN-13: 978-3442485932
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Pedro Mairal: Auf der anderen Seite des Flusses

Pedro Mairal: Auf der anderen Seite des Flusses

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Lucas hofft, dass seine Probleme gelöst sein werden, sobald er wieder Geld hat. Er wird die Fähre besteigen und nach Uruguay übersetzen. In Montevideo wird er die Vorschüsse für zwei neue Buchverträge in Empfang nehmen. Er wird nicht länger auf das Geld seiner Frau angewiesen sein. Und er wird endlich eine Möglichkeit finden können, seinen Sohn Maiko tagsüber gut unterzubringen, um Zeit zum Schreiben zu haben. In der letzten Zeit drehte sich der Alltag nur um den Kleinen. Das ließ ihm keine Luft, ein neues Buch zu schreiben.

Lucas ist ein unverbesserlicher Träumer. Auf seiner Tagesreise lässt er sich inspirieren von dem, was er sieht und hört. Die Gegenwart vermischt sich mit seinen Erinnerungen aus vergangenen Zeiten. Und der Leser darf an seinen Gedanken teilhaben.

Doch beim Sinnieren bleibt es nicht. Lucas ist kein treuer Ehemann. Er schaut gern nach anderen Frauen. Möglichst unverbindlich. In Montevideo wird er endlich eine von ihm sehr begehrte Frau wiedertreffen.

Aber immer wieder gehen seine Gedanken auch zu seiner Frau Catalina. Er ist in einer Beziehung gefangen, die ihn unglücklich macht. Es kann so nicht weitergehen. Er weiß, dass auch seine Frau beginnt, einen anderen Weg zu gehen. Irgendwann werden sie darüber sprechen und eine Lösung finden müssen. Doch dann kommt es während seiner Reise zu einer Wende, die ihn völlig aus der Bahn wirft und die auch eine Überraschung für den Leser sein dürfte.

Es ist ein tiefgreifendes Buch. Lucas‘ Gedanken und sein damit verbundenes Handeln werden ungefiltert präsentiert. Er fokussiert sich auf diese Frau, die er unbedingt haben will, auch wenn es nur dieses eine Mal ist. Er ist froh, wieder Geld zu haben.

Die momentane finanzielle Freiheit beflügelt ihn und sein Begehren macht ihn blind bis hin zum Kontrollverlust. Und so findet er sich als Autor bald in einer dramatischen Geschichte wieder, die er nicht besser hätte ersinnen und aufschreiben können. Doch sind es gerade seine Hoffnungen, seine Fantasie und sein ungestümes Verhalten, die es ihm möglich machen, Autor zu sein.

Rezension von Heike Rau

Pedro Mairal
Auf der anderen Seite des Flusses
Übersetzt von Carola S. Fischer
176 Seiten, gebunden
mare Verlag, Februar 2020
ISBN-10: 3866486030
ISBN-13: 978-3866486034
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