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Schlagwort: Liebe

Eva Fellner: Die Highlanderin

Eva Fellner: Die Highlanderin

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Enja ist eine Auserwählte. Doch ihren geheimnisvollen Bestimmungsort erreicht die kleine Isländerin nicht. Das Schiff hält einem Unwetter nicht stand. Enja kann sich retten, doch sie verliert ihre Mutter, die mit ihr gekommen war. Sie gerät in die Hände von Menschenhändlern und wird in den Orient gebracht und verkauft. Stets denkt sie an Flucht und so steht ihr eine wechselhafte Zukunft bevor.

Enja wird im Laufe der Jahre zur Assassinin und Heilerin ausgebildet, bevor sie nach Schottland kommt und auf Caerleverock Castle ein Zuhause findet. Sie verfügt also schon als junge Frau über eine außergewöhnliche Ausbildung, die sie auch dringend benötigt, denn es herrscht Krieg. Die schottischen Clans kämpfen für ihre Unabhängigkeit. Bei einem Kampf wird Enja schwer verletzt. Der charismatische Clanführer James Douglas wird zu ihrem Retter. Als sie sich eines Tages revanchieren will, setzt sie viel aufs Spiel.

Die Geschichte ist wundervoll erzählt. Die Autorin bedient sich einer gefühlvollen, bildhaften und perfekt ausformulierten Sprache. Das erzeugt einen harmonischen Lesefluss.

Dennoch verlangt das Buch eine besondere Aufmerksamkeit, denn es werden verschiedene Zeitabschnitte aus Enjas Leben dargestellt. Die Handlungsstränge wechseln oftmals abrupt. Kaum hat man sich auf die eben erzählte Handlung eingestellt, erfolgt ein Blick in die Vergangenheit oder etwas bereits Begonnenes wird fortgesetzt. Man muss also stets die Jahreszahlen, die am Anfang eines neuen Abschnitts aufgeführt sind, im Blick behalten und schnell umschalten können.

Dazu kommen die Perspektivwechsel. Enja ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Ein Teil der Handlung wird aus ihrer Sicht erzählt, sodass es möglich ist, ihr etwas näherzukommen und ihre Motivation zu erkunden. Sie ist eine starke Frau, die ihre Emotionen jedoch vor anderen zu verbergen versucht. Dennoch verliebt sie sich in James Douglas. Viel Raum wird dieser Liebe jedoch vorerst nicht gewährt.

Der Roman wird mitten in der Handlung abgebrochen. Das ist sehr schade. Ein gewisser abgeschlossener Rahmen wäre dann doch schön gewesen. Nun heißt es, auf die Fortsetzung zu warten.

Rezension von Heike Rau

Eva Fellner
Die Highlanderin
505 Seiten, broschiert
Aufbau Taschenbuch, Mai 2021
ISBN-10: 3746638291
ISBN-13: 978-3746638294
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Philippa Gregory: Gezeitenland

Philippa Gregory: Gezeitenland

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1648. Die junge Kräuterfrau Alinor Reekie, die mit ihren zwei Kindern Rob und Alys in ärmsten Verhältnissen am Wattenmeer in der Grafschaft Sussex lebt, hat sich am Mittsommerabend auf dem kleinen Friedhof eingefunden. Sie hofft, auf den Geist ihres verschollenen Mannes zu treffen. Hätte sie Gewissheit, dass er tot ist, wäre sie eine Witwe und frei.

Stattdessen trifft sie im unheimlichen Mondlicht auf einen lebenden Menschen. Der junge Mann stellt sich als Pater James vor. Er gibt vor, auf einer geheimen Mission zu sein. Sie gewährt ihm schließlich Unterschlupf im Netzschuppen und hilft ihm am nächsten Tag, einen Kontakt zu knüpfen. Für ihr Schweigen wird sie bezahlt. Als sich die beiden verabschieden, ist eine unerklärliche Wehmut zu spüren.

Als Alinor ihm in der Kapelle erneut begegnet, ist er in die Gemeinde integriert. Niemand im Dorf kennt seine wahre Identität. Alinor und James sollten sich fern voneinander halten und können es doch nicht. Alinor weiß, wie schnell Gerüchte entstehen und wie gefährlich das ist. Als Kräuterkundige und Hebamme hat sie einen Ruf zu verlieren. So mancher glaubt, in ihr eine Hexe zu sehen.

Erzählt wird eine spannende Liebesgeschichte vor einem historischen Hintergrund. Pater James spielt ein falsches Spiel. Niemand darf wissen, in wessen Auftrag er unterwegs ist und dass er dazu berufen ist, den König zu befreien, dem eine Anklage wegen Hochverrats droht. Und so konzentriert sich die Handlung zunächst zum größten Teil auf Alinor, die trotz ihrer Armut eine sehr beeindruckende Persönlichkeit ist. Dass sie Unterstützung haben muss, bleibt jedoch nicht verborgen. Missgunst und Neid schlagen ihr entgegen. Diese Stimmen werden lauter.

Das harte Alltagsleben von Alinor wird sehr ausführlich beschrieben. Es ist ein beschwerlicher Kampf um das tägliche Brot. Doch trotz der widrigen Umstände verliert sie nie die Hoffnung. Sie lebt mit den Gezeiten. Beeindruckend bildgewaltig ist die Natur mit in die Handlung eingebunden.

Der flüssige Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm zu lesen. Sie bedient sich einer ausgefeilten Sprache. Die Geschichte von Alinor und James ist faszinierend und das Ende an Dramatik kaum zu übertreffen.

Rezension von Heike Rau

Philippa Gregory
Gezeitenland
544 Seiten, Klappenbroschur
Knaur, April 2021
ISBN-10: 342622724X
ISBN-13: 978-3426227244
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Alexandra Kui: Trügerischer Sog

Alexandra Kui: Trügerischer Sog

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Die Begeisterung hält sich in Grenzen, als die Klasse erfährt, was sich ihre Lehrerin Frau Hoppe für sie ausgedacht hat. Es ist eine Klassenreise auf die Nordseeinsel Maroog. Hier werden die Schüler ziemlich abgeschnitten von der Außenwelt und ohne Internet sein. Frau Hoppe hofft, dass das ausufernde Mobbing ein Ende haben wird, wenn die Jugendliche zusammenrücken müssen.

Sara hat in der Klasse das Sagen. Für sie ist die Schule der „Friedhof der Namenlosen“. Sie entscheidet, wer zu ihrem Freundeskreis gehört. Die Namenlosen sind abgeschrieben, so wie Kim. Sarah merkt nicht, dass er sie mag.

Kaum sind die Schüler auf der kleinen Nordseeinsel angekommen, wird ihnen von Frau Hoppe und ihrem Kollegen Magnus Jensen ein Projekt vorgestellt, dem sie sich widmen sollen. Es gibt hier nämlich einen echten„Friedhof der Namenlosen“, der allerdings nach einem Sturm in sehr schlechtem Zustand ist.

Die Probleme sind nicht auf dem Festland geblieben. Doch mit Sara passiert etwas. Bei einer Begegnung mit Pferden kann jeder sehen, dass sie kaum beherrschbare Angst vor den Tieren hat. Das schadet ihrem Ansehen und ihrem Selbstbewusstsein. Ohnehin gehen die Machtkämpfe bald nicht mehr immer zu ihren Gunsten aus. Dennoch setzt sie ihre Tyrannei fort und teilt aus, wann immer sie kann.

Der eher zurückhaltende Kim beobachtet Sara genau. Er glaubt sogar, sie ein Stück weit zu durchschauen. Und er möchte, dass sie sich ändert. Er holt die anderen Namenlosen seiner Klasse mit ins Boot. Sie sind begeistert von seinen Plänen. Doch was dann passiert, war von ihm nicht gewollt.

Die Geschichte wird abwechseln aus der Sicht von Sara und Kim erzählt. Das ist bedeutsam, denn um sich eine Meinung bilden zu können, muss man nun einmal von zwei Seiten auf das Geschehen blicken können. Die Ich-Perspektive lässt einen tiefen Blick auf die Gefühle von Sara und Kim zu, während die anderen Schüler die Lage nur nach dem äußeren Schein bewerten können.

Es geht in diesem spannenden Jugendroman also um Mobbing, die Gründe dafür und die Möglichkeiten, dem etwas entgegenzusetzen. Die Autorin lässt den Leser im Buch hinter die Kulissen blicken. Es wird gezeigt, wie schwierig eine Konfliktlösung sein kann und dass es dafür unerlässlich ist, die Beweggründe für das Mobbing zu erkennen und einzuordnen.

Rezension von Heike Rau

Alexandra Kui
Trügerischer Sog
320 Seiten, broschiert
ab 14 Jahren
cbj, März 2021
ISBN-10: 3570165949
ISBN-13: 978-3570165942
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Micaela Jary: Das Kino am Jungfernstieg – Der Filmpalast

Micaela Jary: Das Kino am Jungfernstieg – Der Filmpalast

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Lili hat noch immer mit den Folgen ihres Unfalls zu kämpfen. Auch ihr Erinnerungsvermögen ist noch nicht vollständig zurückgekehrt. Sie lebt mit ihrem Mann Albert, der aus dem Krieg heimgekehrt ist, notgedrungen bei der Familie ihrer Halbschwester Hilde. Diese lässt Lili jeden Tag spüren, wie unwillkommen sie ist. Das lässt sich aber, da Wohnungsnot herrscht, momentan nicht ändern. Die Ehe bietet Lili keinen Trost, denn sie und Albert haben nie wirklich zusammengefunden. Es mag auch daran liegen, dass Lili den britischen Filmjournalisten John Fontaine nicht vergessen kann, mit dem sie vor dem Unfall eine Liebesbeziehung hatte.

Lilis Träume sind zerplatzt. Aus ihrem geliebten Kino am Jungfernstieg ist ein Musikclub geworden. Sie weiß, dass Hilde und deren Mann Peter dafür verantwortlich sind. Dass sie weiter ausgenutzt wird, entgeht Lili aber. Sie hat keine Energie, sich um das Erbe der Eltern zu kümmern. Als Frau hätte sie ohnehin kein Mitspracherecht, und so vertraut sie darauf, dass Albert die richtigen Entscheidungen trifft. Auch beruflich schöpft sie ihr Potenzial nicht aus. Sie schneidet keine Filme mehr, sondern die Nachrichten für die Wochenschau.

Das Blatt wendet sich, als Lili John wiedersieht, von dem sie annimmt, dass er mittlerweile mit seiner damaligen Verlobten Catherine Lancaster verheiratet ist. Er ist ebenfalls vom Unfall gezeichnet, hat aber von seiner charismatischen Wirkung nichts verloren. Lili gerät in ein Gefühlschaos und plötzlich ist die Vergangenheit wieder da.
Nach und nach erinnert sie sich wieder an den schweren Unfall und auch an das von ihrer verstorbenen Mutter gehütete Familiengeheimnis.

Micaela Jary unterhält mit ihrem historischen Roman sehr gut. Sie führt den Leser in das im Wiederaufbau befindliche Hamburg der 1950er Jahre, beleuchtet den Alltag und webt die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe dieser Zeit anschaulich mit in die Geschichte ein. Dabei setzt sie auf viele Details. Es ergibt sich gut vorstellbares Bild des Alltagslebens und der Filmszene. Alles wirkt so lebendig, das man meinen könnte, man würde im Kino sitzen. Das Cover des Buches spiegelt diesen Eindruck gut wider.

Lili wird zunächst als recht naiv beschrieben. Sie hat etwas von ihrer Entschlossenheit und Stärke verloren und keine Zukunftspläne. Doch sie gewinnt ihre Tatkraft zurück, als sie wieder beginnt, der Spur des Familiengeheimnisses zu folgen, dessen Aufklärung weitreichende Folgen haben dürfte. Endlich setzt sie sich auch mit ihren widerstrebenden Gefühlen auseinander. Es spielen sich dramatische Szenen ab. Die Spannung steigt. Unerwartete Wendungen spielen hier mit hinein. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Es ist eine wirklich gute Fortsetzung des 1. Bandes der Kino-Saga.

Rezension von Heike Rau

Micaela Jary
Das Kino am Jungfernstieg – Der Filmpalast
400 Seiten, Klappenbroschur
Goldmann Verlag, Februar 2021
ISBN-10: 3442488478
ISBN-13: 978-3442488476
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James Baldwin: Giovannis Zimmer

James Baldwin: Giovannis Zimmer

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Es geht in diesem Roman u.a. um Homosexualität, um Liebe und den Rausch, den diese auszulösen vermag.

Ein ratloser junger Mann nimmt eines Tages in New York eine Passage nach Frankreich. Er hat seine Orientierung verloren, da auch sein Vater nach dem Tod seiner Frau seinen inneren Halt verloren zu haben scheint.
In Paris lebt David schlecht und recht von Ersparnissen, die sich bald dem Ende zuneigen.
In einer Bar lernt er Giovanni kennen. Dieser wird zu seinem Schicksal!

Die Atmosphäre im Paris der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bestimmt das Geschehen.
Es ist eine morbide, eine zügellose und doch so anziehende Welt, in die der Amerikaner David fällt. Die nächtlichen Eskapaden mit viel Alkohol und mit der Begegnung ungewöhnlicher Männer und Frauen nimmt ihn gefangen. Sex in einer runtergekommenen und anzüglichen Form legt einen Schleier der Verruchtheit über die Geschichte.
Aller bürgerlichen Tabus beraubt fällt man der ungezügelten Gier nach Lust, Genuss und Ausschweifung zum Opfer.

David ist verlobt und sehnt sich nach bürgerlicher Ordnung. In seiner ungewöhnlichen Liebe zu Giovanni fällt er jedoch aus seinem bisherigen Leben heraus.

James Baldwin wäre nicht der herausragenden Schriftsteller, als der er uns bekannt ist, wenn die Geschichte nicht einen tieferen Sinn hätte. Abgesehen von seiner hinreißenden Sprache mit Bildern, die gelegentlich fast biblisch anmuten, geht es um die Gefühle einer sich verlierenden Generation: Alkohol, Sex, Frauen und Homosexualität spielen ihre Rolle bei der Suche nach der wahren Identität. Es geht um Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Im Nachtleben von Paris kommen die Genies und die Versager zusammen.

Als Extrakt der Geschichte möchte man festhalten: wenn man die Unschuld verliert, hat man den Garten Eden verlassen. Man fällt der Fratze der Hässlichkeit, der ungezügelten Gier und Lust anheim, und man schaut in die Grimasse des Betrugs und der Besitzgier.

Zuweilen fühlt man sich beim Lesen abgestoßen von der Darstellung, kann sich aber dem tieferen Sinn der Geschichte nicht entziehen. Alle Schranken sind gefallen, und man lebt nur noch auf der Suche nach Geld, Zeitvertreib und Lustgewinn. Das Verbotene treibt Menschen in immer höhere Sphären der Exzesse bei gleichzeitig zunehmender Düsternis der Gemüter.

Das muss ein tragisches Ende nehmen!

Der erste Verlag von Baldwin lehnte die Veröffentlichung ab und trennte sich von ihm.

Immerhin befinden wir uns in der Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als gänzlich andere Regeln den Umgang unter den Menschen bestimmten. Es gab noch längst keine auch gesetzlich verankerten Freiheiten, wie wir sie heute im Zusammenleben von Männern und Frauen kennen.

Baldwin lebte von 1924 bis1987. Er war zu seiner Zeit ein vielfach geehrter Schriftsteller und hat sich für Gleichberechtigung im Geschlechterkampf, zwischen arm und reich, Mann und Frau und zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe eingesetzt.

James Baldwin
Giovannis Zimmer
208 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, Februar 2020
ISBN-13: 978-3423282178
ISBN-10: 3423282177
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Nick Hornby: Just Like You

Nick Hornby: Just Like You

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Nick Hornby schreibt über eine Liebesbeziehung, die sicher nicht alltäglich ist.

Wir schreiben das Jahr 2016 in London. In England findet die Abstimmung für oder gegen den Brexit statt, was zu gesellschaftlichen Verwerfungen geführt hat. Freunde und Familien gerieten in Streit über diese Frage. In den Gesprächen im Roman wird der Brexit zum Synonym für eine offene, liberale Gesinnung gegen eine, die engherzig und rückwärts gewandt daherkommt.

Die Erzählung befasst sich mit der Beziehung einer 42 jährigen weißen Lehrerin mit zwei halbwüchsigen Söhnen, die von ihrem Mann getrennt lebt. Sie verliebt ich in einen 22 jährigen Mann schwarzer Hautfarbe, der sie seinerseits wunderbar findet. Sie beschäftigt ihn gelegentlich als Babysitter. Doch dabei soll es nicht bleiben.

Nick Hornby lässt die Geschichte langsam angehen. Er umkreist förmlich sanft die gegenseitige Zuneigung. In langen Dialogen, das Umfeld der beiden mit ausleuchtend, nähert er sich dem Plot, der die Erzählung beherrschen wird. Durch zaghafte Annäherungen gewinnt die Geschichte eine fast erotische Spannung, die den LeserIn ganz in seinen/ ihren Bann zieht.

Die Geschichte beinhaltet ja einen Doppelkonflikt: schwarz gegen weiß und Alter gegen Jugend.

Lucy ist eine gescheite Person, die zwar zunächst Skrupel beschleichen, als sie sich mit Joseph einlässt. Doch ihre Söhne mögen diesen jungen Mann, der so schöne Spiele mit ihnen spielt. Was als Job mit gelegentlichem Babysitten beginnt, endet in einer langen Liaison. Für die Söhne ist er Joseph und sonst nichts. Dass sich seine Mutter mit ihm einlässt, bereitet ihnen eher Freude als Anstoß.

Dialoge beherrschen die Szenen und hinter den Dialogen die Gedanken.

Es handelt sich bei Lucys Freunden um einfache Mittelschichtfamilien. In London ist zwar die Diskriminierung von Paaren mit unterschiedlicher Hautfarbe nicht mit der in den USA zu vergleichen. Dennoch wundert sich jeder, was es mit dieser besonderen Verbindung auf sich haben könnte. Beide Partner fürchten die Konfrontation mit ihren jeweiligen Lebenskreisen.

Nick Hornby bietet das Bild einer engen Verbindung, die sich langsam ergeben hat. Alle Schritte werden analysiert: kleine Reisen, Feste und Feiern. Der LeserIn fragt sich, wie es wohl weitergehen wird mit diesem so ungleichen Paar.

Während Lucy als souveräne und besonnene Person beschrieben wird, entwickelt sich Joseph zu einem nachdenklichen, treuen Mann, der fest zu seiner Freundin steht. Dass eine einmalige Untreue von Joseph zur Zerreißprobe werden könnte, wird von Nick Hornby genial aufgelöst. Er erweist sich mit dieser Geschichte als hervorragender Kenner menschlicher Zweifel und Möglichkeiten.

Es handelt sich hier nicht um einen gelungenen Lebensentwurf, sondern die Geschehnisse zeigen eine von zahlreichen Zumutungen geprägte Einmaligkeit.

Wie mit dem Thema um Moral, gesellschaftliche Zwänge und Zweifel umgegangen wird, zeugt von tiefer Menschenkenntnis. Es bleibt der Eindruck einer warmherzigen und starken Liebesgeschichte.

Mich hat das Buch sehr beeindruckt.

Nick Hornby ist ein gefeierter Autor, der in London lebt.

Nick Hornby
Just Like You
384 Seiten, gebunden
ISBN-10: 346200039X
ISBN-13: 978-3462000399
Kiepenheuer & Witsch, 2. Auflage, September 2020
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Helga Glaesener: Das Erbe der Päpstin

Helga Glaesener: Das Erbe der Päpstin

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Freya kann nicht verhindern, dass ihre Mutter Gisla nach schweren Jahren als Sklavin von ihrem Entführer, dem dänischen Wikinger Björn, ermordet wird. Doch ist es ihr im verzweifelten Kampf gelungen, ihn lebensgefährlich zu verletzen. Ihr bleibt nur die Flucht aus dem Dorf. Ihre Schwester Asta nimmt sie. Die Angst vor den Verfolgern, vor allem vor Björns älterem Bruder Hasteinn, begleitet die beiden. Die Mutter hatte nicht viel von ihrer Vergangenheit erzählt. Doch Freya weiß von ihrem Großvater Gerold von Villaris, den sie nun unbedingt finden will, und der, wie sie später herausfindet, in Rom als Schutzherr des Papstes fungiert. Tatsächlich erreicht sie mit ihr Ziel. Doch viel gemeinsame Zeit haben die beiden nicht. Während einer Prozession geschieht Unglaubliches: Der Papst oder vielmehr die Päpstin und Gero werden ermordet.

Hier schließt sich der Kreis, denn Helga Glaesener hat sich von „Die Päpstin“ von Donna W. Cross zu dieser Geschichte inspirieren lassen. Papst Johannes bzw. Johanna war eine Freundin von Freyas Mutter Gisla gewesen.
Hier in Rom lernt die junge Frau auch den Gardisten Aristid kennen. Die beiden verlieben sich ineinander. Doch steht ihre Liebe angesichts der Ereignisse unter keinem guten Stern. Der gefürchtete Wikingerfürst Hasteinn ist ihnen auf der Spur und ihre Wege kreuzen sich unweigerlich.

Helga Glaesener führt mit einem sehr gut lesbaren und fesselnden Schreibstil durch das Buch. Sie erzählt von den verschiedenen Stationen der Reise und von einer Liebe in schwierigen Zeiten. Als Leser ist man ganz nah dran am Geschehen. Der historische Roman ist breit angelegt und sehr spannend geschrieben. Die Charaktere wirken auf mich überzeugend. Freyas Leben ist von vielen dramatischen Wendungen geprägt, die auch den historischen Hintergründen geschuldet sind, die detailreich vermittelt werden. Sie als wissbegierige Heilerin, die sogar lesen kann, darzustellen, ist ausgesprochen passend.

Rezension von Heike Rau

Helga Glaesener
Das Erbe der Päpstin
464 Seiten, gebunden
Rütten & Loening, September 2020
ISBN-10 : 3352009287
ISBN-13 : 978-3352009280
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David Grossmann: Was Nina wußte

David Grossmann: Was Nina wußte

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Geheimnisvoll, widersprüchlich und zugleich realistisch erzählt uns David Grossmann eine Geschichte. Eine Geschichte von drei Frauen und ihrem jeweiligen Schicksal, das sie einerseits zusammenschweißen sollte,das aber alle drei Frauen voneinander getrennt hat.

In seiner unvergleichlich assoziativen und in Andeutungen sich ergehenden Diktion schält sich erst allmählich die ganze Wahrheit über das Leben der drei Frauen heraus.
Wir befinden uns in Israel. Vera feiert ihren 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass erscheinen ihre Tochter Nina, ihr Stiefsohn Rafael und deren gemeinsame Tochter Gili, ihre Enkelin. Letztere dreht einen Film über ihre Großmutter. Dazu führt sie Gespräche und schreibt alles auf. Sie ist zugleich eine der Protagonistinnen.
Wie soll man über etwas schreiben, das Gefühle ausdrücken und zugleich verbergen soll?

Vera und auch Nina schweigen beharrlich über ihre Vergangenheit. Nur in kurzen Ansätzen kann man Hinweise auf außergewöhnlich harte Jahre bekommen. Vera und Nina sind aus Jugoslawien nach Israel eingewandert. Milos, Ninas Vater und Veras Mann, ist tot. In Israel treffen sie auf Tuvia, der seine Frau nach langem Leiden verloren hat. Er hat drei Kinder u.a. den Sohn Rafael. Vera und Tuvia verbinden sich aus Liebe und Einsamkeit.

In sporadischen Episoden berichtet Vera, wie es zu dieser Ehe kam.
Gili sucht in den Gesprächen mit der Großmutter und ihrem Vater hinter Ninas geheimnisvolles Leben zu kommen. Es ist bemerkbar, dass da vieles nicht stimmt.
Ihre Nachforschungen haben ergeben, dass sich Nina und Rafael begegneten, als sie siebzehn und er fünfzehn Jahre alt waren.
Er ist hingerissen von ihr und wird es ein Leben lang bleiben. Nina aber findet nie zur Ruhe.

Die Spuren der Vergangenheit verdichten sich, als alle genannten Personen beschließen, in die ehemalige Heimat von Vera und Nina nach Jugoslawien, jetzt Kroatien, zu reisen. Was hat sich damals vor so vielen Jahren zugetragen?
Das ist eine lange Geschichte! Sie hat mit dem Jugoslawienkrieg unter Tito zu tun, mit Verrat, Folter, Shoah, Tod und grausamen Verlusten.

Menschen verlieren sich, bleiben sich treu oder geraten durch schwere Schicksalsschläge ganz aus den Fugen. Vera ist zutiefst durchdrungen von ihrer Liebe zu Milos. Aus Liebe zu ihm durchstand sie grausamste Folter, nur um ihn nicht zu verraten. Nina, ihre gemeinsame Tochter, ist das Opfer.

Wie David Grossmann diese Geschichte erzählt, das erinnert sehr an seinen großen Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“.
Auch hier wird geschwiegen, erduldet und mit unbekannten Mächten gerungen um der Wahrheit willen, oder um ihr zu entgehen.
Gebannt folgt man den Lebenswegen der drei Frauen. Die starke Vera bestimmt das Geschehen.

Die Erzählung hat einen wahren Hintergrund: das Schicksal der Jüdischen Kommunistin Eva Panic-Nahir.
Grossmann macht daraus eine Geschichte von gewaltiger Tragweite.
Wieder gelingt es ihm, die Geschehnisse um Verfolgung, Krieg und Shoah ins Bewusstsein der Gegenwart zu holen.
Spannend, beklemmend und eindrucksvoll bleibt der Eindruck eines herausragenden Werkes in der Übersetzung von Anne Birkenhauer.

Davod Grossmann
Was Nina wußte
352 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, 2. Auflage, August 2020
ISBN-10: 3446267522
ISBN-13: 978-3446267527
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Ulla Coulin-Riegger: Mutters Puppenspiel

Ulla Coulin-Riegger: Mutters Puppenspiel

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Was für eine grässliche Mutter!

Ulla Coulin-Riegger hat mit diesem Debütroman wohl ihrem Herzen aus der reichlichen Erfahrung ihrer psychotherapeutischen Arbeit Luft gemacht!

Es gibt sie! Diese Mütter aus Vorwurf, Selbstmitleid und Erwartung. Immer voller Anspruch und Eifersucht bis hin zu kränklichen Zuständen, mit denen das Kind, in diesem Fall die Tochter Lisette, zu Gehorsam und Fürsorge gezwungen wird. Diese Tochter kann sich einfach nicht befreien aus dem Zwang der Abhängigkeit.

Sie, die Tochter, ist 38 Jahre alt, Ärztin und toll verliebt in einen verheirateten Mann mit Frau und Tochter im Hintergrund. Anlass zu Ärger für die Mutter ohne Ende!

Ulla Coulin –Riegger beschreibt die Beziehungen aller beteiligter Personen so wahrhaftig, dass man ganz gefangen wird von den verworrenen Beziehungsstrukturen. Man ärgert sich mit der Tochter mit, man möchte ihr helfen, herauszukommen aus der Abhängigkeit sowohl vom Liebhaber als auch von der Mutter.

Es fehlt nicht an existenziellen Ereignissen, die das ganze starre System zum Zusammenbruch zu bringen droht.

Liebe, Zärtlichkeit und Erwartungsfreude zum Liebhaber werden erst angeknackst, als Emil immer und immer wieder eine Stellungnahme und Entscheidung für oder gegen die Geliebte hinauszögert.

Alle Personen haben Schwierigkeiten, sich auf wirkliche Nähe, Distanz oder notwendige Konfrontationen einzulassen.

Erst als eine neue Freundin der Tochter ins Spiel kommt, eine Psychotherapeutin, gelingt es Lisettte, aus der Umklammerung der Mutter fast herauszufinden. Ruth, diese neue Freundin, hat zwar auch ein Problem, aber sie scheint es besser in den Griff zu bekommen.

So wie Ulla Coulin-Riegger alles beschreibt, wird man zum Zuschauer des psychodynamischen Geschehens. Man sieht, was alles nicht stimmt, und glaubt, Lösungen zu kennen; aber man ist ja nur von außen dabei. Es macht einen Unterschied, ob man selbst in so einer bizarren Verstrickung lebt, oder nur Zuschauer mit Brennglas ist.

Zuletzt wird noch ein überraschendes Geheimnis gelüftet, das aber wichtig ist und den Leser sehr erschüttert.

Dass am Ende alles recht glücklich endet, ist fast nicht zu glauben.

Ein spannendes, aufregendes und fesselndes kleines Buch, das viel über die Psyche und ihre Verstrickungen verrät.

Sehr lesenswert!

Ulla Coulin-Riegger
Mutters Puppenspiel
174 Seiten, gebunden
Klöpfer, Narr, 30. März 2020
ISBN-10: 3749610274
ISBN-13: 978-3749610273
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Hubert Achleitner: flüchtig

Hubert Achleitner: flüchtig

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Hier wird die Geschichte von Maria und Herwig, einem freundlichen und zugänglichen Paar in Österreich, erzählt.

Nach dreißig Jahren Ehe, in denen es existenzielle Konflikte gab, ist Maria eines Tages verschwunden. Niemand hat eine Erklärung dafür.

Die beiden hatten nicht in heißer Liebe zu einander gefunden. Sie waren sich ganz im Gegenteil erst langsam nähergekommen. Als Maria schwanger wurde, heirateten sie. Nach einigen Wochen verlor sie das Kind, und das Unglück darüber war groß.

In langsam vorbeiziehenden Bildern und Berichten entwickelt Hubert Achleitner das Psychogramm einer Ehe, wie es sie wohl häufiger gibt. Entfremdung, Ehebruch, Heimlichkeiten: es fehlt nichts, was uns diese Geschichte nicht verstehen lässt. Man leidet mit, trauert mit und ist sehr berührt vom Schicksal dieser zwei Menschen. Es gipfelt im Verschwinden von Maria, die bei ihrem Verschwinden keinerlei Spuren hinterlässt.

Nach dem ersten noch sehr realitätsnahen Teil der Geschichte, wird der zweite Teil recht abstrus und sonderbar.

Er führt zu einer abenteuerlichen äußeren und inneren Reisebeschreibung, die aus dem fernen Österreich tief in den Süden bis nach Griechenland zu einem Heiligen Berg und abgelegenen Kloster führt. Hier wird es für den Leser zuweilen irritierend. Seelenzustände und Landschaftsbeschreibungen, menschliche Begegnungen und Abenteuer wechseln sich ab. Maria führt ab jetzt eine Aussteigerexistenz. Der Leser erfährt von immer neuen Irrwegen menschlichen Seins. Es geht um Selbstverwirklichung, Erleuchtung und psychedelische Erfahrungen, die sich auf vielerlei Art und Weise manifestieren. Ganz oben aber steht der Wunsch nach einem Leben ohne innere Zwänge, genau gesagt: Freiheit. Zuweilen verwirrend, immer aber spannend lässt uns Achleitner an den dramatischen Abenteuern und Erfahrungen seiner Protagonisten teilnehmen.

Gesellschaftliche und politische Bezüge in Musik und Lebensformen weisen auf die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts hin.

Hubert Achleitners Fantasien im Erfinden abstruser Erlebnisse und Aktionen zeugt von impulsiver Vitalität und Vielfalt. Gelegentlich scheint es einem fast zu viel des Guten.

Zuweilen ist es schwer, allen verworrenen Beziehungsstrukturen zu folgen. Doch kann man dem Autor eine wahrhaftig lebhafte, bilderreiche und malerische Schreibkultur nicht absprechen.

Wer sich gut unterhalten will, kommt wunderbar auf seine Kosten!

Hubert Achleitner ist in seinen Kreisen ein bekannter Vertreter der Neuen Volksmusik, der mit diesem Debütroman Erfolg haben wird!

Rezension von Claudine Borries

Hubert Achleitner
Flüchtig
304 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag, 2. Auflage Mai 2020
ISBN-10: 3552059725
ISBN-13: 978-3552059726
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