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Schlagwort: Einsamkeit

Alex Schulman: Die Überlebenden

Alex Schulman: Die Überlebenden

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Drei erwachsen gewordene Brüder begegnen sich nach zwanzig Jahren im Sommerhaus der Eltern, um die Asche der Mutter zu verstreuen. Es ist ein altes Haus, morsch z.T., in einer idyllisch gelegenen Gegend an einem See nicht weit von Stockholm entfernt. In wechselnden Szenen erlebt man die Geschwister einmal in ihrer Kindheit und dann wieder im Heute mit der Urne der Mutter.

Der Autor Alex Schulmann malt ein düsteres Bild sowohl von heute als auch von damals.
Die Atmosphäre ist beklemmend. Die Eltern sitzen und trinken, sie trinken sehr viel, sie essen und schlafen.
Dazwischen wechseln die Brüder vom Spielen oder Schwimmen in die Nähe der Eltern oder in den nahegelegenen Wald.

Ganz unmerklich schälen sich die Charaktere heraus.
Nils ist der Älteste. Er ist klug und steht innerlich und äußerlich oft abseits.
Benjamin ist 9 und Pierre 7 Jahre alt.
Benjamin scheint sensibel und still beobachtend. Man ahnt, wie intensiv er Stimmungen und laute Unstimmigkeiten registriert. Aus seinen Beobachtungen wird die Erzählung gespeist.
Pierre wirkt in der Darstellung ängstlich, klein und eher verzagt.
Glücklich wirkt die Kindheit dieser drei Brüder nicht.
Man spürt, dass in diesem Elternhaus vieles ungesagt bleibt und ein eisernes Schweigen herrscht.
Benjamin, der Sensible, neigt zu Vorstellungen, in denen er die Wirklichkeit nicht mit der Einbildung vereinbaren kann.

Man erfährt nichts über den Alltag der einzelnen Familienmitglieder und von ihrem Leben in Stockholm. An einer Stelle wird vermerkt, dass die Kinder in einem „Oberklassenhaushalt“ aufgewachsen sind. Dass sie am Rande des Existenzminimums lebten, an einer anderen. Für die akademische Ausbildung scheint kein großer Aufwand getrieben worden zu sein. Der Leser*in merkt, dass über der Familie ein unbekanntes Unheil schwelt.

Alex Schulman konstruiert seine Geschichte so ausgefeilt, dass eine schwer zu ertragende Spannung entsteht. Warum machen die Eltern einen recht verwahrlosten Eindruck? Welche Dynamik besteht zwischen der äußeren Lebensform und der inneren seelischen Unausgeglichenheit?

Langsam und unmerklich nähert man sich einem Ereignis, dass ungeahnte Folgen für alle hatte. Alex Schulman hält uns ganz lange im Ungewissen, bis wir uns dem eigentlichen tragischen Geschehen nähern.

Es handelt sich in diesem Roman um die Sozialstudie einer Familie, deren Regeln ungeordnet und fahrlässig von den Eltern bestimmt werden, und die die Kinder in Einsamkeit und Verlustgefühle treiben. Angst und Unbehagen ist aus allen Handlungen zu spüren immer im Wechsel mit dem Bemühen, Liebe und Zuwendung von den Eltern zu erfahren.

Der Stil der Erzählung schwankt zwischen fast protokollartigen Berichten bis zu unregelmäßigen Gefühlsausbrüchen der Mutter und unverhofft auftretenden Wutausbrüchen des Vaters. Ein jeder lässt hier jeden allein.
Zusammenhalt zwischen den Brüdern gibt es, wenn dieser auch zerbrechlich ist.
Am Ende sind sie im Unglück vereint.

Die raue Natur, die Schönheit der Bäume, Pflanzen und der See bilden einen wunderbaren Hintergrund zu dem Familiendrama. Es ist ein lesenswerter Roman, voller Tiefe und intensiver Innenbetrachtung eines zerrütteten Familienlebens mit einem überraschenden Ende.

Alex Schulman
Die Überlenden
dtv Verlagsgesellschaft, August 2021
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3423282932
ISBN-13: 978-3423282932
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Leila Slimani: Das Land der Anderen

Leila Slimani: Das Land der Anderen

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Mathilde lebt mit ihrer Familie Ende des Zweiten Weltkriegs im Elsass. Hier begegnet sie 1947 einem Marokkaner, der als Offizier in der französischen Armee gekämpft hat.

Das triste Nachkriegsleben macht anfällig für Neuaufbrüche. Mathilde ist jung und heftig verliebt in den nur wenige Jahre älteren Amine Belhaj. Sie folgt ihm voller Enthusiasmus in seine Heimat Marokko.

Ihre Erwartungen entpuppen sich sehr bald schon als große Illusion.
Am Fuße des Atlasgebirges in Meknès hat Amine ein wenig Land von seinem Vater geerbt.
Es ist ein karges Stück Erde mit einem primitiven Haus, in dem sich in der Folge das Leben der beiden Liebenden abspielt.

Mathilde war nach ihrem ersten Eindruck entsetzt und bleibt unzufrieden. Kann sie doch ihrer Familie in Frankreich keinesfalls erzählen, wie primitiv und entbehrungsreich ihr Leben hier ist.
Ihre zwei Kinder zieht sie unter den einfachen Bedingungen ihres neuen Lebens groß. Sie arbeitet viel und kräftezehrend.

Die Einsamkeit ohne Freunde und Familie macht Mathilde sehr zu schaffen. Amine schuftet bis zum Umfallen, um aus dem kargen Boden fruchtbares Land zu machen. Immerhin gibt es noch ärmere Menschen, die sich in Diensten der kleinen Familie befinden. Zuweilen ist sogar vom „Gutsbesitzer“ die Rede. So ganz kann man es sich nicht vorstellen.

Leila Slimani beschreibt schnörkellos und ehrlich, wie es den Menschen in ihrem Roman geht.
Die Hitze, der Schmutz und Staub und das zuweilen von gegenseitigen Unvereinbarkeiten geprägte Paar ist gut zu erkennen.
Gefühle sind stark besetzt von der körperlichen Leidenschaft zwischen den beiden.

Man kann der Atmosphäre in der Medina, des Geschäftsviertels mit seinen typischen Verkaufsständen und Gerüchen, nachspüren. Hier gibt es Szenen voller Poesie und Andacht beim Betrachten der Blumen, die Mathilde in ruhigen Minuten erlebt.

Wie beschreibt Slimani das Aufeinanderprallen zweier verschiedener Kulturen und Religionen?
Es herrscht ein stark patriarchalisch orientiertes Gesellschaftssystem.

Familiäre Bindungen zwischen Mathilde und Amines Angehörigen sind schwierig. Amine wird als unabhängiger Geist mit Verantwortungsgefühl für alle seine Angehörigen beschrieben.

Mitte der fünfziger Jahre kommt es vermehrt zu Unruhen zwischen den immer noch unter französischem Protektorat lebenden Marokkanern und Franzosen, die hier leben. Die Lage wirkt zunehmend bedrohlich und die Sorgen vor Übergriffen wächst. Das kann die Autorin geschickt und spannend in ihre Erzählung einbringen.
Erst 1956 erlangte Marokko seine Unabhängigkeit

Leila Slimani schreibt nüchtern, sezierend und gut beobachtend. Das zeigte sie auch in ihrem Roman „Dann schlaf auch du“.
Der jetzt vorliegende Roman ist in Anlehnung an das Leben ihrer Großeltern entstanden.
Sie ist eine großartige Erzählerin, die mit der Klarheit ihrer Beobachtungen beeindruckt.
Ihre Bücher sind internationale Bestseller, wie es auf dem Einband heißt.

Leila Slimani
Das Land der Anderen
Luchterhand Literaturverlag, Mai 2021
384 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3630876463
ISBN-13: 978-3630876467
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Fabio Andina: Tage mit Felice

Fabio Andina: Tage mit Felice

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Es handelt sich hier um eine wunderschöne Erzählung aus den Tessiner Alpen.

Ein Icherzähler berichtet, wie die Tage in diesem Dorf vergehen. Langsam! Das darf man schon sagen!

Der namenlose Erzähler begleitet den 90 jährigen Felice eine Woche lang in seinem Alltag. Es ist November und der Winter kündigt sich mit Kälte und Schnee an. Der Alltag von Felice besteht aus fast immer gleichen Handlungen. Er fährt mit seinem Auto über die umliegenden Dörfer. Morgens früh läuft er den Berg hinauf, wo er in einem Flussloch, einem so genannten Gumpen, ein Bad nimmt. Im Winter muss zuerst eine Eisschicht durchstoßen werden. Das ist wahrlich ein entbehrungsreiches Einsiedlerdasein!

Das Leben um das Dorf Leontica herum ist karg und einsam. Zahlreiche Einwohner begegnen sich bei unterschiedlichen Gelegenheiten. Man trinkt zusammen einen Schoppen und schwätzt über dies und das und erzählt sich die Neuigkeiten der Dorfbewohner. So ist man immer auf dem Laufenden.

Die Menschen sind genügsam in ihrer Armut. Es gibt die kleinen Läden, Restaurants und Bars, in denen sich die Dorfbewohner treffen. Doch auch der Schwatz über die Straße reicht häufig zum Gedankenaustausch.

Mehrheitlich sind die Bewohner alt, d.h. um die 70 bis 80 Jahre. Es tut sich nicht viel, und es gibt in diesem kurzen Roman keinen Handlungsstrang. Allerdings sind die Figuren in ihren Eigenheiten charakterlich meisterhaft gezeichnet. Sie sind skurril und zuweilen auch witzig.

Zentrale Figur bleibt Felice, auch er ein armer Kauz, der doch Zufriedenheit ausstrahlt.

Er fährt mit seinem alten Auto die Dörfer ab, und unser erzählender Begleiter erlebt ihn und seine Welt mit staunender Bewunderung.

Gekocht wird, was die Natur hergibt. Viele Male wird aus den geernteten Kräutern ein Sud gekocht, der als Tee herhalten muss. Das Feuer im Kamin muss als Heizung reichen.

In langen Schilderungen der Natur bei Schnee, Regen und Sonnenschein taucht man ganz in die Stimmung aus Kälte, Einsamkeit und Kargheit ein.

Dieses Buch liest man mit Beschaulichkeit und hingegeben an die Atmosphäre einer hinreißenden Landschaft. Die Ruhe überträgt sich auf den Leser und man meint fast, selber die herrliche Luft und das Bergpanorama zu erleben. Ein paar Tiere, Kinder und wenige jüngere Bewohner bereichern das Bild von einem Ort der Stille.

Man weiß nicht, was den Icherzähler dazu angeregt hat, sich mit Felice und dem Leben dort zu befassen.

Im SFR Literaturclub wurde das Buch empfohlen als Möglichkeit, sich zu entschleunigen. So sehe ich es auch: man kommt zur Ruhe! Die poetischen Beschreibungen der Naturereignisse bieten so viel Abwechslung, dass man immer wieder hineinversetzt wird in diese ruhige Bergwelt mit ihren grünen Oasen, kleinen Wasserquellen und vielseitigen Früchten.

Das Buch ist etwas für Liebhaber ruhiger Lebenseindrücke. So geht es zu in den abgelegenen Dörfern der Schweizer Bergwelt! Da gibt es keine Hetze und kein Jagen nach immer neuen Events und Abwechslung.

Der Roman verlangt dem Leser einiges an Geduld und Ausdauer ab. Er wird belohnt mit der Sichtweise eines beschaulichen und reizvollen Lebens fern aller sonst allenthalben zu beobachtenden Hektik und Unruhe. Felice, der Glückliche, macht es einem vor, wie es sich auf diese Weise lebt!

Fabio Andina
Tage mit Felice
224 Seiten, gebunden
Rotpunktverlag, März 2020
ISBN-10: 3858698636
ISBN-13: 978-3858698636
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Dror Mishani: Drei

Dror Mishani: Drei

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Dieser Krimi führt über verschiedene Stränge zum Ziel der Aufklärung.
Der Handlungsort ist Tel Aviv in Israel.

Wir sehen Orna, eine junge Frau, die frisch geschieden ist und mit ihrem Sohn Eran in enger Verbundenheit lebt.
Weiter gibt es Emilia, eine osteuropäische Altenpflegerin. Sie ist einsam, verloren und ein wenig ratlos, weil es mit den Arbeitsstellen nicht so richtig klappt.
Auf unterschiedlichen Wegen geraten die Frauen an Gil, einen Rechtsanwalt. Er macht der ersten seiner Bekanntschaften vor, er sei geschieden. Der Zweiten versucht er aus einer Patsche zu helfen. Und was ist mit der Dritten? Man wird sehen.

Es gibt Dates, Gespräche und Annäherungen. Die Frauen bleiben leicht distanziert und wissen nicht so recht, was sie von Gil halten sollen. Sie lassen sich aber immer wieder auf Treffen mit ihm ein, so auch auf kurze Reisen.

Das Leben der weiblichen Protagonisten wird mit allen den Unbilden, die das Leben für sie bereithält, aufgeblättert.

Als sich Ornas Exmann mit neuer Frau und zusammen vier Kindern bei ihr zu Besuch anmeldet, bekommt sie schreckliche Angst, dass er ihr Eran wegnehmen könnte.

Sie versucht tapfer, auch diese schwierige Situation zu meistern.

Gil ist im Hintergrund und versucht mit allerlei Tricks, die Frauen hinzuhalten, um sie dann wieder umso heftiger an sich zu ziehen.

Oran und Emilia werden eines Tages tot aufsgefunden. Suizid oder Mord? Das ist hier die Frage!

Der Roman ist so aufgebaut, das man hin und hergerissen wird zwischen dem Mitleid für das traurige Leben der Protagonistinnen und Sorgen, was dieser undurchsichtige Mann im Schilde führen könnte. Man ahnt Schlimmes und kann sich nicht von der Lektüre lösen.

Nun aber kommt eine dritte Frau ins Spiel. Sie ist Polizistin, ambitioniert und spielt eine besondere Rolle in diesem Drama.

Der Roman ist schmissig geschrieben, ereignisreich und mit ausgeprägten Charakterisierungen der handelnden Personen. Schnelle Schnitte von einem Ereignis zum nächsten erhöhen die Spannung. Die Geschichte ist perfide, psychologisch hintergründig und könnte durchaus dem wahren Leben abgeschaut sein. Die „Drei“ Frauen fügen sich gut zusammen zu einem Ganzen.

Ein Krimi, der Lust auf mehr in dieser Art macht.

Dror Mishani lebt in Israel. Mit diesem Roman gelang ihm der internationale Durchbruch.

Dror Mishani
Drei
336 Seiten, gebunden
Diogenes, August 2019
ISBN-10: 3257070845
ISBN-13: 978-3257070842
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Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

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Der Held der Geschichte heißt Victor und berichtet in der Ichform. Er stammt aus der Provinz und studiert an einem berühmten Lycée in Paris, wo er die Zulassung zum Studium erlangen will. Die Bedingungen des Studiums sind schwer. Man schuftet und schaut nicht rechts noch links, doch der Preis ist die Einsamkeit. Victor ist scheu, zurückhaltend und kommt nur einem Mitschüler näher: Mathieu, der eine Klasse unter ihm ist.

Eines Tages in einer Kurzschlusshandlung bringt Mathieu sich um! Er stürzt sich die Treppe im Lycée hinunter.
Die Schüler und Lehrer und der Rektor der Schule sind aufgewühlt und ratlos! Wie konnte das passieren?

Blondel erzählt einfühlsam und eindrücklich, wie das Klima in diesen Lernbetrieben ist.
Die Lehrer erscheinen entrückt und unnahbar.

Wenn man nicht in Paris zu Hause ist und nicht aus begütertem Elternhaus stammt, tut man sich schwer, Anschluss zu finden. Diese Einsamkeit durchströmt die ganze Erzählung. Atmosphärisch dicht und nachvollziehbar sieht man die Studenten in ihrem Treiben, ihren zaghaften Annäherungsversuchen und in ihrem Scheitern.

Victor erfährt nach dem Suizid von Mathieu eine ungewohnte Aufwertung als Mitglied der Schulgemeinschaft. Man erhofft sich von ihm Aufschluss über die Gründe für den Suizid.

Er erfährt ein ungewohnt hohes Interesse, denn man möchte mehr über ihn und über Mathieu erfahren. Ein schwuler Mitschüler ist besonders an allen Vorgängen interessiert.

Die Geschichte handelt vom Aufbruch aus der Kindheit und Jugend zur Erwachsenenwelt, zur Befreiung von elterlicher Gängelei und ungewohnter Freiheit und von den Erfahrungen mit ersten sexuellen Begegnungen.
Blondel erzählt aber auch von Eltern und Kindern, von den Gefühlswallungen in der Jugend, von Trennungen, Abschieden und von den stillen Stunden des Alleinseins, in denen man die Gedanken ordnet und von den Versuchen, im Leben Fuß zu fassen.

Victor wird zum Dreh- und Angelpunkt einer menschlichen Tragödie. Nachdem er sich gefangen hat, beginnt sein eigenes Leben. Er wird Schriftsteller. Diese vorliegende Erzählung, geschrieben wie eine fiktive Biographie, führt ihn nochmal zurück in seine Jugendjahre und in die Aufbruchszeiten seines eigenen Lebens.

Der Roman ist leicht melancholisch und tief einprägsam: zeigt er doch die Bewegungen, die das Wachsen und Gedeihen mit sich bringt. Sie können sich zum Guten wenden oder durch die Klippen des Lebens traurig enden.

Sehr lesenswert!

Philippe Blondel
Ein Winter in Paris
192 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag, September 2018
ISBN-10: 3552063773
ISBN-13: 978-3552063778
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Mathijs Deen: Unter den Menschen

Mathijs Deen: Unter den Menschen

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Jan wohnt allein auf einem abgelegenen Bauernhof an der Nordsee. Seine Eltern hatten ihm dem Hof übergeben und waren ins Dorf gezogen. Aus ihren Reiseplänen ist nichts geworden. Sie sind bei einem Unfall ums Leben gekommen. Von seiner Mutter ist ihm ein tägliches Mittagessen geblieben. Die Gefriertruhen sind voll davon. Das Essen hilft allerdings nicht gegen die Einsamkeit, schon gar nicht im Winter, wenn es nichts zu tun gibt auf dem Hof. Wie gerne hätte er eine Frau! Tatenlos ist er nicht, der Bauernsohn gibt eine Anzeige auf.

So kommt Wil auf seinen Hof. Jan weiß nicht, dass sie keinen Mann und keine Liebe sucht. Sie will ihre Ruhe und in einem Haus am Meer leben. Sie ist bereit, sich ein Stück weit anzupassen. Sie hat sich eine Identität verpasst, die Jan gefallen muss. Und was ihm gefällt, so glaubt sie, hat sie erkannt. Ohne dass er es weiß, hat sie ihn auf die Probe gestellt.

Von Anfang an besteht eine große Distanz zwischen den Figuren. Das stellt der Autor gut dar. Wil und Jan reden nicht viel. Jeder hat seine eigenen Probleme. Wil hat nicht vor sich auf Jan einzulassen, und Jan merkt, dass er vorsichtig mit ihr umgehen muss. Er ist ein gutmütiger Mensch, der viel verzeihen kann. Dennoch ist es ein seltsames Miteinander. Und man kommt nicht umhin, darüber nachzudenken, was eine gute Beziehung eigentlich ausmacht.

Der Schreibstil wirkt recht nüchtern. Die Handlung ist auf Wesentliches begrenzt. So scheint das Buch wie seltsames Experiment. Und trotzdem geht die Geschichte zu Herzen. Jan und Wil tun sich schwer damit, aber sie nähern sich, aus Mangel an besseren Möglichkeiten, auf eine subtile Weise aneinander an. Es ist faszinierend, das zu beobachten und sich auszumalen, wie es weitergeht. Es ist kaum vorstellbar, dass die beiden zusammenbleiben. Aber die Alternative ist ja, wieder in das alte Leben zurückzukehren und das will auch keiner. Die merkwürdige Beziehung entwickelt sich also fort. Und wie es so ist, keine Entscheidung zu treffen, ist auch eine Entscheidung.

Rezension von Heike Rau

Mathijs Deen
Unter den Menschen
Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
192 Seiten, gebunden
Mareverlag
ISBN-10: 3866482809
ISBN-13: 978-3866482807
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Jean-Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

Jean-Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

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Victor studiert am Lycée D. Paris in der Vorbereitungsklasse. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und ist froh, nun ein eigenes Leben zu haben. Doch es fällt ihm nicht leicht, dem Druck standzuhalten. Das Studium überfordert in. Dazu kommt, dass er kaum wahrgenommen wird. Freunde findet er nicht, dabei sehnt er sich nach Halt und Austausch. Aber vielleicht lässt sich mit Mathieu etwas aufbauen. Hin und wieder eine Zigarette zusammen zu rauchen, könnte der Anfang einer Freundschaft sein, auch wenn Mathieu einen Kurs unter ihm ist. Victor nimmt sich vor, ihn zu seinem Geburtstag einzuladen.

Doch soweit kommt es nicht. Mathieu stürmt nach einem Vorfall aus dem Klassenraum und springt über das Geländer. Victor sieht ihn am Boden liegen und kann es nicht fassen. Nur langsam realisiert er, was geschehen ist.
Auch wenn beide sich kaum kannten, wird er nun als Freund des Opfers für die anderen sichtbar. Mathieus Vater kommt nach Paris. Er will wissen, was geschehen ist und hofft darauf, dass Victor ihm helfen kann.

Das Buch ist sehr ergreifend. Es geht nicht so sehr um Mathieu und die Gründe für seinen Selbstmord, auch wenn das starre Schulsystem zusammen mit dem tyrannischen Lehrer Clauzet zur Sprache kommt. Vielmehr ist Victor die Hauptperson. Er lernt Mathieu erst nach dessen Tod besser kennen. Er wird erst jetzt zu einem Freund, so seltsam das klingt. Victor ist verstört und angreifbar, wie sollte es auch anders sein? Dadurch gelingt es Mathieus Vater Patrick Lestaing ihn für sich zu instrumentalisieren. Vielleicht geschieht das nicht bewusst. Aber Victor ist der Einzige, der ihn seinem Sohn noch einmal näher bringen kann. Er hat viel versäumt als Vater.

Die Geschichte wird im Rückblick erzählt. 30 Jahre sind vergangen, aber nichts ist vergessen. Das bietet viel Raum für Interpretationsmöglichkeiten. Der Schluss im Buch ist kein Ende. Es lässt den Leser zurück mit seinen Gedanken über das eigene Leben. Die melancholische Atmosphäre bleibt. Die Geister der Vergangenheit bleiben. Das Buch ist sehr traurig und doch auch melancholisch schön und anrührend.

Rezension von Heike Rau

Jean-Philippe Blondel
Ein Winter in Paris
Aus dem Französischen von Anne Braun
192 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-13: 978-3552063778
ISBN-10: 3552063773
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Linn Ullmann: Die Unruhigen

Linn Ullmann: Die Unruhigen

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Als Kind eines berühmten schwedischen Regisseurs und einer ebenso bekannten Schauspielerin hat man es nicht leicht im Leben! Davon vermittelt dieses Buch einen Eindruck.

Linn Ullmann ist die Tochter aus der Verbindung von Ingmar Bergmann mit der Schauspielerin Liv Ullmann. Die Tochter der beiden avancierte zu einer anerkannten schwedischen Schriftstellerin. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben, das sie eigentlich mit ihrem Vater zusammen schreiben wollte.

Die Liebe zwischen ihren Eltern war groß, sie überdauerte aber nicht lange.

Auf der Insel Hammars hatte Bergmann ein Haus gebaut, in das er mit der viel jüngeren Geliebten und Tochter einzog. Hammars bleibt der Bezugsort, für das man den Begriff „Zuhause“ für Linn Ullmann anwenden darf.

Man meint aus der Erzählung die Bäume, das Meer und die Natur zu riechen und bekommt eine Vorstellung von den heißen Sommern, die zum geselligen Beisammensein animierten.

Der erste Teil des Buches gilt den Erinnerungen an ihre Mutter; im zweiten Teil widmet Linn Ullmann sich dem Vater.

In einer langen Reihe von Erinnerungen, die von Zeit und Orten springend eine Episode an die andere reiht, bekommt man eine Bild von ihrem Leben, von dem der Eltern und von ihren Freunden.

Linn U. spricht von dem „Mädchen“, wenn sie sich ihren Erinnerungen überlässt.

In freien Assoziationen blendet sie die Vergangenheit ein; da ist das Haus, die große Familie mit Kindern aus noch anderen Verbindungen ihres Vaters, und die kurzen Zusammentreffen mit ihm. Er war ein skurriler Mensch mit Ängsten und strengen Gewohnheiten. Auch war er wie ein Getriebener, der nicht zur Ruhe kam.

Beide Eltern waren wahrhaftig unruhig!

Das Mädchen ist in der Kindheit sehr viel sich selber überlassen.

Mit der Mutter zog sie, als sie klein war, von einem Ort zum anderen. Von Amerika wird berichtet, dass das Mädchen auch dort alleine mit mehreren Kindermädchen aufwuchs, weil die Mutter immer wieder an anderen Orten im Theater oder Filmen auftrat. Die starken Gefühle der Einsamkeit und der Sehnsucht nach der Mutter sind nachfühlbar.

Das Mädchen musste sich im Leben ganz den steten Regeln der elterlichen Zeiteinteilung fügen. Wurde sie geliebt?

Auf einem Tonbandgerät hört die Autorin Gesprächsaufzeichnungen ab, die allerdings schwer zu enträtseln sind. In kurzen Sitzungen kommen kleine Gespräche zum Vorschein. Sie sind nur Hinweise und Einsprengsel in das Geschehen, denn alles in Allem sind es Linns Erinnerungen, die den Verlauf der Erzählung bestimmen.

Sie wählt eine assoziative Form der Erinnerung, mit der man mithalten muss.

Ihre Kindheit und Jugend vergehen mit ständiger Unruhe, bis sie selber Mutter und Ehefrau wird. Ob dieses Leben eine gute Basis für das eigene Leben sein konnte?

Man darf es nur erahnen.

Ich fand die Erzählweise etwas schwerfällig.

Linn Ullmann erhielt für ihre Romane zahlreiche Literatur-und Kritikerpreise und stand mehrfach auf internationalen Bestsellerlisten.

Linn Ullmann
Die Unruhigen
416 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, Juni 2018
ISBN-10: 3630874215
ISBN-13: 978-3630874210
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Angelika Klüssendorf: Jahre später

Angelika Klüssendorf: Jahre später

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In einer fein ziselierten Sprache, hoch sensibel und gleichzeitig distanziert erzählt A. Klüssendorf von einer Ehe, die auf merkwürdige Weise zustande kam.

April, die Hauptprotagonistin, spricht von sich als Suchende und Einsame. Ludwig, ein Chirurg, interessiert sich brennend für sie und lässt nicht nach in seinem Werben. Sie wird schwanger, und sie heiraten.

Während Ludwig als großes Kind erscheint, der allerdings voller Dynamik immer neue Pläne für sie beide schmiedet, lässt sich April treiben. Sie steht den Dingen mit einer gewissen Ambivalenz gegenüber. Aus einer anderen Beziehung hat sie einen 11jährigen Sohn, Julius, der fest in die neue Gemeinschaft eingegliedert wird.

Nachdem sie von Berlin nach Hamburg gezogen sind, wo Ludwig eine neue Stelle in einem Krankenhaus angetreten hat, wird Samuel geboren.

Hier fühlen sich April und Julius nicht zu Hause. Julius ist in der Pubertät und betrachtet seine Mutter und Ludwig kritisch. Als er zu seinem Vater zieht, bleibt die kleine Familie alleine.

Mehr und mehr gerät Ludwig in den Fokus der Erzählung. Durch die Augen von April finden wir einen Getriebenen, der voller Ideen ist und zwischen Ehrgeiz, Eitelkeit und Selbstverherrlichung schwankt. April tut, was sie kann, um seinem bürgerlichen Anspruch zu genügen. Sie kocht, backt und bewirtet seine Kollegen. Doch das ist nicht ihr Leben.

Mit kleinen spitzbübischen Schabernackaktionen versuchen die beiden, ihrer Gemeinschaft etwas Leben einzuflößen.

Mit fortschreitender Erzählung spürt man jedoch, wie aufgesetzt und brüchig die Beziehung zwischen April und Ludwig ist. Man ahnt, dass diese Ehe kein gutes Ende nehmen kann.

Doch noch quält sich das Paar durchs Leben, er unreflektiert und blind für seine eigenen Schwächen, und sie abwartend und bemüht. Doch eine Kälte macht sich breit, die einen erschauern lässt.

Angelika Klüssendorf hat einen empfindsamen Ausdruck für alles, was zwischen Menschen passiert. Ihre kühle, sezierende Sprache, vermittelt uns einen Einblick in das innerpsychische Geschehen, das sich hier zwischen zwei sehr verschiedenen Menschen abspielt. Es kann nicht gehen, wenn eine Frau auf der ständigen Suche nach dem wahren Leben ist, und ihr Mann nur nach Anerkennung, Aufmerksamkeit und Bestätigung sucht.

Geschickt versucht die Autorin uns zu zeigen, wie bemüht beide sind, an ihrer Ehe festzuhalten. Einer aber schafft es nicht: Ludwig kann seine innere Leere im Zusammensein mit seiner Frau nicht überwinden. Er geht, kommt wieder und geht schließlich für immer. April, die literarische Versuche auf dem Weg zur Schriftstellerin unternimmt, bleibt alleine mit einem Sohn, den sie kaum versteht, und zu dem der Zugang immer mehr verloren geht. Reue über den Verlust ihres ersten Sohnes überkommt sie, und sie weiß, alle ihre intensiven Bemühungen um ein ausgewogenes Leben waren umsonst.

Die Sprache und der Ausdruck von A. Klüssendorf zeigen eindrücklich diese einsame, suchende Frau, deren Verlorenheit einen anrührt. Ludwig löst in seiner Selbstsucht eher Abwehr beim Leser aus. Zweitweise bleibt die Empathie auf der Strecke. Zu kalt und sezierend ist die Darstellung der Beziehung.

Der Eindruck einer misslungenen und tragischen Verstrickung zweier Menschen, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft und Wesenszügen nicht zusammenfinden können, bleibt bis zuletzt bestehen. Die lakonischen und kurzen Sätze vermitteln einen Eindruck von dem innerpsychischen Drama, das Mann und Frau einander entfremdet.

Dass Angelika Klüssendorf mit dem verstorbenen Frank Schirrmacher verheiratet war, sei in einem Nebensatz erwähnt. Autobiographische Züge sind in ihre Erfahrungen eingeflossen. Sie betont aber in Interviews, dass ihre Figuren fiktiv sind.

Angelika Klüssendorf
Jahre später
160 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, Januar 2018
ISBN-10: 3462047760
ISBN-13: 978-3462047769
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Margrit Schriber: Glänzende Aussichten

Margrit Schriber: Glänzende Aussichten

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Pia hat einst von ihrem Vater die kleine Tankstelle, die außerhalb des Dorfes liegt, geerbt. Bei ihr gibt es noch echten Service. Doch bricht die Zeit der Großtankstellen an. Selbstbedienung wird selbstverständlich. Ihr aufdringlicher Exfreund Luc fährt hier bei Pia immer noch gerne vor. Er glaubt, das Recht zu haben, bei ihr kostenlos zu tanken. Er fantasiert sich immer wieder irgendwelche Besitzansprüche zusammen, bedient sich an der Kasse und rät Pia, die Tankstelle zu verkaufen, damit sie ihn auszahlen kann. Er scheut sich nicht davor, schon mal handfeste Pläne zu machen.
Auch der Gebrauchtwarenhändler von nebenan schielt herüber. Er braucht mehr Platz. Und natürlich hat auch der Benzinlieferant entsprechende Pläne für das attraktive Gelände und macht ein Angebot.
Aber Pia will nicht. Die Tankstelle ist ihr Leben. Da kaum noch etwas reinkommt, beschließt sie, eine Autowaschstraße bauen zu lassen. Für diese erhoffte Belebung ihres Geschäfts nimmt in Kauf, sich hoch zu verschulden.

Einsamkeit, aufgedrängte Regeln und ein unglaublich frecher Exfreund bestimmen das Leben von Pia. Für Abwechslung sorgen eine Freundin, die kommt, wann es ihr beliebt und Gigi, der auf dem Nachbargrundstück gebrauchte Autos verkauft. Die wenigen Kunden nicht zu vergessen!
Die Ruhe ist also trügerisch, das wird sehr deutlich dargestellt. Aber Pia, die eine Einzelgängerin ist, sträubt sich gegen jede Veränderung.
Die ganze Situation hat bei allem Ernst auch etwas Komisches. Auf diese Art stellt die Autorin dar, wie viel Pia sich gefallen lässt. Obwohl sie eine Frau ist, die jeden Tag beweist, dass sie ordentlich zupacken kann.
Im Grunde weiß sie auch, dass sie verloren hat. Es wird ihr in aller Deutlichkeit vor Augen geführt. Aber obwohl es schon tüchtig in ihr zu brodeln beginnt, greift sie nach einem Strohhalm, der richtig teuer ist. Die Frage ist, ob sie sich da mit den richtigen Mittel wehrt und die Rechnung aufgeht. Tatsächlich hat das Buch, das einige interessante autobiographische Züge hat, dann auch ein verblüffendes Ende!

Rezension von Heike Rau

Margrit Schriber
Glänzende Aussichten
176 Seiten, gebunden
Nagel & Kimche
ISBN-10: 3312010624
ISBN-13: 978-3312010622
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