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Schlagwort: Familie

Susanne Abel: Was ich nie gesagt habe

Susanne Abel: Was ich nie gesagt habe

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In dem vorliegenden Roman von Susanne Abel geht es um die Familie Monderath. Sie ist durch vielfältige Verstrickungen eine wahre Schicksalsfamilie!

Das Paar Gretchen und Konrad sind die Hauptakteure.
Gretchen war mit Konrad Monderath verheiratet. Im Jahr 2016 ist er schon lange tot, und sie ist alt und dement. Tom, der gemeinsame Sohn, ist 47 Jahre alt. Er lebt und liebt in Köln, wo er eines Tages Besuch von einem Halbbruder erhält. Er wusste nicht, dass es ihn gibt, hat das aber durch Recherchen herausgefunden. Henk van Dong ist Holländer. Er sieht ihm ähnlich wie ein Zwilling, was zu allerlei Vermutungen im näheren Bekanntenkreis von Tom führt.

Die Autorin lässt die Brüder auf Spurensuche nach dem Vater der beiden gehen.
Nun beginnt in zwei Zeitabschnitten einmal die Geschichte von Tom 2016, und die Geschichte Konrads vom Kind bis zum Soldaten im Zweiten Weltkrieg von 1933-1943.

In dem Roman wird Vergangenheits-und Gegenwartsgeschichte verarbeitet.
1933 beginnt Hitlers Herrschaft mit all’ den Folgen, die jene Jahre prägten: Naziideologie, Judenhass und Verfolgung, Ermordung und Eliminierung Behinderter. Nicht zuletzt folgt der Zweite Weltkrieg. Die Schwester von Konrad, ein mongoloides Mädchen, fällt dem Vernichtungswahn zum Opfer, und Franz, der ältere Bruder von Konrad, fällt 1942 im Krieg.
Konrad wird nach Militärzeit und Gefangenschaft Arzt und findet in Gretchen seine große Liebe. Letztere hat ein verborgenes Geheimnis, dass ihr Leben begleitet und beschwert.

Charaktere unterschiedlicher Mentalität und Geisteshaltung finden sich in den Figuren der Protagonisten wieder.
Vom Nazi bis zum aufgeklärten Nachkriegskind werden alle Seiten vergangener und gegenwärtiger Zeiten berührt.

Die Spannung steigt nach der Hälfte des Romans, als Kinderwunsch und Unfruchtbarkeit an der Realität zu zerbrechen drohen. Die Ärzte Konrad und ein Onkel verstricken sich in Gesetz und Ärzteordnung.

Worum also geht es in diesem Roman?
Ein wenig schleicht sich der Eindruck ein, dass hier die großen Fragen der Menschheitsgeschichte in einen Roman gepackt wurden: Liebe, Betrug, Trauer, Kinderwunsch und Verleugnung, politische Gegensätze und Krieg. Es wird gut erzählt und viel gesprochen. Man kann der Autorin eine fantasiereiche Fabulierkunst nicht absprechen. Die zahlreichen Erzählstränge lassen den Leser*in nicht los, so dass man gebannt dem Suchen nach der Wahrheit folgt.

Der Schreibstil ist schlicht und mit zahlreichen Kraftausdrücken bestückt.
Alles in Allem kann man von einem unterhaltsamen und im Aufbau durchaus spannenden Familienepos sprechen, das sicher viele Liebhaber der leichten Literatur erfreuen wird.

Susanne Abel
Was ich nie gesagt habe
dtv Verlagsgesellschaft, Juni 2022
560 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3423290234
ISBN-13: 978-3423290234
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Bettina Flitner: Meine Schwester

Bettina Flitner: Meine Schwester

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Bettina Flitner begibt sich mit diesem Buch auf Spurensuche in die Vergangenheit. Es geht um ihre Familie, ihre Eltern, die Schwester und Großeltern. Ihre Eltern hatten sich in einer Zeit des Aufbruchs aus verkrusteten Strukturen in ein antibürgerliches und sexuell freies Leben begeben.

Anstoß zum Buch war der Suizid ihrer Schwester, die sich wie die Mutter mit 47 Jahren das Leben genommen hat.

In wechselnden Zeitebenen beschreibt Bettina Flitner ihr Kinderleben und ihr Erwachsenendasein. Ihre Schwester, um die es im Wesentlichen in diesen Aufzeichnungen geht, war schon früh ein gestörtes Mädchen mit Hungerattacken und innerer Unausgeglichenheit.

B. Flitner hat eine ungebrochene Gabe, in ihren Erinnerungen die täglichen Gegebenheiten trocken, nüchtern und auch gelegentlich karikierend darzustellen. In ihrer Erzählweise wirkt sie fröhlich, unbeschwert und ohne Ängste. Mit ihrer wenig älteren Schwester hatte sie ein enges Verhältnis. Sie heckten zusammen so manchen Schabernack aus. Auch die Großeltern spielen keine geringe Rolle und werden mit ihren skurrilen Eigenheiten beschrieben.

Sie beschreibt klar und schnörkellos, was sich täglich in ihrem Leben änderte. Viele Umzüge gehörten dazu und wechselnde Partner:innen der Eltern. So lebt eines Tages Frau Tasch mit in der Familie. So wie sie gekommen ist, verschwindet sie auch wieder. Ab und zu flüstern die Kinder „das ist seine Neue“, wenn wieder mal ein fremdes weibliches Wesen am Tisch Platz nimmt.

Etwa um 1970 ging es für eine Weile nach Amerika. Neugierig und munter beschreibt die Autorin ihre Schuleindrücke, die fremde Stadt New York mit ihren Geräuschen und Ausflüge zu einer „Landkommune“ etc. Dort geht es bunt, lustig und sehr freizügig zu.

In der Art wie B. Flitner ihre Kindheit und Jugend schildert, meint man zu spüren, dass sie sich in ihrem Inneren immer ein wenig auf Abstand zur Familie befand. Einzig die Schwester Susanne war lange Zeit ihr Kumpel und bester Freund. Diese fand sich wohl weniger leicht zurecht in dem ungeordneten Familienleben.

Dass die Mutter an Depressionen litt, zeigt die Autorin in wunderbaren Bildern. Es sind die schwarzen Vögel, die einer nach dem anderen kommen, um die zarte und empfindsame Mutter heimzusuchen. Den Vater beschreibt sie treffend mit den Worten“ Ein schwer zu fassendes Irrlicht, das mal hier und mal dort über einen morastigen Grund geistert“. (S.150) Mit diesen Worten wird die innere Distanz deutlich, mit der die Autorin ihre Familienmitglieder zu charakterisieren versucht.

D.h. nicht, dass sie nicht getroffen ist, als die Mutter stirbt.
Man spürt im Gegenteil ihr Mitgefühl mit dieser unglücklichen Frau.
Unmittelbar nachvollziehbar ist der Schock über den Tod der Schwester.

Alles in allem ist die Autobiographie in ihrer protokollarischen Darstellung reich an inneren Bildern, die Einblicke in ein unruhiges und wenig Halt bietendes Elternhaus öffnen.

Bettina Flitner ist Ehefrau von Alice Schwarzer und hat sich als erfolgreiche Fotografin einen Namen gemacht. Sie lebt in Köln.

Bettina Flitner
Meine Schwester
Kiepenheuer&Witsch, Februar 2022
320 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3462002376
ISBN-13: 978-3462002379
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Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

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In der Autobiographie des bekannten Schauspielers Edgar Selge kann man die schrecklichen Zustände in einer bürgerlichen Nachkriegsfamilie nach dem 2. Weltkrieg kennenlernen. Wir schreiben das Jahr 1960.

Der Icherzähler ist 12 Jahre alt und lebt mit seinen drei Brüdern und den Eltern in einem Haus des Gefängnisdistrikts von Herford. Sein Vater ist dort Gefängnisdirektor.

Die Eltern betreiben Hausmusik in großem Rahmen. Mutter spielt Geige und Vater Klavier. Auch ausgewählte Gefangene dürfen gelegentlich an den in großen Räumen stattfindenden Hauskonzerten teilnehmen.

Maßgeblich im Hause sind die strengen Regeln des Miteinanders. In der Wahrnehmung eines 12Jährigen sind die häuslichen Lebensformen ein Schrecken ohne Ende. Mit ängstlichen Augen beobachtet der Junge, was um ihn her vor sich geht. Er kennt die Regeln, will sich aber nicht einfügen. Er übertritt ganz bewusst immer wieder die väterlichen Gebote, klaut und lügt, was ihm schreckliche körperliche Züchtigungen einträgt. Das Prügeln hat System. Die frömmelige und fast bigotte Atmosphäre trägt erschreckend sadistische Züge.
Man kennt alles das aus der schwarzen Pädagogik des 19. Jahrhunderts.
Die ängstliche Mutter und der alles dominierenden Vater bieten das Bild einer Gemeinschaft, in der der Vater das Sagen hat.

Im Gegensatz zu seinem Schauspielerkollegen Joachim Meyerhoff, dessen Bücher vor Witz und Komik sprühen, wirkt bei Edgar Selge alles strenger, kälter und abschreckend.

Selges Erinnerungen sind ernst, und man fühlt als Leser:in einen Schauer der Einsamkeit. Die älteren Brüder legen sich mit den Eltern an, kritisieren ihre deutschtümelnden Verhaltensweisen und das verklemmte, nationalsozialistische Gedankengut.

Die alles überragende Strenge beim Lernen, Musikspielen und im Umgang mit den Lehrern ist wahrlich bedrückend.

Edgar Selge muss eine schreckliche Jugend gehabt haben. Das sensible und still beobachtende Kind wittert überall die Gefahr der Bestrafung. Vor lauter Angst kann der Junge beim Lernen nicht folgen. Er flüchtet sich in Fantasiespiele, in denen er seinen Frust auslebt.

Beeindruckend ist die nüchterne Darstellung, in der alles so wirkt, als passiere es gerade jetzt.
Insofern ist die Geschichte literarisch gut erzählt.
Das Buch liest sich in weiten Teilen wie die Inkarnation eines deutschnationalen, judenfeindlichen Bürgertums.
Einziger Lichtblick ist die Musik, die breiten Raum einnimmt, und der man sich mit Hingabe widmet.

Edgar Selge
Hast du uns endlich gefunden
Rowohlt Buchverlag, 4. Auflage, Oktober 2021
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3498001221
ISBN-13: 978-3498001223
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Zeruya Shalev: Schicksal

Zeruya Shalev: Schicksal

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Zeruya Shalev hat die ganz große Begabung, die man ähnlich bei anderen israelischen Schriftstellern wie Amos Oz oder David Großmann findet: aus einer Vielzahl Assoziationen, träumerischen Erinnerungen und Gegenwartserlebnissen ein Geflecht von Beziehungsmustern sichtbar werden zu lassen.

In ihrem neuen Roman „Schicksal“ geht es um zwei Paare: Rachel und Menos und Atara mit Alex.

Rachel und Menos hatten sich 1948 in der Terrororganisation Lechi engagiert, die die Befreiung Israels aus der englischen Mandatsregierung zum Ziel hatte. Menos verschwindet schnell spurlos aus der Geschichte und aus Rachels Leben.

Die Icherzählerin Rachel ist inzwischen an die neunzig Jahre alt, als eine nicht mehr ganz jungen Frau zu ihr kommt. Wie sich herausstellt ist Atara die Tochter von Menos. Sie spürt der Geschichte ihres Vaters und seiner ersten Ehe nach.

Atara ist mit Alex verheiratet und hat mit ihm den gemeinsamen Sohn Eden. Beide hatten schon Kinder aus vorherigen Ehen. Die Beziehungen in dieser Familie sind kompliziert und konfliktträchtig.

So beginnt eine Erzählung, in der es um Krieg, Liebe, Verlust und psychisches Leid geht.

In der Erzählung laufen die Lebensgeschichten von Rachel und Atara parallel. Besonders Letztere ist in einem Netz aus Zweifeln und Selbstzweifeln gefangen. Als ihr Mann Alex sehr plötzlich und unerwartet stirbt, ist die Handlung weitgehend mit ihrem Schicksal und ihrer problematischen Ehe befasst.

Mühsam sind in der Folge die Zeitsprünge zwischen der Staatsgründung und dem späteren Israel. Man spürt die allgegenwärtige Gewalt kriegerischer Handlungen.

Nahe kommt einem in der Beschreibung von Zeruya Shalev die Landschaft, die Städte und das allgemeine politische Klima seit der Staatsgründung 1948, als es noch eine britische Mandatsbesatzung gab. Die Verfolgung, der Holocaust und die Jahrhunderte währende Ghettoisierung haben die Bewohner Israels zu Überlebenskünstlern und Kämpfern gemacht, die sich nie wieder einem Untergang ergeben werden.

Wenn der Roman auch zu Anfang interessante Einblicke in das Leben, die Geschichte und das Schicksals Israels verspricht, so kommt im Laufe der Erzählung Langweile auf. Zu wenig stringent und zu ausschweifend verliert sich die Autorin in langatmigen Schilderungen über die innerlichen Befindlichkeiten ihrer Protagonisten. Bei einer Autofahrt zu Rachel erlebt Atara lange Verzweiflungsausbrüche und unendliche Gefühlsberichte über ihre innere Zerrissenheit. Irgendwann fühlt man Überdruss, weil rein gar nichts vorangeht. Die Sprache ist schön, ästhetisch und ausdrucksvoll, gelegentlich fast biblisch; sie reicht aber nicht, den Roman zu einem anhaltend interessanten Leseerlebnis werden zu lassen.

Vom Ansatz her geht es um ein interessantes Familiengeflecht mit vielen Irrungen und Wirrungen, Enttäuschungen und Verlusten. Die Schilderung der Beziehungsdramen und Ataras Anklagen gegen sich und andere machen den Roman zu einem Stück tragischer Familiengeschichte.

Wer an dieser Art Psychodrama interessiert ist und ganz allgemein am Leben in Israel gerne teilnimmt, wird auf seine Kosten kommen.

Die Übersetzung von Anne Birkenheuer wird allenthalben als große Leistung gewürdigt.

Zeruya Shalev
Schicksal
Berlin Verlag: 2. Edition, Mai 2021
416 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3827011868
ISBN-13: 978-3827011862
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Annie Ernaux: Die Scham

Annie Ernaux: Die Scham

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Wie in ihren zahlreichen vorangegangenen Büchern, in denen sie sich mit Stationen ihres Lebens und besonders der Kindheit und Jugend befasst, behandelt Annie Ernaux auch in ihrem neuesten Werk einen Abschnitt aus ihrem Leben.

Hier geht es um „Die Scham“, ein besonderes Kapitel ihrer Erinnerungen.

Sie macht ihre Erkenntnisse in diesem Buch daran fest, dass ihr Vater die Mutter eines Sonntags „habe umbringen“ wollen. Wirklichkeit oder fantasierte Schrecken der Kindheit? Jedenfalls gehörte Brutalität nicht zum Alltag ihres Kinderlebens.

Zurück im Jahr 1952 beschreibt sie, was sie sah, und wie sie sich und andere erlebt hat.
Wunderbar präzise fängt Annie Ernaux Stimmungen ein, die genau in diese Zeit um 1950 gehören.
Wir wissen, dass ihre Eltern einfache Leute sind, und dass ihr der Absprung aus der Kleinbürgerlichkeit in die höheren Sphären des Bildungsbürgertums gelungen ist.
Mit dem Studium gelang es ihr, sezierend den Blick auf die Besonderheiten des kleinbürgerlichen Alltags zu richten.
Als sie zwölf Jahre alt ist, entwächst sie der Kindheit und wird zur Tochter, die weibliche Formen annimmt, Nylonstrümpfe tragen darf und noch vieles mehr. Es hindert die Eltern nicht, sie gelegentlich zu schlagen. Fast karikierend beschreibt sie die Tages- und Wochenverläufe: was „man“ wann isst, anzieht, welchen Tätigkeiten „man“ an welchem Tag nachgeht und wie „man“ sich zu benehmen hat. Es ist ein fest gefügtes Programm, aus dem es kein Entkommen gibt

Vorurteile über das, was gut und böse ist, und wie „man“ sich zu benehmen hat, gehören zur Summe der bitteren Bilanz, die Annie Ernaux auch in diesem Rückblick aufzeigt.

Sie ist gleichzeitig distanziert in ihren Betrachtungen und gefangen in ihrer Erinnerung. Ohne Umschweife und Einschränkungen oder Beschönigung schreibt sie darüber. Wie es im Umschlagtext treffend beschrieben ist
“Scham ist das beharrliche Gefühl der eigenen Unwürdigkeit“.

Dieses Gefühl der Scham beherrscht die Erzählung.
Wie ausgeschlossen sie sich fühlte beim Besuch einer vornehmen Schule mit Menschen höherer Bildung und kultureller Lebensart, das ist fast beklemmend. Gegenüber ihren Mitschülerinnen sieht sie sich in ihrer Gefühlslage und der Lebensformen weit unterlegen.
Ihr Bekenntnis, dass sie sich entgegen ihrer eigenen Aufgeklärtheit nicht aus den Fängen dieser einschränkenden Vergangenheit ganz befreien kann, ist absolut echt. Schreiben mag ihr helfen, alle Erfahrungen prüfend zu hinterfragen; los wird sie die Erinnerungen nicht.

Annie Ernaux ist eine mutige Frau, die mit ihrer Selbsterforschung zur Aufklärung psychischer Befindlichkeiten und deren gesellschaftlicher Zusammenhänge beiträgt. Es steht mir nicht zu, darüber zu räsonieren, warum sie sich selbst in ihren Schriften immer wieder zum Objekt der Forschung macht. Selbsterkenntnis und gesellschaftliche Zustandsbeschreibung stehen beide im Zentrum ihres Interesses.

Im Klappenztext heißt es, sie bezeichne sich als „Ethnologin ihrer selbst“. So kann man die Geschichte sehen.

Hoch gelobt von der Kritik und mit zahlreichen Preisen bedacht lebt sie in Frankreich.

Annie Ernaux
Die Scham
110 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, 17. August 2020
ISBN-10: 3518225170
ISBN-13: 978-3518225172
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Anja Goerz: Jakobs Schweigen

Anja Goerz: Jakobs Schweigen

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Dora kann es nicht glauben. Ihr Sohn soll in seiner Rechtsanwaltskanzlei erschossen worden sein. Und ausgerechnet sein Sohn, ihr 17-jähriger Enkel Jakob, soll der Täter sein. Doch sie muss die Realität begreifen, Michael ist tot. Jakob schließt sich in seinem Zimmer ein und mag weder mit ihr, noch mit David, seinem anderen Vater, sprechen.

Dora hat sich immer zurückgehalten, vielleicht auch, weil ihr verstorbener Mann Hanjo die Beziehung zwischen Michael und David nicht akzeptiert hat. In letzter Zeit hat sich das Familienleben jedoch wieder etwas harmonischer gestaltet. Sie hatte häufiger Kontakt zu Michael und Jakob. Tochter Kirsten wohnt wieder mit im Haus und versucht, nach Alkoholproblem, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Sollte Jakob wirklich der Täter sein? Alle Spuren deuten darauf hin. Doch welches Motiv soll ihn zu dieser Tat veranlasst haben? Dora will Jakob helfen, seine Unschuld zu beweisen. Sie holt sich Hilfe von ihrem alten Freund Wolfgang, einem pensionierten Rechtsanwalt. Gemeinsam mit ihm und Kirsten deckt sie Unglaubliches auf. Doch es ist ein weiterer Schock, der den Fall schließlich abschließt.

Der Fall könnte genauso geschehen sein. Anja Görz widmet sich einem realistischen Kriminalfall, der ohne wilde Verfolgungsjagden auskommt. Die Polizei hat große Schwierigkeiten, Jakob zum Sprechen zu bringen. Auch andere Personen sind nicht eben redselig. Dora erkennt, dass sie ihre engsten Familienangehörigen nicht richtig kannte. Man hat sich auseinandergelebt. Jeder hat seine Geheimnisse.

Die Geschichte entwickelt sich praktisch rückwärts, denn es ist der Mord, der zuerst passiert. Der Leser erfährt also nachträglich, wie befremdlich das Familienleben mit der Zeit geworden ist, weil die Ansprüche unterschiedlich waren und noch sind und es deshalb irgendwann genug war mit der Anpassung. Die Fassade begann zu bröckeln, wenig offensichtlich, und niemand wollte wahrhaben, dass sie einstürzen könnte.

Der Krimi ist sehr spannend. Es sind die Beziehungen zwischen den Menschen, die faszinieren. Mit viel psychologischem Feingefühl wird das menschliche Miteinander erkundet und die mühevoll verheimlichten Probleme, die schließlich zum Mord führten, offengelegt.

Rezension von Heike Rau

Anja Goerz
Jakobs Schweigen
Kriminalroman
304 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, Juli 2020
ISBN-10: 3423262583
ISBN-13: 978-3423262583
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Adeline Dieudonné: Das wirkliche Leben

Adeline Dieudonné: Das wirkliche Leben

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Adeline Dieudonné hat eine düstere Familiengeschichte ersonnen.
Oder ist sie nicht erfunden und enthält gar ein Stückchen Wahrheit?
Auf jeden Fall geht es darum, wie man in der Umgebung äußerst grausamen Umgangsformen ein Eigenleben behält und überlebt.

An einer Stadtrandsiedlung nahe an einem Wald wohnt ein zehnjähriges Mädchen mit Bruder, Mutter und Vater. Es ist das beste Haus einer ansonsten unscheinbaren Reihenhaussiedlung, doch innen wohnt das Grauen.

Aus den Augen des Mädchens als Icherzählerin schält sich das Bild einer vollkommen desolaten Eltern- und Ehebeziehung heraus. Der Vater, ein passionierter Jäger und Alkoholiker, führt ein eisernes und herrisches Regime über seine Frau und die beiden Kinder.
Das 10 jährige Mädchen tröstet sich mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder über die schlimmsten Stunden hinweg. Noch! Denn die Jahre vergehen und Gilles, der kleine Bruder, eifert nach einem schrecklichen Erlebnis dem Vater nach und wird ein böser Tierquäler. Die Mutter ist ein desolates, gequältes Etwas. Sie wird von der Tochter als „Amöbe“ bezeichnet.

So beginnt eine Geschichte, die in ihren Einzelheiten Grausamkeiten birgt, von denen man sich als normaler Sterblicher keine Vorstellung machen kann. Bei jeder Abweichung von den Vorgaben des Vaters oder einfach aus schlechter Laune heraus wird geprügelt und gebrüllt. Da kann als Grund schon ein nicht genehmes Essen herhalten. Von körperlicher bis zu seelischer Gewalt scheint nichts unmöglich.

Der Vater ist körperlich stark und steckt voller Wut, die regelmäßig ihre Abfuhr sucht. Das Opfer ist zumeist die Mutter. Sie ist klein, unscheinbar und wirkt hilflos den Brutalitäten des Vaters ausgeliefert. Das Abendbrot, zu dem alle am Tisch sitzen, weil es sich so „gehört“, wird schweigend und in Angst eingenommen. Man ahnt den kommenden Wutausbruch des Vaters, vor dem sich die Kinder schnell in ihre Zimmer flüchten.

Man erfährt nichts über die Ursachen dieser unglücklichen Menschen.

Die Icherzählerin schafft es erstaunlicherweise, ein inneres und äußeres Eigenleben tief verborgen hinter einem dichten Schleier versteckt zu führen. Bis auch sie vom Vater zum Freiwild und Opfer gemacht wird.

Diese Geschichte reißt mit und nimmt mit!

Wie man dem Ende aller Ereignisse entgegenfiebert, das wird gekonnt und hoch kompetent von der Autorin angepeilt. Zuvor sieht man sich einer Vielzahl von grausamen Ereignissen konfrontiert.
Das reicht von Verfolgung über Schläge bis zu Psychoterror, und das Blut fließt in Strömen.

Natürlich gibt es auch einige gute Menschen z.B. einen Physikprofessor, der sich des hoch begabten Mädchens annimmt und sie in seine Wissenschaft einführt. Auch er und seine Frau aber haben ein schreckliches Schicksal hinter sich.

Sind es vielleicht zu viele der grausamen Ereignisse?
Ich denke, die Autorin überzieht absichtlich, um auf Misstände in Familie und Gesellschaft aufmerksam zu machen.

Adeline Dieudonné schreibt einen brillianten Stil und zeigt empörende Ereignisse, die an Hitchcock, Astrid Lindgen und Stephen King denken lassen.
Sie steigert mit ihren scharf beschriebenen Beobachtungen die Spannung bis zur Unerträglichkeit. Es stockt einem zuweilen fast der Atem.

Der Debütroman wird schließlich zum Fanal des Aufstands gegen Unterdrückung und Gewalt. Es bleibt kein Auge trocken, während uns die Macht und körperliche Überlegenheit des Mannes der Schwäche der Frauen gegenübergestellt wird. Der Freiheitsgedanke zur Überwindung der Unterdrückung nimmt Gestalt an, als die Tochter sich in adäquater Weise zu wehren beginnt.
Am Ende bleibt: Stille.

Der Roman ist etwas für starke Nerven und überaus spannend.
In Frankreich ist er begeistert aufgenommen worden.

Adeline Dieudonné
Das wirkliche Leben
240 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, April 2020
ISBN-10: 3423282134
ISBN-13: 978-3423282130
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Taffy Brodesser-Akner: Fleishman steckt in Schwierigkeiten

Taffy Brodesser-Akner: Fleishman steckt in Schwierigkeiten

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Mitten in der Nacht lädt Rachel die Kinder bei Toby ab. So war es nicht abgemacht, auch wenn er natürlich gerne auch nach der Trennung weiter Verantwortung für die Kinder übernimmt. Er ist jedoch nicht mehr so eingespannt. Er genießt seine Freiheit und die Möglichkeiten, die ihm Dating-Apps bieten.

Es ist kein Problem für ihn, sich jetzt umzuorganisieren. Wenn es nicht anders geht, kann er die Kinder sogar mit zur Arbeit nehmen. Sie können im Konferenzraum der Klinik spielen, während er sich in seiner Funktion als Arzt um die Patienten kümmert. Es ist ein Beruf, der ihm gefällt.

Rachel war nie zufrieden mit seinen beruflichen Ambitionen. Nach ihrer Meinung hätte Toby viel mehr erreichen können. Doch er ist immer auf die Bremse getreten, wenn sie ihn vorwärtstreiben wollte. Er hat nicht ihre Ansprüche. Also hat Rachel den größeren Teil zum Einkommen der Familie beigetragen und er hat sich um Haushalt und Kinder gekümmert und sämtliche damit verbundene Pflichten übernommen. Es gab viel Streit deswegen, auch weil sie sich, seiner Meinung nach, zu wenig um die Kinder und um ihn gekümmert hat. Und das hat schließlich zur Trennung geführt.

Mit Erstaunen muss er nun hinnehmen, das Rachel die Kinder nicht wieder abholt. Er kann sie nicht erreichen. Wahrscheinlich arbeitet sie und bringt ihre Karriere weiter voran. Es soll ihm egal sein. Aber was sagt er den Kindern? Zum Glück kann er sie vorerst im Sommer-Camp unterbringen.

Toby steckt in einer emotionalen Krise. Aber er genießt auch sein neues Leben. Frei und ungebunden, kann er ausleben, was ihm scheinbar bisher gefehlt hat. Seine Zerrissenheit wird etwas zu ausführlich dargestellt und auch wie er versucht, sein mangelndes Selbstbewusstsein aufzubügeln. Sein Leben wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, auch aus seiner eigenen. Die Sprünge, auch in der Zeit, ergeben schließlich ein Gesamtbild. Toby macht Rachel allein für das Scheitern ihrer Ehe verantwortlich.

Dann, man erwartet es nicht mehr, kommt im letzten Teil des Buches Rachel zu Wort. Das ganze Kartenhaus aus Tobys Beschuldigungen Rachel gegenüber stürzt mit lautem Krach zusammen und man kommt zu interessanten Erkenntnissen!

Rezension von Heike Rau

Taffy Brodesser-Akner
Fleishman steckt in Schwierigkeiten
Aus dem amerikanischen Englisch von Britta Mümmler
512 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423282215
ISBN-13: 978-3423282215
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Monika Helfer: Die Bagage

Monika Helfer: Die Bagage

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In einem Bergdorf in Österreich fernab größerer Siedlungen leben Maria und Josef mit ihren zahlreichen Kindern. Maria ist schön, so schön, dass sich ihrer Anziehung kein Mann entziehen kann.

Sie sind arm, leben in einer Hütte und gelten als die „Bagage“. Sie schlagen sich nur mühsam durch.

1914 muss Josef in den Ersten Weltkrieg ziehen. Er lässt seine Frau unter dem Schutz des Bürgermeisters im Bergdorf zurück.

Ein schöner Mann erscheint eines Tages: Georg! Er kam aus Hannover. Kurze Zeit nur weilt er hier. Dann ist er wieder verschwunden. Auch er kann sich der Anziehung der schönen Maria kaum entziehen. Was mag sich zwischen ihm und Maria abgespielt haben? Das Verhalten des Bürgermeisters treibt die Geheimnisse um die schöne Frau auf die Spitze.

Eine archaische Welt tut sich vor uns auf!

Die zentrale Figur dieser mit kurzen Sätzen und in einem stoischen Stil verfassten Geschichte ist die schöne Maria. Sie ist sehr auffallend. Von ihr geht eine erotische Strahlkraft aus, die fast alle Männer in Sehnsucht, Bewunderung und Begierde treibt.

Monika Helfer verfasst ihre Geschichte in Erinnerungssprüngen an die verschiedenen Generationen.

Maria ist die Großmutter, aus deren Schoß so viele Kinder geboren wurden. Mutter der Icherzählerin ist Marias Tochter Grete, ein Mädchen, dessen Herkunft während der Kriegszeit nicht so ganz sicher zu bestimmen ist.

Schaut Josef sie deswegen nie an und spricht auch nie ein Wort zu dieser Tochter? Hat er Zweifel an seiner Vaterschaft für dieses Kind?

Mit spröden Sätzen und in faszinierenden Bildmalereien ersteht ein Panorama, das Landluft und Natur mit einbezieht in die Geschichte einer großen Familie. Die Icherzählerin befasst sich mit den einzelnen Charakteren ihrer Onkel und Tanten, und es kommen skurrile Naturen zum Vorschein. Hervorstechend bleibt die Großmutter mit ihrer starken Anziehungs- und Verführungskraft.

In dieser Erzählung macht die Armut nicht hilflos und schwach, sondern sie erzeugt kraftvolle Menschen. Sie sind stolz und trotzen dem Hunger, der Kälte und der Armut. Auch verbindet die ganze Sippschaft eine enge Zusammengehörigkeit. Es gibt die Liebe, aber sie bleibt verhalten und man spricht nichts aus.

Zarte Beobachtungen der Natur und der Vogelwelt sind von poetischer Schönheit. Man fühlt sich hautnah dem Winter, dem Schnee und der Kälte ausgesetzt.

Die Autorin hat es geschafft, eine magische Welt zu beschreiben. Der Leser bleibt bis zuletzt im Banne der Geschichte und ist fasziniert, wie aus jedem skizzierten Leben eine ganz eigene Geschichte entsteht.

Das schmale Bändchen mit nur 158 Seiten hat das Zeug zu einem wirklich großen Roman.

Hervorragend!

Monika Helfer
Die Bagage
160 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Februar 2020
ISBN-10: 3446265627
ISBN-13: 978-3446265622
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Dana Suffrin: Otto

Dana Suffrin: Otto

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Dana von Suffrin hat uns die Geschichte einer skurrilen Familie aufgezeichnet.

Die Familie stammte ursprünglich aus Siebenbürgen, ist aber zuletzt in München ansässig.

In einer witzigen und hoch motivierten Form erzählt die Autorin von einem Vater, eben jenem Otto, der inzwischen pensioniert und alt ist, auch pflegebedürftig, und seine Töchter schön zu tyrannisieren versteht.

Er kommandiert sie gerne herum und verlangt von seiner Tochter Timna, dass sie die Familiengeschichte aufschreibt. Er kann ganz schön bohrend und hartnäckig sein!

Dana von Suffrin besitzt die Begabung und versteht den Witz der einzelnen Personen so gekonnt einzufangen, dass man ihr gerne folgt.

Vater erzählt von Omama und Otata, seinen Eltern, die nach strengen Regeln lebten. Nach ihnen hatte man sich zu richten. Ob Otto daher so rigide und herrisch zu seinen Töchtern ist?

Otto, der pensionierte Ingenieur, hat genau Vorstellungen für seine Erwartungen und Forderungen.
In rührender Weise erinnert sich die ältere Tochter Timna an die Geschichten ihrer Kindheit, in der ihr Vater eine bedeutsame Rolle spielte. Er konnte seine Töchter trösten und erheitern. Und jetzt? Auch jetzt überstrahlt seine Persönlichkeit den Alltag der Töchter, die sich seinen dringenden Wünschen nicht widersetzen können.

Neben dem täglichen Einerlei gibt es immer wieder die Einsprengsel mit Geschichten aus der familiären Vergangenheit. Übersprühend, komisch und bekannt aus zahlreichen jüdischen Familiengeschichten, wenn auch zeitweise etwas ausschweifend, erzählt die Autorin ihre Geschichte. Der Mutterwitz und die Selbstironie aus dem jüdischen Milieu sind bekannt. Man nahm nicht immer alles so ganz ernst. Herz und Verstand sind dabei, und man spürt die Wärme und das Vertrauen, das man ineinander setzte.

Ob der Roman autobiographische Züge trägt? Man möchte es bei der Intimität und Genauigkeit der Erlebnisse fast glauben.

Dana von Suffrin hat mit ihrem Debütroman eine schöne und anrührende Familiengeschichte erzählt! Lesenswert und unterhaltsam!

Dana von Suffrin
Otto
240 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, August 2019
ISBN-10: 3462052578
ISBN-13: 978-3462052572
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