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Schlagwort: Familie

Taffy Brodesser-Akner: Fleishman steckt in Schwierigkeiten

Taffy Brodesser-Akner: Fleishman steckt in Schwierigkeiten

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Mitten in der Nacht lädt Rachel die Kinder bei Toby ab. So war es nicht abgemacht, auch wenn er natürlich gerne auch nach der Trennung weiter Verantwortung für die Kinder übernimmt. Er ist jedoch nicht mehr so eingespannt. Er genießt seine Freiheit und die Möglichkeiten, die ihm Dating-Apps bieten.

Es ist kein Problem für ihn, sich jetzt umzuorganisieren. Wenn es nicht anders geht, kann er die Kinder sogar mit zur Arbeit nehmen. Sie können im Konferenzraum der Klinik spielen, während er sich in seiner Funktion als Arzt um die Patienten kümmert. Es ist ein Beruf, der ihm gefällt.

Rachel war nie zufrieden mit seinen beruflichen Ambitionen. Nach ihrer Meinung hätte Toby viel mehr erreichen können. Doch er ist immer auf die Bremse getreten, wenn sie ihn vorwärtstreiben wollte. Er hat nicht ihre Ansprüche. Also hat Rachel den größeren Teil zum Einkommen der Familie beigetragen und er hat sich um Haushalt und Kinder gekümmert und sämtliche damit verbundene Pflichten übernommen. Es gab viel Streit deswegen, auch weil sie sich, seiner Meinung nach, zu wenig um die Kinder und um ihn gekümmert hat. Und das hat schließlich zur Trennung geführt.

Mit Erstaunen muss er nun hinnehmen, das Rachel die Kinder nicht wieder abholt. Er kann sie nicht erreichen. Wahrscheinlich arbeitet sie und bringt ihre Karriere weiter voran. Es soll ihm egal sein. Aber was sagt er den Kindern? Zum Glück kann er sie vorerst im Sommer-Camp unterbringen.

Toby steckt in einer emotionalen Krise. Aber er genießt auch sein neues Leben. Frei und ungebunden, kann er ausleben, was ihm scheinbar bisher gefehlt hat. Seine Zerrissenheit wird etwas zu ausführlich dargestellt und auch wie er versucht, sein mangelndes Selbstbewusstsein aufzubügeln. Sein Leben wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, auch aus seiner eigenen. Die Sprünge, auch in der Zeit, ergeben schließlich ein Gesamtbild. Toby macht Rachel allein für das Scheitern ihrer Ehe verantwortlich.

Dann, man erwartet es nicht mehr, kommt im letzten Teil des Buches Rachel zu Wort. Das ganze Kartenhaus aus Tobys Beschuldigungen Rachel gegenüber stürzt mit lautem Krach zusammen und man kommt zu interessanten Erkenntnissen!

Rezension von Heike Rau

Taffy Brodesser-Akner
Fleishman steckt in Schwierigkeiten
Aus dem amerikanischen Englisch von Britta Mümmler
512 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423282215
ISBN-13: 978-3423282215
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Monika Helfer: Die Bagage

Monika Helfer: Die Bagage

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In einem Bergdorf in Österreich fernab größerer Siedlungen leben Maria und Josef mit ihren zahlreichen Kindern. Maria ist schön, so schön, dass sich ihrer Anziehung kein Mann entziehen kann.

Sie sind arm, leben in einer Hütte und gelten als die „Bagage“. Sie schlagen sich nur mühsam durch.

1914 muss Josef in den Ersten Weltkrieg ziehen. Er lässt seine Frau unter dem Schutz des Bürgermeisters im Bergdorf zurück.

Ein schöner Mann erscheint eines Tages: Georg! Er kam aus Hannover. Kurze Zeit nur weilt er hier. Dann ist er wieder verschwunden. Auch er kann sich der Anziehung der schönen Maria kaum entziehen. Was mag sich zwischen ihm und Maria abgespielt haben? Das Verhalten des Bürgermeisters treibt die Geheimnisse um die schöne Frau auf die Spitze.

Eine archaische Welt tut sich vor uns auf!

Die zentrale Figur dieser mit kurzen Sätzen und in einem stoischen Stil verfassten Geschichte ist die schöne Maria. Sie ist sehr auffallend. Von ihr geht eine erotische Strahlkraft aus, die fast alle Männer in Sehnsucht, Bewunderung und Begierde treibt.

Monika Helfer verfasst ihre Geschichte in Erinnerungssprüngen an die verschiedenen Generationen.

Maria ist die Großmutter, aus deren Schoß so viele Kinder geboren wurden. Mutter der Icherzählerin ist Marias Tochter Grete, ein Mädchen, dessen Herkunft während der Kriegszeit nicht so ganz sicher zu bestimmen ist.

Schaut Josef sie deswegen nie an und spricht auch nie ein Wort zu dieser Tochter? Hat er Zweifel an seiner Vaterschaft für dieses Kind?

Mit spröden Sätzen und in faszinierenden Bildmalereien ersteht ein Panorama, das Landluft und Natur mit einbezieht in die Geschichte einer großen Familie. Die Icherzählerin befasst sich mit den einzelnen Charakteren ihrer Onkel und Tanten, und es kommen skurrile Naturen zum Vorschein. Hervorstechend bleibt die Großmutter mit ihrer starken Anziehungs- und Verführungskraft.

In dieser Erzählung macht die Armut nicht hilflos und schwach, sondern sie erzeugt kraftvolle Menschen. Sie sind stolz und trotzen dem Hunger, der Kälte und der Armut. Auch verbindet die ganze Sippschaft eine enge Zusammengehörigkeit. Es gibt die Liebe, aber sie bleibt verhalten und man spricht nichts aus.

Zarte Beobachtungen der Natur und der Vogelwelt sind von poetischer Schönheit. Man fühlt sich hautnah dem Winter, dem Schnee und der Kälte ausgesetzt.

Die Autorin hat es geschafft, eine magische Welt zu beschreiben. Der Leser bleibt bis zuletzt im Banne der Geschichte und ist fasziniert, wie aus jedem skizzierten Leben eine ganz eigene Geschichte entsteht.

Das schmale Bändchen mit nur 158 Seiten hat das Zeug zu einem wirklich großen Roman.

Hervorragend!

Monika Helfer
Die Bagage
160 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Februar 2020
ISBN-10: 3446265627
ISBN-13: 978-3446265622
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Dana Suffrin: Otto

Dana Suffrin: Otto

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Dana von Suffrin hat uns die Geschichte einer skurrilen Familie aufgezeichnet.

Die Familie stammte ursprünglich aus Siebenbürgen, ist aber zuletzt in München ansässig.

In einer witzigen und hoch motivierten Form erzählt die Autorin von einem Vater, eben jenem Otto, der inzwischen pensioniert und alt ist, auch pflegebedürftig, und seine Töchter schön zu tyrannisieren versteht.

Er kommandiert sie gerne herum und verlangt von seiner Tochter Timna, dass sie die Familiengeschichte aufschreibt. Er kann ganz schön bohrend und hartnäckig sein!

Dana von Suffrin besitzt die Begabung und versteht den Witz der einzelnen Personen so gekonnt einzufangen, dass man ihr gerne folgt.

Vater erzählt von Omama und Otata, seinen Eltern, die nach strengen Regeln lebten. Nach ihnen hatte man sich zu richten. Ob Otto daher so rigide und herrisch zu seinen Töchtern ist?

Otto, der pensionierte Ingenieur, hat genau Vorstellungen für seine Erwartungen und Forderungen.
In rührender Weise erinnert sich die ältere Tochter Timna an die Geschichten ihrer Kindheit, in der ihr Vater eine bedeutsame Rolle spielte. Er konnte seine Töchter trösten und erheitern. Und jetzt? Auch jetzt überstrahlt seine Persönlichkeit den Alltag der Töchter, die sich seinen dringenden Wünschen nicht widersetzen können.

Neben dem täglichen Einerlei gibt es immer wieder die Einsprengsel mit Geschichten aus der familiären Vergangenheit. Übersprühend, komisch und bekannt aus zahlreichen jüdischen Familiengeschichten, wenn auch zeitweise etwas ausschweifend, erzählt die Autorin ihre Geschichte. Der Mutterwitz und die Selbstironie aus dem jüdischen Milieu sind bekannt. Man nahm nicht immer alles so ganz ernst. Herz und Verstand sind dabei, und man spürt die Wärme und das Vertrauen, das man ineinander setzte.

Ob der Roman autobiographische Züge trägt? Man möchte es bei der Intimität und Genauigkeit der Erlebnisse fast glauben.

Dana von Suffrin hat mit ihrem Debütroman eine schöne und anrührende Familiengeschichte erzählt! Lesenswert und unterhaltsam!

Dana von Suffrin
Otto
240 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, August 2019
ISBN-10: 3462052578
ISBN-13: 978-3462052572
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Katharine Dion: Die Angehörigen

Katharine Dion: Die Angehörigen

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Es handelt sich in diesem Roman um eine Familiengeschichte der besonderen Art.
Genes Frau ist kürzlich verstorben. Nicht ihr plötzlicher Tod wird von Katharine Dion analysiert, sondern durch die Augen und Worte seiner Freunde und seiner Tochter lernt Gene, der Icherzähler, eine Frau kennen, von der er in dieser Form nichts wusste.

Sie hatten ein gutes, bescheidenes und auskömmliches Leben. Noch aus gemeinsamen Studienzeiten stammt die Freundschaft zu Ed und Gayle. Sie haben zusammen Urlaube verbracht, haben nach und nach ihre Kinder bekommen, zu denen sich inzwischen noch Enkel und Enkelinnen gesellten, und fühlten sich in dieser Gemeinschaft geborgen. Das waren „die Angehörigen“ als Ersatz für die nicht vorhandenen wirklichen Angehörigen.

In der Vorbereitung auf eine Gedenkfeier für die verstorbene Maida, Genes Frau, treffen alle zusammen. Gene ist verwirrt, fühlt ich einsam und ist verunsichert, wie unterschiedlich die Berichte über Maida klingen. Zwischen seiner Tochter Dary und ihm herrscht ein angespanntes Verhältnis.

Inzwischen lässt Gene seine Gedanken zurückschweifen, und man erfährt einiges über sein gemeinsames Leben mit Maida. Sie waren 49 Jahre verheiratet. Die Fragen, die sich für Gene aufwerfen, sind existenziell, weil er sie sich so noch nie gestellt hat. Standen sich Ed und Maida näher, als er dachte? Ist Dary womöglich nicht seine Tochter?
Insgesamt ist er verunsichert, scheu und ratlos. Eine kurze von ihm allzu ernst genommene Beziehung zu seiner Putzfrau zeigt einen einsamen alten Mann, der sich ratlos durchs Leben bewegt.

Katharine Dion hat mit diesem Debütroman ein reifes und ansehnliches Werk geschaffen. Die nachhaltigen Fragen und Gefühle, die sie aufzeigt, bringen auch den Leser zum Nachsinnen. Unwillkürlich fragt man sich: wie war das denn bei Dir? Man fühlt mit Gene mit, der in Trauer erlebt, dass er seine Tochter gar nicht richtig kennt und versteht. Die vielen Szenen und Bilder, seien sie aus der frühen Zeit seiner Ehe oder in den späteren Jahren, werfen ein farbiges Bild auf eine Gesellschaft, in der nach außen hin alles in Ordnung erscheint. Aber gibt es nicht auch die Schattenseiten des Lebens? Die schmerzlichen Erfahrungen, Entbehrungen und das Ungesagte? K. Dion findet die richtigen Worte, mit denen sie den Fragen nachgeht. Sie bringt uns das Geschehen nahe und lässt uns teilnehmen an einem Leben, das durch den Tod einen schmerzlichen Bruch erlebt.

Das Buch ist nicht spannend aber in seinen Ausführungen z.T. sehr tiefsinnig. Wer sich für die Psyche des Menschen, seine Abgründe und die nach außen gezeigte Eintracht fasziniert fühlt, der wird mit diesem Roman belohnt für ein wenig Ausdauer, die durchaus erforderlich ist.

Katharine Dion
Die Angehörigen
288 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, April 2019
ISBN-10: 3832198946
ISBN-13: 978-3832198947
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Carol Rifka Brunt: Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

Carol Rifka Brunt: Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

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Eine geheimnisvolle Freundschaft!

Onkel Finn ist tot! Was steckt hinter seinem Tod für ein Geheimnis?

Wir schreiben das Jahr 1987 und June, die mit ihrer älteren Schwester und den Eltern in der Nähe von New York lebt, kann es nicht fassen, dass ihr geliebter Onkel tot ist. Lange wurde ein Geheimnis um ihn und eine seltsame Krankheit gemacht. Dann kracht die Wahrheit auf June ein: Onkel Finn ist an Aids gestorben. Diese Krankheit machte in den achtziger Jahren die Welt unsicher, denn sie galt als anrüchig. Traf sie doch vor allem Homosexuelle und endete meistens tödlich.

June hatte eine ganz besondere Beziehung zu dem Bruder ihrer Mutter. Er war ihr Patenonkel und beide verstanden sich auch ohne viele Worte.

Greta, Junes ältere Schwester, scheint ihre kleine Schwester June zu hassen. Sie ist häufig gemein zu ihr und verfolgt sie mit ihren Beobachtungen und bösen Kommentaren.

Greta ist hübsch und tritt in der Schule bei Theateraufführungen in Erscheinung.

Junes Mutter lehnt ihren Bruder Finn ab, obwohl er ein angesehener Künstler ist. Dass es da noch einen Freund gibt, zu dem er eine „besondere“ Beziehung pflegt, macht die ganze Geschichte geheimnisvoll und undurchsichtig. Allen Konfusionen zum Trotz malt Onkel Finn ein wunderschönes Bild von den beiden Schwestern, das den ungewöhnlichen Titel trägt:“ Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“, und das nach Finns Tod in einem Banksafe verschwindet.

Rifka Brunt malt mit einem Übermaß an Fantasie und geheimnisvollen Windungen das Porträt einer Familie. Sie beschreibt ihre Vorlieben, ihre Verirrungen und das hohe Potenzial an Liebe, Hass, Eifersucht und verschwiegenen Wegen, auf denen sich die einzelnen Familienmitglieder begegnen, wieder trennen und zuweilen in Abgründe schauen. Sie zeigt mit sensiblen Einschüben, zu welchen Taten Menschen fähig sind, was sie verbindet, und wie der Familienverbund durch Missverstehen auseinander zu brechen droht. June spielt mehr oder weniger die Hauptrolle, denn sie versucht durch geheime Aktionen den Familiengeheimnissen auf die Spur zu kommen.

Es ist ein beeindruckendes Debüt der jungen Autorin, die mit diesem Buch die Welt eroberte. Sensibel, feinfühlig, poetisch artikulierend zeigt sie uns Menschen, die an sich zweifeln, mit wachen Augen ins Leben schauen, teils neugierig und teils verbittert wie z. B. Junes Mutter. Das Ende bringt überraschende Einsichten. Man kann sich bis zuletzt von der Lektüre nicht trennen und fühlt sich angezogen von den unterschiedlichen Charakteren. Zeigen sie uns doch, dass in einem jeden ein guter Kern schlummert, der aber durch einen Mangel an Vertrauen und vermeintlichem Fehlverhalten zu Irrtümern im Umgang mit einander führen kann. Dank der guten June, die sich nicht anziehend fühlt aber durchaus liebenswert ist, nimmt alles ein gutes Ende!

Der Text liefert dem Leser ungemein unterhaltsame, lesenswerte und anregende Merkmale eines wirklich guten Familienromans. Hier bedeutet Lesen Glück!

Carol Rifka Brunt wurde bereits für ihren ersten Roman mit vielen Preise ausgezeichnet.

Carol Rifka Brunt
Sag den Wölfen, ich bin zu Hause
448 Seiten, gebunden
Eisele Verlag, Februar 2018
ISBN-10: 396161007X
ISBN-13: 978-3961610075
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Alexandra Kui: Solange es hell ist

Alexandra Kui: Solange es hell ist

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Die 15-jährige Mika packt ihre Geschwister in das alte Auto ihrer Mutter und fährt, obwohl sie keinen Führerschein hat, mit ihnen davon. Damit ist der Familienurlaub im Harz zu Ende. Der Grund dafür ist zu diesem Zeitpunkt nicht ersichtlich.

Doch nach und nach wird klar, dass die Familie Probleme hat. Die alleinerziehende Mutter versucht aber ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie arbeitet und kümmert sich, so gut sie es vermag, um die drei Kinder. Oftmals übernimmt Mika die Mutterrolle.

Vor irgendetwas ist Mika nun auf der Flucht. Sie will ihre jüngere Schwester Penny und den kleinen Bruder Elias schützen. Sie nimmt die Rolle der Mutter nun komplett ein. Ziel ist ein Leuchtturm in Dänemark. Hier haben sich Mikas Eltern kennengelernt. Vielleicht kann sie den Vater finden. Es ist ein weiter Weg und als das Auto kaputtgeht, wird die Lage noch problematischer. Doch Mikas Geschwister wollen das Meer sehen! Die Sehnsucht danach lässt sie durchhalten. Es ist nicht leicht für die Kinder unauffällig zu bleiben und sich durchzuschlagen. Immer wieder muss Mika sich etwas ausdenken, um für Essen und eine Übernachtungsmöglichkeit zu sorgen.

Sehr berührend! Die abenteuerliche Reise sorgt für viele Überraschungen, wie soll es auch anders sein. Mika hat keinen Plan, aber ein Ziel.

Der Roman lebt von den Charakteren, also insbesondere von den drei Kindern, die alle ihrer Eigenheiten haben. Doch der Zusammenhalt ist da. Penny und Elias vertrauen ihrer Schwester, aber natürlich gibt es auch Streit unter den Geschwistern. Mika mag unvernünftig sein, aber sie ist ein Teenager. Und so improvisiert sie und handelt nicht immer nachvollziehbar.
Die Geschichte wird aus ihrer Sicht geschildert. Wohl deswegen geht sie so sehr unter die Haut.

Ich konnte mich sehr gut in die Geschichte, die nicht nur für Jugendliche lesenswert ist, hineinversetzen. Der Autorin schreibt auf eine warmherzige und gefühlvolle Art.

Das Ende ist ein bisschen kitschig. Aber das passt schon!

Rezension von Heike Rau

Alexandra Kui
Solange es hell ist
320 Seiten, gebunden
cbj Kinder- und Jugendbuchverlag
ISBN-10: 3570165159
ISBN-13: 978-3570165157
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Laurie Lee: Cider mit Rosie

Laurie Lee: Cider mit Rosie

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Laurie Lee, geboren 1914, erzählt in diesem Buch von seiner Kindheit. Er nimmt dabei noch einmal die kindliche Sichtweise ein. Die Familie zieht, als er drei Jahre alt ist, in ein Haus am Rande eines einsam gelegenen englischen Dorfs. Das Haus ist nicht schön, aber umgeben von Natur. Mutter Rosie erzieht die sieben Kinder, nur drei sind ihre eigenen, allein.

Der Vater, er war Rosies große Liebe, hat sich aus dem Staub gemacht. Es ist schwer für den kleinen Laurie, sich an diesem neuen und so bunten Ort zu orientieren. Rosie ist eine einfache Frau, aber sie hält die Familie zusammen. Es ist ein bescheidenes Leben, das sie führt. Die Zeit ist stehengeblieben auf dem Lande. Es ist kein Fortschritt zu spüren. Aber die drei Jungs und vier Mädchen sorgen für Trubel, Freude und Sorgen.

Mich hat das Buch tief beeindruckt. Beim Lesen verschwindet man in dieser Geschichte und wird zum aufmerksamen Beobachter der Vorgänge, die ein Kind wahrnimmt, das nicht alles versteht, bis es etwas älter ist, und das vorerst in der Lage ist, alles so hinzunehmen wie es ist. Das Leben ist hart, aber vielleicht nicht für den Jungen, der es nicht anders gewohnt ist, und den die Natur beflügelt, und den die Schwestern ganz selbstverständlich auf ihre laute und turbulente Art umsorgen. Es ist keine Idylle, nie ist genug Geld da. Die Familie muss sich auch mit dem versorgen, was die Natur bietet.

Die Mutter ist unglaublich chaotisch, aber auch liebevoll dargestellt. Das Haus ist nie aufgeräumt. Man lebt von der Hand in den Mund und dennoch gelingt es ihr immer wieder für Überraschungen zu sorgen, die vom harten Alltag ablenken. Sie liebt die Kinder über alles und ist auf ihre Weise frei und glücklich, auch wenn sie nicht aufhört zu hoffen, dass ihr Mann zurückkehrt.

Der Autor hat einen faszinierenden Schreibstil. Das Buch ist auf eine tiefsinnige, berührende, melancholische und hoffnungsvolle Art geschrieben. Es ist kein Wunder, dass dieses Buch ein gerne gelesener Klassiker ist.

Rezension von Heike Rau

Laurie Lee
Cider mit Rosie
Aus dem Englischen von Pociao und Walter Hartmann
Aquarelle von Laura Stoddart
320 Seiten, gebunden
Unionsverlag
ISBN-10: 3293005322
ISBN-13: 978-3293005327
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Johan Bargum: Nachsommer

Johan Bargum: Nachsommer

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Carl war immer der Liebling der Mutter, bis er aus beruflichen Gründen überraschend in die USA ausgewandert ist. Olof hat die damit einhergehenden Gefühle nie überwunden. Zumal damit auch Klara aus seinem Leben verschwunden ist. Sie hat sich für Carl entschieden und ist mit ihm gegangen. Er hatte keine Chance. Er weiß nichts von ihren wahren Gründen dafür. Sie hat die Tür zugeschlagen. Die Entfernung zwischen ihnen ist damit unüberwindbar geworden.

Die Brüder treffen im Haus in den südfinnischen Schären erst wieder aufeinander, als die Mutter im Sterben liegt. Hier werden die alten Erinnerungen wach, die kaum verheilten Narben brechen auf, zumal Carl mit seiner Frau und den zwei Kindern anreist. Schnell ist die friedliche Atmosphäre in diesem Spätsommer dahin. Denn Olof will sich von seinem Bruder nicht wieder in die alte Rolle drängen lassen.

Die unausgesprochenen Dinge sind es, die über der Familie liegen, wie dicker Nebel. Olof hat versucht, sein Leben zu leben, doch er ist belastet von Erinnerungen und Verletzungen. Auch die anderen haben ihre Probleme. Jeder hat versucht, auf seine eigene Art damit klarzukommen. Es hat nie eine Aussprache gegeben und nun wird es schwer, weiter hinzunehmen und zu schweigen. Der Autor stellt sehr überzeugend dar, wie der Konflikt immer weiter anschwillt und aufzubrechen droht. Das Ungesagte, das Hingenommene vergiftet die Stimmung. Man kann nicht ewig so tun, als wäre nichts gewesen! Es gibt keine Familie, die zusammenhalten kann, um jeden Preis. Die Fassade bröckelt.

Doch nicht nur die Vergangenheit bestimmt das Leben. Es sind auch die Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft, die sich aber nur erfüllen kann, wenn die Fehler der Vergangenheit ausgeräumt sind und man gelernt hat, zu verzeihen. Sich selbst und den anderen. So verstehe ich dieses dramatische Buch, das zu Herzen geht und sehr nachdenklich stimmt.

Rezension von Heike Rau

Johan Bargum
Nachsommer
Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig
144 Seiten, gebunden
mare Verlag
ISBN-10: 3866482604
ISBN-13: 978-3866482609
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Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

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Eines Tages taucht ein Mädchen auf einem niederösterreichischen Bauernhof auf. Es ist Oktober 1944. Niemand vermag zu sagen, was ihr passiert ist. Sie scheint keine Erinnerung zu haben. Man nimmt an, dass ihre Eltern bei einem Luftangriff umgekommen sind. Das Mädchen wird von der Familie Leithner, die selbst viele Kinder hat, aufgenommen und Nelli genannt. Das geschieht auf eine sehr selbstverständliche Art und Weise.
Einige Monate später kommt ein junger Russe dazu. Er hat eine geheimnisvolle Leinwandrolle dabei, sonst nichts. Er ist kein Maler. Auch er fügt sich in das vorgegebene Leben ein.

Ein mühevoller Alltag wird gelebt, so wie es eben geht zu Kriegszeiten, bis sich eine Gruppe von Wehrmachtssoldaten auf dem Bauernhof einquartiert. Die Angst wächst. Jetzt zählt der Zusammenhalt der gesamten Familie. Nelli beobachtet die Situation genau. Sie analysiert das Geschehen. Malt sich aus, was passieren könnte und sieht ein wenig zeitversetzt, was wirklich geschieht. Die Situation der Familie wird immer schwieriger. Sie sieht sich einer ungeheuren Provokation gegenüber, der sie begegnen muss, ohne zu reagieren. Aber es geht so nicht. Es mindert die Gefahr nicht. Letztendlich dreht sich alles um das Kunstobjekt in der Rolle und das Geheimnis, das damit bewahrt werden soll.

Der Autor erzählt die Geschichte, die mit Erinnerungen seines Großvaters verbunden ist, sehr anschaulich aus der Sicht der 13-jährigen Nelli. Die angespannte Lage ist jederzeit spürbar, auch wenn er hier nicht ins Detail geht. Nelly analysiert jede Situation und stellt sich immer vor, wie diese ausgehen könnte. Sie baut auf diese Weise eine Mauer und versucht, sich als Beobachter abzugrenzen. Ihre Vorstellung und die Wirklichkeit triften oft auseinander. Es gibt keine Sicherheit. Sie kann Situationen zu diesem Zeitpunkt nicht beeinflussen.

Der Autor beschreibt sehr bildhaft und mit psychologischem Feingefühl, wie es der Familie geht. Er nutzt dafür das, was die Kinder sagen. Oft sind es Sätze, die so erstaunlich sind, so naiv und doch so wahr! Die Geschichte geht sehr nahe und wirkt lange nach.

Rezension von Heike Rau

Paulus Hochgatterer
Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war
Erzählung
112 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552063498
ISBN-13: 978-3552063495
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Richard Ford: Zwischen ihnen

Richard Ford: Zwischen ihnen

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Richard Ford ist einer der angesehensten Schriftsteller des 20.Jahrhunderts. Mit seinen Romanen „Die Lage des Landes“ und „Kanada“ hat er sich bleibenden Ruhm verdient. Er ist einer der ganz Großen im amerikanischen Literaturbetrieb.

In seinem neuen Büchlein beschreibt er das Leben als Sohn mit seinem Vater und seiner Mutter.

Dass er eine liebevolle Beziehung zu ihnen hatte, merkt man bereits nach den ersten Zeilen und Seiten.

Beide Eltern stammen aus dem US Staat Arkansas, in dem sie mit wechselnden Wohnsitzen lebten.

Sie sind sehr verliebt, als sie sich in jungen Jahren zusammenfanden und heirateten. Der Vater war Handelsreisender. Sie liebten das Zusammensein so sehr, dass die Mutter Edna ihn auf seinen wöchentlichen Berufsreisen immer begleitete. In den Hotelzimmern schrieb er seine Berichte, und zum Wochenende fuhren sie in ihre gemeinsame Wohnung zurück. Von Anfang an wünschten sie sich Kinder. Da sich diese jedoch nicht einstellten, wuchs das Paar umso enger zusammen. Erst nach fünfzehnjähriger Ehe kündigte sich ihr Sohn Richard an. Während er als Baby noch auf die wöchentlichen Reisen mitgenommen wurde, änderte sich das, als er heranwuchs. Jetzt nahm das Leben eine Wende. Die Woche über blieb Edna mit dem kleinen Richard alleine. Umso freudiger wurde am Freitag die Ankunft des Vaters begrüßt.

Wie Richard Ford seine Eltern und deren Herkunft beschreibt, zeugt von herzlichem Interesse und ebenso herzlicher Zuneigung.

Der Vater wird als zärtlicher, gutaussehender und liebevoller Mann beschrieben. Richard fühlt sich von beiden Eltern angenommen. Diese führten eine sehr glückliche Ehe, in der Richard schnell seinen Platz fand.

In seinen Erinnerungen beschreibt Richard Ford das gleiche Leben, wie in seinen Romanen: amerikanische Mittelschicht in einem der Südstaaten der USA. Frank Bascombe ist der Held seiner Romane, der wie sein Vater Handelsreisender und Makler ist. Im Gegensatz zu den Romanen R. Fords, in denen viel über das Leben, Vergänglichkeit und Gegenwart nachgedacht wird, haben die Eltern einen sehr gegenwärtigen Spaß am Leben, erfreuen sich eines  guten Freundeskreises und führen ein unbesorgtes Dasein, ohne viel nach dem Woher und Wohin zu fragen.

Als der Vater in seinen fünfziger Jahren starb, war das glückliche Leben für die kleine Familie erst einmal zuende. Richard macht seinen eigenen Weg und sieht seine Mutter ihr Leben meistern, ohne wirklich zu wissen, wie es ihr geht.

Insgesamt reicht das Büchlein nicht an die großen Romane Richard Fords heran.

Im Leben der Familie läuft alles immer bestens, bis der Tod sie scheidet.

Es gab keine besonderen Vorkommnisse, Höhepunkte oder Niederlagen.

Die Geschichte einer glücklichen, liebevollen und unbesorgten Kindheit ist gelungen. Tiefenschärfe oder psychologisch aufschlussreiche Einsichten darf man nicht erwarten.

Das Büchlein entspricht in seinem Habitus der Momentaufnahme einer amerikanischen Durchschnittsfamilie Mitte des vorigen Jahrhunderts im Süden der USA.

Richard Ford
Zwischen ihnen
144 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, August 2017
ISBN-10: 3446256806
ISBN-13: 978-3446256804
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