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Schlagwort: Humor

Mercedes Rosende: Falsche Ursula

Mercedes Rosende: Falsche Ursula

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Ursula ist chronisch gelangweilt und frustriert von ihrem einsamen Leben. Außerdem trägt sie ein beträchtliches Übergewicht mit sich herum, wie sie meint, und fühlt sich alles andere als vorzeigbar. Voller Neid blickt sie auf Menschen, denen es vermeintlich besser geht als ihr.

Dann kommt dieser mysteriöse Anruf. Man habe ihren Mann entführt, sagt der Erpresser. Nur ist Ursula nicht verheiratet. Es gibt keinen Mann in ihrem Leben. Aber was soll es? Die Sache ist spannend, also nutzt Ursula die Gelegenheit, spielt ein bisschen mit und reagiert, man glaubt es kaum, als hätte sie die Rolle eingeübt. Sie gibt vor, das Geld besorgen zu können. Endlich ist etwas Aufregendes los in ihrem Leben! Sie will herausfinden, wer ihr als Ehemann angedichtet wird, wer ihn entführt hat und wer der Erpresser ist. Denn nur so bleibt diese wunderbare Spannung in ihrem Leben.

Ursula ist keine angenehme Person. Dass sie über eine gewisse kriminelle Energie verfügt, wird aber erst im Laufe der Geschichte offensichtlich. Ursula ist sogar überraschend skrupellos, ja kaltblütig. Und was man als Leser erfährt, ist nicht einmal die ganze Wahrheit. Man wird in ein unglaubliches Verwirrspiel eingebunden. Es ist nicht nur Ursula, die die Handlung mit schauspielerischem Talent voranbringt, auch die Entführung selbst, verläuft anders als geplant. Auf nichts ist Verlass. Alles geht schief!

Die Autorin erzählt die Geschichte mit bissigem Humor in der Hinterhand. Auch wenn man ganz nah an Ursula dran ist, so wird die Handlung hin und wieder aus einem anderen Blickpunkt betrachtet. Nur so wird ganze Ausmaß der Tragödie klar. Es scheint, als hat man es nur mit Versagern zu tun.

Es wird nicht mit Überraschungsmomenten gespart. Das Buch macht Spaß! Die Autorin lässt Ursula in eine Rolle schlüpfen, die man ihr nicht zugetraut hätte. Die Umstände machen für eine gewisse Zeit einen anderen Menschen aus ihr. Das Ende ist ganz anders als gedacht. Und mit Schaudern erkennt man, dass Ursula vielleicht weiter an ihrer kriminellen Karriere arbeiten wird, wenn sie die Möglichkeit dazu erhält.

Rezension von Heike Rau

Mercedes Rosende
Falsche Ursula
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
208 Seiten, Klappenbroschur
Unionsverlag, Februar 2020
ISBN-10: 3293005594
ISBN-13: 978-3293005594
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André Heller: Uhren gibt es nicht mehr – Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr

André Heller: Uhren gibt es nicht mehr – Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr

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102 Jahre alt ist Elisabeth Heller, die Mutter des Autors André Heller. 1914 wurde sie geboren, wuchs in Wien und Südtirol auf, heiratete 1933 den Großindustriellen Stephan Heller und bekam zwei Söhne. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1958 wurde sie Directrice in Gertrud Höchsmanns Haute-Couture-Salon.

Elisabeth Heller sieht sich innerlich manchmal noch jung. Sie versteht es, zu träumen. Sie denkt aber auch mit Melancholie ans Verabschieden. Sie verdrängt das Thema nicht.

In den Gesprächen mit dem Sohn werden Erinnerungen wach. Es geht nicht mehr um Essentielles, die Gegenwart oder die Zukunft betreffend. Dennoch sind diese Gespräche innig und klar, klären sogar manchmal Missverständnisse zwischen Mutter und Sohn. Es wird geredet über Alltägliches, über Begegnungen und Gedanken, die in den Sinn kommen. Die Annäherung der beiden und ihr wachsender Respekt voreinander sind spürbar.

Vielleicht stellt sich so mancher das Leben mit über 100 Jahren als Last vor, beschwert von so vielen Erinnerungen. Die schönen, die melancholisch machen und die leidvollen, die für Kummer sorgen. Aber es ist auch von Weisheit, Nachsicht und Herzenswärme geprägt. Und daraus wiederum kann man Zuversicht schöpfen.

André Heller hat die Gespräche kaum gelenkt. Er ist im Hintergrund geblieben. Hat Stichworte gegeben und sanft nachgefragt. Hat auch das Schweigen zugelassen. Er hat aufgefangen, was die Mutter gerade beschäftigt oder was ihr einfach so in den Sinn gekommen ist.

Es ist ein beeindruckendes Buch, ein kleines Kunstwerk entstanden, das unglaublich viele sanfte Gefühle in sich trägt. Es verursacht eine etwas melancholische Stimmung, aber keine tieftraurige. Das Leben, auch im Alter, mit Humor zu nehmen, macht das Abschiednehmen doch etwas einfacher. Und Humor beweist Elisabeth Heller im Gespräch immer wieder.

Rezension von Heike Rau

André Heller
Uhren gibt es nicht mehr – Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr
112 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag
ISBN-10: 3552058311
ISBN-13: 978-3552058316
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Mark Douglas-Home: Seadetective – Ein Grab in den Wellen

Mark Douglas-Home: Seadetective – Ein Grab in den Wellen

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Der Roman des Schotten Mark Douglas-Home ist mehr als ein Kriminalroman. Ermittlungen im klassischen Sinne wird der Leser vermissen. Das heißt aber nicht, dass er es an Spannung vermissen lässt. Er gewinnt immer mehr an Tiefe, je weiter man in ihm vordringt. Dabei werden insgesamt drei Geschichten erzählt.

Mit Melancholie wird von der Geschichte der schottischen Inseln und der Fischer erzählt. Der Protagonist Cal McGill erfährt die Wahrheit um den Tod seines Großvaters. Geschickt hat der Autor dafür eine fiktive Landschaft geschaffen, um keinen real existierenden Generationen weh zu tun.

Eher klassisch wird dann in einer zweiten Geschichte die Ermittlung um ans Land gespülte Füße geschildert. Sie ist eng verknüpft mit der Geschichte indischer Mädchen, in denen der Leser erfährt, dass arme indische Familien ihre Töchter zum Zwecke der Prostitution verkaufen, damit die Familien überleben können. Sehr spannend.

Die dritte Geschichte wird schließlich humorvoll unter die Leser gebracht. In ihr geht es um die Polizisten Helen Jamieson und ihren Chef von der Polizei in Edinburgh, der etwas gegen Cal McGill stricken will. Ein selbstherrlicher Machotyp, der sich in den Kopf gesetzt hat, dem „Öko-Spinner“, wie er McGill nennt, einen Strich durch die Rechnung zu machen, um einen höheren Posten in einer anderen Behörde zu ergattern.

Interessant ist die Figur des Protagonisten. Allein sein Beruf und seine Profession ist etwas ganz Besonderes. Als Meeresforscher hat er sich einem Gebiet angenommen, in dem er der weltweit führende Experte ist: Er spürt den Spuren von Treibgut nach, den dieses auf seinem Weg durch das Meer genommen hat. Wird an Land eine Holzkiste angespült, kann er sagen, wo sie ins Meer geworfen wurde, gegebenenfalls auch von welchem Schiff. Soviel zur Definition von „Seadetective“.

Mark Douglas-Home gibt ungewohnte Einblicke in interessante Themen. Die Geschichten funktionieren auch unabhängig voneinander. Das ist allerdings auch meine Kritik an diesem Buch. Dadurch rückt der Roman etwas von dem klassischen Kriminalroman ab. Die Geschichte um die schottischen Inseln und die Herkunft des Protagonisten ist, obwohl für sich genommen sehr spannend, zu breit ausgeweitet. Sie hätte ausreichend Platz in einem zweiten Roman wie in einem „Making off“. Zwar wird damit versucht, den Charakter des Seadetective darzustellen, aber diese Fülle wäre dafür nicht notwendig gewesen. Hier hat der Autor m. E. sein Pulver zu früh verschossen. Die Strecken, die der Leser ohne jeglichen Zusammenhang zur Kriminalstory überwinden muss, sind mir zu lang.

Alles in allem handelt es sich beim vorliegenden Roman um einen guten, spannenden und sehr interessanten Roman. Die Themen der Meeresforschung, der schottischen Geschichte und die der indischen Bedia-Mädchen fesseln und bitte mehr von Cal McGill und der Polizistin Helen.

Mark Douglas-Home
Seadetective – Ein Grab in den Wellen
Aus dem Englischen von Stefan Lux
Rowohlt Verlag, Hamburg
ISBN 9783499272462

© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

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Tatjana Kruse: Glitzer, Glamour, Wasserleiche

Tatjana Kruse: Glitzer, Glamour, Wasserleiche

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Die Autorin präsentiert mit diesem Roman eine sehr amüsante Kriminalkomödie. Obwohl gleich zu Beginn eine Leiche im Bodensee versenkt wird, rückt der Kriminalfall über lange Strecken in den Hintergrund. Dafür stehen die Figuren, ihre Dialoge und Eigenschaften, im Vordergrund und amüsieren den Leser. Allen voran Pauline Miller, die als Opernsängerin in Bregenz spielen soll. Auf dem Weg zum ersten Gespräch mit der Festspielleitung und dem neuen Team hat sie ihren Vater im Schlepptau, der sie mit seinem Besuch überraschen wollte. Der und auch Ihr Hund Radames, ein Bostonterrier, haben keinen unwesentlichen Anteil daran, dass sie über zwei Stunden zu spät kommt und das Buffet schon fast abgeräumt ist.

Die Ermittlungsarbeit von Polizisten oder Detektiven wird der Leser hier vergeblich suchen. Das passiert eher alles rein zufällig und nebenbei zwischen der Selbstfindung der sich als Diva gebärdenden Sängerin und den oberflächlich dahinplätschernden Dialogen. Der aufmerksame Leser jedoch wird schnell feststellen, dass das Lamentieren gar nicht so oberflächlich ist, wie es daherkommt, und dass daraus sehr viel Aktualität aus dem Alltag eines heutigen Menschen spricht. Zwar taucht die Leiche immer wieder mal auf, wird aber von der Entführung erst des einen Hundes Radames und anschließend des Nachbarhundes Pogo in den Hintergrund gedrängt. Bis dann plötzlich klar ist, wer die Leiche ist und von wem sie umgebracht wurde.

Tatjana Kruse, die für schwarzhumorige und satirische Kurzgeschichten bekannt ist, hat für den vorliegenden Roman einen solchen geschwätzigen Plauderton entwickelt, dass es kaum aufzufallen scheint, dass gar nicht ermittelt wird. Dafür stehen alltägliche Situationen im Vordergrund, die jeder Leser in der einen oder anderen Weise schon erlebt hat. Auch scheinen die einzelnen Figuren in der Geschichte keine Unbekannten zu sein. Jeder Leser findet sie in seinem Bekanntenkreis.

Das ist fantastisch und macht Spaß beim Lesen. Empfehlenswert nicht unbedingt für hart gesottene Krimifans, aber für Leser, die Witz, Humor und Satire mögen.

Kruse, Tatjana
Glitzer, Glamour, Wasserleiche
Haymon Verlag, Innsbruck-Wien
ISBN 9783852189789

© Detlef Knut, Düsseldorf 2017
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Ralf Kramp: Ihr Mord Mylord

Ralf Kramp: Ihr Mord Mylord

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Ralf Kramp, ein Liebhaber britischen Lebensstils, hat nach vielen Kriminalromanen und unzähligen Kurzgeschichten nun ein Buch veröffentlicht, welches acht Krimis sehr britischen Stils beinhaltet. Dabei hat er sich einerseits auf die Beschreibung detailreicher britischer Unumgänglichkeiten, wie sie noch heute bei Reisen auf die Insel anzutreffen sind, eingelassen. Andererseits hat er Vieles bemüht, was aus dem Fernsehen und der Literatur als typisch britisch eingestuft wird.
Für die Geschichten hat er zwei Protagonisten geschaffen, die sich gegenseitig den Ball beim Ermitteln zuspielen. Da ist zunächst Lord Merridew, der vor Langeweile vor die Hunde gehen würde, wenn er nicht ermitteln könnte. Dieser zieht den Londoner Rechtsanwalt Nigel Bates in den Bann, der ihn fortan bei der Detektiverei bereitwillig assistiert. Vom Typus her ist dieses Ermittlerpärchen vergleichbar mit Sherlock Holmes und Dr. Watson. Ihre Fälle bzw. Geschichten sind kleine abgeschlossene Kriminalfälle, bei denen dem Leser viele bekannte Figuren über den Weg laufen, welches eine weitere Rätselebene bietet. Bei jeder Geschichte ist man gespannt, wer in dieser auftauchen wird. So klären beide Hobbyermittler die wahren Hintergründe um Sir Toby, Mr. Winterbottom, Mr. Pomeroy und Admiral von Schneider auf. Sie bringen Licht in den Mord im Orientexpress und belehren Hercule Poirot eines besseren. Im „Geheimnis der fliegenden Juwelen“ lassen Sie sich unter anderem von Lord Brett Sinclair helfen, der bekanntermaßen mit dem amerikanischen Playboy Daniel Wilde ermittelt, Golf spielt und dumme Sprüche vom Stapel lässt. Schließlich finden sie sich am Drehset zu „Der Doktor und das liebe Vieh“ wieder und entbinden eine trächtige Kuh.

Alle Geschichten sind amüsante und lesenswerte Geschichten, die den Flair des britischen Empires ausstrahlen. Liebhaber von Agatha Christie, Inspektor Barnaby oder Father Brown werden um dieses Buch nicht herumkommen. Dabei hat jeder Fall vielleicht gerade mal eine Spielfilmlänge, d.h. man hat ihn in derselben Zeit gelöst wie man sich einen Film anschaut.

Spannender Happen als Nachspeise bei jeder Gelegenheit.

Kramp, Ralf
Ihr Mord Mylord
KBV Verlag, Hillesheim
ISBN 9783954413195

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016
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Sempé : Freundschaften

Sempé : Freundschaften

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Heiterkeit, Humor und Ernst: des Lebens Grundlagen für wahre Freundschaft!

Sempé hat die unübertroffene Gabe, Menschen bis in die tiefsten Schichten ihres inneren Wesens zu erkunden und mit seinen Zeichnungen seine Beobachtungen in Worte und Zeichnungen zu fassen!

Wer hätte gedacht, wie schwierig es ist, den Begriff Freundschaft zu definieren?

Sempé schafft es im Gespräch mit Marc Lecarpentier, dieser Frage nachzugehen!

Freundschaft: das ist eine besondere Form menschlicher Zugehörigkeit, die nicht leicht zu erklären ist. Mit welchen Begriffen könnte man sie umschreiben?

Die beiden Gesprächspartner wälzen verschiedene Charakteristiken hin und her, um die Grundlagen für Freundschaft zu erklären.

Sie kommen zu dem Ergebnis, dass Respekt, Zuverlässigkeit und Toleranz wichtige Voraussetzungen sind, um wahre Freundschaft zu entwickeln.

Tiere können anhängliche Freunde sein, sowohl Hund und Katze und sogar ein Huhn! Doch kann man sie wirklich mit Freundschaft zwischen Menschen vergleichen? Sind doch die Ausdrucksmöglichkeiten zwischen Tier und Mensch ganz unterschiedlich Natur, um nicht zu sagen: Tiere haben da sehr ihre Grenzen!

Nun, munter geht die Unterhaltung weiter und Sempé zeichnet unverdrossen die Vielfalt menschlicher Begegnungen! Versonnen schaut eine Frau auf ihre Katze, und ernsthaft interessiert betrachtet ein Mann seinen Hund, mit dem er in ein nachdenkliches Gespräch vertieft zu sein scheint.

Nach zahlreichen wunderbaren Gesprächen mit philosophischem und ernstem Hintergrund kommen die Gesprächspartner Sempé und Lecarpentier zu dem Ergebnis, dass uns Freundschaften in vielerlei Verkleidungen begegnen, „Am Ende braucht es einen umgänglichen Charakter und viel freier Zeit, damit man jede Menge Freunde hat“.

Und weiter: “Die Liebe ist wild, Freundschaft zart und empfindlich…. und stillschweigend“.

Weisheiten wie diese: „sind Sie mit Aristoteles einer Meinung, wenn er sagt: ein Freund, der aufhört, ein Freund zu sein, ist nie einer gewesen?“ geben Anlass zum Nachdenken. So finden sich Gedanken, die vielleicht einen jeden von uns zuweilen umtreiben, wenn es um gute Freundschaften geht.

In diesem Wunderbuch an Erkenntnis, in dem man sich mit Humor und Schmunzeln und mit der Vielfalt menschlicher Charaktere und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten konfrontiert sieht, darf man sich einmal mehr über den heiteren und so treffenden Zeichner Sempé freuen! Er öffnet uns die Welt, indem er seinen Figuren Flügel verleiht, mit denen sie die Leichtigkeit des Seins mit dem Ernst der Lage verknüpfen und uns Heiterkeit bescheren!

Patrick Süskind ist der kongeniale Übersetzer dieses wunderschönen Kunstbuchs!

Sempé
Freundschaften
152 Seiten, gebunden
Diogenes, Oktober 2016
ISBN-10: 3257021372
ISBN-13: 978-3257021370
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Ian McEwan: Nussschale

Ian McEwan: Nussschale

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Lebensbeginn mit bösen Voraussetzungen.

Auf diese Idee muss einer schon einmal kommen: die Welt aus den Augen eines Embryos im Mutterleib zu betrachten.

Der Titel verweist auf einen Satz aus dem Hamlet von Shakespeare: im Mutterleib mag man sich ja wie in einer Nussschale fühlen! Aber man ist abhängig und schlechten Träumen ausgeliefert. Hamlet nachempfunden soll dann die ganze Geschichte sein!

Die Besonderheit: der unbenannte Icherzähler, eben jenes Kind im Mutterleib, sieht hört und schmeckt alles. Seine Mutter ist mit ihm im neunten Monat schwanger und hat mit dem Bruder des Vaters ein Liebesverhältnis. Der Vater wurde ausquartiert aus dem Haus, das er einst von seinem Großvater geerbt hat. John, der Vater des ungeborenen Kindes, ist erfolgloser Dichter und Schriftsteller, dick, hautkrank und von schwächlichem Charakter. Sein Bruder Claude  ist Bauunternehmer. Er ist langweilig und dem Dichten und Denken eher abhold. Infamer Weise arbeiten die Mutter des ungeborenen Sohnes und sein Onkel an einem Plan, von dem man nur ahnt, dass er Böses beinhaltet.

Nun, das arme Embryonenkind bekommt mit, wie der Mord an seinem Vater ausgebrütet und vollbracht wird! Ein Embryo, das gewitzt und aufgeweckt Kommentare zu allem und jedem geben kann.

McEwan hat sich da eine reichlich skurrile Geschichte ausgedacht.

Das tägliche Einerlei beobachten, die Trunkenheit der Mutter miterleben, den verhassten Onkel bei seinen Avancen zur Mutter zu spüren und eigene Schlüsse aus den Beobachtungen zu ziehen? Das alles ist nicht komisch, sondern eher makaber bis ein wenig künstlich in seinen Ausführungen. Es erschließt sich einem nicht wirklich, was uns McEwan sagen will: dass die Welt böse und verlogen ist? Dass wir hineingeworfen werden und uns nach den Gegebenheiten zu richten haben? In der Nussschale ist es eng. Man kann nur beobachten aber nicht eingreifen. Also sind wir ohnmächtig dem Bösen ausgeliefert?

Zwischen Krimi und Komik ist die Geschichte angesiedelt. Doch sie kann nicht mitreißen, ist eher breit und langatmig. Es kommt keine rechte Spannung oder Freude auf beim Lesen. Und wie wunderbar waren die Romane, die ich zuvor vom selben Autor gelesen habe!

Dieser gehört nicht dazu!

Ian McEwan
Nussschale
288 Seiten, gebunden
Diogenes, Oktober 2016
ISBN-10: 3257069820
ISBN-13: 978-3257069822
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Minna Lindgren: Rotwein für drei alte Damen

Minna Lindgren: Rotwein für drei alte Damen

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Wie es Menschen im Alter überall auf der Welt ergehen mag…

Hier können wir einen Eindruck davon bekommen.

Der Einband und der Beginn der Erzählung lässt an eine lustige Geschichte denken.
Doch so lustig ist sie dann leider nicht!

Drei über neunzigjährige alte Damen leben in ihrer Heimat Finnland. Dort spielt sich ihr Leben in dem Altenheim „Abendhain“ ab.
Toll ist es dort nicht gerade. Aber drei Dämchen mit Namen Irma, Siiri und Anna-Liisa sind noch gut drauf, trinken gerne ihren Rotwein und beobachten mit wachen Augen, was um sie her vor sich geht.

Als der junge Koch Tero eines Tages unerklärlicherweise zu Tode kommt, sind sie alarmiert und machen sich allerhand Gedanken über seinen Tod. Sie werden aktiv in einer Weise, die gefährlich für sie werden könnte.

In einer langen Abhandlung erfährt man von den Intrigen und den Tricks, mit denen man alte Menschen in Heimen ausbeutet, für dement erklärt und ihnen das Leben schwermacht.
Man hört von unerklärlichen Todesfällen und von undankbaren Verwandten und gewitzten Ausbeutern. Selbst vor kriminellen Machenschaften ist man in den einschlägigen Heimen nicht geschützt! Da bleibt zuweilen kein Auge trocken. Doch die über 94 Jahre alten Damen sind noch voller Elan und schaffen es, sich aus allerlei Unbilden zu befreien.

Alter und wie man mit alten Menschen umgeht ist überall auf der Welt ein Problem.
Die Schilderung aus dem hohen Norden von Minna Lindgren bietet da keine Ausnahme. Teilweise unterhaltsam, witzig und kurzweilig fahren einem gelegentlich doch auch Schauer über den Rücken! Gott sei Dank schwankt die Erzählung zwischen Humor und Ernsthaftigkeit.

In Finnland gilt der Roman von Minna Lindgren über das „Abendhain“ als Bestseller.

Als einen gelungenen Einstieg in die Welt des hohen Alters kann man den Roman mit Gewinn lesen. Zu hohe literarische Ansprüche darf man nicht erwarten, denn eine gewisse Langatmigkeit haftet dem Roman an.

Übersetzer sind die auch bei uns bekannten Autoren Niina und Costin Wagner, die Finnland als ihre zweite Heimat ansehen.

Minna Lindgren
Rotwein für drei alte Damen
288 Seiten, broschiert
KiWi-Paperback, März 2016
ISBN-10: 3462047248
ISBN-13: 978-3462047240
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Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

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Start ins Leben mit Zögerlichkeit und Sinn für das Absurde.

Mit Verve und Unterhaltungsbegabung beginnt Joachim Meyerhoff die Geschichte seiner Studienzeit in München. Er wird in München an der Filmhochschule angenommen und wird zunächst mangels geeigneter Studentenbude bei seinen großbürgerlichen Großeltern in deren Villa in Nymphenburg aufgenommen.

Die Schilderung dieser ungewöhnlichen Großeltern ist schon das ganze Buch wert. Die Großmutter war einst eine hervorragende Schauspielerin; der Großvater ist ein pensionierter Philosophieprofessor. Wie der Enkel Meyerhoff deren Tagesrituale und vor allem deren Alkoholkonsum zu jeder Gelegenheit beschreibt zeugt von einer großartigen, urkomischen und trockenen Erzählweise.

Man muss laut lachen, weil die Szenen voller Ironie und Amüsement stecken. J. Meyerhoff versteht hier sein Dasein als ein von naiver Unbeholfenheit gezeichneter Junge am Rande zur Erwachsenwelt.

Eine gewisse Distanz zu seinen Beobachtungen macht die Geschichte so heiter und zu einem wirklich belustigenden Erlebnis. Da die Großeltern nur noch mühsam laufen konnten, „hatten sie sich einen Treppenlift einbauen lassen“. Auf diesem entschwebten sie zur Nacht hin in ihre oberen Gemächer, und Meyerhoff selbst, von all dem Alkohol benebelt, tat es ihnen gleich.

Durch das gesamte Buch hindurch spielen die Großeltern wiederholt eine zentrale Rolle im Wechsel mit langen Passagen über seine Erfahrungen als Schauspielschüler. Meyerhoff bleibt bei seiner distanzierten Haltung gegenüber den Mitschülern und der eigenen Rolle. Sein trockener Humor schimmert immer wieder durch und macht die Erzählung zu einer skurrilen und launigen Betrachtung über das Leben als Schauspieler, wobei er sich über eigene Niederlagen oder auch Erfolge gleichermaßen lustig macht.

Ein unterhaltsames Stück Münchner Zeitgeschichte wird uns da präsentiert. Die Großeltern mit ihren charaktervollen und dezidierten Lebensweisheiten bieten unablässig Anlass zum Schmunzeln.

Joachim Meyerhoff ist von entwaffnender Ehrlichkeit und Offenheit auch über sich selbst und seine Lebenserfahrungen.

Der talentierte Schauspieler und Erzähler wird uns hoffentlich noch so manche Gelegenheit zu guter Unterhaltung bieten.

Joachim Meyerhoff
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
352 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, November 2015
ISBN-10: 3462048287
ISBN-13: 978-3462048285
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Robert B. Parker: Der Killer kehrt zurück

Robert B. Parker: Der Killer kehrt zurück

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Eine Kleinstadt in Aufruhr. Eine Schule für lateinamerikanische Einwanderer Kinder soll in einem Nobelviertel der Stadt in Betrieb genommen werden. Die Anwohner fürchten eine Zunahme der Kriminalität durch die Latinos. Polizeichef Jesse Stone hat alle Hände voll zu tun, um die erhitzten Gemüter zu beschwichtigen.
Besonders schön ist, dass Parker eine eigene kleine Welt geschaffen hat. Eine Kleinstadt in Massachusetts. Immer wieder hat man es in den Romanen mit denselben Leuten zu tun. Sie werden nie vergessen. Sie laufen einem beim Lesen immer wieder über den Weg. Und bei dem vorliegenden Roman „Der Killer kehrt zurück“ wird dieser Tatsache hinsichtlich einer Gangsterfigur aus dem Roman „Terror auf Stiles Island“ Rechnung getragen. Der Apatsche Cromartie, Crow genannt, ist nach zehn Jahren zurückgekehrt. Jesse Stone hat kein gutes Gefühl dabei. Doch er kann Crow nichts nachweisen. Bewundernswert ist die Übereinstimmung der Charaktere beider Typen. Den Crow zeigt sich als ein Killer mit ritterliche Ehre im Leib, denn er behauptet von sich, keine Frauen umzubringen. Tatsächlich ist nicht alles schlecht, was er in Paradise anstellt. Jesse Stone weiß nur nicht, wie er damit umgehen soll. So wie er seinen Weg als Cop geht, so geht Crow seinen Weg als „sauberer“ Killer.

Immer wieder amüsiert knisternde Spannung und die humorvollen Gespräche zwischen Jesse und seinen Mitarbeitern. Manchen von ihnen lernt der Leser auch ganz neu kennen. Manche fallen in ihre alten Muster zurück. Was damit begann, dass einige Bürger die neu eingerichtete Schule für Latino-Amerikaner verbieten wollen, endet offenbar in einem Desaster größten Ausmaßes. Immer neue Wendungen sorgen für Spannung. Zusammen mit dem leicht-flockigen Sprüchen der Figuren ergibt das einen außergewöhnlichen Lesegenuss.

(Die Jesse-Stone-Romane von Parker wurden mit Tom Selleck in der Rolle des Jesse Stone verfilmt. Der Besetzung des ersten Films hatte der Schriftsteller erfreut zugestimmt. Die darauffolgenden Romane scheint er auf diesen Schauspieler maßgeschneidert geschrieben zu haben.)

Parker, Robert B.
Der Killer kehrt zurück
Ein Fall für Jesse Stone
Aus dem Amerikanischen von Bernd Gockel
Pendragon, Bielefeld
ISBN 9783865324481
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