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Autor: Claudine Borries

Alexa Hennig von Lange: Die Wahnsinnige

Alexa Hennig von Lange: Die Wahnsinnige

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Alexa Hennig von Lange hat die Geschichte der Johanna, Königin von Kastilien, nachgezeichnet. Spanien ist zu dieser Zeit um 1500 ein durch und durch katholisch geprägtes Land.

Der Autorin ging es dabei u.a. um die historischen Dimensionen einer Zeit, in der Unglaube mit Folter und Scheiterhaufen geahndet wurde. Es ging ihr aber auch um eine Frau, die in alle dem, was da in gläubigen Unsinn verpackt wurde, klarer sieht. Johanna, die als die Wahnsinnige in die Geschichte einging, versucht mit klarem Verstand Durchblicke zu finden. Sie ist gebildet, emotional, gefühlvoll und voller Temperament. Um in der Welt der Herrschenden zu bestehen, musste man diese Eigenschaften verleugnen.
Die mittelalterlichen Strukturen ließen Individualität nicht zu. Daran konnte man schier verzweifeln. Und das ist es, was Johanna umtreibt.

Als junges Mädchen mit 16 Jahren wird sie mit Philipp dem Schönen von Flandern verheiratet. Dynastische Planungen haben sie zur Frau dieses Mannes gemacht. Durch den frühen Tod anderer Erben wurde sie zur Thronfolgerin ihrer Mutter, Isabella „der Katholischen“, bestimmt. Ein Los, das sie sich nicht ausgesucht hat.
Fast selber ein Kind noch, hat sie bald drei kleine Kinder, an denen ihr Herz hängt.

Ihre Mutter ist Königin von Spanien und regiert mit harten Hand. Aberglaube und Unglaube führen zu härtesten Strafen, Folter, Verbannung und Verbrennung auf dem Scheiterhaufen.

Wir lernen Johanna auf einer Festung in Spanien kennen, wo sie, eingesperrt von ihrer Mutter, gefügig gemacht werden soll. Ihre Mutter will sie zum rechten Glauben zwingen. Da sie ständig mit Zorn und Trotz auf alle Versuche der Bändigung reagiert, erklärt man sie schon früh für wahnsinnig. Ein Schicksal, das sie lebenslang verfolgen wird.

Durch den ganzen Roman führt uns der aufrechte und gradlinige Charakter dieser Frau. Sie wacht immer mehr auf und sieht die Missstände von Intrige, Kuppelei und Verrat.

Hennig von Lange weiß die historische Seite der Geschichte einzubetten in die Wahrnehmung heutiger Kämpfe um Frauenrechte. Diese Johanna versucht um ihre Freiheit zu kämpfen. Nebenbei bekommt man einen Eindruck von den äußeren Bedingungen damaligen Lebens: Reisen unter für uns kaum vorstellbaren Unbequemlichkeiten. Es geht Tage lang bei jedem Wetter über lange Strecken in schwerer Kleidung auf dem Rücken von Pferden, Übernachtungen in Zelten und wochenlange Reisen in offenen Schiffen bei rauer See usw.

Insgesamt macht einen die Geschichte mit den mittelalterlichen Strukturen bekannt, die lange vor dem Zeitalter der Aufklärung das Leben der Regierenden und des Volkes beherrschten.

Der Roman ist in seiner Erzählkunst hervorragend und regt zu weiteren Nachforschungen an.

Alexa Hennig von Lange
Die Wahnsinnige
208 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, 2. Edition, August 2020
ISBN-10: 383218127X
ISBN-13: 978-3832181277
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Mary Beth Keane: Wenn Du mich heute wieder fragen würdest

Mary Beth Keane: Wenn Du mich heute wieder fragen würdest

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In diesem Roman von Mary Beth Keane erwartet uns seine spannende, verwirrende und sehr aufregende Familien- und Liebesgeschichte.

Zwei Polizeibeamte schieben zusammen Dienst, und zufällig wohnen sie auch nebeneinander.
Francis Geese hat drei Töchter, Brian Stanhope einen Sohn. Kate, die jüngste Tochter von Francis, ist mit Peter, Brians Sohn, von klein auf befreundet.
Man erfährt viel über das Kleinstadtleben in Gillam und das Leben seiner Bewohner.

Die Kinder wachsen heran und Lena, Francis Frau, ist aufgeschlossen der neuen Nachbarin gegenüber, die offensichtlich nicht so leicht Kinder bekommen kann. Brians Frau Anne zeigt aber schon früh Auffälligkeiten. Sie ist sehr eifersüchtig, wenn sich Peter mit Kate trifft.

Dann geschieht ein schreckliches Unglück. Peter sucht Hilfe bei Francis, weil seine Eltern sich streiten. Daraufhin vollendet sich ein Schicksal, das weitreichende und nachhaltige Folgen für alle Protagonisten hat.
Es ist der Beginn einer langen Odyssee, in der Peter und Kate sich verlieren, neu finden, immer wieder einen Anfang wagen.

Annes und Brians Ehe ist zerbricht.

Wie B. Keane die ganze Geschichte aufzieht zeigt sie als eine Meisterin der Erzählkunst und spricht für eine diffizile Wahrnehmung bestimmter Eigenschaften ihrer Charaktere. Sie schaut tief in das Seelenleben ihrer Romanfiguren hinein und sucht nach Erklärungen für ungewohntes Verhalten.

Im Laufe der Geschichte wird der Erzählbogen immer spannender und man staunt, welche Entwicklungen sich anbahnen und ihren Lauf nehmen.

Das Glück einzelner muss schwer erkauft werden. Menschliche Schwächen, Kränkungen aber auch Hilfsbereitschaft in allen Schattierungen treten hervor. Kate und Peter sind die zwei Hauptfiguren, um die sich alles dreht. Sie begegnen sich lange nur sporadisch, um am Ende zueinander zu finden.
Auch ihre Beziehung aber ist astarken Anfechtungen ausgesetzt.

Es werden Schicksale enthüllt und psychische Deformationen angesprochen; es geht um Liebe, Enttäuschung, Neubeginn und Verzeihen. Und es geht um menschliche Verstrickungen, die sehr realitätsnah erscheinen.

Insgesamt ist das ein außerordentlich lesenswerter Roman, von dem man nur schwer lassen kann.

Mary Beth Keane lebt in New York. Dies ist ihr dritter Roman der wochenlang auf der Bestsellerliste der New York Times stand.

Mary Beth Keane
Wenn du mich heute wieder fragen würdest
Eisele Verlag, Oktober 2020
464 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3961610967
ISBN-13: 978-3961610969
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Joe Biden: Versprich es mir

Joe Biden: Versprich es mir

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Joe Biden hat ein langes Politikerleben als Mitglied der Demokratischen Partei in den USA hinter sich.

Er berichtet im vorliegenden Erinnerungsbuch sowohl von seinen Aufgaben als Politiker als auch über sein Leben als Vater, Ehemann und Freund.
Die Geschichte eröffnet ein Panorama an Einblicken in ein Privatleben, wie man es selten bei Politikern findet.

Er wurde 1973 für die Demokratische Partei in den amerikanischen Senat gewählt. Kurz zuvor kam seine junge Frau mit der kleinen Tochter ums Leben. Die zwei kleinen Söhne überlebten. Die Vaterrolle hat er mit der politischen Karriere unter großen Anstrengungen in Einklang gebracht und ist unbeirrt seinen politischen Weg gegangen.

Als Vizepräsident unter Obama entwickelten beide Männer eine enge Freundschaft zueinander.

Obama hat ihm vertraut und überließ ihm die Außenpolitik im Nahen Osten, in Afghanistan, Irak und der Ukraine. Es waren schwierige Verhandlungen und Entscheidungen zu treffen. Man bekommt interessante Einblicke in das politische Leben der Jahre unter der Präsidentschaft von Obama.

Die Art von Bidens Erzählstil zeigt ihn als liebevollen und graden Menschen, der zielstrebig, versöhnlich und klar in der Sache handelt. Er ist klug und selbstdiszipliniert, warmherzig und teilnahmefähig.

Der Tod seines ältesten Sohnes im Jahr 2015 spät nach dem Verlust seiner ersten Frau und Tochter ist ein schwerer Schicksalsschlag, den er nur schwer verkraftet. Auch hier hilft ihm seine Selbstdisziplin und die Fürsprache und Tröstung guter Freunde und seiner Familie. Das Versprechen, das er seinem Sohn vor dessen Tod gab, sich nicht aufzugeben und seinen Idealen treu zu bleiben, bietet den Titel zu seinem Buch.

Amerika, wie wir es uns vorstellen, wird an den Stellen sichtbar, wo es um die Weite des Landes, die Schönheit der Natur und die Großzügigkeit liebevoller und von Hochachtung gekennzeichneter Begegnungen geht.

Insgesamt ist die Autobiographie informativ und anrührend, weil man einen sehr menschlichen und nahbaren künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika erlebt. Er kämpft für eine gerechtere Welt, in der Gleichberechtigung unter den Menschen angestrebt wird, und auch die Armen sicher versorgt seine sollen. Die Hoffnung vieler politischer Freunde ruht auf seiner zukünftigen Präsidentschaft. Es wird keine leichte Aufgabe sein in einer Welt, die voller Konflikte, kriegerischer Auseinandersetzungen und ungleicher Machtansprüche steckt.

Das Buch ist sehr zu empfehlen.

Joe Biden
Versprich es mir
Über Hoffnung am Rande des Abgrunds
250 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3406767133
ISBN-13: 978-3406767135
C.H.Beck, November 2020
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James Baldwin: Giovannis Zimmer

James Baldwin: Giovannis Zimmer

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Es geht in diesem Roman u.a. um Homosexualität, um Liebe und den Rausch, den diese auszulösen vermag.

Ein ratloser junger Mann nimmt eines Tages in New York eine Passage nach Frankreich. Er hat seine Orientierung verloren, da auch sein Vater nach dem Tod seiner Frau seinen inneren Halt verloren zu haben scheint.
In Paris lebt David schlecht und recht von Ersparnissen, die sich bald dem Ende zuneigen.
In einer Bar lernt er Giovanni kennen. Dieser wird zu seinem Schicksal!

Die Atmosphäre im Paris der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bestimmt das Geschehen.
Es ist eine morbide, eine zügellose und doch so anziehende Welt, in die der Amerikaner David fällt. Die nächtlichen Eskapaden mit viel Alkohol und mit der Begegnung ungewöhnlicher Männer und Frauen nimmt ihn gefangen. Sex in einer runtergekommenen und anzüglichen Form legt einen Schleier der Verruchtheit über die Geschichte.
Aller bürgerlichen Tabus beraubt fällt man der ungezügelten Gier nach Lust, Genuss und Ausschweifung zum Opfer.

David ist verlobt und sehnt sich nach bürgerlicher Ordnung. In seiner ungewöhnlichen Liebe zu Giovanni fällt er jedoch aus seinem bisherigen Leben heraus.

James Baldwin wäre nicht der herausragenden Schriftsteller, als der er uns bekannt ist, wenn die Geschichte nicht einen tieferen Sinn hätte. Abgesehen von seiner hinreißenden Sprache mit Bildern, die gelegentlich fast biblisch anmuten, geht es um die Gefühle einer sich verlierenden Generation: Alkohol, Sex, Frauen und Homosexualität spielen ihre Rolle bei der Suche nach der wahren Identität. Es geht um Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Im Nachtleben von Paris kommen die Genies und die Versager zusammen.

Als Extrakt der Geschichte möchte man festhalten: wenn man die Unschuld verliert, hat man den Garten Eden verlassen. Man fällt der Fratze der Hässlichkeit, der ungezügelten Gier und Lust anheim, und man schaut in die Grimasse des Betrugs und der Besitzgier.

Zuweilen fühlt man sich beim Lesen abgestoßen von der Darstellung, kann sich aber dem tieferen Sinn der Geschichte nicht entziehen. Alle Schranken sind gefallen, und man lebt nur noch auf der Suche nach Geld, Zeitvertreib und Lustgewinn. Das Verbotene treibt Menschen in immer höhere Sphären der Exzesse bei gleichzeitig zunehmender Düsternis der Gemüter.

Das muss ein tragisches Ende nehmen!

Der erste Verlag von Baldwin lehnte die Veröffentlichung ab und trennte sich von ihm.

Immerhin befinden wir uns in der Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als gänzlich andere Regeln den Umgang unter den Menschen bestimmten. Es gab noch längst keine auch gesetzlich verankerten Freiheiten, wie wir sie heute im Zusammenleben von Männern und Frauen kennen.

Baldwin lebte von 1924 bis1987. Er war zu seiner Zeit ein vielfach geehrter Schriftsteller und hat sich für Gleichberechtigung im Geschlechterkampf, zwischen arm und reich, Mann und Frau und zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe eingesetzt.

James Baldwin
Giovannis Zimmer
208 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, Februar 2020
ISBN-13: 978-3423282178
ISBN-10: 3423282177
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Hervé le Tellier: All die glücklichen Familien

Hervé le Tellier: All die glücklichen Familien

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Es ist ein wenig Mode geworden in Frankreich, die eigene Familiengeschichte zum Thema von Romanen zu machen. Ob Annie Ernaux oder Edouard Louis: man begibt sich in die Familiengeschichten und findet heraus, wie und auf welche Weise sie Anteil des eigenen Lebens waren, und welchen Einfluss sie auf die eigene Lebensgestaltung genommen haben.
So macht es auch Hervé le Tellier mit seinem neuen Roman „ All die glücklichen Familien“.
Er zeichnet sich allerdings dadurch aus, dass er mit großer Distanz auf die einzelnen Familienmitglieder herabblickt. Dass er mit Spott sich selbst zum „Monster“ mangels Sohnesliebe erklärt, ist nur eine Seite der Geschichte.

Ob Mutter, Vater, Stiefvater oder Großvater: er betrachtet mit Ironie und Witz, wie sie sich zueinander verhalten. Der Großvater, ein Patriarch, in dessen Obhut der kleine Tellier die ersten Jahre seines Lebens verbringt, kommt da noch glimpflich davon. Schlimmer ist der leibliche Vater, der sich schon kurz nach Geburt seines Sohnes aus dem Staub gemacht hat. Die Mutter lässt den Sohn bei ihren Eltern, um ihrerseits ihr ungebundenes und unabhängiges Leben dem eigenen Familienleben vorzuziehen. Dass sie zuletzt bei einem penetranten, adeligen Langweiler endet, ist nur eine Pointe dieses skurrilen Familienromans. Durch Adoption trägt Hervé zuletzt auch noch dessen Nachnahmen.

Recht traurig wird es bei Telliers Verhältnis zur Mutter. Was für ein Kampf gegen diese lieblose, zornige Frau! Seine Versuche, ihr näher zu kommen, prallen alle an ihr ab.

Er erzählt nicht larmoyant sondern nimmt wahr, wie alle diese Onkel, Tanten und Erwachsenen an ihrer Unfähigkeit zur Lebensgemeinschaft kaputtgehen. Echte Liebe findet sich kaum. An Hinweisen und Bezügen zu literarischen und biblischen Vergleichen oder einschlägigen Texten fehlt es in dieser Geschichte nicht.

Hervé le Tellier hat alles im Blick. Ihm entgehen keine Sonderbarkeiten und Charakteristiken dieser verrückten Familie. Vielleicht steckt in seinen Beobachtungen auch eine gehörige Portion Sarkasmus im Sinne von „so sind Familien“. Auf jeden Fall findet sich ein Konvolut verschiedener Eigenschaften, die man in Familien finden kann.

Diesen Autor haben Lieblosigkeit und schwere Schicksalsschläge geprägt. Seine Bewältigung ist die Leichtigkeit, mit der er sich der Geschichten annimmt. Gelegentlich spürt man durchaus auch Tragik, wenn er beschreibt, wie sehr ihm Liebe und Anerkennung von Seiten der Väter und der Mutter gefehlt haben.

Der Tenor von Telliers Ausführungen liegt in der Frage: muss man seine Familie lieben?
Und er kommt zu dem Schluss: man muss es nicht!

Eine anspruchsvolle und geistreiche Lektüre erwartet den LeserIn!

Hervé le Tellier
All die glücklichen Familien
154 Seiten
dtv Verlagsgesellschaft. Oktober 2018
ISBN-10: 3423289716
ISBN-13: 978-3423289719
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Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

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Brit Bennett hat einen Roman von kraftvoller Intensität geschrieben.

Es geht um ein Familienepos, Schwierigkeiten verschiedener Ethnien im Zusammenleben und um eine Gemeinde, die sich von der übrigen Welt isoliert hat. Rassismus spielt die tragende Rolle in dieser Familiengeschichte.

Zwillingsschwestern, die als Schwarze geboren wurden, bilden den Plot der Handlung. Sie haben wie alle in ihrem Dorf eine helle Haut, die sie zu Weißen machen könnte.
Mallard in Louisiana heißt der Ort, in den sie hineingeboren wurden. Gegründet wurde das Dorf von einem ehemaligen Sklaven.
Der Vater von Desiree und Stella wird von Weißen ermordet. Ihre Mutter schlägt sich als Putzhilfe mit ihren Töchtern tapfer durch. Die Mädchen müssen helfen, indem sie ebenfalls als Haushaltshilfen arbeiten.

Eines Tages sind die sie weg. Niemand weiß, wohin sie gegangen sind.
Sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, verlieren sich aber später ganz aus den Augen.
Desiree heiratet einen ganz schwarzen Mann und bekommt ein ganz schwarzes Kind.
Stella ist weg und wird erst spät im Roman wiederauftauchen.

Desiree kehrt eines Tages nach Misshandlungen durch ihren schwarzen Mann nach Mallard zurück.
Ihre schwarze Tochter June fühlt sich in Mallard als Außenseiterin. Sie wird gehänselt und gemobbt, bis sie über den Sport den Sprung an eine Universität schafft.
Nun ist es plötzlich ihre Geschichte, die den Plot stellt.

Jede der Schwestern lebt nun in einer eigenen Welt, die nichts mit der Welt der jeweils anderen zu tun hat. Dass Stella ihr Leben auf den Kopf stellt, indem sie sich als Weiße verlobt, verheiratet und ihr „Schwarzsein“ fortan als ihr ganz tief verborgenes Geheimnis wahrt, lässt sie sehr einsam werden. Sie lebt ein Leben voller Lug und Trug und befindet sich ständig im Zustand innerer Zerrissenheit.
Auch Stella hat eine Tochter, die wie June eine tragende Rolle in diesem Familiendrama übernimmt.

Brit Bennett schreibt in einen einnehmenden Stil, mit dem sie treffsicher Situationsbeschreibungen wiedergibt und ganz tief in die Geschicke ihrer Figuren eintaucht.
Sie hat sich eines großen Themas angenommen: es geht um Rassentrennung, leben in Armut und Reichtum, Identitätssuche und Verlust des eigenen Ichs.

Der Roman führt uns zu den Abgründen des Menschseins. Die Doppelbelastung, schwarz und weiß zu sein, wirft eine Fülle von Fragen auf, die einmal mehr die Konflikthaftigkeit von getrennten Ethnien im Zusammenleben beleuchten.
Brit Bennett vermittelt uns die Wahrheit: dass niemand frei von Vorurteilen gegenüber dem „Andersartigen“ ist.

Ein mitreißender und wunderbar poetisch gestalteter Rahmen gibt dem Roman Tiefe und lässt wirklich an Toni Morrison denken, die eine der ganz Großen in der amerikanischen Literaturszene war.

Brit Bennett
Die verschwinden Hälfte
416 Seiten, gegunden
ISBN-10: 3498001590
ISBN-13: 978-3498001599
Rowohlt Buchverlag, September 2020
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Nick Hornby: Just Like You

Nick Hornby: Just Like You

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Nick Hornby schreibt über eine Liebesbeziehung, die sicher nicht alltäglich ist.

Wir schreiben das Jahr 2016 in London. In England findet die Abstimmung für oder gegen den Brexit statt, was zu gesellschaftlichen Verwerfungen geführt hat. Freunde und Familien gerieten in Streit über diese Frage. In den Gesprächen im Roman wird der Brexit zum Synonym für eine offene, liberale Gesinnung gegen eine, die engherzig und rückwärts gewandt daherkommt.

Die Erzählung befasst sich mit der Beziehung einer 42 jährigen weißen Lehrerin mit zwei halbwüchsigen Söhnen, die von ihrem Mann getrennt lebt. Sie verliebt ich in einen 22 jährigen Mann schwarzer Hautfarbe, der sie seinerseits wunderbar findet. Sie beschäftigt ihn gelegentlich als Babysitter. Doch dabei soll es nicht bleiben.

Nick Hornby lässt die Geschichte langsam angehen. Er umkreist förmlich sanft die gegenseitige Zuneigung. In langen Dialogen, das Umfeld der beiden mit ausleuchtend, nähert er sich dem Plot, der die Erzählung beherrschen wird. Durch zaghafte Annäherungen gewinnt die Geschichte eine fast erotische Spannung, die den LeserIn ganz in seinen/ ihren Bann zieht.

Die Geschichte beinhaltet ja einen Doppelkonflikt: schwarz gegen weiß und Alter gegen Jugend.

Lucy ist eine gescheite Person, die zwar zunächst Skrupel beschleichen, als sie sich mit Joseph einlässt. Doch ihre Söhne mögen diesen jungen Mann, der so schöne Spiele mit ihnen spielt. Was als Job mit gelegentlichem Babysitten beginnt, endet in einer langen Liaison. Für die Söhne ist er Joseph und sonst nichts. Dass sich seine Mutter mit ihm einlässt, bereitet ihnen eher Freude als Anstoß.

Dialoge beherrschen die Szenen und hinter den Dialogen die Gedanken.

Es handelt sich bei Lucys Freunden um einfache Mittelschichtfamilien. In London ist zwar die Diskriminierung von Paaren mit unterschiedlicher Hautfarbe nicht mit der in den USA zu vergleichen. Dennoch wundert sich jeder, was es mit dieser besonderen Verbindung auf sich haben könnte. Beide Partner fürchten die Konfrontation mit ihren jeweiligen Lebenskreisen.

Nick Hornby bietet das Bild einer engen Verbindung, die sich langsam ergeben hat. Alle Schritte werden analysiert: kleine Reisen, Feste und Feiern. Der LeserIn fragt sich, wie es wohl weitergehen wird mit diesem so ungleichen Paar.

Während Lucy als souveräne und besonnene Person beschrieben wird, entwickelt sich Joseph zu einem nachdenklichen, treuen Mann, der fest zu seiner Freundin steht. Dass eine einmalige Untreue von Joseph zur Zerreißprobe werden könnte, wird von Nick Hornby genial aufgelöst. Er erweist sich mit dieser Geschichte als hervorragender Kenner menschlicher Zweifel und Möglichkeiten.

Es handelt sich hier nicht um einen gelungenen Lebensentwurf, sondern die Geschehnisse zeigen eine von zahlreichen Zumutungen geprägte Einmaligkeit.

Wie mit dem Thema um Moral, gesellschaftliche Zwänge und Zweifel umgegangen wird, zeugt von tiefer Menschenkenntnis. Es bleibt der Eindruck einer warmherzigen und starken Liebesgeschichte.

Mich hat das Buch sehr beeindruckt.

Nick Hornby ist ein gefeierter Autor, der in London lebt.

Nick Hornby
Just Like You
384 Seiten, gebunden
ISBN-10: 346200039X
ISBN-13: 978-3462000399
Kiepenheuer & Witsch, 2. Auflage, September 2020
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Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

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Joachim Meyerhoff ist uns wohl bekannt durch seine urkomischen, höchst amüsanten und skurrilen Erinnerungsbücher früherer Jahre, in denen schon die Titel auf die zu erwartende Komik hindeuten.
Nun aber hat es ihn schwer erwischt: ein Schlaganfall ereilt ihn im Alter von nur 51 Jahren . Er merkt schnell, dass etwas nicht stimmt und nimmt die Symptome ernst.
Es gilt, schnellstens in ein Klinikum zu kommen, wobei sich seine inzwischen 18 jährige Tochter als resolut und hilfreich erweist. Selbst in dieser angespannten Lage sieht Meyerhoff mit scharfem Blick, wie sich Verantwortung verkehrt: nicht mehr der Vater führt Regie, sondern die Tochter übernimmt das notwendige Handeln.
In der Klinik angekommen wird er auf die Intensivstation gebracht und seine Eigendiagnose ist richtig: er hat einen Schlaganfall erlitten!

Sein Kopf aber arbeitet unentwegt weiter. Selbstbeobachtung und Fremdbeobachtung nehmen ihren Lauf.
Wenn ihm auch zuerst mehr nach Weinen als Lachen zumute ist, so entdeckt sein wacher Geist sehr bald die skurrilen Seiten der Intensivstation. Ob Schwestern, Ärzte, sonstiges Fachpersonal oder Mitpatienten: in ihm formen sich Bilder, die in ihrer Komik unübertroffen sind. Der LeserIn muss laut lachen, wie diese wortreichen Assoziationen in seinem Kopf beim Beobachten Gestalt annehmen. Die Sätze sprudeln nur so aus ihm heraus.
Zu seiner Beruhigung kommen Erinnerungen hoch, die ihn rühren, ihn an gute und schlechte Zeiten erinnern und seinen Zustand erträglicher machen.

Er ist von entwaffnender Offenheit, kennt kein Tabu und LEBT, selbst im Zustand der Schwäche. Mag sein, dass manche Episode im Nachhinein beim Schreiben eingefügt wurde. Mag auch sein, dass er zuweilen fast ein wenig über die Grenzen des Anstands hinausgeht, wenn er die Kranken bei ihren Gehversuchen und Essübungen karikiert: er bezieht sich immer selber mit ein, und der trockene Humor und die Komik gehören fast zum Charakterbild dieses Schauspielers und Autors witziger Lebensbetrachtungen. Passagen wie die über die mögliche Senkung der Todeszahlen älterer Leute im Straßenverkehr „lieber an der Ampel flitzen als wochenlang im Rollstuhl sitzen“ (S. 199) bieten einen Eindruck vom lakonischen Witz des Erzählers Meyerhoff.
Es ist sein Weg, sich mit Distanz aus der Hilflosigkeit, die diese Krankheit mit sich bringt, zu befreien.

Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass ein ernster Unterton hinter den Worten des Autors zu spüren ist: die Erkenntnis, dass unser Leben endlich ist, und von einem Tag auf den anderen alle bisherigen Sicherheiten dahin sein können.

Der Ernst hinter der Komik ist das Geheimnis des Erfolges von Joachim Meyerhoff.

Joachim Meyerhoff
Hamster im hinteren Stromgebiet
320 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, September 2020
ISBN-10: 3462000241
ISBN-13: 978-3462000245
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David Grossmann: Was Nina wußte

David Grossmann: Was Nina wußte

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Geheimnisvoll, widersprüchlich und zugleich realistisch erzählt uns David Grossmann eine Geschichte. Eine Geschichte von drei Frauen und ihrem jeweiligen Schicksal, das sie einerseits zusammenschweißen sollte,das aber alle drei Frauen voneinander getrennt hat.

In seiner unvergleichlich assoziativen und in Andeutungen sich ergehenden Diktion schält sich erst allmählich die ganze Wahrheit über das Leben der drei Frauen heraus.
Wir befinden uns in Israel. Vera feiert ihren 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass erscheinen ihre Tochter Nina, ihr Stiefsohn Rafael und deren gemeinsame Tochter Gili, ihre Enkelin. Letztere dreht einen Film über ihre Großmutter. Dazu führt sie Gespräche und schreibt alles auf. Sie ist zugleich eine der Protagonistinnen.
Wie soll man über etwas schreiben, das Gefühle ausdrücken und zugleich verbergen soll?

Vera und auch Nina schweigen beharrlich über ihre Vergangenheit. Nur in kurzen Ansätzen kann man Hinweise auf außergewöhnlich harte Jahre bekommen. Vera und Nina sind aus Jugoslawien nach Israel eingewandert. Milos, Ninas Vater und Veras Mann, ist tot. In Israel treffen sie auf Tuvia, der seine Frau nach langem Leiden verloren hat. Er hat drei Kinder u.a. den Sohn Rafael. Vera und Tuvia verbinden sich aus Liebe und Einsamkeit.

In sporadischen Episoden berichtet Vera, wie es zu dieser Ehe kam.
Gili sucht in den Gesprächen mit der Großmutter und ihrem Vater hinter Ninas geheimnisvolles Leben zu kommen. Es ist bemerkbar, dass da vieles nicht stimmt.
Ihre Nachforschungen haben ergeben, dass sich Nina und Rafael begegneten, als sie siebzehn und er fünfzehn Jahre alt waren.
Er ist hingerissen von ihr und wird es ein Leben lang bleiben. Nina aber findet nie zur Ruhe.

Die Spuren der Vergangenheit verdichten sich, als alle genannten Personen beschließen, in die ehemalige Heimat von Vera und Nina nach Jugoslawien, jetzt Kroatien, zu reisen. Was hat sich damals vor so vielen Jahren zugetragen?
Das ist eine lange Geschichte! Sie hat mit dem Jugoslawienkrieg unter Tito zu tun, mit Verrat, Folter, Shoah, Tod und grausamen Verlusten.

Menschen verlieren sich, bleiben sich treu oder geraten durch schwere Schicksalsschläge ganz aus den Fugen. Vera ist zutiefst durchdrungen von ihrer Liebe zu Milos. Aus Liebe zu ihm durchstand sie grausamste Folter, nur um ihn nicht zu verraten. Nina, ihre gemeinsame Tochter, ist das Opfer.

Wie David Grossmann diese Geschichte erzählt, das erinnert sehr an seinen großen Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“.
Auch hier wird geschwiegen, erduldet und mit unbekannten Mächten gerungen um der Wahrheit willen, oder um ihr zu entgehen.
Gebannt folgt man den Lebenswegen der drei Frauen. Die starke Vera bestimmt das Geschehen.

Die Erzählung hat einen wahren Hintergrund: das Schicksal der Jüdischen Kommunistin Eva Panic-Nahir.
Grossmann macht daraus eine Geschichte von gewaltiger Tragweite.
Wieder gelingt es ihm, die Geschehnisse um Verfolgung, Krieg und Shoah ins Bewusstsein der Gegenwart zu holen.
Spannend, beklemmend und eindrucksvoll bleibt der Eindruck eines herausragenden Werkes in der Übersetzung von Anne Birkenhauer.

Davod Grossmann
Was Nina wußte
352 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, 2. Auflage, August 2020
ISBN-10: 3446267522
ISBN-13: 978-3446267527
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Annie Ernaux: Die Scham

Annie Ernaux: Die Scham

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Wie in ihren zahlreichen vorangegangenen Büchern, in denen sie sich mit Stationen ihres Lebens und besonders der Kindheit und Jugend befasst, behandelt Annie Ernaux auch in ihrem neuesten Werk einen Abschnitt aus ihrem Leben.

Hier geht es um „Die Scham“, ein besonderes Kapitel ihrer Erinnerungen.

Sie macht ihre Erkenntnisse in diesem Buch daran fest, dass ihr Vater die Mutter eines Sonntags „habe umbringen“ wollen. Wirklichkeit oder fantasierte Schrecken der Kindheit? Jedenfalls gehörte Brutalität nicht zum Alltag ihres Kinderlebens.

Zurück im Jahr 1952 beschreibt sie, was sie sah, und wie sie sich und andere erlebt hat.
Wunderbar präzise fängt Annie Ernaux Stimmungen ein, die genau in diese Zeit um 1950 gehören.
Wir wissen, dass ihre Eltern einfache Leute sind, und dass ihr der Absprung aus der Kleinbürgerlichkeit in die höheren Sphären des Bildungsbürgertums gelungen ist.
Mit dem Studium gelang es ihr, sezierend den Blick auf die Besonderheiten des kleinbürgerlichen Alltags zu richten.
Als sie zwölf Jahre alt ist, entwächst sie der Kindheit und wird zur Tochter, die weibliche Formen annimmt, Nylonstrümpfe tragen darf und noch vieles mehr. Es hindert die Eltern nicht, sie gelegentlich zu schlagen. Fast karikierend beschreibt sie die Tages- und Wochenverläufe: was „man“ wann isst, anzieht, welchen Tätigkeiten „man“ an welchem Tag nachgeht und wie „man“ sich zu benehmen hat. Es ist ein fest gefügtes Programm, aus dem es kein Entkommen gibt

Vorurteile über das, was gut und böse ist, und wie „man“ sich zu benehmen hat, gehören zur Summe der bitteren Bilanz, die Annie Ernaux auch in diesem Rückblick aufzeigt.

Sie ist gleichzeitig distanziert in ihren Betrachtungen und gefangen in ihrer Erinnerung. Ohne Umschweife und Einschränkungen oder Beschönigung schreibt sie darüber. Wie es im Umschlagtext treffend beschrieben ist
“Scham ist das beharrliche Gefühl der eigenen Unwürdigkeit“.

Dieses Gefühl der Scham beherrscht die Erzählung.
Wie ausgeschlossen sie sich fühlte beim Besuch einer vornehmen Schule mit Menschen höherer Bildung und kultureller Lebensart, das ist fast beklemmend. Gegenüber ihren Mitschülerinnen sieht sie sich in ihrer Gefühlslage und der Lebensformen weit unterlegen.
Ihr Bekenntnis, dass sie sich entgegen ihrer eigenen Aufgeklärtheit nicht aus den Fängen dieser einschränkenden Vergangenheit ganz befreien kann, ist absolut echt. Schreiben mag ihr helfen, alle Erfahrungen prüfend zu hinterfragen; los wird sie die Erinnerungen nicht.

Annie Ernaux ist eine mutige Frau, die mit ihrer Selbsterforschung zur Aufklärung psychischer Befindlichkeiten und deren gesellschaftlicher Zusammenhänge beiträgt. Es steht mir nicht zu, darüber zu räsonieren, warum sie sich selbst in ihren Schriften immer wieder zum Objekt der Forschung macht. Selbsterkenntnis und gesellschaftliche Zustandsbeschreibung stehen beide im Zentrum ihres Interesses.

Im Klappenztext heißt es, sie bezeichne sich als „Ethnologin ihrer selbst“. So kann man die Geschichte sehen.

Hoch gelobt von der Kritik und mit zahlreichen Preisen bedacht lebt sie in Frankreich.

Annie Ernaux
Die Scham
110 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, 17. August 2020
ISBN-10: 3518225170
ISBN-13: 978-3518225172
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