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Autor: Claudine Borries

Daniela Krisen: Der Brand

Daniela Krisen: Der Brand

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Daniela Krien erzählt in ihrem Roman die Geschichte einer Ehe, die in der Krise steckt.

Rahel und Peter sind an die fünfzig Jahre alt und seit dreißig Jahren verheiratet. Sie haben zwei Kinder, die inzwischen aus dem Haus sind. Das Ehepaar hat sich eingerichtet mit der Zweisamkeit.

In langsamem Fortgang berichtet die Autorin überlegt und reflektiert, wie es zur inneren und äußeren Entfremdung zwischen den Eheleuten kam.
Beide haben angesehene Berufe als Professor und Psychotherapeutin.
Ein bevorstehender Urlaub scheitert, weil das Haus in den Bergen, wohin sie reisen wollten, einem Brand zum Opfer fiel.

Unvorhergesehen bittet eine alte Freundin der Familie das Paar um Hilfe. Ihr Hof in der Uckermark mit einigen Tieren muss versorgt werden, da der Mann erkrankt ist. Rahel sagt zu. Peter ist verärgert, weil sie ihn nicht einmal gefragt hat, ob er mit dieser Lösung einverstanden sei.

Unmerklich gelangt Daniela Krien mit dieser Szene zum eigentlichen Kern ihres Romans: die Krise der Ehe wird langsam sichtbar.
Die Autorin hat ein feines Gespür für die innerpsychischen Spannungen, die nicht direkt ins Auge fallen.

In gut platzierten Stimmungen und Aussprüchen wird der Leser*in Zeuge einer Entfremdung, die zu traurigen Einsichten bei Rahel führen. Da spielen Erinnerungen an ihre Mutter eine Rolle, da geht es um schwierige Mutter-Töchterbeziehungen, um Enttäuschungen auf Seiten des Mannes und um Wünsche und Sehnsüchte seiner Frau. Eine tiefe Sprachlosigkeit fällt ins Auge. Versuche der Annäherung scheitern am Unwillen von Peter. Als er schließlich sagt, was er nicht will, ist das für Rahel in ihrer eigenen Lebenskrise hart.

Man ist als Leser*in gefangen von den Vorgängen. Der Besuch der Tochter mit zwei wilden, kleinen Enkelsöhnen beschwört neue Schwierigkeiten herauf.
Daniela Krien entwickelt ihre Geschichte psychologisch überzeugend mit einem abgewogenen Spannungsbogen. Man glaubt ihr jedes Wort und ist fasziniert vom Fortgang der Familiendramatik mit allen gegenseitigen Abhängigkeiten, Vorwürfen und Versagensgefühlen.

Herausragend sind die Naturbeschreibungen. Seen, Wälder, Sonne und Wind lassen das Land in prächtigen Farben vor unserem inneren Auge erstehen.

Eine subtile Familiengeschichte öffnet den Blick auf Entwicklungen, die es in jedem Leben mit allen Höhen und Tiefen geben mag. Ehen folgen häufig dem gleichen Schema: lebendige Anfänge, Überwindung von Hürden, Erfolge und schließlich Ermüdung. Wie aber hält man ein weiteres Auseinanderdriften auf? Man darf gespannt sein, wie die Autorin ihr Geschichte ausführt!

Ein aufregendes und gelungenes Werk ist Daniela Krien gelungen. Es scheint der Wirklichkeit abgeschaut. Man kann das Buch uneingeschränkt empfehlen!

Die Autorin ist mit weiteren Romanen auf dem Buchmarkt vertreten und gilt als anerkannte Schriftstellerin. Sie lebt in Leipzig.

Daniela Krien
Der Brand
Diogenes, 28. Juli 2021
272 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3257070489
ISBN-13: 978-3257070484
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Stefan Hornbach: Den Hund überleben

Stefan Hornbach: Den Hund überleben

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Das Buch des jungen Autors Stefan Hornbach, Jahrgang 1986, „Den Hund überleben“ besticht durch eine unmittelbare Direktheit, mit der man sich sogleich in die erste Szene der Geschichte hineinversetzt findet.

Ein junger Student, der Icherzähler, bummelt mit seiner Freundin durch Paris. Sie haben ein paar Tage zusammen verbracht und haben Spaß zusammen.
Die beiden landen in einem Secondhand Shop, wo sie verschiedene Kleidungsstücke anprobieren. Sie amüsieren sich, trödeln von diesem zu jenem Ort und fotografieren sich. Ihnen fallen immer neue kleine Albernheiten ein. Schließlich erfährt Su von einer Party, die in irgendeinem Park stattfinden soll. Dort trinkt man, isst, tanzt und sitzt herum. Zeit spielt keine Rolle, aber fröhlich wirkt die ganze Geschichte nicht. Sebastian geht es nicht besonders gut. Er wirkt leicht angeschlagen, etwas überrumpelt von dem Geschehen und ein wenig verkatert.

Kurz gesagt: es ist eine vorübergehende kleine Episode mit Sex und Fun, bis Sebastian wieder als Mitfahrer Richtung Heimat nach Frankfurt und Gießen in seine Studenten WG startet.

Er fährt zu seinen Eltern, wo er sich in ärztliche Behandlung begibt, weil er sich nicht gut fühlt.
Beim Arzt erfährt er von einer bedrohlichen Diagnose. Man spricht von Geschwulst bis Tumor, von „raumfordernd“, von klein bis groß, verharmlosend bis Ernst.
Anschließend wird er sich einer langen Chemotherapie unterziehen müssen. Er leidet am non-Hodgkin-lymphom.

Stefan Hornbach hat die Krankheit als Rahmenhandlung genutzt, um uns Einblicke in das Leben des noch jungen Mannes von 24 Jahren zu gewähren.
Zwei gute Freundinnen, Su und Jasna, begleiten Sebastian auf allen seinen Wegen und nehmen Anteil an seinen kleinen Liebesaffären. Er ist schwul.

Auffälliges Merkmal dieser Erzählung ist die Offenheit und unaufdringliche Teilnahme, die dem Jungen von Eltern und Freunden*innen entgegengebracht wird. Da kommt kein falscher Ton auf, keine Sentimentalität oder Gefühlsduselei. Lakonisch, direkt und unmittelbar sind seine Begegnungen und Erfahrungen. Gelegentlich wird durch Überziehen der Sätze ins Humoreske eine ernste Situation entschärft. Fast protokollarisch muten die Sätze zuweilen an. Selbstverständlich bestimmen die Krankheit und Chemotherapie das Leben des Helden innerlich und äußerlich.
Sebastian­­­­­­ versucht sein Leben als Student mit Spaß und Erlebnissen zu wahren.

Obwohl sich alle um Nüchternheit im Umgang mit ihm bemühen, spürt man den Schmerz der Beteiligten, die sich um ihn scharen. Wie der Autor die Eltern, nicht zu vergessen die Oma, agieren lässt, das zeigt das Können des jungen Stefan Hornbach. Unter der Oberfläche der Sachlichkeit schwelt bei allen eine tiefe Sorge um ihren Sohn und Freund. Es gibt Szenen von selten poetischer Schönheit. Die Liebe zur Natur, die Suche nach Einsamkeit, die Sehnsucht von Sebastian nach einem normalen Leben oder einer verlorenen Liebe ist unübersehbar. Sensibel und feinfühlig wird er uns präsentiert.
Er ist eine Figur, die so realitätsnah auftritt, dass man meint, es gäbe ihn wirklich.

Die Frage bleibt: was kann einen Autor zu diesem Sujet verleitet haben?

Stefan Hornbach ist ein ernsthafter Autor, dem man eine starke innere Nähe zu seinem Helden glaubt.

Ihm ist mit diesem Debütroman ein großer Wurf gelungen.

Stefan Hornbach
Den Hund überleben
Carl Hanser Verlag, 26. Juli 2021
288 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3446270787
ISBN-13: 978-3446270787
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Zeruya Shalev: Schicksal

Zeruya Shalev: Schicksal

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Zeruya Shalev hat die ganz große Begabung, die man ähnlich bei anderen israelischen Schriftstellern wie Amos Oz oder David Großmann findet: aus einer Vielzahl Assoziationen, träumerischen Erinnerungen und Gegenwartserlebnissen ein Geflecht von Beziehungsmustern sichtbar werden zu lassen.

In ihrem neuen Roman „Schicksal“ geht es um zwei Paare: Rachel und Menos und Atara mit Alex.

Rachel und Menos hatten sich 1948 in der Terrororganisation Lechi engagiert, die die Befreiung Israels aus der englischen Mandatsregierung zum Ziel hatte. Menos verschwindet schnell spurlos aus der Geschichte und aus Rachels Leben.

Die Icherzählerin Rachel ist inzwischen an die neunzig Jahre alt, als eine nicht mehr ganz jungen Frau zu ihr kommt. Wie sich herausstellt ist Atara die Tochter von Menos. Sie spürt der Geschichte ihres Vaters und seiner ersten Ehe nach.

Atara ist mit Alex verheiratet und hat mit ihm den gemeinsamen Sohn Eden. Beide hatten schon Kinder aus vorherigen Ehen. Die Beziehungen in dieser Familie sind kompliziert und konfliktträchtig.

So beginnt eine Erzählung, in der es um Krieg, Liebe, Verlust und psychisches Leid geht.

In der Erzählung laufen die Lebensgeschichten von Rachel und Atara parallel. Besonders Letztere ist in einem Netz aus Zweifeln und Selbstzweifeln gefangen. Als ihr Mann Alex sehr plötzlich und unerwartet stirbt, ist die Handlung weitgehend mit ihrem Schicksal und ihrer problematischen Ehe befasst.

Mühsam sind in der Folge die Zeitsprünge zwischen der Staatsgründung und dem späteren Israel. Man spürt die allgegenwärtige Gewalt kriegerischer Handlungen.

Nahe kommt einem in der Beschreibung von Zeruya Shalev die Landschaft, die Städte und das allgemeine politische Klima seit der Staatsgründung 1948, als es noch eine britische Mandatsbesatzung gab. Die Verfolgung, der Holocaust und die Jahrhunderte währende Ghettoisierung haben die Bewohner Israels zu Überlebenskünstlern und Kämpfern gemacht, die sich nie wieder einem Untergang ergeben werden.

Wenn der Roman auch zu Anfang interessante Einblicke in das Leben, die Geschichte und das Schicksals Israels verspricht, so kommt im Laufe der Erzählung Langweile auf. Zu wenig stringent und zu ausschweifend verliert sich die Autorin in langatmigen Schilderungen über die innerlichen Befindlichkeiten ihrer Protagonisten. Bei einer Autofahrt zu Rachel erlebt Atara lange Verzweiflungsausbrüche und unendliche Gefühlsberichte über ihre innere Zerrissenheit. Irgendwann fühlt man Überdruss, weil rein gar nichts vorangeht. Die Sprache ist schön, ästhetisch und ausdrucksvoll, gelegentlich fast biblisch; sie reicht aber nicht, den Roman zu einem anhaltend interessanten Leseerlebnis werden zu lassen.

Vom Ansatz her geht es um ein interessantes Familiengeflecht mit vielen Irrungen und Wirrungen, Enttäuschungen und Verlusten. Die Schilderung der Beziehungsdramen und Ataras Anklagen gegen sich und andere machen den Roman zu einem Stück tragischer Familiengeschichte.

Wer an dieser Art Psychodrama interessiert ist und ganz allgemein am Leben in Israel gerne teilnimmt, wird auf seine Kosten kommen.

Die Übersetzung von Anne Birkenheuer wird allenthalben als große Leistung gewürdigt.

Zeruya Shalev
Schicksal
Berlin Verlag: 2. Edition, Mai 2021
416 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3827011868
ISBN-13: 978-3827011862
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Melissa Harrison: Vom Ende eines Sommers

Melissa Harrison: Vom Ende eines Sommers

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Auf einer Farm in Suffolk/ England lebt in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts Edith Mather im Kreise ihrer Familie.
Sie ist eine intelligente Schülerin muss aber fleißig auf der elterlichen Farm helfen, da alle Hände gebraucht werden. Es ist die Zeit wirtschaftlicher Not nach dem ersten Weltkrieg. Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise machen allen schwer zu schaffen.
Ediths ältere Schwester ist verheiratet und hat schon ein Baby. Frank, der Bruder arbeitet ebenfalls mit auf der Farm und hilft beim Ernten und beim Bestellen der Felder.

Eines Tages erscheint Constance FitzAllen aus der fernen Stadt London. Sie gibt sich als Journalistin aus und will eine Kolumne über das Landleben schreiben.
Edie ist eher introvertiert. Sie liest viel und durchstreift die Wälder. Sie empfindet das Glück der Natur, die Farben, den Duft des Heus, die wechselnden Jahreszeiten.
Constance aber löst Bewunderung in ihr aus. Dass diese ihre Nase überall hat, stört sie nicht.

Melissa Harrison, die Autorin des vorliegenden Romans, hat eine besondere Gabe, den wechselnden Farben und Stimmungen der Natur Ausdruck zu geben. Man fühlt sich beinahe mit hineinversetzt in die Wunder des Landlebens mit allen seinen Gerüchen und Geräuschen. Hingerissen vermeint man den Gesang der Vögel zu hören und staunt über die in prächtigen Farben beschriebenen Getreidefelder mit dem weiten Blick. Die Beobachtungen von Mensch und Tier in dem gleichmäßigen Trott der Jahre sind beruhigend, und die Feinheit der Beschreibungen von Melissa Harrison ist mitreißend.

Gelegentlich sieht es so aus, als solle die Geschichte ewig mit den Alltäglichkeiten der Menschen, ihren kleinen oder großen Sorgen, Klatschgeschichten und den seltenen Festen so weitergehen.

Unterschwellige Spannungen zwischen Edies Eltern, strikt befolgte Regeln im Zusammenleben von Mann und Frau, in denen Gedanken emanzipatorischen Charakters unterdrückt und ausgeschlossen werden, zeigen die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit ihren gesellschaftlichen Ausprägungen.

Der erste Weltkrieg, bei dem so viele Männer ihr Leben lassen mussten, macht sich in der Landwirtschaft durch Arbeitskräftemangel ständig bemerkbar. Alle Hände müssen mit anpacken, auch Edie und ihre Mutter sind gefordert. Es ist ein hartes und entbehrungsreiches Leben.

Edie ist mit ihrer Jugend noch voller Enthusiasmus, und man spürt in ihr eine sensible Seele.

Die Geschichte soll aber nicht so beruhigend bleiben. Über lange Strecken darf man sich zunächst weiter über diese herrlichen Landschaftsbeschreibungen freuen. Dann beginnt vorsichtig und kaum wahrnehmbar der Geist der Journalistin Raum einzunehmen.
Ohne hier zu viel vorweg zu nehmen, kann man sagen, dass die Geschichte an Fahrt aufnimmt und immer rasantere Veränderungen im Verhältnis der Menschen untereinander spürbar werden.
Ein ungewöhnliches Ende bricht fast wie eine Bombe ein und lässt den Leser*in atemlos zurück.

Das Verhältnis der langen Geschichte zum erschreckenden Ende ist nicht ganz stimmig.
Der ansonsten gut erzählten Geschichte fehlte hier die Ausgewogenheit.

Melissa Harrison
Vom Ende eines Sommers
320 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, Juni 2021
ISBN-10: 3832181520
ISBN-13: 978-3832181529
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Leila Slimani: Das Land der Anderen

Leila Slimani: Das Land der Anderen

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Mathilde lebt mit ihrer Familie Ende des Zweiten Weltkriegs im Elsass. Hier begegnet sie 1947 einem Marokkaner, der als Offizier in der französischen Armee gekämpft hat.

Das triste Nachkriegsleben macht anfällig für Neuaufbrüche. Mathilde ist jung und heftig verliebt in den nur wenige Jahre älteren Amine Belhaj. Sie folgt ihm voller Enthusiasmus in seine Heimat Marokko.

Ihre Erwartungen entpuppen sich sehr bald schon als große Illusion.
Am Fuße des Atlasgebirges in Meknès hat Amine ein wenig Land von seinem Vater geerbt.
Es ist ein karges Stück Erde mit einem primitiven Haus, in dem sich in der Folge das Leben der beiden Liebenden abspielt.

Mathilde war nach ihrem ersten Eindruck entsetzt und bleibt unzufrieden. Kann sie doch ihrer Familie in Frankreich keinesfalls erzählen, wie primitiv und entbehrungsreich ihr Leben hier ist.
Ihre zwei Kinder zieht sie unter den einfachen Bedingungen ihres neuen Lebens groß. Sie arbeitet viel und kräftezehrend.

Die Einsamkeit ohne Freunde und Familie macht Mathilde sehr zu schaffen. Amine schuftet bis zum Umfallen, um aus dem kargen Boden fruchtbares Land zu machen. Immerhin gibt es noch ärmere Menschen, die sich in Diensten der kleinen Familie befinden. Zuweilen ist sogar vom „Gutsbesitzer“ die Rede. So ganz kann man es sich nicht vorstellen.

Leila Slimani beschreibt schnörkellos und ehrlich, wie es den Menschen in ihrem Roman geht.
Die Hitze, der Schmutz und Staub und das zuweilen von gegenseitigen Unvereinbarkeiten geprägte Paar ist gut zu erkennen.
Gefühle sind stark besetzt von der körperlichen Leidenschaft zwischen den beiden.

Man kann der Atmosphäre in der Medina, des Geschäftsviertels mit seinen typischen Verkaufsständen und Gerüchen, nachspüren. Hier gibt es Szenen voller Poesie und Andacht beim Betrachten der Blumen, die Mathilde in ruhigen Minuten erlebt.

Wie beschreibt Slimani das Aufeinanderprallen zweier verschiedener Kulturen und Religionen?
Es herrscht ein stark patriarchalisch orientiertes Gesellschaftssystem.

Familiäre Bindungen zwischen Mathilde und Amines Angehörigen sind schwierig. Amine wird als unabhängiger Geist mit Verantwortungsgefühl für alle seine Angehörigen beschrieben.

Mitte der fünfziger Jahre kommt es vermehrt zu Unruhen zwischen den immer noch unter französischem Protektorat lebenden Marokkanern und Franzosen, die hier leben. Die Lage wirkt zunehmend bedrohlich und die Sorgen vor Übergriffen wächst. Das kann die Autorin geschickt und spannend in ihre Erzählung einbringen.
Erst 1956 erlangte Marokko seine Unabhängigkeit

Leila Slimani schreibt nüchtern, sezierend und gut beobachtend. Das zeigte sie auch in ihrem Roman „Dann schlaf auch du“.
Der jetzt vorliegende Roman ist in Anlehnung an das Leben ihrer Großeltern entstanden.
Sie ist eine großartige Erzählerin, die mit der Klarheit ihrer Beobachtungen beeindruckt.
Ihre Bücher sind internationale Bestseller, wie es auf dem Einband heißt.

Leila Slimani
Das Land der Anderen
Luchterhand Literaturverlag, Mai 2021
384 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3630876463
ISBN-13: 978-3630876467
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Hisham Matar: Ein Monat in Siena

Hisham Matar: Ein Monat in Siena

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Dieses Buch führt uns zurück ins 13.- 15. Jahrhundert in Italien, als dort eine Zeit der Hochblüte wunderbarer Malerei der Renaissance ihren Ausdruck fand.

Hisham Matar war 1989 im Alter von 19 Jahren in Siena gewesen, hatte kurz darauf seinen Vater verloren und besucht nun nach 25 Jahren erneut die Stadt, die ihn s. Zt. so sehr angerührt hat. Er will sich erneut mit der Schule der sienesischen Malerei befassen.
Einen Monat will er sich dort aufhalten.
Im Gegensatz zu den anderen großen Städten Italiens, die vom Adel oder dem Klerus regiert wurden, war Siena eine Republik mit einer Regierung aus Mitgliedern der Bürgerschaft.

Wie Hisham Matar die Stadt beschreibt, wie sie aus vielen Gassen zu ihrem großen runden Platz, dem Piazza il Campo, führt, zeigt einen sensiblen Beobachter, der seine Eindrücke und Reflexionen in Bezug zu seinem eigenen Leben setzt.
Man findet Duccio, die Lorenzettibrüder, Simone Martini u.a. in seinen Schilderungen wieder.

Bekannt und berühmt sind die Fresken im Palazzo Publico von Ambrogio Lorenzetti, in denen er der guten und der schlechten Regierung in seinen Fresken Ausdruck verleiht. Der Autor übersetzt einzelne Szenen und Darstellungen in wortreiche Sprache mit ihrer Bedeutung für den Betrachter. Eigene Überlegungen und philosophische Gedanken ergänzen den Text, der dem Leser die Augen öffnet für die Bedeutung dieser großartigen Malerei.
Einzelne Kapitel öffnen das Herz den vielfältigen Eindrücken, mit denen Hisham Matar seinen Empfindungen von Freude, Trauer, Verlust, Liebe, Einsamkeit und Glück nachhängt.

In gewisser Weise ist es eine sinnliche Geschichte. Sinnlich in dem Sinne, dass der Stadtwanderer physisch jede Gasse, jede Bank oder jeden Ausblick und selbst das Pflaster des Piazza del Campo auf sich wirken lässt. Man spürt eine immer wieder auftretende Ergriffenheit angesichts der Schönheit der Stadt und der sie umgebenden Landschaft.

Selten begegnet er in diesem Monat Menschen. Er will alleine sein und seinen Impressionen nachhängen. Seine höfliche und freundliche Art nötigt ihn gelegentlich zu näheren Kontakten. Dem Reiz von Fremden und deren Schicksalen gegenüber ist er aufgeschlossen. Seine Augen und Sinne scheinen immer wieder hinter Fassaden im wahrsten Sinne des Wortes zu blicken. Er ist hoch reflektiert in der Darstellung seiner Eindrücke.

Es gibt jedoch auch kurze Geschichtshinweise, die einem die Lebensweise der Menschen im Mittelalter nahebringen.
Man möchte jedes Wort der kultivierten Sprache, des feinen Ausdrucks und seiner Bildinterpretationen in sich aufnehmen, behalten und verinnerlichen.
Zuweilen haben mich seine Wahrnehmung der Bildkomposition mit ihrer Aussagekraft regelrecht ergriffen.

Zahlreiche Bildtafeln ergänzen den Text.

Ursprünglich stammt Hisham Matar aus Libyen. Heute lebt er in London. Er wurde mit zahlreichen Auszeichnungen für seine Bücher geehrt.

Hisham Matar
Ein Monat in Siena
Luchterhand Literaturverlag, Mai 2021
160 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3630876188
ISBN-13: 978-3630876184
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Lucy Pollock: Das Buch über das Älterwerden

Lucy Pollock: Das Buch über das Älterwerden

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Die in England bekannte Geriaterin Dr. Lucy Pollock hat ein Sachbuch über das Altern geschrieben.
Es zeichnet sich dadurch aus, dass es voller Verständnis, liebevoller Einfühlung und Wissen um die Malaisen des Altwerdens geschrieben worden ist.

Dass wir heutzutage viel älter werden als in vergangenen Zeiten, ist eine Binsenweisheit.
Gerade deshalb sind Einschränkungen in zahlreichen körperlichen Befindlichkeiten fast immer mit diesem langen Leben verbunden. Nur wenigen ist es gegeben, gesund und munter erst hochbetagt zu sterben.

Dr. Pollock erzählt von ihren Erfahrungen und führt Beispiele über ihren Umgang mit älteren Menschen an. Sie berichtet von deren Eigenheiten, Ängsten und Verleugnungen, wenn der Köper unangenehme Erscheinungen aufweist. Auch bezieht sie nahe Angehörige mit ein und bespricht die wichtigsten Fragen und nur verschämt geäußerten Selbstzweifel auf ganz natürliche und ungezwungene Art und Weise.

Die Geriaterin widmet lange Kapitel der Inkontinenz, die mit zu den unangenehmen Begleiterscheinungen des Alterns gehört. Welche Mittel gibt es, um Abhilfe zu schaffen?
Hier setzt die Fachfrau an. Sie beschreibt Medikamente, Physiotherapie und Eigenhilfe, um dem Übel beizukommen. Sie macht Mut, sich mit der neuen Lebenslage auseinanderzusetzen und falsche Scham abzulegen.

Ein sehr langes Kapitel widmet die Autorin Medikamenten, die sich in ungeheurer Zahl über Jahre angesammelt haben. Zuweilen weiß keiner mehr, wofür sie ursprünglich verordnet wurden. Auch die Verträglichkeit der Medikamente untereinander in ihrer Anwendung müssten gründlich erforscht werden. Dr. Pollock geht diesen Fragen mit viel Verständnis für ihr Gegenüber nach. Die Liste der Medikamente werden gemeinsam mit ihrem/ihrer Patient*in besprochen und auf die Notwendigkeit zur Einnahme überprüft.

Nach und nach handelt Dr. Pollock die ganze Liste erwähnenswerter Vorsorgevorkehrungen ab.
Ob Demenz, Patientenverfügungen, Wiederbelebung nach Ausfall wichtiger Organe, Geschäftsfähigkeit und Behandlung multimorbider Krankheitszustände etc.: alles wird gründlich erklärt und mit Beispielen aus der Praxis belegt.

Die Begegnungen mit Patienten*innen und deren Angehörigen während ihrer langjährigen Praxis haben offensichtlich ihr Menschenbild geprägt. Aus Sachfragen werden auf diese Weise lebendige Geschichten mit menschlichem Gesicht. Rührend, anteilnehmend, teilweise gar humorvoll, zeigt sie uns ihre Patienten: wer sie sind, welche Geschichte sie haben, wie sie sich in den jeweiligen Situationen verhalten, wie die Angehörigen reagieren, und wie man sich mit diesen ganzen z.T. schweren Schicksalen auseinandersetzt.

Selbst als Laie ist dieses Buch für alle Angehörigen und vielleicht sogar den/die Leser*in von hohem Interesse.

Ich kann es gerne empfehlen als Hilfe für die langen Jahre, in denen man noch lebt aber schon von zahlreichen Einschränkungen betroffen ist! Dr. Lucy Pollock scheint eine wahre Menschenfreundin zu sein. Sie lebt in Somerset, wo sie sich als Beraterin und Betreuerin für ältere Menschen betätigt.

Dr. Lucy Pollock
Das Buch über das Älterwerden
DuMont Buchverlag, Mai 2021
340 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3832181504
ISBN-13: 978-3832181505
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Laura Imai Messina: Die Telefonzelle am Ende der Welt

Laura Imai Messina: Die Telefonzelle am Ende der Welt

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Was für eine wunderbare Einrichtung das ist! Eine Telefonzelle steht in einem Garten scheinbar am Ende der Welt am Hang des Kujirayama, etwa eine Fahrstunde von Tokio entfernt. Der Wind rauscht und umtost die Telefonzelle, die zahlreiche Menschen tägliche besuchen, um mit ihren verstorbenen Angehörigen nach alter buddhistischer Sitte zu sprechen. Der Garten Bell Gardia muss ebenfalls wunderschön sein.

Bei einem Taifun 2011 sind unglaublich viele Menschen umgekommen. Auch Yui, die Moderatorin des Radios, macht sich eines Tages auf zu diesem bezaubernden Ort, denn sie hat Mutter und kleine Tochter bei dem Tsunami verloren. Sie lernt den Arzt Takeshi kennen, der nach seiner verstorbenen Frau forscht. Beide beginnen einen vorsichtigen Kontakt miteinander.

Eingeflochten in die Erzählung erlebt man weitere handelnde Personen, die mit Mutter oder verstorbenen Kindern sprechen wollen. Das alles wirkt wie ein Traum!

In einer langen, gut erdachten Geschichte erhält man einen Blick auf Japan, wie man sich das Land herkömmlich vorstellt: zarte menschliche Umgangsformen, sehr höflich und zurückhaltend. Doch die Leiden und Freuden der Welt bleiben sich am Ende immer gleich. Yui ist eine äußerst empfindsame Person und Takeshi ein rücksichtsvoller und liebevoller Mann. Beide fahren drei Jahre lang zu dieser Telefonzelle, um sich mit Menschen zu treffen, die fast alle einen Verlust zu beklagen haben. Insofern ist es der Tod, der die Erzählung mitbestimmt. Aber nicht nur! Die Hoffnung auf einen Neubeginn ist immer mit dabei.

Laura Imai Messina, die Autorin des Buches, ist schon in jungen Jahren zum Studium nach Japan gegangen und lebt heute dort mit Mann und zwei Kindern. Wenn man ihre Erzählung liest, kann man schon verstehen, wie sehr sie vom Leben und der Schönheit des Landes entzückt war und ist. Die Zartheit im Umgang der Menschen miteinander, die ausgeprägte Selbstdisziplin, die ästhetischen Farben der Landschaft und so vieles mehr zeigen uns ein Land, in dem die Menschen nicht laut und dröhnend sind. Messina gibt dem vornehmen und eher zurückhaltenden zwischenmenschlichen Ton Raum. Alle Personen haben in ihren Erinnerungen an die Verlorenen eigene Vorstellungen. Es gibt den Verlust des Glücks, die Schuldgefühle über begangenes Unrecht und eine äußerst liebevolle Sehnsucht nach all dem Vergangenen. Keiner mag wirklich glauben, dass die Liebsten für immer verloren sind.

Laura Messina besitzt eine ausdrucksvolle Sprache, mit der sie die Poesie der japanischen Seele einfängt.
Ihre Liebesszenen sind diskret und zeugen von einer sensiblen Sprachkultur. Gebannt schaut der Leser auf das Geschehen, das diese ruhigen, beschaulichen Landschaftsbilder zu Zeiten in böse, alles zerstörende Orkane verwandeln kann.
Die ganz und gar ungewöhnliche Liebesgeschichte gibt der Erzählung das Gerüst und bietet den roten Faden, mit dem man das Erlebte nachempfinden kann.
Es ist eine von tiefer Empathie getragene Geschichte.

Schon das Deckblatt bietet einen Blick auf eine Telefonzelle, die wie verlassen im leeren Raum steht. Ein zarter Zweig mit rosa Blüten weist in ihre Richtung.

Im Anhang findet man Erklärungen zu japanischen Wörtern und Symbolen.

Laura Imai Messinas Roman war lange auf den Bestzellerlisten in aller Welt.

Laura Imai Messina
Die Telefonzelle am Ende der Welt.
btb Verlag, März 2021
352 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3442758963
ISBN-13: 978-3442758968
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Gabriele von Arnim: Das Leben ist ein vorübergehender Zustand

Gabriele von Arnim: Das Leben ist ein vorübergehender Zustand

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Es gibt Bücher, die lösen Glücksgefühle beim Leser aus.

Gabriele von Arnims vorliegendes Buch ist so eines.
Nicht, weil es eine schöne, leichte Geschichte ist, sondern im Gegenteil: weil man ein Schicksal von ungeheurer Tragweite in einer Sprache und reflektierten Wiedergabe erzählt bekommt, wie sie vergleichbar kaum vorkommt. Am ehesten ist die Amerikanerin Joan Didion noch mit diesem Stil gleichzusetzen.

Aber beginnen wir von vorn.
Gabriele hat ihrem Mann gesagt, dass sie nicht länger mit ihm leben kann.
Spät abends erfährt sie, dass ihr Mann im Krankenhaus liegt.
Er hatte einen Schlaganfall.

Es beginnt eine Zeit, die sich keiner vorstellen mag. Noch zahlreiche weitere gesundheitliche Einbrüche folgen dem ersten. Er bleibt viele Wochen im Krankenhaus. Erst nach und nach wird erkennbar, wie geschädigt sein Gehirn ist.

Mit eindringlichem Ton und in abwägenden Worten erzählt Gabriele von Arnim über ihren Mann, wie er war, was sie vermissen wird, wie ihm die „Gefangenschaft“ im eigenen Körper zur Qual wird. Er, ein freiheitsliebender Mensch, ein Redner und Diskutant par excellence, wird nie wieder richtig artikulieren können; er wird nicht lesen und nicht schreiben können, keinen Sport mehr treiben können und lebenslänglich auf körperliche Hilfe angewiesen sein. Dazu bleibt er im Geist und Verstand wach und präsent.

Wie von Arnim sich der Tragödie nähert; wie sie ernst und aufrichtig, gescheit und ehrlich die verschiedenen Phasen dieser Jahre andauernden Leidenszeit schildert: das zeigt uns eine Frau von außerordentlicher Bildung und großer Charakterstärke, die Zitate vieler Autoren parat hat, mit denen sie ihre eigenen Gefühle jeweils noch untermauern kann.

Es ist überwältigend, wie sie auch intimste Gedanken preisgibt, von Stimmungsschwankungen berichtet und über die wechselnden Phasen sich selber fast vergessen hat. Es ist aber auch das Bekenntnis zu einer innigen Liebe, die im Angesicht dessen, was sie zusammen durchmachen, noch an Intensität gewinnt.

Die Erzählung geht ans Herz und öffnet dem Leser, der vielleicht vergleichbare Erfahrungen hatte, die Möglichkeit, in Gedanken just die gleiche Leidenszeit in passende Worte gefasst zu finden.

Viel mehr mag man nicht sagen, weil im Angesicht der Schwere dieses Schicksals jedes Wort aus fremden Mund zu viel sein könnte!

Gabriele von Arnim
Das Leben ist ein vorübergehender Zustand
Rowohlt Buchverlag, März 2021
240 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3498002457
ISBN-13: 978-3498002459
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Juli Zeh: Über Menschen

Juli Zeh: Über Menschen

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In ihrer unübertroffen leicht ironischen Sprache erzählt Juli Zeh wieder einmal über Menschen.

Wir sind in der Jetztzeit angekommen. Es herrscht Corona all überall.

Dora, ca 36 und Texterin von Beruf, ist von Berlin aufs Land gezogen. Warum? Sie wollte weg von ihrem Freund mit seinen Klimagedanken und seiner Unruhe. Jetzt lebt sie in Bracken, einem kleinen Dorf in Brandenburg.
Das Haus, das sie erworben hat, besitzt noch wenig Charme aber einen großen Acker, den sie zu bestellen gedenkt.
Ein seltsamer Kauz bewohnt das Nebenhaus. Er streut rechtes Gedankengut aus.
Sie beobachtet fleißig, was um sie herum geschieht. Das ist zumeist gar nichts.

Zu ihrer Geschichte sei noch kurz angemerkt, dass ihre Mutter tot, der Vater ein angesehener Neurochirurg und der Bruder ein ausgemachter Faulpelz ist.

Wie lebt es sich in ihrem neuen so ungewöhnlichen und von der Großstadt Berlin mit seiner Hektik entfernten Umfeld?
Juli Zeh nutzt die Erzählung, um in kurzen Kapiteln, die kleinen Geschichten gleichen, ihre zutreffenden gesellschaftlichen Beobachtungen zu machen.

Während ihr Roman „Unter Leuten“ eine Vielzahl von eigenbrötlerischen Gestalten mit besonderen und sehr unterschiedlichen Charakteren in einem Dorf vereint, geht ihre Protagonistin Dora einen ganz eigenen Weg.
Sie will ihre Individualität leben und sich von niemandem vereinnahmen lassen.
Das fängt bei ihrem Freund Robert an und hört bei ihrem Bruder Axel auf, der als Hausmann nur allzu gerne sie als Tante und Babysitter für seine Kinder einsetzen möchte.

Die Kunst von Juli Zeh besteht im Wesentlichen darin, dass sie jede Gelegenheit nutzt, um auf die Defizite menschlicher Verhaltensweisen in ihren stets gelungenen Analysen hinzuweisen.
Ob es die einsame Dora mit ihrem Hund Jochen- der- Rochen oder die komplizierte Beziehung zu ihrem der Apokalypse verfallenen Freund Robert ist: mit einer neben der Ironie oft Witz versprühende Diktion ist sie in ihren Schilderungen punktgenau und intelligent.
Sie sieht sehr genau hin und vergisst das Unglück nicht, in dem sich Seelen häufig verfangen.

Gote, der skurrile Nachbar, bei dem ein AFD Schild an der Haustür prangt, und die beiden verbundenen Kerle, die ebenfalls Zweifel am politischen Tun äußern, gehören zu ihren Dorfbetrachtungen. Zugleich sind alle erstaunlich hilfsbereit. Der Zwiespalt und die Widersprüchlichkeit menschlichen Tuns wird immer wieder in einzelnen Szenen festgehalten.

Juli Zeh zeigt die menschliche Seite und verlässt ihren sarkastischen Stil, als sich so einiges Unvorhergesehenes ereignet.
Wie immer sieht sie beide Seiten des Menschen: Unglück und Glück, Hilfsbereitschaft und Takt. Und wie immer stoßen Menschen an Grenzen.

Ein wenig umfangreich ist das Buch mit 412 Seiten geraten. Eine gewisse Kürzung hätte ihm nicht geschadet.
Dennoch volle Empfehlung von mir!

Juli Zeh
Über Menschen
Luchterhand Literaturverlag, März 2021
416 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3630876676
ISBN-13: 978-3630876672
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