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Schlagwort: Erinnerungen

Charles J. Shields: Der Mann, der den perfekten Roman schrieb

Charles J. Shields: Der Mann, der den perfekten Roman schrieb

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„John Williams, der den Roman „Stoner“ schrieb, wurde erst lange nach seinem Tod berühmt und gilt heute als Ikone in der amerikanischen Literatur“. So lautet es auf dem Klappentext. Und in der Tat ist der Roman „Stoner“ ein unerhörtes Leseerlebnis.

Charles Shields hat sich auf Spurensuche begeben und eine wunderbare Biographie dieses Ausnahmetalentes geschrieben.

In vielen Details, mit klugen Gedanken arbeitet er heraus, wie sehr John Williams’ Leben dem seines Romanhelden „Stoner“ glich.

Aus einfachen Verhältnissen stammend arbeitete Williams sich in zahlreichen Nebenjobs hoch, so dass er schon in jungen Jahren einen kleinen Verlag leitete. Bis dahin arbeitete er als Regisseur kleinerer Theater, war Radiomoderator, kämpfte in Zweiten Weltkrieg in der amerikanischen Luftwaffe, war schon mit 24 Jahren zum zweiten Mal verheiratete und so fort. Er lebte in verschiedenen mittelwestlichen Staaten der USA und kam viel herum. Doch dann begann er ein Literaturstudium, und er begann zu schreiben.
In der vorliegenden Biographie beschwört Shields die literarischen und verlegerischen Größen der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Westen und Süden Amerikas herauf. John Williams geriet unweigerlich in diese Kreise und nahm bald einen festen Platz unter ihnen ein.

Die Vielzahl der Namen von Professoren, Schriftstellern, Verlegern u.a. sind für den Leser nicht immer leicht zu behalten. Charles Shields’ Arbeit ist detailreich, genau und gleicht fast einer literarisch wissenschaftlichen Arbeit. Unter den äußeren Daten spürt man sehr genau, wo „Stoner“ biographische Züge seines Erfinders trägt. Wie „Stoner“ kam Williams aus einfachen Verhältnissen. Ein gemeinsames Merkmal scheint auch die Einsamkeit zu sein, unter der beide litten, auch wenn John Williams äußerlich einen großen Bekannten- und Berufskreis hatte. Wie sein Protagonist ist Williams besessen von seiner schriftstellerischen Arbeit und hat wenig Zeit für sein Privatleben. Kein Wunder, dass er vier Ehen hinter sich hat!

Shields versäumt nicht, auf die landschaftlichen Schönheiten der Aufenthalte von John und seiner vierten Frau hinzuweisen. Denver, Key West, Missouri, Boston und wie die Orte alle heißen, an denen John Williams lebte und arbeitete. Sie werden äußerst malerisch beschrieben. Wildes, schönes Amerika!

In dem ausführlichen Lebenslauf von Williams gab es Höhen und Tiefen, es gab viel Alkohol, es gab Stimmungsschwankungen, aber es gab auch eine Vielzahl von Begegnungen mit anerkannten Größen des Literaturbetriebs, Freundschaften, Feindschaften, Rivalitäten und nicht zuletzt zahlreiche anerkannte Preise.

Während der Roman „Stoner“ in Amerika in Vergessenheit geriet, entdeckte ihn die französische Schriftstellerin Anna Gavalda 2007 für Europa neu. Der Roman begann mit der Übersetzung in fast alle Sprachen von Belang seinen Siegeszug um die Welt.

Am Ende scheint es, dass Williams gar nicht so unbekannt war, wie es der Klappentext vermuten lässt.
Er war Dozent, Professor, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller aus Passion. Man liest das Buch voller Staunen über die Vielzahl an Ereignissen, die den Weg dieses Ausnahmeautors bestimmten.

Für Freunde der amerikanischen Literaturwissenschaft ist das Buch eine reiche Quelle, aus der man über die diversen Strömungen und Entwicklungen im Literaturbetrieb der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts etwas erfahren kann.

Meine Achtung gilt dem Autor Charles J. Shields für dieses umfassende Werk!

Charles J. Shields
Der Mann, der den perfekten Roman schrieb
384 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, Oktober 2019
ISBN-10: 342328191X
ISBN-13: 978-3423281911
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Jean-Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

Jean-Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

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Victor studiert am Lycée D. Paris in der Vorbereitungsklasse. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und ist froh, nun ein eigenes Leben zu haben. Doch es fällt ihm nicht leicht, dem Druck standzuhalten. Das Studium überfordert in. Dazu kommt, dass er kaum wahrgenommen wird. Freunde findet er nicht, dabei sehnt er sich nach Halt und Austausch. Aber vielleicht lässt sich mit Mathieu etwas aufbauen. Hin und wieder eine Zigarette zusammen zu rauchen, könnte der Anfang einer Freundschaft sein, auch wenn Mathieu einen Kurs unter ihm ist. Victor nimmt sich vor, ihn zu seinem Geburtstag einzuladen.

Doch soweit kommt es nicht. Mathieu stürmt nach einem Vorfall aus dem Klassenraum und springt über das Geländer. Victor sieht ihn am Boden liegen und kann es nicht fassen. Nur langsam realisiert er, was geschehen ist.
Auch wenn beide sich kaum kannten, wird er nun als Freund des Opfers für die anderen sichtbar. Mathieus Vater kommt nach Paris. Er will wissen, was geschehen ist und hofft darauf, dass Victor ihm helfen kann.

Das Buch ist sehr ergreifend. Es geht nicht so sehr um Mathieu und die Gründe für seinen Selbstmord, auch wenn das starre Schulsystem zusammen mit dem tyrannischen Lehrer Clauzet zur Sprache kommt. Vielmehr ist Victor die Hauptperson. Er lernt Mathieu erst nach dessen Tod besser kennen. Er wird erst jetzt zu einem Freund, so seltsam das klingt. Victor ist verstört und angreifbar, wie sollte es auch anders sein? Dadurch gelingt es Mathieus Vater Patrick Lestaing ihn für sich zu instrumentalisieren. Vielleicht geschieht das nicht bewusst. Aber Victor ist der Einzige, der ihn seinem Sohn noch einmal näher bringen kann. Er hat viel versäumt als Vater.

Die Geschichte wird im Rückblick erzählt. 30 Jahre sind vergangen, aber nichts ist vergessen. Das bietet viel Raum für Interpretationsmöglichkeiten. Der Schluss im Buch ist kein Ende. Es lässt den Leser zurück mit seinen Gedanken über das eigene Leben. Die melancholische Atmosphäre bleibt. Die Geister der Vergangenheit bleiben. Das Buch ist sehr traurig und doch auch melancholisch schön und anrührend.

Rezension von Heike Rau

Jean-Philippe Blondel
Ein Winter in Paris
Aus dem Französischen von Anne Braun
192 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-13: 978-3552063778
ISBN-10: 3552063773
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Annie Ernaux: Die Jahre

Annie Ernaux: Die Jahre

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Die 1940 geborene Annie Ernaux erzählt in ihrer hier vorliegenden Biographie „Die Jahre“ zunächst ausführlich über ihre Kindheit und Jugend in Frankreich in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Lebenserinnerungen reichen weit bis zum Ende des Jahrhunderts und darüber hinaus.

Sie schreibt ihre Biographie nicht in der Ichform, sondern verfremdet. Von „dem Mädchen“ oder „der Frau“ ist die Rede. Es geht um Bilder in Worten, in denen sie ein Gesellschaftsbild über ein halbes Jahrhundert vor uns ausbreitet.

Mit treffend und sprachgewaltig formulierten Sätzen, prägnant und genau, fängt sie die Atmosphäre einer ganzen Generation ein. In Frankreich sieht das genauso aus wie in Deutschland. Man spielt in der Kindheit die gleichen Kinderspiele wie Ringlein du musst wandern, Plumpsack oder Hinkelkästchen. Man hatte wenig zu essen, und es gab Läuse und zahlreiche andere mehr oder weniger dramatische Kinderkrankheiten. Fernsehen gab es noch nicht, aber die Erwachsenen sprachen viel von der Vergangenheit. „In den Erzählungen der Vergangenheit gab es nichts als Hunger und Krieg.“ (S. 23)

Man benutzte Plumpsklos und erfreute sich an den kleinen Dingen des Alltags. „Man lebte in der Nähe der Scheiße. Und machte Witze darüber.“ (S. 39) Man hörte Schlager und wünschte sich als Kind, nur schnell erwachsen werden zu können. „Wenn jemand starb, konnte uns das nichts anhaben“ (S.33) Im Flüsterton nur wurde über Dinge gesprochen, von denen die Erwachsenen nichts wissen durften.

Die katholische Kirche spielt eine zentrale Rolle, und dass „Lehrer und andere Gebildete nicht an Gott glaubten, war eine Anomalie.“ (S.46)

Später folgen die Studienjahre, Sex und andere Fragen, die die Autorin und ihre Altersgenossen von den Themen der Elternhäuser entfernen. Die Suche nach der eigenen Identität spielt eine raumgreifende Rolle. Sartre, Camus und Simone de Beauvoir begeistern die intellektuelle Jugend.

Weiter geht es durch die Jahre des Wandels in der Moral und mit der Rebellion der 68ziger.

Man studiert, bekommt Kinder, Ehe und Scheidungen schließen sich an.

Die Erzählung folgt dem Lauf der Jahre mit den eigenen Veränderungen und der neuen Rolle zwischen Eltern und Kindern. Freiheit und Gleichheit werden gelebt. Das Alter oder der Tod betrifft die „Älteren“ nicht aber einen selber.  Leider lässt sich auf Dauer nicht leugnen, dass das Älterwerden in mentaler und physischer Hinsicht ein unaufhaltbarer Prozess ist, der niemanden verschont! Auch das wird vermerkt.

Geschichtliche Veränderungen und Ereignisse bringen neue Kriege und Unruheherde in die Welt.

In distanziertem Stil wird ein Zeitkolorit entworfen, das seinesgleichen sucht: treffend und genau, witzig und humorvoll werden die Lebensabschnitte abgehandelt.

Die verfremdete Form, mit der die Autorin über ihre Vergangenheit berichtet, gibt dem Ganzen eine Allgemeingültigkeit, die ihre Aufzeichnungen wirklich denkwürdig machen.

Wer in dieser Zeit Kind und Heranwachsender war, wer die Jahre bis zur Jahrtausendwende erlebt hat, wird alles genauso beschrieben finden, wie es war.

Der Bericht rührt an die eigenen Gefühle und Erinnerungen. Damit bietet er einen Wiedererkennungswert, der anrührend ist. Der letzte Satz lautet “Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird“. Das ist es!

Annie Ernaux lebt in Frankreich und ist vielfach ausgezeichnet.

Annie Ernaux
Die Jahre
255 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, Auflage 2, September 2017
ISBN-10: 3518225022
ISBN-13: 978-3518225028
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Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

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Eines Tages taucht ein Mädchen auf einem niederösterreichischen Bauernhof auf. Es ist Oktober 1944. Niemand vermag zu sagen, was ihr passiert ist. Sie scheint keine Erinnerung zu haben. Man nimmt an, dass ihre Eltern bei einem Luftangriff umgekommen sind. Das Mädchen wird von der Familie Leithner, die selbst viele Kinder hat, aufgenommen und Nelli genannt. Das geschieht auf eine sehr selbstverständliche Art und Weise.
Einige Monate später kommt ein junger Russe dazu. Er hat eine geheimnisvolle Leinwandrolle dabei, sonst nichts. Er ist kein Maler. Auch er fügt sich in das vorgegebene Leben ein.

Ein mühevoller Alltag wird gelebt, so wie es eben geht zu Kriegszeiten, bis sich eine Gruppe von Wehrmachtssoldaten auf dem Bauernhof einquartiert. Die Angst wächst. Jetzt zählt der Zusammenhalt der gesamten Familie. Nelli beobachtet die Situation genau. Sie analysiert das Geschehen. Malt sich aus, was passieren könnte und sieht ein wenig zeitversetzt, was wirklich geschieht. Die Situation der Familie wird immer schwieriger. Sie sieht sich einer ungeheuren Provokation gegenüber, der sie begegnen muss, ohne zu reagieren. Aber es geht so nicht. Es mindert die Gefahr nicht. Letztendlich dreht sich alles um das Kunstobjekt in der Rolle und das Geheimnis, das damit bewahrt werden soll.

Der Autor erzählt die Geschichte, die mit Erinnerungen seines Großvaters verbunden ist, sehr anschaulich aus der Sicht der 13-jährigen Nelli. Die angespannte Lage ist jederzeit spürbar, auch wenn er hier nicht ins Detail geht. Nelly analysiert jede Situation und stellt sich immer vor, wie diese ausgehen könnte. Sie baut auf diese Weise eine Mauer und versucht, sich als Beobachter abzugrenzen. Ihre Vorstellung und die Wirklichkeit triften oft auseinander. Es gibt keine Sicherheit. Sie kann Situationen zu diesem Zeitpunkt nicht beeinflussen.

Der Autor beschreibt sehr bildhaft und mit psychologischem Feingefühl, wie es der Familie geht. Er nutzt dafür das, was die Kinder sagen. Oft sind es Sätze, die so erstaunlich sind, so naiv und doch so wahr! Die Geschichte geht sehr nahe und wirkt lange nach.

Rezension von Heike Rau

Paulus Hochgatterer
Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war
Erzählung
112 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552063498
ISBN-13: 978-3552063495
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Peter Henisch: Suchbild mit Katze

Peter Henisch: Suchbild mit Katze

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Der Autor Peter Henisch erzählt in diesem Buch von seiner Kindheit. Es sind die ersten Erinnerungen, die er hat, und die dann folgenden in einigen späteren Jahren, die ihn bewegen. Es ist eine Zeit, die er auf etwas melancholische Art und Weise betrachtet und beschreibt. Was weiß man schon als kleines Kind von den Vorgängen? Und doch gibt es immer etwas, das ihm nahe ist und an das er sich auch im Alter sehr genau zurückerinnern kann. Seine Kindheit verbringt Peter Henisch in Wien in der Zeit nach dem Krieg. Er ist ein verträumtes Kind, das auch einfach mal damit zufrieden ist, mit der Katze aus dem Fenster zu sehen. Das Fenster wird zum Rahmen für Gedanken und Träume. Auch in diesem kleinen Umfeld gibt es immer etwas zu beobachten. Auch kleine Veränderungen können interessant sein und die Fantasie beflügeln. Langeweile kennt der kleine Junge nicht.

Ich habe diese Autobiographie sehr gerne gelesen. Zumal die Erinnerungen, trotz der schwierigen Zeit, auch immer wieder sehr schön sind. Ruhig fließen die Zeilen dahin, fließt die Zeit dahin. Peter Henisch ist noch zu klein, um zu verstehen. Er arrangiert sich mit den Gegebenheiten im zerbombten Wien und mit dem schwierigen Alltagsleben für seine Eltern, den anderen Familienangehörigen und den Nachbarn. Aber natürlich hat der Autor nun den Blick in seiner Gesamtheit auch auf das Zeitgeschehen gerichtet und sieht mit anderen Augen in die Vergangenheit zurück. Der Bogen wird bis in die Gegenwart gespannt. Es sind Momente, die ihn heute noch prägen, an die er sich nun erinnert. Ganz allein ist er mit seinen Gedanken nicht. Die Erinnerung findet statt im Rahmen einen Interviews mit einer jungen Frau, die seine Bibliographie kennt. Eine Auseinandersetzung mit Nachfragen wird hier also realisiert. Das hilft den Erinnerungen auf die Sprünge und lässt interessante Überlegungen zu.

Rezension von Heike Rau

Peter Henisch
Suchbild mit Katze
Deuticke Verlag
208 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3552063277
ISBN-13: 978-3552063273
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Hans-Ulrich Treichel: Tagesanbruch

Hans-Ulrich Treichel: Tagesanbruch

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In der neuesten Erzählung von Hans-Ulrich Treichel erfahren wir ein Stück Nachkriegsgeschichte. Ihn treiben die Ereignisse der Jahre nach 1945 in seinen Werken immer wieder um. Hier wurde über so Vieles geschwiegen! Nach dem Zweiten Weltkrieg warf man sich auf die wirtschaftlichen Notwendigkeiten, um wieder zu einem würdigen Leben zurückzufinden und ging über die Vergangenheit hinweg.

Hans-Ulrich Treichel beschreibt in einer Momentaufnahme das Leben einer Mutter, die in einer einsamen Nacht gegen Morgen mit ihrem erwachsenen toten Sohn auf dem Schoss dasitzt und sich ihres vergangenen Lebens erinnert. Sie will erst gegen Morgen den Arzt und das Beerdigungsinstitut anrufen, denn jetzt soll sie niemand in ihren Abschiedsgedanken stören.

Der Autor beschreibt feinfühlig beobachtend die zwitschernden Vögel im Morgengrauen, die das Heraufdämmern des Morgens ankündigen. Anhand der Schritte der tunesischen Nachbarin, die über ihr wohnt, bemerkt die Mutter, wie sich da oben das Familienleben abspielt.

In einem langen Monolog nimmt sie nun Abschied von ihrem Kind und von ihrem bisherigen Leben.

Sie ist eine ruhige und einfache Frau aus dem Volk. Irgendwo im Osten ist sie unter zahlreichen Geschwistern aufgewachsen. Ihre Herkunft aus einer einfachen Bauernfamilie hat sie früh die Härte des Lebens mit immerwährender Arbeit gelehrt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebt sie mit einem kriegsversehrten Mann und Sohn ein ebenfalls von harter Arbeit geprägtes Leben.

Das Ehepaar betreibt ein Textilgeschäft und schlägt sich mühsam durch. Der Sohn sollte es einmal besser haben. Für ihn schaffte man ein Klavier an, das jedoch nie genutzt wurde.

Sie erzählt aus der Fülle ihrer Eindrücke über die Vergangenheit, spricht über ihr karges Leben und die kleinen Veränderungen, die in ihrem Leben eine Rolle gespielt haben. Es gab gravierende Ereignisse, als sie mit ihrem Mann auf der Flucht vor den Russen gen Westen floh. Bedrückend erlebt sie ihr lebenslanges Schweigen, dass zwischen ihrem Mann und ihr daraufhin herrschte. “Man muss es aufschreiben“, beteuert sie ein ums andere Mal, um es endlich aus dem Kopf zu haben.

Die Geschichte beschränkt sich auf die Gedanken der Frau. Vom Sohn ist nur wenig die Rede. Er war akademischer Rat, doch die Mutter weiß nicht recht, wie sie diesen Beruf einzuordnen hat. Eine gewisse Fremdheit schimmert durch ihr Erinnern.

Die Sprache ist dem naiven Lebensbild der Protagonistin angepasst. Knappe, kurze Sätze geben einen Eindruck wieder von dieser einfachen Frau, die durchaus nachdenkliche Fragen an das Schicksal stellt. Sie ist nicht abgestumpft aber doch von melancholischer Wesensart. Sie hat alles immer stillschweigend hingenommen.

Hans-Ulrich Treichel versteht sich darauf, mit wenigen Worten Wesentliches zu vermitteln. Seine Sprache entspricht dem Lebensgefühl einer schlichten, alten Frau, deren eigenes Leben sich dem Ende zuneigt.

Man lässt sich von ihrem Schicksal anrühren, denn das stumme Dasein konnte dieser schlichten Frau nicht die Freude an der Natur mit ihrem Jahreslauf nehmen. Und Hans-Ulrich Treichel beweist einmal wieder sein schriftstellerisches Talent!

Hans-Ulrich Treichel
Tagesanbruch
86 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, Mai 2016
ISBN-10: 3518425250
ISBN-13: 978-3518425251
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Hans Pleschinski: Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht

Hans Pleschinski: Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht

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Lebensrückblick in die Zeit der Romantik.

Hans Pleschinski hat sich der Erinnerungen von Else Sohn-Rethel aus den zu ihrer Zeit berühmten Malerfamilien Sohn-Rethel-Grahl angenommen.

Die Künstlerfamilie Sohn lebte ursprünglich in Düsseldorf.

Else Rethel (1853 -1933) entstammte der Familie Rethel und Grahl in Dresden. Alle genannten Familien waren weitverzweigt mit vielfältigen künstlerischen und verwandtschaftlichen Verbindungen, deren Aufzählung zuweilen das Fassungsvermögen des Lesers überschreitet. Es war ein christlich-deutsch-jüdisches Großbürgertum, in dem Else Rethel aufwuchs.

In Dresden bewohnte sie mit ihrer Mutter und den Großeltern eine von dem berühmten Architekten Semper erbaute Villa. Hier verlebte Else nach dem frühen Tod ihres Vaters ihre Kindheit und Jugend umgeben von der liebevollen Fürsorge ihrer Mutter und der Großeltern.

In ihren Erinnerungen werden Namen von Künstlern und Malern genannt, die alle zu ihrer Zeit Bedeutung hatten.

Erwähnt werden die Kriege unter Bismarck 1866 und 1870/71, an die sie sich noch erinnern kann.

Im Großen aber geht es in ihren Erinnerungen um das gesellige Leben der Zeit mit vielen auch immer wieder neuen Begegnungen; es geht um Feste wie Hochzeit, Taufe und Geburt und um häufige Einladungen nach München und Düsseldorf. Die Gärten und Villen der diversen Verwandten und Freunde werden eingehend und liebevoll beschrieben. Else Rethel ist ein fröhliches Kind, das den Umgang in den illustren Kreisen genießt und sich auf den anstehenden Bällen und Lustbarkeiten im Freien mit Freuden ergeht.

Sie heiratet noch sehr jung den Maler Carl Sohn aus Düsseldorf, mit dem sie eine überaus glückliche Ehe führte.

Maßgeblich sind im Buch die Erinnerungen an Künstler unterschiedlicher Stilrichtungen. Man verdiente vorwiegend als Porträtmaler gut, so dass man sich ein angenehmes gut bürgerliches Leben leisten konnte.

Die Industrialisierung mit den damit verbundenen Begleiterscheinungen in der Arbeitswelt brachten politische Veränderungen, die das gesellige Leben zunächst noch nicht berührten. Doch erstarkte nach der Deutschen Staatsgründung 1871 der Antisemitismus, der durch langjährige Assimilation der gebildeten Juden überwunden zu sein schien. Er ließ nichts Gutes für die Zukunft vermuten.

Doch noch befinden wir uns in der Zeit der Belle Époque, in der jüdisch-christliche Familien das öffentliche und private Leben mit gestalteten durch Förderung der Künste, Verwaltung der Banken (Oppenheim) und vielerlei Mäzenatentum.

Die fröhliche und sonnige Else Sohn–Rethel hat auf ganz eigene Weise in ihren Erinnerungen die Gründerjahre und das Leben ihrer Zeit verewigt. Sie beschreibt glücklich und froh ihre vielen Unternehmungen, die geselligen Vergnügungen und allerlei andere Kurzweil. Nebenbei gesagt war sie selbst als Sängerin erfolgreich und gefragt.

Man darf Hans Pleschinski, dem Herausgeber der Erinnerungen, dankbar sein. Er hat Zeitkommentare eingefügt, die zum Verständnis der Aufzeichnungen förderlich sind. Eröffnet die Lektüre doch noch einmal einen erhellenden Blick auf die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts. Unsere Aufmerksamkeit gilt einer Frau, die schon vor der eigentlichen Frauenemanzipation ein innerlich freies und ungebundenes Leben zu führen verstand.

Zahlreiche Bildtafeln bieten Einblicke in Leben und Werk der Künstler, die in den Erinnerungen von Else Sohn-Rethel eine Rolle spielen.

Das Buch ist für den künstlerisch interessierten Leser eine Quelle der Inspiration.

Hans Pleschinski
Ich war glücklich , ob es regnete oder nicht
56 Seiten, gebunden
H.Beck, Februar 2016
ISBN-10: 340669165X
ISBN-13: 978-3406691652
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Eyal Megged: Unter den Lebenden

Eyal Megged: Unter den Lebenden

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Wir fühlt es sich an, wenn ein sehr guter Freund so krank wird, dass er mit Sicherheit bald sterben wir?

Der Icherzähler in dem jetzt vorliegenden Buch von Eyal Megged kann es uns erzählen. Es ist tragisch, schrecklich und anrührend zugleich!

Boas Masor und der Erzähler sind sehr enge Freunde. Der Erzähler ist ein erfolgreicher Chirurg in einem Krankenhaus in Jerusalem. Sein Freund Boas ist nach einer schweren Krebserkrankung kürzlich verstorben. Nach dem Tod von Boas geht es dem Erzähler schlecht, denn er kann es nicht glauben und akzeptieren, dass dieser langjährige Lebensbegleiter, der ihm so viel bedeutet hat, nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Ihre Gespräche waren ihm wichtig. Sie waren nie banal sondern immer inhaltsschwer trotz oder gerade wegen ihrer so verschiedenen Wesensmerkmale. In seinen Erinnerungen ersteht das Bild des Freundes als eines ausgeprägten Charakters. Auch Boas wollte schon als Kind Arzt werden. Doch sein Vater hat es ihm nicht zugetraut. So wurde er stattdessen ein anerkannter Wissenschaftler.

Die Freunde haben komplizierte Beziehungen zu ihren Frauen. Im Austausch über das,was sie erleben und fühlen, sind sie sich nah. Das Trennende bleibt dabei nicht ausgespart. Geduld, Einfühlsamkeit, Treue und Unterschiede in den Lebensentwürfen bringen sie häufig in eine unüberbrückbare Schieflage zu einander.

Sie sind teilweise grundverschieden, und in der nachhaltigen und intensiven Rückschau zeigt sich, dass Boas ein zufriedener und ausgeglichener Zeitgenosse war. Der Erzähler hat ihm die Todeserwartung aufgrund der schweren Krebserkrankung zu verheimlichen versucht. Er bewundert den Freund, und kann es nicht fassen, wie gleichmütig und vielleicht auch verleugnend Boas sein Leben weiter geführt hat.

Der Erzähler selber ist ein eher melancholischer und nihilistisch veranlagter Mensch. Sein Freund sagte einst zu ihm: “ein Mensch kann eine Null für dich sein, so lange er gesund ist, aber wenn du ihn operierst, ist er der Mittelpunkt der Welt.“ Mehr als deutlich beweist diese Aussage, mit welcher Leidenschaft sein Freund seinem Beruf nachgeht.

In langen Passagen reflektiert der Erzähler sein eigenes Leben und das des Freundes. In seine Überlegungen fließen Gedanken von Nähe und Distanz ein und von Zuwendung und Liebe zu dem langjährigen Freund.

Unterbrochen sind die Gedanken des Erzählers von eigenen Überlegungen zu Leben und Tod und von Einsichten in seine eigenen Unzulänglichkeiten. Nicht zuletzt sind die poetischen Berichte über die Landschaften in und um Jerusalem bemerkenswert.

Es ist ein nachdenklicher, sensibler und stets von Reflexionen getragener Roman. Da die Handlung keinen genauen Erzählstrang erlaubt, bleibt es bei den sinnierenden und gedankenträchtigen Überlegungen des Haupterzählers.

Eyal Megged ist der Mann der bekannten israelischen Autorin Zeruya Shalev. Die Übersetzerin Ruth Achlama lebt in Israel und übersetzt die Romane so bekannter Autoren wie Amos Oz, Ayelet Gundar-Goshen und Meir Shalev.

Eyal Megged
Unter den Lebenden
352, gebunden
Berlin Verlag, April 2015
ISBN-10: 3827012422
ISBN-13: 978-3827012425
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Mary Higgins Clark: Wintersturm

Mary Higgins Clark: Wintersturm

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Nancy Eldridge lebt seit sieben Jahren an der Ostküste der USA gegenüber von Cape Cod. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder, doch ob sie glücklich ist, ist nicht so leicht einzuschätzen. Denn dem Leser wird unmissverständlich klargemacht, dass Nancy hier an die Ostküste gezogen ist, weil sie vor sieben Jahren zwei Kinder verloren hat. Es war genau an ihrem Geburtstag, als ihre beiden Kinder spurlos verschwanden. Erst Wochen später wurden die Leichen aufgefunden und Nancy wurde in einem aufsehenerregenden Prozess des Mordes an ihren Kindern für schuldig gesprochen. Ihre Unschuldbeteuerungen hatte ihr keiner geglaubt. Dennoch kommt sie frei. Ein simpler Verfahrensfehler ist Grund dafür, dass sie auf freien Fuß gesetzt werden muss. Ihr Prozess hatte in den Medien hohe Wellen geschlagen. So verwundert es nicht, dass sie es nach diesem Prozess an der Westküste der USA nicht mehr aushält. Sie glaubt, mit ihrem Umzug an die Atlantikküste auch ihre Vergangenheit weit hinter sich lassen zu können. Da passiert an einem trüben Novembermorgen der schlimmste Albtraum für sie. Während Nancy oben im Haus die Betten macht, spielen die Kinder draußen im Garten. Als sie sie nach einer Viertelstunde hereinholen will, findet sie nur noch den Handschuh der kleinen Missy. Es scheint alles wieder von vorne zu beginnen.

Es beginnt das perverse Spiel eines Psychopathen, der die Kinder entführt hat und Nancy dafür büßen lassen möchte. Es scheint alles genauso abzulaufen wie vor sieben Jahren. Auch dieses Mal ist die Polizei der Ansicht, dass die Mutter ihre Kinder getötet hat. Hatte bislang keiner in diesem Örtchen gewusst um die Vergangenheit von Nancy, so wird diese jetzt schnell entdeckt. Die Leute reden über sie. Doch es gibt ganz wenige Menschen, die ihr nach wie vor zur Seite stehen.

In mehreren Parallelsträngen wird von den Ermittlungen genauso erzählt wie von den Machenschaften des Täters. Da zumindest der Leser jetzt weiß, dass Nancy dieses Mal nicht ihre Kinder entführt hat, mag er etwas Verständnis dafür aufbringen, dass sie vor sieben Jahren wohl recht gehabt hatte mit ihrer Unschuldsbehauptung. Ob dem aber wirklich so ist, wird sich herausstellen müssen.

In schnörkellosem Stil ist dieser Psychothriller geschrieben, mit dem sich die Schriftstellerin Mary Higgins Clark 1975 in die Bestenlisten hineinschrieb. Seitdem gilt sie nach wie vor als eine Meisterin des Psychothrillers. Oft sind typisch amerikanische Kleinstädte die Orte für ihre Romane.

Wintersturm liest sich schnell und bietet eine pure spannende Unterhaltung.

Higgens Clark, Mary
Wintersturm
Aus dem Amerikanischen von Heinz Rentmeister
Heyne, München
ISBN 9783453025103

© Detlef Knut, Düsseldorf 2015
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Hugo Hamilton: Jede einzelne Minute

Hugo Hamilton: Jede einzelne Minute

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Reise in die Vergangenheit…

Eine alternde und kranke irische Schriftstellerin begibt sich mit ihrem viel jüngeren Freund auf eine Abschiedsreise. Sie möchte nach Berlin, um die ihr lieben Orte noch einmal zu sehen und sich von guten Freunden zu verabschieden. Zu den Orten gehört der Botanische Garten, das Pergamonmuseum, die Staatsoper Berlin, Café Einstein, die Paris Bar, alles bekannte und dem Berlinbesucher vertraute Plätze.

Sie wohnt mit ihrem Freund im Adlon unter den Linden. Mehr noch als die Besichtigungen liebt sie die Gespräche mit ihrem Freund, hier Liam genannt. Alte Erinnerungen heraufzubeschwören genießt sie fast ebenso wie die Stadt Berlin, in der sie gute und schöne Augenblicke erlebt hat.

Unter dem Pseudonym Úna verbirgt sich die irische Schriftstellerin Nuala O’Faolein und Liam ist Hugo Hamilton persönlich!

Wie geht es einem, wenn man vor dem kurz bevorstehenden Tod noch einmal eine Reise in die Vergangenheit unternimmt?

Da fließen gute und schlechte Erinnerungen ein, doch überwiegend ist es eine Art Lebensbilanz, die man hier vorfindet.

Über Kindheit, das Menschsein, über Geben und Nehmen, über Geheimnisse und Gewalt in Familien, über Selbstverwirklichung in der Rolle als Frau oder Mutter reflektiert Úna unermüdlich, ja, ihre Überlegungen gipfeln in dem Gedanken, dass Menschsein Geschichten an sich bedeuten. Über nichts als das, was das eigene Erleben an Erkenntnissen schafft, kann man erzählen, egal, in welcher Verkleidung man seine Impressionen und Erfahrungen des Lebens wieder gibt.

Der große Altersunterschied zwischen den Protagonisten lässt an eine Mutter-Kind-Beziehung denken; doch eigene Kinder waren der Autorin versagt. So bleibt die Erzählung in sporadischen Erinnerungsaugenblicken stecken. Das ganze Leben ist eine Geschichte; so wird es von Úna empfunden, und so gibt es Hugo Hamilton weiter.

Zitat aus einer Schrift von Nuala O’Faolain aus dem Nachwort von Elke Heidenreich: „Das Beste, das ich von meiner Kindheit mitbekam, ist das Lesen“ und “Wenn es auch sonst nichts gäbe — für das Lesen lohnte sich das Leben schon“. Ein schöneres Plädoyer für die Literatur lässt sich nicht denken!

Dieses Buch ist beschaulich und bei aller Endzeitstimmung eine ruhige und freundliche Rekapitulation eines langen Lebens. Ein wenig Nostalgie und Melancholie verleihen der Geschichte Glanz und Farbe.

Man liest den Roman mit Anteilnahme und lässt sich auf die sporadischen Erinnerungsgeschichten gerne ein.

Hugo Hamilton
Jede einzelne Minute
352 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, September 2014
ISBN-10: 3630874258
ISBN-13: 978-3630874258
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