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Schlagwort: Krankheit

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

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Joachim Meyerhoff ist uns wohl bekannt durch seine urkomischen, höchst amüsanten und skurrilen Erinnerungsbücher früherer Jahre, in denen schon die Titel auf die zu erwartende Komik hindeuten.
Nun aber hat es ihn schwer erwischt: ein Schlaganfall ereilt ihn im Alter von nur 51 Jahren . Er merkt schnell, dass etwas nicht stimmt und nimmt die Symptome ernst.
Es gilt, schnellstens in ein Klinikum zu kommen, wobei sich seine inzwischen 18 jährige Tochter als resolut und hilfreich erweist. Selbst in dieser angespannten Lage sieht Meyerhoff mit scharfem Blick, wie sich Verantwortung verkehrt: nicht mehr der Vater führt Regie, sondern die Tochter übernimmt das notwendige Handeln.
In der Klinik angekommen wird er auf die Intensivstation gebracht und seine Eigendiagnose ist richtig: er hat einen Schlaganfall erlitten!

Sein Kopf aber arbeitet unentwegt weiter. Selbstbeobachtung und Fremdbeobachtung nehmen ihren Lauf.
Wenn ihm auch zuerst mehr nach Weinen als Lachen zumute ist, so entdeckt sein wacher Geist sehr bald die skurrilen Seiten der Intensivstation. Ob Schwestern, Ärzte, sonstiges Fachpersonal oder Mitpatienten: in ihm formen sich Bilder, die in ihrer Komik unübertroffen sind. Der LeserIn muss laut lachen, wie diese wortreichen Assoziationen in seinem Kopf beim Beobachten Gestalt annehmen. Die Sätze sprudeln nur so aus ihm heraus.
Zu seiner Beruhigung kommen Erinnerungen hoch, die ihn rühren, ihn an gute und schlechte Zeiten erinnern und seinen Zustand erträglicher machen.

Er ist von entwaffnender Offenheit, kennt kein Tabu und LEBT, selbst im Zustand der Schwäche. Mag sein, dass manche Episode im Nachhinein beim Schreiben eingefügt wurde. Mag auch sein, dass er zuweilen fast ein wenig über die Grenzen des Anstands hinausgeht, wenn er die Kranken bei ihren Gehversuchen und Essübungen karikiert: er bezieht sich immer selber mit ein, und der trockene Humor und die Komik gehören fast zum Charakterbild dieses Schauspielers und Autors witziger Lebensbetrachtungen. Passagen wie die über die mögliche Senkung der Todeszahlen älterer Leute im Straßenverkehr „lieber an der Ampel flitzen als wochenlang im Rollstuhl sitzen“ (S. 199) bieten einen Eindruck vom lakonischen Witz des Erzählers Meyerhoff.
Es ist sein Weg, sich mit Distanz aus der Hilflosigkeit, die diese Krankheit mit sich bringt, zu befreien.

Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass ein ernster Unterton hinter den Worten des Autors zu spüren ist: die Erkenntnis, dass unser Leben endlich ist, und von einem Tag auf den anderen alle bisherigen Sicherheiten dahin sein können.

Der Ernst hinter der Komik ist das Geheimnis des Erfolges von Joachim Meyerhoff.

Joachim Meyerhoff
Hamster im hinteren Stromgebiet
320 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, September 2020
ISBN-10: 3462000241
ISBN-13: 978-3462000245
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Klaus Scheidtmann: Seitenwechsel

Klaus Scheidtmann: Seitenwechsel

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Klaus Scheidtmann ist Arzt und Neurologe und hat in diesem Krankheitsbericht seine schwere Erkrankung an einem Hirntumor beschrieben.
Die Erfahrungen sind deshalb so bemerkenswert, weil sich hier ein Arzt plötzlich in der Rolle als Patient wiederfindet.

Die lange Vorgeschichte bis zur Diagnose zeigt, wie auch der Fachmann langsam in einen Zustand gerät, vor dem seine Familie zunächst irritiert und ratlos vor krankheitsbedingten Veränderungen seiner Persönlichkeit steht. Niemand, am allerwenigsten er selbst, ahnt, dass sich hinter seinem veränderten Verhalten, seines Wesens und im Umgang mit seiner Frau eine schwere Hirnerkrankung entwickelt. Psyche, Geist und Körper bilden eine Einheit. Ereignet sich beim einen oder anderen eine Störung, wirkt das auf die anderen ein.

Scheidtmann lässt nicht unerwähnt, wie großartig die Geduld und Ausdauer seiner Frau ihn am Ende auf den Weg zur Diagnose führt.

Die Erkenntnis, dass auch die so genannten Götter in weiß nur Menschen mit einem ganz normalen Lebenshintergrund sind, ist sicher nicht ganz unbekannt. Dennoch bietet der Bericht aus Sicht eines selber Betroffenen nochmal eine ganz neue Perspektive zum Arzt-Patientenverhältnis.

Mutig und aufrichtig kann K. Scheidtmann seine Schwierigkeiten beschreiben, über seine Ängste und seine Ohnmacht berichten und öffnet uns damit Einblick in sein Inneres. Der Verlust der Autonomie, wenn man sich Ärzten anvertrauen muss, wiegt schwer.

Dass K. Scheidtmann nach mehrjährigen Behandlungen und immer neuen Rückfällen den Mut nicht verlor, verdankt er seiner Familie, seinen Freunden, Kollegen und nicht zuletzt wohl seinem Glauben und seinem Wunsch, die Krankheit zu besiegen.

Eine Lehre gibt es wohl besonders in diesem Fall: dem Arzt Dr. Klaus Scheidtmann wurde sehr klar, wie wichtig die menschliche Zuwendung, das Verständnis und die Offenheit des Arztes für den Patienten sind. Die meisten Patienten suchen besonders in schwerer Krankheit nicht nur den renommiertesten Arzt sondern auch gerade von diesem menschliche Zuwendung.

Das Buch liest sich mit Spannung, weil das Leben nun einmal die spannendsten Romane schreibt.

Krankheit spielt fast in jedem Leben irgendwann einmal eine Rolle. Schwere Krankheiten rühren an die Seele der Mitleidenden. Das Buch bietet Anlass, sich der eigenen Zerbrechlichkeit bewußt zu werden. Möge es viele Leser finden, die je nach eigener Lebenslage Hilfe brauchen und sich vergewissern möchten, wie man den richtigen Arzt zur rechten Zeit findet.

Klaus Scheidtmann
Seitenwechsel
130 Seiten, gebunden
Klöpfer, Narr, April 2020
ISBN-10: 3749610320
ISBN-13: 978-3749610327
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David Wagner: Der vergessliche Riese

David Wagner: Der vergessliche Riese

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Demenz ist weithin bekannt, doch wie viele verschiedene Formen es gibt, das wissen die meisten nicht.

Alzheimer und die vaskuläre Demenz sind unter den Demenzerkrankten die am häufigsten vertretene Form der Krankheit. Sie nehmen den breitesten Raum in der öffentlichen Wahrnehmung ein.

David Wagner beschreibt mit äußerst sensiblen und einfühlsamen Worten, wie sich sein Vater verändert und welche Folgen das für alle Beteiligten hat.
Die Krankheit beginnt schleichend. Zuerst sind es nur Kleinigkeiten, die vergessen werden.

Nach und nach mehren sich die Verdrehungen und Ungenauigkeiten, mit denen sich die Krankheit manifestiert. Nachfragen und Wiederholungen seitens des Kranken, oft fragend, lassen sichtbar werden, dass der Vater, von dem hier die Rede ist, nicht mehr so klar in seinem Denken ist. Er vergisst Orte und Zeiten, kann sich im Gespräch nicht mehr an Vergangenes erinnern, und seine Orientierungslosigkeit wird immer deutlicher. Lange Zeit aber lassen sich Vergesslichkeiten durch Scherze oder Vertuschungen, auch eine besondere Form der Höflichkeit und Aufmerksamkeit in den Umgangsformen, immer wieder kompensieren. Niemand Außenstehender, selbst nahe Angehörige, die seltener mit dem Angehörigen zusammentreffen, können glauben, dass der Vater dement ist.

David Wagner wählt die besondere Form des Dialogs, um auf das Verschwimmen der Gedanken aufmerksam zu machen. Der Leser wird Teil des Prozesses, in dem der Geist seinen Bezug zur Realität verliert. Die Gespräche verlaufen liebevoll, fast zärtlich und zeugen von anhaltender Teilnahme. Der Autor nimmt alles ernst, was der Vater sagt. Da wird nichts beschönigt oder gar verbessert. Liebevoll versucht er, dem Vater bei seinen Erinnerungslücken auf die Spur zu helfen.
Und liebevoll ist auch die Schilderung, wie der Vater selber seine Vergesslichkeit wahrnimmt.

Wer selber so etwas erlebt hat, wird alles genau so wiederfinden, wie er selbst den Prozess des Hirnabbaus miterleben konnte.
Unaufhaltsam naht der Tag der Heimunterbringung. Man kann zahlreihe Pflegefälle im eigenen Heim bewältigen. Bei Demenz im in fortgeschrittener Ausprägung lässt sich das nicht realisieren. Zu pflegeintensiv und zeitaufwendig sind die Forderungen des Alltags, denn Unruhezustände, Angst und unvorhergesehene Handlungen machen eine Fürsorge rund um die Uhr erforderlich.
Für Angehörige ist die Heimunterbringung ein schwerer Schritt. Möchte man den Wechsel von der vertrauten Umgebung in eine fremde, beängstigende Welt einem Dementen doch auf jeden Fall ersparen.

Es ist David Wagner gelungen, seinem Vater mit diesem Dokument der Erinnerung ein würdiges und von Anerkennung durchzogenes Denkmal zu setzen. Der Vater bleibt der Riese, der er für seine Kinder ja war, er ist nun nur vergesslich!

Ein rundum lesenswertes Buch, das zudem die ganze Zeit einen tröstlichen Unterton behält.

David Wagner
Der vergessliche Riese
272 Seiten, gebunden
Rowohlt Buchverlag, 2. Auflage, August 2019
ISBN-10: 3498073850
ISBN-13: 978-3498073855
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René Freund: Ans Meer

René Freund: Ans Meer

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Anton fährt einen alten Linienbus in einem ländlichen Gebiet. Er bringt die Kinder zur Schule und nimmt die wenigen Leute mit, die auch in die Stadt wollen. Das tut er Tag für Tag …

In letzter Zeit muss Anton immer öfter an seine Nachbarin Doris denken. Er ist in sie verliebt. Ob sie an der Liebe festhält, weiß er nicht so genau. Letze Nacht war dieser Mann auf ihrem Balkon. Anton hat ihn husten hören.

Als er am nächsten Morgen die Tour beginnt, will auch Carla mitfahren. Die krebskranke Frau will nicht in die Stadt. Sie möchte nach Italien und ein letztes Mal das Meer sehen. Den Ort, an dem sie aufgewachsen ist. Aber kann Anton seinen Mut zusammennehmen, einfach seine Route verlassen und mit Carla und den Kindern, die eigentlich zur Schule müssen, ans Meer fahren? Eigentlich nicht, aber Doris mag mutige Männer.

Carlas Tochter Annika, deren Freundin Helene und Eva sind dafür. Nur Ferdinand, Helenes älterer Bruder, hat Bedenken. Allein kann er seine kleine Schwester aber auch nicht lassen. Ein blinder Passagier ist auch noch mit an Bord.

Nie hat Anton etwa gewagt und nun bricht er aus dem gewohnten Alltag aus. Tatsächlich muss der immer etwas unbeholfen wirkende Mann allen Mut zusammennehmen. Auch darf er die Folgen seiner mutigen Tat nicht bedenken. Denn das die Fahrt ans Meer Konsequenzen haben wird, ist ihm klar.

Der Autor analysiert die Vorkommnisse nicht haarscharf, sondern vermittelt den Eindruck, als habe er die Handlung einfach so laufen und sich entwickeln lassen. Aber genau das ist es, was dem Buch Tiefgang verleiht. Denn der Blick fällt auf Details im Antons Denken und auf das Zwischenmenschliche in der Gruppe.

Gedanken, Träume, Empfindungen, Sorgen, Ängste und Hoffnungen der handelnden Figuren sind in ihrer Alltäglichkeit gut nachempfunden, und viel ausdrucksstärker ohne eine Wertung von außen. Vieles steht zwischen den Zeilen. So bleibt Raum für eigene Gedanken und Interpretationen.

Mir gefällt dieses Buch ausgesprochen gut. Es geht zu Herzen, ohne kitschig zu sein, auch wenn die Geschichte schon ein bisschen märchenhaft ist.

Rezension von Heike Rau

René Freund
Ans Meer
144 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552063633
ISBN-13: 978-3552063631
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Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

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Lebensphilosophie und weise Erkenntnisse…

Elizabeth Strout hat die unnachahmliche Gabe, uns die Figuren ihrer Romane in ihren Gefühlen, Gedanken und Befindlichkeit nahezubringen.

So geschieht es auch in ihrem neuen Roman über die Unvollkommenheit der Liebe.

Die Schriftstellerin Lucy Barton lag vor Jahren nach einer eigentlich unkomplizierten Blinddarmoperation im Krankenhaus. Es ging ihr lange nicht gut. Da sah sie im Halbschlaf plötzlich ihre Mutter an ihrem Krankenbett sitzen. Sie hatten sich schon 9 Jahre lang nicht mehr gesehen.

Spontan entwickelt sich ein Dialog zwischen den beiden Frauen, der viele Aspekte ihres bisherigen Lebens umfasst.

Die feinen Nuancen, mit denen über die Kindheit von Lucy nachgedacht wird, sind ebenso reizvoll, wie die Erinnerungen der Mutter, mit denen sie zum Bild der Familiengeschichte beiträgt.

Arm waren sie alle, und die Eltern hatten jeweils wenig Verständnis für die Nöte ihrer Kinder. Lucy hatte noch zwei ältere Geschwister, so dass sie so manches Mal sich selber überlassen blieb, wenn diese schon in der Schule waren.

Sie lebten in einem kleinen Kaff in Illinois und waren so arm, dass Lucy ihren Bruder dabei begleitet hat, wenn er in Mülltonnen nach Essbarem suchte.

Kann man sich diese Armut vorstellen?

Doch Lucy geht einen sehr eigenen Weg: sie will Schriftstellerin werden!

Immer wieder sind ihr im Leben Menschen über den Weg gelaufen, die ihr Wärme und Zuneigung entgegenbrachten, sie wertschätzten und sie ermutigt haben: angefangen von einem Lehrer, der ihre Schulklasse abkanzelt, weil die Mitschüler Lucy gedemütigt haben, bis zu dem Psychoanalytiker Jeremy, ihrem Nachbarn in New York, der ihr unaufdringlich und unausgesprochen signalisiert, dass er ihre Einsamkeit versteht. Erfahrungen ähnlicher Art sind zahlreich.

Jetzt ist sie erwachsen und hat einen Mann und zwei Töchter, denen sie mit großer Liebe anhängt. Ihre Mutter bemerkt es mit Erstaunen.

Es ist die subtile Beobachtungsgabe von E. Strout, die ihre Lektüre zu einem Erlebnis macht. Sie weiß Lebenserfahrung mit dem ganz alltäglichen Einerlei in Einklang zu bringen. Nichts von dem, was sie erzählt, wirkt aufgesetzt oder gar aufdringlich. Ihre Sprache ist einfach strukturiert und verständlich. Sie zeugt jedoch von tiefem Verständnis und Mitgefühl in der selbstverständlichen Akzeptanz für die unerklärlichen Wege des Menschen. Es ist eine herzerwärmende Geschichte mit zahlreichen tiefschürfenden Lebenseinsichten, die wie ganz nebenbei in den Text einfließen. Es ist erstaunlich, mit welcher Kraft, Liebe, Selbsteinsicht und Versöhnlichkeit Elizabeth Strout ihre Protagonistin zu Wort kommen lässt.

Man möchte diese Geschichte jedem nachdenklichen Leser ans Herz legen, der sich für die Zusammenhänge menschlichen Seins interessiert.

Ich wollte jeden Satz in Gedanken festhalten, um so lange wie möglich bei diesem Roman verweilen zu können.

Elizabeth Strout ist eine herausragende Erzählerin, deren Romane mit zunehmender Lebenserfahrung an Substanz noch gewinnen. Sie lebt in Maine und in New York und ist Pulitzerpreisträgerin.

Elizabeth Strout
Die Unvollkommenheit der Liebe
208 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, August 2016
ISBN-10: 3630875092
ISBN-13: 978-3630875095
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Sarah Benwell: Es.ISt.Nicht.Fair.

Sarah Benwell: Es.ISt.Nicht.Fair.

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!Sarah Benwell hat sich in ihrem Debütroman, oder vielleicht sollte man besser „Bericht“ sagen, eines kritischen Themas angenommen: dem von Krankheit und drohendem Tod.

Abe Sora ist ein Junge von 17 Jahren. Er lebt mit seiner Mutter auf engstem Raum. Man spürt aber sehr bald, dass er Abstand und Distanz zu allen und jedem sucht.

Er ist krank. Die Krankheit ist tödlich, macht Angst und schreitet sehr schnell fort. Es handelt sich um die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose. Die tückische Krankheit führt unweigerlich zum Tode. Im täglichen Leben ist der Rollstuhl Soras steter Begleiter. Der Muskelschwund, an dem er leidet, macht ihm das Atmen und Sprechen schwer.

Wie viel Zeit wird ihm noch bleiben, um das im Leben zu tun, was er sich sehnlichst wünscht? Von seinen Träumen ist oft die Rede!

Von Beginn der Erzählung an ist man fasziniert und bewegt, wie Sora mit seinem Schicksal zurechtkommt. Man spürt seine Scheu, sich wem auch immer zu offenbaren. Er scheint wie in sich eingeschlossen. Die Therapiestunden bei Dr. Kobayashi sind ihm keine wirkliche Hilfe. Seine Schulfreunde begegnen ihm fremd und gehemmt. Sora kann das Mitleid und die Hilflosigkeit der anderen Menschen allenthalben wahrnehmen. Er hasst diese ihm entgegen schwappenden Gefühle!

So sucht und findet er, dem Segen des Internets sei Dank, zuerst einmal Menschen, die nicht so viel von ihm wissen, und mit denen er ohne deren Mitgefühl ungehemmt kommunizieren kann. Ganz offensichtlich sind die Protagonisten Japaner. Er nennt sich bezeichnender Weise im Internet „Samurai“.

Benwell lässt den Verlauf der Handlung vor unserem inneren Auge erstehen: die langsame Verschlechterung im Befinden des kranken Jungen; die ambivalenten Gefühle eines 17 Jährigen, der seiner Mutter nicht zur Last fallen will, und die innere Scham, auf ihre Hilfe auch in den intimsten Handlungen angewiesen zu sein. Im Internet findet er Freunde, zu denen er Vertrauen fasst. Die Freundschaften sind in ihrer Absolutheit und Treue bemerkenswert. Sie bilden den roten Faden, durch den die Handlung ihre Spannung und Intensität bezieht. Hier wagt Sora allmählich, rückhaltlos über seine Ziele und Wünsche zu sprechen.

Die Wahl des Internets als geschützter Raum wird geschickt eingesetzt, um zu zeigen, wie man hier seine wahre Identität eine Zeit lang für sich behalten kann.

Es gelingt der Autorin, dem Spagat zwischen Erleben und den unausgesprochenen Wünschen Sprache und Raum zu geben

Eine rundherum gelungene Handlung ohne Sentimentalität und Schwülstigkeit ist Sarah Benwell mit ihrem Debüt gelungen. Die Handlung ist ernst und wird gleichzeitig von einer inneren Selbstironie und Distanz getragen.

Sarah Benwell lebt in Bradford Upon Avon und lehrt kreatives Schreiben.

Sarah Benwell
Es. Ist. Nicht. Fair.
352 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Juli 2016
ISBN-10: 3446252967
ISBN-13: 978-3446252967
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Nina George: Das Traumbuch

Nina George: Das Traumbuch

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Mit dem Roman „Das Lavendelzimmer“ hat Nina George internationale Beststellergeschichte geschrieben. „Das Traumbuch“ soll nun nachziehen.

Dabei geht es zunächst um die drei Personen Henri, Eddie und Sam. Henri rettet einem jungen Mädchen das Leben, wird unmittelbar danach aber von einem Auto erfasst und liegt jetzt im Koma. Eigentlich war er gerade auf dem Weg zu Sam, seinem Sohn. Beide waren sich noch nie begegnet. Sams Mutter hatte etwas dagegen, dass er Kontakt zu seinem Vater hat. Doch nun setzte sich Sam darüber hinweg und hatte seinen Vater zu einem Treffen eingeladen. Doch dann passiert dem dieser Unfall. Schließlich ist da noch Eddie, eigentlich Edwina. Sie ist die Ex-Freundin von Henri. Vor zwei Jahren hatte Henri ihr gesagt, dass er sie nicht liebe. Doch sie wurde nun von der Klinik informiert, weil sie noch in Henris Patientenverfügung als wichtige Kontaktperson eingetragen ist. Gerade in dem Moment, als sie mit ihrer Liebe zu Henri abgeschlossen und einen neuen Lebensgefährten hat.

In dieser Konstellation entwickelte Nina George eine gefühlvolle, nicht immer schmerzfreie, Beziehungsgeschichte. In von ihr gewohnter Weise findet sie bildreichte und treffende Worte, Metaphern und Vergleiche, um die Gefühle aller Protagonisten den Leser mitspüren zu lassen. Die Kapitel sind immer aus der Sicht eines der Protagonisten jeweils in der ersten Person erzählt. Das animiert den Leser, das Geschehen und vor allem die Gefühle der jeweiligen Person mitzuerleben und zu fühlen. Leser mit ähnlichen Erfahrungen werden in der einen oder anderen Situation Empathie empfinden können. In von den Figuren gemeinsam erlebten Situationen bekommt der Leser winzige Überschneidungen aus unterschiedlicher Perspektive dargeboten, um den jeweils neuen Standpunkt einnehmen zu können. Ich fühlte mich sehr wohl damit.

Womit ich mich zunächst, Betonung liegt auf „zunächst“, nicht so wohl fühlte, war das Thema Krankheit und Tod. Krankenhaus, Schläuche, Apparate und Kanülen, nichts für mich. Aber vielleicht war die authentische Gestaltung der Gefühle daran schuld. Doch die Geschichte der drei Personen wird dann so packend, dass man sich ihnen nicht verschließen kann und sie einfach mögen muss. Der Gegenspieler, der zwar in jeder Zeile des Romans mitschwingt, gibt so viel Raum, dass sich Sympathie für die Figuren, sowohl Haupt- als auch Nebenfiguren, zwangsläufig einstellt. Es braucht halt eine gewisse Zeit der Annäherung, des Kennenlernens, damit sich eine intensive Beziehung zwischen Leser und Protagonisten aufbauen kann. Bis es schließlich zu erster Gänsehaut kommt, wenn der junge Sam zwei Menschen ein Versprechen gibt. Spätestens ab hier lässt der Sog den Leser nicht mehr los.

Auf diese Weise, gefesselt in einer Klinik, erzählt Nina George die Lebensgeschichte dreier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Ob es sich dabei um die Storys des Kriegsberichterstatters Henri handelt, der auch in Afghanistan unterwegs war, die Überlegungen der Verlegerin Eddie, um guten Geschichten eine Chance zu geben, oder das Erwachsenwerden des pubertierenden Teenagers Sam.

Ein großartiger Roman um Liebe, Sehnsucht, Verlassensein und Erwachsenwerden.

George, Nina
Das Traumbuch
Droemer Knaur Verlag, München
ISBN 9783426653852

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016
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Sabine Goette: Selbstheilung – Warum Gesundheit im Kopf beginnt und was die Wissenschaft darüber weiß

Sabine Goette: Selbstheilung – Warum Gesundheit im Kopf beginnt und was die Wissenschaft darüber weiß

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Jeder Mensch hat Selbstheilungskräfte. Das kann man oft genug beobachten. Die Wissenschaftsjournalistin Sabine Goette geht diesem Thema auf den Grund. Das Buch beruht auf der TV-Dokumentation „Die Heilkraft des inneren Arztes“ und auch in ihrem Buch „Die Heilkraft des inneren Arztes – Wie jeder seine Selbstheilungskräfte wecken kann“ ging es bereits um dieses Thema.

Insbesondere chronisch Krankheiten und Beschwerden sind es, die zu der Frage führen, was man selbst tun kann. Die Schulmedizin kann hier helfen. Aber bisweilen führt das eben nicht zu einer Besserung der Symptome. Manchmal wird nicht einmal die Ursache für die lang anhaltenden Beschwerden gefunden. Die Autorin vermittelt, dass es immer auch auf die innere Einstellung des Patienten ankommt, auf sein grundlegendes Befinden und auf seine aktive Mitarbeit. Der Mensch muss ganzheitlich betrachtet werden. Also auch die Psyche und die Lebensumstände. Die Autorin spricht hier zum Beispiel auch von Entspannungs- und Körperwahrnehmungstechniken, die eine schulmedizinische Behandlung erweitern können.

Vielleicht gelingt es nicht immer, die Selbstheilungskräfte so zu aktivieren, dass komplette Gesundheit sich einstellt. Und natürlich hat die Selbstheilung ihre Grenzen. Aber es ist eine Chance und auch etwas, dass man vorbeugend tun kann. So ist nicht selten Stress ein Auslöser für Krankheiten und gerade hier gibt es Strategien sich davon nicht im Alltag überrollen zu lassen. Das ist nicht einmal sehr zeitaufwändig.

Die Autorin spricht also viele Aspekte an. Manche Vorgänge kann man dann besser verstehen, und viele Erkenntnisse für sich selbst nutzen. Ganz neu ist das Thema natürlich nicht. Autogenes Training und Homöopathie sind bekannt. Aber im Buch wird alles auf einfache Weise erklärt und schafft besseren Zugang – auch für Skeptiker.

Rezension von Heike Rau

Sabine Goette
Selbstheilung – Warum Gesundheit im Kopf beginnt und was die Wissenschaft darüber weiß
256 Seiten, broschiert
Knaur MensSana
ISBN-10: 3426876388
ISBN-13: 978-3426876381
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Petra Durst-Benning: Kräuter der Provinz

Petra Durst-Benning: Kräuter der Provinz

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Petra Durst-Benning hat mit dem vorliegenden Roman ihren ersten Gegenwartsroman veröffentlicht. Nach überragenden Erfolgen mit historischen Romanen hat sie sich in ein anderes Genre gewagt. Auch dies erfolgreich, wie ich finde. Denn auch in dieser Geschichte geht es um Frauen, Frauen, die ihr Leben auf den Kopf stellen wollen oder müssen, Frauen, die sich durchsetzen, und am Ende ihr Glück finden … oder auch nicht.

Therese hat in ihrem Heimatdorf Maierhofen im Allgäu einen Landgasthof zum Erfolg gebracht. Als Bürgermeisterin möchte sie solch einen Erfolg auch für das Dorf schaffen. Es gibt nur ein Hindernis: Eine Diagnose „Krebs“ liegt ihr im Nacken und lässt sie immer häufiger den Optimismus verlieren. Durch Zufall wird sie an ihre Cousine Greta erinnert, die sie seit ihrer Kindheit nie wieder getroffen hatte und die eine erfolgreiche Werbefachfrau geworden ist. Das bringt sie auf die Idee, Greta in das beschauliche Maierhofen zu holen und auf fachfrauliche Hilfe bezüglich des Dorfes zu hoffen. Greta, der gerade in der Agentur, in der sie arbeitet, eine viel jüngere neue Werbefrau an die Seite gestellt wurde, verliert die Lust an der Arbeit für diese Agentur. Aber ebenso wenig kann sie sich zunächst eine Kampagne für ein Dorf vorstellen. Sie ist ausgebrannt. Doch sie greift die Idee einer Auszeit und eines kleinen Checkups in dem Allgäu-Dorf ihrer Kindheit auf. Als ihre Ideen für eine Kampagne Gestalt annehmen, wird sie zusätzlich von Thereses Freundin Christine, der Frau des örtlichen Autohändlers und von Beruf Hausfrau, unterstützt.

Petra Durst-Benning zeigt mit diesem spannenden Roman Wege auf, um sich von persönlichen Tiefschlägen nicht in die Knie zwingen zu lassen. Sie will Mut machen und plädiert dafür, den Kopf nie in den Sand zu stecken, immer nach vorne zu schauen und gegebenenfalls neue Wege zu beschreiten. Das Buch trägt selbst in den Wintermonaten, in denn die Handlung teilweise spielt, so viel Sonne in sich, dass man glaubt, stets von dieser beim Lesen begleitet zu werden. Die Figuren, nicht nur die weiblichen, bringt uns die Schriftstellerin über ihr Handeln und Denken sehr nah. Es ist alles nachvollziehbar und plausibel. Es braucht nicht lange, um sie als Freunde ins Herz zu schließen.
Geschmückt wird der Aufbruch des Dorfes mit vielen Rezepten, die Leserin oder Leser gleich ausprobieren kann. Selbst Edy vegane Bratwurst ist dabei. Und wer beim Lesen Appetit auf ein dickes Butterbrot, bestreut mit Kräutersalzen, bekommt, muss sich keinen Zwang antun. Drei kleine Gläschen mit Kräutersalzen gehören ebenfalls zum Buch. Eine wunderschöne Idee für ein wunderschönes Buch, welches Lust auf die Zukunft macht.

Durst-Benning, Petra
Kräuter der Provinz
Blanvalet, München
ISBN 9783734100116

© Detlef Knut, Düsseldorf 2015
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Atul Gawande: Sterblich sein

Atul Gawande: Sterblich sein

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Wie werden wir am Lebensende leben?

Dieser Frage ist Atul Gawande nachgegangen. Er ist Arzt und Amerikaner von indischer Herkunft und berichtet über seine Erfahrungen in den USA. Sie sind mit den Entwicklungen anderer zivilisierter Länder vergleichbar.

In verschiedenen Kapiteln handelt er den Status des Lebensendes ab und zieht u.a. den Vergleich zwischen früher und heute.

Gawande zeigt auf, dass mit dem demographischen Wandel neu einzurichtende Versicherungssysteme erforderlich wurden. Verlängerte Lebenszeit, die Möglichkeiten moderner Medizin und Mobilität in der heutigen Arbeitswelt sind Bedingungen, die den Zusammenhalt unter den Familien verändert haben. Damit einher ging die Verlagerung der Fürsorge aus dem früher mehr dem Familienverband überlassenen Aufgaben der Altenfürsorge an die so genannte öffentliche Hand. Die ersten Betreuungs – und Pflegeeinrichtungen wurden in Amerika durch engagierte Ärzte und betroffene Familienmitglieder gegründet. Sie endeten häufig im Desaster zwischen sicherer Versorgung, straff organisiertem Tagesablauf und Vereinsamung.

Gawande stellt fest, dass es einen Perspektivwechsel zwischen jungen und sehr alten Menschen gibt: hier wird vermehrt nach einer nach außen gerichteten Aktivität und Lebensgestaltung gesucht; im Alter hingegen wird der Rückzug in die Familie und zu den Kindern und alten Freunden angepeilt, und es herrscht eine allgemeine Abneigung gegen alles Neue.

Aus der Geriatrie (Altersheilkunde) führt der Autor Beispiele an, die uns zeigen, wie anders die Gesundheitsfürsorge für alte Menschen gegenüber jungen Menschen aussehen müsse. Altersmalaisen können vielerlei Ursachen haben, die nichts mit den Symptomen kranker Menschen in der Mitte des Lebens zu tun haben.

Atul Gawande zitiert Philip Roth mit seinem Satz aus dem Buch „Jedermann“, dass das Alter ein Massaker sei. Wie wahr! Er führt aus, dass im letzten Ende das Alter von einer ununterbrochenen Folge von Verlusten gekennzeichnet ist. Verlust von Angehörigen, Freunden, körperlichen Fähigkeiten und nicht zuletzt der eigenen Unabhängigkeit. Mit der häufig am Lebensende zu beobachtenden Versorgung im Heim geht die selbständige Gestaltung des Lebens und Handelns endgültig verloren. Fremdbestimmung und Verlust der Autonomie sind die bitteren Begleiterscheinungen um das Wissen darum, dass wir alle sterblich sind.

Neben den allgemeinen Fakten und Berichten erlebt man in Atul Gawande eine sehr Anteil nehmende Persönlichkeit. Er hat sich mit Patienten aber auch mit dem Sterben und Ende seines Vaters intensiv und liebevoll auseinandergesetzt.

Sein Buch ist ein Appell an die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft für ein Miteinander, dass dem alten Menschen die Würde lässt und den Tod respektiert. Doch auch jeder einzelne von uns ist aufgerufen, sich der eigenen Sterblichkeit zu stellen und die Verleugnung des Todes zu beenden.

Im Anhang findet man eine Reihe von Anmerkungen zu diesem außergewöhnlichen Buch.

Atul Gawande

Sterblich sein
336 Seiten, gebunden
FISCHER, September 2015
ISBN-10: 3100024419
ISBN-13: 978-3100024411
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