Hans-Ulrich Grimm: Dumm gegessen! – Wie uns die Nahrungsindustrie um den Verstand bringt

Hans-Ulrich Grimm: Dumm gegessen! – Wie uns die Nahrungsindustrie um den Verstand bringt

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Was wir essen, hat einen großen Einfluss auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Das ist bekannt. Und trotzdem kommen täglich Fertiggerichte auf den Tisch. Isst ja jeder. Mag sein, dass die Verdauung mal nicht rund läuft oder die Figur darunter leidet. Hans-Ulrich Grimm zeigt aber auch, dass Intelligenz und Leistungsfähigkeit leiden und der IQ-Wert sinkt. Tatsächlich scheint es an der Ernährung zu liegen, dass das Gehirn schneller altert. Demenz kann die Folge sein. Doch auch wer vegan oder vegetarisch isst, lebt gefährlich, denn auch hier kommen viele verarbeitete Lebensmittel auf den Tisch, die vollgepackt sind mit fragwürdigen Zusatzstoffen. Was als besonders gesund gilt, muss es also noch lange nicht sein. Hans-Ulrich Grimm hat nachgeforscht. Wie immer sehr akribisch und unter Einbeziehung zahlreicher Studien, die kritisch gedreht und gewendet werden, sowie aufschlussreicher ärztlichen Meinungen.

Der Autor beschreibt sehr eindringlich, welche böse Folgen eine Ernährung mit Fast Food, Tiefkühlpizza und anderen industriell verarbeiteten Lebensmittel langfristig haben kann und warum. In die Mangel genommen werden in diesem Zusammenhang auch verschiedene Zusatzstoffe wie Glutamat oder Zitronensäure. Davon abgesehen können verarbeitetet Lebensmittel einen Nährstoffmangel verursachen, den auch Nahrungsergänzungsmittel nicht ausgleichen können. Schon im Kleinkindalter kann die Mangelernährung beginnen und sich mit ungeahnten Symptomen äußern.

Dummheit, schlechte Laune, Depressionen, Aggressivität; überall spielt die Ernährung hinein und kann ursächlich sein. Das Buch soll aufrütteln und tut es auch. Natürlich ist es viel Lesestoff. Und der Schreibstil passt nicht so ganz zur Ernsthaftigkeit des Themas, da auch auf einen gewissen Unterhaltungswert gesetzt wird. Aber alle wichtigen Tipps werden im letzten Kapitel noch einmal zusammengefasst. Hier geht es um eine Ernährung, die dem Körper und dem Geist zuträglich ist, ihm alle wichtigen Nährstoffe zukommen lässt und ihn vor Mangelernährung bewahrt. Wer seine Ernährung überdenkt und hirnfreundlich umstellt, kann davon profitieren.

Rezension von Heike Rau

Hans-Ulrich Grimm
Dumm gegessen! – Wie uns die Nahrungsindustrie um den Verstand bringt
288 Seiten, gebunden
‎Droemer HC, September 2021
ISBN-10: 3426277999
ISBN-13: ‎978-3426277997
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Louis Begley: Hugo Gardners neues Leben

Louis Begley: Hugo Gardners neues Leben

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Der neue Roman von Louis Begley führt uns wieder einmal an die Ostküste Amerikas, vornehmlich nach New York und zu den Hamptons. Letztere bieten Erholung und reizvolle Landschaften und Ortschaften, in denen man ein komfortables Leben in den Ferien oder im Alter führen kann. Louis Begley selbst gehört zu den Ostküstenbewohnern, die gebildet und wohlhabend sind. Das war nicht immer so, wie man in seinem ersten Roman “Lügen in Zeiten des Krieges“ nachlesen kann, in dem er autobiographisch seine Flucht als Jude vor den Nazis beschreibt.

Worum geht es hier?

Ein alternder ehemaliger Zeitungskorrespondent und Chefredakteur, der Titelheld Hugo Gardner, erfährt auf wirklich ungewöhnliche Weise von den Scheidungsabsichten seiner Frau. Deren Anwalt wünscht auf Geheiß seiner Mandantin Valerie Gardner Kontakt zu Hugos Anwalt. Hugo ist vollkommen ahnungslos über diese plötzliche Wendung in seiner Ehe. Nach seinem Eindruck führten er und seine Frau seit vierzig Jahren eine gute Ehe. Er ist allerdings zu der Zeit, in der die Geschichte spielt, schon 84 und seine Frau 61 Jahre alt.
Recht lakonisch und genügsam willigt Hugo in die Scheidung ein.

Louis Begley hat die ungewöhnliche Gabe, seinen Figuren Leben einzuhauchen, ohne sie in ihrem Tun und Lassen etwa dramatisierend darzustellen. So lässt sich Hugo auf alles ein und versucht auf seine Weise, sein Leben neu zu formen. Dabei tauchen Freunde und Kollegen auf, er erhält Einladungen, denen er mehr oder weniger gerne Folge leistet. Das Gesellschaftsleben der Ostküstenbewohner mit ihren Allüren wird anschaulich vermittelt. Die Beschreibung der Mentalität seiner Freunde ist leicht ironisch bis mokant. Seine eigenen Kinder sieht er mit großer Distanz und stiller Ironie. Sie kommen immer nur, wenn sie Geld brauchen, das er ihnen großzügig gewährt. Von ihnen erbittet er Auskunft über die Gründe für den Scheidungswunsch seiner Frau, denn er kann ihn sich lange nicht erklären. Seine Tochter ist ruppig und sehr direkt. Sie spiegelt ein abscheuliches Bild seiner selbst: er sei alt, hässlich und langweilig.
Während Hugo erfolgreich und einflussreich war und noch ist, bleibt sein Sohn als Anwalt beruflich im Mittelmaß stecken.

Die Geschichte ist wie so oft bei Louis Begley voller Ironie und Melancholie. Ein alternder Beau begibt sich auf Spuren in die Vergangenheit. Er begegnet Alters- und Studiengenossen, Weggefährten und vor allem längst vergangenen Liebesaffären. Als ehemaliger Chefredakteur und Korrespondent einer angesehenen New Yorker Zeitung pflegt er vorzügliche Verbindungen in alle Welt. Paris, Wien oder die Schweiz waren seine bevorzugten Wirkungsstätten.

Hugo kennt sich aus im guten Leben: er liebt Essen, ausgewählte Weine und harte Drinks, vornehme Wohnsitze und ja, auch in seinem Aller noch, ausgedehnten Sex.

Begleys Held beschäftigt sich auf der Reise in die Vergangenheit u.a. mit den letzten Dingen; sie klingen nüchtern, realistisch und bei allem genussvollen Dasein ein wenig traurig. Einsamkeit ist der Schlüssel für dieses Alterswerk des großen Erzählers.

Man liest den Roman schnell, interessiert und neugierig. Einmal mehr erfahren wir, wie Leben verläuft: Aufbruch, Erfüllung in Beruf und Familie, Zweifel am großen Glück, Frustrationen und zuletzt Hinnahme dessen, was nicht zu ändern ist.

Der eindrückliche Roman unterhält bestens, und ich kann ihn sehr empfehlen.

Louis Begley
Hugo Gardners neues Leben
235 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, 18. Juli 2021
ISBN-10: 3518429841
ISBN-13: 978-3518429846
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Elias Hirschl: Salonfähig

Elias Hirschl: Salonfähig

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Julius Varga ist sein Idol. Das Aussehen und Auftreten des Parteichefs scheinen ihm perfekt, die Ausstrahlung charismatisch. Zum Bundeskanzlerkandidaten hat er es gebracht. Er ahnt nicht, dass es eine Kopie von ihm gibt. Eine schlechte. Aber dieser Mann übt stundenlang, so zu wirken wie Julius Varga. Er imitiert seine Haltung, seinen Gesichtsausdruck, seine Art zu gehen. Und selbstverständlich hat er seine Gesten und auch seinen Sprachstil drauf. Nur seine politische Haltung nicht. Da ist er wie eine Fahne im Wind und seine Antworten, falls er denn mal gefragt wird, entnimmt er seinem Fundus an nichtssagenden Phrasen. Alles was zählt, ist der äußere Schein, den es zu verinnerlichen gilt. So viel hat dieser Doppelgänger verstanden.

Nur seine Freundin Moni will sich nicht überzeugen lassen. Als Testperson, sein authentisches Auftreten betreffend, ist sie nicht die beste Wahl. Doch wie soll jemand besser werden, der schon perfekt ist oder sich vielmehr dafür hält? Und doch ist auch dieser Nachahmer auf dem politischen Parkett zu Hause, auch wenn seine Funktion in der Jugendorganisation nicht klar ist und eher überflüssig erscheint. Er hat keinen Einfluss auf nichts. Was er sagt, wird nicht beachtet und verschwindet einfach. Seine schön formulierten und mit perfekten Gesten untermalten Reden klingen schlau, sind aber inhaltslos. Es ist die fehlende Anerkennung, die den Doppelgänger weiter in den Wahn treibt.

Elias Hirschl zeigt ein satirisches Bild einer Person auf, die sich in der Politik und im Persönlichen völlig verrannt hat. Er gesteht dieser Person keinen einzigen Sympathiepunkt zu. Vielmehr wird die Situation immer schlimmer, subtiler und weniger tragbar. Dadurch spitzen sich die Geschehnisse gefährlich zu. Der Protagonist ist ein Spiegel, dessen blinde Flecken und Schlieren immer mehr verschwinden. Der Wahn kennt keine Grenzen, zumal sich die Wahrheit mit abgrundtiefer Fantasie und mit Albträumen vermischt.

Das Buch ist einfach nur gruselig, auch wenn es Szenen gibt, die grotesk und aberwitzig sind. Es ist die Art, wie der Autor die Handlung vorantreibt, die wirklich erschreckt. Aber das Buch hat ja auch einen aufdeckenden und entlarvenden Charakter, Politik und Politiker betreffend. Und da hört der Spaß ja nun wirklich irgendwo auf. Aber in dieser Satire gibt es keine Grenzen, und so kann der Autor kaum deutlicher darstellen, was er sagen möchte. Es ist eine interessante Art, Kritik zu verpacken. Die Wirkung ist jedoch nicht ganz so durchschlagend.

Rezension von Heike Rau

Elias Hirschl
Salonfähig
256 Seiten, gebunden
‎Paul Zsolnay Verlag, August 2021
ISBN-10: 3552072489
ISBN-13: 978-3552072480
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Dr. med. Marianne Koch: Alt werde ich später

Dr. med. Marianne Koch: Alt werde ich später

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Wer möchte nicht geistig und körperlich fit bleiben bis ins hohe Alter? Dr. Marianne Koch hat deshalb in diesem Buch zusammengetragen, wie das gelingen kann. Sie bringt dabei neueste wissenschaftliche Fakten und ihre eigene Lebenserfahrung mit ein.

Das Buch wirkt sehr aufgeräumt, sodass man nie den Überblick verliert. In acht Kapiteln schreibt die Autorin über den Wandel des Älterwerdens, warum wir überhaupt altern und warum Anti-Aging-Mittel dagegen nicht helfen.

Vielmehr ist es unsere Lebenseinstellung, die uns helfen kann. Deshalb ist ein ganzes Kapitel dem Selbstbewusstsein gewidmet. Denn wenn Unzufriedenheit das Leben bestimmt, ist es sinnvoll, mutig zu sein und neue Wege zu gehen. Manchmal reichen hier schon kleine Veränderungen aus. Außerdem geht es um Achtsamkeit und darum, wie wichtig es ist, sich selbst zu mögen.

Wer auch im Alter fit sein will, muss beginnen, sich aktiv um seine Gesundheit kümmern. Gesunde Ernährung und Sport sind wichtige Bausteine. Die Autorin zeigt auf, wie sich viele Krankheiten mit einer ausgewogenen Ernährung und ausreichend Bewegung verhindern oder aufhalten lassen. Mit wenigen Worten ist hier alles gesagt. Es kann so einfach sein.

Auch geistige Fitness ist wichtig. Die grauen Zellen brauchen Anregung. Und hier ist beim Kreuzworträtseln noch lange nicht Schluss. Neue Interessengebiete zu entdecken, kann sehr viel Spaß machen. Und wer dabei mit anderen Menschen in Kontakt kommt, tut gleich etwas gegen die Einsamkeit, die Dr. Marianne Koch als eine Alterskrankheit sieht.

Viele Ratschläge sind nicht unbedingt neu. Aber die Art, wie die Autorin, die bereits ihren 90. Geburtstag gefeiert hat, Ihre Tipps und Erklärungen verpackt hat, gefallen gut. Es fließt sehr viel Persönliches mit ein. Wer bisher alles richtig gemacht hat, wird sich in seinen Bemühungen bestätigt fühlen. Wer darüber nachdenkt, sein Leben zu ändern, und nicht so recht weiß wie, wird motiviert. Dr. Marianne Koch tritt in einen direkten Kontakt mit ihren Lesern, in dem sie möglich Fragen aufgreift und beantwortet.

Rezension von Heike Rau

Dr. med. Marianne Koch
Alt werde ich später
Neue Wege, um geistig und körperlich fit zu bleiben
160 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, August 2021
ISBN-10: ‏3423282983
ISBN-13: 978-3423282987
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Alex Schulman: Die Überlebenden

Alex Schulman: Die Überlebenden

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Drei erwachsen gewordene Brüder begegnen sich nach zwanzig Jahren im Sommerhaus der Eltern, um die Asche der Mutter zu verstreuen. Es ist ein altes Haus, morsch z.T., in einer idyllisch gelegenen Gegend an einem See nicht weit von Stockholm entfernt. In wechselnden Szenen erlebt man die Geschwister einmal in ihrer Kindheit und dann wieder im Heute mit der Urne der Mutter.

Der Autor Alex Schulmann malt ein düsteres Bild sowohl von heute als auch von damals.
Die Atmosphäre ist beklemmend. Die Eltern sitzen und trinken, sie trinken sehr viel, sie essen und schlafen.
Dazwischen wechseln die Brüder vom Spielen oder Schwimmen in die Nähe der Eltern oder in den nahegelegenen Wald.

Ganz unmerklich schälen sich die Charaktere heraus.
Nils ist der Älteste. Er ist klug und steht innerlich und äußerlich oft abseits.
Benjamin ist 9 und Pierre 7 Jahre alt.
Benjamin scheint sensibel und still beobachtend. Man ahnt, wie intensiv er Stimmungen und laute Unstimmigkeiten registriert. Aus seinen Beobachtungen wird die Erzählung gespeist.
Pierre wirkt in der Darstellung ängstlich, klein und eher verzagt.
Glücklich wirkt die Kindheit dieser drei Brüder nicht.
Man spürt, dass in diesem Elternhaus vieles ungesagt bleibt und ein eisernes Schweigen herrscht.
Benjamin, der Sensible, neigt zu Vorstellungen, in denen er die Wirklichkeit nicht mit der Einbildung vereinbaren kann.

Man erfährt nichts über den Alltag der einzelnen Familienmitglieder und von ihrem Leben in Stockholm. An einer Stelle wird vermerkt, dass die Kinder in einem „Oberklassenhaushalt“ aufgewachsen sind. Dass sie am Rande des Existenzminimums lebten, an einer anderen. Für die akademische Ausbildung scheint kein großer Aufwand getrieben worden zu sein. Der Leser*in merkt, dass über der Familie ein unbekanntes Unheil schwelt.

Alex Schulman konstruiert seine Geschichte so ausgefeilt, dass eine schwer zu ertragende Spannung entsteht. Warum machen die Eltern einen recht verwahrlosten Eindruck? Welche Dynamik besteht zwischen der äußeren Lebensform und der inneren seelischen Unausgeglichenheit?

Langsam und unmerklich nähert man sich einem Ereignis, dass ungeahnte Folgen für alle hatte. Alex Schulman hält uns ganz lange im Ungewissen, bis wir uns dem eigentlichen tragischen Geschehen nähern.

Es handelt sich in diesem Roman um die Sozialstudie einer Familie, deren Regeln ungeordnet und fahrlässig von den Eltern bestimmt werden, und die die Kinder in Einsamkeit und Verlustgefühle treiben. Angst und Unbehagen ist aus allen Handlungen zu spüren immer im Wechsel mit dem Bemühen, Liebe und Zuwendung von den Eltern zu erfahren.

Der Stil der Erzählung schwankt zwischen fast protokollartigen Berichten bis zu unregelmäßigen Gefühlsausbrüchen der Mutter und unverhofft auftretenden Wutausbrüchen des Vaters. Ein jeder lässt hier jeden allein.
Zusammenhalt zwischen den Brüdern gibt es, wenn dieser auch zerbrechlich ist.
Am Ende sind sie im Unglück vereint.

Die raue Natur, die Schönheit der Bäume, Pflanzen und der See bilden einen wunderbaren Hintergrund zu dem Familiendrama. Es ist ein lesenswerter Roman, voller Tiefe und intensiver Innenbetrachtung eines zerrütteten Familienlebens mit einem überraschenden Ende.

Alex Schulman
Die Überlenden
dtv Verlagsgesellschaft, August 2021
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3423282932
ISBN-13: 978-3423282932
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Anne von Canal und Heikko Deutschmann: I get a bird

Anne von Canal und Heikko Deutschmann: I get a bird

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Da schreiben sich zwei, die sich nicht kennen, nur weil der eine etwas vom anderen gefunden hat. Johan hat Jana einen Kalender zurückgeschickt, den sie vor langer Zeit in einer Telefonzelle vergessen hat. Hier in der Wendeschleife hat der Busfahrer wochenlang vergeblich versucht, einen Anruf zu tätigen.
Jana hat den Planer sehr vermisst. Eine äußerst wichtige Telefonnummer war ihr mit dem Verlust abhandengekommen. Doch auch sie erreicht nun niemanden mehr.

Jana schreibt zurück, und es entwickelt sich eine Korrespondenz, die bald an Tiefe gewinnt, obwohl die beiden sich fremd sind. Beide hat das Schicksal aus der Bahn geworfen. Und so ist der Austausch willkommen, denn vielleicht ergibt sich eine Möglichkeit, Klarheit in die Gedanken zu bringen. Das Schreiben hat sozusagen eine therapeutische Wirkung, wobei keiner wissen kann, in welche Richtung es geht. Es scheint einfacher zu sein, einem Fremden gegenüber offen zu sein, sich frustriert zu geben oder Entscheidungen zu hinterfragen und mögliche Fehler einzuräumen.

Der Busfahrer und die Zukunftsforscherin, die ihren Lebensunterhalt als Kurierfahrerin bestreitet, müssen ihr Leben neu ordnen und einen Weg finden, mit den Gegebenheiten zurechtzukommen. Es könnte so einfach sein und ist doch so schwierig. Schließlich finden die beiden eine Parallele in ihrem Leben, die in der jetzigen Situation weiterhelfen könnte. Ein kleiner Hoffnungsschimmer entwickelt sich. Es ist eine Anregung, die darüber entscheiden könnte, ob die persönlichen Dinge sich klären lassen oder ob man sie nehmen kann, wie sie sind, sodass ein Leben ohne ständige Ängste und Zweifel möglich wäre.

Der Gedankenaustausch ist fiktiv. Anne von Canal und Heikko Deutschmann sind in die Rollen von Jana und Johan geschlüpft. Sie haben sich geschrieben, ohne etwas abzusprechen. Die beiden Autoren zeigen mit dem Schriftwechsel, wie erdrückend Lebensumstände sein können und wie schwer, die Vergangenheit aufzuarbeiten, die Last abzuwerfen und sich selbst verzeihen zu können.

Schon seltsam, welche Ideen sich bei diesem Schriftwechsel der beiden Autoren ergeben haben. Wie der Ball zugeworfen und aufgefangen wird oder eben nicht. Um das Buch spannend zu halten, müssen ja immer wieder neue Aspekte eingearbeitet werden. Und die Figuren müssen sich weiterentwickeln, womit sich diese allerdings schwertun. Und das Ende des Buches ist eher ein neuer Anfang, wenn es der Leser möchte …

Rezension von Heike Rau

Anne von Canal und Heikko Deutschmann
I get a bird
272 Seiten, gebunden
mareverlag, August 2021
ISBN-10:‎ 3866486820
ISBN-13: 978-3866486829
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Mina Teichert: Mein unverhoffter Pferdesommer

Mina Teichert: Mein unverhoffter Pferdesommer

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Wie bekommt man einen großen Hannoveraner Wallach in einem Neubaugebiet unter? Das muss sich die 14-jährige Milli fragen. Sie hat das Pferd von ihrer Tante geerbt. Kurzerhand wird es in der Garage geparkt. Milli hat keine Ahnung von Pferden. Aber was hilft es, jetzt muss sich um das Tier kümmern, bis ein Stall gefunden ist.

In der Kiste mit dem Pferdezubehör entdeckt Milli ein Tagebuch und erfährt, dass sie es mit einem ehemaligen Polizeipferd zu tun hat. Kein Wunder also, dass Jupiter so erstaunlich souverän mit der Situation umgeht. Dennoch ist sie froh, auf die Unterstützung ihrer Eltern und ihrer Freundin Anouk zählen zu können, die sich sofort für das Pferd begeistert. Denn schließlich muss Milli sich auch noch um ihren Mops Hugo kümmern. Und ihr Balletttraining darf sie ebenfalls nicht vernachlässigen.

Was für eine schöne Geschichte! Es ist sehr spannend zu verfolgen, wie Milli und Jupiter Freunde werden. Ganz selbstverständlich lässt sich das Pferd integrieren. Zum Glück haben Milli und Anouk viel Zeit, denn es sind gerade Ferien. Klar, dass die beiden sich den einen oder anderen Fehler im Umgang mit dem Pferd leisten. Aber sie versuchen dennoch, seine Reaktionen einzuschätzen und seine lebhafte Mimik zu verstehen. Diese Szenen werden auf eine ausgesprochen fantasievolle und witzige Art beschrieben. Das Pferd ist einfach bezaubernd.

Natürlich gibt es auch noch eine tiefergehende Geschichte, in der es um Jupiters Vergangenheit als Polizeipferd geht. Und hier entwickelt sich fast ein Krimi, bei dem eine weitere Person die Bühne betritt. Silas ist merkwürdigerweise immer zur Stelle, wenn Milla nicht mehr weiterweiß oder wenn sie sich und das Pferd in eine schwierige Lage manövriert hat. Stets handelt er überlegt und durchdacht, ganz im Gegensatz zu Milli. Aber genau das gefällt ihr an ihm.

Der Pferderoman ist sehr unterhaltsam und super flüssig zu lesen. Er ist perfekt für das Lesealter konzipiert. Es fließt viel aus Millas Leben mit ein, sodass man sie gut kennenlernen kann. Das erhöht die Spannung, die bis zum überraschenden Ende anhält.

Rezension von Heike Rau

Mina Teichert
Mein unverhoffter Pferdesommer
256 Seiten, gebunden
ab 10 Jahre
Ueberreuter Verlag, August 2021
ISBN-10: 3764152141
ISBN-13: 978-3764152147
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J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin

J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin

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Elisabeth und Andrew, die viele Jahre in New York verbracht haben, leben nun in einer Kleinstadt, um hier ihren Sohn Gil aufzuziehen. Elisabeth vermisst ihre engste Freundin Nomi, die in Brooklyn geblieben ist. Eine von anderen Müttern gegründete Facebook-Gruppe und auch die anderen Frauen in der Laurel Street, die sie in ihren Buchclub aufgenommen haben, füllen die Leere nicht. Andrew erweist sich als liebevoller Vater, doch muss er sich um seine neueste Erfindung widmen. Elisabeth ist vertraglich gebunden und hat ein drittes Buch zu schreiben. Sie wird sich um eine Kinderfrau kümmern müssen, um Zeit zum Schreiben zu haben. Und so kommt Sam in die Familie, eine Kunststudentin, und kümmert sich um Gil. Die beiden Frauen könnten kaum unterschiedlicher sein. Aber sie haben sofort einen guten Draht zueinander.

J. Courtney Sullivan zeigt auf, wie sich zwischen Elisabeth und Sam eine Freundschaft entwickelt, die von der älteren Frau angestoßen wird. Sie sieht sich selbst ein bisschen in Sam und möchte vermeiden, dass diese die gleichen Fehler macht wie sie selbst. Das mag gut gemeint sein, aber ihre Art und Weise Sam zu beeinflussen, ist ein bisschen übergriffig. Elisabeth sieht nicht, dass es nicht unbedingt gut für Sam sein muss, zu handeln, wie sie selbst es tun würde.

Die beiden Frauen stammen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Während Elisabeth reiche Eltern im Hintergrund hat, muss Sam sich mit einem Studienkredit verschulden und nebenbei in der Küche der Mensa und als Babysitterin etwas dazu verdienen. Und doch ist es auch ein Privileg, dass ihr überhaupt eine Bildungschance offensteht. Der Roman ist also durchaus gesellschaftskritisch. Das wird untermalt mit der Theorie vom Hohlen Baum, mit der sich Elisabeths Schwiegervater George sich auseinandersetzt. Elisabeth belächelt seine Ansichten. Aber Sam kann er dafür gewinnen.

Es ist interessant zu sehen, wie die beiden Frauen sich anfreunden und miteinander umgehen, besonders dann, wenn es Differenzen gibt. Sie sind nicht gleichberechtigt in dieser Beziehung, denn Sam ist auf das Geld, das sie beim Babysitten verdient, angewiesen. Dennoch findet eine Entwicklung statt, vor der sich auch Elisabeth nicht verschließen kann. Beide gewinnen durch diese Freundschaft, verlieren aber auch viel.

Rezension von Heike Rau

J. Courtney Sullivan
Fremde Freundin
Aus dem Englischen von Andrea O’Brien und Jan Schönherr
528 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag, Juli 2021
ISBN-10: 3552072519
ISBN-13: 978-3552072510
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Doris Knecht: Die Nachricht

Doris Knecht: Die Nachricht

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In einem ruhigen und beschaulichen Garten sitzt Ruth mit ihrem Laptop, als sie eine sonderbare Nachricht erhält: man verkündet ihr hämisch auf Facebook, dass ihr Mann, der vor drei Jahren verstorben ist, eine Affäre hatte. Ja natürlich wusste sie davon! Aber wer erdreistet sich, in dieser Weise in ihr Leben einzudringen?

Doris Knecht beginnt ihren Roman über eine gestandene Frau in einem schönen, verwunschenen und herrlich einsam gelegenen Haus mit Garten. So lieblich mutet das Ganze an, dass man sich auf einen erbaulichen Roman einstellen möchte. Doch ganz so wunderbar bleibt es nicht!

Im Verlauf der Geschichte lässt Doris Knecht das Leben von Ruth, ihren Kindern und Ehemann vor unserem inneren Auge erstehen. Man merkt bald, dass in der Familie so einiges nicht zum Besten steht. Man kann sich aber nur schwer vorstellen, dass sie Anlass für Stalking bot.

Die Nachricht bildete erst den Anfang einer unendlichen Folge von Netzeinträgen mit diffamierendem Charakter und hässlichen Anschuldigungen, die auch an den Grundfesten der Beziehung zu ihren Freunden und Freundinnen rüttelt.

Doris Knecht versteht es hervorragend, einen Spannungsbogen aufzubauen, der den Leser*in immer mehr in seinen Sog zieht.

Die nächstliegende Frage bewegt allmählich schon sehr: wer könnte der Absender der boshaften Nachrichten sein?

Je mehr wir in die näheren Lebensumstände und Gewohnheiten von Ruth eingeweiht werden, desto enger wird das Netz der Beschmutzungen, die sie ereilen.

Doris Knecht steigert die Geschichte zu einem ausnehmend fesselnden Psychothriller. Das Netz der Beschuldigungen engt Ruth immer mehr ein. Man fasst es nicht und denkt darüber nach, dass es Psychotiker gibt, die keine Möglichkeit der Verfolgung auslassen. Dass es sogar in den besten Kreisen Menschen dieser Psychostruktur gibt, überrascht am Ende nicht.

Dem Leser*in bleibt fast der Atem stehen. Unweigerlich nimmt man innerlich Partei für die Hauptprotagonistin und bangt mit ihr um eine Lösung dieses Wahnsinns.

Ein so fesselnder und gut durchstrukturierter Roman dieser Dimension ist mir lange nicht begegnet!

Ich kann ihn nur sehr empfehlen, zumal diese Geschichte in unserer Zeit durchaus Wahrheitscharakter hat.

Doris Knecht
Die Nachricht
256 Seiten, gebunden
‎Hanser Berlin, Juli 2021
ISBN-10: 3446271031
ISBN-13: 978-3446271036
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Mercedes Rosende: Der Ursula-Effekt – Montevideo-Romane Teil 3

Mercedes Rosende: Der Ursula-Effekt – Montevideo-Romane Teil 3

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Gerade mal ein Tag ist vergangen seit dem Überfall auf den Geldtransporter. Ursula hatte das Chaos genutzt und die Sache für sich entschieden. Nun wartet sie. Sie wartet sehr geduldig. Germán wird so lange mit der Beute untergetaucht bleiben wie nötig und sich dann melden.

Inspektor Clemen und Doktor Antinucci sind fassungslos. Der Überfall auf den Geldtransporter ist gründlich schiefgegangen. Was für eine Verwüstung hat Ricardo hier angerichtet? Aber man kann der Sache durchaus auch etwas Positives abgewinnen. Immerhin ist das Geld nicht verloren. Es hat nur den Besitzer gewechselt. Man wird herausfinden können, wo es ist und es zurückholen.

Germán ist außer Gefecht gesetzt. Seine Panikzustände machen ihm das Leben schwer. Und doch muss er einen Weg finden, die Beute in Sicherheit zu bringen. Noch ist es im Fluchtauto, doch hier kann es nicht bleiben.

Ursula ahnt nicht, dass das Misstrauen, das ihr ihre Schwester Luz entgegenbringt, bedenklich angewachsen ist, und diese erwägt, einen Privatdetektiv auf sie anzusetzen, um endlich Klarheit zu erhalten.

Kommissarin Leonilda, Inspektor Clemen hat ihr den Fall mal wieder entzogen, ist ebenfalls weiter im Spiel. Sie ermittelt nun jedoch auf eigene Faust. Dabei beschränkt sie sich aufs Beobachten. Da ist sie nicht die Einzige.

Wieder wird der Krimi aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Ursula selbst kommt zu Wort. Und da ist dann noch ein Erzähler, der nicht nur erzählt, sondern auch wertet. Er teilt seine Einschätzungen mit dem Leser. Diese innere und äußere Sichtweise ergibt ein facettenreiches Bild. Der gewohnt bissige und sezierende Humor kommt dabei nicht zu kurz.

Ursula kann diesmal nicht alles dem Zufall überlassen. Da ist eine Schlinge, die sich so langsam zuzieht. Ihr ist klar, dass ihr die Beute abgejagt werden soll. Sie weiß zudem, dass die Täter dabei einiges riskieren werden. Aber mit fähigen Leuten hat sie es wohl kaum zu tun, wenn man bedenkt, wie der Überfall abgelaufen ist. Es ist interessant zu sehen, wie sie agiert. Wie sie plant und vorausdenkt, aber auch den Zufall zu nutzen weiß. Ursula hat viel dazugelernt. Aber hat sie tatsächlich eine Chance, aus der Sache herauszukommen? Mit dem Geld? Es bleibt spannend bis zum Schluss.

Rezension von Heike Rau

Mercedes Rosende
Der Ursula-Effekt
Montevideo-Romane Teil 3
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
288 Seiten, Klappenbroschur
Unionsverlag, Juli 2021
ISBN-10: 3293005764
ISBN-13: 978-3293005761
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