Melanie Göppert: Zero Waste Kosmetik – Natürlich schön und gepflegt mit Karotte, Kaffeepulver & Co

Melanie Göppert: Zero Waste Kosmetik – Natürlich schön und gepflegt mit Karotte, Kaffeepulver & Co

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Pflegeprodukte enthalten oft problematische Inhaltsstoffe. Die Zutatenliste ist kompliziert und enthält Angaben, mit denen kaum einer etwas anfangen kann. Dazu kommt, dass die Verpackung nicht umweltfreundlich ist. Immer mehr Menschen stehen solchen Produkten skeptisch gegenüber, wollen aber nicht auf eine gute Pflege von Haut und Haar verzichten.

Melanie Göppert zeigt, wie natürliche Alternativen aussehen können. Viele Zutaten sind immer im Kühlschrank und im Vorratsschrank zu finden oder sie wachsen im Garten. Es handelt sich um Lebensmittel, die auch pflegende Eigenschaften haben. Die Autorin arbeitet beispielsweise mit Pflanzen, Milchprodukten und guten pflanzlichen Ölen.

Im Buch gibt es überraschend einfache und alltagstaugliche Rezepte, die manchmal nur aus ein oder zwei Zutaten bestehen. Die Frische der Naturkosmetik gefällt mir dabei besonders gut. Alle Rezepte sind außerdem unglaublich flexibel und bestimmte Zutaten sind schnell ausgetauscht. Jede Haut ist anders und es ist wichtig, auf die innere Stimme zu hören.

Zunächst wird erklärt, was man an Basisausstattung braucht, welche Hygieneregeln zu beachten sind und wie es mit der Haltbarkeit der selbst gerührten Kosmetik aussieht.

Den Anfang macht die Gesichtspflege. Der Leser lernt, wie er einen Gesichtsreiniger, ein Gesichtswasser, ein Dampfbad, ein Peeling oder eine Maske herstellen und Creme rühren kann. Weiter geht es mit der Handpflege, Reinigungs- und Pflegeprodukten für den Körper sowie selbst gemachtem Deo und Deocreme, Mundpflege sowie reinigenden und pflegenden Produkten fürs Haar.

Insgesamt sind 125 natürliche Rezepte in dem ansprechend bebilderten Buch. Es macht Spaß, sich eingehend damit zu beschäftigen und die täglich anwendbare oder auch mal eine besondere Pflege herauszusuchen, die zum eigenen Hauttyp passt. Tatsächlich lässt sich vieles, was im Bad steht problemlos austauschen. Verpackung wird eingespart und für den Geldbeutel ist es auch gut!

Rezension von Heike Rau

Melanie Göppert
Zero Waste Kosmetik – Natürlich schön und gepflegt mit Karotte, Kaffeepulver & Co
160 Seiten, Klappenbroschur
Verlag Eugen Ulmer, April 2020
ISBN-10: 3818609578
ISBN-13: 978-3818609573
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Christine Gitter: Ist das gesund oder kann das weg? – Wirklich alles über Nahrungsergänzungsmittel

Christine Gitter: Ist das gesund oder kann das weg? – Wirklich alles über Nahrungsergänzungsmittel

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Irgendwas an Nahrungsergänzungsmitteln hat fast jeder im Schrank stehen. Die Werbung offeriert Wunder und das hat eine verkaufsfördernde Wirkung. Man braucht kein Rezept und keinen ärztlichen Rat, um ein Mittel zu kaufen, das der eigenen Gesundheit auf die Sprünge helfen soll. Doch tut man sich mit den Mittelchen, die oft richtig teuer sind, nicht immer einen Gefallen.

Die erfahre Apothekerin durchleuchtet die Welt der Nahrungsergänzungsmittel. Dabei zeigt sie auf, wo der Unterschied zu Medikamenten liegt. Der Leser erfährt, wie der Tagesbedarf an bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen ermittelt wurde und welche Aussagekraft er hat. Die wichtigsten Vitamine und Mineralstoffe werden hinsichtlich ihrer Notwendigkeit und Wirksamkeit als Nahrungsergänzungsmittel bewertet. Hier zeigt sich, dass viele Wundermittel keine sind, auch wenn die Werbung das suggeriert. Sie sind nicht selten nutzlos und überflüssig. Bei Überdosierung kann es sogar gefährlich werden. Auch Wechselwirkungen mit Arzneimitteln sind möglich. Für manches Nahrungsergänzungsmittel ist das ein Ausschlusskriterium.

Christine Gitter ist sehr deutlich in ihren Ausführungen. Werbeversprechen werden nicht selten mit witzigen Vergleichen restlos ruiniert. Der Rat, etwas einzunehmen, kommt selten und ist nur in begründeten Fällen notwendig.

Und nun? Wie decken wir denn jetzt unseren Bedarf an wichtigen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen? Der Blick geht hin zu unserer Ernährung. Doch war da nicht was? Heißt es nicht, dass in unserem Obst und Gemüse weniger Nährstoffe sind als noch vor Jahren? Auch dieser Frage geht die Autorin nach.

Das Buch ist unterhaltsam und leicht verständlich geschrieben. Die Autorin hat viel recherchiert und Studien gelesen und begründet ausführlich, warum Nahrungsergänzungsmittel und die dahinter stehenden Werbebotschaften kritisch zu betrachten sind.
Wer sich tiefer mit dem Thema beschäftigen möchte, erfährt, wie seriöse Gesundheitsinformationen aufzufinden sind, wie man Statistiken besser bewerten und Studien besser einschätzen kann.

Rezension von Heike Rau

Christine Gitter
Ist das gesund oder kann das weg? Wirklich alles über Nahrungsergänzungsmittel
340 Seiten, Klappenbroschur
Droemer Verlag, Mai 2020
ISBN-10: 3426278081
ISBN-13: 978-3426278086
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Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds

Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds

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Melitta Breznik zeichnet mit feinem Stift und reflektierenden Gedanken ihre Stimmungen nach, die sie beim Sterben ihrer Mutter hat. Sie begleitet sie über Tage und Wochen bei diesem schmerzlichen Abschied.

Eine unheilbare Diagnose hat den Tod angekündigt.

Die Familie lebt in Österreich, wo der Vater herstammte, und wo er seine Arbeit hatte.
Melitta Breznik kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück und überlässt sich neben der Fürsorge für ihre Mutter ihren Erinnerungen an die Tage ihrer Kindheit.
Sie enthüllt offen ihre Gedanken und Gefühle, die sie in diesen langen Wochen mit ihrer Mutter bewegen.

Unweigerlich melden sich Erinnerungen, die während der vergangenen Jahre verborgen waren. Danach war das Einvernehmen zwischen den beiden Frauen nicht immer sehr einfach. Es gab innere und äußeren Trennungen und Unvereinbarkeiten, die Wunden schlugen.

Während der Vater hart arbeiten musste, blieb die Mutter ihrem Hausfrauenleben verhaftet, etwas, das Melitta Breznik für sich nie anstrebte. Man ist erstaunt, wie Melitta aus diesem Kinderleben herausgefunden hat.

Sie ist seiner Zeit dem häuslichen Umfeld entkommen, lebt in der Schweiz, hat studiert und wurde Ärztin. Insofern musste sie Zeit und Orte überspringen, um hier zu ihren Wurzeln zurückzufinden.

Es gab Familiengeheimnisse, es gab Verluste von ungeborenen Kindern, den Tod eines älteren Bruders, und es gibt einen jüngeren Bruder, der eine Familie gründete und in der Nähe der Eltern blieb.

In wunderbaren Worten, mit Herz und Verstand beschreibt die Autorin Augenblicke der wehmütigen Erinnerungen. Die Landschaft bietet ihr Anregung, sich dem Leben als Kind noch einmal zuzuwenden. Der Herbst, der kommende Winter, Kälte und Schönheit: alle diese Eindrücke bieten ihr die Möglichkeit, ihren Gedanken nachzuhängen. Zugleich erlebt man eine Frau, die sich mit viel Mühen und fast zärtlichen Gefühlen der Frau widmet, die ihre Mutter war und ist. Sie umgibt sie mit Fürsorge, umsichtig und einfühlsam, zuweilen auch verzagt.

Man erlebt die Wandlung einer Beziehung, die im Angesicht des Todes manches verzeiht.

In dem schmalen Büchlein berichtet Melitta authentisch über die körperlichen und geistigen Veränderungen der Mutter während des Sterbens, das bis zum Ende nicht leicht war. In kurzen, prägnanten Sätzen lässt sie uns zu Teilnehmern ihrer inneren Bewegungen werden.

Ein anrührendes und liebevolles Porträt der Vergänglichkeit gemahnt den Leser an eigene Erfahrungen und Vorgänge, die auf das Lebensende hinweisen.

Die Autorin zeigt ungeschminkt ihre einfühlsamen, teilnehmenden, sensiblen und auch ambivalenten Empfindungen, mit der sie sich von ihrer Mutter verabschiedet.

Melitta Breznik ist Autorin, Ärztin und Psychotherapeutin. Sie lebt in der Schweiz.

Melitta Breznik
Mutter. Chronik eines Abschieds
160 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, Mai 2020
ISBN-10: 3630875068
ISBN-13: 978-3630875064
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Taffy Brodesser-Akner: Fleishman steckt in Schwierigkeiten

Taffy Brodesser-Akner: Fleishman steckt in Schwierigkeiten

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Mitten in der Nacht lädt Rachel die Kinder bei Toby ab. So war es nicht abgemacht, auch wenn er natürlich gerne auch nach der Trennung weiter Verantwortung für die Kinder übernimmt. Er ist jedoch nicht mehr so eingespannt. Er genießt seine Freiheit und die Möglichkeiten, die ihm Dating-Apps bieten.

Es ist kein Problem für ihn, sich jetzt umzuorganisieren. Wenn es nicht anders geht, kann er die Kinder sogar mit zur Arbeit nehmen. Sie können im Konferenzraum der Klinik spielen, während er sich in seiner Funktion als Arzt um die Patienten kümmert. Es ist ein Beruf, der ihm gefällt.

Rachel war nie zufrieden mit seinen beruflichen Ambitionen. Nach ihrer Meinung hätte Toby viel mehr erreichen können. Doch er ist immer auf die Bremse getreten, wenn sie ihn vorwärtstreiben wollte. Er hat nicht ihre Ansprüche. Also hat Rachel den größeren Teil zum Einkommen der Familie beigetragen und er hat sich um Haushalt und Kinder gekümmert und sämtliche damit verbundene Pflichten übernommen. Es gab viel Streit deswegen, auch weil sie sich, seiner Meinung nach, zu wenig um die Kinder und um ihn gekümmert hat. Und das hat schließlich zur Trennung geführt.

Mit Erstaunen muss er nun hinnehmen, das Rachel die Kinder nicht wieder abholt. Er kann sie nicht erreichen. Wahrscheinlich arbeitet sie und bringt ihre Karriere weiter voran. Es soll ihm egal sein. Aber was sagt er den Kindern? Zum Glück kann er sie vorerst im Sommer-Camp unterbringen.

Toby steckt in einer emotionalen Krise. Aber er genießt auch sein neues Leben. Frei und ungebunden, kann er ausleben, was ihm scheinbar bisher gefehlt hat. Seine Zerrissenheit wird etwas zu ausführlich dargestellt und auch wie er versucht, sein mangelndes Selbstbewusstsein aufzubügeln. Sein Leben wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, auch aus seiner eigenen. Die Sprünge, auch in der Zeit, ergeben schließlich ein Gesamtbild. Toby macht Rachel allein für das Scheitern ihrer Ehe verantwortlich.

Dann, man erwartet es nicht mehr, kommt im letzten Teil des Buches Rachel zu Wort. Das ganze Kartenhaus aus Tobys Beschuldigungen Rachel gegenüber stürzt mit lautem Krach zusammen und man kommt zu interessanten Erkenntnissen!

Rezension von Heike Rau

Taffy Brodesser-Akner
Fleishman steckt in Schwierigkeiten
Aus dem amerikanischen Englisch von Britta Mümmler
512 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423282215
ISBN-13: 978-3423282215
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Romy Hausmann: Marta schläft

Romy Hausmann: Marta schläft

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Da liegt er nun in seinem eigenen Blut. Er ist selbst schuld. Er hat es provoziert. Doch erst hinterher wird Laura bewusst, was es für Folgen haben könnte. Sie kann nicht ins Gefängnis gehen, hat sie doch eine kleine Tochter, um die sie sich kümmern muss. Also ruft sie Nadja an. Vielleicht kann sie ihr helfen. Sie arbeitet in der Anwaltskanzlei von Lauras Mann Gero. Eine Freundin ist sie nicht, aber sie war es einmal.

Nadja hat eigene Probleme. Sie ist eine verurteilte Mörderin, die die Tat immer bestritten hat und die nun nach der Haftentlassung versucht, für Normalität in ihrem Leben zu sorgen. Nach außen hin gelingt ihr das. Doch in ihrem Inneren sieht es anders aus. Dennoch ist sie bereit, Laura zu helfen. Nicht auszudenken, wenn Lauras Ehemann herausfindet, dass sie ihn betrogen hat. Gero darf nicht wissen, was im Haus geschehen ist. Die Leiche muss weg! Und so ersinnt Laura einen Plan, den sie mit Nadjas Hilfe ausführen will. Nadja ahnt nicht, was in Wirklichkeit hier gespielt wird.

Der Einstieg in die Geschichte ist ziemlich schwerfällig. Vielleicht liegt es an den verwirrenden Zeitsprüngen, den unterschiedlichen Perspektiven und den Briefen zwischen den Kapiteln, deren Sinn sich zunächst nicht erschließt. Nadja, die Hauptfigur in diesem Buch, ist nicht eben eine sympathische Persönlichkeit. Und auch zu den anderen Figuren bekommt man kaum Zugang. Dabei erscheint der Plan zur Vertuschung des Mordfalls genial. Erst nach und nach entdeckt man mit Verblüffung, welche Rolle den handelnden Personen tatsächlich zugedacht ist. Unglaublich! Doch erneut ist man auf dem Holzweg, denn immer wieder gibt es Wendungen, die für eine dramatische Änderung der Lage sorgen.

Die verschiedenen Erzählstränge werden schließlich zusammengeführt, sodass man glaubt, klarer zu sehen. Die Geschichte fesselt, auch wenn zwischendurch ab und an die Orientierung verloren geht. Am Ende wird der Leser dann noch einmal mit einer Erkenntnis überrascht, die so nicht zu erwarten war.

Rezension von Heike Rau

Romy Hausmann
Marta schläft
400 Seiten, Klappenbroschur
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423262508
ISBN-13: 978-3423262507
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Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist

Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist

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Der Roman befasst sich mit dem Schicksal und der Lebensgeschichte eines Schriftstellers.

Zufällig hat er den Namen Eshkol Nevo. Wenngleich es sich um einen Roman handelt, so erscheint die Erzählung doch wie die Autobiographie unseres Autors Eshkol Nevo. Er ist Israeli, lebt in Israel und ist um die vierzig bis fünfzig Jahre alt.

Hier erreichen ihn eine Reihe von Leserbriefen mit Fragen nach seinem Leben und Schaffen. Sie bilden den Auftakt zu einer Bilanz seines Lebens bis heute.

Was z.B. ist Nevo für ein Kind ist gewesen? Und wo steht er heute?
Er war viel sich selbst, seinen Erfahrungen, Ängsten und Fantasien überlassen.
Seine Frau Dikla hat gelegentlich ebenfalls schreckliche Albträume, die mit den ständigen Kriegs-und Terrorzuständen im Land zu tun haben.
Dikla, mit der ihn innige Liebe verband, geht auf Distanz zu ihm, nachdem er ihr von einer Affäre berichtet hat. Er leidet sehr darunter.

Der ganze Roman ist schließlich wie ein Interview gestaltet.
Fragen der Leser führen uns zur Lebensgeschichte des Helden. Er äußerst sich nach und nach zu allem, was sein Leben betrifft. Überschriften wie „Warum wird jemand Schriftsteller? Wusste er das schon immer? Wie biographisch sind seine Bücher? Woran arbeitet er gerade? Wie entstehen seine Frauenfiguren?“ führen uns auf die Spur zu seiner Biographie.

Wie erfahren so viel aus seinem Leben, dass wir am Ende sicher sind, der Autor selbst sei der Hauptprotagonist seines Romans.

Das Leben in Israel mit allen seinen Bedrohungen und Unruhen wird nachvollziehbar.
Die Palästina- Israelproblematik wird in die Handlung einbezogen, so dass man merkt: hier setzt sich einer mit diesem Konflikt kritisch und differenziert auseinander.

Der Roman ist in seinem Aufbau systematisch und seine Hauptperson folgt einem inneren Druck, sich zahlreicher Begebenheiten des vergangenen Lebens zu erinnern.

Moralische Skrupel, wie es um ihn selbst, den Schriftsteller, mit seiner Ehrlichkeit bestellt sei, lösen unendlich Folgefragen aus. Schließlich wird klar, dass dieses Wechselspiel zwischen Wahrheit und Fantasie in seiner Biographie und in seinem Verhalten bei seinem kleinen Sohn Irritationen auslöst.

Handelt es sich also in seinem augenblicklichen Status um eine handfeste Lebenskrise?
Die durchaus kritischen Selbsteinsichten sind tiefschürfend und lassen durchaus darauf schließen. Anmerkungen zu seinen Seelenzuständen und die momentane innere Zerrissenheit treiben den Autor um.

Feinsinnig und differenziert beschreibt Eshkol Nevo Situationen und Gespräche, wie sie stattgefunden haben könnten. Der Wechsel zwischen Icherzählung und immer wieder Gesprächen von Drittpersonen sind gelegentlich verwirrend.

Der Eindruck bleibt, dass es sich hier um ein analytisches Werk handelt, in dem Fiktion und Wirklichkeit unaufhörlich und oft unmerklich wechseln und alle Geschehnisse in einem fort hinterfragt werden.

Das Buch verspricht geistigen Hochgenuss!

Eshkol Nevo
Die Wahrheit ist
432 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, April 2020
ISBN-10: 3423282193
ISBN-13: 978-3423282192
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Karl Schlögel: der Duft der Imperien

Karl Schlögel: der Duft der Imperien

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Anhand von Düften Zeitgeschichte darzustellen, das ist eine originelle Idee. Karl Schlögel hat sich dieser Aufgabe unterzogen. Er beschreibt die Jahrhundertwende vom 19. bis weit ins zwanzigste Jahrhundert. Es geht um die Düfte von Chanel Nr. 5 in Frankreich und Rotes Moskau in Russland.

Noch herrschen in Russland die Zaren. Karl Schlögel bemüht eine Vielzahl der Namen von Personen, die an der Entwicklung der beiden Düfte maßgeblich beteiligt waren.

In Wirklichkeit geht es um die Zuordnung der Düfte, die unweigerlich mit Orten und mit Geschichte verbunden waren. Karl Schlögel erinnert an das berühmte Beispiel von M. Proust, dem bei dem Duft von Madeleines Erinnerungen an seine Urlaube mit seiner Großmutter kamen.

Sehr entscheidend bei der Namensgebung und Etablierung der beiden Düfte waren Polina Shemtschushina Molotowa in Russland und Coco Chanel in Frankreich. Molotowa war die Frau des späteren Außenministers der Sowjetunion, Molotow.

Coco Chanel ist die berühmte Modedame in Paris. Beide waren in die jeweiligen politischen Verhältnisse mit verwickelt.

Chanel hatte sich aus armen Verhältnissen stammend in die Welt der high society hochgearbeitet und verkehrte mit allen Großen von Rang und Namen der dreißiger Jahre. Sie war im Grunde unpolitisch wechselte aber gelegentlich die Seiten.

Ihre Kontakte pflegte sie in England ebenso wie in Frankreich und Deutschland. Unter ihnen gab es Künstler, Politiker und hoch gebildete Schichten aus Intellektuellen und Schriftstellern. Auf diese Weise konnte sie auch ihren Einfluss geltend machen, um ihren Landsleuten in prekären Situationen zu helfen.

In Russland ist es die russische Revolution, die das gesellschaftlichen Leben veränderte. Nicht aber die Sehnsucht nach den gepflegten Düften!

Molotowa agiert politisch und tritt 1918 der Partei der Bolschewiki bei. Nach langen Jahren politischer Arbeit wurde sie als Jüdin 1949 zu fünf Jahren Verbannung verurteilt.

Ihr Weg durch zahlreiche hohe Ämter in Politik und Wirtschaft findet ausführlich Erwähnung in den Darstellungen von Karl Schlögel. U.a. war sie auch für die Kosmetikindustrie tätig, daher ihre Verbindung zu dem russischen Parfum Rotes Moskau.

Im Mittelpunkt der beschriebenen Ereignisse stehen die dreißiger Jahre, in denen Nationalsozialismus, die Folgen der russischen Revolution, Verfolgung und Krieg zu den zentralen Ereignissen des Jahrhunderts wurden.

Viele interessante Einzelheiten zum Regime unter Stalin machen immer wieder Staunen, wie die Anhänger Stalins jede noch so infame Strafe hinnahmen, ohne von ihm abzufallen.

Der Autor hat zahlreiche Einzelheiten zu den gesellschaftlichen Verbindungen der beiden Frauen in ihrer Zeit parat. Er hat für seine Ausführungen alles gründlich recherchiert.

In der Gegenüberstellung der beiden Frauen Coco Chanel und Polina Molotowa ersteht ein ganzes Jahrhundert mit den unterschiedlichen Tendenzen: Luxus, Reichtum, Bürgertum (Chanel) gegen Funktionärsmacht, Intrigen, politische Dominanz in allen gesellschaftlichen Bereichen ( Molotowa).

Ein hoch gelungenes aber dank der unzähligen Namensnennungen nicht ganz leicht zu lesendes Werk. Für Geschichtsinteressierte eine ganz neue Art, die Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts zu betrachten.

Eine lange Reihe von Anmerkungen vervollständigen das Werk zu einem ausgezeichneten Zeitdokument auf dem Weg über die „Düfte“!

Karl Schlögel
Der Duft der Imperien
224 Seiten, gebunden
Hanser Verlag, 2. Auflage, Februar 2020
ISBN-10: 3446265821
ISBN-13: 978-3446265820
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Dora Heldt: Mathilda oder Irgendwer stirbt immer

Dora Heldt: Mathilda oder Irgendwer stirbt immer

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Mathilda könnte wirklich zufrieden sein mit ihrem Leben in Dettebüll, wäre da nicht ihre Mutter Ilse, die an Boshaftigkeit nicht zu übertreffen ist. Mathilda ist um Harmonie bemüht. Sie ist stets am schlichten und vermitteln und versucht heikle Themen unter den Teppich zu kehren. Ehemann Gunnar spielt brav mit. Beide wollen ihren Ruhestand genießen. Doch als dann auch noch die Dorfruhe gestört wird, reicht es Mathilda. Wie schön wäre es, wenn Ilse einfach weg wäre. Mathilda weiß, dass man so etwas nicht denken sollte. Doch der Wunsch manifestiert sich und so fällt Ilse beim Rauchen plötzlich vom Stuhl. Welche Kräfte mit im Spiel waren, kann niemand ahnen. Und doch verbreiten sich Gerüchte, die der Wahrheit bedenklich nahekommen und andere, die völlig daneben liegen. Mit der wohlverdienten Ruhe wird es auch nach Ilses Tod nichts. Der Bürgermeister versucht, mit Nachdruck wertloses Land aufzukaufen und Fremde, deren Motivation zunächst unbekannt ist, spionieren im Dorf herum. Immerhin kommt die Familie wieder zusammen. Mathilda und Gunnar haben einen Sohn, eine Tochter und zwei Enkelkinder, die wegen Oma Ilse nur selten zu Besuch kamen. Und sogar Mathildas Bruder Pit lässt sich nach ewig langer Zeit wieder im Dorf blicken. Doch geht es ihm weniger um die Familie. Er hat „geschäftliche“ Interessen.

Das Buch ist inhaltlich sehr vollgepackt. Im Dorf ist immer was los und die unterschiedlichsten Personen kommen ins Spiel. Mathilda ist immer ganz vorn mit dabei. Sie richtet ihre volle Aufmerksamkeit auf die Geschehnisse und besonders gerne auf Dinge, die sie nichts angehen. Sie ist, ohne es selbst zu bemerken, außergewöhnlich geschickt darin, zu spionieren und andere zu manipulieren. Das macht die Geschichte sehr unterhaltsam! Dazu kommt der sehr lebendig wirkende Schreibstil der Autorin. Sie spart nicht mit schwarzem Humor. Es kommt zu haarsträubenden Situationen und häufig überschlagen sich die Ereignisse. Entsprechend macht es sehr viel Vergnügen, das Buch zu lesen sich von den sehr kreativen Wendungen überraschen zu lassen!

Rezension von Heike Rau

Dora Heldt
Mathilda oder Irgendwer stirbt immer
464 Seiten, Klappenbroschur
dtv Verlagsgesellschaft, März 2020
ISBN-10: 3423262494
ISBN-13: 978-3423262491
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Monika Helfer: Die Bagage

Monika Helfer: Die Bagage

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In einem Bergdorf in Österreich fernab größerer Siedlungen leben Maria und Josef mit ihren zahlreichen Kindern. Maria ist schön, so schön, dass sich ihrer Anziehung kein Mann entziehen kann.

Sie sind arm, leben in einer Hütte und gelten als die „Bagage“. Sie schlagen sich nur mühsam durch.

1914 muss Josef in den Ersten Weltkrieg ziehen. Er lässt seine Frau unter dem Schutz des Bürgermeisters im Bergdorf zurück.

Ein schöner Mann erscheint eines Tages: Georg! Er kam aus Hannover. Kurze Zeit nur weilt er hier. Dann ist er wieder verschwunden. Auch er kann sich der Anziehung der schönen Maria kaum entziehen. Was mag sich zwischen ihm und Maria abgespielt haben? Das Verhalten des Bürgermeisters treibt die Geheimnisse um die schöne Frau auf die Spitze.

Eine archaische Welt tut sich vor uns auf!

Die zentrale Figur dieser mit kurzen Sätzen und in einem stoischen Stil verfassten Geschichte ist die schöne Maria. Sie ist sehr auffallend. Von ihr geht eine erotische Strahlkraft aus, die fast alle Männer in Sehnsucht, Bewunderung und Begierde treibt.

Monika Helfer verfasst ihre Geschichte in Erinnerungssprüngen an die verschiedenen Generationen.

Maria ist die Großmutter, aus deren Schoß so viele Kinder geboren wurden. Mutter der Icherzählerin ist Marias Tochter Grete, ein Mädchen, dessen Herkunft während der Kriegszeit nicht so ganz sicher zu bestimmen ist.

Schaut Josef sie deswegen nie an und spricht auch nie ein Wort zu dieser Tochter? Hat er Zweifel an seiner Vaterschaft für dieses Kind?

Mit spröden Sätzen und in faszinierenden Bildmalereien ersteht ein Panorama, das Landluft und Natur mit einbezieht in die Geschichte einer großen Familie. Die Icherzählerin befasst sich mit den einzelnen Charakteren ihrer Onkel und Tanten, und es kommen skurrile Naturen zum Vorschein. Hervorstechend bleibt die Großmutter mit ihrer starken Anziehungs- und Verführungskraft.

In dieser Erzählung macht die Armut nicht hilflos und schwach, sondern sie erzeugt kraftvolle Menschen. Sie sind stolz und trotzen dem Hunger, der Kälte und der Armut. Auch verbindet die ganze Sippschaft eine enge Zusammengehörigkeit. Es gibt die Liebe, aber sie bleibt verhalten und man spricht nichts aus.

Zarte Beobachtungen der Natur und der Vogelwelt sind von poetischer Schönheit. Man fühlt sich hautnah dem Winter, dem Schnee und der Kälte ausgesetzt.

Die Autorin hat es geschafft, eine magische Welt zu beschreiben. Der Leser bleibt bis zuletzt im Banne der Geschichte und ist fasziniert, wie aus jedem skizzierten Leben eine ganz eigene Geschichte entsteht.

Das schmale Bändchen mit nur 158 Seiten hat das Zeug zu einem wirklich großen Roman.

Hervorragend!

Monika Helfer
Die Bagage
160 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Februar 2020
ISBN-10: 3446265627
ISBN-13: 978-3446265622
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Eric Berg: Die Mörderinsel

Eric Berg: Die Mörderinsel

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Kaum einer in Trenthin glaubt an seine Unschuld. Trotzdem wird Holger Simonsmeyer freigesprochen. Man kann dem Hotelbesitzer den Mord an einer jungen Frau aus dem Dorf nicht nachweisen. Seine Familie ist froh darüber, hat aber nicht mit dem Gegenwind der Dorfbewohner gerechnet, die in ihm weiterhin den Mörder sehen. Unter diesen Umständen ist es schwierig, das eigentlich sehr beliebte Hotel auf der Insel Usedom weiterzuführen. Als ein weiterer Mord geschieht, spitzt sich die Lage zu.

Die Journalistin Doro Kagel kann nicht fassen, was passiert ist. Das Haus der Simonsmeyers liegt in Schutt und Asche. Sie hatte über den Mordprozess berichtet, aber einen zweiten Artikel nicht für nötig erachtet, obwohl Bettina Simonsmeyer sie eindringlich darum gebeten hatte. Sie hatte die Frau abgewimmelt. Nun drückt das schlechte Gewissen und sie beschließt, die Geschehnisse erneut zu durchleuchten.

Carsten Linz vom Staatsschutz ist mit dem Fall betraut. Er muss herausfinden, wer für den Brandanschlag verantwortlich ist, bei dem Menschen ums Leben kamen. Der Ermittler und die Journalistin ergänzen sich perfekt. Aber es herrscht auch eine gewisse Spannung zwischen den beiden. Carsten flirtet offensichtlich mit Doro, die halbherzig versucht, nicht darauf einzugehen. Das lockert die sehr ernste Situation auf! Überhaupt gefällt der Schreibstil des Autors sehr gut!

Das Buch beleuchtet die Mordfälle aus verschiedenen Blickwinkeln. Dazu geht der Autor immer wieder in die Vergangenheit. Auch Doro versucht, die Fakten noch einmal möglichst unvoreingenommen aufzuarbeiten. Was offensichtlich ist, muss nicht unbedingt die Wahrheit sein. Viele der Zeugen lügen und geben sich gegenseitig Alibis, die fragwürdig sind. Die Dorfgemeinschaft ist gespalten und dann sind da noch die, die zwischen den Stühlen sitzen. Vergleichen Doro und Carsten ihre Erkenntnisse miteinander, ergibt sich ein differenziertes Bild. Nichts passt zusammen. Doch Doro ist durchaus in der Lage querzudenken. Die Haiku, die das erste Mordopfer in ihrem Tagebuch hinterlassen hat, sind verschlüsselte Botschaften, die Doro zu knacken versucht. Das hält die Spannung hoch bis zum überraschenden Ende.

Rezension von Heike Rau

Eric Berg
Die Mörderinsel
480 Seiten, gebunden
Limes Verlag, März 2020
ISBN-10: 3809026611
ISBN-13: 978-3809026617
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