Philippa Gregory: An dunklen Wassern

Philippa Gregory: An dunklen Wassern

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„An dunklen Wassern“ ist der zweite Teil einer historischen Familiensaga und folgt auf „Gezeitenland“. Viele Jahre sind vergangen, seit die die Familie Reekie Foulmire verlassen musste. Sie lebt jetzt in London in etwas besseren Verhältnissen, hat ein kleines Lagerhaus an der Themse und betreibt in bescheidenem Ausmaß Handel. Wobei Alinors Tochter Alys die Geschäfte führt. Alinor selbst hat sich nie vollständig erholt, widmet sich aber weiter der Kräuterkunde.

James Avery ist es endlich gelungen, Alinor ausfindig zu machen. Er hat sein Vermögen und seine Besitztümer zurück und möchte seinen Sohn sehen. In der Familie leben tatsächlich zwei erwachsene Kinder. Doch gibt Alys vor, die Mutter der Zwillinge Johnnie und Sarah zu sein.

Überraschend reist Nobildonna Livia an. Sie ist Robs Witwe. Alinors Sohn soll in einer Lagune Venedigs ertrunken sein und die junge Frau möchte seine Familie kennenlernen und bei ihr leben. Sie hat den kleinen Matteo bei sich, Robs Sohn. Rob hat ihr verschwiegen, dass er aus einer armen Familie stammt. Doch Livia ist schnell dabei, ihre Pläne zu ändern. Sie möchte ihr Witwengut, das aus Antiquitäten besteht, zu Geld machen und dafür das Lagerhaus nutzen. Wobei sich bald bessere Möglichkeiten auftun, mit James Avery, den sie um den kleinen Finger wickelt.

Das Buch geht vollkommen anders weiter als erwartet. Das liegt nicht an den über 20 Jahren, die vergangen sind, oder an den geänderten Schauplätzen, sondern eher daran, dass Alinor nicht mehr im Mittelpunkt der Handlung steht und die Stimmung eine völlig andere ist.

Livia ist nun die Hauptfigur und sie weckt von Anfang an Misstrauen. Man muss mit ansehen, wie James Avery ihr Spiel nicht durchschaut oder hinterfragt. Obwohl er ein intelligenter Mann ist, hat er sich charakterlich offenbar nicht weiterentwickelt. Immerhin denkt Alinor anders, aber offen kann sie nicht sein. Denn auch ihre Tochter Alys lässt sich vom falschen Charme Livias gefangen nehmen.

Es entwickelt sich eine lebhafte und spannende Handlung vor historischem Hintergrund, die von Lügen, Manipulation und Intrigen lebt. Erwähnenswert ist außerdem der Schreibstil der Autorin, mit dem sie eine besondere Atmosphäre schafft.

Rezension von Heike Rau

Philippa Gregory
An dunklen Wassern
Aus dem britischen Englisch von Ute Brammertz
496 Seiten, broschiert
Knaur, Mai 2022
ISBN-10: 3426227258
ISBN-13: 978-3426227251
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Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses

Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses

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Mit schmissigen Sätzen beginnt Florian Illies seine Geschichte über Menschen, die Ende der zwanziger Jahre das Leben in Kunst, Musik, Malerei und Dichtung zum Ausklang der Weimarer Republik prägten.

Wer das Berlin der zwanziger Jahre kennt, der fühlt sich sofort hineingezogen in diese Zeit, in der man fast wie auf dem Vulkan tanzte, feierte und trank. Theater, Musik und Varieté waren Zentren der Begegnung.
Viele Namen tauchen auf, und fast alle werden dem belesenen Publikum bekannt ein.
Walter Benjamin, Brecht, Weil, Werfel, Gropius, Klaus und Erika Mann, Hannah Arendt, Heidegger und Günther Anders, Picasso und Salvatore Dalí. Es sind ihrer so viele, dass man sie hier nicht alle aufzählen kann. Die Kunst von Florian Illies besteht darin, dass er eine kleine Charakteristik an die andere reiht und mit leichter Feder durch die Zeiten und Jahre eilt.

Nie habe ich alle die bekannten Namen der Maler, Dichter, Schauspieler und einschlägigen Künstler auf so engem Raum beieinander gefunden. Neben den Fertigkeiten, die diese Männer und Frauen auszeichneten, spielen natürlich Beziehungen untereinander eine herausragende Rolle.
Man gewinnt schnell den Eindruck, dass hier zwischen den Geschlechtern Sodom und Gomorra herrschte. Unglaublich, mit welcher Kraft und Ausdauer Ehen geschlossen oder geschieden wurden. Als ein Beispiel sei hier die Ehe von Erika Mann und Gründgens genannt.
Homosexuelle und heterosexuelle Beziehungen wechselten schnell die Seiten, zuweilen waren Männer und Frauen beides.

Wie der Autor alle die Einzelheiten dieser Beziehungen zusammentragen konnte, ist ein Rätsel. Wer weiß schon so genau, wer da mit wem in Liebe oder Ehe verbunden war? Es war eine Zeit des Aufbruchs und der weiblichen Emanzipation, die man hier kennenlernen kann.
Die Schilderungen sind vorurteilsfrei und umfassend.

Illies kann mit leichter Feder eine Zeit heraufbeschwören, die uns sehr fern und doch so nah zu sein scheint. Nie hat man wohl auf so engem Raum beschrieben, wie die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen die Menschen in einen Rausch von Liebe, Sex und Drogen getrieben hat.

Figuren mit bekannten Namen in der Kunst, Dichtung, im Theater und in der Malerei, nicht zu vergessen im Film, schienen im Drogenrausch ihren Halt zu verlieren. Marlene Dietrich, die Fitzgeralds, Klaus und Erika Mann: sie alle haben im Drogenrausch die Zeit vergessen. Die französische Riviera, Treffpunkt von mehr oder weniger allen, die Rang und Namen in diesen Szenen hatten, bietet mit ihrem „savoir vivre“ den Ort persönlicher Begegnungen, der das ausschweifende Leben ermöglichte. Berlin und Paris gehörten ebenso dazu, denn auch Simone de Beauvoir und Sartre dürfen in diesem Reigen nicht fehlen. Einige gingen schon bald nach Amerika. Die USA boten Zuflucht für jene, die dem Naziregime entkommen wollten. Zahlreiche Juden von Adorno bis Hannah Arendt, dem Verlegerehepaar Wolff oder die (nicht primär jüdische) Familie Mann waren auf der Flucht aus Nazideutschland unterwegs.

Insgesamt kann man sagen: „who is who“ in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts findet man in diesem Buch wieder!
Es war eine künstlerisch reiche Epoche mit morbidem Lebenswandel der Protagonisten.
Wer sich dafür interessiert, findet wirklich alle Berühmtheiten wieder.

Florian Illies weiß wohl zu schreiben!

Florian Illies
Liebe in Zeiten des Hasses
S. FISCHER, 5. Auflage, 27. Oktober 2021
432 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3103970730
ISBN-13: 978-3103970739
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Anne Bandel: Von oben fällt man tiefer

Anne Bandel: Von oben fällt man tiefer

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Theophil Kornmaier hat ein Kindheitstrauma, das er mit einer Alpenüberquerung nun endlich aufarbeiten möchte. Seine Psychologin hat ihm dazu geraten. Sein Bruder war damals bei einer solchen Wanderung abgestürzt und Kornmaier neigt auch heute noch dazu, sich die Schuld zu geben.

Wandererfahrung er nicht, aber es kann ja nicht so schwierig sein, den E5 von Oberstdorf nach Meran zu laufen. Seine Kondition lässt zwar etwas zu wüschen übrig, wird sich wohl aber wieder aufbauen lassen. Beim Kauf der Ausrüstung schaut er auch nicht so genau hin, zudem unterschätzt er das Gewicht seines Rucksacks.

Bergführer Josef Oberhuber ist schon vor Antritt der Wanderung genervt. Nicht von der Wanderung an sich, sondern von den Wanderfreunden, die vollkommen unvorbereitet ankommen und die noch ganz andere Dinge als den Rucksack mit sich rumschleppen. Es wird dieses Mal nicht anders sein.

Und so besteht die Wandergruppe aus Einzelpersonen und Pärchen, die aus unterschiedlichen Gründen wandern wollen. Die einen wünschen sich, ihre Beziehung festigen zu können, andere wollen sich in jeder Hinsicht beweisen, etwas aufarbeiten oder der Einsamkeit entkommen. Die Atmosphäre ist von Anfang an recht seltsam und lädt sich immer weiter auf, bis schließlich zwei Wanderer der Gruppe vermisst werden. Und als es gar einen Todesfall gibt, wird die Geschichte zu einen Krimi. Da ist sie aber schon weit fortgeschritten.

Die Autorin schildert auf amüsante Weise, wie der Bergführer Oberhuber genau den Albtraum erlebt, den er erwartet. So wie die Gruppe wandert, wandert die Autorin zwischen den Teilnehmern der Wanderung umher, konzentriert sich mal auf den einen, mal auf den anderen. Doch Hauptperson in diesem Buch ist Theophil Kornmaier, der aber auch nicht gerade sympathisch erscheint. Dazu ist er zu selbstgefällig. Er ist jedoch ein guter Beobachter. Man übersieht ihn gern, wenn er still irgendwo sitzt. Und so macht er sich ein ganz eigenes Bild von den Geschehnissen und man darf an seinen interessanten Gedankengängen teilhaben.

Der Wanderkrimi wirkt wenig strukturiert und es wird viel Mögliches und Unmögliches herangezogen, um der Geschichte Witz zu verleihen. Keine Frage, sie ist unterhaltsam, lässt jedoch Tiefgang vermissen. Eine angenehme Lektüre für zwischendurch, die wenig Aufmerksamkeit erfordert.

Rezension von Heike Rau

Anne Bandel
Von oben fällt man tiefer
272 Seiten, broschiert
dtv Verlagsgesellschaft, April 2022
ISBN-10: 3423219920
ISBN-13: 978-3423219921
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Tania Blixen: Babettes Gastmahl

Tania Blixen: Babettes Gastmahl

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In einer wunderschönen kurzen Erzählung werden wir in das Leben zweier Schwestern hoch im Norden Norwegens eingeweiht.
Sie sind die Töchter eines Probstes, der seine Anhänger streng um sich schart.
Die Geschichte spielt in den Jahren 1871-1885.

Die beiden Töchter des Probstes sind hübsch, fromm und liebenswert. Zweimal fanden sich sehnsuchtsvolle Bewerber aus fernen Ländern, die aber nicht ankamen bei den beiden schönen Damen.
Wie es zu dem Hausmädchen Babette kam, und wie es zu einem Gastmahl kam, das wird uns in zauberhaften Worten erzählt.

Es geht um die Einsamkeit der Natur, um die Abgeschiedenheit von allem urbanen Leben; es geht auch um den Kontrast pietistischer Lebensformen gegenüber der bunten Adelswelt in Paris und Schweden.

Babette ist eine herausragende Köchin, die in Paris ein Edelrestaurant zu Ehren und Ruhm gebracht hat. Ihr Mann und Sohn kamen bei Aufständen in Frankreich 1871 ums Leben. Sie selber wurde als Aufrührerin verfolgt und floh mit einer Empfehlung des verflossenen Heiratsanwärters eines der Mädchen in das abgeschiedene Fleckchen Erde Norwegens. Dort hat sie jahrelang die karge Kost der Bewohnerinnen zubereitet. Dann ergab sich eine Gelegenheit, ihre Kochkünste einmal vorzuführen. Denn sie bezeichnet sich als Künstlerin und beklagt den Zustand, wenn ein Künstler nicht sein Bestes geben kann.

Mit dem Aufschrei „Gebt mir die Erlaubnis, gebt mir die Gelegenheit, mein Allerbestes zu liefern“ endet diese bezaubernde Erzählung. Philippa, eine der Schwestern, ist tief berührt.

Die kurzen und präzisen Sätze treffen immer den Kern einer Sache. Es werden nur die wichtigsten Daten genannt; mehr Aufmerksamkeit gilt der Natur in ihrer einmaligen Schönheit. Die klare Luft und die Stille sind einprägsame Momente. Handelnde Personen werden in ebenso kurzen Sätzen ohne viel schmückendes Beiwerk beschrieben und gewinnen doch einen hervorragenden Platz in der Erzählung.

In einem langen Nachtrag gibt Erik Fosnes Hansen eine Interpretation, die dem Leser*in dieses literarische Kleinod noch tiefer verstehen lässt.
Man lasse sich erbauen von dem kleinen Meisterwerk.
Eine sorgfältige Liste mit Anmerkungen gibt dem Werk zusätzlich die seriöse Note, die es verdient.
Auch der Einband ist ein künstlerisches Gebilde. In der Übersetzung von Ulrich Sonnenberg ist das Büchlein im Manesse Verlag 2022 zum ersten Mal auf Deutsch erschienen.
Es eignet sich hervorragend als kleines Geschenk zu besonderem Anlass.Die Dänin Tania Blixen lebte von 1885 bis 1962.

Tania Blixen
Babettes Gastmahl
Manesse Verlag, Februar 2022
120 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3717560018
ISBN-13: 978-3717560012
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Petra Neumann: Putz- und Waschseife sieden

Petra Neumann: Putz- und Waschseife sieden

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Wer sich einmal an die Herstellung eigener Seife herangewagt hat, möchte vielleicht auch eigene Haushaltsseifen sieden. Sie sind, mit den richtigen Zutaten gemacht, umweltfreundlich, da biologisch abbaubar, und sparsam im Verbrauch. Die Flut an Plastikverpackungen hat ein Ende.

Das Buch beginnt mit den Grundlagen. Hier ist zu erfahren, wie Reinigungsmittel funktionieren und auf welche Inhaltsstoffe es ankommt. Auch wird eine passende Ausrüstung für die Seifenherstellung vorgeschlagen. Den persönlichen Schutz beim Arbeiten nimmt die Autorin sehr genau und macht deutlich, warum die Einhaltung der Vorgaben wichtig ist.

Die Rohstoffe für die Grundseifen werden ebenfalls genau beschrieben. Die verschiedenen pflanzlichen und tierischen Fette werden dabei in Porträts vorgestellt, die aufschlussreich sind und aufzeigen, welche Eigenschaften eine Seife besitzen wird. Palmöl wird aus bekannten Gründen ausgespart. Es folgen Berechnungen, die für die Seifenherstellung wichtig sind.

Sehr interessant ist das Kapitel „Resteverwertung“. Hier geht es um Frittierfett und wie man es für die Seifenherstellung recyceln kann.

Nachdem die Grundlagen erarbeitet sind, folgt die Seifenherstellung. Der Rezeptteil umfasst beispielsweise Vorwaschseife, festes und flüssiges Waschmittel, festes und flüssiges Spülmittel, Putzpaste, Backofenspray sowie Mittel zur Fenster- und Bodenreinigung.

Die Autorin, sie ist Chemie-Ingenieurin, geht in ihrem Buch strukturiert vor und erklärt sehr ausführlich. Entsprechend hilfreich und verständlich ist das Buch. Es ist ein gutes Arbeitsbuch und Nachschlagewerk. Auch Anfänger sollten kein Problem haben, die ersten Putzseifen selbst herzustellen, zumal es Anfängerrezepte gibt. Fortgeschrittene können Ihre Putzmittel nach eigenen Vorstellungen anpassen. Es sind dazu viele inspirierende Vorschläge zu finden. Vor allem sind die Wasch- und Reinigungsmittel brauchbar und sinnvoll. Sehr schön ist außerdem, dass es in den Rezepten um verhältnismäßig kleine und damit für Haushalte geeignete Mengen geht.

Rezension von Heike Rau

Petra Neumann
Putz- und Waschseife sieden
Techniken und Rezepte für Küche, Bad Boden, Wäsche & Co.
128 Seiten, broschiert
Verlag Eugen Ulmer, April 2022
ISBN-10: 3818614350
ISBN-13: 978-3818614355
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Jane Gardam: Mädchen auf dem Felsen

Jane Gardam: Mädchen auf dem Felsen

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Wir befinden uns in einem flirrend heißen Sommer an der britischen Küste. Es ist die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.
Wieder wie in vorhergehenden Romanen beschäftigt sich Jane Gardam mit den Tücken des Familienlebens, mit Freigeistern und mit Predigern.

Margaret lebt in einer Familie von bigotter Selbstherrlichkeit und sturen Regeln des Umgangs.
Sie ist 8 Jahre alt und langweilt sich tödlich. Ein Baby, der gerade erst geborene Bruder des Mädchens, nervt mit seinem Geschrei, seiner Hässlichkeit und den üblichen Ausdünstungen eines Neugeborenen. Vater hält biblische Reden und ist vollkommen desinteressiert am allgemeinen Familienleben.

Jane Gardam in ihrem bekannten Erzählstil vermittelt einen unmittelbaren Eindruck von der bigotten und weltfremden Welt ihrer Figuren.

Wäre da nicht Lydia, das neue Hausmädchen, Margaret wüsste nicht, wie sie sich die Zeit vertreiben sollte. Lydia ist deftig, drall und geradeaus. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und scheint die einzige vernünftige Person in diesem Reigen menschlicher Unzulänglichkeiten und Plattheiten. Margaret liebt die Ausflüge mit ihr, bei denen sie sich endlich frei fühlt! Sie kann rumtollen, auf Bäume klettern und jeglicher Neugier frönen.

In einer langen Folge von Episoden vermittelt Jane Gardam die skurrilen Formen menschlichen Lebens mit engem Horizont und spießigen Lebensansichten. Aber man täusche sich nicht! Unter der nach außen gezeigten Wohlanständigkeit schlummern heftiges Begehren, „unzüchtige“ Gedanken und schließlich auch Handlungen.
Der Vater von Margaret, ein bigotter Prediger für Moral und Anstand, kann seinen eigenen Gelüsten nicht wiederstehen.
So spitzt sich die Geschichte zu einem Drama zu. Das Gebäude wankt, denn auch Margarets Mutter wird von ihren „verbotenen“ Sehnsüchten eingeholt.

Mit feiner Beobachtungsgabe beschreibt Jane Gardam die Geschichte einer kleinen und befangenen Gruppe von Menschen, die sich in ihrer eigenen Gedankenwelt bewegen und sich in verborgenen Fantasien verfangen.

Viele Jahre vergehen bis zum Ende der Geschichte, bei dem herauskommt, wie das Leben für alle weiterging. Zuweilen sind die Figuren in ihren Beziehungen untereinander und die Zeitsprünge etwas verwirrend, in denen sich die die Handlung bewegt. Alles in Allem ist der Roman eine anregende Lektüre.

Die begabte und erst spät zu Ruhm gelangte Schriftstellerin Jane Gardam ist mit ihrer Trilogie von „Old Filth“ zu Weltruhm gelangt. Ihre nachgereichten früheren Romane kommen an diese ausnehmenden Werke nicht heran.

Jane Gardam
Hanser Berlin, April 2022
224 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3446272283
ISBN-13: 978-3446272286
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Christa Hein: Die Frau am Strand

Christa Hein: Die Frau am Strand

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Christa Hein hat ein gewaltiges Familienopus geschrieben.

Liz, ihre Heldin, bekommt eines Tages Besuch von ihrer Nichte, die lange verschollen war. Sie sieht ziemlich verwildert aus und ist froh, bei der Tante einen Unterschlupf zu finden. Eine Weile nistet sie sich bei der Tante ein, und Liz kommt mit der Zeit ins Erzählen. Inese interessiert sich sehr für die Familiengeschichte.

Bei dieser Gelegenheit fallen Liz eine Reihe von Gegenstände aus dem Familienbesitz ein, die alle eine Geschichte haben. Auch hat sie sorgfältig Notizen ihrer Großmutter aufgehoben, aus denen man die Familiengeschichte rekonstruieren kann.

Liz ist Schriftstellerin und setzt sich hin, um alles aufzuschreiben. Beim Schreiben vertieft sie sich ganz in die alten Geschichten. Auf diese Weise entsteht ein Familienporträt von ungeheurer Weite. Beginnend Ende des 19. Jahrhunderts umfassen die Erinnerungen Städte und ferne Kontinente ebenso wie fantastische Landeroberungen und abenteuerliches Leben. Liz geht einzelne Episoden an und fängt bei Urahnen und Ahnen an. Dadurch bleibt man ganz bei den einzelnen Lebensphasen der diversen Urgroßeltern und Großeltern.

Die Urgroßeltern gingen nach Amerika und machten Land urbar. Sie starben früh und ließen ihre beiden Kinder Annie und Fred als Waisen zurück. Die beiden schlagen sich wacker durch, werden aber durch die Geschicke getrennt. Während Annie, die Großmutter von Liz, in Europa ihr Glück findet, zieht es Fred zur Seefahrt, und die Geschwister verlieren sich aus den Augen.

Christa Hein hat die Zeiten mit ihren wechselnden Landschaften und Lebensumständen wunderbar getroffen. Annie liebt die Kunst und malt selber gerne. Sie wird bei einer entfernten Verwandten zu einem geordneten Leben erzogen und macht eine erstaunliche Karriere. Schließlich findet sie einen netten Mann und beginnt ein eigenes Leben.

In der Erzählung geht es von Sylt nach Amerika und dann zurück nach Fehmarn, weiter nach Hamburg, Berlin, Gibraltar, Portugal und so fort. Der Erste Weltkrieg zwingt dem Großelternpaar ganz neue Wege auf.
Das Meer mit seinen besonderen Reizen spielt keine geringe Rolle in dem ganzen Geschehen. Auch die Malerei hat einen herausragenden Stellenwert.

Insgesamt umfasst die Geschichte fast ein Jahrhundert. Christa Heim hat jedem Zeitalter den ganz eigenen Charakter zuerkannt: Farmerleben in Amerika, in Deutschland der Erste Weltkrieg, Inflation und zwanziger Jahre bis hin zu Nazideutschland und die Zeit danach.

Zwischen Fabulierkunst und fast autobiographisch anmutenden Zeilen entwickelt die Autorin ihr Zeitgemälde. Fiktion und Wahrheit scheinen dicht beieinander zu liegen.
Zuletzt sind die Verbindungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern fast nicht mehr überschaubar.

Der Roman ist kein literarisches Meisterwerk.
Ich würde diesen Schmöker für lange Urlaube oder regenreiche Sonntage empfehlen.

Christa Hein
Die Frau am Strand
Frankfurter Verlagsanstalt, März 2022
576 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3627002954
ISBN-13: 978-3627002954
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Richard Irvine: Wild Days – Abenteuer unter freiem Himmel

Richard Irvine: Wild Days – Abenteuer unter freiem Himmel

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Die Natur hält viele Abenteuer für Kinder bereit. Wer Inspiration sucht, liegt mit diesem Buch genau richtig. Der Autor, er ist Naturpädagoge, überrascht mit unterhaltsamen Ideen und Bastelprojekten, für die Naturmaterialien verwendet werden. Die Vorschläge lassen sich nicht nur im Wald umsetzen, sondern teilweise auch im eigenen Garten oder im nahen Park. Ein Stück Natur sollte sich überall finden.

Zunächst gibt es allgemeine Hinweise zum Verhalten in der Natur und wie für Sicherheit zu sorgen ist, denn verantwortungsvoll zu handeln, ist wichtig. Und natürlich geht es um die passende Ausrüstung von der Kleidung bis hin zum Insektenschutzmittel. Zudem wird hilfreiches Werkzeug beschrieben. Weiterhin geht es um praktisches Wissen. So wird erklärt, wie das Schnitzen funktioniert und auch eine kleine Knotenkunde gibt es.

Das Buch ist in verschiedene Kapitel untergliedert. Den meisten Seiten beansprucht „Bauen und Basteln“. Kinder werden in die Lage versetzt, einen kleinen Unterstand zu bauen, eine Feuerstelle anzulegen und eine hier Mahlzeit zuzubereiten. Wie wäre es, unterwegs mit einem Seil eine Schaukel zu bauen, einmal selbst Pflanzenfarbe und Pinsel herzustellen oder einen einzigartigen Wanderstock zu fertigen?

Alle Projekte sind Schritt-für-Schritt erklärt und recht einfach nachzuvollziehen, da es immer reichlich Bildmaterial gibt. Es sollte also nicht schwer für Kinder sein, Erfolge zu erzielen. Oft ist die Hilfe eines Erwachsenen nötig, besonders bei kleineren Kindern, sodass viele Vorschläge Familienprojekte sein können. Im Buch sind ohnehin auch Spiele zu finden. Wie eine richtig gute Lagerfeuergeschichte funktioniert, wird ebenfalls erklärt. Der Autor gibt Inspiration für Aktivitäten im Freien, die lehrreich sind und Spaß machen. Er regt dazu an, wild wachsenden Pflanzen zu bestimmen, Sterne zu beobachten oder an Fluss oder Teich zu schauen, was es an Lebewesen gibt.

Das Buch ist ausgesprochen vielfältig und die Projekte gut ausgesucht. Die Texte sind interessant geschrieben. Die Kinder werden direkt angesprochen und motiviert. Das funktioniert mit Selberlesen und mit Vorlesen. Manche Projekte sind einfach umzusetzen, andere brauchen etwas Planung und mehr Zeit. Es gibt Beschäftigungsmöglichkeiten für einen Nachmittag oder für das Wochenende. Das Buch lockt Kinder garantiert hinaus ins Freie.

Rezension von Heike Rau

Richard Irvine
Wild Days – Abenteuer unter freiem Himmel
160 Seiten, broschiert
Landwirtschaftsvlg Münster
ISBN-10:‎ 3784357113
ISBN-13:‎ 978-3784357119
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Julia Schoch: Das Vorkommnis

Julia Schoch: Das Vorkommnis

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Die Geschichte einer namenlosen Frau beginnt überraschend: es handelt sich um eine Schriftstellerin, die im Kulturzentrum einer Norddeutschen Stadt aus einem neuen Buch liest.
Während sie nach der Lesung Bücher signiert, spricht eine fremde Frau sie mit den Worten an: “wir haben übrigens den gleichen Vater.“ Sie springt auf und umarmt diese.

Was ist nur los mit ihr?

In der Folge erfährt man, wie sie lebt, was sie gerade tut, und wie es ihr geht.
Sie hat zwei kleine Kinder und einen Ehemann. Lesungen und Literaturaufträge führen sie bis nach Amerika.

In langen Reflexionen, die wie Träume daherkommen, erinnert sie sich an ihre Kindheit und ihre Eltern. Das Geheimnis um eine unbekannte Schwester treibt sie um. Als habe sie es immer schon geahnt, dass es ein Familiengeheimnis gibt!

Julia Schoch schreibt über eine Begebenheit, die in ihren Dimensionen immer weitere Blüten in der Fantasie ihrer Heldin treibt. Es geht um unerwünschte Schwangerschaften, Eheleben, Veränderungen und auch um das Leben in der DDR.

In langen Passagen wendet die Protagonistin ihre Zweifel über das, was wirklich ist und was nur Fantasie, immer intensiver hin und her. Sie wird ihren eigenen Einschätzungen gegenüber misstrauisch. Ihr Mann, ein unkomplizierter Typ, tut ihre Infragestellungen ab, er kann sie nicht verstehen.

Julia Schoch hat ein sehr reflektiertes Werk verfasst. Der Leser:in folgt dem Wahn der Icherzählerin, alles und jedes zu hinterfragen und gerät selber ins Grübeln. Leider vergiftet die Selbstbefragung nach und das Denken der Erzählerin, deren als Biographie bezeichnetes Leben sich vor uns abspielt. Sie wirkt dadurch der Gegenwart entrückt und in großer Distanz zu ihren Kindern, ihrer Mutter und auch ihrem Mann. Das Geheimnis um die fremde Frau lüftet sich, und ja, es gibt Dinge in Familien, die wir nicht wissen. Dass sie jedoch eine Art Unwirklichkeitsgefühle im Menschen auslösen mögen, mag sein. Insgesamt aber sind existenzielle Fragen nach den Veränderungen im Wesen, Verhalten und Aussehen natürlich und folgerichtig. Auch gibt es keine Statik zwischen Menschen. Von der Kindheit bis ins hohe Alter verändern sich Denken, Verhalten, Aussehen und die Ansichten. Julia Schoch ist es gelungen, mit psychologischem Feingefühl diesen Fragen nachzugehen.

Insofern ist die Geschichte gut konzipiert und durchaus realitätsnah. Wie zu lesen war, soll die „Biographie einer Frau“ noch Fortsetzungen erfahren. Wir dürfen neugierig bleiben!

Julia Schoch ist in der DDR geboren und aufgewachsen. Sie lebt in Potsdam und ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden.

Julia Schoch
Das Vorkommnis
dtv Verlagsgesellschaf, Februar 2022
192 Seiten, gebunden
ISBN-10: 423290218
ISBN-13: 978-3423290210
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Mina Teichert: Sommerwind in der Mähne

Mina Teichert: Sommerwind in der Mähne

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Die 15-jährige Enola verbringt den Sommer bei ihrer Tante in Schottland, die hier einen Ponyhof hat. Sie soll sich von ihrem Reitunfall erholen. Das Knie macht noch Probleme, aber viel schlimmer ist für sie der Tod ihres Pferdes. Damit klarzukommen, ist fast unmöglich. Und nun ist sie wieder unter Pferden.

Als ihr ein altes Tagebuch in die Hände fällt, beginnt sie darin zu lesen. Georgie hat es geschrieben. Er hat in den nahen Kohleminen gearbeitet und sein Pit-Pony Lucky half ihm bei der Arbeit. In den 30er Jahren gab es ein Unglück und die beiden wurden verschüttet. Doch nie hat Georgie den Mut verloren.

Vielleicht kann auch Enola nach ihrem Unfall einen Neuanfang wagen. Der schneeweiße Shetty-Wallach Pitty bemüht sich jedenfalls sehr, sie aufzuheitern. Effi aus der Nachbarschaft scheint ebenfalls völlig unvoreingenommen zu sein, obwohl sie Bescheid wissen muss. Ihr Bruder Finley erforscht die alte Kohlemine und hier schließt sich der Kreis. Denn auch Enola interessiert sich durch das Tagebuch dafür. Nur ist die Kohlemine ein gefährlicher Ort, an dem man sich besser nicht aufhalten sollte.

Die Autorin beschreibt sehr einfühlsam, wie Enola versucht, mit der Trauer und ihren Schuldgefühlen umzugehen. Die Aufarbeitung ist nicht leicht für sie. Aber sie kann sich nicht in ihrem Zimmer verstecken, schließlich wird ihre Hilfe auf dem Ponyhof gebraucht. Die Ponys wecken Erinnerungen, mit denen sie sich auseinandersetzen muss. So findet fast unmerklich eine Entwicklung statt, der sich Enola nicht entziehen kann.

Das Buch ist, trotzt Enolas Problemen, in einem munteren Schreibstil geschrieben. Zu ihr entsteht eine große Nähe, denn die Autorin schreibt aus ihrer Perspektive. Aber auch die anderen Charaktere, es ist ein eher kleiner Kreis, begeistern. Hier ist insbesondere Effi, die im Gegensatz zu ihrem eher zurückhaltenden Bruder Finley frech und schlagfertig ist, zu nennen.

Selbst verständlich gibt es wieder ein großes Abenteuer zu erleben, das nicht spannender hätte sein können. Freundschaft, Verantwortung und Zusammenhalt sind in diesem Zusammenhang wichtige Aspekte, die zum Tragen kommen. Und natürlich kommen Pferdefans voll auf ihre Kosten. Es ist die perfekte Mischung. Das Buch macht Spaß, weil es viele witzige Szenen hat.

Rezension von Heike Rau

Mina Teichert
Sommerwind in der Mähne
256 Seiten, gebunden
ab 10 Jahren
Ueberreuter Verlag März 2022
ISBN-10: 3764152338
ISBN-13: 978-3764152338
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