Eva Fellner: Die Highlanderin

Eva Fellner: Die Highlanderin

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Enja ist eine Auserwählte. Doch ihren geheimnisvollen Bestimmungsort erreicht die kleine Isländerin nicht. Das Schiff hält einem Unwetter nicht stand. Enja kann sich retten, doch sie verliert ihre Mutter, die mit ihr gekommen war. Sie gerät in die Hände von Menschenhändlern und wird in den Orient gebracht und verkauft. Stets denkt sie an Flucht und so steht ihr eine wechselhafte Zukunft bevor.

Enja wird im Laufe der Jahre zur Assassinin und Heilerin ausgebildet, bevor sie nach Schottland kommt und auf Caerleverock Castle ein Zuhause findet. Sie verfügt also schon als junge Frau über eine außergewöhnliche Ausbildung, die sie auch dringend benötigt, denn es herrscht Krieg. Die schottischen Clans kämpfen für ihre Unabhängigkeit. Bei einem Kampf wird Enja schwer verletzt. Der charismatische Clanführer James Douglas wird zu ihrem Retter. Als sie sich eines Tages revanchieren will, setzt sie viel aufs Spiel.

Die Geschichte ist wundervoll erzählt. Die Autorin bedient sich einer gefühlvollen, bildhaften und perfekt ausformulierten Sprache. Das erzeugt einen harmonischen Lesefluss.

Dennoch verlangt das Buch eine besondere Aufmerksamkeit, denn es werden verschiedene Zeitabschnitte aus Enjas Leben dargestellt. Die Handlungsstränge wechseln oftmals abrupt. Kaum hat man sich auf die eben erzählte Handlung eingestellt, erfolgt ein Blick in die Vergangenheit oder etwas bereits Begonnenes wird fortgesetzt. Man muss also stets die Jahreszahlen, die am Anfang eines neuen Abschnitts aufgeführt sind, im Blick behalten und schnell umschalten können.

Dazu kommen die Perspektivwechsel. Enja ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Ein Teil der Handlung wird aus ihrer Sicht erzählt, sodass es möglich ist, ihr etwas näherzukommen und ihre Motivation zu erkunden. Sie ist eine starke Frau, die ihre Emotionen jedoch vor anderen zu verbergen versucht. Dennoch verliebt sie sich in James Douglas. Viel Raum wird dieser Liebe jedoch vorerst nicht gewährt.

Der Roman wird mitten in der Handlung abgebrochen. Das ist sehr schade. Ein gewisser abgeschlossener Rahmen wäre dann doch schön gewesen. Nun heißt es, auf die Fortsetzung zu warten.

Rezension von Heike Rau

Eva Fellner
Die Highlanderin
505 Seiten, broschiert
Aufbau Taschenbuch, Mai 2021
ISBN-10: 3746638291
ISBN-13: 978-3746638294
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Leila Slimani: Das Land der Anderen

Leila Slimani: Das Land der Anderen

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Mathilde lebt mit ihrer Familie Ende des Zweiten Weltkriegs im Elsass. Hier begegnet sie 1947 einem Marokkaner, der als Offizier in der französischen Armee gekämpft hat.

Das triste Nachkriegsleben macht anfällig für Neuaufbrüche. Mathilde ist jung und heftig verliebt in den nur wenige Jahre älteren Amine Belhaj. Sie folgt ihm voller Enthusiasmus in seine Heimat Marokko.

Ihre Erwartungen entpuppen sich sehr bald schon als große Illusion.
Am Fuße des Atlasgebirges in Meknès hat Amine ein wenig Land von seinem Vater geerbt.
Es ist ein karges Stück Erde mit einem primitiven Haus, in dem sich in der Folge das Leben der beiden Liebenden abspielt.

Mathilde war nach ihrem ersten Eindruck entsetzt und bleibt unzufrieden. Kann sie doch ihrer Familie in Frankreich keinesfalls erzählen, wie primitiv und entbehrungsreich ihr Leben hier ist.
Ihre zwei Kinder zieht sie unter den einfachen Bedingungen ihres neuen Lebens groß. Sie arbeitet viel und kräftezehrend.

Die Einsamkeit ohne Freunde und Familie macht Mathilde sehr zu schaffen. Amine schuftet bis zum Umfallen, um aus dem kargen Boden fruchtbares Land zu machen. Immerhin gibt es noch ärmere Menschen, die sich in Diensten der kleinen Familie befinden. Zuweilen ist sogar vom „Gutsbesitzer“ die Rede. So ganz kann man es sich nicht vorstellen.

Leila Slimani beschreibt schnörkellos und ehrlich, wie es den Menschen in ihrem Roman geht.
Die Hitze, der Schmutz und Staub und das zuweilen von gegenseitigen Unvereinbarkeiten geprägte Paar ist gut zu erkennen.
Gefühle sind stark besetzt von der körperlichen Leidenschaft zwischen den beiden.

Man kann der Atmosphäre in der Medina, des Geschäftsviertels mit seinen typischen Verkaufsständen und Gerüchen, nachspüren. Hier gibt es Szenen voller Poesie und Andacht beim Betrachten der Blumen, die Mathilde in ruhigen Minuten erlebt.

Wie beschreibt Slimani das Aufeinanderprallen zweier verschiedener Kulturen und Religionen?
Es herrscht ein stark patriarchalisch orientiertes Gesellschaftssystem.

Familiäre Bindungen zwischen Mathilde und Amines Angehörigen sind schwierig. Amine wird als unabhängiger Geist mit Verantwortungsgefühl für alle seine Angehörigen beschrieben.

Mitte der fünfziger Jahre kommt es vermehrt zu Unruhen zwischen den immer noch unter französischem Protektorat lebenden Marokkanern und Franzosen, die hier leben. Die Lage wirkt zunehmend bedrohlich und die Sorgen vor Übergriffen wächst. Das kann die Autorin geschickt und spannend in ihre Erzählung einbringen.
Erst 1956 erlangte Marokko seine Unabhängigkeit

Leila Slimani schreibt nüchtern, sezierend und gut beobachtend. Das zeigte sie auch in ihrem Roman „Dann schlaf auch du“.
Der jetzt vorliegende Roman ist in Anlehnung an das Leben ihrer Großeltern entstanden.
Sie ist eine großartige Erzählerin, die mit der Klarheit ihrer Beobachtungen beeindruckt.
Ihre Bücher sind internationale Bestseller, wie es auf dem Einband heißt.

Leila Slimani
Das Land der Anderen
Luchterhand Literaturverlag, Mai 2021
384 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3630876463
ISBN-13: 978-3630876467
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René Freund: Das Vierzehn-Tage-Date

René Freund: Das Vierzehn-Tage-Date

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Corinna kommt zu spät zu ihrem Tinder-Date. So ist sie nun mal. David nimmt es mit Gelassenheit. Er kann ohnehin keinen klaren Gedanken fassen, denn kaum ist Corinna zur Tür rein, bestürmt sie ihn mit unpassenden Fragen. Dass sie ihm schließlich Begrüßungsküsschen auf die Wangen drückt, verwundert ihn. Corinna hat einfach vergessen, dass das „in Zeiten wie diesen“ unangebracht ist.

Man setzt sich zusammen. Sie trinkt Wodka und er Wasser und sondiert die Lage. Schnell ist den beiden klar, dass das zwischen ihnen nichts werden kann. Und trotzdem hält David Corinna auf, als sie gehen möchte. Also wird Pizza und Wein bestellt.

Am nächsten Tag erwacht Corinna mit einem höllischen Kater in Davids Bett und weiß nicht, was geschehen ist. Es ist der Morgen, an dem beide in Quarantäne müssen, denn der Pizzabote ist mit dem Corona-Virus infiziert. Die gemeinsame Zeit wird also höchst unfreiwillig verlängert. David muss einen völlig fremden Menschen in seiner Wohnung beherbergen.

Der Autor sperrt hier zwei im Charakter sehr unterschiedliche Menschen zusammen.
Corinna ist Künstlerin oder vielmehr Kellnerin (Kleiner Schreibfehler in ihrem Tinder-Profil!) und ausgesprochen chaotisch. Sie raucht und liebt Junkfood. Er ist Musiker oder vielmehr Musiklehrer und Veganer und von eher ruhiger und sortierter Art.

Der Blick fällt auf kurz gehalten Szenen. Es werden also eher kleine Einblicke in das sich entwickelnde Alltagsleben der beiden gegeben. Corinna und David liefern sich aber so manchen Schlagabtausch, der so einiges offenlegt.

Das Buch ist mit viel Witz und teils auch bissigem Humor geschrieben. Es geht hier um Persönliches und um das, was Corinna und David voreinander eigentlich verbergen wollen.

Die Handlung spielt zu Beginn des ersten Lockdowns März/April 2020. Dieser Rückblick ist schon sehr interessant, wenn man bedenkt, welche Entwicklung die Pandemie dann genommen hat und noch nimmt.
Corinna und David verfolgen ebenfalls die News, nicht ahnend, in welcher Weise sich die Corona-Pandemie weiter ausbreiten wird. Und auch hier sind die beiden, wie soll es auch anders sein, unterschiedlicher Meinung. Während David den Ernst der Lage erkennt, nimmt Corinna die Situation auf die leichte Schulter.

Es ist spannend zu erkunden, ob die beiden trotzt ihrer Gegensätzlichkeit doch noch zusammenfinden, oder ob sich ihre Wege nach der Quarantäne endgültig trennen werden.

Rezension von Heike Rau

René Freund
Das Vierzehn-Tage-Date
160 Seiten, gebunden
Zsolnay, Mai 2021
ISBN-10: 3552072349
ISBN-13: 978-3552072343
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Hisham Matar: Ein Monat in Siena

Hisham Matar: Ein Monat in Siena

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Dieses Buch führt uns zurück ins 13.- 15. Jahrhundert in Italien, als dort eine Zeit der Hochblüte wunderbarer Malerei der Renaissance ihren Ausdruck fand.

Hisham Matar war 1989 im Alter von 19 Jahren in Siena gewesen, hatte kurz darauf seinen Vater verloren und besucht nun nach 25 Jahren erneut die Stadt, die ihn s. Zt. so sehr angerührt hat. Er will sich erneut mit der Schule der sienesischen Malerei befassen.
Einen Monat will er sich dort aufhalten.
Im Gegensatz zu den anderen großen Städten Italiens, die vom Adel oder dem Klerus regiert wurden, war Siena eine Republik mit einer Regierung aus Mitgliedern der Bürgerschaft.

Wie Hisham Matar die Stadt beschreibt, wie sie aus vielen Gassen zu ihrem großen runden Platz, dem Piazza il Campo, führt, zeigt einen sensiblen Beobachter, der seine Eindrücke und Reflexionen in Bezug zu seinem eigenen Leben setzt.
Man findet Duccio, die Lorenzettibrüder, Simone Martini u.a. in seinen Schilderungen wieder.

Bekannt und berühmt sind die Fresken im Palazzo Publico von Ambrogio Lorenzetti, in denen er der guten und der schlechten Regierung in seinen Fresken Ausdruck verleiht. Der Autor übersetzt einzelne Szenen und Darstellungen in wortreiche Sprache mit ihrer Bedeutung für den Betrachter. Eigene Überlegungen und philosophische Gedanken ergänzen den Text, der dem Leser die Augen öffnet für die Bedeutung dieser großartigen Malerei.
Einzelne Kapitel öffnen das Herz den vielfältigen Eindrücken, mit denen Hisham Matar seinen Empfindungen von Freude, Trauer, Verlust, Liebe, Einsamkeit und Glück nachhängt.

In gewisser Weise ist es eine sinnliche Geschichte. Sinnlich in dem Sinne, dass der Stadtwanderer physisch jede Gasse, jede Bank oder jeden Ausblick und selbst das Pflaster des Piazza del Campo auf sich wirken lässt. Man spürt eine immer wieder auftretende Ergriffenheit angesichts der Schönheit der Stadt und der sie umgebenden Landschaft.

Selten begegnet er in diesem Monat Menschen. Er will alleine sein und seinen Impressionen nachhängen. Seine höfliche und freundliche Art nötigt ihn gelegentlich zu näheren Kontakten. Dem Reiz von Fremden und deren Schicksalen gegenüber ist er aufgeschlossen. Seine Augen und Sinne scheinen immer wieder hinter Fassaden im wahrsten Sinne des Wortes zu blicken. Er ist hoch reflektiert in der Darstellung seiner Eindrücke.

Es gibt jedoch auch kurze Geschichtshinweise, die einem die Lebensweise der Menschen im Mittelalter nahebringen.
Man möchte jedes Wort der kultivierten Sprache, des feinen Ausdrucks und seiner Bildinterpretationen in sich aufnehmen, behalten und verinnerlichen.
Zuweilen haben mich seine Wahrnehmung der Bildkomposition mit ihrer Aussagekraft regelrecht ergriffen.

Zahlreiche Bildtafeln ergänzen den Text.

Ursprünglich stammt Hisham Matar aus Libyen. Heute lebt er in London. Er wurde mit zahlreichen Auszeichnungen für seine Bücher geehrt.

Hisham Matar
Ein Monat in Siena
Luchterhand Literaturverlag, Mai 2021
160 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3630876188
ISBN-13: 978-3630876184
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Jessica Barry: Nachtflucht – Hinter dir der Tod

Jessica Barry: Nachtflucht – Hinter dir der Tod

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Zwei Frauen, die sich nie zuvor begegnet sind, sind mitten in der Nacht mit einem alten Jeep in der Wüste von New Mexico unterwegs. Niemand weiß von ihrem Vorhaben. Das Ziel ist geheim. Die Beweggründe ebenso. Sie sind völlig auf sich gestellt, was normalerweise kein Problem darstellen würde.

Die nächtliche Fahrt verläuft zunächst ruhig, bis ein Pick-up hinter ihnen auftaucht, sie mit den seinen Scheinwerfern blendet und versucht, sie von der Straße zu drängen. Die beiden kommen mit dem Schrecken davon. Doch die Angst sitzt ihnen im Nacken.

Wie befürchtet, bleibt es nicht bei diesem einen Vorfall. Es ist offensichtlich, dass ihnen jemand Todesangst einjagen und vielleicht sogar eine von ihnen umbringen will. Doch warum? Und wer ist der Fremde? Er ist nicht zu erkennen in seinem Wagen.

Obwohl die beiden Frauen nichts gemeinsam haben, müssen sie nun zusammenhalten und sehen, wie sie dieser gefährlichen Situation entkommen können. Doch Vertrauen aufzubauen, ist nicht einfach. Denn jede hat ihre Geheimnisse, die sie nun ein Stück weit offenbaren muss.

Der Handlungsstrang, der in der Gegenwart spielt, wird immer wieder unterbrochen von Rückblicken. Das ist etwas verwirrend. Und hin und wieder wird man abrupt aus der Spannung gerissen. Es geht hier auch immer mal wieder um Menschen, deren Rolle nicht klar ist. Man erfährt erst nach und nach, was hinter der Geschichte steckt.

Aus dem Klappentext hat sich kein Hinweis ablesen lassen, wie vielschichtig und berührend die Handlung ist. Es wird nicht verraten, worum es im Buch wirklich geht und das auch gesellschaftliche Themen aufgegriffen werden. Das ist also eine Überraschung. Was die Spannung betrifft, wurde jedoch nicht zu viel versprochen. Die Autorin hat eine Atmosphäre geschaffen, die beängstigend ist.

Insgesamt passt hier alles gut zusammen. Ein rundes Bild ergibt sich jedoch erst am Schluss. Das Ende ist also nicht vorhersehbar.

Rezension von Heike Rau

Jessica Barry
Nachtflucht – Hinter dir der Tod
Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg
336 Seiten, Klappenbroschur
dtv Verlagsgesellschaft, Mai 2021
ISBN-10: 423262826
ISBN-13: 978-3423262828
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Martine Bijl: Königin außer Dienst

Martine Bijl: Königin außer Dienst

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Martine Bijl war in den Niederlanden Schauspielerin am Theater, bis sie einen Schlaganfall erlitt. Plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Es reißt sie aus dem gewohnten Leben. Sie lernt mit der Zeit, sich wieder zu orientieren und ihren Körper halbwegs zu kontrollieren. Gerne möchte sie sich in der Rehabilitationsklinik erholen und zu ihrer alten Stärke zurückfinden. Doch es tun sich recht schnell Grenzen auf.

Ein Schlaganfall ist eine sehr ernste Erkrankung. Jeder hat schon davon gehört. Wie ein Erkrankter sich fühlt und was in seinen Gedanken vorgeht, weiß man jedoch nicht. Martine Bijl hat aus ihrer Krankheit heraus dieses Buch geschrieben. Sie schildert ihren Krankheitsverlauf, ihre Erfahrungen und gibt hier sehr Persönliches preis. Sie beschreibt, was sie verloren hat, was sie zurückgewinnen konnte und was sie noch zu erreichen hofft. Sie schreibt aber auch ehrlich von den Ängsten, Albträumen und Depressionen, gegen die sie zu kämpfen hat. Sie versteht selbst kaum, was in ihrem Kopf vorgeht, woher die Wahnvorstellungen kommen und warum ihr Körper ihr manchmal nicht mehr gehorcht. Und doch schafft sie es, das auf bildhafte Weise nachvollziehbar zu veranschaulichen.

Der Schlaganfall bringt eine Veränderung ihrer Persönlichkeit mit sich. Das spürt sie. Martine Bijl ist in Seenot geraten und der Sturm will kein Ende nehmen. Aber ihr Mann Berend fungiert als Anker, wie hoch die Wellen auch schlagen. Sie weiß, dass sie es ihm nicht einfach macht und kann doch nicht anders.

Das Buch ist sehr berührend. Es ist traurig und dennoch lebensbejahend. Nicht selten blitzt eine gewisse Selbstironie auf. Es ergeben sich immer wieder Szenen, die ihr Hoffnung machen, dass es vielleicht doch ein Stück weit in die richtige Richtung geht.

Auf andere Patienten fällt ihr Blick ebenfalls, auch wenn es kaum möglich ist, so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl aufkommen zu lassen. Man hat zu viel mit sich selbst zu kämpfen.

Das Buch endet plötzlich. Martine Bjil starb 2019 an den Folgen des Schlaganfalls.

Rezension von Heike Rau

Martine Bijl
Königin außer Dienst
Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing
144 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag, Janur 2021
ISBN-10: 3552072306
ISBN-13: 978-3552072305
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Lucy Pollock: Das Buch über das Älterwerden

Lucy Pollock: Das Buch über das Älterwerden

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Die in England bekannte Geriaterin Dr. Lucy Pollock hat ein Sachbuch über das Altern geschrieben.
Es zeichnet sich dadurch aus, dass es voller Verständnis, liebevoller Einfühlung und Wissen um die Malaisen des Altwerdens geschrieben worden ist.

Dass wir heutzutage viel älter werden als in vergangenen Zeiten, ist eine Binsenweisheit.
Gerade deshalb sind Einschränkungen in zahlreichen körperlichen Befindlichkeiten fast immer mit diesem langen Leben verbunden. Nur wenigen ist es gegeben, gesund und munter erst hochbetagt zu sterben.

Dr. Pollock erzählt von ihren Erfahrungen und führt Beispiele über ihren Umgang mit älteren Menschen an. Sie berichtet von deren Eigenheiten, Ängsten und Verleugnungen, wenn der Köper unangenehme Erscheinungen aufweist. Auch bezieht sie nahe Angehörige mit ein und bespricht die wichtigsten Fragen und nur verschämt geäußerten Selbstzweifel auf ganz natürliche und ungezwungene Art und Weise.

Die Geriaterin widmet lange Kapitel der Inkontinenz, die mit zu den unangenehmen Begleiterscheinungen des Alterns gehört. Welche Mittel gibt es, um Abhilfe zu schaffen?
Hier setzt die Fachfrau an. Sie beschreibt Medikamente, Physiotherapie und Eigenhilfe, um dem Übel beizukommen. Sie macht Mut, sich mit der neuen Lebenslage auseinanderzusetzen und falsche Scham abzulegen.

Ein sehr langes Kapitel widmet die Autorin Medikamenten, die sich in ungeheurer Zahl über Jahre angesammelt haben. Zuweilen weiß keiner mehr, wofür sie ursprünglich verordnet wurden. Auch die Verträglichkeit der Medikamente untereinander in ihrer Anwendung müssten gründlich erforscht werden. Dr. Pollock geht diesen Fragen mit viel Verständnis für ihr Gegenüber nach. Die Liste der Medikamente werden gemeinsam mit ihrem/ihrer Patient*in besprochen und auf die Notwendigkeit zur Einnahme überprüft.

Nach und nach handelt Dr. Pollock die ganze Liste erwähnenswerter Vorsorgevorkehrungen ab.
Ob Demenz, Patientenverfügungen, Wiederbelebung nach Ausfall wichtiger Organe, Geschäftsfähigkeit und Behandlung multimorbider Krankheitszustände etc.: alles wird gründlich erklärt und mit Beispielen aus der Praxis belegt.

Die Begegnungen mit Patienten*innen und deren Angehörigen während ihrer langjährigen Praxis haben offensichtlich ihr Menschenbild geprägt. Aus Sachfragen werden auf diese Weise lebendige Geschichten mit menschlichem Gesicht. Rührend, anteilnehmend, teilweise gar humorvoll, zeigt sie uns ihre Patienten: wer sie sind, welche Geschichte sie haben, wie sie sich in den jeweiligen Situationen verhalten, wie die Angehörigen reagieren, und wie man sich mit diesen ganzen z.T. schweren Schicksalen auseinandersetzt.

Selbst als Laie ist dieses Buch für alle Angehörigen und vielleicht sogar den/die Leser*in von hohem Interesse.

Ich kann es gerne empfehlen als Hilfe für die langen Jahre, in denen man noch lebt aber schon von zahlreichen Einschränkungen betroffen ist! Dr. Lucy Pollock scheint eine wahre Menschenfreundin zu sein. Sie lebt in Somerset, wo sie sich als Beraterin und Betreuerin für ältere Menschen betätigt.

Dr. Lucy Pollock
Das Buch über das Älterwerden
DuMont Buchverlag, Mai 2021
340 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3832181504
ISBN-13: 978-3832181505
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Kimberly McCreight: Eine perfekte Ehe

Kimberly McCreight: Eine perfekte Ehe

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Die junge Anwältin Lizzie Kitsakis möchte den Fall eigentlich nicht übernehmen. Aber Zach ist ein ehemaliger Studienfreund und er bittet sehr eindringlich um Hilfe. Er sitzt in der Haftanstalt Rikers Island ein und ist hier offensichtlich Gewalt ausgesetzt. So lässt sich Lizzie breitschlagen. Sie glaubt ohnehin nicht, dass Zach seine Frau Amanda brutal erschlagen hat. Doch dann, als sie zu neuen Erkenntnissen kommt, die nicht ins Bild passen, beginnt sie zu zweifeln.

Die Polizei geht fest davon aus, dass Zach der Täter ist. Sieht man sich den Tatort an, kann man zu keinem anderen Schluss kommen. Doch das Offensichtliche muss nicht die Wahrheit sein. Und Annahmen, auch ihre eigenen, sind kein Beweis. Lizzie zieht alle Register und geht die Beweisaufnahme mithilfe einer alten Freundin erneut an.

Die Ehe zwischen Zach und Amanda scheint perfekt gewesen zu sein. Jedenfalls besser als ihre eigene Ehe. Was dann aber hinter den Kulissen zutage tritt, offenbart ein anderes Bild. In dem noblen Brooklyner Wohnviertel Park Slope hält man jedoch zusammen und lässt sich nicht gern in die Karten schauen. Mehr herauszufinden, gestaltet sich schwierig.

Die Geschichte wird aus der Sicht Lizzies erzählt. Parallel wird offengelegt, wie Amanda ihre letzten Tage verbracht hat. Verhörprotokolle sind immer wieder eingestreut. Es ergibt sich mit der Zeit also ein umfassendes Bild. Bleibt die Frage, ob es Lizzie gelingt, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Denn immer wieder wird sie aufs Glatteis geführt. Die Autorin hat hier ein perfektes Verwirrspiel inszeniert. Der Höhepunkt wird erreicht, als ein Beweismittel eine Beteiligung ihres Ehemanns Sam aufzeigt.

Das Buch ist durchgehend spannend, da der Blick auf das Geschehen aus vielen Perspektiven ermöglicht wird. Ich habe Lizzie gern begleitet, die hier ihren ersten eigenen Fall übernommen hat und kaum Unterstützung durch ihren Vorgesetzten erfährt.

Die Handlung ist vielschichtig, aber mitreißend erzählt und flüssig zu lesen. Perfekt für einen unterhaltsamen Leseabend!

Rezension von Heike Rau

Kimberly McCreight
Eine perfekte Ehe
Aus dem Englischen von Lake-Zapp
544 Seiten, Klappenbroschur
Droemer, Mai 2021
ISBN-10: 3426282623
ISBN-13: 978-3426282625
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Annette Sabersky: Apfelessig neu entdeckt – Der Alleskönner und seine unbegrenzten Verwendungsmöglichkeiten

Annette Sabersky: Apfelessig neu entdeckt – Der Alleskönner und seine unbegrenzten Verwendungsmöglichkeiten

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Apfelessig soll unglaublich gesund sein! Das liest und hört man immer wieder. Die Frage ist, ob das stimmt. Die Ernährungswissenschaftlerin Annette Sabersky hat recherchiert und sich Studien, die sich mit der gesundheitlichen Wirkung von Apfelessig beschäftigen, durchgesehen. Sie hat interessante Erkenntnisse herausgefiltert und für dieses Buch aufgearbeitet.

Zunächst wird die Frage geklärt, seit wann Essig für medizinische Zwecke genutzt wird und hier natürlich auch speziell der Apfelessig. Weiter geht es mit der Herstellung und den verschiedenen möglichen Verfahren. Es folgt eine Einkaufsberatung, die deutlich macht, wie sich die unterschiedlichen Qualitäten unterscheiden und was das für die Wirkung bedeutet. Wer möchte, kann den Apfelessig einmal selbst herstellen. Zwei einfache Methoden werden vorgestellt.

Die Liste der gesundheitsfördernden Inhaltsstoffe, die der Apfelessig enthält, ist lang. Gezeigt wird, welche Möglichkeiten sich daraus aus wissenschaftlicher Sicht tatsächlich ergeben und wo die Grenzen liegen.

Die Inhaltsstoffe, dazu zählen beispielsweise Essigsäure, Milchsäurebakterien und Polyphenole, werden genau unter die Lupe genommen. Ob es stimmt, dass Apfelessig reich an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Ballaststoffen ist, wird ebenfalls geklärt. So manche Annahme stellt sich dann aber doch als Illusion heraus. Die Autorin ist hier durchaus kritisch.

Und dennoch ist und bleibt der Apfelessig gesund. Es wird gezeigt, wie er angewendet werden kann und bei welchen Beschwerden Linderung zu erwarten ist.
Apfelessig gehört aber nicht nur in die Hausapotheke, sondern auch in die Küche, wie an den Rezepten zu erkennen ist. Die Naturheilkunde hat ihre Grenzen und deswegen wird erläutert, wo Vorsicht angeraten ist.
Apfelessig kann außerdem als Desinfektionsmittel angewendet werden. Inwieweit die Essigsäure gegen das Coronavirus wirksam ist, wird ebenfalls im Buch geklärt.
Außerdem kann der Fruchtessig zu einem gepflegten Äußeren beitragen. Es werden verschiedene Anwendungsmöglichkeiten vorgestellt.

Das mit ansprechend gestalteten Fotos versehene Buch ist gut strukturiert und übersichtlich gestaltet. Es steckt voller spannender Erkenntnisse und ist verständlich geschrieben. Sehr schön ist, dass passende Rezepte gleich mitgeliefert werden, die darauf warten, ausprobiert zu werden. Das Buch ist für gesundheitsbewusste Menschen sehr zu empfehlen.

Rezension von Heike Rau

Annette Sabersky
Apfelessig neu entdeckt – Der Alleskönner und seine unbegrenzten Verwendungsmöglichkeiten
176 Seiten, Klappenbroschur
Südwest Verlag, April 2021
ISBN-10: 351709983X
ISBN-13: 978-3517099835
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Laura Imai Messina: Die Telefonzelle am Ende der Welt

Laura Imai Messina: Die Telefonzelle am Ende der Welt

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Was für eine wunderbare Einrichtung das ist! Eine Telefonzelle steht in einem Garten scheinbar am Ende der Welt am Hang des Kujirayama, etwa eine Fahrstunde von Tokio entfernt. Der Wind rauscht und umtost die Telefonzelle, die zahlreiche Menschen tägliche besuchen, um mit ihren verstorbenen Angehörigen nach alter buddhistischer Sitte zu sprechen. Der Garten Bell Gardia muss ebenfalls wunderschön sein.

Bei einem Taifun 2011 sind unglaublich viele Menschen umgekommen. Auch Yui, die Moderatorin des Radios, macht sich eines Tages auf zu diesem bezaubernden Ort, denn sie hat Mutter und kleine Tochter bei dem Tsunami verloren. Sie lernt den Arzt Takeshi kennen, der nach seiner verstorbenen Frau forscht. Beide beginnen einen vorsichtigen Kontakt miteinander.

Eingeflochten in die Erzählung erlebt man weitere handelnde Personen, die mit Mutter oder verstorbenen Kindern sprechen wollen. Das alles wirkt wie ein Traum!

In einer langen, gut erdachten Geschichte erhält man einen Blick auf Japan, wie man sich das Land herkömmlich vorstellt: zarte menschliche Umgangsformen, sehr höflich und zurückhaltend. Doch die Leiden und Freuden der Welt bleiben sich am Ende immer gleich. Yui ist eine äußerst empfindsame Person und Takeshi ein rücksichtsvoller und liebevoller Mann. Beide fahren drei Jahre lang zu dieser Telefonzelle, um sich mit Menschen zu treffen, die fast alle einen Verlust zu beklagen haben. Insofern ist es der Tod, der die Erzählung mitbestimmt. Aber nicht nur! Die Hoffnung auf einen Neubeginn ist immer mit dabei.

Laura Imai Messina, die Autorin des Buches, ist schon in jungen Jahren zum Studium nach Japan gegangen und lebt heute dort mit Mann und zwei Kindern. Wenn man ihre Erzählung liest, kann man schon verstehen, wie sehr sie vom Leben und der Schönheit des Landes entzückt war und ist. Die Zartheit im Umgang der Menschen miteinander, die ausgeprägte Selbstdisziplin, die ästhetischen Farben der Landschaft und so vieles mehr zeigen uns ein Land, in dem die Menschen nicht laut und dröhnend sind. Messina gibt dem vornehmen und eher zurückhaltenden zwischenmenschlichen Ton Raum. Alle Personen haben in ihren Erinnerungen an die Verlorenen eigene Vorstellungen. Es gibt den Verlust des Glücks, die Schuldgefühle über begangenes Unrecht und eine äußerst liebevolle Sehnsucht nach all dem Vergangenen. Keiner mag wirklich glauben, dass die Liebsten für immer verloren sind.

Laura Messina besitzt eine ausdrucksvolle Sprache, mit der sie die Poesie der japanischen Seele einfängt.
Ihre Liebesszenen sind diskret und zeugen von einer sensiblen Sprachkultur. Gebannt schaut der Leser auf das Geschehen, das diese ruhigen, beschaulichen Landschaftsbilder zu Zeiten in böse, alles zerstörende Orkane verwandeln kann.
Die ganz und gar ungewöhnliche Liebesgeschichte gibt der Erzählung das Gerüst und bietet den roten Faden, mit dem man das Erlebte nachempfinden kann.
Es ist eine von tiefer Empathie getragene Geschichte.

Schon das Deckblatt bietet einen Blick auf eine Telefonzelle, die wie verlassen im leeren Raum steht. Ein zarter Zweig mit rosa Blüten weist in ihre Richtung.

Im Anhang findet man Erklärungen zu japanischen Wörtern und Symbolen.

Laura Imai Messinas Roman war lange auf den Bestzellerlisten in aller Welt.

Laura Imai Messina
Die Telefonzelle am Ende der Welt.
btb Verlag, März 2021
352 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3442758963
ISBN-13: 978-3442758968
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