Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

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Wer weiß schon, was in einem Menschen vorgeht, der langsam sein Gedächtnis verliert? Arno Geiger hat es erfahren und in eine literarische Form gebracht, die anrührend, klar und feinfühlig an die Geschichte seines Vaters heranführt.

Zuerst noch unbemerkt, tastend und irritierend bemerkt der Sohn Veränderungen im Verhalten des Vaters, die er nicht deuten kann. Er verbessert Sätze, wenn sie wirr erscheinen und versucht dem Vater auf die Sprünge zu helfen bei Fehleinschätzungen und Erinnerungslücken. Doch eines Tages dämmert dem Sohn, dass der Vater die Realität nicht mit den gleichen Augen sieht wie er selber. Er muss sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass sich der Geist des Vaters verändert, und er sein Leben aus dem Griff zu verlieren droht. Mit wachen Sinnen und einfühlsamem Bemühen lernt der Sohn, den Vater in seiner sich stetig verändernden Andersartigkeit zu akzeptieren. Die oft wiederholte Phrase „ich will nach Hause“ bringt Arno Geiger zu der Erkenntnis, dass „Zu Hause sein“ ein zutiefst menschliches Bedürfnis nach Geborgenheit und Vertrautheit ist, das sich nicht zuletzt in der Religion mit dem Begriff des Himmelreichs bezeichnen lässt.

Feinsinnig und nachdenklich folgt Arno Geiger den Veränderungen im Verhalten seines Vaters und lässt noch einmal dessen Herkunft Revue passieren. Das karge Dasein eines Buben aus einer kinderreichen aber armen Familie lassen nicht viele Hoffnungen und Illusionen auf kommendes Glück zu.

Als der siebenunddreißigjährige Vater eine viel jüngere Lehrerin heiratete, waren beider Erwartungen an die Ehe und das Familienglück so diametral gegensätzlich, dass das Ende dieser Ehe geradezu vorprogrammiert schien. Sie überdauert nur die Zeit des Heranwachsens der Kinder.

Gut erinnert sich Arno Geiger an die eigene Kinderzeit, die Großeltern und die Atmosphäre im Haus und an den fleißigen und arbeitsamen Vater in seiner Rolle als kleiner Beamter in dem Ort Wolfurt in Österreich. Die Natur und erhabene Landschaft mit Blick auf den fernen Bodensee sind wiederholt Anknüpfungspunkte für Arno Geigers eigene Heimatbetrachtungen. Wohltuend steht er in seinen Erinnerungen an den Vater hinter diesem zurück und spiegelt nur seine Gefühle im Wandel zu dem an Demenz erkrankten Vater. Ein anrührendes Stück Literatur zeigt eine Vater-Sohn-Beziehung, die den Sohn zurück zu seinen Wurzeln führt und zu einem Vater, dem er sich lange entfremdet sah. Versöhnlich und liebevoll begleitet er mit wachen Sinnen dessen langsames Verlöschen aus der Gegenwart und aus den Bezügen der Vergangenheit. Wie tröstlich ist das Wiedererkennen der Charakterstrukturen des Vaters auch in seinen trüben Stunden!

Arno Geiger zeigt ein hervorragendes Talent, sich den Gefühlen zu stellen und sie in Worte zu fassen, die ihn zurück zum Vater seiner Kindheit führen und zu dem aus der Welt verschwindenden alten Menschen, der ihm wieder so nahe gekommen ist.

Arno Geiger
Der alte König in seinem Exil
192 Seiten, broschiert
dtv Verlagsgesellschaft, 13. Auflage November 2012
ISBN-10: 3423141549
ISBN-13: 978-3423141543
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Dr. med. Alexander Sembritzki: LungenGesundheit – Selbstheilung mit Übungen und Tipps für Atemwege und Abwehrkraft

Dr. med. Alexander Sembritzki: LungenGesundheit – Selbstheilung mit Übungen und Tipps für Atemwege und Abwehrkraft

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Wenn die Lunge Probleme macht und freies Atmen nicht möglich ist, kann das verschiedene Ursachen haben. Dr. med. Alexander Sembritzki favorisiert eine ganzheitliche Behandlung und zeigt praktische Hilfe auf. Auch wer vorbeugend etwas gegen Lungenprobleme tun möchte, findet hilfreiche Tipps. Denn auch Stress kann dafür sorgen, dass uns die Luft wegbleibt. Dementsprechend sollen die zusammengestellte Übungen zu einem neuen Körperbewusstsein verhelfen, entspannend wirken, gesundheitsfördernd sein und die Abwehr stärken.

Aber zunächst geht es erst einmal darum, die Lungenfunktion zu verstehen. Der Autor erklärt sehr gut verständlich, was beim Atmen passiert und warum wir es überhaupt tun müssen. Und dazu gibt es gleich mehrere Übungen zum Einstieg, bei denen die Atmung und die Atemräume bewusst wahrgenommen werden können. Ich fand es spannend zu sehen, wie sich die Atmung schon durch eine bewusste Haltung vertieft.

In weiteren Verlauf werden verschiedene Atemübungen Schritt für Schritt und mit Fotos vorgestellt. Zwischen den Übungen sind immer wieder Erklärungen zu finden, die zeigen, welchen Einfluss die Lunge aus fernöstlicher Sicht auf die verschiedenen Stoffwechselprozesse und die Gesundheit hat. Übungen aus dem Qigong, die mit bestimmten achtsamen Bewegungen verbunden sind, schließen sich an. Und die Frage, in welcher Weise sie die Lunge stärken können, wird beantwortet. Dazu muss man die energetische Wirkung der Bewegungsabläufe kennen, die der Autor ausführlich erklärt. In sich hineinzuhören und nachzuspüren, erhöht die Vorstellungskraft.

Der Autor leitet auf eine Weise an, die gut nachvollziehbar ist und die Zusammenhänge erkennen lässt, sofern das mit dem Vorstellungsvermögen funktioniert. Anfangs ist es sicher nicht leicht. Die Übungen müssen einstudiert werden, damit die Bewegungen fließen und man sich achtsam auf sein Tun und die Atmung konzentrieren kann. Aber nur dann kann sich eine Wirkung entfalten. Sehr hilfreich sind in diesem Zusammenhang die bildhaft dargestellten Übungsabfolgen mit Kurztext im hinteren Teil des Buches. Auch die Sitz-Meditationen finden sich hier noch einmal.

Rezension von Heike Rau

Dr. med. Alexander Sembritzki
LungenGesundheit – Selbstheilung mit Übungen und Tipps für Atemwege und Abwehrkraft
112 Seiten, broschiert
Knaur MensSana, Februar 2023
ISBN-10: 3426659166
ISBN-13: 978-3426659168
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Annie Ernaux: Der junge Mann

Annie Ernaux: Der junge Mann

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Mit dem neuesten Buch von Annie Ernaux erfahren wir eine weitere kleine Episode aus ihrem Leben. Andere hat sie schon in ihren vorangegangenen Büchern thematisiert.

Wie Mosaiksteinchen kommen sie einem vor. Nicht die große Biographie ist ihr Metier, sondern Einzelheiten, in denen sie mikroskopisch sezierend in der Welt der Werte und Moral nach ihrem Platz im Leben sucht.

Mit 54 Jahren hat sie ein leidenschaftliches Verhältnis mit einem 30 Jahre jüngeren Studenten.
Durch die Beziehung zu dem so viel jüngeren Mann erinnert sie sich an ihre eigene Zeit noch als armes Mädchen und Studentin. Die Reaktionen der Umwelt und so vieles mehr werden minutiös beschrieben. Bösartige Blicke in Kaffees und Restaurants und Argwohn bei den gemeinsamen Auftritten in der Öffentlichkeit wecken ihre Aufmerksamkeit.
Sie war so lange das skandalöse Mädchen! Damit ist es nun vorbei!
Doch sie sieht bereits die kommende Trennung.

Es gibt zahlreiche Momente, von denen er nichts weiß, und in denen sie ihm weit voraus ist: Studentin sein, arm sein, eine Abtreibung im Visier mit der Trauer und der Einsamkeit, die sie dabei erfahren hat. Als sie ihm ein Bild zeigt von sich als junger Frau, wird er traurig. Er kennt sie doch JETZT und will nichts von ihrem vergangenen Leben wissen.

In Gedanken ist sie bei einem neuen Buch, das sie schreiben wird. Sie reflektiert jedes Detail ihres Daseins, sieht, wie die Momente vergehen und ihr Leben sich in Wiederholungen verliert.
Mit der Abtreibung, an deren Darstellung sie schreibt, beginnt die innere Ablösung von A.

Sex, Lust, Begehren und Schreiben verschwimmen zu einem gemeinsamen Prozess. Mit dem Ende des Buches ist das Ende der Beziehung in ihren Augen vorprogrammiert.

Hier wird wieder nur eine Episode beschrieben, in der Annie Ernaux erneut ihr Leben reflektiert.
Für die Lektüre dieses schmalen Bandes braucht es nur knapp zwei Stunden.
Fasziniert legt man das Buch zur Seite. Wieder ein gelungenes Stück Erinnerung mit tiefenscharfem Blick!
Im Grunde hat sie beim Schreiben immer ihr Leben zum Thema ihrer literarischen Betrachtungen gemacht. Das ist ihr hervorragend gelungen.

Annie Ernaux bekam 2022 den Nobelpreis für Literatur.

Annie Ernaux
Der junge Mann
Suhrkamp Verlag, Januar 2023
48 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3518431102
ISBN-13: 978-3518431108
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Kerstin Holzer: Monascella

Kerstin Holzer: Monascella

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Es war sicher nicht leicht, im Hause von Thomas Mann Kind zu sein! In der vorliegenden Biographie von Kerstin Holzer über Monika Mann wird das sehr deutlich.

Sechs Kinder hatten Thomas Mann und seine Frau Katia. Im Abstand von jeweils einigen Jahren kamen kurz hintereinander ein Junge und ein Mädchen zur Welt.

Über die Familie des berühmten Schriftstellers und über seine Kinder gibt es zahlreiche Bücher. Man weiss, dass die sechs Kinder unterschiedliche Begabungen hatten und unterschiedliche Lebenswege beschritten.

Am wenigsten bekannt war bisher Monika Mann, das vierte der sechs Mannkinder. Sie galt als Sonderling und trat wenig in Erscheinung. Bei der Flucht aus Europa 1940 während des 2.Weltkriegs verlor sie ihren Mann bei einem Schiffsuntergang, den sie überlebte.
Fortan und schon in ihrer frühen Kindheit galt sie als lästig. Als Jahre nach ihr noch Elisabeth geboren wurde, beschreibt Monika selber diesen Augenblick als „das Ende ihrer Kindheit“. Die Mutter mochte Monika schier gar nicht um sich haben. Nach einem Besuch 1953 schreibt Katia über sie, dass sie als Hausgast „unvorstellbar in ihrer Muffigkeit“ sei. Man ging sich lieber aus dem Wege.

Kerstin Holzer hat sich verdienstvoller Weise dieser Tochter von Thomas und Katia Mann angenommen und ihren Lebensweg nachgezeichnet.

Niemand liebte die Tochter/ Schwester wirklich. Erika und Klaus waren exzentrisch und brillierten in der Öffentlichkeit, Golo wurde Historiker, Elisabeth, das vom Vater besonders geliebte „Kindchen“, hatte als einzige wohl eine fröhliche und unbeschwerte Lebensart; Michael wurde Musiker und schenkte dem Vater den geliebten Enkel Frido.
Wo aber blieb Monika?

Kerstin Holzer beschreibt ein Leben, das unausgefüllt und chaotisch war.
Die Geschwisterzahl, der ruhebedürftige Vater und eine lieblose Mutter hatten ihr eine unglückliche Kindheit beschert. Sie irrt durchs Leben, schreibt kleine Feuilletons, die vom berühmten Vater nicht besonders wohlwollend beurteilt werden und will zwischendurch Pianistin werden. Alle ihre Vorhaben scheitern. Sie wird von der Familie als faul, träge, antriebsarm und lästig empfunden.

Bezugnehmend auf die Analytikerin Karen Horney kann Kerstin Holzer überzeugend darlegen, dass Monika von Beginn ihres Lebens an ungeliebt, vielleicht sogar unwillkommen, an einem tiefen Entwicklungsdefizit litt, dass sie zur Außenseiterin in der Familie verdammte.
Als sie nach langen Jahren schließlich Capri für sich als lebenslänglichen Aufenthaltsort entdeckte, dazu in Antonio Spadaro einen liebevollen Lebensgefährten, konnte sie endlich zur Ruhe kommen.

Karin Holzer hat einen offenen und unvoreingenommenen Blick auf Monika. Sie beschreibt sie mit Empathie und Einfühlungsvermögen. Monika hat ihren Außenseiterstatus erkannt und beklagt. Mit ihrem Aufenthalt auf Capri fand sie endlich Ruhe.

Das Bild dieser außergewöhnlichen Familie, die in der literarischen Welt durch den Schriftsteller Thomas Mann Berühmtheit erlangte, ist immer wieder spannend. Familien aber sind zu allen Zeiten im Bemühen um Einigkeit sehr häufig zum Scheitern verurteilt. In der Literatur gibt es zahlreiche Beispiele dafür.

Das Quellenverzeichnis ist aufschlussreich und zeigt die Sorgfalt, mit der das Buch konzipiert ist.

Eine klare Empfehlung!

Kerstin Holzer
Monascella
208 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, 2. Auflage, November 2022
ISBN-10: 3423290420
ISBN-13: 978-3423290425
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Gabrielle Filteau-Chiba: Bis der Fluss taut – Tagebuch aus der Wildnis

Gabrielle Filteau-Chiba: Bis der Fluss taut – Tagebuch aus der Wildnis

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Anouk hat Montreal den Rücken gekehrt, um in einer einfachen Hütte in der Wildnis von Kamouraska zu leben. Um in dieser eisigen Kälte überleben zu können, muss sie sich jeden Tag bei durch den Schnee kämpfen, um Holz zu holen, damit der kleine Ofen, er ist ihre einzige Wärmequelle, nicht ausgeht. Bald friert der Fluss zu und gibt kein Wasser mehr her, sodass ihr nichts anderes übrig bleibt, als Schnee zu schmelzen. Von der Zivilisation hört sie nur den Zug, der ihr eine zeitliche Orientierung gibt und für eine gewisse Struktur im Alltag sorgt. Doch eines Tages fährt er nicht mehr.

Zurück will Anouk keinesfalls, denn das zivilisierte Leben hat ihr noch viel weniger zu bieten. Sie zieht die Einsamkeit vor, doch wäre ihr Zweisamkeit lieber. Die junge Frau denkt viel nach, träumt und beschäftigt sich mit dem Schreiben in den wenigen hellen Stunden und in der Dunkelheit bei Kerzenschein. Sie versucht, mit ihren Ängsten klarzukommen und sich auf das Wesentliche hier draußen zu konzentrieren, denn auch ernste Gefahren hält die Natur bereit, wie sie bald feststellen muss. Anouk ist froh, als eines Tages ein Kater kommt und ihr Gesellschaft leistet. Nach Wärme und Nähe sehnt sich sehr. Er soll nicht der einzige Überraschungsgast bleiben.

Die Autorin bedient sich einer tiefgehenden Sprache und schafft eine besondere Atmosphäre. Sie malt mit Worten faszinierende Naturbilder, die einen Gegensatz zur Enge in der einfachen Hütte bilden.

Viel ist in diesem Buch leider nicht über Anouk zu erfahren. Dazu ist es viel zu kurz. Ihre Motivation stellt sich vor allem in ihrer engen Naturverbundenheit dar. Sie sieht das Ökosystem bedroht und ist damit nicht allein. Was wird wohl aus ihr werden? Was wird sie tun nach dieser Kältewelle und nach diesem Winter? Wir erfahren es nicht, aber es ist auf den letzten Seiten ihres Tagebuchs von Hoffnung zu lesen und einem großen Vorhaben, das sie angehen will.

Rezension von Heike Rau

Gabrielle Filteau-Chiba
Bis der Fluss taut
Tagebuch aus der Wildnis
Aus dem Quebecfranzösischen von Katrin Segerer
112 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, Dezember 2022
ISBN-10: 3423290277
ISBN-13: 978-3423290272
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Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen

Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen

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In diesem Debütroman aus dem Jahr 2016 von Daniela Krien geht es um eine außergewöhnliche Liebesgeschichte und um eine weitläufige Bauernfamilie jenseits der westdeutschen Grenze in der DDR.

Der Brendel- und der Hennerhof sind zwei benachbarte Höfe. Das Leben in und um die Höfe ist geprägt von den Bewohnern, die in ihrer ganzen vielfältigen Verwandtschaft in die Geschichte hineinspielen.

Die Wende hat gerade stattgefunden. Hier aber geht das Leben seinen Gang. Die LPGs gibt es nicht mehr, und einzelne Bauern sind wieder Besitzer ihrer Höfe. Ein großes Fest zur Wiedervereinigung steht an!

Maria, die Icherzählerin, ist 16 und geht in die Schule. Dort trifft sie Johannis vom Brendelhof. Er nimmt sie mit und stellt sie seinen Eltern vor. Fortan lebt sie mit ihm auf seinem elterlichen Gehöft, da ihre Mutter verlassen vom Vater ein ärmliches Leben führt.

Herrliche Landschaftsbilder in einem flimmernden Sommer führen einen sogleich in das Landleben ein. Maria ist jung, hübsch und unbeschwert. Sie schwänzt die Schule und geht ihren eigenen Träumen nach. Dem Lesen gehört ihre Leidenschaft. Es sind die „Brüder Karamasow“, die sie besonders faszinieren.

Bei all dem Treiben und den Begegnungen lernt sie den viel älteren Bauern Henner vom Nachbarhof kennen. Er ist schon vierzig Jahre alt.
Zwischen den beiden bahnt sich eine große Leidenschaft an. Maria ist diesem Mann sehr bald hörig. Ihre Gefühle schwanken zwischen Scham, Schuld und Ekstase. Die Lüge überdeckt ihr geheimes Leben mit Henner, der ihr Vater, Mutter, Freund und Geliebter in einem ist.

Der Krieg mit seinen Auswüchsen, die DDR mit ihrem Gefolgschaftswahn und ihren Schrecken: durch die Schicksale der einzelnen Figuren kommt vieles zur Sprache.
Mit der Wende soll nun alles anders werden.

Hinreißend sind die Naturbeschreibungen und die von Maria wahrgenommenen Empfindungen beim Betrachten der Häuser, der Zimmer mit allen Einzelheiten und der Küche mit ihren wunderbaren Gerüchen vom Backen, Braten und Kochen. Die Ansprüche der Bewohner sind bescheiden. In der Kneipe mit ihren Besuchern findet man Einblicke in das Dorfleben, und in der Natur erlebt man die Vielfalt an Stimmungen mit ihren wechselnden Jahreszeiten.

Die amour fou zwischen dem vierzigjährigen Henner und der bald siebzehnjährigen Maria bleibt das untergründig beherrschende Thema der Geschichte, geheim und verboten. Das Reifen des jungen Mädchens zur Frau ist nachvollziehbar. Es gibt der Geschichte Spannung und wird in einer so authentischen Weise geschildert, dass man meint, alles könnte sich genau so zugetragen haben.

Daniela Krien kann schreiben! Sie hat das Feingefühl und das richtige Gespür für menschliche Schwächen, Größen und, ja, auch Details des Alltagslebens auf dem Land. Wie sich die Zeiten verändern, wie es auch nebenbei politische Betrachtungen gibt, das ist meisterhaft geschildert.
Das Ende kommt überraschend, erschreckend und passt genau.

Ein wunderbares Buch, das einmal mehr Daniela Kriens Fähigkeiten als herausragende Autorin unter Beweis stellt.

Daniela Krien
Irgendwann werden wir uns alles erzählen
Diogenes, 1. Auflage, November 2022
272 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3257072198
ISBN-13: 978-3257072198O
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Emma Haughton: The Dark

Emma Haughton: The Dark

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12 Monate wird die Notärztin Kate North nun auf einer Antarktisstation arbeiten. Sie folgt kurzfristig auf den Arzt Jean-Luc Bernas, der einen tragischen Unfall hatte und ums Leben gekommen ist. Auf der Station, die sich Forschungszwecken widmet, herrscht eine seltsame Stimmung, die sich noch verstärkt, als der Winter anbricht, der noch eisigeren Kälte und tiefe Dunkelheit mit sich bringt.

Kate beginnt an der Richtigkeit ihrer Entscheidung zu zweifeln, denn Dunkelheit macht ihr Angst. Doch die Tragödie, die sie erlebt hat, hat sie zu einer Flucht aus ihrem Umfeld gezwungen. Als sie versucht, mehr über ihren Vorgänger Jean-Luc zu erfahren, zeigen sich die anderen nicht gerade gesprächig, was zu verstehen ist. Doch Kate bleibt hartnäckig und schießt dabei schnell einmal über das Ziel hinaus. Mancher fühlt sich von ihr vor den Kopf gestoßen. Aber in ihr wächst der Verdacht, dass es kein Unfall war. Doch wer könnte ein Interesse daran gehabt haben, Jean-Luc aus dem Weg zu räumen? Und warum?

Der Autorin gelingt es gut, die Station im Eis zu beschreiben, auch wenn die Forschungsarbeit selbst im Hintergrund bleibt. Die Kälte, die Dunkelheit und die beengten Verhältnisse machen es den Mitgliedern der Crew nicht leicht. Psychologisch ausgefeilt wird dargestellt, wie die Stimmung ist und wie sie sich zunehmend verändert. Unstrukturierte Tage, unaufgearbeitete private Probleme, kaum Kontakt zur Außenwelt und Müdigkeit durch Schlafmangel erschweren konstruktives Handeln und klares Denken. So entstehen Stresssituation, die an die Nerven gehen, und Diskussionen arten in Streitigkeiten und Angriffe aus.

Für Kate ist klar, dass unter ihnen ein Mörder ist, der vielleicht noch einmal zuschlagen wird. Es gibt nur ihre Sichtweise. Sie hat Anhaltspunkte, wenn auch echte Beweise fehlen oder diese verschwinden. Kate ist jedoch meiner Meinung nach nicht als besonders sympathische Person dargestellt. Sie hat Probleme, die sie eigentlich nicht für ihren Job qualifizieren. Hier wackelt die Glaubwürdigkeit etwas. Andererseits treibt sie die Handlung voran und bringt durch ihr unüberlegtes Handel die Gruppenmitglieder auch mal gegeneinander auf. Die Autorin rückt die Gruppendynamik in den Vordergrund, das sich aufbauende Misstrauen und zeigt gleichzeitig auf, dass jeder auf den anderen angewiesen ist, um auf der abgeschnittenen Forschungsstation überleben zu können.

Der Antarktis-Thriller unterhält gut und ist bis zum Ende sehr spannend.

Rezension von Heike Rau

Emma Haughton
The Dark
Antarktis-Thriller
Aus dem Englischen von Cornelia Röser
400 Seiten, broschiert
Knaur Verlag, November 2022
ISBN-10: 3426227932
ISBN-13:‎ 978-3426227930
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Sarah Farr: Heilende Kräutertees

Sarah Farr: Heilende Kräutertees

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Das Buch ist für Menschen gemacht, die sich dem Teemischen widmen oder widmen möchten und dabei seine heilsame Wirkung kennenlernen, vertiefen und nutzen wollen. Es ist ein umfangreiches Werk, das über die üblichen Kräuter hinausgeht. Es werden Kräutermischungen hergestellt, die mir einzigartig erscheinen und die spezielles Wissen voraussetzen, aber auch ein besonderes Gefühl für die Kräuter. Die Autorin zeigt sich sehr naturverbunden, lässt sich von den Kräutern verzaubern und betrachtet sie mit Wertschätzung.

Das Buch beginnt mit einem ausführlichen Vorwort und führt dann in die „Kunst der Teerezeptur“ ein. Die Autorin geht auf die Herkunft der Kräuter ein und zeigt auf, wie Teemischungen entstehen, wie sie gelagert und daraus Tees zubereitet werden.

Bei der Zusammenstellung der Rezepturen spielen verschiedene Aspekte wie Wirkungsweise und Geschmack mit hinein. Der Rezeptteil ist untergliedert und es finden sich ganzheitlich wirkende Tees, spezielle Heil- und Arzneitees sowie Jahreszeiten-Tees. Für jedes Bedürfnis wird eine geeignete Teemischung vorgestellt.

Jeder Teemischung ist eine Seite gewidmet. Die Autorin beschreibt die Möglichkeiten der Anwendung, die Wirkung und den Geschmack. Sie erzählt gerne auch von ihren eigenen Erfahrungen. In einem Kästchen ist Wichtiges noch einmal kurz und knapp zusammengefasst. Bestimmte Heilpflanzen werden in einem Pflanzenporträt ausführlich beschrieben. Auch gesundheitliche und mentale Probleme werden besprochen und es wird aufgezeigt, wie ein Tee hier helfen kann. So ergibt sich ein rundes Bild.

Bei den Teemischungen fällt auf, dass ein breites Spektrum an Kräutern verwendet wird. Einige Tees sind speziell und enthalten ausgefallene Zutaten. Hier muss erst noch recherchiert werden, wo sie erhältlich sind. Heimische Kräuter können von Kräuterkundigen selbst gesammelt werden. Außerdem gibt es im Buch ein Kapitel, das sich dem Kräuteranbau widmet. Hier erfährt der Leser, wie ein Kräutergarten angelegt wird und welche Pflanzen zu empfehlen sind. Sehr hilfreich ist hier die gemalte Sonnenkarte. Auch wer nicht so groß planen möchte oder kann, erhält Tipps.
Das Buch ist ausführlich gehalten, aber mit dem Repertorium am Ende gut überschaubar.

Rezension von Heike Rau

Sarah Farr
Heilende Kräutertees
101 Kräutermischungen für jede Lebenslage selbst herstellen
294 Seiten,
Unimedica, Oktober 2022
ISBN-10: 3962573186
ISBN-13: 978-3962573188
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Fatma Aydemir: Dschinns

Fatma Aydemir: Dschinns

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In diesem Familienroman wird eine Gastarbeiterfamilie aus der Türkei zum Thema der Auseinandersetzung genommen, die zwischen eigener Identität und aufgezwungener Fremdheit besteht.

Die Familie von Hüseyin versammelt sich in einer Wohnung in Istanbul nach dem Tod von Hüseyin, der voller Glück seine mühsam ersparte neue Wohnung für den Ruhestand beziehen wollte. Infolge eines Herzinfarktes ist er gestorben.

Nach der Hochzeit ist Hüseyin nach Deutschland gegangen, um gutes Geld zu verdienen. Sie hatten damals schon drei Kinder: Sevda, Hakan und Perihan.
Nach acht langen Jahren holt Hüseyin seine Frau und zwei seiner Kinder nach Deutschland. Sevda muss noch einige Zeit bei der Großmutter bleiben. Erst als sie 15 ist, wird sie vom Vater nachgeholt.

Die Erzählung befasst sich mit den Auswirkungen der Umsiedlung nach Deutschland, die für Familienkonstellationen eigene Probleme mit sich bringt: fremd in einem fernen Land halten sich die Eltern an die Sitten und Gebräuche ihrer Herkunft, während die Kinder sich an die Normen des Gastarbeiterlandes anzupassen versuchen.

In einzelnen Kapiteln widmet sich die Autorin intensiv jedem Familienmitglied.
Sevda muss jung heiraten und darf ihrem Wunsch, eine Schule zu besuchen, nicht nachkommen.
Sie zeigt früh Freiheitbestrebungen. Mit Groll erinnert sie sich ihres erzwungenen Ehelebens.
Hakan ist ein Verlierer, der abseits von Erfolg und Ehrgeiz dubiosen Geschäfte nachgeht.
Peri darf nach erfolgreichem Schulabschluss studieren. Der Nachzügler ist schwul, was er nur der Schwester anvertraut.

Die Zerrissenheit der Familie liegt auf der Hand. Hüseyin plagt sich redlich in der Fabrik. Sein Leben pendelt zwischen Arbeit und Schlafen. Emine geht nie aus und bleibt für Haus und Küche da. Die Kinder dieser Gastarbeiterfamilie sind sich selber überlassen. Sie wandeln auf unterschiedlichen Pfaden. Und wie unterschiedlich fallen diese aus!

In einem gut konstruierten Rahmen zeigt uns die Autorin, wohin die Wege des Menschen führen, wenn keine geschlossene Gemeinschaft mehr besteht. Eine Orientierung ist unter diesen Bedingungen nur schwer zu finden.

Die Eltern tragen ein ganz besonders bedrückendes Geheimnis mit sich. Es zeigt einmal mehr die Abhängigkeiten der Frauen vom Familienverband. Frauen gelten nicht als Individuen.

Sevda wird sich dem Zwang irgendwann entziehen und zusammen mit ihren Kindern ihre eigenen Wünsche realisieren. Sevda ist auch diejenige, die die klarsten und schmerzlichsten Worte findet, um ihrer Mutter Fehlentscheidungen und die mangelnde Selbstständigkeit vorzuhalten.
Missverständnisse und Schweigen zeichnen die Beziehungen zwischen Hüseyin und Emine aus.
Vieles bleibt tabuisiert! Da kann nur eine desillusionierte Sevda dazwischen gehen.
Das Treffen in Istanbul anlässlich des Todes von Hüseyin endet dramatisch.

Fatma Aydemir hat einen großartigen Familienroman verfasst. Hier prallen Orient und Oxident aufeinander. Die Fliehkräfte unterschiedlicher Lebensformen bringen den Zusammenhalt der Familie auseinander. Keiner wird mit seiner Lebensgestaltung wirklich glücklich. Nicht viele Menschen des Gastlandes können sich in die Lage ihrer Gastarbeiter hineinversetzen. Auch diese bleiben unter sich und leben schlecht und recht mit ihrer Isolation und Einsamkeit in einem fremden Land.

Die Autorin Fatma Aydemir schreibt voller Empathie, feiner Beobachtung und sensibler Wahrnehmung, was in dieser Familie mit den einzelnen Mitgliedern passiert.

Der Leser*in bleibt nicht unberührt vom Geschehen und schaut mit anderen Augen auf Menschen, die als Arbeiter unser Land unterstützen und sich selber fast verlieren in der Hilflosigkeit.
Es ist ein wirklicher Verdienst der Autorin, einmal den Fokus auf diese Problematik zu lenken.

Fatma Aydemir
Dschinns
Carl Hanser Verlag, 6. Auflage, Februar 2022
368 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3446269142
ISBN-13: 978-3446269149
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Caroline Ronnefeldt: Quendel (Band 3) – Über die Schattengrenze

Caroline Ronnefeldt: Quendel (Band 3) – Über die Schattengrenze

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Die Schrecken des Bäumelburger Maskenfest stecken den Bewohnern des Hügellandes noch in den Knochen. Zu viele Familienangehörige und Freunde sind nicht mehr bei ihnen und über ihr Schicksal ist nichts bekannt. Aber ein bisschen Hoffnung bleibt, denn es gibt einen, der es gewagt hat, hinter die Schattengrenze zu gehen und zurückzukehren. Eine kleine Gruppe will dieses Abenteuer noch einmal wagen, um nach den Vermissten zu suchen. Schließlich stehen die Raunächte bevor und der Übergang in die Anderswelt könnte wieder möglich sein.

Und so wird im Haus von Bullrich Schattenbart eine Versammlung einberufen. Alte Bekannte wie sein Neffe Karlmann, seine Nachbarin Hortensia, Odilio und Zwentibold resümieren, was man über die Schattengrenze weiß und ziehen eine alte Landkarte zurate, auf der womöglich der Verlauf eingezeichnet ist.

Schließlich wird eine kleine Gruppe zusammengestellt. Kater Reizker Fuchsrot und die Katze der vermissten Griseldis, Arwa Seidelbast, kommen mit, ebenso wie Hund Trautmann. Das Gepäck soll Pony Nebelung tragen. Man weiß um die besonderen Fähigkeiten der Tiere, die Dinge bemerken, die den Quendeln entgehen.
Doch schon der Beginn der Reise wartet mit einem Geschehnis auf, das die Angst der kleinen Truppe weiter schürt und ihnen zeigt, wie gefährlich das Unterfangen ist. Doch aufzugeben ist nicht ihre Sache.

Das lange Warten auf den 3. Band hat sich gelohnt. Es ist nicht schwer, wieder in die Geschichte hineinzufinden, denn geschickt frischt die Autorin die Erinnerung auf. Gleichzeitig baut sie eine schauerliche Kulisse auf, die von alten Mythen und Legenden lebt. Bekannte Figuren tauchen auf, die so schrullig und wundersam sind wie eh und je. Und so ist der Leser schnell bereit für ein neues Abenteuer. Und dieses hat es in sich und droht gefährlich zu werden.

Schön, dass dieses Buch so viele Seiten hat. Durch die Ausführlichkeit, in der die Autorin schreibt, gelingt es, sich voll und ganz in die Geschichte hineinzuversetzen. Manches beschreibt sie fast schon in Zeitlupe und so lässt sich jede Nuance aufnehmen. Der Leser wird zu einem Mitglied der kleinen Gruppe, ist hautnah mit dabei und fühlt mit. Spürt Grauen und Bedrohung, Angst, schwindende Hoffnung, neue Motivation und bedingungslosen Zusammenhalt. Sieht, was die Figuren sehen und erfährt, was in ihnen auf dieser beschwerlichen Reise vorgeht, die voller Gefahren ist. Schließlich haben es die Quendel mit Dämonen und Geistern zu tun sowie den Unwägbarkeiten der fremden Natur der Anderswelt. Immer wieder flammt eine ungeheure Spannung auf und lädt zum Mitfiebern ein. Das Ende macht etwas wehmütig, da der Abschiede von den Quendeln schwerfällt, ist aber sehr gut gelungen.

Die Reiseroute der Quendel lässt sich auf einer von der Autorin gezeichneten Karte verfolgen.

Rezension von Heike Rau

Caroline Ronnefeldt
Quendel (Band 3) – Über die Schattengrenze
512 Seiten, gebunden
Ueberreuter Verlag, Oktober 2022
ISBN-10: 3764171111
ISBN-13: ‎978-3764171117
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