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  • Lesley Kara: Das Gerücht

    Von hera | 24.Februar 2020

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    Joanna zieht mit ihrem Sohn von London in die kleine Küstenstadt Flinstead. Sie hofft, dass der Schulwechsel Alfie guttun wird. Außerdem wohnt hier ihre Mutter. Das dürfte die Hektik aus dem Alltagsleben nehmen. Eine neue Stelle hat Joanna bei einem Immobilienmakler gefunden. Die Idylle ist also perfekt.

    Das Gerücht nimmt seinen Anfang mit Jakes Mum Cathy. Am Schultor erzählt sie etwas, das die anderen Mütter aufhorchen lässt. Die Kindermörderin Sally McGowan soll unter neuer Identität in Flinstead leben. Selbst noch ein Kind soll sie einen Spielkameraden umgebracht haben. Joanna lässt das aus Sorge um ihren Sohn keine Ruhe. Sie beginnt nachzuforschen und hat bald einen Verdacht, den sie mit anderen Müttern teilt. Es ist eine unbedachte Aussage, deren Folgen ihr in diesem Moment nicht klar sind. Sie möchte einfach zu den anderen Müttern dazugehören und es Alfie erleichtern, Freundschaften zu schließen.

    Das Gerücht verbreitet sich. Joanna hat etwas in Gang gesetzt, dass sich nicht mehr stoppen lässt. Die ganze Sache beginnt aus dem Ruder zu laufen. Das ist deutlich spürbar. Es entwickelt sich eine unheilvolle Stimmung, die in Angst und Panik mündet. Doch es gibt kein Zurück.

    Der Roman beginnt recht harmlos und doch spürt man als Leser sofort ein bedrohliches Gefühl. Es ist eben nicht irgendein harmloses Gerücht, um das es hier geht. Wie kann man als Mutter auch ruhig bleiben, wenn die Möglichkeit besteht, dass eine Kindermörderin in der Stadt lebt? Es versetzt Eltern in Alarmbereitschaft. Für Joanna ist das nicht zum Aushalten. Die Autorin schafft es leicht, Joannas Angst auf den Leser zu übertragen. Sie recherchiert und teilt ihre Erkenntnisse mit anderen Müttern, um Bestätigung zu bekommen. So wird das Gerücht mit immer weiteren Spekulationen gefüttert. Was wirklich ist, spielt kaum eine Rolle. Die Wahrheit muss ans Licht kommen, dafür ist jedes Mittel recht.

    Die Geschichte ist ausgesprochen spannend aufgebaut. Immer wieder kommt ein neues Puzzleteil dazu, aber man kann nicht sagen, ob es passt oder nicht. Nicht selten wird ein Teil mit Gewalt ins Bild eingefügt, wo es sich dann langsam löst oder, dann wird es dramatisch, herausspringt!

    Rezension von Heike Rau

    Lesley Kara
    Das Gerücht
    Deutsch von Britta Mümmler
    400 Seiten, Klappenbroschur
    dtv Verlagsgesellschaft, Februar 2019
    ISBN-10: 3423262427
    ISBN-13: 978-3423262422
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    Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte

    Von Claudine Borries | 23.Februar 2020

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    Simon Curtis Leyland verlässt als Junge die Schule, entflieht dem Elternhaus in Oxford und verdingt sich sehr zum Ärger seines Vaters, eines angesehenen Wissenschaftlers, als Nachtportier in einem mittelklassigen Hotel. Sein Ziel sind „Wörter“.

    Er ist früh dem Reiz von „Sprache“ verfallen. Hier scheint er seinem Schöpfer Pascal Mercier sehr ähnlich zu sein. Leyland will alle Sprachen lernen, die rund ums Mittelmer gesprochen werden. Neben seinem Job bemüht er sich erfolgreich, diesem Ziel nahezukommen. Es gelingt, und nach ersten Übungen verdient er sich seinen Unterhalt als Übersetzer.

    Sein Weg führte ihn einst durch seine Frau Livia nach Triest, wo sie einen Verlag geerbt hat.

    Die Geschichte von Simon Leyland aber beginnt, als er gerade nach London zurückgekehrt ist, wo er das Haus eines Onkels geerbt hat. Wer Bücher liebt wird alsbald im Helden des Romans einen leidenschaftlich Literaturbesessenen finden. Er hat bereits einen Teil seines Lebens hinter sich, als er nach einer neuen Lebensstruktur sucht.
    Durch eine Fehldiagnose war er vorübergehend ganz aus der Bahn geworfen worden. Sie hatte ihn mit seinem Lebensende konfrontiert.

    Pascal Mercier lässt in seine Geschichte Wahrheiten und philosophische Erkenntnisse einfließen, die den Lebenslauf des Helden der Geschichte beleuchten.

    Es gibt eine Handlung, und es gibt viele Personen, die in Leylands Leben eine Rolle spielen. Seine verstorbene Frau, seine erwachsenen und liebevoll ihm zugewandten Kinder, Schriftsteller und Verleger, eine jede Figur hat ihren Platz in diesem Roman.

    Personen geraten in Beziehung zu einander, sie verändern sich, und man befindet sich zuletzt auch im Roman fast am Ende des Lebens von Leyland. Er sucht den Weg zu einer eigenen Erzählung. Für den Leser wird es schwieriger, Fiktion und Wirklichkeit, den Roman im Roman, auseinander zu halten. Leyland erkennt, dass sich die Gedanken seiner Romanfigur, des pensionierten Lehrers Fontaine, mit seinen eigenen Gedanken vermischen: „Ich mache keine neuen Erfahrungen mehr mit mir“ lässt Leyland ihn sprechen oder „Meine Seele ist meines Lebens überdrüssig“.

    Eines verbindet alle Personen in diesem Roman: Sprache, Wörter und die Faszination der Literatur in allen Formen.

    Weisheiten und Reflexionen bieten vielfältige Angebote, sich selber mit philosophischen Fragen des Seins zu beschäftigen.

    Pascal Mercier, pensionierter Philosophieprofessor der Humboldt Universität zu Berlin, hat bereits mit seinem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ s.Zt. Furore gemacht.
    Sein neues Buch ist ebenso faszinierend wie einfühlsam geschrieben. Leyland steht für eine hoch sensible Reflexion einer langen Lebensbetrachtung.

    Pascal Mercier zeigt sich erneut als außergewöhnlicher Erzähler, den die Leidenschaft für Sprache, Wörter, Dichtung und Philosophie tief durchdrungen haben.

    Pascal Mercier
    Das Gewicht der Worte
    576 Seiten, gebunden
    Carl Hanser Verlag, 2. Auflage, Januar 2020
    ISBN-10: 3446265694
    ISBN-13: 978-3446265691
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    ... | Kommentare deaktiviert für Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte | Kategorie Belletristik |

    Xavier-Marie Bonnot: Der erste Mensch

    Von hera | 21.Februar 2020

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    In der Le-Guen-Höhle untersucht Rémy Fortin die Höhlenmalerei mit ihren prähistorischen Felszeichnungen. Er ist ein erfahrender Taucher und doch erleidet er lebensbedrohliche Verletzungen bei seinem letzten Tauchgang. Bald wird ersichtlich, dass es sich nicht um ein Unglück handeln kann. Hauptkommissar Michel de Palma wird mit dem Fall betraut. Obwohl er bald in Pension gehen wird, möchte er den Fall aufklären und seinem Namen als Baron von Marseille alle Ehre machen.

    Die letzten Fotos von Rémy Fortin geben Rätsel auf. Eine riesige Gestalt ist als Schattenbild zu sehen. Und da ist sie wieder, diese rätselhafte Hirschkopfstatue, mit der sich ein Bogen zu einem ganz anderen Fall schlagen lässt, in dem ein psychopathischer Mörder eine Rolle spielt. Vor zehn Jahren hatte de Palma diesen Thomas Autran verhaftet und beinahe mit dem Leben dafür bezahlt. Und ausgerechnet jetzt gelingt Autran die Flucht aus der Spezialabteilung, in der er untergebracht war. Er ist ein Serienmörder und gilt auch jetzt noch als gemeingefährlich.

    Es ist ein wirklich krasser Fall, mit dem sich de Palma und sein Team beschäftigen müssen. Jede Form von Privatleben rückt in den Hintergrund. Der Serienmörder Thomas Autran erfordert alle Aufmerksamkeit. Immer mehr Details werden offenbart, sodass nach und nach die wahren Absichten Autrans zutage treten. Doch kann man sich nie sicher sein. Niemand kann in die Psyche dieses Mörders blicken. Der Leser darf sich auf einen Krimi gefasst machen, der gut konstruiert und extrem nervenaufreibend ist. Immer wieder werden neue Details und unglaubliche familiäre Verstrickungen aufgedeckt, die kaum zu glauben sind und immer wieder alles auf den Kopf stellen. Doch de Palma hat sich regelrecht in den Fall verbissen. Er wagt viel, vielleicht zu viel. Doch er will diesen letzten Fall zu Ende bringen.

    Rezension von Heike Rau

    Xavier-Marie Bonnot
    Der erste Mensch
    Aus dem Französischen von Gerhard Meier
    352 Seiten, Klappenbroschur
    Unionsverlag
    ISBN-10: 3293005551
    ISBN-13: 978-3293005556
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    Ramona Badescu und Amélie Jackowski: Was macht die Fledermaus bei Tag?

    Von hera | 16.Februar 2020

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    Die Fledermaus hat eine neue Wohnung bezogen. Sie liegt oben in einem Baum, hat einen schönen Ast, an dem sie sich kopfunter hinhängen kann, und ein rundes Fenster mit einem tollen Ausblick in den Nachthimmel. Im Baum wohnt auch ein Eichhörnchen. Es hat nichts gegen einen späten Besuch. Zusammen nähen sie eine Decke aus Stoffresten.

    Das Eichhörnchen hilft der Fledermaus zu einem Tagesrhythmus zu finden, damit sie nicht den ganzen Tag verschläft. Sich an das Licht zu gewöhnen, ist nicht einfach. Aber schließlich kann die Fledermaus, eingehüllt in die handgenähte Decke, mit rausgehen und mitten am Tag den Markt besuchen. Die anderen Tiere sind sehr verwundert. Sie schauen zu, wie die Fledermaus eine Erdbeere, ein Radieschen, ein paar Schildläuse, eine Möhre und mehr kauft.

    Wieder zu Hause angekommen, will die Fledermaus die Erdbeere malen. Aber es gelingt nicht. Sie versucht es immer wieder anders, aber ohne Erfolg. Wütend zerdrückt sie die Erdbeere auf dem Papier. Die Möhre lässt sich nicht zerquetschen, aber sie sieht aus wie ein Stift. Das Orange, das die Möhre auf dem Papier hinterlässt, begeistert die Fledermaus. Auch wenn das fertige Bild unvollkommen ist, ist die Fledermaus zufrieden mit ihrer Arbeit.

    Die Fledermaus entdeckt in diesem sehr schön illustrierten Buch die Farben! Die Welt ist so ganz anders, wenn es hell ist! Auch findet sie neue Freunde, seit sie sich nicht mehr den ganzen Tag in der Höhle versteckt und schläft. Man kann viel hineininterpretieren in diese skurrile Geschichte, in der eine Fledermaus aus der Reihe tanzt und deren Verlauf deshalb für immer neue Eindrücke sorgt. Ich weiß nicht genau, was ich von dem Buch halten soll! Aber es entspricht der Fantasie von Kindern, die sich gerne überraschen lassen, die außergewöhnliche Geschichten mögen, die Raum für eigene Gedanken und zum Tagträumen brauchen. Fantasiegeschichten sind beliebt bei Kindern und fördern die Vorstellungskraft.

    Rezension von Heike Rau

    Ramona Badescu und Amélie Jackowski
    Was macht die Fledermaus bei Tag?
    Ab 6 Jahren
    Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
    Beltz & Gelberg, Februar 2020
    ISBN-10: 3407755473
    ISBN-13: 978-3407755476
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    Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht

    Von Claudine Borries | 13.Februar 2020

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    Ein unheimlicher Mann hat einen kleinen Jungen an einem schönen Sommertag mit einem Teddy aus einer Versammlung freundlicher Flohmarktverkäufer weggelockt und in sein Auto verschleppt. So beginnt der Roman von Jan Costin Wagner. Er mündet in eine psychologisch profunde Studie.

    Wie geht es weiter?

    In Wiesbaden findet im Hof einer Schule ein Flohmarkt statt. Lange Tische und zahlreiche Menschen bevölkern den Platz im hellen Sommersonnenschein.
    Die Mutter des kleinen Jungen war nur einen Moment weg. Zuerst langsam, dann immer aufgeregter suchen Mutter, Schwester und Bekannte nach Jannis.
    Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Ein großer Teddy ist zurückgeblieben. Er gehörte nicht ihm. Er wurde jedoch mit einem gleichgearteten Teddy weggelockt.

    Schließlich wird die Polizei eingeschaltet.
    Die zwei Hauptermittler Ben und Christian machen sich auf die Suche. Man recherchiert, wälzt Akten und sucht nach gleich gearteten Fällen und wird tatsächlich fündig.

    Vor Jahren schon wurde auf gleiche Weise ein Söhnchen griechischer Einwanderer entführt und nie mehr aufgefunden.
    Bemerkenswert sind von nun an die Assoziationen und Gedanken der beiden eingeschalteten Kommissare, wie sie uns Jan Costin Wagner nahebringt.
    Sie bewegen sich zuweilen wie im Traum und sehen die Szenen der Entführungen vor ihrem inneren Auge ablaufen. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Gespräche zwischen ihnen, den Vorgesetzten, zwischen der Familie des kleinen Jannis und vielen mehr wird in einzelnen Passagen aufgeblättert. Überschrieben mit den Namen der Hauptbeteiligten steht jeweils eine Figur im Fokus. Unweigerlich bekommt man Einblicke in die Charaktere aller Beteiligten, und es tun sich Abgründe auf, wenn man den inneren Zuständen der Personen näherkommt.

    Jeder Mensch hat seine Geheimnisse. Und jeder Mensch verbirgt geheime Gedanken, Sehnsüchte und Wünsche, Ängste, Trauer und Gefühle der Einsamkeit. An diese heranzukommen versucht Jan Costin Wagner mit seiner subtilen Methode, den Wegen, Träumen und Gedanken der Protagonisten auf die Spur zu kommen. Er beobachtet sie wie im richtigen Leben, indem er Regungen, Bewegungen, Stimmungen bei Sonne und Dunkelheit verfolgt. Wagner überlässt es dem Leser, aus seinen Beobachtungen Schlüsse zu ziehen, was, wer, wann und wo mit den Entführungsfällen zu tun hat. Dieses ungefähre Wabern zwischen den einzelnen Figuren und ihren Gedanken und Gefühlen gibt dem Ganzen einen tiefenpsychologischen Touch, der den Roman so anziehend und faszinierend macht.

    Man fühlt sich ganz in den Sog der Geschichte hineingezogen.
    Jan Costin Wagner hat seine Psychostudien so lebensnah konstruiert, dass sie dem wahren Leben gleichen.
    Das Werk ist literarisch und inhaltlich von ausgezeichneter Qualität. Man kann es nur wärmstens empfehlen.

    Jan Costin Wagner
    Sommer bei Nacht
    320 Seiten, gebunden
    Galiani-Berlin, Februar 2020
    ISBN-10: 3869712082
    ISBN-13: 978-3869712086
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    Michael Kumpfmüller: Ach, Virginia

    Von Claudine Borries | 13.Februar 2020

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    In dem hier vorliegenden biographischen Roman geht es um das letzte Lebensjahr von Virginia Woolf.

    Wir haben das Jahr 1941. Der Zweite Weltkrieg steckt in einer beängstigenden Phase, und Fantasien von einer Invasion mit schrecklichen Folgen bedrängen V. Woolf.

    Michael Kumpfmüller hat die besondere Gabe, sich ganz in seine Hauptfigur hineinzuversetzen. Aus ihren Gefühlen und Empfindungen heraus berichtet er über innere seelische Befindlichkeiten wie keiner nach ihm.

    Nach seinen Darstellungen erscheint uns Virginia Woolf als eine hypersensible, dramatische und krankhaft ichgestörte Person. Aus ihrer Lebensdaten geht hervor, dass sie an manisch- depressiven Zuständen litt.

    Sie denkt nur über ihre eigene Unzulänglichkeit nach und beklagt ihre mangelnde Fähigkeit, einen achtbaren Roman zu schreiben. Insgeheim bewegt sie die ganze Zeit die Möglichkeit zu einem erfolgreichen Suizid.

    Männer scheinen ihr ein Gräuel gewesen zu sein, einschließlich ihr eigener Mann Leonard.

    Sie wird getrieben durch die Gedanken, in denen sie sich fast masochistisch klein macht, und die sie umkreisen und ihr den Schlaf rauben. Leonard ist dauernd um sie und sorgt für ihr leibliches Wohl. Sein eigenes Wohl geht in der Fürsorge für seine Frau ganz unter.

    Ihre selbstverachtende Mentalität bietet ihr nirgends inneren Frieden. Schuldgefühle, ihrem Mann keine gute Ehefrau zu sein, treiben sie um. Visionen und Einbildungen täuschen eine Realität vor, die es so nicht gibt. Zuweilen wechseln Wachträume mit Ängsten aller Art. Und immer wieder treibt sie ihr Tun zu dazu, sich ihren Suizid im Fluss vorzustellen, was ihr zuletzt auch gelingt.
    Fast kann man ihren Lebensüberdruss verstehen. Allerdings sind die Mitgefühle ambivalent, da sie so eine manisch vom eigenen Ich besessene Person gewesen zu sein scheint, die alle anderen Menschen nur im Bezug zu sich selbst betrachtet.

    Michael Kumpfmüller schreibt assoziativ ganz aus der Innenschau seiner Figur. Diese wabernden Gefühle, Gedanken und Fantasien gewinnen an Intensität und Farbigkeit. Stimmungen werden nachvollziehbar und stecken fast an in ihrer düsteren Besessenheit.

    Der Autor begibt sich so sehr in den inneren Seelenzustand seiner Protagonistin, dass man sich quälend selbst betroffen fühlt.

    Es ist eine bedrückende Szenerie, die sich dem Leser da auftut; und doch ist Virginia Woolf in ihrer Erscheinung, ihrer intellektuellen Brillanz und in ihrem exotischen Auftreten ganz präsent. Sie hatte Wirkung auf die Frauenbewegung und Emanzipation und war eine allseits anerkannte Persönlichkeit. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie sie am Leben litt. Dieses Bild von ihr bringt der Autor mit seinem tiefen Einfühlungsvermögen hervorragend zu Geltung. Michael Kumpfmüller ist ein anerkannter Schriftsteller, dem schon zahlreiche hervorragende Lebensbilder gelungen sind. Einer seiner Bestseller gilt dem letzten Jahr von Franz Kafka mit dem Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“.

    Michael Kumpfmüller
    Ach, Virginia
    240 Seiten, gebunden
    Kiepenheuer&Witsch, Februar 2020
    ISBN-10: 3462049216
    ISBN-13: 978-3462049213
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    Nadia Budde: Letzte Runde Geisterstunde

    Von hera | 12.Februar 2020

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    Geister sind Fantasiegestalten. Sie sind so unterschiedlich, weil jeder eine andere Vorstellung von ihnen hat. In Nadja Buddes Buch sind sie farbenfroh. Einer ist grün, einer orange und ein anderer Geist sogar kariert. Und ehrlich gesagt, sie sehen trotzdem etwas gruselig aus! Aber irgendwie auch lustig. Aber was genau, zeichnet Geister aus? Zu Fuß gehen sie nicht, so viel ist klar. Aber dass sie Geisterbus fahren oder sich tragen lassen, ist neu. Manche haben es nicht leicht, weil sie schwere Eisenketten mit sich herumschleppen müssen.

    Können Geister sprechen? Wohl eher nicht. Aber sie können seufzen und jammern. Einige von ihnen arbeiten in der Geisterbahn. Aber die große Frage ist ja, woher sie eigentlich kommen. Dieser Frage und noch einigen anderen geht die Autorin nach. Und natürlich weiß sie auch, wie man nervige Geister, egal ob Flaschengeister, Schlossgeister, Plagegeister oder Poltergeister, vertreiben kann. Wobei, in der Geisterbahn dürfen sie bleiben, oder?

    Geister üben eine gewisse Gruselfaszination auf Kinder aus. Im Buch wird das Thema aus einer Perspektive betrachtet, die gut gefällt. Sich Geister einmal ganz genau anzuschauen, kann gut gegen die Angst helfen. Die Fantasie wird dazu angeregt, sich ein lustiges Bild von den geisterhaften Gestalten zu machen und das Gruselspiel mitzuspielen. Das macht ungeheuren Spaß! Kinder werden direkt Lust bekommen, weitere Geister zu erfinden, zu malen und ihnen einen passenden Namen zu geben. Was macht ihr gruseliges Aussehen aus? Ist es die Form, sind es die Augen oder ist es dieses fiese Grinsen?

    Es gibt wenig Text im Buch. Die Autorin führt vielmehr mit einem lustigen Reim, der leicht zu merken ist, durch das Buch. Die herrlich schrägen Bilder, hier insbesondere die verschiedenen Geister, sind spannend. Es gibt also viel zu sehen! Die Bilder regen zu Unterhaltungen mit dem Vorleser und zum Fragenstellen an. Das Bilderbuch ist garantiert nicht in fünf Minuten ausgelesen.

    Rezension von Heike Rau

    Nadia Budde
    Letzte Runde Geisterstunde
    32 Seiten, gebundenes Bilderbuch
    ab 2 Jahren
    Verlag Antje Kunstmann
    ISBN-10: 3956143639
    ISBN-13: 978-3956143632
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    Jens Henrik Jensen: Oxen – Lupus (4. Teil der Oxen-Serie)

    Von hera | 7.Februar 2020

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    Der Ex-Elitesoldat Nils Oxen ist arbeitslos, seit der Danehof zerschlagen wurde. Die Trilogie ist eigentlich beendet, doch der Autor mag sich noch nicht von den Figuren trennen. So gibt es jetzt einen vierten Teil. Das freut mich sehr!

    Der ehemalige Geheimdienstchef Axel Mossman hat nicht alle Unterlagen des Geheimbundes vernichten lassen, sondern einige Aufzeichnungen des Danehof-Leiters beiseite geschafft. In seinem Keller brütet er darüber und stößt auf etwas Geheimnisvolles. Infolge beauftragt er Nils Oxen, den vermissten Poul Hansen in Jütland ausfindig zu machen. Er hatte sich auf einem abgeschiedenen Bauernhof im Wald zurückgezogen, aber niemand weiß, wo er jetzt ist.
    Oxen lehnt den Auftrag ab, reist aber dennoch zu diesem Hof. Er interessiert sich für die Wölfe, die in der Gegend gesichtet wurden. Die Harrildholmer Heide ist ein guter Ausgangspunkt dafür. Halbherzig schaut er sich auch in den Gebäuden um und bezieht Basis in der Küche des Hauses. Hier findet er etwas, das ihn zutiefst beunruhigt. Es hat etwas mit seiner ehemaligen Partnerin Margrethe Franck zu tun. Was zum Teufel macht ein alter Zeitungsartikel über den unaufgeklärten Fall, bei dem Franck ihr Bein verlor, hier auf dem Hof? Etwas Unheilvolles braut sich zusammen.

    Besonders gut in Form ist der Ex-Elitesoldat nicht. Nach wie vor kämpft er gegen seine Dämonen. Auch schafft er es kaum, eine Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen. Harrildholm ist für ihn ein besserer Rückzugsort als seine Wohnung, zumal es hier Wölfe gibt, die ebenso einsam und lautlos durch die Wälder streifen, wie er. Seinem wachsamen Auge fallen Dinge auf. Mit seinem wachsenden Interesse an den Vorgängen wird der Leser immer mehr in die Handlung hineingezogen. Die Spannung steigt unaufhörlich! Doch Oxen erkennt den Ernst der Lage anfangs nicht. Er ist unkonzentriert und hat sich zeitweise nicht im Griff. Sein Trauma tritt zutage und macht ihm das Leben schwer. Doch er bringt sich schließlich dazu, zu funktionieren. Es macht ihn misstrauisch, dass Mossman ihn mit Informationen füttert, die ihn in eine bestimmte Richtung lenken sollen. Also holt er Margrethe Franck mit ins Boot, die bald um ihr Leben bangen muss. Immer weiter baut der Autor die Handlung mit überraschenden Wendungen und Gefahrensituationen aus. Der Schreibstil gefällt sehr gut und die Zeit vergeht schnell beim Lesen. Man wird perfekt unterhalten von diesem Thriller!

    Rezension von Heike Rau

    Jens Henrik Jensen
    Oxen – Lupus – Teil Vier der Oxen-Serie
    Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger
    608 Seiten, Klappenbroschur
    dtv Verlagsgesellschaft, Januar 2020
    ISBN-10: 3423262435
    ISBN-13: 978-3423262439
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    Pedro Mairal: Auf der anderen Seite des Flusses

    Von hera | 5.Februar 2020

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    Lucas hofft, dass seine Probleme gelöst sein werden, sobald er wieder Geld hat. Er wird die Fähre besteigen und nach Uruguay übersetzen. In Montevideo wird er die Vorschüsse für zwei neue Buchverträge in Empfang nehmen. Er wird nicht länger auf das Geld seiner Frau angewiesen sein. Und er wird endlich eine Möglichkeit finden können, seinen Sohn Maiko tagsüber gut unterzubringen, um Zeit zum Schreiben zu haben. In der letzten Zeit drehte sich der Alltag nur um den Kleinen. Das ließ ihm keine Luft, ein neues Buch zu schreiben.

    Lucas ist ein unverbesserlicher Träumer. Auf seiner Tagesreise lässt er sich inspirieren von dem, was er sieht und hört. Die Gegenwart vermischt sich mit seinen Erinnerungen aus vergangenen Zeiten. Und der Leser darf an seinen Gedanken teilhaben.

    Doch beim Sinnieren bleibt es nicht. Lucas ist kein treuer Ehemann. Er schaut gern nach anderen Frauen. Möglichst unverbindlich. In Montevideo wird er endlich eine von ihm sehr begehrte Frau wiedertreffen.

    Aber immer wieder gehen seine Gedanken auch zu seiner Frau Catalina. Er ist in einer Beziehung gefangen, die ihn unglücklich macht. Es kann so nicht weitergehen. Er weiß, dass auch seine Frau beginnt, einen anderen Weg zu gehen. Irgendwann werden sie darüber sprechen und eine Lösung finden müssen. Doch dann kommt es während seiner Reise zu einer Wende, die ihn völlig aus der Bahn wirft und die auch eine Überraschung für den Leser sein dürfte.

    Es ist ein tiefgreifendes Buch. Lucas‘ Gedanken und sein damit verbundenes Handeln werden ungefiltert präsentiert. Er fokussiert sich auf diese Frau, die er unbedingt haben will, auch wenn es nur dieses eine Mal ist. Er ist froh, wieder Geld zu haben.

    Die momentane finanzielle Freiheit beflügelt ihn und sein Begehren macht ihn blind bis hin zum Kontrollverlust. Und so findet er sich als Autor bald in einer dramatischen Geschichte wieder, die er nicht besser hätte ersinnen und aufschreiben können. Doch sind es gerade seine Hoffnungen, seine Fantasie und sein ungestümes Verhalten, die es ihm möglich machen, Autor zu sein.

    Rezension von Heike Rau

    Pedro Mairal
    Auf der anderen Seite des Flusses
    Übersetzt von Carola S. Fischer
    176 Seiten, gebunden
    mare Verlag, Februar 2020
    ISBN-10: 3866486030
    ISBN-13: 978-3866486034
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    Dominik Barta: Vom Land

    Von hera | 28.Januar 2020

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    Theresa ist als Bäuerin an den anstrengenden Tagesablauf, den der Bauernhof vorgibt, gebunden und erfüllt ihre Aufgaben gewohnheitsmäßig. Doch eines Tages fühlt sie sich krank. Dabei hat sich Theresa bisher einer robusten Gesundheit erfreut. Mich 60 Jahren hat sie nun vielleicht den Preis für die jahrzehntelange harte Arbeit zu zahlen. Doch so ist es nicht. Die Krankheit ist rätselhaft, da keine Ursache für das Unwohlsein und die Schweigsamkeit von Theresa zu finden ist.

    Den längst erwachsenen Kindern bleibt nichts anderes übrig, als zum Hof kommen und sich zu kümmern. Sie müssen ins Gespräch kommen, was nicht einfach ist. Und auch Theresas Mann Erwin wäre es das Liebste, wenn alles schnell wieder so werden würde wie gewohnt. Stattdessen muss er erkennen, dass der Hof, der seit Ewigkeiten in Familienbesitz ist, keine Zukunft hat. Keines der Kinder wird ihn übernehmen. Immerhin hilft Rosalies Sohn Daniel ab und an bei der Arbeit. Der 12-jährige Enkelsohn ist auch gern im Wald. Zusammen mit Toti werkelt er an einem Baumhaus. Er freut sich über die Freundschaft zu dem jungen Syrer. Doch sind andere Dorfbewohner nicht begeistert von den Flüchtlingen, die nun in einer Flüchtlingsunterkunft in direkter Nachbarschaft leben.

    In der Familie herrscht eine Stimmung, die von Sprachlosigkeit geprägt ist. Theresa kann nicht über das reden, was sie bewegt. Und so äußern sich ihre Gefühle in einer Krankheit, die Unwohlsein und Ängste auslöst. Auch ihr Ehemann Erwin kann seine Gefühle nicht ausdrücken. Er flüchtet sich in die Arbeit. Die erwachsenen Kinder kommen nicht klar mit der Situation. Sie haben verlernt, miteinander zu sprechen und Dinge gemeinsam zu regeln. Von dieser Sprachlosigkeit und Kälte ist das halbe Dorf betroffen.

    Der Autor erzählt also von einem Dorf, das sich verändert und einer Familie, die sich auseinandergelebt hat. Er erzählt von den unterschiedlichen Ansichten der verschiedenen Generationen und von den Ängsten, die Veränderungen mit sich bringen. Es wird deutlich gemacht, dass niemand diesen Veränderung ausweichen kann und dass Probleme nicht durch Schweigen gelöst werden können. Vielmehr müssen die Menschen wieder aufeinander zugehen, Vorurteile abbauen und offen über die Dinge reden.

    Rezension von Heike Rau

    Dominik Barta
    Vom Land
    176 Seiten, gebunden
    Paul Zsolnay Verlag, Januar 2020
    ISBN-10: 3552059873
    ISBN-13: 978-3552059870
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