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Autor: Claudine Borries

Tim Parks: Thomas & Mary

Tim Parks: Thomas & Mary

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Eine Ehe am Abgrund!

Thomas und Mary geht es nicht gut!

Sie teilen zwar noch Bett und Leben, gehen sich aber weitgehend aus dem Wege. So recht will keine gute Stimmung mehr aufkommen.

Äußerlich scheint alles in Ordnung zu sein: sie sind dreißig Jahre verheiratet, haben zwei Kinder, einen Hund und er hat eine gesicherte Anstellung.

Doch halt: mit Thoms Anstellung ist das so eine Sache. Er hoffte auf Beförderung und muss erleben, wie die Geliebte des Chefs die von ihm avisierte Stellung ergattert. Es ist nicht verwunderlich, dass er unter Frust und Entzugserscheinungen, was den Erfolg betrifft, leidet.

Mary hat sich in die Küche verzogen, er geht abends auf ein Bier in den Pub. Sie geht mit dem Hund spazieren; und wenn sie zu Bett gehen, schläft einer jeweils schon mit dem Gesicht zur Wand.

Wie Tim Parks sich in die Ödnis der letzten Jahre einer Ehe hineinarbeitet, den Alltag beschreibt und sich in die Gefühlswelt der Protagonisten hineindenkt, das ist meisterhaft. Die Erzählperspektiven wechseln; einmal wird der Alltag aus der Sicht von Thomas beschrieben, dann aus der Sicht von Mark, dem gemeinsamen Sohn, dann wieder aus Marys Perspektive. Auch über die Herkunftsfamilien beider Eheleute wird berichtet. Die Tiefenschärfe, mit der die Lebensstadien ergründet werden, ist bemerkenswert. Wie soll man sich eingestehen, dass die Liebe vergangen ist? Dazu gehört Mut und Selbsteinsicht. Da schaut man lieber weg!

Die Therapeutin, mit der Tom sich regelmäßig trifft, gibt ihm keine konkreten Hinweise, wie er sich nun verhalten soll. Das haben Therapeuten so an sich: der Klient muss mit einfachen Fragestellungen seitens des Therapeuten selber zu einer Entscheidung finden.

Es ist mühsam, beim Lesen in das ganze Elend dieser maroden Ehe hineingezogen zu werden! Dabei fing doch alles einmal ganz glücklich an! Oder doch nicht?

Viele Fragen bleiben offen.

Auf diese Weise aber wird das Eheleben zur Qual. Man liest und liest und ist ermüdet von der Unfähigkeit, mit der keiner von beiden zu einer Entscheidung finden kann. Tom hatte zahllose Affären; auch diese aber liefen ins Leere. Mary wird schließlich aktiv. Es kommt zur Scheidung, zu letzten Treffen und zur Trennung der Konten.

T. Parks beschreibt das leere Haus, die Aktivitäten von Mary und die Trostlosigkeit des phlegmatischen Thomas. Der Autor bringt gekonnt herüber, wie diese Ehe erodiert.

Mühsam schaut man dem Treiben zu. Wie die Eheleute sich zerstören, und wie jeder seinen Part am Unglück des anderen hat. Als die Kinder das Haus verlassen, wird alles hohl und traurig. Mark bekommt den Zerfall noch mit, Sally, die Tochter, ist längst aus dem Haus. Es kommt, wie es kommen muss: die Eltern trennen sich und aus der Sicht von Tom ist er nun frei. Doch ist er wirklich glücklich?

Das Buch endet mit Fragezeichen. Wieder einmal beweist Tim Parks wie schon in zahlreichen Romanen zuvor, dass ihn Familienangelegenheiten faszinieren, und wie er sezierend das Gefüge einer Familie auseinander zu nehmen vermag. Darin ist er ein Künstler! Und wer sich für die Dynamik in Paarbeziehungen interessiert und daraus lernen will, der findet hier genügend Gelegenheit, sich in die Psyche verrannter Paare hineinzudenken.

Tim Parks
Thomas & Mary
336 Seiten, gebunden
Kunstmann, Februar 2017
ISBN-10: 3956141644
ISBN-13: 978-3956141645
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Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

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Julian Barnes ist in seinem neuen Roman den Spuren des Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906 -1975) nachgegangen. Er war ein anerkannter russischer Komponist des 20. Jahrhunderts. Seine Kompositionen umfassten ein reiches Repertoire an sinfonischer, instrumentaler und Filmmusik, bevor er sich an die Komposition von Opern wagte.

Unter der Diktatur Stalins hatte der Musiker schwer zu leiden.  Wer denkt heute noch an die Tyrannei dieses Despoten, der seine Freunde und Feinde erzittern ließ ob seiner Grausamkeit und paranoiden „Säuberungen“, mit denen er Mitte der dreißiger Jahre sein Unwesen trieb?

Julian Barnes erzählt, wie Schostakowitsch auf die Gunst und Gnade Stalins angewiesen war. Dieser liebte Musik und eben auch Schostakowitsch. Doch als Stalin die Oper „Macbeth von Mzensk“ zwei Jahre nach der Erstaufführung, die 1934 für Furore gesorgt hatte und hoch umjubelt worden war, hörte, brach sein Zorn über den begnadeten Komponisten herein. Stalin mochte die Musik nicht. Nachdem letzterer seine Loge voller Zorn verlassen hat, so berichtet Barnes, wurde aus dem Komponisten ein von Angst überwältigtes Männlein. Er steht jede Nacht mit einem gepackten Köfferchen auf dem Flur vor seiner Wohnung und erwartet die Schergen des Diktators. Seine junge Frau und die gemeinsame Tochter sollen nicht in den Strudel Ereignisse hineingezogen werden. Zu dieser Zeit ist er dreißig Jahre alt.

Am Beispiel des berühmten Komponisten und seines künstlerischen Wohl und Gedeihens erfahren wir vom Autor etwas über die Dimensionen von Diktaturen damals und heute.

Lebendig und hautnah kann man erleben, wie die Angst um alle Ecken schaut, und die Unterdrückung zu Depression und Lähmung führen kann.

Schostakowitsch wird im Roman (wie wohl auch in der Realität) zu Verhören abgeholt, soll Kollegen beschuldigen, wird wieder nach Hause geschickt, mit Drohungen, die Wahrheit zu sagen, neu einbestellt, bis schließlich sogar der Verhörer verschwunden ist. Man ahnt, dass auch ihn die Rache des Diktators zu Fall gebracht haben könnte.

In diesem Stil und Umfang, präzise und dicht in Wort und Beschreibung geht es weiter. Julian Barnes zeigt uns die „Macht“ und ihre dräuende, einschüchternde Gewalt, die auch stärkere Naturen zum Stürzen bringt. Hier wird Schostakowitsch als sensibler und einfühlender Charakter geschildert, der dieser Macht nicht Herr wird. Er wird hin und her gerissen zwischen Folgsamkeit und Selbstverdammung, stiller Resignation und Niedergeschlagenheit.

Zitat aus der Besprechung des Romans in der Zeitschrift die „Zeit“ über die Komponisten unter Stalin: «Die einen waren am Leben und hatten Angst, die anderen waren tot.»

Die Macht des Stärkeren lässt den Schwächeren vergehen. Auf einer Reise nach Amerika wird Schostakowitsch zum Spielball öffentlicher Belobigung, propagandistischen Fehlberichten und seiner heimatlichen Angstzustände. Lug und Trug, Fremd- Selbstbezichtigung und Abwarten kennzeichnen das Leben des Künstlers, der dem Wechselbad von Lob und Tadel ausgeliefert ist. Immer auch wieder gibt es Hinweise auf sein Privatleben, das jedoch ganz unter der Last der alltäglichen äußeren Bedrohung und Not steht.

Barnes schreibt in seinem gewohnt eindringlichen, poetischen Stil mit psychologisch tiefenscharfen Blick. Es ist nur ein schmales Buch von 240 Seiten. Doch der Inhalt wiegt schwer und konfrontiert den Leser mit Erfahrungen, die kaum zu ertragen sind. Erschütternd sind immer wieder die Verzweiflung und der Strudel der Verleugnungen, in die die Opfer der seelischen und häufig auch physischen Zerstörungen hineingeraten.

Die Lektüre erfordert Aufmerksamkeit und Konzentration, um der Vielfalt der angeführten Ereignisse und Zustände zu folgen.

Ein ernstes und nachdenklich stimmendes Buch!

Julian Barnes
Der Lärm der Zeit
256 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, Februar 2017
ISBN-10: 3462048880
ISBN-13: 978-3462048889
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Annette Mingels: Was alles war

Annette Mingels: Was alles war

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Familienstrukturen heute: eine Spurensuche.

Annette Mingels lässt ihre Heldin Susanna auf Spurensuche gehen. Mehr oder weniger wurde diese an sie herangetragen, als ihre leibliche Mutter Kontakt zu ihr aufnimmt. Denn Susa, wie sie auch genannt wird, ist ein adoptiertes Kind. Ihre leibliche Mutter, Viola, ist eine exzentrische Person, die überall in der Welt herumreist und Kontakt zu ebenso exotischen Menschen wie sie einer ist, sucht. Es gibt kaum einen Ort, an dem sie noch nicht gewesen ist. Susa ist von liebevollen Ersatzeltern adoptiert worden. Sie ist eine gestandene Wissenschaftlerin, die sich der Meeresbiologie verschrieben hat.

Im Aufbau gekonnt und anregend geschrieben, blättert die Autorin nach und nach die Lebenssituation ihrer Heldin auf. Zu ihren Adoptiveltern hält Susa mit ihrer ebenfalls adoptierten Schwester engen Kontakt. An ihrer leiblichen Mutter oder ihrem Erzeuger zeigt sie wenig Interesse. Sie leben ja alle in so verschiedenen Welten! Doch hat es sich so ergeben, dass sie nun doch Nachforschungen über ihre biologische Herkunft betreibt.

Susa bildet mit ihrem Mann Hendryk eine Patch- Workfamilie, da er zwei Töchter mit in die Ehe brachte. Was das für eine angeheiratete Mutter bedeutet, kann man in schönster Ausführung bei Felicitas von Lovenberg nachlesen, die bei der Hochzeit mit einem geliebten Mann gleich zwei Kinder dazu geheiratet hat. Der Titel ihres Buches lautet „Und plötzlich war ich zu sechst“. Sie entwirft überzeugend das Gebilde an Feingefühl und richtiger Umgangsform mit den beiden Kindern, bis diese sie schließlich als Frau ihres Vaters und „Stiefmutter“ voll akzeptieren.

In der Familienforschung findet man neue Lebensformen und verändertes familiäres Verhalten. Diese sind Ergebnis einer Entwicklung, in denen Lebensmuster und Beziehungen in sehr unterschiedlicher Weise zum Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts gelebt werden. Die so genannte Patch- Workfamilie ist die Lebensform, die mit dieser neuen Gestaltung von Familie einhergeht. Was also hält Familien überhaupt zusammen?

Hier werden Wege aufgezeigt, die sicher verbindlich für viele dieser zusammen gewürfelten Familien sind. Zugehörigkeit, ein Ort der Sicherheit und gemeinsames Erleben und Wachsen hält Familien zusammen. Die Sehnsucht danach bleibt bei aller angestrebter Freiheit erhalten. Doch eigenständige Entwicklungen und ambitionierte Berufswege erfordern ein Gleichgewicht und diplomatisches Austarieren in den Beziehungen, das nicht immer gegeben ist.

Im Roman von Annette Mingels geht es um Erwachsene, die in der Rückschau und Gegenwart ihre Überlegungen zu ihrer Vorstellung von Familie preisgeben. Verwicklungen und menschliche Irrtümer sind dem Leben immanent. Anfechtungen und Zweifel werden in schönster Manier in Mingels Roman abgehandelt. Dass die Liebe über allem steht, bleibt ihr unangefochtenes Bekenntnis am Ende ihrer Geschichte.

Annette Mingels ist selber ein adoptiertes Kind, so dass sie für ihren Roman aus der eigenen Biographie schöpfen konnte.

Man lebt und fühlt mit den Protagonisten und kann sich in deren Gedankenwelt hineinversetzen. Der Roman ist leicht zu lesen und man wird zum Nachdenken angeregt.

Diese gute und nicht zu anspruchsvolle Lektüre eignet sich sehr für verregnete Sommertage oder für den Urlaub.

Annette Mingels
Was alles war
288 Seiten, gebunden
Albrecht Knaus Verlag, März 2017
ISBN-10: 3813507556
ISBN-13: 978-3813507553
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Daniel Schreiber: Zuhause

Daniel Schreiber: Zuhause

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Wie und wo finden wir den Ort der Heimat?

Daniel Schreiber beginnt seine Reflexionen über „Zuhause“ mit einem Gang durch das frühlingshafte London. Er beschreibt in poetischen und anrührenden Worten die vielfarbige Blumenpracht und das frische Grün des Frühlings. Bei seinen Überlegungen, was für ihn „Zuhause“ bedeutet, kommt er zu einer tiefsinnigen Betrachtung dessen, was dem Menschen Zuhause sein kann. Ist es ein Ort der Bestimmung? Führt Heimat und Zuhause zur Identitäts- und Sinnfindung? Bedeutet es den Ort, der Geborgenheit und Sicherheit verheißt?

In seinem Essay über seine Kinder- Jugend- und späteren Jahre gibt er seinen eigenen Weg preis, mit dem er sich lange Jahre auseinandergesetzt hat. Er wuchs auf der brandenburgischen Seenplatte auf, kann dem aber als Heimat später nichts mehr abgewinnen. Zu bitter waren die ersten Schulerfahrungen mit einer sadistischen und linientreuen Stasi- Lehrerin, die ihn quälte.

Aus dem zuerst so poetischen Beginn entwickelt sich zunehmend ein theoretisches und philosophisches Gedankenspiel mit ganz handfesten Berichten über eine Jugend, die mit dem Makel der Homosexualität behaftet war.

In der DDR war es verpönt, zu dieser Spezies Menschen zu gehören, wie ja überhaupt das Tabu der Homosexualität erst in den frühen siebziger Jahren auch im so genannten Westen Deutschlands eine Änderung erfuhr. Im Wechsel mit Erinnerungen an New York, London und weiten Reisen, eigenen Lebenserfahrungen und geheimen Ängsten weiht uns Schreiber in die Tiefen psychologischer Einsichten über das Wachsen und Werden seines Lebens ein.

In einem Exkurs beschreibt er die Wanderjahre seiner Vorfahren durch Flucht und kriegsbedingte Vertreibung.

Aussagen von Philosophen, Soziologen und Psychoanalytikern bereichern die praktischen Einsichten, zu denen er in seinen Reflexionen kommt.

Es ist ein angenehm offenes aber keinesfalls indiskretes Bekenntnis, mit dem Daniel Schreiber über seine dunklen Stunden und die Suche nach dem wahren Zuhause aufwartet.

Die poetischen Passagen sind besonders reizvoll, weil sie unmittelbar eine zu Ort oder Stadt passende Stimmung wiedergeben.

Jeder mag ähnliche Erfahrungen und Entwicklungen erlebt haben, die in einer sich ändernden Welt mit großer Mobilität zu Entfremdungen und Neuorientierungen führen mag.

Daniel Schreiber
Zuhause
144 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, Februar 2017
ISBN-10: 3446254749
ISBN-13: 978-3446254749
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Nicolaia Rips: Alles außer gewöhnlich

Nicolaia Rips: Alles außer gewöhnlich

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Eine Kindheit in ungebundener Freiheit und Sorglosigkeit

Wenn es etwas gibt, das umwerfend komisch und apart zu lesen ist, dann dieses Buch mit den Erinnerungen an ihre Kindheit von Nicolaia Rips. Sie wuchs in dem legendären Hotel Chelsea in New York City auf. Ihre Eltern lebten in diesem Hotel. Sie waren Lebenskünstler: der Vater ein vermögender Lebemann, die Mutter Malerin und Weltenbummlerin. Als die Mutter nach acht Jahren Ehe schwanger wurde, konnte sich der Vater damit nicht abfinden. Die Mutter begab sich daraufhin zunächst auf eine Weltreise, um nach der Geburt der Tochter mit Mann in Italien einzukehren.

Nach einigen Zwischenstationen trafen die Eltern mit ihrer Tochter erneut im Hotel Chelsea ein. Das Mädchen wuchs zwischen all’ dem wandernden Volk in der Lobby des Hotels auf. Eine gewöhnliche Kindheit war das nicht! Sie spielte mit den Erwachsenen, bekam hie’ und da Geschichten vom Vater vorgelesen, blieb aber im Allgemeinen sich selbst überlassen. Von skurrilen Gestalten umgeben, Fixern, Musikern und Dichtern, Tänzern, Schwulen und Theaterleuten, genoss sie ein von Konventionen unbeschwertes Dasein. Als sie zur Schule kam, fand sie ihre erste Freundin. Diese war die längste Zeit ihre Freundin gewesen, als Nicolaia bei einem Geburtstagsfest für ihren Vater einen Poolunfall mit zunächst ernsten Folgen verursachte.

Nicolaia Rips hat als Ergebnis ihres skurrilen Werdegangs eine umwerfend komische Diktion, mit der sie über ihre Erinnerungen schreibt. Sie wirkt unberührt und eher amüsiert über die einzelnen Stationen ihrer Kindheit und Jugend. Nichts vermag sie zu erschüttern, ja fast lakonisch berichtet sie auch über die Dinge, die anderen vielleicht Kummer bereiten würden wie z.B. die Aufkündigung der Freundschaft durch ihre erste Freundin Greta. Eine gewisse Naivität in der Wahrnehmung ihrer Umwelt gibt der Erzählung den Glanz des Außergewöhnlichen.

Die Leichtigkeit und Unbeschwertheit teilt sich dem Leser mit, und man amüsiert sich unweigerlich. Gleichen doch die Erlebnisse teilweise so genannten Slapsticks mit darüber hinaus ausufernden fantastischen Kostümfesten. Eine Kindheit mit derartigen Freiheiten und Erfahrungen vermag fast den Neid jener zu erregen, die sich herkömmlichen Forderungen nach Leistung, ordentlichem Benehmen und Strebsamkeit gegenübersehen.

Man folgt den Lebenserinnerungen bis zum Ende der Schulzeit, denn auch über ihre Mitschüler vermag die Autorin die drolligsten Geschichten zum Besten zu geben.

Der Rahmen dieses ungewöhnlichen Daseins wird lebhaft vermittelt und man wünschte sich, einmal selber den Fuß in das legendäre Hotel Chelsea gesetzt zu haben. Hier verkehrten die bekannten Größen aus dem Pop und Kulturbetrieb des vergangenen Jahrhunderts wie Bob Dylan, Arthur Miller, Andy Warhol und so viele andere mehr!

Die Atmosphäre an dem Kultort ist unmittelbar nachzuempfinden: Räumlichkeiten mit überbordendem Interieur, Bilder, Fotos, alte Holzböden und verrauchte Tapeten geben dem Ganzen einen Hauch von Dekadenz und voluminösen Lebensrausch. Herrlich und erheiternd ist dieser nette Roman mit den wahren Erinnerungen zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu lesen!

Nicolaia Rips
Alles außer gewöhnlich
224 Seiten, gebunden
Nagel & Kimche, Februar 2017
ISBN-10: 3312010187
ISBN-13: 978-3312010189
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Katie Kitamura: Trennung

Katie Kitamura: Trennung

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Ehescheidung oder Schicksalsfall?

Eine junge Frau bekommt von ihrer Schwiegermutter einen Anruf, in dem diese fragt, wo ihr Sohn Christopher denn sei. Sie weiß nicht, dass das Paar bereits in Trennung lebt. Die namenlose junge Frau, eine Übersetzerin, bekommt von der ihr feindselig gesinnten Schwiegermutter den Auftrag, aus London, wo sie lebt, nach Griechenland zu fliegen, um den Sohn ausfindig zu machen.

Diese Reise entpuppt sich als eine merkwürdige, dubiose und leicht unheimliche Geschichte.

Frau X, nennen wir sie so, spürt in dem abgelegenen Hotel einer wüsten Landschaft, fünf Autostunden von Athen entfernt, dem Verschwinden ihres Mannes nach. Sie findet heraus, dass eine Hotelangestellte womöglich eine kurze Beziehung zu ihrem Mann Christopher hatte. Er war notorisch untreu, was zur Entfremdung des Paares beigetragen hat. Frau X. wollte ihrem Mann die Scheidung antragen. Doch sie trifft ihn im Hotel nicht an.

Man erfährt einiges über die emotionale Wahrnehmung der jungen Frau. Sie beobachtet und gibt ihre Empfindungen zu dem Beobachteten preis. Dem Pförtner, den Hotelangestellten und dem Taxifahrer gilt ihre besondere Aufmerksamkeit. Doch auch eigene Erinnerungen und die Ehe von Christophers Eltern fließen in ihre Betrachtungen ein.

Die Landschaft in ihrer trockenen Dürre tut ein Übriges, um den Leser zu faszinieren. Als die Dame schon unverrichteter Dinge nach London zurückfliegen will, bekommt sie die Mitteilung, dass ihr Mann tot aufgefunden wurde.

In langen, intensiven Reflexionen folgt man dem inneren Monolog von Frau X. Sie bieten die Möglichkeit, sich die unterschiedlichen Ehe- und Familienstrukturen der beiden Paare vorzustellen und sich Gedanken über den Tod ihres Mannes zu machen. Er wurde vermutlich ermordet.

Eine nüchterne und geheimnisvolle Atmosphäre zeichnet die Erzählung aus.

Sie bietet Einblicke in bizarre, verlogene und teilweise auch drastische Lebensweisen. Jeder/ jede scheint jedem etwas vorzumachen.Vieles im Leben der Protagonisten (oder vielleicht aller Menschen?) deutet auf Rollenspiele hin, die wir betreiben, und auf Sichtweisen, die subjektiv der Realität entgegenstehen. Was aber ist Realität, was Fantasie und Vision?

Nachdenklich und intellektuell werden wir mit dem konfrontiert, was das Leben in seinen Tiefen ausmacht. Die Mischung zwischen einem möglichen Kriminalfall und realer Existenzbetrachtung bringen Spannung in die Geschichte, die man angeregt beiseite legt.

Katie Kitamura lebt als Journalistin und Literaturkritikerin in New York.

Katie Kitamura
Trennung
256 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Januar 2017
ISBN-10: 3446254455
ISBN-13: 978-3446254459
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Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

Susann Pásztor: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

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In dem neuen Roman von Susann Pásztor beobachtet sie einen Sterbehelfer und seinen Sohn bei ihrem Ehrenamt.

Fred, die Hauptperson in diesem Roman, ist geschieden und wirkt traurig. Er ist zugleich ein rührender Vater für seinen Sohn Phil. Dieser ist eine wenig kleinwüchsig, begabt und ruhig in seinem Wesen.

Phil entstammt der Ehe mit Sabine. Fred und sie kannten sich schon aus der Schule. Ihre Beziehung war ein seltsames Gemisch aus Gewohnheit und Überdruss und erschien merkwürdig leer. Als sie sich anderweitig orientiert, findet die Ehe in einer schnellen und friedlichen Scheidung ihr Ende. Ohne viel Aufhebens bleibt Phil bei seinem Vater. Die regelmäßigen Besuche bei seiner Mutter sind für ihn Pflichtbesuche, die er folgsam und ohne Freude absolviert.

Fred hatte sich zum ehrenamtlichen Sterbehelfer ausbilden lassen und betreute seine erste Klientin. Karla ist krebskrank und weiß, dass ihre Lebenszeit begrenzt sein wird.

Mit Fred weiß sie wenig anzufangen. Als Phil ihr beim Scannen ihrer Fotos hilft, erlebt sie in dem kleinen Kerl einen sensiblen, künstlerischen und aufgeweckten kleinen Kerl, der es ihr angetan hat. Er fragt nicht so viel, aber sie spürt, dass er sich in sie einfühlen kann.

Wie immer bei Susann Pásztor kommt in ihren Erzählungen der Humor nicht zu kurz.

Die Beschreibungen der Supervision, an der Fred in Ausübung seiner Tätigkeit als ehrenamtlicher Sterbehelfer teilnehmen muss, wachsen sich zu ironischen kleinen Events aus. Da gibt es den Redestein, den derjenige, der etwas sagen möchte, in die Hand nehmen muss. Die Kommentare und Beispiele zeigen etwas von den charakterlichen Sonderlingen, die sich hier zusammengefunden haben. Fred ist ein unsicherer, nachdenklicher Bedenkenträger, der sich viele Fragen stellt über das, was er hier tut, und ob sein Handeln wohl richtig ist. Es muss nicht erwähnt werden, dass er an einem ausgeprägten Helfersyndrom leidet. So drängelt er ängstlich und etwas schwächlich seine Hilfe förmlich auf, die von der spröden Karla entsprechend abgewiesen wird.

Der dreizehnjährige Phil ist hingegen ein heimlicher Dichter mit Neigung zur Beobachtung und klaren Erkenntnissen über die Welt der Erwachsenen. Karla ist trotz ihrer heftigen Schmerzen voller Selbstironie und grober Ablehnung gegenüber allen falsch bekundeten Mitleidsbezeugungen. Kein Wunder, dass sie Phil am liebsten um sich hat!

Susann Pásztor versteht auf unnachahmliche Weise, Ernst mit Komik zusammenfügen.

Das konnte man schon in ihrem Debütroman “Ein fabelhafter Lügner“ feststellen.

Wie soll man das Leben in schwierigen Phasen auch anders ertragen?

Wie die Autorin Details herausgreift und auf den Punkt bringt ist bemerkenswert. Der feine Humor, der durch die Erzählung blitzt, gibt der Erzählung einen leichten Anstrich und macht die Dramatik von Krankheit und Tod auf erträgliche Weise fassbar.

Sie bietet in ihrem Roman gekonnte Einblicke in das Leben und Sterben der Betroffenen. Ferner lässt sich uns teilnehmen an einer glücklichen Vater-Sohn-Geschichte.

Susann Pásztor ist selber Sterbehelferin. Man kann sich vorstellen, dass sie für diejenigen, die sie betreut, mit ihrem Humor und Witz eine wahre Hilfe ist.

Ein gelungenes kleines Werk liegt hier vor. Es bietet Einblicke und Sichtweisen, die den Leser unterhalten, nicht langweilen und durchaus zum Nachdenken anregen.

Susann Pásztor
Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster
288 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, Februar 2017
ISBN-10: 3462048708
ISBN-13: 978-3462048704
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Zsuzsá Bánk:Schlafen werden wir später

Zsuzsá Bánk:Schlafen werden wir später

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Frauenfreundschaften…

Die Schriftstellerin Márta lebt mit ihrer Familie, Mann und drei kleinen Kindern, In einer Großstadt in Hessen. Ihre Freundin Johanna wohnt im Schwarzwald, bezeichnend von ihr „schwarzer Wald“,  genannt. Sie liebt die Natur, ist Lehrerin, unverheiratet und promoviert schon lange über Annette von Droste-Hülshoff. Beide sind an die 40 Jahre alt.

Márta ist mit ihrer großen Familie anderen Anforderungen ausgesetzt als ihre alleinstehende Freundin, die sich mit ihrem Leben als Lehrerin einrichten musste und schon eine Krebserkrankung und eine zerbrochene Beziehung zu einem Mann hinter sich hat.

Die Frauen stehen in einer überschwänglichen und unverbrüchlichen Freundschaft zueinander. In täglichen Mailkontakten teilen sie einander mit, was sie denken und tun,  woran sie arbeiten, und wie es ihnen ergeht. Es sind gefühlvolle, tiefschürfende und ihr Inneres aufschlüsselnde Befindlichkeiten, über die sie sich austauschen. Dass man als LeserIn daran teilnehmen darf, wirkt fast ein wenig indiskret. Die Briefe sprechen eine eigene Sprache, die von Zuneigung, ja fast Liebe, berichten, und sie sind voller Gefühlsergüsse. Auch die detailreiche Sprache, die alles, was man so beobachten kann, sezierend wiedergibt, ist nicht immer beeindruckend! Wen interessieren die leer gegessenen Müslischalen, das Tirilieren der Vögel oder wie „.. die Sommervögel den Tag bin die Welt schicken“! …..  Diese Art Tagesbeschreibungen füllen einen großen Teil des Werks.

Naturbeschreibungen und Mondscheintage finden ebenso reichlich Erwähnung wie die täglichen Nöte. Obwohl sie in verschiedenen Sphären leben, können sie einander gut verstehen, ermutigen, zuhören und am Leben der jeweils anderen teilnehmen.

Mir selbst wurden die intimen Bekenntnisse leider allmählich zu viel. Es ereignet sich zu wenig, und diese ewigen Ergüsse haben mich genervt. Stimmungen wechseln täglich, und Selbstanklagen und Klagen sind Hauptthema der beiden. Lebt man das richtige Leben? Kann man allen Anforderungen, die man an sich stellt erfüllen? Und können andere die eigenen Erwartungen erfüllen? Die Erzählung wächst sich zu einer Art Lebensbilanz aus.

Einzig interessant ist die Tatsache, dass wohl Frauen zu solcher Art Freundschaften fähig sind, während sich Männerfreundschaften m.E. auf anderem Boden bewegen. Für Frauen bedeuten derartige Freundschaften viel, sind sie doch fast Ersatz für geführte Tagebücher, auf deren Einträge man allerdings keine Antworten bekommt. Insofern erfüllen sie einen wichtigen Lebensbereich zur Reflexion und zu Kommentaren über das tägliche Allerlei.

Das Buch konnte mich  in seiner literarischen Form nicht überzeugen!

Zsuzsá Bánk
Schlafen werden wir später
688 Seiten, gebunden
Verlag: S. FISCHER, Februar 2017
ISBN-10: 3100052242
ISBN-13: 978-3100052247
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Joel Dicker: Die Geschiche der Baltimores

Joel Dicker: Die Geschiche der Baltimores

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Familiengeschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt.

„Ich bin der Schriftsteller……“

So beginnt dieser unvergleichliche Roman von Joel Dicker über eine amerikanische Familie jüdischer Herkunft.

Marcus, der Icherzähler und Schriftsteller im Roman, erzählt seine Familiengeschichte. Sie beginnt 1994 und endet 2012 wird jedoch in wechselnden Jahresphasen erzählt.

Nathan und Saul Goldman sind Brüder. Der eine gehört zum amerikanischen Mittelstand, der andere ist ein reicher Anwalt in Baltimore. In New Jersey leben die „Montclairs“, Saul aber lebt mit seiner Familie in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland in besten Verhältnissen. Beide Familien haben fast gleichaltrige Söhne. Marcus aus „Montclair“ beneidet seinen Vetter Hillel glühend, dessen Herkommen aus dem begüterten Elternhaus ihm so manche Freiheit gewährt. Er ist intelligent aber zart und schmächtig.

Durch diverse Zufälle gerät zu den „Baltimores“ noch ein verlorenes Heimkind Woody, der in der Schule zum Beschützer des zarten Hillel wird.

In einem breit angelegten Epos erzählt uns Joel Dicker die Geschichte der drei Jungen, deren Jugend durch ihre innige Freundschaft zu einer glorreichen und glücklichen Zeit wird. Sie schwören sich ewige Freundschaft.

Familiengeschichten haben ihre eigene Dynamik und immer auch Geheimnisse, die schwer zu entschlüsseln sind.

Äußerlich wirken alle harmonisch miteinander. Sauls Frau Anita ist eine besonders anziehende, gütige und liebevolle Person. Doch unterschwellig gibt es Neid und Eifersucht, die sich durch unausgesprochene Kämpfe und langes Schweigen bemerkbar machen.

Im Aufbau zeigt der Autor in zwei Ebenen, die der Eltern und deren Kindern, wie Menschen aus der unbeschwerten Jugendzeit zu Heranwachsenden werden. Mit Beginn des Studiums und mit der Liebe werden neue Akzente gesetzt. Hier erst zeigen sich die kleinen Eifersüchteleien, die Furcht vor Bevorzugung, der Ehrgeiz und die Konkurrenz, die so manches Erwachsenenleben beschweren. Vieles bleibt zwischen Eltern, Kindern und unter Freunden unausgesprochen. Auf diese Weise erwachsen Misstrauen, Kränkungen und Verletzungen aller Art. Da der Autor im Buch mit Hinweisen auf zukünftige Veränderungen und Katastrophen arbeitet, entsteht eine ungemeine Spannung, die sich steigert. Eltern und Söhne, Nachbarfamilien und mehr oder weniger kleine und große Lieben oder ihr Vergehen begleiten uns während der Erzählung und steigern die Spannung. Es kommt zu vollkommen unerwarteten Ereignissen, die Unglück über die Familien bringen. Dramatisch bis zuletzt gibt es aber auch ein gutes Ende.

Das Leben IST spannend, und Joel Dicker zeigt uns in seiner Geschichte, wie die Wirklichkeit aussehen kann. Es ist, als habe diese Familie wirklich so, wie sie beschrieben wird, gelebt. Obendrein bietet Dicker in seinem Roman Einblicke in amerikanisches Familienleben mit Aufstieg und Fall, Armut oder Reichtum und Niedergang. Dazu die Weite des Landes, in der man schnell von einem Staat in den anderen, von Nord nach Süd oder Osten komm.

Man möchte schließlich das Ende wissen und gleichzeitig soll die Lektüre nie enden!

Für Fans von Familiengeschichten ein MUSS!

Joel Dicker
Die Geschichte der Baltimores
512 Seiten, gebunden
Piper, Mai 2016
ISBN-10: 3492057640
ISBN-13: 978-3492057646
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Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

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Von den dunklen und hellen Seiten des Lebens…

Vier Studenten unterschiedlicher Hautfarbe, Herkunft und Zukunftspläne finden sich in New York zusammen. Sie kennen sich vom College, und man lernt sie nach und nach in ihren sehr verschiedenen Charakteren und Leidenschaften kennen.

Zuerst ist die Erzählung ein sanftes Herantasten an die gegenwärtigen Lebensbedingungen ihrer Protagonisten.

Da ist JB, der Künstler, Malcolm, der Architekt aus reichem Elternhaus, Willem, der Schauspieler werden will und Jude St.Francis, der geheimnisvolle und von heftigen Schmerzattacken gepeinigte letzte in der Runde, der sein Jurastudium beendet hat.

Die vier Freunde befinden sich nach dem Ende ihres Studiums auf der Suche. Es geht ihnen um gute Jobs, die nicht so leicht zu finden sind, um das Leben und den Sinn ihres Tuns, um Ablösung von herkömmlichen Bindungen, um neue Erfahrungen, um Liebe, Sex und Freundschaft! Letztere hält sie zusammen. Sie sprechen viel miteinander. Reich oder arm, weiß oder schwarz spielt die geringste Rolle, obwohl diese Merkmale sicher auch bei der Identitätsfindung von Belang sind.

Ganz allmählich wird der Leser in Bann gezogen von ihrem Lebensdrang, ihren Fragen aneinander, auch von den Alltäglichkeiten wie Umzüge, Wohnungs- oder Jobsuche.

Man begleitet die Jungs durch ihr halbes Leben. Sie sind sehr verschieden von Charakter und Herkunft! Jude trägt offensichtlich ein schweres Schicksal mit sich. Er ist der Geheimnisvolle und mehr und mehr die zentrale Figur, von dem man nur wenig weiß, der sich nie äußert und doch von allen geliebt wird.

Fesselnd und atemberaubend in ihrer Dramatik und von grausamer Düsternis scheint seine  Kindheit überschattet gewesen zu sein.

Was hatte es mit dem Heim oder dem Kloster auf sich? Er fügt sich selber Leiden zu, indem er sich mit Rasierklingen verletzt, um die Vergangenheit und seinen Selbsthass, der aus dieser Vergangenheit resultiert, zu ertragen. Nach außen hin bleibt er verschlossen, liebenswert und liebenswürdig, und jeder bemüht sich, hinter sein Geheimnis zu kommen.

Vorsichtig führt uns die Autorin in die Tiefen der Beziehungen. Hier ist von Hass, menschlicher Destruktivität, von Misstrauen und echter Zuneigung, von Kränkungen, Verstehen und nicht zuletzt von einer tiefen und unverbrüchlichen Freundschaft und homosexuellen Beziehung die Rede.

Als Leser ist man erschlagen von der Wärme der Gefühle und dem Zusammenspiel von Liebe und Freundschaft, von Glück und Verzweiflung. Es ist ein Buch, das einen zum Weinen bringt!

Hanya Yanagihara beschreibt das Amerika, das wir kennen; ein Amerika, von dem so mancher junge Mensch träumen mag. Vom Auf und Ab der Möglichkeiten, von Verlusten, vom Abstand des Kleinen zum Großen, von Chancen und von der schier unbegrenzten Freiheit, die junge Menschen beim Aufbruch ins Leben erhoffen dürfen. Die einen finden ein bescheidenes Glück, und die anderen sind geplagt von Sehnsucht nach der einen wahren und großen Liebe und von der Unerfüllbarkeit erhoffter Lebensträume. Die Wahrheit ist fast immer eine andere!

Hier erleben wir ein Amerika, das es heute nicht mehr gibt! Fast setzt der Roman einen Schlusspunkt unter das freie, liberale Vielvölkerstaatengemisch, das in den Vorstellungen der westlichen Welt die wahre Freiheit Amerikas verkörperte.

Bis zur letzten Seite kann man sich von den Geschehnissen nicht lösen. Der Roman wird vermutlich den Literaturbetrieb in diesem Frühjahr heftig beschäftigen!

Hanya Yanagihara
Ein wenig Leben
960 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, Januar 2017)
ISBN-10: 3446254714
ISBN-13: 978-3446254718
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