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Autor: Claudine Borries

J. Paul Henderson: Letzter Bus nach Coffeeville

J. Paul Henderson: Letzter Bus nach Coffeeville

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Debütroman eines bemerkenswerten Schriftstellers.

Es handelt sich im Romandebüt von J.Paul Henderson um eine lange Geschichte, die mehrere Zeitebenen und Ortswechsel umfasst.

Hauptakteur und Icherzähler ist Eugene Chaney, der inzwischen 72 Jahre alt ist.

Die Szenen wechseln von den Nordstaaten in die Südstaaten der Vereinigten Staaten von Amerika zur Zeit der Aufhebung der Rassendiskriminierung. Diese war von zahlreichen Aufständen und Kämpfen um die Rechte der farbigen Bevölkerung zu Ende der fünfziger und Beginn der sechziger Jahre in den Südstaaten gekennzeichnet.

In unterschiedlichen Kapiteln werden Auszüge aus Chaneys Leben, dem seiner Geschwister, Freunde und Freundinnen erzählt.

Nach einer behüteten Kindheit ging Chaney seinen eigenen Weg, der ihm frühe Verluste und tief traurige Erlebnisse brachte.

Als Student schloss sich Gene, wie Henderson hier auch genannt wird, der Bürgerbewegung gegen Rassismus an und hatte einen guten Freund, Bob, der aus dem farbigen Milieu stammt.

Beginnend mit seiner großen Liebe Nancy, die sich aus für ihn nicht ersichtlichen Gründen spontan und ohne weitere Erklärung aus seinem Leben entfernt hat, setzen sich seine Erinnerungen fort mit Spotlights aus seinen Studienjahren, Familiengeschichten, einer kurzen Ehe und so vielen Jahren, in denen er alleine sein Leben als Allgemeinmediziner hinter sich gebracht hat.

Die Geschichte spinnt sich fort und fort voller spannender Einzelheiten, die einen nicht mehr loslassen.

Kurze Momente befassen sich mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Vietnamkrieg, der so viele Opfer forderte.

Kristallisationspunkt der Geschichte aber ist die Alzheimerkrankheit, die einen Großteil der Erzählung ausmacht. Eine heimliche Spannung wird im ersten Teil durch den frühen Wunsch Nancys mit einer Bitte an Gene erzeugt, ihr im Falle einer Erkrankung an Alzheimer, die in ihrer Familie gehäuft auftrat, beizustehen.

Der erste Teil des Buches hört nicht auf, einen in Bann zu schlagen. Leider ufert die Erzählung in der zweiten Hälfte ein wenig zu weit aus. Es erscheinen immer neue Figuren, deren Lebens- und Werdegang breit und ausführlich beschrieben werden. Das ermüdet. Es ist, als wäre die Geschichte eigentlich schon zu Ende, als weitere Personen auftauchen und die Geschichte umranken. Diese Ausschweifung tut der Erzählung nicht gut. Slapstickartig ist von Verfolgung, CIA und anderen Unbilden die Rede.

Der Erzählton ist traurig und witzig und gelegentlich auf komische Weise lakonisch.

Man kann sich dem Sog der Erzählung zu Beginn nicht entziehen und möchte unentwegt weiter lesen. Sie steuert auf ein ungewöhnliches Ende zu.

Paul Henderson lebt in Bradford, Yorkshire, wo er sich mit diesem Roman als Schriftsteller etabliert hat.

Sein Buch ist durchaus empfehlenswert!

J.Paul Henderson
Letzter Bus nach Coffeeville
528 Seiten, gebunden
Diogenes, März 2016
ISBN-10: 3257069596
ISBN-13: 978-3257069594
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Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!Sprachgenie und Lebenskünstler.

Mit einem wahren Sprachrausch beginnt Benjamin von Stuckrad-Barre seinen fulminanten Roman über sein eigenes Leben.

Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus: mit amüsierter und spöttischer Beobachtungsgabe vermittelt er dem Leser einen Eindruck von seinem liberalen, ökoorientierten und wider die Spießigkeit agierenden Elternhaus. Man gibt sich friedensbewegt und allem Gewöhnlichem abholt. Dass sonntägliche Wanderungen, musikalische Früheerziehung und fleißige Geschwister einen ebenso unguten Druck im Heranwachsenden auslöse könnten, entgeht den fortschrittsgläubigen Eltern ganz. Aber nicht nur die häuslichen Gewohnheiten werden aufs Korn genommen. Ebenso geht es gegen Düfte von Essen und Ungewaschenheit, wie der junge Benjamin sie wahrnimmt. Eines wird bald klar: hier lökt einer permanent wider den Stachel. Udo Lindenberg wird weit über seine Zeit hinaus zu seinem Idol. Benjamin entwickelt eine frühe Begabung, sich denen zu nähern, von denen er sich ein Fortkommen verspricht. Geld verdienen, Platten kaufen, sich so zu kleiden, wie er es sich ersehnt, – das alles ist in diesem Roman zu finden.

Allerdings ist das erst der Beginn einer Entwicklung, die ihn weit und weiter führt ins Drogen- und Suchtmilieu und auf Pfade, die gegen jede bürgerliche Ordnung und Erwartung verstoßen.

Hinreißend ist die Begabung von Stuckrad-Barre, mit einfachen Wortkonstruktionen das Erleben und seine Beobachtungen zu formulieren. Seine Sätze reihen sich übergangslos aneinander und vermitteln ein gutes Bild von einem sensiblen Jungen, der auf der ständigen Suche nach dem von ihm ersehnten wahren Leben ist. Dass man auf diese Weise ein Bild vom Heranwachsen in den poppigen achtziger Jahren gewinnt, einem die Nöte eines begabten Jungen mit überbordender Fantasie und nachgerade auch schrecklichen Erfahrungen in Drogenmilieus mit allen dazu gehörigen Abstürzen vor Augen geführt werden: wem sollte das schaden?

Er ist Narziss mit starkem Drang zum Außenseitertum, er blufft und schlängelt sich allmählich in die Kunst -Popszene hinein; doch er ist auch ein genialer Macher mit Grips und Chuzpe.

Man lese das Buch und freue ich über die Teile, in denen er den Zeitgeist persifliert, die gesellschaftlichen Zwänge und auch sich selbst auf die Schippe nimmt! Ich mochte das Buch sehr!

Benjamin von Stuckrad-Barre
Panikherz
576 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, März 2016
ISBN-10: 3462048856
ISBN-13: 978-3462048858
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Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind

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Wie mag es sich anfühlen, wenn man als Kind aus Saudi- Arabien nach Deutschland verpflanzt wird?

Das ist das Thema des neuen Romans von Rasha Kayat.

Rasha Khayat nimmt uns mit in eine Saudi-Arabische Familie, in der es zauberhaft, bunt und blumig zugeht. Der große Clan der Familie mit fast unüberschaubaren Familienzweigen bietet einen Eindruck vom Leben in einem Land, das uns fern und fremd ist. Doch die beiden Hauptfiguren, Layla und Basil, müssen sich entscheiden, welchem Leben sie den Vorzug geben wollen.

Barbara, die Mutter von Layla und Basil, hat als deutsche Krankenschwester den Saudischen Arzt Tarek geheiratet. Zunächst leben sie in seiner Heimat, um dann eines Tages nach Deutschland umzusiedeln. Die Kinder gehen in Hamburg in die Grundschule. Tarek will in Deutschland eine Facharztausbildung machen.

Gab es womöglich auch politische Gründe für den Umzug nach Deutschland?

Die Kinder wurden nicht gefragt und sind zunächst einigermaßen sprachlos, als die in der nun neuen Umgebung in die Schule gehen sollen und aus dem Urlaub nicht nach Saudi-Arabien zurückkehren werden.

Nach dem frühen und unerwarteten Tod des Vaters muss seine Frau Barbara sehr bald schon das Leben der Familie in ihre Hände nehmen.

Wir erfahren nicht viel über die Vorgeschichte, denn zwanzig Jahre nach der Auswanderung entschließt sich Layla, nach Saudi-Arabien zurückzukehren und einen Saudischen Mann zu heiraten. Basil kommt zur Hochzeit. Weder seine Mutter noch er selbst verstehen so recht, warum sich Layla auf dieses Abenteuer einlässt. Schließlich erwartet sie dort ein Leben nach den strengen Regeln Saudischer Gesetze. Und das, obwohl sie ein Freigeist und ungläubig ist.

Mit zarten Tönen, einer wunderbar poetischen Erzählweise und dem Nymbus traditionsgebundener Saudis bezaubert uns Rasha Khayat mit ihrer Geschichte, die fast wahr zu sein scheint. Man fühlt sich als Leser fasziniert von den orientalischen Gebräuchen, der Vielfarbigkeit des Lebens und der Landschaft mit ihren Gerüchen und der flimmernden Hitze. Das ferne Deutschland erscheint dagegen zwar politisch freizügig dabei aber ärmlich und nüchtern. Warum aber wagt Layla diesen Spagat aus einer Heimat, in der sie zuletzt wohnte, hin zu den Wurzeln ihrer Geburt?

Sie hat beide Lebenswelten kennen gelernt und entscheidet sich für die Arabische.

Die Schilderungen von der Herzlichkeit und Gastfreundschaft in der großen arabischen Familie ist hinreißend und macht plausibel, warum es jemandem dort gefällt.

In diesem Roman kann man erfahren, dass die äußere und innere Wärme des Lebens in Saudi-Arabien so bestrickend sein kann, dass man dafür das trübe, oftmals graue und nüchterne Leben in Deutschland aufgeben möchte. Und Layla hat sich dazu entschieden!

Die Geschichte ist wertfrei und treffend in der feinen Beobachtung der lebhaften Gewohnheiten in Saudi-Arabien.

Eine wunderschöne Erzählung erwartet den Leser. Das ist kein dumpf verschlossenes Leben hinter Mauern, sondern eines, das von Liebe, Zuwendung, Heiterkeit und Lebensfreude zu berichten weiß.

Rasha Khayat
Weil wir längst woanders sind
192 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, März 2016
ISBN-10: 3832198148
ISBN-13: 978-3832198145
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Emanuel Bergmann: Der Trick

Emanuel Bergmann: Der Trick

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Magische Welt der Kindheit…

Zwei ca zehnjährige Jungen mit ihren Familien bilden den Plot einer Geschichte, die den Leser verzaubern könnte.

1934 lebt in Prag Mosche Goldenhirsch. Sein Vater ist Rabbi, seine Mutter kürzlich verstorben. Er fühlt sich verloren in der Welt, als er vom Schlosser, einem vorübergehenden Liebhaber seiner Mutter, in einen Zirkus eingeladen wird. Dort erlebt er seltsame und wunderbare Dinge. Er ist so entzückt, dass er der strengen Zucht seines Vaters zu entfliehen trachtet. Er beginnt, den Honigmann zu folgen, der im Zirkus als Magier auftritt.

2007 in Los Angeles sucht der zehnjährige Max ebenfalls einen Zauberer, den großen und berühmten Zabbatini, um seine Eltern, die sich scheiden lassen wollen, wieder zusammenzubringen.

Beide Jungs sind kleine Juden, die der Magie zuneigen.

Um ihre Suche nach der Wahrheit und dem Glück im Leben dreht sich die Erzählung, in der sie die abenteuerlichsten Erlebnisse haben.

Wir sehen sie im Wechsel zwischen der Vergangenheit und dem Heute. Man kann ihre Reise über Berlin, das Nazireich mit der grausamen Judenverfolgung und dem schrecklichen Krieg weit über die Länder Europas hinweg bis nach Amerika in das Jahr 2007 verfolgen. Hier vollendet sich ein Roman, der reich an Zauber und Grausamkeit über alle Hürden hinweg schließlich zur Liebe führt.

Emanuel Bergmann hat eine zauberhafte Erzählung geschaffen. Das jüdische Milieu in Prag und Amerika prägt das Geschehen, das zu einem fernen Zeitpunkt die Suchenden zusammenführt. Im einen Fall fühlt man sich in alte Zeiten jüdischen Lebens mit ihren Traditionen und dem Glauben zurück versetzt. Dann aber stellt man fest, dass auch in heutiger Zeit Wunder möglich sind, wenn man nur an sie glaubt! Ausgewogen werden Geschichten erzählt, die zwischen Komik, Verzweiflung, Sehnsucht und Glück changieren.

Emanuel Bergmann schreibt für Verlage und verschiedene Filmstudios; er unterrichtet Deutsch, übersetzt Bücher und schreibt nun auch Romane. Dieser ist ihm gut gelungen.

Emanuel Bergmann

Der Trick
400 Seiten, gebunden
Diogenes, Februar
ISBN-10: 3257069553
ISBN-13: 978-3257069556
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Natasha Fennell und Roisin Ingle: Club der Töchter

Natasha Fennell und Roisin Ingle: Club der Töchter

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Natasha Fennell schreibt eines Tages aus gegebenem Anlass einen Zeitungsartikel über das Verhältnis zu ihrer Mutter. Die daraufhin ihr zugegangenen Zuschriften von zahlreichen Frauen mittleren Alters inspirierten sie zu einer Umfrage: wie geht es anderen „Töchtern“ mit ihren Müttern?

Eine Gruppe von 9 Frauen finden sich daraufhin zusammen und gründen aus Neugier und Interesse den „Club“ der Töchter. Natasha Fennell und Roisin Ingle haben die aus diesen Treffen hervorgegangenen Berichte zusammengetragen und ein Buch daraus gemacht.

Herausgekommen ist eine Sammlung unterschiedlichster Beispiele dafür, wie sich das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern darstellt. Da gibt es die Anhänglichen und die Zweifelnden, die Liebenden, die Wütenden und die, die von tiefer Abneigung zu ihren Müttern berichten. In jedem Fall zeigen die angeführten Beispiele, dass das Verhältnis zwischen Töchtern und Müttern von vielerlei Bedingungen in der Kindheit geprägt wird. Natürlich! Wie könnte es anders sein!

Mütterliches Leben unterlag allerdings ebenso in seiner Entwicklung äußeren Bedingungen, wie das bei ihren Töchtern der Fall war. Sind diese Mütter glücklich, zufrieden und haben sie sich ihr Leben so vorgestellt, wie es jetzt verläuft?

Es gibt unter den Müttern die Liebevollen, die Entsagungsvollen, die Leidenden, die Hassenswerten und die Teilnehmenden. In jedem Fall scheinen die gegenseitigen Erwartungen zwischen Müttern und Töchtern sehr häufig nicht mit der Realität in Übereinstimmung zu sein. Überraschend ist es, zu sehen, wie viel Mühe und Qualen sich für Töchter (und vielleicht auch für Mütter?) daraus ergeben, Wunsch und Wirklichkeit zusammenzubringen. Zuletzt stellen die Frauen in diesem Bericht stellvertretend für viele andere eine Menge Regeln auf, nach denen sie ihr Verhältnis zu ihren Müttern verbessern wollen. Für den Leser dieser Studie, und als solche kann man das Substrat der Beiträge wohl bezeichnen, ergibt sich die Frage, warum es so schwer ist, zum Frieden mit der Mutter zu finden, und warum es einigen gelingt und anderen wieder nicht.

Sind die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern letztendlich dank ihrer Genese zutiefst archaisch? Können Nähe und Distanz nie wirklich ausgewogen sein?

Mit dem Thema Mütter und Töchter haben sich Ethnologen, Gesellschaftswissenschaftler und Frauenrechtlerinnen immer wieder beschäftigt. Man denke nur an Elisabeth Badinters Buch „Mutterliebe“ oder Angelika Schrobsdorff mit ihrem Buch über ihre Mutter “Du bist nicht so wie andere Mütter“ und so viele Abhandlungen mehr über das gleiche Thema. Am Ende ist es so wie im richtigen Leben: einige Töchter mögen ihre Mütter und umgekehrt und manche eben nicht.

Dass Schwangerschaft und Geburt per se eine enge Bindung produziert, ist ein Irrtum. Ist das Band der Geburt einmal durchschnitten, entwickeln sich eigenständige Wesen, die im Kern unabhängig werden wollen. Dieser Tatsache ins Auge zu blicken, wie die vielen Beispiele zeigen, ist nicht immer leicht. Wohl denen, denen es gelingt zu gegenseitiger Unabhängigkeit und Zuneigung zu finden. Es bietet die Gewähr für inneren Frieden!

Insofern ist dieses unterhaltsam zu lesende Büchlein mit allem Respekt einer ernsthaften Lektüre wert!

Die Autorinnen Natasha Fennell und Roisin Ingle leben und arbeiten in Irland.

Natasha Fennell/ Roisin Ingle
Club der Töchter
240 Seiten, broschiert
KiWi-Taschenbuch, 10. März 2016
ISBN-10: 3462048732
ISBN-13: 978-3462048735
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Cora Stephan: Ab heute heiße ich Margo

Cora Stephan: Ab heute heiße ich Margo

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Weit ist der Bogen gespannt…

Verpackt in eine Familiengeschichte mit mehreren Hauptfiguren und deren berührender Vergangenheit erzählt Cora Stephan in ihrem neuen Roman noch einmal von der Nazizeit und den wechselnden geschichtlichen Strömungen in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts.

Der Bogen wird weit gespannt: er reicht von der Nazizeit über die Schrecken des Krieges und Kriegsendes bis zu den Verbrechen in der DDR, zum westdeutschen Wirtschaftswunder und zuletzt zum Ende des 20. Jahrhunderts in eine neue Zeit.

Die Ereignisse beginnen in den dreißiger Jahren in Stendal.

Margarete Hegewald, genannt Margo, kommt aus einer einfachen Familie mit einer Schwester, einem tyrannischen Vater und einer verschüchterten Mutter. Sie verlässt die Schule mit ca 17 Jahren und beginnt in einem Fotogeschäft zu arbeiten. Im Fotogeschäft lernt sie die erfahrene und hübsche Helene kennen, eine Fotografin, die schon im spanischen Bürgerkrieg zwischen alle Fronten geraten war. Beide Mädchen verlieben sich in den schlesischen Adligen und Diplomaten Alard von Sedlitz.

Die Jahre schreiten fort und mit ihnen die Auswüchse von Hitlers Macht und Kriegstreiberei. Die Atmosphäre um die Figuren herum erscheint konspirativ. Wer ist auf wessen Seite?

Voller Spannung und im Detail sehr lebensnah steigert Cora Stephan ihre Erzählung. Die äußeren Einflüsse brachten Verhältnisse durcheinander und lösten bei den Figuren mit den verschiedensten Charakteren Irritationen aus. Beziehungen wurden unterminiert, und Freundschaften und Feindschaften verwischten sich. Margo und Helene haben jeweils besondere Rollen in dem vom Ost -Westkonflikt beherrschten Drama; zum einen als Feindinnen und Rivalinnen um die Liebe zu dem charismatischen Alard und darüber hinaus in ihrem politischen Selbstverständnis. Beide erleben den Einmarsch der Russen in Schlesien. Margo überlebt nur knapp und schwer verletzt die Schikanen durch russische Soldaten, Helene flieht und wird nach Kriegsende aktive Mitarbeiterin bei der Stasi in der DDR. Margo wird eine erfolgreiche Geschäftsfrau in Westdeutschland. Dazwischen spielen Liebschaften und Kindergeburten eine dramatische Rolle.

Cora Stephan versteht ihre Erzählung so anzulegen, dass man sowohl einen absolut wirklichkeitsnahen Eindruck bekommt von den Verhältnissen im Zweiten Weltkrieg und Deutschlands Untergang. Darüber hinaus beschreibt sie gekonnt die unterschiedlichen Strömungen in West- und Ostdeutschland nach Kriegsende. Den Familienverstrickungen und Freundschaftsbeziehungen kommt elementare Bedeutung zu. Töchter und Mütter sind uneins, Liebe und Ablehnung finden sich, Vertrauen steht gegen Lüge, Verrat und Betrug führen zu Misstrauen und Feindschaft. Ohne Unterlass folgt ein Erzählstrang dem nächsten und man bleibt bis zur letzten Seite gespannt, wie sich die Verhältnisse auflösen bzw. zurechtrücken werden. Atmosphärisch wird der Roman den beschriebenen Verhältnissen immer gerecht.

Selten liest man einen so spannenden Roman mit unablässiger Aufmerksamkeit, um zu erfahren, wie alles zusammenhängt und welche Schicksalsschläge und Herausforderungen jeder einzelne für sich verkraften muss. Dennoch bleibt der Faden immer erhalten, so dass einen die Lektüre unaufhörlich weitertreibt. Einen so anhaltend spannenden und zugleich in seiner Diktion unterhaltsamen Roman habe ich lange nicht gelesen.

Cora Stephan
Ab heute heiße ich Margo
640 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, März 2016
ISBN-10: 3462048953
ISBN-13: 978-3462048957
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Hans Pleschinski: Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht

Hans Pleschinski: Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht

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Lebensrückblick in die Zeit der Romantik.

Hans Pleschinski hat sich der Erinnerungen von Else Sohn-Rethel aus den zu ihrer Zeit berühmten Malerfamilien Sohn-Rethel-Grahl angenommen.

Die Künstlerfamilie Sohn lebte ursprünglich in Düsseldorf.

Else Rethel (1853 -1933) entstammte der Familie Rethel und Grahl in Dresden. Alle genannten Familien waren weitverzweigt mit vielfältigen künstlerischen und verwandtschaftlichen Verbindungen, deren Aufzählung zuweilen das Fassungsvermögen des Lesers überschreitet. Es war ein christlich-deutsch-jüdisches Großbürgertum, in dem Else Rethel aufwuchs.

In Dresden bewohnte sie mit ihrer Mutter und den Großeltern eine von dem berühmten Architekten Semper erbaute Villa. Hier verlebte Else nach dem frühen Tod ihres Vaters ihre Kindheit und Jugend umgeben von der liebevollen Fürsorge ihrer Mutter und der Großeltern.

In ihren Erinnerungen werden Namen von Künstlern und Malern genannt, die alle zu ihrer Zeit Bedeutung hatten.

Erwähnt werden die Kriege unter Bismarck 1866 und 1870/71, an die sie sich noch erinnern kann.

Im Großen aber geht es in ihren Erinnerungen um das gesellige Leben der Zeit mit vielen auch immer wieder neuen Begegnungen; es geht um Feste wie Hochzeit, Taufe und Geburt und um häufige Einladungen nach München und Düsseldorf. Die Gärten und Villen der diversen Verwandten und Freunde werden eingehend und liebevoll beschrieben. Else Rethel ist ein fröhliches Kind, das den Umgang in den illustren Kreisen genießt und sich auf den anstehenden Bällen und Lustbarkeiten im Freien mit Freuden ergeht.

Sie heiratet noch sehr jung den Maler Carl Sohn aus Düsseldorf, mit dem sie eine überaus glückliche Ehe führte.

Maßgeblich sind im Buch die Erinnerungen an Künstler unterschiedlicher Stilrichtungen. Man verdiente vorwiegend als Porträtmaler gut, so dass man sich ein angenehmes gut bürgerliches Leben leisten konnte.

Die Industrialisierung mit den damit verbundenen Begleiterscheinungen in der Arbeitswelt brachten politische Veränderungen, die das gesellige Leben zunächst noch nicht berührten. Doch erstarkte nach der Deutschen Staatsgründung 1871 der Antisemitismus, der durch langjährige Assimilation der gebildeten Juden überwunden zu sein schien. Er ließ nichts Gutes für die Zukunft vermuten.

Doch noch befinden wir uns in der Zeit der Belle Époque, in der jüdisch-christliche Familien das öffentliche und private Leben mit gestalteten durch Förderung der Künste, Verwaltung der Banken (Oppenheim) und vielerlei Mäzenatentum.

Die fröhliche und sonnige Else Sohn–Rethel hat auf ganz eigene Weise in ihren Erinnerungen die Gründerjahre und das Leben ihrer Zeit verewigt. Sie beschreibt glücklich und froh ihre vielen Unternehmungen, die geselligen Vergnügungen und allerlei andere Kurzweil. Nebenbei gesagt war sie selbst als Sängerin erfolgreich und gefragt.

Man darf Hans Pleschinski, dem Herausgeber der Erinnerungen, dankbar sein. Er hat Zeitkommentare eingefügt, die zum Verständnis der Aufzeichnungen förderlich sind. Eröffnet die Lektüre doch noch einmal einen erhellenden Blick auf die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts. Unsere Aufmerksamkeit gilt einer Frau, die schon vor der eigentlichen Frauenemanzipation ein innerlich freies und ungebundenes Leben zu führen verstand.

Zahlreiche Bildtafeln bieten Einblicke in Leben und Werk der Künstler, die in den Erinnerungen von Else Sohn-Rethel eine Rolle spielen.

Das Buch ist für den künstlerisch interessierten Leser eine Quelle der Inspiration.

Hans Pleschinski
Ich war glücklich , ob es regnete oder nicht
56 Seiten, gebunden
H.Beck, Februar 2016
ISBN-10: 340669165X
ISBN-13: 978-3406691652
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Erica Jong: Angst vorm Sterben

Erica Jong: Angst vorm Sterben

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Das Leben lebendig halten bis zuletzt…

Erica Jong hat nicht viele Bücher geschrieben.

Doch in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts machte ihr Buch „Angst vorm Fliegen“ Furore. Sie thematisierte damals die geheimen Phantasien der Frauen und benannte offen deren sexuelle Wünsche.

In ihrem neuen Buch schreibt sie über die Angst vorm Sterben.

Wenn man ein trauriges Buch erwartet, so wird man bald merken, dass sie im Gegenteil witzig, humorvoll und ehrlich über das Alter, die abnehmende Begehrlichkeit und die nachlassende sexuelle Freude berichtet.

Ihre Hauptprotagonistin Vanessa sieht dem Alter nicht gerade erfreut entgegen. Sie ist sechzig, ihr Mann ist zwanzig Jahre älter.

Da kann sie keinen Adonis mehr erwarten!

Ihre Versuche, über das Internet Zugang zu neuen Erlebnissen zu finden, enden kläglich bei einem Sadomasochisten. Schleunigst ergreift sie die Flucht. Das war es nicht, was sie suchte!

Im Ton nüchtern und in der Diktion entwaffnend offen beschreibt Erica Jong in der Gestalt von Vanessa, wie sie sich gegen den körperlichen Abstieg wehrt und doch immer wieder an ihre Grenzen stößt.

Vergangene Ehen, eine liebenswerte Tochter, die auch noch schwanger ist, und ihre Karriere als Schauspielerin bieten tiefe Einblicke mit einem lebhaften Blick auf ihr Leben. Dieses war nicht von Traurigkeit geprägt. Sie wusste den Freuden des Lebens und dem Sex viel abzugewinnen. Natürlich muss auch sie erkennen, dass der Verfall des Alters, wie sie ihn unter Freunden und Eltern erlebt, nicht aufzuhalten ist. Sie versucht für sich das Beste daraus zu machen!

Erica Jong ist eine spontane Erzählerin. Sie bleibt witzig, unterhaltsam und lebensfroh, ohne den Blick auf die Abschiede zu verschleiern.

Mit gelegentlichen ernsten Einwürfen gibt sie den Eindruck wieder, dass Freunde, Kinder und Enkelkinder einen andauernden Bezug zum Leben gewährleisten. Auch bleibt die Neugierde auf das Leben ein steter Antrieb, nicht in ein dunkles Loch zu fallen, aus dem einen etwa nur noch der Tod befreien könnte. Leben bis zuletzt könnte man als Untertitel über dieses Buch setzen.

Erica Jong lebt als freie Schriftstellerin in New York. Woody Allen, Henry Miller und John Updike verehrten sie, wie man dem Klappentext entnehmen kann. Tanja Handels hat ihr Buch mit Gewinn ins Deutsche übersetzt.

Erica Jong
Angst vorm Sterben
368 Seiten, gebunden
FISCHER, Februar 2016
ISBN-10: 3100024850
ISBN-13: 978-3100024855
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Meg Mitchell Moore: Eine fast perfekte Familie

Meg Mitchell Moore: Eine fast perfekte Familie

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!Ist diese Familie wirklich so perfekt?

Nora und ihr Mann Gabe wohnen in einem hübschen Haus mit Blick auf die Golden Gate Bridge. Ihre drei Töchter machen ihnen Freude, und alles scheint bestens, bis man die ersten Sätze im Buch liest.

Sofort wird man in eine Geschichte hineingezogen, die einen mit Hektik und Unrast überfällt. Die Eltern dreier Töchter scheinen in ihrem beruflichen Erfolgsleben keine Grenzen zu kennen. Dieses Erfolgsstreben ist auch den Kindern schon eingeimpft worden.

Nora verkauft Immobilien. Gabe arbeitet in einer Consulting Firma.

Am schlimmsten aber hat es Angela getroffen: sie bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung für Harvard vor. Sie ist siebzehn und man spürt, dass sie sich vollkommen mit Terminen und Hausarbeiten übernimmt. Die Mutter ermuntert und fordert in einem fort.

Die beiden kleinen Schwestern fallen da schon fast aus dem Rahmen: Cecily und die kleine Maya sind noch verspielt und froh, wenn auch an ihnen die Hetze des täglichen Lebens nicht spurlos vorübergeht.

Die namentlich gekennzeichneten Kapitelüberschriften bieten Einblicke in die Lebensweise jedes einzelnen Familienmitglieds.

Der Leser wird unweigerlich zum mitfühlenden Zuschauer dieser sich anbahnenden Familientragödie. Es ist eine Familie, die offensichtlich vom Ehrgeiz zerfressen wird. Keiner kann sich dem stressigen und durchorganisierten Familienalltag entziehen, zumal alles gar nicht so glatt läuft, wie es sich die Familienmitglieder jeweils erträumen. In subtilen Ansätzen spürt man allenthalben, dass jeder Tag eine Katastrophe bringen könnte.

Mit ungeheurem Tempo legt die Geschichte zu. Über weite Strecken geht man dem hektischen Alltag der Familie nach, der jedoch irgendwann anfängt, Risse zu bekommen.

MM Moore versteht ihr Handwerk: das anfängliche Glück artet mehr und mehr zur Tragödie aus. Zuerst sind es nur kleine Eifersüchteleien bis es schlussendlich zum großem Eklat kommt:

Lügen und versteckte Täuschungen bringen das ganze Familienglück zum Einsturz. Und doch: alles klingt nur zu menschlich und ist in Teilen sicher niemandem ganz unbekannt.

Hervorragend im Aufbau und fantastisch in der Durchführung hält uns MM Moore auf dem Laufenden und steigert ihre Geschichte zu einem wirklich höchst spannenden Lebensablauf. Sie zeigt uns Menschen, die in ungute Schicksale verstrickt sind, aus denen sie fast nicht entkommen können. Dass es sich lohnt, auch aus dem tiefsten Fall wieder emporzusteigen, ist die tröstliche Seite einer Geschichte, die zuweilen in ihrer desolaten Zuspitzung der Lage recht deprimierend anmutet. Man lese und staune, wie eine Autorin mit klugem Geschick das Leben einer ganzen Familie spiegelt.

Das großartige Meisterwerk liegt in der Übersetzung von Sabine Schwenk in Deutsch jetzt vor und ist sehr empfehlenswert!

Meg Mitchell Moore
Eine fast perfekte Familie
432 Seiten, gebunden
Bloomsbury Berlin, März 2016
ISBN-10: 382701283X
ISBN-13: 978-3827012838
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Peter Stamm: Weit über das Land

Peter Stamm: Weit über das Land

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Auf der Suche nach dem wahren Leben…

Was mag in einem Menschen vorgehen, der ohne jeden Anlass, ohne sichtbare Zeichen von seelischer oder körperlicher Krankheit, ohne vorhergehenden Streit oder Unzufriedenheit stillschweigend sein Zuhause verlässt und verschwindet?

So etwas passiert in dem neuen Roman von Peter Stamm.

Ein Familienvater verlässt eines Abends seine Familie. Er saß doch gerade noch im Garten nach der Heimkehr vom Familienurlaub mit Frau und zwei Kindern. Seine Frau ging schon mal ins Haus und räumt ein wenig auf. Dann legt sie sich schlafen. Am Morgen ist ihr Mann nicht da. Zuerst denkt sie sich nichts dabei, doch nach zwei Tagen wird sie unruhig und meldet ihren Mann bei der Polizei als vermisst.

Inzwischen befindet sich Thomas, ihr Mann, auf einem Weg weit weg von seinen Lieben.

Man erfährt keine Motive sondern erlebt nur, wie er die Landschaft und Dörfer ins Nirgendwo durchwandert.

Mit seinen poetischen Landschaftsbeschreibungen und stiller Einkehr lässt uns Peter Stamm an einem Geschehen teilnehmen, das ganz und gar unerklärlich bleibt. Allerdings gesellen sich zu den äußeren Naturbetrachtungen gelegentlich Gedanken unseres Protagonisten, die darauf schließen lassen, dass ihn das tägliche Einerlei des Lebens, die immer gleichen Verrichtungen und das unsinnige unseres Tuns im Allgemeinen nachdenklich gemacht haben.

Er geht seiner Wege und schert sich um nichts.

Peter Stamm umgibt seine Gestalten gerne mit unerklärlichen Geheimnissen. Das tiefste Innere eines Menschen bleibt bei ihm unerkannt. Der Gedanke ist naheliegend, dass es ihm um den Sinn des Lebens geht. Das Nachdenken darüber macht unsicher und ratlos. Da mag der eine oder andere beschließen, sich ein anderes und neues Leben zu suchen. Wie aber ergeht es unserem Helden? Und was bedeutet es für die Familie und die Umwelt, wenn einer auf Nimmerwiedersehen verschwindet?

Peter Stamm geht diesen Fragen in seinem neuen Roman nach. Er tut das wie immer akribisch und mit Details, die man sich normalerweise nicht auszudenken wagt.

Das Fazit: Die Figuren bleiben in ihrer Haltung stoisch und unnahbar. Das Leben geht weiter und ein Ende der Ungewissheit ist nicht in Sicht.

Veränderungen machen Angst und sind häufig nicht zu verstehen.

Das Leben ist rätselhaft und bleibt in den letzten Abgründen unerklärlich. Mit diesem Fazit bleibt der Leser zurück, den Fragen nach dem Sinn und Unsinn des Lebens gelegentlich ebenfalls umtreiben mögen.

Peter Stamm ist ein anerkannter Dichter, der in der Schweiz lebt.

Peter Stamm
Weit über das Land
224 Seiten, gebunden
S. Fischer
ISBN-10: 3100022270
ISBN-13: 978-3100022271
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