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Autor: Claudine Borries

Anne Gesthuysen: Sei mir ein Vater

Anne Gesthuysen: Sei mir ein Vater

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Fantasie und Wirklichkeit…

Die bekannte Fernsehmoderatorin Anne Gesthuysen hat nach dem Roman über drei Tanten „Wir sind doch Schwestern“ einen neuen Roman geschrieben. Die Geschichte ist angelehnt an die authentische Malerin Georgette Agutte und ihres Mannes Marcel Sembat.

Wie hat alles angefangen?

Zwei Austauschschülerinnen aus den achtziger Jahren haben enge Freundschaft geschlossen. Besonders Lilie Agutte aus Frankreich hat in dem Vater von Hanna am Niederrhein einen „Gastvater“ gefunden, dem sie sich eng verbunden fühlt. Ihre eigenen Eltern und besonders der Vater waren nie so richtig für sie da. Sie fährt 2007 nach Veen an den Niederrhein, um den Gastvater zu besuchen, der an Krebs erkrankt ist. Mit im Gepäck hat sie ein Bild, das lange in ihrer Wohnung in Paris herum hing ohne rechte Würdigung zu erfahren. Man hatte es ihr bei einem Einbruchsversuch zu entwenden versucht. Ist es denn etwas wert, und wer ist der/ die MalerIn? Hermann, der Gastvater, wird neugierig und beginnt, sich intensiv mit der Entstehungsgeschichte zu befassen. Dabei erleben er und seine zwei „Töchter“ Neuigkeiten ganz eigener Art. Die Entstehungsgeschichte des Bildes datiert etwa um das Ende des 19. Jahrhunderts.

In wechselnden Szenen sind wir einmal in Deutschland um 2007, um uns dann wieder in die Darstellung des Bildes und seines möglichen Ursprungs zu vertiefen. Lilie, Hanna und ihr Vater machen sich auf eine abenteuerliche Reise, um der Geschichte des Bildes und damit der Ahnen von Lilie auf die Spur zu kommen.

Wir werden zurückversetzt in die Zeit der Belle Epoque mit allen ihren damaligen Kunstrichtungen und den bekannten Malern und Künstlern des Impressionismus. Die drei erfahren bei ihrer Suche, dass Lilies Ururgroßtante Georgette Agutte eine talentierte Malerin war. Zu ihrem Freundeskreis gehörten Maler wie Matisse, Pissarro und viele andere Künstler. Sie war in zweiter Ehe glücklich verheiratet mit dem sozialistischen Politiker Marcel Sembat.

Anne Gesthuysen weiß leicht und unkompliziert zu erzählen, wenn ihr die Anfänge der Geschichte auch ein wenig breit und ausufernd geraten sind. Ihre Familiengeschichten sind warmherzig und liebevoll angelegt. Hier hat sie das Wagnis unternommen, eine wahre Geschichte mit einem fiktiven Roman zu verbinden. Das hat ihrer Fantasie keine Grenzen gesetzt. Man merkt, dass sie Lust am „Schreiben“ hat. In langen Passagen schildert sie Mensch und Natur, lässt ihre Figuren Dialoge führen und befasst sich mit Kunstgeschichte und Geschichte, die bis zum Beginn und Ende des Ersten Weltkriegs reicht. Wie den Faden eines Wollknäuels verwirrt und entwirrt sie ihre Geschichte mit immer neuen möglichen Lösungen. Nicht zuletzt dreht sich die Erzählung um Familienbeziehungen, gute wie weniger gelungene, und um die „Zeit“ als Rahmen für Beginn und Abschied.

Man darf mit Fug und Recht sagen: es ist eine leicht zu lesende Lektüre!

Anne Gesthuysen
Sei mir ein Vater
432 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, November 2015
ISBN-10: 3462048325
ISBN-13: 978-3462048322
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Dorothy Baker: Zwei Schwestern

Dorothy Baker: Zwei Schwestern

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Blick in die Abgründe der menschlichen Seele…

Der wörtlich übersetzte englische Titel „ Cassandra auf der Hochzeit“ wäre wohl der bessere Titel gewesen, denn es geht hier um Zwillinge, von denen der eine sich zur Heirat entschlossen hat, der andere aber in symbiotischer Beziehung zum Gegenüber hängen geblieben ist.

Von Beginn an geht es um diese geplante Hochzeit, von der die Schwester Cassandra einfach nichts wissen will. Sie ist Dozentin in Berkley und macht sich unwillig auf die Reise zu ihrer elterlichen Ranch, wo die Hochzeit ihrer Schwester Judith mit einem jungen Arzt stattfinden soll. Gleich zu Beginn spürt man Cassandras Sarkasmus und ihre Ungläubigkeit, dass ihre Schwester Judith sie verlassen wird. Judith ist gelassen und ruhig. Sie hat ihr Leben selber in die Hand genommen, weil sie ein eigenständiges Leben liebt. Cassandra ist innerlich wütend und hektisch. Die Erzählung ist so gehalten, dass man deutlich spürt, wie sie rebelliert und gegen den Vorsatz der Schwester anzugehen versucht. Die Schwestern waren sich so innig verbunden, dass sie sogar die gleichen Kleider zur Hochzeit unabhängig voneinander ausgesucht haben! Judith wird Zeugin eines Dramas, in dem sie die Hauptrolle als ungetreue Schwester spielt. Schaut Cassandra in den Spiegel, sieht sie zugleich mit dem eigenen Spiegelbild das Gesicht der Schwester. Ohne es zu bemerken, hat sich Judith von Cassandra entfernt. Diese ist darüber zutiefst schockiert und aufgebracht.

Der Kampf zweier äußerlich gleicher aber charakterlich und mental ungleicher Schwestern bestimmt das gesamte Geschehen in dem Roman. Die Begegnungen finden auf der elterlichen Ranch statt. Dort lebt neben dem Vater, einem pensionierten Philosophen, nur noch die etwas exzentrische Großmutter.

Die Autorin spielt auf der Klaviatur der Gefühle, in der sich die vier Menschen verhakt haben. Die Zwillingsschwestern erzählen abwechselnd in der Ichform, so dass man meint, es habe sich alles genauso zugetragen.

Mit feinem Gespür für die Seele des Menschen analysiert Dorothy Baker eine Beziehung, die durch Geburt als Zwillinge in einer ausweglosen Symbiose zu ersticken droht. Bei der äußerlichen und durch die Heirat von Judith auch innerlichen Trennung geht Cassandra existenziell fast zugrunde.

Die Geschichte wird packend erzählt und schlägt den Leser durch feine Nuancierungen in der Wahrnehmung der Gefühle Cassandras in Bann. Man kann sich gut in ihr inneres Erleben einfühlen. Dorothy Baker ist eine ausgezeichnete Beobachterin und Erzählerin. Ihr Roman fesselt u.a. durch die Tragik im Erleben ihrer Hauptfigur.

Gelegentliche Längen tun der Lektüre keinen Abbruch.

Dorothy Baker (1907 -1968) ist ähnlich wie John Williams mit seinem Roman „Stoner“ eine Wiederentdeckung aus dem letzten Jahrhundert. 1965 erschien ihr Roman in der Übersetzung von Günther Huster zum ersten Mal auf Deutsch. Jetzt ist er in der guten Übersetzung von Kathrin Razum bei dtv neu aufgelegt worden.

Man kann ihn sehr empfehlen!

Dorothy Baker
Zwei Schwestern
280 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, September 2015
ISBN-10: 342328059X
ISBN-13: 978-3423280594
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Tamara Dietl: Die Kraft liegt in mir

Tamara Dietl: Die Kraft liegt in mir

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Bewältigungsstrategien in Lebenskrisen.

Tamara Dietl hat ein durchreflektiertes Buch über ihre Jahre mit dem kürzlich verstorbenen Regisseur Helmut Dietl geschrieben.

Als sie ihn kennenlernt, ist sie bereits eine erwachsene und sehr reife Persönlichkeit. Sie war Journalistin, Dokumentarfilmerin und inzwischen Coach für diverse Unternehmen. Angezogen von den Thesen des Psychiaters Viktor Frankl hat sie sich dessen Lehren vom Sinn des Lebens zu Eigen gemacht. VF war Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse. Von diesen Thesen ist sie tief durchdrungen. Sie basieren auf einer positivistischen Sichtweise des Lebens, in dem wir Herr unseres Schicksals und unserer Handlungen sind.

Krisen bieten demnach die Möglichkeit, sich auf sich selber zu besinnen und sich durch Eigenerkenntnis zu stärken. Wir sind nicht Herr über das Leben oder Sterben, wohl aber darüber, wie wir leben oder sterben.

Darüber hinaus ist die Autorin durch Großmutter und Mutter schon früh auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft aufmerksam geworden. Sie nimmt Emanzipation als Funktion war. Wir können gleich berechtig handeln, ohne gleich zu sein.

Todesfälle im Freundes- und Familienkreis sind jeweils tief emotional anrührende Momente, die Tamara Dietl trauernd durchlebt, ohne sich zu verlieren.

Von Beginn an merkt man in ihren Aufzeichnungen, wie stark sie ist, und wie selbst bestimmt sie auch die Ehe mit Helmut Dietl eingeht. Natürlich hat sie mit 36 Jahren, als sie ihn kennenlernt, bereits eine beachtliche Karriere in wechselnden Berufen hinter sich. Sie weiß, dass sie alleine leben kann, und sie weiß, wie man Partnerschaft durch sinnvolle Absprachen gestalten kann, so dass das Scheitern der Beziehung möglichst nicht einkalkuliert werden muss.

Helmut Dietl war fast zwanzig Jahre älter als sie. Durch seinen Tod wurde eine offensichtlich harmonische, liebevolle und von zwei gleichberechtigten Partnern bestimmte Beziehung vorzeitig beendet.

Tamara Dietl beschreibt ihren inneren Werdegang sehr einleuchtend. Sie reflektiert alle Begebenheiten in ihrem Leben mit Neugierde und anhaltendem Interesse für die inneren Zustände, in denen sie sich befindet. „Einhalten und Durchatmen“ sind ihre Devisen; damit ist sie weit gekommen. Nicht jedem sind die intellektuellen Möglichkeiten und Feinheiten gegeben, so diszipliniert zu denken, das eigene Verhalten zu Durchforschen und Ergebnisse zu akzeptieren.

Den folgenden Spruch hat sie sich als Tröstung zu Eigen gemacht:

Gott gebe mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen,
die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern,
die ich ändern kann
und die Weisheit,
das eine vom andern zu unterscheiden.

Friedrich Christoph Oetinger (1702 -1782)

Man profitiert von ihren Aufzeichnungen auf je eigene Weise und kann sie sehr empfehlen.

Tamara Dietl
Die Kraft liegt in mir
296 Seiten, gebunden
btb Verlag, November 2015
ISBN-10: 3442754941
ISBN-13: 978-3442754946
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Navid Kermani : Wer ist wir? – Deutschland und seine Muslime

Navid Kermani : Wer ist wir? – Deutschland und seine Muslime

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Navid Kermani versucht in seiner Studie über das „Wir- Gefühl“ und die Identitätssuche bei interkulturell aufwachsenden Bürgern zu recherchieren, wie weit doktrinäre Religionsauffassungen und Vorschriften von Religionsführern als Grund für kulturelle Missklänge und Gegensätze interpretiert werden.

In seiner makellosen, gepflegten Sprache erzählt Kermani aus seiner eigenen Kindheit, die er im Raum Siegen in Westfalen wohl behütet im Kreise seiner iranischen Familie verbracht hat. Überzeugend und glaubwürdig hat er gespürt, dass soziale und ökonomische Einflüsse für die Zugehörigkeit zu einer Kultur viel bedeutsamer sind, als die Religionszugehörigkeit und die fremdartigen Lebensgewohnheiten unterschiedlicher Völkergemeinschaften. Er, dessen islamische Familie zur oberen Mittelschicht gehört, fühlte sich keineswegs als Außenseiter. Eher waren die Unordnung und eine sorglose Freiheit im Elternhaus bestimmend für seine Kindheit, so dass seine Freunde liebend gerne zu ihm zum Spielen kamen. Erst als er, der begeisterte Fußballspieler, in einem Verein spielte, zu dem vorwiegend Kinder aus minderbemittelten Familien gehörten, wurde ihm bewusst, dass er aus einer anderen Schicht stammte und eigentlich nicht dazu gehörte. An vielen kleinen Beispielen wie z.B. dem Umgang mit den Eltern, dem gegenüber den deutschen Mitschülern nachlässig verpackten Schulbrot und sprachlichen Differenzierungen macht Navid Kermani sein Aufwachsen in zwei verschiedenen Kulturen fest. Seine persönliche Entwicklung entschied er als eine zwischen dem Innen und dem Außen. Der Wechsel war verinnerlicht und gelang ihm mühelos.

Nach Kermani ist eine allgemeine Identitätssuche in allen Religionen zu beobachten, ob im Hinduismus, im Islam oder bei den Evangelikalen in Amerika und bei christlich fundmentalistischen Gruppierungen überall in der Welt. Die Ausgrenzung Andersgläubiger und der Zusammenschluss innerhalb einzelner Religionsgruppen mit festen Ritualen sind Merkmale einer Suche nach Halt und Zugehörigkeit. Die Angst vor dem Identitätsverlust ist in ungebildeten und einfachen strukturierten Bevölkerungsschichten ungleich tiefer verankert als in denen, die in besser gesicherten ökonomischen und bildungsorientierten Sphären leben. Dennoch kommen Fundamentalisten und Terroristen mehrheitlich aus besser situierten Familien. Hier kommen Ideologien und Fanatismus mit ins Spiel, die als Grundlagen für die Übernahme von Macht und Herrschaft dienen.

Nach und nach entfaltet Kermani eine breite Palette sozialer Verhaltensweisen und ideologischer Aussagen bei Vertretern der verschiedenen Religionen. Indem das eigene Verhalten und die eigenen Glaubensgrundsätze für allein gültig erklärt werden, grenzt man Minderheiten als Gefährdung für die eigene Identität aus. Das klingt so simpel und wird doch erst durch Beispiele aus Indien, Indonesien und Iran fassbar veranschaulicht.

Kermani befasst sich in weiteren Kapiteln mit Einzelaspekten kultureller Konflikte und nicht zu übersehenden Gemeinsamkeiten. Insofern bieten seine Ausführungen im Wechsel zwischen Theorie und Praxis differenzierte Einblicke in den multikulturellen Alltag unseres Lebens. Er analysiert aber wertet nicht, wenn ihm auch gelegentlich polemische Bemerkungen unterlaufen. Mit klarem Verstand zeigt er die Ambivalenzen und Konflikte, die aus unterschiedlichen Anschauungen und Lebensgewohnheiten entstehen. Diese werden zwar über Religion und Volkszugehörigkeit erklärt, sind aber nicht zuletzt ein allgemein zwischenmenschliches Phänomen. Der Autor weitet den Blick vom kleinen in eine unfassende Ansicht auf kulturelle Gegensätze und die dadurch bedingten internationalen Streitigkeiten und beschränkt sich nicht nur auf den deutschen Alltag.

Man kann den Autor nach seinen Ausführungen fast als überkonfessionell bezeichnen, so klar und durchsichtig geht er die Probleme an. Dass der Orientalist und Schriftsteller Mitglied der deutschen Islamkonferenz ist, kann der Arbeit im Hinblick auf Verständigung, Toleranz und Offenheit für alle Themen von interkultureller Relevanz nur dienlich sein. Sein verständlich geschriebenes Buch ist ein beachtenswerter Beitrag zur gegenseitigen Völkerverständigung.

Navid Kermani
Wer ist wir? – Deutschland und seine Muslime
189 Seiten, broschiert
C.H.Beck, 4. Auflage, November 2015
ISBN-10: 3406685862
ISBN-13: 978-3406685866
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Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

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Start ins Leben mit Zögerlichkeit und Sinn für das Absurde.

Mit Verve und Unterhaltungsbegabung beginnt Joachim Meyerhoff die Geschichte seiner Studienzeit in München. Er wird in München an der Filmhochschule angenommen und wird zunächst mangels geeigneter Studentenbude bei seinen großbürgerlichen Großeltern in deren Villa in Nymphenburg aufgenommen.

Die Schilderung dieser ungewöhnlichen Großeltern ist schon das ganze Buch wert. Die Großmutter war einst eine hervorragende Schauspielerin; der Großvater ist ein pensionierter Philosophieprofessor. Wie der Enkel Meyerhoff deren Tagesrituale und vor allem deren Alkoholkonsum zu jeder Gelegenheit beschreibt zeugt von einer großartigen, urkomischen und trockenen Erzählweise.

Man muss laut lachen, weil die Szenen voller Ironie und Amüsement stecken. J. Meyerhoff versteht hier sein Dasein als ein von naiver Unbeholfenheit gezeichneter Junge am Rande zur Erwachsenwelt.

Eine gewisse Distanz zu seinen Beobachtungen macht die Geschichte so heiter und zu einem wirklich belustigenden Erlebnis. Da die Großeltern nur noch mühsam laufen konnten, „hatten sie sich einen Treppenlift einbauen lassen“. Auf diesem entschwebten sie zur Nacht hin in ihre oberen Gemächer, und Meyerhoff selbst, von all dem Alkohol benebelt, tat es ihnen gleich.

Durch das gesamte Buch hindurch spielen die Großeltern wiederholt eine zentrale Rolle im Wechsel mit langen Passagen über seine Erfahrungen als Schauspielschüler. Meyerhoff bleibt bei seiner distanzierten Haltung gegenüber den Mitschülern und der eigenen Rolle. Sein trockener Humor schimmert immer wieder durch und macht die Erzählung zu einer skurrilen und launigen Betrachtung über das Leben als Schauspieler, wobei er sich über eigene Niederlagen oder auch Erfolge gleichermaßen lustig macht.

Ein unterhaltsames Stück Münchner Zeitgeschichte wird uns da präsentiert. Die Großeltern mit ihren charaktervollen und dezidierten Lebensweisheiten bieten unablässig Anlass zum Schmunzeln.

Joachim Meyerhoff ist von entwaffnender Ehrlichkeit und Offenheit auch über sich selbst und seine Lebenserfahrungen.

Der talentierte Schauspieler und Erzähler wird uns hoffentlich noch so manche Gelegenheit zu guter Unterhaltung bieten.

Joachim Meyerhoff
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
352 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, November 2015
ISBN-10: 3462048287
ISBN-13: 978-3462048285
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Anne Enright: Rosaleens Fest

Anne Enright: Rosaleens Fest

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Psychodrama um Familie, Liebe und Abschied.

Eigentlich handelt es sich in dieser Geschichte nicht um Rosaleens Fest. Eher ist das die Geschichte einer Mutterschaft mit unguten Bindungen an ihre vier Kinder.

Diese Mutter ist eine empfindsame, leicht hysterische Seele, die ständige Aufmerksamkeit und Fürsorge fordert.

Jedes Kapitel erzählt die Geschichte eines ihrer vier Kinder aus deren Sichtweise. Die jüngste, Hanna, macht den Anfang im Jahr 1980. Sie sorgt für die Mutter, kocht ihr Tee bei Bedarf und besorgt geheimnisvolle Medikamente bei ihrem Onkel Bart, der eine Apotheke besitzt.

Kapitel für Kapitel stellt uns Anne Enright die Kinder der Familie Madigan vor: außer Hanna sind das noch Dan und Emmet und Constanze mit ihrer Familie.

Dan ist auf einem ganz eigenen Weg zwischen Priesterschaft und Homosexualität. Emmet versucht sich als Entwicklungshelfer, Constanze kämpft zwischen Kindern, Küche und Krebserkrankung um einen eigenen Weg, und Hanna bleibt in ihrem Traum von einer Schauspielerinnenkarriere hängen.

Mit fortschreitenden Jahreszahlen werden die Kinder älter und Rosaleen tritt in den Hintergrund. Jetzt aber will sie es noch einmal wissen: sie lädt die Kinder zu einem letzten Weihnachtsfest ein, denn dann will sie ihr Haus in Ardeveen/Irland verkaufen.

Jede Geschichte erscheint wie ein eigener kleiner Roman, denn die Kinder sind sehr verschieden. Rosaleen zeigt lediglich im Hintergrund ihr Gesicht und ihr Missfallen an den Kindern. Vor dem Abschied von dem Haus sollen nach ihrem Willen alle noch einmal zusammenkommen. Hier also begegnen sich die Geschwister, nachdem sie Jahre ihrer eigenen Wege gegangen sind.

Keiner hat ein zufriedenes Leben gefunden. In verworrener Weise blieben sie an der eigensüchtigen Mutter hängen.

Anne Enright ist eine erfolgreiche Erzählerin, deren Themen aber für immer die Familienbande sind, – im guten wie im schlechten Sinn. Hier ist es ihr m.E. nicht so gut gelungen, die krankhaften Verbandelungen einer Familie zu entwirren.

Zu vereinzelt werden die Geschwisterschicksale aufgeschlüsselt. Der Zusammenhalt der Familie scheint nie gegeben gewesen zu sein.

Dennoch liest man das Buch gerne, weil Anne Enright eine kluge Familienbeobachterin ist, die psychologisches Feingefühl besitzt.

Anne Enright

Rosaleens Fest
384 Seiten, gebunden
Deutsche Verlags-Anstalt, November 2015
ISBN-10: 3421047006
ISBN-13: 978-3421047007
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Kate Atkinson: Glorreiche Zeiten

Kate Atkinson: Glorreiche Zeiten

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Familiensaga mit charaktervollen Einzelschicksalen

Versehen mit wechselnden Jahreszahlen wird in diesem neuen Roman von Kate Atkinson über das 20. Jahrhundert hinweg von einer besonderen Familiensaga berichtet.

Angefangen mit Hugh und Silvie 1927 über ihren Sohn Teddy mit seiner Frau Nancy 1939-47 bis zu deren Tochter Viola und ihren Kindern in den sechziger Jahren erleben wir verschiedene Episoden, die als markante Eckpunkte in der Familiengeschichte angesehen werden können.

Wir befinden uns in England, wo die Familien ihrem Tageslauf nachgehen.

Die zwanziger Jahre bieten das Bild in Politik und Gesellschaft zu ihrer Zeit, die Kriegsjahre 1939 -1945 die andere Seite der Geschichte.

Die sechziger Jahre schließlich mit der unsteten Viola, Teddys und Nancys Tochter, zeigen die Auflösung alter Familienstrukturen mit ihren fest gefügten Normen und Regeln.

Im Zentrum der Geschichte steht Teddy, an dessen Lebenslauf in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich die Erzählung orientiert.

Er hat seine Sandkastenliebe Nancy geheiratet, die mit Geschick ihrer beider Leben durch die Stürme des Lebens leitet. Am Lebensstil ihrer sehr verspätet geborenen Tochter wird man in die Umbruchjahre der 68 ziger Generation erinnert.

Liebe, Vergehen, Elternschaft, Geburt und Tod sind die Eckpfeiler des Lebens. Hier werden sie dokumentarisch am Beispiel einer Familie festgemacht.

Teddy ist ein Träumer und Fantast, der die Langeweile des Lebens schon lange satt hat. Doch wie ein Leben aufgeben, das Sicherheit, Stabilität und Geborgenheit bietet?

Der opulente Familienroman bietet zur Unterhaltung alles, was das Herz begehrt. Es gibt die gut geratenen und die weniger gut geratenen Kinder, die, die geliebt wurden und die, die es weniger gut hatten in ihrer Kindheit. Der jeweiligen Zeit gemäß sind die Verhaltenweisen und Umgangsformen untereinander. Der zweite Weltkrieg bietet einen Umbruch, der zur Prüfung für die damals Jungen wurde. Dieser Teil der Geschichte nimmt breiten Raum ein.

Doch auch Geschwisterliebe, Neid oder Eifersucht bleiben in der Erzählung nicht ausgespart. Man taucht ein in die Welt der Familien und hört erst auf zu lesen, wenn mit dem Tod Teds alle Zusammengehörigkeit ein Ende gefunden hat. Jeder ist seinen eigenen Weg mehr oder weniger erfolgreich gegangen. Die Schicksale und Charaktere sind vielfältig. Das Jahrhundert bekommt am Beispiel dieser einen Familie Konturen, die den Leser noch einmal tief in die Vergangenheit eintauchen lassen.

Was am Ende bleibt: eine gute Unterhaltung!

Kate Atkinson
Glorreiche Zeiten
512 Seiten, gebunden
Droemer HC, November 2015
ISBN-10: 3426281295
ISBN-13: 978-3426281291
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Jochen Schweizer: Der perfekte Augenblick

Jochen Schweizer: Der perfekte Augenblick

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In diesem Buch berichtet ein erstaunlicher Unternehmer von seinem Werdegang. Dynamisch, mutig, risikofreundlich und kreativ hat Jochen Schweizer sich ein Unternehmen erarbeitet, das mit großem Erfolg Erlebnisse verkauft. Wie soll man das verstehen?

Er hat als Junge aus ärmlichen Verhältnissen früh angefangen, sich Geldquellen zu erschließen. Dabei aber blieb es nicht. Von ungeheurer Abenteuerlust getrieben, begann er ebenfalls schon früh, das außergewöhnliche Erlebnis zu suchen und zu erforschen. Dazu gehörten alle Arten von waghalsigen Unternehmungen wie Bungeespringen, Wildwasserfahren, Fallschirmspringen, Ballonfahren und Seilkunststücke aller Art. Wüstenfahrten gehörten ebenso dazu wie die Erforschung ferner Völker.

Das Besondere an Jochen Schweizer aber ist, dass er gekoppelt an seine Erlebnisse daraus eine eigene Lebensphilosophie für sich entwickelte hat:für jedes Ereignis und jede Erfahrung den rechten Zeitpunkt zu erfassen und sich immer neue Ziele zu stecken. In der Psychologie nennt man das „intrinsische Verstärkung“. Jeder Erfolg stärkt das Selbstbewusstsein und aus jeder Niederlage sind neue positive Kräfte zu entwickeln. Da er Stuntman und Abenteurer in einem war, konnte er sich zu einem äußerst erfolgreichen Selfmademan entwickeln. Mit bemerkenswerten Leistungen geht er immer bis an die Grenzen des Möglichen. Ein traumatischer Unfall im Jahr 2003 brachte ihn in eine schwere Krise, aus der er neue Lehren zog.

Er gründete das „Jochen Schweizer Unternehmen“ für Erlebnisreisen. Seine Kreativität kannte keine Grenzen, wenn es darum ging, immer neue Events zu Verkaufschlagern zu machen. Irgendwann ging er fast in Konkurs und begann einen neuen Start.

Seine Niederschrift über sein Leben enthält neben den Fakten des Erfolgs und der Niederlagen zahlreiche Einsichten, die er zu seiner „Selbsterfahrung“ hinzufügte. Er muss schließlich Grenzen erkennen und einen Weg zu einem ausgewogenen Leben zwischen Aktivität und Ruhe finden.

Sympathisch erläutert der die Notwendigkeit, das jeweils Richtige für sich selbst im richtigen Augenblick zu finden und mit seinen Erfahrungen nicht zu missionieren. Auf seiner Suche nach dem besten Weg gelangt er zum Yoga. Auch hier aber schneidert er sich ein Übungsmodell zurecht, das für ihn passt. Es hat nichts mit Esoterik zu tun und nichts mit abstrakten Heilsgeschichten.

Der Lebensbericht ist brillant und spannend zu lesen. Für Menschen, die selber einmal erlebt haben, wie es ist, an einer Wegscheide zu stehen und zu neuen Zielen zu finden, ist das Buch ein MUSS.

Jochen Schweizer
Der perfekte Augenblick
176 Seiten, gebunden
GRÄFE UND UNZER Verlag, 2. Auflage, Oktober 2015
ISBN-10: 3833845392
ISBN-13: 978-3833845390
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Peter Härtling: Verdi

Peter Härtling: Verdi

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Lebensbild des Giuseppe Verdi auf der Höhe seines Ruhms und seiner Größe.

Mit dem Leben des alternden Verdis, der bereits zu Ruhm und Ansehen gelangt ist, beginnt der neue Roman von Peter Härtling über den Komponisten und bekannten Musiker Giuseppe Verdi.

Dieser besitzt zu dieser Zeit um 1870 mehrere Wohnsitze, eine ihn liebevoll umsorgende Frau, und er macht sich gerade an die Komposition zu einem ersten Streichquartett.

Wir erleben ihn knurrig, leicht unzufrieden und ebenso leicht despotisch. Kritik gegenüber ist er hoch empfindlich. Er komponiert und arbeitet, trifft sich mit Sängerinnen und Sängern und lebt ein ausgefülltes Leben. Voller Unrast und Unruhe reist er von einem Wohnsitz zum nächsten und ist auch von seiner Frau nicht zur Ruhe zubringen.

Als ihn 1883 die Nachricht vom Tod Richard Wagners erreicht, ist er getroffen, wenn er auch dessen musikalisches Werk nicht schätzte.

Doch gerade schwingt er selber sich zu neuen ungeahnten Erfolgen auf: Otello und Falstaff stehen vor den Erstaufführungen. Auch ein Requiem zu Ehren des verstorbenen Dichters Alessandro Manzoni bringen ihm Ruhm und Ehre ein.

Peter Härtlings bedient sich in seinem neuen Roman einer abgeklärten und behäbigen Erzählweise.

Detailversessen beschreibt er die damalige Musikszene in Mailand, Berlin und London. Sänger und Librettisten buhlen um seine Gunst, doch auch die Neider sind nicht fern.

Für den Musikkenner enthält der Roman atmosphärisch dichte Partien. Der ganze Roman entspricht in den Kapiteln einer groß angelegten Fuge.

Härtling ist ein ausgewiesener Musikkenner. In seinen früheren Romanen hat er sowohl Schumann als auch Schubert und Fanny Mendelssohn Denkmäler gesetzt. Unübertroffen bleibt für mich sein Roman über Hölderlin, der mich zu seinem Lesefan gemacht hat.

Dieser letzte Roman erscheint mir ein wenig zu ausufernd. Es gibt u.a. musiktheoretische Anmerkungen, die eine gewisse Fachkenntnis voraussetzen. Im letzten Teil über den Tod und das Sterben findet man feinfühlige poetische Ausführungen. Hier zeigt sich Härtlings Fähigkeit, in unübertroffener Weise Stimmungen und Zeitbilder herauf zu beschwören.

Für Verdifans ist die Lektüre gewiss eine lebendige Quelle der Freude und Information.

Peter Härtling
Verdi
224 Seiten, gebundn
Kiepenheuer&Witsch, August 2015
ISBN-10: 3462048082
ISBN-13: 978-3462048087
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Alfred Neven DuMont: Mein Leben

Alfred Neven DuMont: Mein Leben

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Lebensstationen eines einflussreichen Zeitungsmagnaten.

Alfred Neven DuMont (1927-2015) war einer der bekanntesten Deutschen Zeitungsverleger in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Jetzt liegt seine Autobiographie vor, in der er uns aufschlussreiche Einblicke in sein Leben gewährt.

Aufgewachsen ist er in einem gebildeten und gut situierten bürgerlichen Elternhaus. Die Mutter wird als bezaubernde Erscheinung beschrieben. Sie ist die Tochter des als „Malerfürst“ bekannten Malers Franz von Lenbach, der in München ein stattliches Palais bewohnte.

Während die frühen Jungendjahre mit Kindermädchen, Dienstboten und Hilfskräften aller Art ein anschauliches Bild über das Kölner Großbürgertum vermittelt, beginnt mit dem Zweiten Weltkrieg 1939 ein unruhiges Dasein für den heranwachsenden Alfred. Geliebt, beschützt und verwöhnt nimmt er aber die Unbilden des Krieges mit Leichtigkeit und Neugier auf sich. Starnberg und München bieten Abwechslung und Natureindrücke, von denen er beredt zu erzählen weiß. Dank freundschaftlicher Warnungen und Hilfen entging er der Einberufung, als die letzten Kriegstage angebrochen waren.

Mit dem Kriegsende 1945 versucht er sich zunächst als Schauspieler in München. Er tummelt sich in Theaterkreisen und genießt beachtliche Erfolge.

Die Autobiographie zeichnet sich durch einen leichten Ton und frischen Lebensmut aus. Selbst eine kurze Zeit der Niedergeschlagenheit überwindet Neven DuMont, um sich danach erneut mit Tatendrang ins Leben zu stürzen.

Immer wieder spürt man das wohlwollende Elternhaus im Hintergrund und die weitreichenden Verbindungen der Eltern als sicheren Boden, auf den er bauen konnte. Doch entwickelte er sich selber zu einer souveränen und starken Persönlichkeit mit eigenen Vorstellungen und Ambitionen.

Die Verlegerkarriere im traditionsreichen Familienunternehmen wird schließlich zu seiner Berufung.

Der blendend aussehende Mann voller Elan und Ideen für eine Steigerung der Auflagen des Kölner Stadt-Anzeigers weitete sein Unternehmen zu einer umfangreichen Mediengruppe mit Buchverlag aus.

Unter den westdeutschen Zeitungsverlegern spielte er eine herausragende Rolle und wurde im Laufe seines Lebens mit hohen Auszeichnungen und Preisen geehrt.

Seine Betrachtungen und Erfahrungen sind die Basis dieser Erinnerungen. Vom Privaten geht es in das Berufliche, doch er bleibt stets diskret. Er war im wahrsten Sinne des Wortes ein „Herr“ und lebte kein gewöhnliches Leben. Da er Gott und die Welt kannte,   verkehrte er in den besten Kreisen mit Zugang zu einflußreichen politischen Persönlichkeiten.

Die mit Verve beschriebenen Lebensstationen machen die Lektüre zu einem wirklichen Lesevergnügen. Daneben bieten die Aufzeichnungen ein authentisches Zeitdokument von einigem Rang über die Nachkriegszeit bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit ihren politischen Verwerfungen.

Man verlässt dieses aufregende Leben zu Ende der Lektüre nur ungern.

Im Anhang gibt eine Zeittafel Auskunft über die Lebensstationen.

Man kann die Lektüre uneingeschränkt empfehlen.

Alfred Neven DuMont
Mein Leben
400 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, August 2015
ISBN-10: 3832198083
ISBN-13: 978-3832198084
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