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Autor: Claudine Borries

David Foenkinos: Charlotte

David Foenkinos: Charlotte

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Biographie

Der wunderbare Erzähler David Foenkinos hat sich der Biographie einer ungewöhnlichen Frau genähert. Er ist fasziniert von einer Künstlerin, die durch die Nazis umgebracht wurde und in wunderbaren expressionistischen Bildern die Geschichte ihres Lebens hinterlassen hat. Auf dem Umschlagsbild sieht man das Selbstporträt der Künstlerin: skeptisch, trotzig und abwartend!

Charlotte Salomon, geb. 1917, war Zeichnerin und Malerin und hat ihr besonderes Talent für die Malerei nur kurz feiern können. Sie war Jüdin und musste eine lange Flucht mit Verlusten überstehen, als die Judenverfolgung in Deutschland mit ihren Auswüchsen ihren Anfang nahm.

Doch wie begann das alles?

David Foenkinos berichtet über seine Entdeckung der Malerin und der Suche nach ihren Wurzeln. Er ist begeistert von ihr und verwendet in seinem vorliegenden Roman die Form der klaren Erzählung im Wechsel mit seinen eigenen Forschungen nach ihrem Werdegang. Ohne hier alles vorwegzunehmen, kann man sagen, dass auf ihrer Familie ein schweres Schicksal lastete. Zahlreiche Suizide haben in ungewöhnlicher Weise einzelne Familienmitglieder aus dem Leben gerissen.

Charlotte erfährt erst spät, wie ihre Mutter gestorben ist und besuchte in frühester Kindheit schon das Grab der Schwester ihrer Mutter, die ihren Namen trug. Die Mutter starb 1926 ebenfalls durch Suizid.

Die Künstlerin wirkte wie ein erschrockener Mensch, der sich schon in frühester Kindheit tragischen Familienereignissen ausgesetzt sah, ohne diese zu verstehen. Sie machten sie einsam und ließen sie früh schon zum Zeichenstift greifen.

Der Vater hatte 1930 in zweiter Ehe eine bekannte Konzertsängerin geehelicht, die von Charlotte sehr akzeptiert wurde. Man führte in Berlin Charlottenburg ein großbürgerliches Leben. Bekannte jüdische Künstler, Wissenschaftler und Größen aus Forschung und Lehre verkehrten in dem geselligen Haus.

Nach Hitlers Machtergreifung 1933 wurde das Leben für Juden jedoch ungeheuer schwer. Jeder kennt die Folgen.

Charlotte gelingt dank ihrer außergewöhnlichen Begabung und Befürwortung durch einen Kunstlehrer zunächst noch die Aufnahme in die Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst. Doch auch das Glück dieser Tage endete durch die politischen Ereignisse.

Foenkinos hat eine Gabe, klar und nüchtern und doch ansprechend zu erzählen. Er beschreibt detailgenau, wie er für dieses Sujet zu eben dieser Erzählweise fand. Die knappen und kurzen Sätze ergeben ein ungeschöntes aber wahrheitsgetreues Bild der Künstlerin. Jeder Satz beginnt auf einer neuen Zeile, als solle ihm damit Nachdruck verliehen werden.

Durch die Erzählweise in dieser besonderen Form, in der das Leben von Charlotte Salomon noch einmal heraufbeschworen wird, erfährt man von einer Ausnahmekünstlerin mit ihrer besonderen Ausstrahlung.

Obwohl sie innerlich einsam war, besaß sie doch enorme seelische Kräfte. Eine kurze Liebesaffäre mit dem Gesangslehrer ihrer Stiefmutter ließ sie nie mehr los. Die Geschicke der Zeit im dritten Reich führten sie auf einem langen Weg über Frankreich und das Lager Gurs nach Südfrankreich, wo sie für einige Zeit sicher war.

Ihre Lebensgeschichte hat sie in einer Zeichenmappe mit dem Titel „Leben? Oder Theater?“ mit Bildern und Texten als Vermächtnis hinterlassen. In zahlreiche Ausstellungen waren ihre Bilder seither immer wieder zu betrachten. David Foenkinos ließen sie nie mehr los!

Man bleibt fasziniert und vertieft sich mit anhaltendem Interesse in die Geschichte dieser feinen, sensiblen und tief fühlenden Künstlerin, die wie so viele andere am Ende den Tod im KZ fand.

Foenkinos hat ihr mit seiner fabelhaften Erzählweise in der Übersetzung von Christian Kolb Ausdruck und Leben verliehen.

David Foenkinos
Charlotte
240 Seiten, gebunden
Deutsche Verlags-Anstalt, August 2015
ISBN-10: 3421047081
ISBN-13: 978-3421047083
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Bregje Hofstede: Der Himmel über Paris

Bregje Hofstede: Der Himmel über Paris

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Fluch und Segen der Liebe…

Mit feinem Stift und klugen Worten erzählt die Autorin Bregje Hofstede von einem Paar, das sich auf ungewöhnliche Weise kennen lernt und sich zu einander hingezogen fühlt.

Der mittel alte Professor der Kunstgeschichte Olivier soll sich auf Bitten seines Dekans um eine junge holländische Studentin kümmern, die er vorübergehend bei sich aufgenommen hat. Diese erinnert Olivier in auffallender Weise an seine frühe Jugendliebe Mathilde. Immer wieder muss er hinschauen und sich wundern über diese Ähnlichkeit!

Seine jetzige Freundin Sylvie, mit der er nicht zusammen lebt, ist patent und gegenwärtig. Die frühere Freundin aber lebt noch immer in seinen Fantasien in ihm fort.

Zuerst nur zögerlich, dann immer interessierter beschäftigt sich Olivier mit Fie, wie die junge Studentin heißt. Er lässt sich dazu herab, ihre Übungen zu Kunstbetrachtungen zu überprüfen und mit ihr zu diskutieren. Fie ist spröde, zurückhaltend und wartet ab.

Mit diesem Beginn ist schon alles gesagt, was in dem Roman der jungen Autorin abgehandelt wird.

Verstrickt in Vergangenes und fasziniert vom Gegenwärtigen gerät der renommierte Professor immer tiefer in eine Lebenskrise. Sein ganzes bisheriges Leben kommt dabei auf den Prüfstand. Am Ende steht nicht mehr ein Stein auf dem anderen. Es gilt, neue Perspektiven zu finden und nach ihnen zu leben.

Bregje Hofstede erzählt prägnant und weitblickend. Was Menschen mit ihrem Leben anfangen, und was aus ihnen werden kann. Scheu und verloren wirken die einen, stark und sicher die anderen. Die junge Studentin verantwortet mit ihrem Verhalten allerlei Widrigkeiten, unter denen Olivier unterzugehen droht. Die Nebenfiguren bieten die Reibungsfläche, unter der Schicksale zu zerschellen drohen.
Gelegentlich verwischen die Konturen zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Ist das aber nicht im wirklichen Leben sehr ähnlich?

Menschen können an sich selber verzweifeln, wenn sich Wahrnehmung und Fantasie vermengen.

Es geht in dem Roman um Liebe, Treue und Zuverlässigkeit und um Rache und Verrat.

Eine erstaunlich einfühlsame Studie ist der jungen holländischen Autorin und der Übersetzerin Heike Baryga mit diesem Roman gelungen.

Bregje Hofstede
Der Himmel über Paris
224 Seiten, gebunden
H.Beck, August 2015
ISBN-10: 3406683436
ISBN-13: 978-3406683435
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Philippe Pozzo di Borgo: Ich und Du

Philippe Pozzo di Borgo: Ich und Du

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Schicksal meistern lernen…

Dieses neue Buch von Philippe Pozzo di Borgo nimmt einen von der ersten Zeile an gefangen.

Er hat ein ungewöhnliches Schicksal.

Nach der Lähmung von den Schultern abwärts durch einen Gleitschirmabsturz und nach dem Krebstod seiner Frau, als er ca 43 Jahre alt war, hat Philippe Pozzo di Borgo wohl so ziemlich alles an schwerem Leid ertragen müssen, was man als Mensch nur fassen kann. Zu Monate langen Krankenhausaufenthalten verdammt hat er, der aus einer wohlhabenden Familie stammt, viel Zeit zum Nachdenken und Reflektieren.

Jenseits des öffentlichen Hypes um den Autor, der mit seinem Buch und Film „Ziemlich beste Freunde“ seit einigen Jahren Furore macht, spricht hier derselbe Mensch über seine Selbsteinsichten gepaart mit zuweilen herber Selbstkritik. Die geäußerten Gedanken sind offen, ehrlich und aufrichtig.

Pozzo di Borgo hat offensichtlich seine Hybris und Eitelkeiten abgelegt und ist durch leidvolle Erfahrung zu einer inneren Haltung gelangt, die ihn wach und lebendig im Geiste zu immer tieferen Einsichten führt. Es geht ihm um Toleranz und Respekt dem Nächsten gegenüber, um eine Horizonterweiterung im Denken und darum, Mitmenschen in ihrer je eigenen Art gelten zu lassen. Seine These heißt: aus Ich und Du soll Wir werden in gegenseitiger Toleranz, Akzeptanz, Wohlwollen und Anerkennung.

Der Text ist selbstverständlich und klar im Ausdruck, so dass man keinerlei Eitelkeiten oder gar Eiferertum entdecken könnte.

Wenn das Leid gar zu groß wird, beschreibt er, wie er dann im „Augenblick“ zu leben beginnt. „Es mag prätentiös klingen, aber ich betrete dann die „Zeit“.( S 42)

Der Autor lässt mit dieser Niederschrift andere an seinen Einsichten teilhaben. Sympathisch, mit einem Schuss Ironie und Humor, hat di Borgo seine Entwicklungsgeschichte beschrieben, die ganz einfach neugierig macht. Neugierig auf einen Menschen, dessen Kräfte schier unerschöpflich zu sein scheinen, und der immer neue Stadien und Hürden des Lebens bewältigt.

Eingeflochtene kurze biographische Einschübe erweitern den Blick auf eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Sie mag wahrlich Trost und Vorbild für andere Betroffene sein.

Festhalten muss man, dass Pozzo di Borgo eine visionäre Vorstellung über das menschliche Miteinander hegt, die sich nur schwer verallgemeinern lässt. Zu groß sind die Diskrepanzen der menschlichen Spezies zwischen Herkunft, Bildung, Begabung, Chancen und Wohlstand.

Man kann jedoch von seinem Weg durchaus für das eigene Wachsen und Gedeihen profitieren.

Für die Nachdenklichen unter den Lesern ist die Lektüre überaus lehrreich und anregend.

Philippe Pozzo di Borgo
Ich und Du
152 Seiten, gebundn
Hanser Berlin, August 2015
ISBN-10: 3446249451
ISBN-13: 978-3446249455
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Marcello Fois: Schwestern

Marcello Fois: Schwestern

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Geschwisterliebe…

Marcello Fois erzählt die Geschichte zweier Schwestern. Alessandra und Marinella begegnen sich nach dem Tod des Vaters in dessen Wohnung. Vierzig Jahre sind vergangen, seit der Vater sie verlassen hat. Doch nicht nur seine Abwesenheit bereitet hier den Boden für eine hintergründige Geschichte. Die Schwestern, Zwillinge zudem, sind von einer tiefen Abneigung gegeneinander erfüllt. Man ahnt nur mehr, als dass man es weiß, dass sie sehr unterschiedliche Leben führen. Im tiefsten Grunde sind sie einander Feind und voller Groll auf die jeweils andere.

In einer Art Kammerspiel umschleichen sie einander mit Worten. Argwohn paart sich mit Wut, Neugier mit unverhohlenem Zorn. Schließlich taucht auch noch eine Nachbarin auf, die ihre Hilfe – oder ist auch das wieder nur Neugierde? – anbietet.

Die Mädchen verbleiben in einer gleichbleibenden Missgunst. Man kann sich nicht vorstellen, dass diese beiden Frauen je zusammenfinden werden. Anschuldigungen und Erinnerungen an frühe Kinderjahre haben zur Folge, dass immer eine vorsichtige Abneigung über allem liegt.

Die ganze Erzählung hindurch gibt es diese quälenden Andeutungen und Verdächtigungen, es schlechter gehabt zu haben als die andere. Der Vater hat die Familie verlassen, als die Mädchen 8 Jahre alt waren. Ist er die Ursache für die Missgunst zwischen den Schwestern? Hat er eine mehr geliebt als die andere?

Alles in allem löst sich der Knoten nicht: beide Schwestern verlassen einander nach diesem Nachmittag in der Wohnung des verstorbenen Vaters und tauchen in ihr jeweiliges eigenes Leben ein, von dem man sehr wenig erfahren hat.

Geschwisterlicher Neid und Hass scheinen die Grundlage dieser Beziehung zu sein. Im Untertitel heißt es: die alte Geschichte. Und ja: so ist es wohl häufiger als man denkt, dass Geschwister in alten Beziehungsmustern verharren. Klärende Gespräche bringen nichts, weil die Fronten verhärtet und unauflöslich bleiben.

Eine gelungen Sozialstudie ist dem Autor Marcello Fois hier gelungen. Es wird nur gehandelt und gesprochen, nicht aber analysiert. Schlüsse muss der Leser für sich alleine ziehen. Der Autor bedient sich zwischen den Gesprächen der beiden Frauen einer poetischen und sanften Sprache. Zuletzt siegt die Vergänglichkeit, die über allen Geschehnissen in Vergangenheit und Zukunft liegt.

Marcello Fois ist ein sardischer Schriftsteller, der heute in Bologna lebt. Er hat sich vor allem als Kriminalbuchautor hervorgetan.

Marcello Fois
Schwestern
144 Seiten, gebunden
Wagenbach, K; August 2015
ISBN-10: 3803113121
ISBN-13: 978-3803113122
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Alain Claude Sulzer: Postskriptum

Alain Claude Sulzer: Postskriptum

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Größe und Niedergang eines angesehenen Künstlers…

Das Waldhaus in Sils-Maria in der Schweiz ist ein Ort der Sehnsüchte, des Wohlbefindens und der Ruhe. Hier gehen seit eh und je die Großen des Showgeschäftes, der Kunst und der Literatur ein und aus.

Zu seinen Gästen gehörten in der Vergangenheit Friedrich Nietzsche, Theodor W. Adorno, Thomas Mann und Friedrich Dürrenmatt, um nur einige wenige zu nennen.

Hier spielt der neue Roman von Alain Claude Sulzer.

Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts kehrte der Schauspieler Lionel Kupfer aus Berlin in das Hotel ein, nicht ahnend, dass es mit seiner Karriere unter dem Naziregime Hitlers als Jude zu Ende sein könnte.

Fein gesponnen taucht man in die Atmosphäre dieses legendären Ortes ein. Für Kupfer schwärmen mehr Männer als Frauen. So auch der kleine Postbeamte Walter, der sich als Gast in das Hotel einschleicht, um einen Blick auf den geliebten Künstler zu erhaschen. In Berlin hingegen lebt Lionels Liebhaber, der Kunsthändler Eduard, der ihm im neuen Glanz als Nazi mit Hochmut begegnet.

Lionel Kupfer musste schließlich emigrieren und hat in New York kümmerlich überlebt. Nach dem Krieg hat ihm Visconti noch einmal eine Position für eine kleine Nebenrolle angeboten. Doch die Stelle wurde weggeschnitten.

Man folgt den Spuren Walters und Edouards, des trickreichen Kunsthändlers, mit anhaltendem Interesse. Unter der Naziherrschaft ließen sich mit den Juden und ihren Kunstsammlungen treffliche Geschäfte machen. Am Ende aber ereilt jeden/ jede das ihm zugedachte Schicksal. Lionel Kupfer, der Jude, der aus Österreich stammt, bleibt im fernen Amerika, wo er mehr schlecht als recht überlebt.

Im „Postskriptum“ von 1963 hört man dann von späten Erfolgen des Schauspielers, die ihm noch einmal ein Durchstarten ermöglichen.

Alain Claude Sulzer hat einen melancholischen Roman geschrieben, so wie alle seine Romane von einer leichten Melancholie geprägt sind. Man folgt den Geschichten und ihren spannenden Wendungen mit anhaltender Aufmerksamkeit. Das Nazireich mit seinen Bedrohungen und Österreich mit seinem Charme im Begleitstrom der nationalsozialistischen politischen Richtung umrahmen die Erzählung. Alles klingt wie aus dem richtigen Leben, und Sulzer hat die wirren politischen Zeiten mit ihrer Dramatik konsequent eingefangen. Die erkennbaren homoerotischen Szenen wirken stark und bieten Einblicke auch in die moralischen Aspekte einer Zeit, in der Homosexualität strafbar und verboten waren. Jeder konnte zu jeder Zeit auffliegen, und dann drohte Ungemach.

Der Roman ist schlüssig und sehr lebensnah konzipiert. Es lohnt sich, ihn zu lesen.

A.C. Sulzer ist ein blendender Erzähler, dessen Werke vielfach preisgekrönt wurden.

Alain Claude Sulzer
Postskriptum
256 Seiten, gebundn
Galiani-Berlin, August 2015
ISBN-10: 3869711159
ISBN-13: 978-3869711157
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Pierre Bost: Bankrott

Pierre Bost: Bankrott

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Eine ungewöhnliche Charakterstudie.

Wieder einmal ist es dem Dörlemann Verlag gelungen, ein Werk aus der Vergessenheit zu holen. Pierre Bost, 1901-1975, hat seinen Roman „Bankrott“ in den dreißiger Jahren veröffentlicht.

Seine Romanfiguren kranken häufig am Leben und finden nicht den richtigen Weg. So ergeht es auch dem Helden des nun vorliegenden Romans “Bankrott“.

Brugnon hatte eine unbeschwerte Jugend, geliebt von der Mutter und auf vorgezeichnete Bahnen seines Vaters setzend. Dieser war ein reicher Zuckerfabrikant. Kurz nach dem Ende seines Studiums wurde Brugnon Sekretär des Vaters. Etwas anderes war für ihn nicht vorstellbar. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters übernahm Brugnon die Firma und strebte ein einfaches Leben an. Er ging früh zur Arbeit, ruhte zur Mittagszeit ein Stündchen, um sich danach wieder der Arbeit zu widmen. Alles in allem ist er ein furchtbar langweiliger Mensch.

Wie Pierre Brost dieses Leben in seiner Schilderung umsetzt, zeugt von einer subtilen Beobachtungsgabe. Hier beginnt einer, um Anerkennung und Selbständigkeit zu ringen und ist doch recht eigentlich nie richtig erwachsen geworden. Wenngleich im Laufe der Erzählung schon 45 Jahre alt, wirkt er wie ein alter, müder Mann, der sich den Freuden des Lebens kaum hingeben kann. Er ist dem Spott eines Provinzredakteurs ausgesetzt, der ihn in tiefe Selbstzweifel stürzt.

Man sieht einen Menschen, der sich von Pflichtversessenheit beseelt in den streng diktierten eigenen Vorsätzen verheddert, verwegene Pläne zur Erweiterung seiner Firma schmiedet und auf ein unausweichliches Scheitern zusteuert. Zwischen zwei Frauen schwankend kann er sich auch hier nicht zu einer Entscheidung durchringen. Die treue Simone will er nicht, und die flatterhafte Florence bekommt er nicht. So bleibt er ein getriebener und unsteter Mensch, der fahrlässig seinem finanziellen und psychischen Ruin entgegen steuert. Seine Mitarbeiter sind scheu um ihn versammelt; doch auch sie können ihm nicht helfen. Die selbstzerstörende Gewalt ist erschreckend.

Pierre Bost nimmt die Zeichen seiner Zeit auf, denn überall schlingert die Nachkriegszeit in den zwanziger Jahren einer unausweichlichen Katastrophe entgegen. Brugnon wird zum Prototyp des Hasardeurs. Eine traurige Gestalt, die dem Leben nicht gewachsen ist.

Feine Beobachtungen der Menschen wechseln mit Bürostimmungen und Landschaftsbeschreibungen, die in ihrer stimmigen Genauigkeit faszinieren.

Es lohnt sich, Pierre Bost als herausragenden Schriftsteller seiner Zeit wieder zu entdecken.

Pierre Bost
Bankrott
260 Seiten, gebunden
Dörlemann, August 2015
ISBN-10: 3038200182
ISBN-13: 978-3038200185
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Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

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Verstrahltes Dorf – und was nun?

Tschernobyl ist der Ort des Schreckens, an dem diese Erzählung ihren Platz hat. Das Atomkraftwerk in Tschernobyl war 1986 außer Kontrolle geraten, und die ganze Gegend, Fauna und Flora mit allen Lebenden war von der Verstrahlung durch Radioaktivität betroffen.

Jeder weiß, wie dramatisch die Gefahr für die Menschen dort und auch in weiter Ferne noch war, durch radioaktive Strahlen vergiftet zu werden. Baba Dunja ist nach einiger Zeit in das Dorf, das ihr Heimat bedeutet, zurückgekehrt. Ihre Kinder sind erwachsen und weit fort. Sie ist niemandem Rechenschaft schuldig, wenn ihre Tochter auch nicht einverstanden ist, dass sie sich in diese Gefahrenzone begibt.

In knappen Worten und mit einem naiven Blick erzählt Alina Bronsky vom Leben in dem fast toten Dorf. Man bekommt einen lebhaften Eindruck davon, wie es sich ohne eine geordnete Verwaltung und damit einem gesicherten Leben dort wohnen lässt. Elektrizität, Wasser und Nahrungsmittel gibt es nur begrenzt. Die Heizung im Winter bleibt kalt.

Für größere Einkäufe, die Post und Rentenbescheide muss man sich in die nächste größere Stadt begeben. Es gibt aber durchaus noch Mitbewohner, die nach Tschernobyl zurückgekehrt sind. Dunja ist nicht alleine. Fast alle sind schon sehr alt! Die ungewöhnliche Alterspopulation macht das kleine Werk so einnehmend. Wo erfährt man schon, wie alte Menschen lieben, leben und hassen?

Die zarten Bande, die wenige Einwohner gelegentlich für einander empfinden, sind von einer besonderen Herzlichkeit. Ohne Humor und Witz läuft fast gar nichts!

In der Geschichte passiert nicht viel. Doch nimmt man die Stille wahr, die über allem liegt.

Alina Bronsky erzählt ruhig und mit trockenem Humor, wie es sich so weit entfernt von jeder uns vorstellbaren Zivilisation leben lässt. Allerdings ereignen sich auch sonderbare Dinge, die auf die russische Seele und die barbarischen Verhältnisse in Russlands Rechtssystem schließen lassen.

Man hält an Traditionen fest, ist sich zugetan oder mag sich nicht. Erzählt wird über russische Lebensart, über die Menschen in dem großen Land und den stoischen Gleichmut, mit der jeder/jede ihr Schicksal hinnimmt, so wie es gerade kommt.

Alina Bronsky
Baba Dunjas letzte Liebe
160 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, August 2015
ISBN-10: 3462048023
ISBN-13: 978-3462048025
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E.L. Doctorow: In Andrews Kopf

E.L. Doctorow: In Andrews Kopf

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Genie oder Wahnsinn, das ist hier die Frage…

Andrew, der Held dieses Romans, erscheint uns als ein sonderbarer Mensch: zuerst stirbt ihm sein erstes Kind durch nachlässige eigene Fehler. Vermutlich einige Jahre später sucht er seine geschiedene erste Frau Martha auf, um ihr sein zweites Kind nach dem Tod der zweiten Frau zur Versorgung zur überlassen. Bemerkenswert erwähnt er immer wieder den „riesigen Ehemann“ von Martha.

Langsam rückblickend erfährt man in den teilweise wirren und teils genialen Gedanken, wie Andrew die Welt sieht und als Kognitionswissenschaftler sich die Welt zurechtbastelt. Gehirn, Seele, Mensch, Geist, Erinnerung und Studien zur Genese des Menschen geraten in einem heillosen Durcheinander zu einem verwirrenden Gemisch heutigen und vergangenen Wissens. Andrews Leben scheint aus einem einzigen Irrweg mit realen Mustern zu bestehen.

Der Leser ist überrascht und leicht verstört, was er von all’ dem halten soll.

Im einem zweiten Teil hören wir die Geschichte von Andrew und Briony, seiner ersten Frau. Skurril, witzig und sehr amüsant lesen wir von den Merkwürdigkeiten ihrer Herkunft und zuletzt ihrem unerwarteten Tod.

Wieder in einem weiteren Teil des Romans wird Andrew zum Präsidentenberater nach 9/11, dem Datum, das für Amerika zum Trauma wurde. Hier erlebte das Land den tiefsten Schlag seiner Geschichte. Der Autor nimmt den damalige Präsidenten und seine Umgebung zum Anlass für eine böse Satire.

Nach und nach werden die einzelnen Geschichten in einer Art Fiktion mit jeweils wechselnden Dialogpartnern erzählt.

E.L. Doctorow, hoch angesehener amerikanischer Autor und kürzlich verstorben, hat uns ein kleines, schmales Werk hinterlassen, das allerhand Rätsel aufgibt. Jeder wird sich seinen eigenen Reim darauf machen. Tatsache bleibt, dass der Autor eine Neigung zu Sonderlingen hat, wie man sie in einem seiner bekanntesten Romane „Homer & Langley“ schon ausmachen konnte. Der frühere Roman war humorig, kurzweilig und amüsant. Dieser Roman ist eher verworren und ein wenig undurchschaubar in seiner Absicht.

E.L. Doctorow
In Andrews Kopf
208 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, August 2015
ISBN-10: 3462048120
ISBN-13: 978-3462048124
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Verena Lueken: Alles zählt

Verena Lueken: Alles zählt

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Schicksale…

Wunderbar eingängig und sehr flott in der Diktion beginnt der neue Roman von Verena Lueken über eine Frau und ihre Geschichte.

Sie kommt aus Frankfurt/M nach New York, es mag im Jahr 2013 sein, und lebt für einen Sommer in der Wohnung von Freunden. Mit wenigen Worten verdichtet sich das Leben in der heißen, lauten, wilden und multikulturellen Stadt, in der in der Hitze des Abends Jazzklänge zum Tanzen verleiten, und die Menschen in einem fremdartigen Völkergemisch ihren Freuden, Nöten und allerlei sonstigen Tätigkeiten nachgehen.

Doch die Erzählerin ist krank. Sie wird eine schwere Operation erleiden müssen und sich den Fragen von Tod und Leben gegenübersehen.

Die Erzählung setzt sich schmissig fort und lässt in ihrem Tempo nicht nach. Erinnerungen an frühere Lebenszeiten und Erinnerungen an eine bewunderte Mutter und deren Lebenspartner wechseln ab mit den wachen Gedankenspielen darüber, welche Lebensphasen, Ziele und Gewohnheiten dem Leben inne wohnen.

Atmosphärisch dicht und im Erzählstrang nachdenklich erlebt man Reflexionen, Zweifel und kritische Lebensbetrachtungen einer Protagonistin, die es nicht leicht mit ihrer schweren Krankheit hat. Ihre nüchterne Betrachtungsweise und die klaren Ansagen zum eigenen Befinden werden sachlich vorgetragen. Erzählung reiht sich an Erzählung, in diesem Falle Erinnerungen und tägliche Begegnungen, ohne dass zwischen den einzelnen Episoden Brüche entstehen. Das erweckt den Eindruck einer flüssig fortschreitenden Geschichte.

Verena Lueken schreibt einen poetischen Stil, in dem das Leben in seiner ganzen Bandbreite Platz findet. Sie kann mit wenigen Worten Stimmungen, Ängste und Nöte einfangen, ohne je aufdringlich zu werden. Man fühlt sich berührt und liest mit großer Aufmerksamkeit, wie die namenlose Frau in dieser Erzählung ihr Leben zu meistern versucht.

Verena Lueken
Alles zählt
208 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, August 2015
ISBN-10: 3462047973
ISBN-13: 978-3462047974
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Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr

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Vom Glück des einfachen Lebens…

Drei alte Männer haben sich hoch oben in die nordkanadischen Wälder zurückgezogen. Sie leben dort unter denkbar einfachsten Bedingungen mit wenig Komfort, doch sie scheinen glücklich zu sein.

Eine ungenannte Fotografin sucht den Weg zu ihnen, weil sie sich für die großen Brände interessiert, die im Jahr 1916 in dieser Gegend weite Teile der Wälder und mit ihnen Dörfer, Städte und Menschen vernichtet haben.

Eigentlich sucht sie Boychuck, Ted, Ed oder Edward mit Vornamen.

Doch der ist kürzlich verstorben.

Hier in der Wildnis fühlt man sich wie am Ende der Welt. Die Fotografin ist zunehmend fasziniert von dieser endlosen Stille, dem Einsiedlerleben und den Erzählungen der sehr alten Männer.

Steve und Bruno versorgen die Alten mit dem, was man im Wald nicht finden kann. Als die Tante von Bruno, Marie-Desneiges, 81 jährig, zu ihnen stößt, wird die Geschichte zunehmend spannend. Was haben diese Menschen alles erlebt, wovon sie zu erzählen wissen! Dabei bleibt die Erzählung unaufdringlich und diskret.

Mit einnehmende Worten, poetischen Bildern und nachfühlbarem Erleben nimmt uns die Autorin mit auf eine Reise, von der wir nicht wissen, wohin sie uns führen wird. Es ist ein stiller und ruhiger Erzählstrom, der keine Hektik oder unerträgliche Erwartungshaltung auslöst. Man überlässt sich der Führung der Erzählung und den Geschichten, um die sich das Geschehen rankt.

Spannend ist ein jedes Schicksal, von dem hier die Rede sein wird. Man lernt zuhören und genau hinzuschauen. Die wunderbare, klare und kräftigende Natur bietet den Rahmen, in dem man die alten Männer trifft. Marie-Desneiges mit ihrem seltenen Schicksal macht die Gruppe komplett. Sie hatte es besonders schwer im Leben und schließt sich nur schwer an. Dass ihr hier nochmals ein spätes Glück beschieden sein würde, hat sie nicht geahnt. Es ist eine delikate und von hinreißender Zartheit gezeichnete Liebesgeschichte.

Die Erzählung handelt von Alter und Einsiedelei, von spätem Glück und Vergänglichkeit, von Freundschaft, Treue und Verlässlichkeit. Einfach herrlich!

Jocelyne Saucier lebt in Kanada. Dieser Roman ist ihr erster, der auf Deutsch erschienen ist. Man sollte sich ihren Namen merken.

Jocelyne Saucier
Ein Leben mehr
192 Seiten, gebunden
Insel Verlag, August 2015
ISBN-10: 3458176527
ISBN-13: 978-3458176527
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