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Autor: Claudine Borries

Julian Barnes: Lebensstufen

Julian Barnes: Lebensstufen

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Von der Liebe und anderen Leidenschaften…

Diese drei Essays von Julian Barnes enthalten allerlei Erkenntnisse über das Leben, über Bindungen, Verlust, Leidenschaft und Trennungen.
Von der Ballonfahrt als Möglichkeit, die Erde von oben zu betrachten handelt dieses Buch ebenso wie von Liebe, Vergänglichkeit und Tod.
Über die ersten Ballonfahrten des Pioniers auf dem Gebiet der Raumfahrt berichtet Julian Barnes und stellt einen symbolischen Bezug her über Freiheit und Bindung.
Nadar war ein bekannter Ballonfahrer und Fotograph. Fotographie kann Momente bannen, doch menschliche Ereignisse in ihrer Dynamik lassen sich so nicht festhalten. Zu dieser Schlussfolgerung kommt der Autor.
Er  erläutert ferner Liebesverlangen und Verzicht. Sie sind Bestanteile unseres Lebens genau so wie Veränderungen, die der Liebe erst Bestand geben können. Über Sarah Bernhardt als Zielobjekt der Begierde handelt ein Teil des Buches. Sie wird gerne umworben, lässt sich aber kaum je erobern. Viele Männer haben sie begehrt, fast niemandem aber hat sie dauerhafte Liebe gewährt.
Im letzten Kapitel berichtet Julian Barnes über den Verlust seiner Frau, die ihm so fehlt. Hilflose Versuche des Trostes seiner Freunde sind ihm suspekt. Niemand kann ermessen, wie anhaltend der Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen bleiben kann.
Julian Barnes versteht die Menschen in ihren Abgründen und in ihren tiefsten Sehnsüchten. Er bringt uns in Metaphern seine Erkenntnisse nahe, denn er kennt sich aus mit der menschlichen Seele. In dem vorliegenden Büchlein fasst er seine Einsichten über das Leben, seine Tücken und Tiefen, haarscharf zusammen. Man liest es in einer ruhigen Stunde und findet Weisheiten, die einem selbst das Leben plausibler erscheinen lassen. Manches bleibt ungesagt und vieles muss man aus dem erfassen, wie er es umschreibt. Ein kleines Werk mit Tiefgang ist ihm gelungen!

Julian Barnes
Lebensstufen
144 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, Februar 2015
ISBN-10: 3462047272
ISBN-13: 978-3462047271
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Anne von Canal: Der Grund

Anne von Canal: Der Grund

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Wie das Leben so spielt…

Dieser besondere Roman beschreibt das Leben von Laurits Simonsen. Beginnend mit den sechziger Jahren führt der Roman in verschiedenen Zeitebenen bis in das Jahr 2005.
Rückblendend erfahren wir von seiner Kinder- und Schulzeit und von den musikalischen Ambitionen des Helden, denn er ist ein ausgezeichneter Klavierspieler. Erzählt wird auch von seiner ersten großen Liebe und seinem Kind Liis.
Neugierig folgt man ihm auf seinem Lebensweg.
In einem wohlhabenden Elternhaus in Stockholm aufgewachsen muss er sich in allen wichtigen Entscheidungen dem autoritären Vater beugen, einem Chirurgen von untadeligem Ruf.
Erst spät wird man über den inneren Zustand der elterlichen Ehe aufgeklärt. Hier finden sich die Ursachen für den unsicheren und zweifelnden Charakter des Helden.
Er wird Arzt, wie es der Vater gewünscht hat. Mit seiner Frau Silja verbindet ihn eine innige Liebe, und seine Bahn ist vorgezeichnet. Doch dann erfolgt ein Einbruch, der alle bisherigen Bezüge ins Wanken bringt.

Abenteuerlich ist sein weiterer Weg. Er birgt eine Menge Geheimnisse, die sich dem Leser erst allmählich erschließen.
Zuerst bleibt man als Leser ein wenig ratlos, denn immer wieder beginnt die Geschichte in einem neuen Umfeld und zu einer anderen Zeit. Einmal befindet man sich in dem großbürgerlichen und kalten Elternhaus des Helden. Dann erleben wir den erwachsenen Arzt und liebenden Familienvater. Zuletzt ist er Klavierspieler auf einem Kreuzfahrtschiff. Auf diese Weise steigert die Autorin die Spannung, mit der sich die einzelnen Schilderungen zu einem schlüssigen Ganzen zusammenfügen. Zuletzt sind die Wege des Menschen doch nicht so unergründlich, wie es zunächst erscheint. Es gibt Ursachen und Wirkungen für Entwicklungen, die ganz eigenen Regeln zu folgen scheinen. Und dann gibt es immer einen GRUND, warum dieses oder jenes Ereignis erfolgt.

Ein lesenswerter Roman mit zahlreichen freudigen aber auch sehr erschütternden Begebenheiten.

Anne von Canal
Der Grund
272 Seiten, gebunden
Mare Verlag, Juli 2014
ISBN-10: 3866481969
ISBN-13: 978-3866481961
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Ian McEwan: Kindeswohl

Ian McEwan: Kindeswohl

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Recht, Gesetz und die Liebe…

In diesem neuesten Roman von McEwan erfährt man einiges über Richtersprüche, Gesetzt, Moral und Schuld.
Fiona ist eine erfolgreiche Richterin am High Court in London, die sich mit schwierigen Rechtsfällen befasst. Sie trachtet danach, nur nach rechtlichen Grundsätzen zu urteilen und allgemeine moralische Wertungen außer Acht zu lassen. Das ist besonders schwer, wenn in Streitfällen weltanschauliche und religiöse Begründungen vorgetragen werden. Da geht es um die Zeugen Jehovas, die keine Bluttransfusionen akzeptieren; oder kann im Falle von siamesischen Zwillingen bei einer operativen Trennung der Kinder der Tod des einen Zwillings in Kauf genommen werden? Auch die Frage jüdischer Erziehung in säkularen Schulen kann zwischen Paaren zu Rechtsstreitigkeiten führen.

Mit zahlreichen schwierigen Fällen befasst ist es Fiona ganz entgangen, dass sich ihr Mann Jack inzwischen nach anderen Frauen umsieht. Schockiert wird sie mit der Tatsache konfrontiert, dass er mit ihrer Zustimmung eine Affäre beginnen will. Er stellt sich nur eine Sexpartnerschaft vor, denn in dieser Beziehung ist bei den beiden Endfünfzigern nicht mehr allzu viel los. Jack schwört seiner Frau zugleich, wie sehr er sie liebt. Auch Fiona geht nicht unangefochten aus den vielfältigen Begegnungen, die ihr Berufsleben mit sich bringt, hervor.

McEwan hat sein Thema weit gefasst. Die zu bearbeitenden Rechtsfälle sind gekoppelt an die persönlichen Schwierigkeiten seiner Hauptprotagonisten. Mit feiner und sorgfältiger psychologischer Tiefenschärfe werden die über Jahre entstandenen ehelichen Konflikte abgehandelt. McEwan versteht sein Handwerk und kann mit ausgewiesen fachlichen Analysen aufwarten. Der Leser ist fasziniert und fühlt eigene Betroffenheit, wenn er sich in die Lage der Figuren hineindenkt. Selbstverständlich sucht jeder seine eigene Position zu den aufgeworfenen Fragen.

Der Roman erfüllt in überzeugender Weise die Kriterien, die einen guten Roman auszeichnen, in dem er Spannung erregt und zum Nachdenken ermuntert. Hervorragend sind die Abhandlungen über Recht und Moral, die sich durch die gesamte Lektüre ziehen. Daneben aber beweist McEwan wieder einmal sein psychologisches Feingefühl, mit dem er eine langjährige Ehe mit ihrer Tristesse, dem Verlust der Leidenschaft und der Verführung durch mögliche äußere Versuchungen beschreibt. Er wäre nicht Ian McEwan, wenn seine Geschichte nicht einen tiefen Einschnitt für alle Beteiligten bereithielte. Der Bogen zieht sich über ein langes Leben, und dem Autor gelingt eine Abhandlung, die fast aus dem wahren Leben zu stammen scheint.

Das gelungene Werk wird seine Leser wie immer begeistern!

Ian McEwan

Kindeswohl
224 Seiten, gebunden
Diogenes, Januar 2015
ISBN-10: 3257069162
ISBN-13: 978-3257069167
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Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße

Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße

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In diesem wunderbaren Roman steigt der Hauptprotagonist zurück in seine Kindheit, in der es voller märchenhaften Gestalten, Ungeheuern und Gespenstern nur so gewimmelt hat. Im Alter von sieben Jahren begegnet der Held Lettie Hempstock, die auf einem nahe gelegenen Bauernhof mit Mutter und Großmutter wohnt, und die ihn zu allerhand undurchsichtigen und abenteuerlichen Wundern verführt. Ein Ententeich wird für sie zum Ozean, hinter dem die Welt mit sonderlichen Begebenheiten lockt. Zuerst noch ist es die bäuerliche Küche mit ihren Genüssen, die den Icherzähler ermuntert, sich hier wohl zu fühlen. In ihr spürt man Wärme und Geborgenheit.

Bald schon erlebt man, wie der Junge mit sensibler Wahrnehmung seine Umwelt sieht. Sie ist erfüllt mit Ungeheuern und Gespenstern, Furcht erregenden Tieren und einer bösartigen Haushälterin, die das Regiment über die beiden Kinder seines arbeitenden Elternpaars übernommen hat. Die Erwachsenenwelt ist mächtig, übergroß und beängstigend.
Zwischen Fiktion und Wirklichkeit pendeln die Erfahrungen des kleinen, aufgeweckten und äußerst fantasiebegabten Jungen hin und her.

Figuren von Grausamkeit und Drohung ziehen uns mit hinab in die kindliche Seelenwelt und ermöglichen die Sichtweise früher Kinderjahre, in denen die Welt noch unerklärlich, spannend, magisch und ganz dem unwägbaren Seelenleben ausgeliefert ist. Wie Blitz und Donner, kindliche Flucht, Angst und gruselige Augenblicke hier artikuliert werden, das ist große Dichtkunst. Man fiebert mit dem kleinen Jungen mit und weiß nie genau, wo die Realität aufhört und das reiche Fantasieleben beginnt.

In Neil Gaiman gilt es erneut, einen amerikanischen Erzähler von Format zu entdecken. Dass die Geschichte zwischen Märchen und Realität schwankt und die Grenzen ganz unvermittelt wechseln, tut der großen Erzählkunst keinen Abbruch. Ein erstaunliches Werk, das für große und kleine Erwachsene bestens zur Unterhaltung geeignet ist.

Neil Gaiman
Der Ozean am Ende der Straße
240 Seiten, gebunden
Eichborn Verlag, Oktober
ISBN-10: 3847905791
ISBN-13: 978-3847905790
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Cecilie Enger: Die Geschenke meiner Mutter

Cecilie Enger: Die Geschenke meiner Mutter

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Im Licht der Vergänglichkeit…

In diesem Buch der Erinnerung kann man sich noch einmal die Geschichte einer Familie vergegenwärtigen, die fast ein ganzes Jahrhundert umfasst.

In einer stillen Stunde kehrt Cecilie in das Haus ihrer Eltern zurück, um den Haushalt aufzulösen. Verbunden mit der Haushaltsauflösung ist der Abschied vom Haus der Mutter und von zahlreichen Gegenständen, die Cecilie an ihre Kindheit und Jugend erinnern.

Die Familie lebt in Norwegen und wir schreiben das Jahr 2010.

Es bleibt nicht aus, dass dieser Abschied auch schmerzliche Gedanken hervorruft, denn die Mutter ist an Alzheimer erkrankt und lebt sei kurzem in einem Pflegeheim. Dass der Augenblick der Trennung kommen würde, war allen bewusst. Doch die Realität ist oftmals weniger leicht auszuhalten als die Angst davor.

Nun steht Cecilie mit ihren Erinnerungen alleine da mit dem Wust an Gegenständen, Möbeln und nicht zuletzt Aufzeichnungen ihrer Mutter. Unter anderem findet sie eine sorgfältig erstellte Liste mit Geschenken, die im Laufe eines langen Lebens an Angehörige und Freunde zu den Jahrestagen und Festen gegangen sind. Anhand dieser Erinnerungsstücke geht Cecilie Enger zurück zu den Zeiten, als sie noch ein Kind war und Freude hatte an den zahlreichen Freunden und Verwandten der Familie und an all’ den schönen Festen und Tagen der Heiterkeit.

Cecilie Enger versteht mit ihren Einfällen umzugehen und andere an diesem Geschehen teilnehmen zu lassen. Sie wechselt gekonnt zwischen Gegenwart und Vergangenheit und spinnt den Faden der Geschichte fort, bis ein rundes Familienbild entsteht.

Aus dem Licht der Vergangenheit treten Gestalten und Orte hervor und verzaubern noch einmal mit ihrer Originalität und Lebendigkeit den Leser, der angeregt von diesen Aufzeichnungen auf die eigene Lebensgeschichte stößt. Ein wenig melancholisch fühlt sich das an, wie hier ein langes Leben am inneren Auge der Autorin vorbei zieht, ein Leben, das nun bald endgültig der Vergangenheit angehören wird. Stimmungen von Ort und Zeit nehmen Gestalt an und lassen einem Roman gleich die Charaktere lebendig werden. Und wieder einmal merkt man, wie jedes Leben einem Roman gleicht und umgekehrt Romane echtes Leben widerspiegeln können. Ein schönes und lebensnahes Buch ist entstanden, an dem sich viele Leser erfreuen werden!

Die Autorin ist 51 Jahre alt und lebt in Norwegen. Sie ist Journalistin und hat für dieses Buch den Preis norwegischer Buchhändler bekommen.

Cecilie Enger

Die Geschenke meiner Mutter
272 Seiten, gebunden
Deutsche Verlags-Anstalt, September 2014
ISBN-10: 3421046522
ISBN-13: 978-3421046529
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Charles Jackson: Das verlorene Wochenende

Charles Jackson: Das verlorene Wochenende

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Dieser 1944 erstmalig erschienene Roman von Charles Jackson über einen Alkoholkranken ist jetzt in der Neuübersetzung von Bettina Abarbanell im Dörlemann Verlag in einer Neuauflage auf Deutsch erschienen.

Der Held, oder besser gesagt Antiheld, der Geschichte ist Don Birnham. Er lebt in Manhattan, und wir schreiben das Jahr 1936.
Schon nach wenigen Sätzen wird klar, dass der Hauptprotagonist sich in zwei „Ichs“ eingerichtet hat. Das eine Ich beruhigt sich selbst damit, dass Alkohol ja nicht so schlimm ist, und man sich nur immer einmal ein Gläschen genehmigt. Das andere Ich ist getrieben von Unrast und Hast, an jede Art von Alkohol zu kommen. Dieses getriebene Ich macht den größeren Teil der Geschichte aus. Es denkt und spricht mit sich, sucht Geld und Einsamkeit, um ungestört der Suche nach dem „Stoff“ zu folgen. Dramatisch wird schon nach wenigen Sätzen klar, dass hier einer seines Triebes nach der betäubenden Droge Alkohol nicht mehr Herr ist.

In endlosen Selbstgesprächen folgt man diesem kranken Ich und fühlt mit ihm, wie es ihn treibt und jagt. Hoffnungslos und verbogen ist dieser Selbstbetrug, mit dem Don nach außen und sich selbst gegenüber am Schein der Normalität festhalten will. Bei ganz neuen Bekanntschaften gelingt ihm das vorübergehend, doch droht allenthalben die Entdeckung. Sein Bruder Wick und seine Freundin Helen kümmern sich rührend um ihn. Immer wieder muss Don lügen und betrügen, um zu Geld zu kommen. Einen Teufelskreis aus Lug und Trug und Selbstbetrug lebt Don uns hier vor. Bedrückend und gekonnt zeigt uns der Autor, in welche seelischen Tiefen der Alkoholiker fallen kann.

Charles Jackson schöpft offensichtlich aus eigener Erfahrung, denn wie könnte man sonst die Selbstbeobachtung so ausdrucksschwer und treffend wieder geben?

Er hat mit seinem Roman s.Zt. einen Coup gelandet.

Überragend beschwört Jackson die Dynamik um die seelische Not und den Zwang zum Trinken herauf. Es handelt sich nur um ein verlängertes Wochenende, doch die Trunksucht wird in einer beklemmenden Steigerung bis hin zum Delirium heraufbeschworen. Es ist gut, dass dieser Roman neu entdeckt und wieder aufgelegt wurde!

Billy Wilder hat den Roman 1946 verfilmt und dafür vier Oscars bekommen.

Charles Jackson
Das verlorene Wochenende
400 Seiten, gebunden
Doerlemann Verlag, August 2014
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3038200077
ISBN-13: 978-3038200079
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Adriana Altaras: Doitscha

Adriana Altaras: Doitscha

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Familienchaos…

Ariana Altaras hat nach dem großen Erfolg von „Titos Brille“ eine neue unterhaltsame Geschichte über ihre gegenwärtige Familie, mit der sie in Berlin lebt, geschrieben. Es gelingt ihr, in Gestalt ihrer drei „Männer“ eine realistische Show zu illustrieren. Ihr Mann George, der kleine Sohn Sammy und der Ausbund an Rebellion David bieten genügend Erzählstoff, dass daraus eine lustige Familiengeschichte werden kann. Adriana Altaras hält mit gekonntem Sprachwitz und einem Humor, der sie auch in anstrengenden Situationen nie verlässt, diese Familienbande zusammen.

Zentrale Figur wird notgedrungen David, der sich in der Pubertät befindet und zu andauernden aufsässigen Zumutungen neigt. Seine Auseinandersetzungen mit dem Vater sind Legende, und der Sohn nennt ihn verächtlich „doitscha“, weil er kein Jude ist. Adriana bedient sich in ihrer Familienerzählung der Alltagssprache heutiger kunterbunter Jugendgangs. Dass dabei leider ein wenig ruppig mit der Sprache umgegangen wird, ist wohl unumgänglich. Neben dem Alltag spielen die jüdischen Verwandten wie immer eine tragende Rolle.

Die temperamentvolle Mutter Adriana setzt sich mit ihren Kindern und den Verwandten permanent auseinander. Es ist der liebevolle und mitreißende Humor, der dieser Geschichte ihren Rang zuweist. Schnodderig und schnell fließen die Sätze aus dem Mund der Mutter, und man hat seine liebe Not, mitzuhalten. Aus der wechselnden Sicht eines jeden Protagonisten werden die Episoden erzählt. Auf diese Weise ist eine muntere Bestandsaufnahme entstanden.

So ganz reicht diese Geschichte nicht an „Titos Brille“ heran. Vielleicht sind manche Episoden gar nicht so unbedingt „jüdisch“. Gibt es doch auch unter den „doitschen“ Familien heute so manche Mär von Rabaukentum und pubertärer Aufsässigkeit zu berichten, an denen der eine oder andere Elternteil verzweifeln mag. Was bleibt, ist Altaras augenzwinkernde Gutmütigkeit, mit der sie das Familienschiff durch so manche Stürme zu begleiten versucht.

Adriana Altaras
Doitscha
272 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, November 2014
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3462047094
ISBN-13: 978-3462047097
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Rachel Joyce: Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry

Rachel Joyce: Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry

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Liebesgeschichte aus besonderer Perspektive…

Der vorliegende Roman lässt keine Wünsche offen, was Unterhaltung und stilvolles Ambiente zu bieten hat. Worum geht es? Queenie Hennessy ist krank, so krank, dass sie bald sterben wird.

Sie begibt sich in ein Hospiz, wo sie ihre letzten Tage verbringen will. Da erreicht sie ein Brief von ihrem ehemaligen Kollegen Harold Fry, in dem er sie dringend auffordert, auf ihn zu warten! Doch er tritt seine Reise in den äußersten Norden Englands vom Süden her zu Fuss an. Wer weiß, ob er noch rechtzeitig bei Queenie eintreffen wird? Und warum will er sie unbedingt noch lebend sehen?

Queenie macht sich inzwischen an die Arbeit. Sie schreibt ihrer geheimen Liebe Harold einen langen Brief, in dem sie ihm verborgene Wahrheiten über sich selbst erzählen wird.

Queenie und Harold haben gemeinsam in einer Brauerei gearbeitet. Dabei sind sie sich näher gekommen. Doch Queenie ist die treibende Kraft der Liebe, die sie ihm nie offenbart hat. Harold ist verheiratet und hat einen Sohn, der keine ganz unbedeutende Rolle in dieser Geschichte spielt. Wie nicht anders zu erwarten breitet Queenie in ihrem Brief ihre Gedanken und Gefühle weit vor uns aus.

Begleitet von melancholischen und gelegentlich witzigen Beobachtungen berichtet sie über ihren Hospizalltag und über die Menschen, die dort, wie sie selbst, auf ihren Tod warten. Schließlich folgen in zahlreichen Einschüben Erinnerungen an das Verhältnis zwischen ihr und Harold. In ihren Aufzeichnungen holt sie alles hervor, was so lange in ihr geschlummert hat. Da ist von Schuld und Sühne ebenso die Rede wie von der gemeinsam verbrachten Arbeitszeit und ihrer stillen Zuneigung zu Harold.

Entstanden ist auf diese Weise ein Liebesroman ganz eigener Prägung. Unerwiderte Liebe, geheime Beobachtung des anderen und Zeiten des Glücks allein durch das Beisammensein machen den Roman zu einer stillen und zarten Liebesgeschichte. Rachel Joyce versteht es vorbildlich, Atmosphäre und Stimmungen auf leichte und poetische Weise einzufangen. Die Liebesgeschichte nimmt einen in ihrer rührenden Selbstlosigkeit und Verhaltenheit gefangen.

Rachel Joyce bietet keine harten Schnitte. Sie behält einen ruhigen und gemäßigten Gesprächsfluss bei. Der anheimelnde und gemütlich zu lesende Roman bietet Gelegenheit, sich bei der Lektüre entspannt zurückzulehnen und sich ganz den Bildern aus Natur, Träumerei und stiller Hoffnung und nicht zuletzt des Abschieds hinzugeben.

Rachel Joyce
Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry
400 Seiten, gebunden
FISCHER Krüger, Oktober 2014
ISBN-10: 3810521981
ISBN-13: 978-3810521989
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Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

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Im Krieg und im Frieden.

Wir befinden uns im Jahr 1918 auf den Feldern des Ersten Weltkriegs in Frankreich.

Die Soldaten der geschundenen Armee sehnen das Ende des Krieges herbei. Doch bevor es so weit ist, werden noch viele von ihnen ihr Leben lassen.

Einen unter ihnen, Albert, hätte es fast noch erwischt. Aber nicht der Feind wird ihm zum Schicksal sondern Leutnant Pradelle. Er hat Machtgelüste und schikaniert seine Untergebenen unmenschlich und sadistisch. So gerät Albert mit einem Schubs in ein tiefes Loch, aus dem es bei dem Matsch und der Rutschgefahr kein Entkommen gibt.

Sein Kumpel Édouard befreit ihn aus seiner desolaten Lage. Dieser verliert dabei durch einen Schuss seinen Unterkiefer und sieht sich schwerstem Leiden ausgesetzt. Trostlos und verlassen leben die Verwundeten auf ihre Entlassung zu immer in Erwartung eines wie immer gearteten Endes aus ihrer verlorenen Lage.

Albert steht nach dem Ende des Krieges seinem Retter Édouard überall bei. So verhilft er ihm zu einer falschen Identität, denn Édouard möchte seiner Familie in seinem Zustand nie mehr begegnen. Die beiden Kumpel werden zu einer eingeschworenen Schicksalsgemeinschaft. Sie gründen eine betrügerische Denkmalfirma. Die Lust am Betrug wird für die beiden zum Lebenselixier. Edouard ist die geschundene Kreatur, die ohne Gesicht nur noch mit Masken zu leben versteht.

Nach dem ein Jahr vergangen ist, kommt auch Pradelle wieder ins Spiel. Er betreibt in großem Rahmen ebenfalls mit betrügerischer Absicht Geschäfte mit der Umbettung der im Krieg Gefallenen. Die Wege der beiden Antipoden kreuzen sich hierbei erneut.

Pierre Lemaitre hat ein Kriegsbuch geschrieben, in dem die ganze Grausamkeit und die Abgründe menschlicher Charaktereigenschaften erfahrbar werden.

In seinem rasant geschriebenen Roman lehrt uns Lemaitre, wie als Folge des Krieges alle Vorstellungen von Moral verloren gehen können. Korruption, Betrügerei und unlautere Geschäfte feiern fröhlich Urständ.

Als Schelmenroman wird die Geschichte kolportiert. Doch dazu ist sie zu traurig.

Lemaitre ist Kriminalbuchautor. Das merkt man bei diesem Roman ganz deutlich. Es wimmelt nur so von geheimnisvollen Erzählsträngen, in denen Albert und Édouard auf der einen Seite und Pradelle auf der anderen ihr betrügerisches Unwesen treiben. Auf diese Weise rächen sie sich für ihr durch den Krieg verpatztes Leben. Allerhand verwandtschaftliche Verbindungen machen den Roman zu einem trickreichen Verwirrspiel, in denen die guten und die schlechten Charaktere je ihren Platz finden. Spannend und vielschichtig geht Lemaitre bei der Verfolgung der einzelnen Tätergeschichten vor. Atmosphärisch gekonnt fühlt man sich in den Sog der Handlung hineingezogen.

Man liest den Roman mit angehaltenem Atem immer in der Erwartung dessen, was da nun wieder kommen mag!

Pierre Lemaitre
Wir sehen uns dort oben
521 Seiten, gebunden
Klett-Cotta, Oktober 20143
ISBN-10: 3608980164
ISBN-13: 978-3608980165
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Walter Bauer: Die Stimme

Walter Bauer: Die Stimme

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Die Geschichte „Die Stimme“ ist eine, die von Abschied, Heimatlosigkeit, Neubeginn und vielem mehr handelt.

Die Stimme aus dem off klingt einsam, melancholisch und betrüblich. Sie handelt von Vergänglichkeit und wirkt ein wenig hoffnungslos, so als sei alle Mühe auf Erden vergeblich, das Glück zu finden.

Ein Professor aus Toronto erzählt einem imaginären Gegenüber hier seine eigene Geschichte. Aufgewachsen ist er in Deutschland. Gezeichnet vom Zweiten Weltkrieg und der Gefangenschaft in Russland kehrt er 1952 Deutschland den Rücken und wandert nach Kanada aus. Seine erste Station ist Toronto.

Seine zweite Ehe ist gerade gescheitert. Die Eltern sind tot, so dass es keine tiefen Bindungen mehr zum Land der eigenen Herkunft gibt.

Das Gefühl des „Fremdseins“ ist unüberhörbar. Der Erzähler verdingt sich zunächst als Packer und Lagerarbeiter. Er wohnt in einer kargen Gegend in einem einzelnen Zimmer. Jeder Anflug von Geborgenheit erstickt hier in seinen Anfängen im fremden Land mit fremder Sprache. Und doch ist die Geschichte, wie sie hier erzählt wird, von eigenartigem Reiz und poetischer Schönheit. Wie wohl alles ein wenig trostlos wirken könnte, spürt man doch die Wärme des Erzählers, mit der er das, was fehlt im Leben, als stille Hoffnung in sich trägt.

In einer Kaskade schönster, tiefsinnigster und poetischer Sprachgewandtheit erzählt Walter Bauer in Gestalt des Icherzählers von der Landschaft, von seinen Stimmungen, Erinnerungen und Erfahrungen des Augenblicks. Das Herbstlaub im Indian Summer wirkt so präsent wie die Schilderung der Lebensumstände und die fast resignierend beschworene Suche nach dem Glück. Dieses Glück begegnet dem Icherzähler in Gestalt der Schauspielerin Diana. Durch ihre Stimme, die sie für Lesungen zur Verfügung stellt, findet Richard einen Weg zur neuen, fremden Sprache im freiwillig gewähltem Exil.

Fortan wird in der Erzählung die Begegnung der beiden Menschen in einer Art zarter Annäherung beschrieben. Werden sie das Glück bei einander finden?

Der Lilienfeld Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, kleine literarische Kostbarkeiten aus dem Beginn und Verlauf des 20. Jahrhunderts aufzufinden und neu herauszugeben. Man arbeitet sorgfältig in dem Verlag, in dem man in einem Nachwort von Jürgen Jankofsky sowohl über den Lebensweg von Walter Bauer berichtet als auch in einer Tabelle die wichtigsten Lebensdaten aufführt.

Walter Bauer lebte von 1904 bis 1976. Seine Erzählung trägt durchaus biographische Züge. In der Aufmachung ist das Buch „Die Stimme“ ein kleines bibliophiles Meisterwerk, das sich bestens für Mußestunden oder als kleines Geschenk eignet.

Walter Bauer

Die Stimme
128 Seiten, gebunden
Lilienfeld Verlag, Oktober 2014
ISBN-10: 394035743X
ISBN-13: 978-3940357434
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