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Autor: Claudine Borries

Michael Jürgs: Codename Hélène

Michael Jürgs: Codename Hélène

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Agententhriller mit Wirklichkeitsgehalt.

Die schöne Nancy Wake stammte aus Neuseeland. Mit 32 Jahren ging sie 1933 über New York und London nach Paris, wo sie sich in feinen Party Kreisen bewegte. Hübsch und abenteuerlustig, trinkfreudig und voller Lebenslust heiratet sie 1939 einen reichen französischen Geschäftsmann. Diese Tatsachen alleine rechtfertigen aber noch keine Biographie über sie!

Nancy Wake wurde jedoch während des zweiten Weltkriegs zu einer der tatkräftigsten, mutigsten und erfolgreichsten Geheimagentinnen Churchills gegen Nazideutschland.

Man folgt der jungen Dame nach Marseille, wo sie reich und verwöhnt von ihrem sehr viel älteren Mann umsorgt wurde. Doch als die Deutschen während des zweiten Weltkriegs den Norden Frankreichs besetzten und danach das Vichyregime zum willigen Helfer der Deutschen wurde, ist sie aus Überzeugung und aus Hass gegen die Verfolger, Unterdrücker und Mörder in den Untergrund gegangen.

In einer abenteuerlichen Flucht kann sie sich mit einigen Mitstreitern nach England absetzen, wo sie sich unter härtesten Bedingungen zur Spionin ausbilden ließ.

Sie genoss den Respekt ihrer Vorgesetzten und Gefährten, weil sie sich unendlich mutig, kaltschnäuzig und mit feinem Gespür für Gefahren bewährte. Ohne die Schönheit der Frauen hätte es nach Jürgs kein ausgedehntes Kuriernetz in Frankreich geben können. Der glamourösen Welt der Frauen konnten weder Freund noch Feind widerstehen.

Seit 1944 ist Nancy Wake unter dem Decknamen Hélène für die Engländer als Agentin in Frankreich tätig.

Mitten im Kriegschaos arbeitet sie sich mit List und Mut durch feindliche Linien und kann immer wieder ihren Häschern entgehen. Von ihren Feinden wird sie „White Mouse“ genannt und intensiv gesucht. Zahlreiche Mitstreiterinnen sind in die Hände des Feindes gefallen und dort unter den grausamen Foltern und Qualen umgekommen.

Michael Jürgs gebührt das Verdienst, Nancy Wake mit diesem Buch ein Denkmal gesetzt zu haben. Er hat hunderte von Dokumenten studiert und ist den Spuren der Agentin gefolgt. Heraus gekommen ist ein wirklich spannender Politthriller. Bei seinen Recherchen rollt Jürgs noch einmal die Zeit des Widerstands in Frankreich auf und geht den verschiedenen Kriegsszenarien im besetzten Land nach. Den mit gutem Hintergrundwissen ausgestatteten Bericht liest man mit wachsendem Interesse. Die Endzeit des dritten Reichs mit allen grausamen Verfolgungsarten und Schikanen der feindlichen deutschen Besatzungsmacht und der Kollaborateure wird ja unvergessen in den Archiven der Geschichte aufbewahrt.

Nancy Wake ist die Hauptfigur, doch der Krieg bietet die Kulisse, in der man den Spuren dieser ungewöhnlichen Frau folgt. Ein absolut fesselnder autobiographischer Roman ist dem Autor Michael Jürgs gelungen.

Michael Jürgs
Codename Hélène
320 Seiten, gebunden
C. Bertelsmann Verlag, Oktober 2012
ISBN-10: 3570101428
ISBN-13: 978-3570101421
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Sabine Bories: Wo ist eigentlich Batman, wenn man ihn mal braucht?

Sabine Bories: Wo ist eigentlich Batman, wenn man ihn mal braucht?

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Krankheit mit schwersten Folgen.

Was ist eigentlich eine Rheumatoide Arthritis?
Wer es nicht weiß, wird sich hier orientieren können.

Es handelt sich um eine schmerzhafte Autoimmunkrankheit. Wie das Wort „immun“ schon suggeriert, richten sich die Krankheitserreger gegen das eigene Immunsystem und zerbröseln die Knochen. Wie man sich vorstellen kann, tut das sehr weh!

Sabine B. hat in ihrer Not angefangen, ein iPod-Tagebuch zu schreiben. Das war eine äußerst originelle Idee, denn hier kann sie in Malereien ihr Leiden vergegenständlichen. Mit einem Malprogramm kann man ja auf dem iPod die schönsten Bilder hervorzaubern.

Mit dem traurig- grämlichen Gesichtsausdruck eines Mädchens auf der ersten Seite zeigt uns Sabine Bories nach der kurzen schriftlichen Einführung, wie es ihr so geht. In der Folge zeichnet sie viele Situationen und Stimmungen in Bildern.

Dass es sich um eine Krankengeschichte handelt, ist die eine Seite der Bilderzählung. Eine andere aber spricht über Freundinnen, Ehemann und Feiern, die man zusammen plant und genießt. Blumensträuße kommen an das Krankenbett, und Schwestern und Ärzte werden auf eine sinnhafte und sehr eindringliche Art und Weise karikiert. Gedanken an weitere Operationen spielen eine ebenso große Rolle wie die Befindlichkeiten nach misslungenen Eingriffen.

Die Bilder gewinnen in großen Strichen, jeweils zart oder gröber, Form und Farbe. Sehr klein geschriebene Texte erläutern gelegentlich das eine oder andere Geschehen. Ein Schmerzenstagebuch ist es sicher! Wer aber ein solches Tagebuch schreibt, der kann nicht ganz ohne Humor sein! Genau dieser kommt in der Geschichte nicht zu kurz. Mit Selbstironie und Beobachtungen der Umwelt gelingt der Autorin trotz der schweren Schmerzen eine skurrile, amüsante und auch geistreiche Geschichte, die Herz und Seele berührt.

Der Kranken geht die Puste nicht aus, um in unendlichen Fortsetzungen ihre (Kranken-)und Lebensgeschichte zu erzählen. Heiter, froh, duldsam und gelegentlich zornig ist sie immer bereit, ihr Schicksal zu ertragen und nicht aufzugeben. Man kann ihr gratulieren: zu ihrem Mut, ihrer Tatkraft, ihrem Humor und der beispielhaften Ironie, mit der sie auch den tristesten Erfahrungen, die sie mit ihrer Krankheit machen muss, noch trotzt. Und wo ist Batman, der Held der Rache und Gerechtigkeit?

Sabine Bories zeichnet sich selbst als diese Comicfigur von Bob Kane aus dem Jahr 1939.

Sabine Bories
Wo ist eigentlich Batman, wenn man ihn mal braucht?
176 Seiten, gebunden
Atrium-Verlag, Oktober 2012
ISBN-10: 3855350388
ISBN-13: 978-3855350384
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A.F.Th. van der Heijden: Tonio

A.F.Th. van der Heijden: Tonio

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Trauer!

In unermesslicher Trauer und Beklemmung beginnt der Schriftsteller Th. van der Heijden seine Geschichte eines Requiems, das er dem Tod seines Sohnes gewidmet hat. Tonio ist an einem schönen Frühlingsmorgen im Mai 2010 von einem Auto überfahren worden. Er wäre gerade 22 Jahre alt geworden.

Angefangen von der Unglücksnachricht, die Unglauben verbunden mit der Hoffnung auf Rettung bei den armen Eltern auslöst, lässt der Autor die Jahre von der Geburt bis zum Schuleintritt noch einmal an seinem inneren Auge vorbei ziehen. Der Wechsel von den Gefühlen einer trostlosen Unfassbarkeit mit den frohen Erinnerungen an die Geburt und die ersten Jahre zeigt das Bild einer innigen Zugehörigkeit und tiefen Liebe zu dem einzigen Kind der Eltern.

In einem zweiten Teil geht es um die Jahre des Erwachsenwerdens mit all’ den schwierigen Trennungsproblemen, die das Alter der Adoleszenz mit sich bringt.

In einem unendlichen Reigen von Erinnerungen im Wechsel mit der traurigen Gegenwart erinnert der Autor sich seines Sohnes. Immer wieder treten Szenen des vergangenen Lebens vor das geistige Auge des Erzählers und schieben sich zwischen die Trauer der Gegenwart und die Erinnerungen an die zukunftsorientierte Vergangenheit. Freunde des Jungen werden ausgefragt nach den letzten Tagen und Stunden, und in seiner Spurensuche versucht der Vater zu ergründen, wie es zu dem unfassbar tödlichen Unfall kommen konnte. Die Trauer frisst die Eltern fast auf. Sie können sich einfach nicht an den Gedanken gewöhnen, dass ihr Sohn nie mehr zu ihnen kommen wird. Die versäumten Jahre werden quasi vorweggenommen, um zu zeigen, dass das Paar elternlos und ohne den Trost einer tradierten Weitergabe von Charakter und Gewohnheiten an Enkel und Enkelinnen sterben wird.

A.F. Th. Heijden versucht mit diesem Buch, sich den Kummer von der Seele zu schreiben. Es ist ein langes Requiem für seinen Sohn geworden. Fast sieht es so aus, als könnte ihm das Schreiben zu einer anderen Art von Zusammensein mit dem Sohn verhelfen.

Das Unglück aber ist tief und überschattet fortan den Alltag. Die Erinnerung kann niemals den Schmerz besiegen.

A.F.Th. Heijden
Tonio
671 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag; Auflage, 2. Auflage, November 2011
ISBN-10: 3518422596
ISBN-13: 978-3518422595
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Julie Otsuka: Wovon wir träumten

Julie Otsuka: Wovon wir träumten

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Enttäuschung und Frust gekleidet in feinste Poesie.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts emigrierten Japaner mit der Hoffnung auf eine angenehme Existenz nach Amerika. Ihnen folgten Frauen, die man aus der Ferne mit ihnen verheiratet hatte. Sie stammten aus ärmlichen Verhältnissen und in ihren Träumen nahmen sie ein Leben vorweg, das so nie Wirklichkeit werden konnte. Voller Hoffnungen und Erwartungen gingen sie auf die große Reise und träumten von dem großen Glück. Wie groß ist die Enttäuschung, als sie erkennen müssen, wie entbehrungsreich und armselig ihre Existenz dort sein würde!

Ein schreckliches Kapitel befasst sich mit den ersten sexuellen Erfahrungen, die schockierend und erniedrigend die Frauen zu Lustobjekten ihrer Männer machen. Am Tag wartet harte Arbeit und endlose Eintönigkeit auf die so hoffnungsfroh angereisten Frauen. Vorbei ist die liebevolle Zuwendung der Familie zu Hause, und vorbei sind alle Träume, mit denen die teils sehr jungen Frauen und Mädchen in dem fremden Land angekommen sind.

Der Überfall der Japanischen Armee auf Pearl Harbor während des Zweiten Weltkriegs tut ein Übriges, um Japaner und Japanerinnen für lange Zeit aus der Gesellschaft auszuschließen.

Julie Otsuka hat eine ganz eigene Sprache, mit der sie sich dem Leben dieser Frauen nähert. Sie spricht in der Wirform und zeigt in ihren kurzen Sätzen, wie unterschiedlich doch die Erfahrungen der Einzelnen waren. Die einen sind fröhlich, den anderen ist bange zumute. Trübsal und Verzweiflung sind vorherrschende Elemente in ihrem Gefühlsstau und Enttäuschung hält sich die Waage mit fatalistischem Gehorsam.

Man nimmt die Sprache betroffen wahr, denn sie ist wie eine vorausschauende Vision, in der sie alle gefangen sein werden. Nicht nur die Erwartung auf ein gutes Auskommen wird enttäuscht, auch die Hoffnung auf liebende Männer geht unter, als sie sich mit den Begierden und Rücksichtslosigkeiten ihrer unbekannten Ehemänner konfrontiert sehen. Arbeiten bis zum Umfallen bleibt danach die Devise.

Die feine Sprache und die Diktion des Ausdrucks sind differenziert und einfühlsam in der Widergabe dessen, was den so bereitwillig in die Fremde gereisten Frauen nun geschieht. Es ist ein aufrüttelndes und anspruchsvolles kleines Werk, mit dem sich der Fokus auf die unerwarteten Erlebnisse von jenen Japanern und Japanerinnen richtet, die einstmals mit großen Erwartungen in das ihnen so fremde Land emigriert sind.

Julie Otsuka hat ebenfalls japanische Wurzeln. Sie lebt in New York und gewann 2012 für diesen Roman den PEN/ Faulkner Award.

Julie Otsuka
Wovon wir träumten
160 Seiten, gebunden
Mareverlag, 4. Auflage, Juli 2012
ISBN-10: 3866481799
ISBN-13: 978-3866481794
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A. D. Milier: Die eiskalte Jahreszeit der Liebe

A. D. Milier: Die eiskalte Jahreszeit der Liebe

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Mütterchen Russland ist gar nicht so lieb, wie es sich anhört!

Rasant, flott und äußerst spannend kommt ein Roman daher, dessen Handlung in Moskau im nachkommunistischen Russland angesiedelt ist.

Nick, ein englischer Anwalt, arbeitet in einer Dependance seiner Kanzlei in Moskau. Diese beschäftigt sich mit internationalen Geldgeschäften.
Er ist schon etwas älter, und ihn haben die Abenteuerlust und der Heimatfrust in die Fremde verschlagen.
Hier in der aufstrebenden russischen Gesellschaft mit ihren zahlreichen mafiösen Strukturen hat ihn die Liebe erwischt. Doch kann man den beiden Schwestern Mascha, seiner vermeintlich großen Liebe, und Katja trauen?

Unheimlich ist der Kosak, ein verschlagener und windiger Typ, der immer zur rechten Zeit auftaucht, um Nick aus der Patsche zu helfen oder den Eintritt in einen besonderen Nachtclub zu ermöglichen. Er führt nichts Gutes im Schilde!

Nick gerät unschuldig und naiv in ein Verbrechen, das nur in diesem Land und in dieser Stadt so vorstellbar ist. Mascha und Katja mit einer Tante, die keine ist, sind die Drahtzieherinnen in einem dubiosen Korruptionsdrama.

Anhand der Geschichte von Nick wird einmal mehr erfahrbar, wohin Korruption, Machthunger, Armut und materielle Gier ohne staatliche und gesetzliche Kotrollen führen können. Russland mit all’ seinem Charme, seinen anarchistischen Lebenswelten und dem Leben als Glücksspiel mit Wodka, Mord und Totschlag erfährt in dieser Geschichte eine adäquate Darstellung.
Fast könnte man Mitleid bekommen mit Nick, der so naiv wie einfältig ist und nicht ahnt, welchen Intrigen er aufsitzt in dieser undurchsichtigen und rücksichtslosen Gesellschaft.

Mit eindringlichen Bildern beschreibt Milier das Klima, die Wohnungen, die Begegnungen und die äußeren Charaktere seiner Figuren. Man meint den eisigen Winter und das prickelnde Feuer kalter Luft auf der Haut zu spüren. Die Dunkelheit und die verstaubten Reste ärmlicher Wohnunterbringungen tun ein Übriges, um den Leser ganz in die Atmosphäre des russischen Winters eintauchen zu lassen.

Millier schreibt packend, einfühlsam, drastisch und warmherzig, wie es einem Ausländer in Russland ergehen kann, einem Land, in dem so ganz andere Regeln herrschen als in dem vergleichsweise biederen London oder dem verhältnismäßig angepassten Bürgertum der westlichen Welt.

Großartig gelungen ist das Debüt des jungen englischen Schriftstellers A.D. Milier, der für verschiedene angesehene Buchpreise, u.a. Booker-Preis, vorgeschlagen war.

A.D.Milier
Die eiskalte Jahreszeit der Liebe
288 Seiten, gebunden
S. Fischer Verlag, August 2012
ISBN-10: 3100490193
ISBN-13: 978-3100490193
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Mariam Kühsel-Hussaini: Attentat auf Adam

Mariam Kühsel-Hussaini: Attentat auf Adam

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Religion und Glaube, zweierlei Maß

Auf einer Krankenstation in Jerusalem findet sich der ehemalige katholische Priester Adam Tressdorf benommen wieder. Sein alter Lehrer aus Regensburg, unschwer als Joseph Kardinal Ratzinger zu erkennen, beugt sich über ihn, und sie haben eine kurze Diskussion über den Glauben, dem beide anhängen. Adam allerdings war in eigener Mission hier in Jerusalem und ist bei einem Attentat verletzt worden.

In einer mystifizierenden Sprache meint man zu spüren, wie fragil Fragen des Glaubens zuweilen die Menschen bewegen.

Gespannt folgt man den Einlassungen der einzelnen Kapitel, die mit Sätzen aus den Rollen des Qumran überschrieben sind und sich an Kompositionen von Mozart anlehnen. Auf ein Fragment der Qumranrollen hatte es Adam bei seinem Besuch in Jerusalem abgesehen. Ein Zwischenhändler sollte es ihm übergeben. Bei diesem, dem Juden Daniel Seeliger, findet er Aufnahme und Gastfreundschaft. Im Gespräch zwischen den beiden Männern geht es u.a. um den Islam und das Christentum und den jüdischen Glauben. Es geht um ihre Verschiedenartigkeit und ihre Gemeinsamkeiten.

Die Tochter Seeligers, Nurit, wird zu einer beseligenden Liebeserfahrung für Adam, der früher Mitarbeiter beim Radio Vatikan war. In ihr findet er die Frau seines Herzens.

Die poetische Sprache der Autorin ist noch in Erinnerung durch ihren Roman „Gott im Reiskorn.“ Hier wiederholt sich ihre zarte Ausdruckweise in der Darlegung der tiefen Innerlichkeit der Gefühle zweier Männer, die sich als ehrenwerte Gegenüber erleben.

Wie die Autorin im Vorwort schreibt, ist dieses Buch „nicht für Menschen geeignet, die sich vor Schönheit und Seele, vor Wortrausch und Sprachfülle schützen wollen.“ In der Tat sind die Gefühlsausbrüche und tränenreichen Seelenergüsse nicht jedermanns Sache. Sätze wie “.. diese gegenseitige Hilfe, das packte nach Adams Herzen, schleuderte es in seinem Brustkorb umher…“ S.148 oder“..ihre Küsse verwandelten sich in den Gesang Papagenas…“ S. 150. Auch dieser Satz “neben ihm schlummerte Nurit, die Schwanenschultern leicht hebend und senkend. Der Atem eines Vögelchens kam aus ihrer Brust.“ Das ist alles ein wenig viel und nahe am Kitsch.

Mariam Kühsel-Hussaini ist Nachfahrin einer hoch angesehenen afghanischen Familie. Sie bedient sich einer blumigen und poetischen Sprache, in der sie die Tradition ihrer Vorfahren hoch hält. Mit ihrem neuen Roman beschreibt sie eine Liebesgeschichte, die eingebettet ist in Glaubensfragen und in die von Anschlägen gekennzeichnete Stadt Jerusalem. Sie verbindet Aktualität mit der seelenvollen Liebesgeschichte und tief innerlich erlebten Glaubensfragen.

Mariam Kühsel-Hussaini lebt heute in Berlin.

Mariam Kühsel-Hussaini
Attentat auf Adam
189 Seiten, gebunden
Berlin University Press, August 2012
ISBN-10: 3862800407
ISBN-13: 978-3862800407
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Verliebt, verlobt…verrückt?

Verliebt, verlobt…verrückt?

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Geheimnisse einer glücklichen Ehe…

Wenn eine/einer aus dem Nähkästchen der eigenen „Eheerfahrung“ sprechen möchte noch dazu, wenn die/der Betreffende bekannt ist aus Funk und Fernsehen, macht das durchaus neugierig.

Amelie Fried ist eine sympathische Moderatorin, die man einfach immer sehr nett, freundlich und offen erlebt hat.

Mit ihrem Mann Peter Probst hat sie es gewagt, eine Art Anleitung zum „Glücklichsein“ zu verfassen. Dazu gehört die Schilderung der amüsanten ersten Begegnung ebenso wie die störrische Abwehr, mit der zunächst auf das Ansinnen von „Ehe“ reagiert wurde und die unkonventionell verlaufene Hochzeit der beiden.

Die Partner lieben sich sehr, und das ist ja schon einmal eine sehr wichtige Voraussetzung fürs Gelingen einer Ehe. Eingepackt in den Text kann man erfahren, wie es nicht gut gehen kann: wenn man z.B. falsche Erwartungen koppelt an den Verlust der Selbstbestimmung, dann ist das Ende oder die Langeweile in der Ehe nach diesem Buch schon vorprogrammiert. Abwechselnd sprechen Peter Probst und Amelie Fried über ihre Gemeinsamkeiten, die Akzeptanz der Verschiedenheiten, das Loslassen und die Rollenverteilung in ihrer Ehe. Dass sie eine glückliche Gemeinschaft sind, dringt aus jedem Satz heraus. Selbst die unausbleiblichen Krisen werden zuletzt als Wachstum begriffen. In die Texte der beiden Hauptakteure fließen Interviews mit glücklichen und weniger glücklichen Paaren ein. Die Aufführung einer ganzen Reihe von einschlägigen Sach- und Fachbüchern ergänzen die Analyse einer Ehe, die sicher zu den gelungenen Ausnahmen zählt. Es gehören Klugheit, Reife und der Grundtenor des Wohlwollens zu dieser Ehegemeinschaft. Ohne diese Eigenschaften sind leider doch zahlreiche Ehen vom Untergang bedroht, wenn die Liebe eines guten Tages in Hass umschlägt.

Jeden Tag und jede Lebensphase zu reflektieren, wie es Amelie Fried und ihr Mann Peter Probst offensichtlich gelingt, dazu gehört Wissen und die Erfahrung auch über die Endlichkeit unseres Lebens. Das haben die beiden sehr genau begriffen. Alles Aufbegehren und vermeintliche Verjüngen kann nicht über das unausweichliche Ende aller Dinge hinwegtäuschen. Das klingt in den leicht melancholischgefärbten Sätzen Amelie Frieds über das bevorstehende Alter an.

Leicht und flüssig geschrieben und gelegentlich mit einem Schuss Selbstironie und Humor versehen lassen sich auch die schlechten Tage bewältigen.

Es ist ein kluges, amüsantes und sehr leicht geschriebenes Anleitungsbuch zum Glücklichsein. Beispiele können ja zuweilen sehr hilfreich sein!

Insofern ist dieses Buch ein Lehrbuch für „Fortgeschrittene“, das man jedoch guten Gewissens jedem am Eheleben Interessierten empfehlen kann!

Amelie Fried und Peter Probst
Verliebt, verlobt…verrückt?
240 Seiten, gebunden
Heyne Verlag, September 2012
ISBN-10: 3453195248
ISBN-13: 978-3453195240
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Lionel Shriver: Dieses Leben, das wir haben

Lionel Shriver: Dieses Leben, das wir haben

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Am Scheideweg zum Tod.

Shepherd und Glynis sind ein Paar in der Mitte des Lebens. Er will sich nach dem Verkauf seiner Firma, der einen großen Ertrag brachte, ein gutes Leben machen. Ob seine Frau Glynis, die Kunstschmiedin, das mitmachen will, steht dahin. Denn ehe man an die Veränderungen eines neuen und anderen Lebens denken kann, entdeckt man bei Glynis Krebs, und sie wird schwer krank. All’ das schöne Geld zerrinnt unter den hohen Ausgaben für das amerikanische Gesundheitssystem, und zerrinnen werden auch alle Hoffnungen und Beziehungen, in denen sich das Paar bisher geborgen fühlte.

Neben den eigentlichen Hauptakteuren bilden die Verwandten und Freunde das Umfeld, in dem sich das gesellschaftliche und “normale“ Leben abspielt.

Begleitet von den Kümmernissen und verletzten Lebenshaltungen der Lebenden, stößt Glynis zu der wahren Erkenntnis vor, die ihr niemand mit noch so verlogenen Zurufen nehmen kann: im Angesicht des Todes werden alle irdischen Vorkommnisse in Politik und Gesellschaft nachrangig. Ihre gesunde Reaktion auf die ganz gewöhnlichen Banalitäten des Alltags ist Wut; Wut auch auf ihren Mann, der ihr in seiner aufopferungswilligen Fürsorge fast suspekt erscheint. Sie, die vom Tod gezeichnet ist, erträgt zuweilen seine entsagungsvolle Zuwendung kaum mehr.

Der Durchbruch zur Realität des bevorstehenden Abschieds und seiner Folgen für alle ist die einzige Wahrheit, die in diesem Roman zählt. Sie wird mit harter Konsequenz unsentimental bis zum Ende durchgespielt.

Eine der stärksten Szenen in dem Buch ist der Ausbruch von Glynis, in dem sie die Lügen und den Eigennutz, die Verlogenheit der Tröstungen und die nachlassende Bereitschaft ihrer Freunde und Verwandten, sich ihrer überhaupt noch anzunehmen, herausschreit. Wie aber kann man es denn überhaupt noch jemandem Recht machen, der mit seinem körperlichen und seelischen Zerfallsprozess für die gesamte Umwelt die Grenzen des Erträglichen berührt?

Lionel Shriver hat in ihrem Buch über „Dieses Leben, das wir haben“, kenntnisreich und wissend berichtet. Selten hat man so realistisch, glasklar und hart gelesen, wie es sich anfühlt, zu sterben, wenn um einen herum das Leben weiter geht.

Alle die Eitelkeiten, Sehnsüchte und Pläne, ja selbst das Scheitern anderer Existenzen, sind nur die Begleitmusik zu einem Scheitern ganz anderer Art: nämlich den Tod als unbesiegbar zu erleben.

Lionel Shriver entwirft das Bild einer zerfallenden familiären und freundschaftlichen Gemeinschaft mit allen begleitenden Kalamitäten.

Es ist ein starkes und beeindruckendes Buch, mit dem die Autorin über ein allseits fälliges aber häufig tabuisiertes Thema berichtet.

Sehr empfehlenswert!

Lionel Shriver
Dieses Leben, das wir haben
544 Seiten, broschiert
Piper Taschenbuch, Juni 2012
ISBN-10: 3492274579
ISBN-13: 978-3492274579
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Richard Ford: Kanada

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Von bösen und guten Gelegenheiten zum Scheitern oder zum Überleben.

Dell ist der Held einer Geschichte, in der es um die Abgründe und wechselvollen Schicksale einer kleinen Familie geht.

Mit dem ersten Absatz ist man mitten in einer Erzählung, in der es um einen Banküberfall und um Mord und Totschlag, aber auch um das Leben und die Verirrungen geht, denen ein jeder in seinem Leben anheimfallen kann.

Aus der Sicht des jungen Dell, Zwillingsbruder seiner Schwester Berner, der um 1960 ungefähr fünfzehn Jahre alt ist, schaut man auf seine Eltern, die so gut wie gar nicht zusammenpassen. Man steht im Wahlkampf für John F. Kennedy. Dells Vater ist ganz auf dessen Seite.

Aus einer Zufallsbegegnung ist die Ehe der Eltern zustande gekommen. Von Beginn an ist sie nicht glücklich, denn die beiden passen so gar nicht zusammen. Neeva Parsons ist kopfgesteuert, vernünftig und rational denkend. Bev Parsons aber ist ein Träumer und Schaumschläger, der sein Leben nicht in den Griff bekommt. Er war bei der Air Force und hat vor kurzem seinen Abschied genommen.

Die Familie lebt in einem armseligen Häuschen in Great Falls/Montana.

Wie in einen Strudel zieht Bev seine Frau mit in ein finanzielles Abenteuer, das für beide vernichtend endet.

Nach einem Banküberfall landen die jungen Eltern mit Mitte dreißig im Gefängnis. Berner haut mit ihrem Freund Rudy ins Unbekannte ab. Dell aber gelangt mit Hilfe einer Freundin seiner Mutter nach Kanada. Hier beginnen seine Abenteuer, die ihn durch Einsamkeit, harte Arbeit und dürftige Unterkünfte auf ein Leben vorbereiten, von dem man nicht weiß, wo es ihn hinführen wird.

In Kanada erfährt er Lebensbedingungen, die extrem sind für einen Jungen von 15 Jahren. Er haust in abgelegenen Hütten und ist zwei Männern mit offensichtlich kriminellen Strukturen ausgeliefert. Mit einfachster Arbeit hilft er aus, wo immer er gebraucht wird und geht sein Leben ohne innere Widerstände an. Wunderbare Landschaftsbeschreibungen und atmosphärisch einprägsame Stimmungen begleiten unseren Helden, der seine Unschuld und Offenheit trotz der gravierenden Erlebnisse nicht zu verlieren scheint.

Hervorragend in Konzeption und Aufbau bannt die Geschichte vom ersten Moment an. Dell sieht mit aufmerksamem Blick und feinem Gespür für alles, was von der täglichen Norm abweicht, wie sich um seine Eltern etwas zusammenbraut, das ihn beängstigt. Das große Können Richard Fords lässt uns durch die Augen Dells erfahren, wie es zu den Abwegen und Fehlentwicklungen seiner Eltern kommen konnte, und wie er in seinem eigenen abenteuerlichen Leben in Kanada seinen Weg findet.

Das melancholische und verständnisvolle Ende beleuchtet eine wichtige Erkenntnis, die Dell auf seinem langen Weg zur Normalität gefunden hat. Sie gipfelt in der Einsicht, dass jeder im Leben eine Chance hat, die man nur nutzen muss. Mit Verlusten umgehen und das Gute im Verborgenen finden lernen ist die große Kunst des Lebens.

Man ist fasziniert und hingerissen von den feinen psychologischen Details, mit denen Richard Ford seine Geschichte fort und fort schreibt. Er ist einer der ganz großen Erzähler amerikanischer Herkunft, dessen Erzähltalent ihn in die unendlichen Gefilde ruhmvoller und anerkannter Schriftsteller einreiht.

Richard Ford
Kanada
464 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, August 2012
ISBN-10: 3446240268
ISBN-13: 978-3446240261
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Alain Claude Sulzer: Aus den Fugen

Alain Claude Sulzer: Aus den Fugen

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Abgebrochene Melodie…

Aus den Fugen geraten scheint die Welt der Protagonisten in diesem Roman. Wie strahlenförmig steuern die Schicksale der handelnden Personen auf die Auswirkungen eines Eklats zu, als dessen Folgen sich das bürgerliche Leben mit allem Sein und Schein offenbart.

Die Besucher eines Konzert des berühmten Pianisten Marek Olsberg in der Berliner Philharmonie erleben eine heftige Überraschung, als dieser kurz vor dem Ende der Hammersteinsonate von Beethoven fluchtartig das Podium verlässt, ohne das Konzert zu beenden.

Esther ist mit ihrer vom Ehemann verlassenen Freundin Solveig zu dem Konzert verabredet. Weitere Protagonisten besuchen ebenfalls das Konzert. Johannes, Sophie und ihre Nichte Klara, Claudius und Nico und noch andere mehr sehen sich plötzlich mit einem unbefriedigenden und abgebrochenen Abendprogramm konfrontiert. Sie werden nach und nach in ihren jeweiligen momentanen Lebensphasen skizziert und anlässlich des abgebrochenen Konzertabends tun sich Abgründe auf, von denen man nichts ahnte. Da wird die Untreue eines Ehemannes offenbar, der die Abwesenheit der Frau zu einem eigenen Liebesevent genutzt hat. Ein anderer gibt den Besuch des Konzertes nur vor, um sich seinen Liebesabenteuern zu widmen. Wieder ein anderer sucht Abwechslung mit einem Begleitservice. Die Begegnung mit einer hübschen jungen Dame zeigt unerwartete und ungeahnte  Schicksalsfügungen.

Immer wieder ist es die Liebe, Untreue, Verrat, Verlust und das Misstrauen, die den ganz gewöhnlichen Alltag von Menschen unterhöhlen, die nach außen hin ein geordnetes bürgerliches Leben führen.

Alain Claude Sulzer behandelt in seinen Romanen wiederholt das Thema Homosexualität. Auch hier spielt sie eine Rolle.

Sein Kunsttrick der Gleichsetzung eines Musikstücks mit den „Fugen“, in denen sich das Leben bewegt, ist gekonnt und überzeugend entwickelt. So wie das Klavierstück bricht auch die Geschichte dieser Menschenschicksale urplötzlich ab. Man hat einen Ausschnitt mit bekommen, der die Tragik ungeklärter Verhältnisse aufzeigt, ohne zu erfahren, wie es mit allen weiter geht. Jean Claude Sulzer ist ein guter Erzähler, der den Tiefen menschlicher Schicksale folgt und damit Parabeln auf das Leben entwickelt, die in ihrer individuellen Geschichte Parallelen zu menschlichen Schicksalen überhaupt aufweist.

Alain Claude Sulzer lebt als freier Schriftsteller in Basel und wurde mit einigen anerkannten Preisen für seine Romane ausgezeichnet.

Alain Claude Sulzer
Aus den Fugen
231 Seiten, gebunden
Galiani Berlin, August 2012
ISBN-10: 3869710594
ISBN-13: 978-3869710594
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