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Autor: Claudine Borries

Edward Lewis Wallant: Mr Moonbloom

Edward Lewis Wallant: Mr Moonbloom

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Mikrokosmos einer engen Gemeinschaft

In gemächlichem Ton und mit prägnanten Eindrücken wartet der vorliegende nachgelassene Roman von Edward Lewis Wallant auf.

Norman Moonbloom ist der Mieteintreiber für seinen wohlhabenden Bruder Irwin. Jede Wohnung, in die er hineinschaut, bietet unterschiedliche Lebensläufe, Gewohnheiten und Lebensstandards.

In den recht verkommenen Wohnblocks in Manhattan lauert so manch‘ bedauernswerte Kreatur auf den Mieteintreiber, dem sie mit ihren Lebensgeschichten Mitleid abzuluchsen versuchen. Da wird getrunken und gelitten; Erinnerungen aus dem KZ treiben den einen um, während die anderen sich mühselig durchs Leben schlagen. „Karloffs Dauerwut schien ein wenig zerfasert;“ und „Mit seiner mächtigen gebeugten Gestalt hatten seine ( Kratz‘) Bewegungen die furchteinflößende Erhabenheit eines verletzten Elefanten“. In dieser Weise und so fort beschreibt Norman seine Eindrücke der zahlreichen verkrachten Existenzen, die Irwins Mietshäuser bevölkern. Er nimmt einen jeden ernst und versucht dennoch, seine Arbeit zu vollbringen. Dass einem bei so viel Armut und Einsamkeit nicht gerade froh zumute ist, beweist Norman mit einer müde resignierten Lebenshaltung. Doch auch er ist ein Einsamer, dem man etwas mehr Lebensmut und Zuversicht wünschen würde. Er aber bleibt der ärmliche Versager und ein vom Glück Benachteiligter. Sein Bruder ist der „Macher“, der den kleinen Bruder mit Verachtung und Schikane behandelt. Der ganze Roman endet mit einer fast surrealen Szene, die dem makabren Ganzen die Krone aufsetzt. Hier haben wir es wirklich mit einem bedauernswerten Individuum zu tun, dessen Leben sich in den Niederungen menschlichen Seins verirrt zu haben scheint.

E.L.Wallant zeigt in seinem vorliegenden Roman, wie in jeder Wohnung und in jedem Leben eine ganze eigene Welt an Empfindungen aus Kreuz und Leid zu finden ist. Norman hat ein Ohr für jeden. Doch ist die Last des Lebens schon für ihn selber schwer. Um wie viel schwerer wiegt die zusätzliche Last so vieler anderer Schicksale, denen er die Miete für die ärmlichen Wohnungen abverlangen muss. Minutiös wird aus jedem Leben ein Roman, wenn man denn die Geduld und Sensibilität aufbringt, sich für das Schicksal jedes einzelnen zu interessieren!

Der Autor ist ein früh Vollendeter. Schon mit 36 Jahren verstarb der 1926 geborene Schriftsteller an einem Hirnschlag und hinterließ nur wenige Romane. Er wird in einem Atem genannt mit Saul Bellow, Philip Roth und Norman Mailer. Der vorliegende Roman wurde erst nach seinem Tod 1963 erstmals veröffentlicht. Dem Berlin Verlag gebührt das Verdienst, den Roman in der Übersetzung von Barbara Schaden vorzustellen.

Noch eine Anmerkung sei hier gestattet: es gibt Bücher, die als eBook gut zu lesen sind. Es gibt aber Bücher, die unbedingt als gebundene Ausgabe gelesen werden müssten. Dieses Buch gehört dazu, weil nur diese Form der altmodischen und detaillierten Erzählweise und dem literarischen Wert des gelungenen Werks gerecht wird.

Edward Lewis Wallant
Mr Moonbloom
288 Seiten, gebunden
Berlin Verlag, Oktober 2012
ISBN-10: 382700974X
ISBN-13: 978-3827009746
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Emmanuel Carrére: Limonow

Emmanuel Carrére: Limonow

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Russland der letzten achtzig Jahre war unter Stalin von krassen politischen Unwägbarkeiten gezeichnet und zeigte nach seinem Tod politische Umbrüche, die immense Anforderungen an alle jene stellten, die in dem System überleben wollten.

Eduard Sawenko war einer dieser Lebenskünstler. Er wurde 1942 geboren. Als Sohn eines KGB Offiziers und einer Historikerin  wuchs er in der ukrainischen Stadt Charkow auf. Aus dem eher verschreckten und ängstlichen Kind wurde ein Heranwachsender, den seine eigene Unbedeutendheit kränkte, so dass er sich früh in Künstlerkreise Eingang verschaffte. Aus einer Laune heraus wechseln die Mitglieder dieser Künstlergemeinschaft eines Tages ihre Namen. Eduard nennt sich beziehungsreich Ed Limonow in Anlehnung an Zitrone und Handgranate. Er lebte seit Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Moskau, wo er sich als Arbeiter und Schneider verdingte. Erst später entdeckte er seine schriftstellerischen Fähigkeiten.

Mit feinem Gespür für die jeweiligen turbulenten politischen Absurditäten im Sowjetsystem weiß Limonow die Gunst der Stunde für sich zu nutzen. Von Charkow und einer eher unansehnlichen Geliebten, mit der er es immerhin sieben Jahre lang ausgehalten hat, findet er in Moskau die richtigen Leute und ergeht sich in einer neuen Liebe, während er die alte nach Charkow abschiebt. Immer auf der Suche nach Abenteuern findet er Menschen, die ihm bei seiner Suche behilflich sind. 1974 wurde er aus Russland ausgewiesen und lebte fortan in New York. Von dort geht es über Frankreich nach der Perestroika zurück nach Russland.

Emmanuel  Carrére ist ein begabter Erzähler, der hier als Icherzähler fungiert. Limonow ist sein kumpelhaftes Gegenüber. Mit seinen kritischen Anmerkungen versehen erlebt man das zerrissene Russland mit den nach Stalins Tod wechselnden politischen Systemen, der Korruption, dem Beziehungsklüngel und der Fantasiewelt, in die sich der eine oder andere flüchtet. Limonow schlägt sich wacker durch, immer auf der richtigen Seite und doch auch gegen sie. Seine politische Haltung wechselte von links bis rechts. Mehrfach saß er im Gefängnis und kämpfte in Jugoslawienkrieg auf der Seite des Kriegsverbrechers Karadzic. Überall lebte er sein vitales und an Abenteuern und verrücktem Liebesleben reiches Dasein.

Sehr konzentriert geht Carrére seine Romanbiographie über den wirklichen Limonow an. Er kennt die Namen einflussreicher Künstler und die Mitglieder dieser Gesellschaft aus Hasardeuren, Angebern, Erfolgreichen und Verfolgten. Man taucht tief ein in das russische Gesellschaftssystem, das zwischen Verfolgung und Bewunderung für den rasanten Lebenskünstler Limonow mit seinen wilden Exzesse und Allüren schwankt.

Carrére endet seine Romanbiographie über Limonow mit der Vision eines friedlichen Lebens mit sicherer Rente und Wohlleben für den aufrührerischen Dichter. Dieser jedoch zöge wohl eher das anonyme, entbehrungsreiche Leben in Zentralasien einem friedlichen Leben in einem schönen Park vor.

Carrére behandelt eine Vielzahl von Erlebnissen, rasanten Perspektivwechseln und immer neuen Lebenseinsichten des russischen Dichters. Man steht verwirrt und ratlos vor dieser Romanbiographie mit überreichen Eindrücken. Ein großartiges und wildes Leben hat in Emmanuel Carrére seinen ausgezeichneten Biographen gefunden.

Emmanuel Carrére
Limonow
414 Seiten, gebunden
Matthes & Seitz, August 2012
ISBN-10: 3882219955
ISBN-13: 978-3882219951
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Majella Lenzen: Fürchte Dich nicht

Majella Lenzen: Fürchte Dich nicht

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Katholische Kirche kontra Armut und Not.

Majella Lenzen kehrte 1997 zwei Jahre nach ihrem Austritt aus einem deutschen Kloster nach Afrika zurück. Sie hatte bis 1995 vierzig Jahre als Nonne für die katholische Kirche in Afrika missioniert. Auseinandersetzungen mit dem Orden über die Arbeit in der Aidshilfe hatten sie mehr oder weniger unfreiwillig aus dem Kloster ausscheiden lassen. Jetzt beginnt sie ihre Arbeit für eine weltliche Organisation in dem unterentwickelten Land Tansania.

Mit Sensibilität und ständigem Hinterfragen ihrer Arbeit unter den strengen Regeln des Ordens hatte sie zunächst vorsichtig doch dann immer standfester erkannt, dass die katholische Kirche mit ihrem allgemeingültigen Anspruch auf die richtige Moral und Lebensführung dem alltäglichen Leben in Afrika nicht gerecht zu werden versteht.

Aids ist eine Krankheit, die eng mit sexuellen Verhaltensweisen in Zusammenhang gesehen wird. Sie ist in Afrika weit verbreitet. Einzige Hilfe ist Vorsicht. Kondome als probates Mittel zur Verhütung von Schwangerschaft und dem Schutz vor dieser Krankheit werden von der Kirche abgelehnt. Majella Lenzens Handeln orientierte sich jedoch an der täglich erlebten Realität und nicht an abstrakten Dogmen.

Sie schildert ausführlich die Zustände in den Slums von Tansania oder Simbabwe, wo sie zeitweilig gearbeitet hat. Die Widersprüche in der moralischen Haltung der katholischen Kirche gegenüber den Armen und Kranken dieser jenseits jeder zivilisatorischer und hygienischer Standards existierenden Länder waren für die ehemalige Nonne nicht auszuhalten. In einem langen, inneren Kampf beschließt sie ihren Weg zurück in die bürgerliche Gesellschaft. Wie schwer dieser Weg war, erzählt sie mit bemerkenswerter Offenheit und Klugheit. Ihre Geschichte ist ein Lehrstück über Doppelmoral, Intrige, Gruppenzwang und Selbstfindung. Man staunt darüber, wie weltfremd die katholische Kirche in der dritten Welt agiert und mit ihren dogmatischen Vorstellungen an der Realität vorbei geht. Doch Majellas Austritt aus dem Kloster lässt ahnen, wie schwer ein solcher Schritt ist, da er ihr auch die soziale Absicherung nimmt. Sie kämpft später für die Rechte „Ehemaliger“, tut sich mit Gleichgesinnten zusammen und rechtfertigt anhand von Beispielen ihren Austritt aus dem Orden immer von Neuem.

Mit ihrem eigenen Schicksal zeigt uns Majella Lenzen, wo es der Kirche an Einsicht und Toleranz im gesamten hierarchischen System mangelt.

Aufschlussreich und wichtig ist Majella Lenzens Beitrag, in dem zahlreiche Themenkomplexe wie Armut oder die Mentalitätsunterschiede zwischen schwarz und weiß und arm und reich aufgezeigt werden. Die Krankheit Aids ist ihr Thema ebenso wie die ungute Machtstellung der katholischen Kirche mit ihrem machohaften Gebaren gegenüber Andersdenkenden und Abtrünnigen.

Majella Lenzen hat offensichtlich mit diesen Aufzeichnungen ihrem Herzen Luft gemacht, um endlich ihr Selbstwertgefühl zu dokumentieren und ihren Frieden zu finden.

Majella Lenzen
Fürchte Dich nicht
253 Seiten, gebunden
Dumont Buchverlag, Oktober 2012
ISBN-10: 3832196897
ISBN-13: 978-3832196899
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Michael Jürgs: Codename Hélène

Michael Jürgs: Codename Hélène

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Agententhriller mit Wirklichkeitsgehalt.

Die schöne Nancy Wake stammte aus Neuseeland. Mit 32 Jahren ging sie 1933 über New York und London nach Paris, wo sie sich in feinen Party Kreisen bewegte. Hübsch und abenteuerlustig, trinkfreudig und voller Lebenslust heiratet sie 1939 einen reichen französischen Geschäftsmann. Diese Tatsachen alleine rechtfertigen aber noch keine Biographie über sie!

Nancy Wake wurde jedoch während des zweiten Weltkriegs zu einer der tatkräftigsten, mutigsten und erfolgreichsten Geheimagentinnen Churchills gegen Nazideutschland.

Man folgt der jungen Dame nach Marseille, wo sie reich und verwöhnt von ihrem sehr viel älteren Mann umsorgt wurde. Doch als die Deutschen während des zweiten Weltkriegs den Norden Frankreichs besetzten und danach das Vichyregime zum willigen Helfer der Deutschen wurde, ist sie aus Überzeugung und aus Hass gegen die Verfolger, Unterdrücker und Mörder in den Untergrund gegangen.

In einer abenteuerlichen Flucht kann sie sich mit einigen Mitstreitern nach England absetzen, wo sie sich unter härtesten Bedingungen zur Spionin ausbilden ließ.

Sie genoss den Respekt ihrer Vorgesetzten und Gefährten, weil sie sich unendlich mutig, kaltschnäuzig und mit feinem Gespür für Gefahren bewährte. Ohne die Schönheit der Frauen hätte es nach Jürgs kein ausgedehntes Kuriernetz in Frankreich geben können. Der glamourösen Welt der Frauen konnten weder Freund noch Feind widerstehen.

Seit 1944 ist Nancy Wake unter dem Decknamen Hélène für die Engländer als Agentin in Frankreich tätig.

Mitten im Kriegschaos arbeitet sie sich mit List und Mut durch feindliche Linien und kann immer wieder ihren Häschern entgehen. Von ihren Feinden wird sie „White Mouse“ genannt und intensiv gesucht. Zahlreiche Mitstreiterinnen sind in die Hände des Feindes gefallen und dort unter den grausamen Foltern und Qualen umgekommen.

Michael Jürgs gebührt das Verdienst, Nancy Wake mit diesem Buch ein Denkmal gesetzt zu haben. Er hat hunderte von Dokumenten studiert und ist den Spuren der Agentin gefolgt. Heraus gekommen ist ein wirklich spannender Politthriller. Bei seinen Recherchen rollt Jürgs noch einmal die Zeit des Widerstands in Frankreich auf und geht den verschiedenen Kriegsszenarien im besetzten Land nach. Den mit gutem Hintergrundwissen ausgestatteten Bericht liest man mit wachsendem Interesse. Die Endzeit des dritten Reichs mit allen grausamen Verfolgungsarten und Schikanen der feindlichen deutschen Besatzungsmacht und der Kollaborateure wird ja unvergessen in den Archiven der Geschichte aufbewahrt.

Nancy Wake ist die Hauptfigur, doch der Krieg bietet die Kulisse, in der man den Spuren dieser ungewöhnlichen Frau folgt. Ein absolut fesselnder autobiographischer Roman ist dem Autor Michael Jürgs gelungen.

Michael Jürgs
Codename Hélène
320 Seiten, gebunden
C. Bertelsmann Verlag, Oktober 2012
ISBN-10: 3570101428
ISBN-13: 978-3570101421
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Sabine Bories: Wo ist eigentlich Batman, wenn man ihn mal braucht?

Sabine Bories: Wo ist eigentlich Batman, wenn man ihn mal braucht?

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Krankheit mit schwersten Folgen.

Was ist eigentlich eine Rheumatoide Arthritis?
Wer es nicht weiß, wird sich hier orientieren können.

Es handelt sich um eine schmerzhafte Autoimmunkrankheit. Wie das Wort „immun“ schon suggeriert, richten sich die Krankheitserreger gegen das eigene Immunsystem und zerbröseln die Knochen. Wie man sich vorstellen kann, tut das sehr weh!

Sabine B. hat in ihrer Not angefangen, ein iPod-Tagebuch zu schreiben. Das war eine äußerst originelle Idee, denn hier kann sie in Malereien ihr Leiden vergegenständlichen. Mit einem Malprogramm kann man ja auf dem iPod die schönsten Bilder hervorzaubern.

Mit dem traurig- grämlichen Gesichtsausdruck eines Mädchens auf der ersten Seite zeigt uns Sabine Bories nach der kurzen schriftlichen Einführung, wie es ihr so geht. In der Folge zeichnet sie viele Situationen und Stimmungen in Bildern.

Dass es sich um eine Krankengeschichte handelt, ist die eine Seite der Bilderzählung. Eine andere aber spricht über Freundinnen, Ehemann und Feiern, die man zusammen plant und genießt. Blumensträuße kommen an das Krankenbett, und Schwestern und Ärzte werden auf eine sinnhafte und sehr eindringliche Art und Weise karikiert. Gedanken an weitere Operationen spielen eine ebenso große Rolle wie die Befindlichkeiten nach misslungenen Eingriffen.

Die Bilder gewinnen in großen Strichen, jeweils zart oder gröber, Form und Farbe. Sehr klein geschriebene Texte erläutern gelegentlich das eine oder andere Geschehen. Ein Schmerzenstagebuch ist es sicher! Wer aber ein solches Tagebuch schreibt, der kann nicht ganz ohne Humor sein! Genau dieser kommt in der Geschichte nicht zu kurz. Mit Selbstironie und Beobachtungen der Umwelt gelingt der Autorin trotz der schweren Schmerzen eine skurrile, amüsante und auch geistreiche Geschichte, die Herz und Seele berührt.

Der Kranken geht die Puste nicht aus, um in unendlichen Fortsetzungen ihre (Kranken-)und Lebensgeschichte zu erzählen. Heiter, froh, duldsam und gelegentlich zornig ist sie immer bereit, ihr Schicksal zu ertragen und nicht aufzugeben. Man kann ihr gratulieren: zu ihrem Mut, ihrer Tatkraft, ihrem Humor und der beispielhaften Ironie, mit der sie auch den tristesten Erfahrungen, die sie mit ihrer Krankheit machen muss, noch trotzt. Und wo ist Batman, der Held der Rache und Gerechtigkeit?

Sabine Bories zeichnet sich selbst als diese Comicfigur von Bob Kane aus dem Jahr 1939.

Sabine Bories
Wo ist eigentlich Batman, wenn man ihn mal braucht?
176 Seiten, gebunden
Atrium-Verlag, Oktober 2012
ISBN-10: 3855350388
ISBN-13: 978-3855350384
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A.F.Th. van der Heijden: Tonio

A.F.Th. van der Heijden: Tonio

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Trauer!

In unermesslicher Trauer und Beklemmung beginnt der Schriftsteller Th. van der Heijden seine Geschichte eines Requiems, das er dem Tod seines Sohnes gewidmet hat. Tonio ist an einem schönen Frühlingsmorgen im Mai 2010 von einem Auto überfahren worden. Er wäre gerade 22 Jahre alt geworden.

Angefangen von der Unglücksnachricht, die Unglauben verbunden mit der Hoffnung auf Rettung bei den armen Eltern auslöst, lässt der Autor die Jahre von der Geburt bis zum Schuleintritt noch einmal an seinem inneren Auge vorbei ziehen. Der Wechsel von den Gefühlen einer trostlosen Unfassbarkeit mit den frohen Erinnerungen an die Geburt und die ersten Jahre zeigt das Bild einer innigen Zugehörigkeit und tiefen Liebe zu dem einzigen Kind der Eltern.

In einem zweiten Teil geht es um die Jahre des Erwachsenwerdens mit all’ den schwierigen Trennungsproblemen, die das Alter der Adoleszenz mit sich bringt.

In einem unendlichen Reigen von Erinnerungen im Wechsel mit der traurigen Gegenwart erinnert der Autor sich seines Sohnes. Immer wieder treten Szenen des vergangenen Lebens vor das geistige Auge des Erzählers und schieben sich zwischen die Trauer der Gegenwart und die Erinnerungen an die zukunftsorientierte Vergangenheit. Freunde des Jungen werden ausgefragt nach den letzten Tagen und Stunden, und in seiner Spurensuche versucht der Vater zu ergründen, wie es zu dem unfassbar tödlichen Unfall kommen konnte. Die Trauer frisst die Eltern fast auf. Sie können sich einfach nicht an den Gedanken gewöhnen, dass ihr Sohn nie mehr zu ihnen kommen wird. Die versäumten Jahre werden quasi vorweggenommen, um zu zeigen, dass das Paar elternlos und ohne den Trost einer tradierten Weitergabe von Charakter und Gewohnheiten an Enkel und Enkelinnen sterben wird.

A.F. Th. Heijden versucht mit diesem Buch, sich den Kummer von der Seele zu schreiben. Es ist ein langes Requiem für seinen Sohn geworden. Fast sieht es so aus, als könnte ihm das Schreiben zu einer anderen Art von Zusammensein mit dem Sohn verhelfen.

Das Unglück aber ist tief und überschattet fortan den Alltag. Die Erinnerung kann niemals den Schmerz besiegen.

A.F.Th. Heijden
Tonio
671 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag; Auflage, 2. Auflage, November 2011
ISBN-10: 3518422596
ISBN-13: 978-3518422595
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Julie Otsuka: Wovon wir träumten

Julie Otsuka: Wovon wir träumten

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Enttäuschung und Frust gekleidet in feinste Poesie.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts emigrierten Japaner mit der Hoffnung auf eine angenehme Existenz nach Amerika. Ihnen folgten Frauen, die man aus der Ferne mit ihnen verheiratet hatte. Sie stammten aus ärmlichen Verhältnissen und in ihren Träumen nahmen sie ein Leben vorweg, das so nie Wirklichkeit werden konnte. Voller Hoffnungen und Erwartungen gingen sie auf die große Reise und träumten von dem großen Glück. Wie groß ist die Enttäuschung, als sie erkennen müssen, wie entbehrungsreich und armselig ihre Existenz dort sein würde!

Ein schreckliches Kapitel befasst sich mit den ersten sexuellen Erfahrungen, die schockierend und erniedrigend die Frauen zu Lustobjekten ihrer Männer machen. Am Tag wartet harte Arbeit und endlose Eintönigkeit auf die so hoffnungsfroh angereisten Frauen. Vorbei ist die liebevolle Zuwendung der Familie zu Hause, und vorbei sind alle Träume, mit denen die teils sehr jungen Frauen und Mädchen in dem fremden Land angekommen sind.

Der Überfall der Japanischen Armee auf Pearl Harbor während des Zweiten Weltkriegs tut ein Übriges, um Japaner und Japanerinnen für lange Zeit aus der Gesellschaft auszuschließen.

Julie Otsuka hat eine ganz eigene Sprache, mit der sie sich dem Leben dieser Frauen nähert. Sie spricht in der Wirform und zeigt in ihren kurzen Sätzen, wie unterschiedlich doch die Erfahrungen der Einzelnen waren. Die einen sind fröhlich, den anderen ist bange zumute. Trübsal und Verzweiflung sind vorherrschende Elemente in ihrem Gefühlsstau und Enttäuschung hält sich die Waage mit fatalistischem Gehorsam.

Man nimmt die Sprache betroffen wahr, denn sie ist wie eine vorausschauende Vision, in der sie alle gefangen sein werden. Nicht nur die Erwartung auf ein gutes Auskommen wird enttäuscht, auch die Hoffnung auf liebende Männer geht unter, als sie sich mit den Begierden und Rücksichtslosigkeiten ihrer unbekannten Ehemänner konfrontiert sehen. Arbeiten bis zum Umfallen bleibt danach die Devise.

Die feine Sprache und die Diktion des Ausdrucks sind differenziert und einfühlsam in der Widergabe dessen, was den so bereitwillig in die Fremde gereisten Frauen nun geschieht. Es ist ein aufrüttelndes und anspruchsvolles kleines Werk, mit dem sich der Fokus auf die unerwarteten Erlebnisse von jenen Japanern und Japanerinnen richtet, die einstmals mit großen Erwartungen in das ihnen so fremde Land emigriert sind.

Julie Otsuka hat ebenfalls japanische Wurzeln. Sie lebt in New York und gewann 2012 für diesen Roman den PEN/ Faulkner Award.

Julie Otsuka
Wovon wir träumten
160 Seiten, gebunden
Mareverlag, 4. Auflage, Juli 2012
ISBN-10: 3866481799
ISBN-13: 978-3866481794
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A. D. Milier: Die eiskalte Jahreszeit der Liebe

A. D. Milier: Die eiskalte Jahreszeit der Liebe

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Mütterchen Russland ist gar nicht so lieb, wie es sich anhört!

Rasant, flott und äußerst spannend kommt ein Roman daher, dessen Handlung in Moskau im nachkommunistischen Russland angesiedelt ist.

Nick, ein englischer Anwalt, arbeitet in einer Dependance seiner Kanzlei in Moskau. Diese beschäftigt sich mit internationalen Geldgeschäften.
Er ist schon etwas älter, und ihn haben die Abenteuerlust und der Heimatfrust in die Fremde verschlagen.
Hier in der aufstrebenden russischen Gesellschaft mit ihren zahlreichen mafiösen Strukturen hat ihn die Liebe erwischt. Doch kann man den beiden Schwestern Mascha, seiner vermeintlich großen Liebe, und Katja trauen?

Unheimlich ist der Kosak, ein verschlagener und windiger Typ, der immer zur rechten Zeit auftaucht, um Nick aus der Patsche zu helfen oder den Eintritt in einen besonderen Nachtclub zu ermöglichen. Er führt nichts Gutes im Schilde!

Nick gerät unschuldig und naiv in ein Verbrechen, das nur in diesem Land und in dieser Stadt so vorstellbar ist. Mascha und Katja mit einer Tante, die keine ist, sind die Drahtzieherinnen in einem dubiosen Korruptionsdrama.

Anhand der Geschichte von Nick wird einmal mehr erfahrbar, wohin Korruption, Machthunger, Armut und materielle Gier ohne staatliche und gesetzliche Kotrollen führen können. Russland mit all’ seinem Charme, seinen anarchistischen Lebenswelten und dem Leben als Glücksspiel mit Wodka, Mord und Totschlag erfährt in dieser Geschichte eine adäquate Darstellung.
Fast könnte man Mitleid bekommen mit Nick, der so naiv wie einfältig ist und nicht ahnt, welchen Intrigen er aufsitzt in dieser undurchsichtigen und rücksichtslosen Gesellschaft.

Mit eindringlichen Bildern beschreibt Milier das Klima, die Wohnungen, die Begegnungen und die äußeren Charaktere seiner Figuren. Man meint den eisigen Winter und das prickelnde Feuer kalter Luft auf der Haut zu spüren. Die Dunkelheit und die verstaubten Reste ärmlicher Wohnunterbringungen tun ein Übriges, um den Leser ganz in die Atmosphäre des russischen Winters eintauchen zu lassen.

Millier schreibt packend, einfühlsam, drastisch und warmherzig, wie es einem Ausländer in Russland ergehen kann, einem Land, in dem so ganz andere Regeln herrschen als in dem vergleichsweise biederen London oder dem verhältnismäßig angepassten Bürgertum der westlichen Welt.

Großartig gelungen ist das Debüt des jungen englischen Schriftstellers A.D. Milier, der für verschiedene angesehene Buchpreise, u.a. Booker-Preis, vorgeschlagen war.

A.D.Milier
Die eiskalte Jahreszeit der Liebe
288 Seiten, gebunden
S. Fischer Verlag, August 2012
ISBN-10: 3100490193
ISBN-13: 978-3100490193
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Mariam Kühsel-Hussaini: Attentat auf Adam

Mariam Kühsel-Hussaini: Attentat auf Adam

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Religion und Glaube, zweierlei Maß

Auf einer Krankenstation in Jerusalem findet sich der ehemalige katholische Priester Adam Tressdorf benommen wieder. Sein alter Lehrer aus Regensburg, unschwer als Joseph Kardinal Ratzinger zu erkennen, beugt sich über ihn, und sie haben eine kurze Diskussion über den Glauben, dem beide anhängen. Adam allerdings war in eigener Mission hier in Jerusalem und ist bei einem Attentat verletzt worden.

In einer mystifizierenden Sprache meint man zu spüren, wie fragil Fragen des Glaubens zuweilen die Menschen bewegen.

Gespannt folgt man den Einlassungen der einzelnen Kapitel, die mit Sätzen aus den Rollen des Qumran überschrieben sind und sich an Kompositionen von Mozart anlehnen. Auf ein Fragment der Qumranrollen hatte es Adam bei seinem Besuch in Jerusalem abgesehen. Ein Zwischenhändler sollte es ihm übergeben. Bei diesem, dem Juden Daniel Seeliger, findet er Aufnahme und Gastfreundschaft. Im Gespräch zwischen den beiden Männern geht es u.a. um den Islam und das Christentum und den jüdischen Glauben. Es geht um ihre Verschiedenartigkeit und ihre Gemeinsamkeiten.

Die Tochter Seeligers, Nurit, wird zu einer beseligenden Liebeserfahrung für Adam, der früher Mitarbeiter beim Radio Vatikan war. In ihr findet er die Frau seines Herzens.

Die poetische Sprache der Autorin ist noch in Erinnerung durch ihren Roman „Gott im Reiskorn.“ Hier wiederholt sich ihre zarte Ausdruckweise in der Darlegung der tiefen Innerlichkeit der Gefühle zweier Männer, die sich als ehrenwerte Gegenüber erleben.

Wie die Autorin im Vorwort schreibt, ist dieses Buch „nicht für Menschen geeignet, die sich vor Schönheit und Seele, vor Wortrausch und Sprachfülle schützen wollen.“ In der Tat sind die Gefühlsausbrüche und tränenreichen Seelenergüsse nicht jedermanns Sache. Sätze wie “.. diese gegenseitige Hilfe, das packte nach Adams Herzen, schleuderte es in seinem Brustkorb umher…“ S.148 oder“..ihre Küsse verwandelten sich in den Gesang Papagenas…“ S. 150. Auch dieser Satz “neben ihm schlummerte Nurit, die Schwanenschultern leicht hebend und senkend. Der Atem eines Vögelchens kam aus ihrer Brust.“ Das ist alles ein wenig viel und nahe am Kitsch.

Mariam Kühsel-Hussaini ist Nachfahrin einer hoch angesehenen afghanischen Familie. Sie bedient sich einer blumigen und poetischen Sprache, in der sie die Tradition ihrer Vorfahren hoch hält. Mit ihrem neuen Roman beschreibt sie eine Liebesgeschichte, die eingebettet ist in Glaubensfragen und in die von Anschlägen gekennzeichnete Stadt Jerusalem. Sie verbindet Aktualität mit der seelenvollen Liebesgeschichte und tief innerlich erlebten Glaubensfragen.

Mariam Kühsel-Hussaini lebt heute in Berlin.

Mariam Kühsel-Hussaini
Attentat auf Adam
189 Seiten, gebunden
Berlin University Press, August 2012
ISBN-10: 3862800407
ISBN-13: 978-3862800407
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Verliebt, verlobt…verrückt?

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Geheimnisse einer glücklichen Ehe…

Wenn eine/einer aus dem Nähkästchen der eigenen „Eheerfahrung“ sprechen möchte noch dazu, wenn die/der Betreffende bekannt ist aus Funk und Fernsehen, macht das durchaus neugierig.

Amelie Fried ist eine sympathische Moderatorin, die man einfach immer sehr nett, freundlich und offen erlebt hat.

Mit ihrem Mann Peter Probst hat sie es gewagt, eine Art Anleitung zum „Glücklichsein“ zu verfassen. Dazu gehört die Schilderung der amüsanten ersten Begegnung ebenso wie die störrische Abwehr, mit der zunächst auf das Ansinnen von „Ehe“ reagiert wurde und die unkonventionell verlaufene Hochzeit der beiden.

Die Partner lieben sich sehr, und das ist ja schon einmal eine sehr wichtige Voraussetzung fürs Gelingen einer Ehe. Eingepackt in den Text kann man erfahren, wie es nicht gut gehen kann: wenn man z.B. falsche Erwartungen koppelt an den Verlust der Selbstbestimmung, dann ist das Ende oder die Langeweile in der Ehe nach diesem Buch schon vorprogrammiert. Abwechselnd sprechen Peter Probst und Amelie Fried über ihre Gemeinsamkeiten, die Akzeptanz der Verschiedenheiten, das Loslassen und die Rollenverteilung in ihrer Ehe. Dass sie eine glückliche Gemeinschaft sind, dringt aus jedem Satz heraus. Selbst die unausbleiblichen Krisen werden zuletzt als Wachstum begriffen. In die Texte der beiden Hauptakteure fließen Interviews mit glücklichen und weniger glücklichen Paaren ein. Die Aufführung einer ganzen Reihe von einschlägigen Sach- und Fachbüchern ergänzen die Analyse einer Ehe, die sicher zu den gelungenen Ausnahmen zählt. Es gehören Klugheit, Reife und der Grundtenor des Wohlwollens zu dieser Ehegemeinschaft. Ohne diese Eigenschaften sind leider doch zahlreiche Ehen vom Untergang bedroht, wenn die Liebe eines guten Tages in Hass umschlägt.

Jeden Tag und jede Lebensphase zu reflektieren, wie es Amelie Fried und ihr Mann Peter Probst offensichtlich gelingt, dazu gehört Wissen und die Erfahrung auch über die Endlichkeit unseres Lebens. Das haben die beiden sehr genau begriffen. Alles Aufbegehren und vermeintliche Verjüngen kann nicht über das unausweichliche Ende aller Dinge hinwegtäuschen. Das klingt in den leicht melancholischgefärbten Sätzen Amelie Frieds über das bevorstehende Alter an.

Leicht und flüssig geschrieben und gelegentlich mit einem Schuss Selbstironie und Humor versehen lassen sich auch die schlechten Tage bewältigen.

Es ist ein kluges, amüsantes und sehr leicht geschriebenes Anleitungsbuch zum Glücklichsein. Beispiele können ja zuweilen sehr hilfreich sein!

Insofern ist dieses Buch ein Lehrbuch für „Fortgeschrittene“, das man jedoch guten Gewissens jedem am Eheleben Interessierten empfehlen kann!

Amelie Fried und Peter Probst
Verliebt, verlobt…verrückt?
240 Seiten, gebunden
Heyne Verlag, September 2012
ISBN-10: 3453195248
ISBN-13: 978-3453195240
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