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Autor: Claudine Borries

Italo Svevo: Zenos Gewissen

Italo Svevo: Zenos Gewissen

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Selbstbetrachtungen eines eingebildeten Kranken.

Wohl selten hat ein Dichter mit der gleichen Detailbesessenheit über die letzte Zigarette geschrieben wie Italo Svevo, der mit bürgerlichem Namen Ettore Schmitz hieß. Von James Joyce entdeckt und zu seiner schriftstellerischen Arbeit ermutigt stammen aus seiner Feder die schönsten Romane, in denen er mit Akribie das Innenleben seiner Protagonisten offenlegt.

In diesem Roman heißt der Held Zeno Cosini, der am Leben und seinen inneren Verrenkungen über die Bewertung des Für und Wider seiner Handlungen zu scheitern droht. Auf Geheiß seines Psychoanalytikers schreibt er eine Art Autobiographie, in der er sein Innenleben und seine psychischen Qualen beschreibt.

Zu Beginn liest man auf ca 100 Seiten in dem Roman von Italo Svevo die unmöglichsten Versuche seines Helden, von der gesundheitsschädlichen Zigarette los zu kommen. Er geht sogar in ein Sanatorium, das er auf schnellstem Wege wieder verlässt, denn seine letzte Zigarette ist immer nur die vorletzte. Er schafft es einfach nicht!

Seine Gedanken wandern zurück zu seinem Vater und dem frühen Tod seiner Mutter. Immer windet er sich in Gedanken, ob dieses oder jenes Verhalten richtig oder falsch ist. Mit anderen Worten: wir haben es mit einem ernsthaft schweren Neurotiker zu tun. Und die Psychoanalyse ist es auch, die unseren Autoren und seine Werke innerlich tief durchdringen. Hat doch Italo Svevo zu seiner Zeit die Traumdeutung von Sigmund Freud ins Italienische übersetzt.

Unser Held Zeno Cosini möchte schließlich eine Frau zu seinem Glück finden. Als drei der vier Töchter von Giovanni, seinem Geschäftspartner, Freund und Gönner, ihn nach und nach abweisen, bleibt er an Augusta, der hässlichsten der vier Schwestern, hängen. Und es passiert Unfassliches: er findet sein Glück bei ihr! Rührend kommen seine Ängste zum Ausdruck, wie sehr dieses Glück von der Endlichkeit begrenzt sein wird. Die alten Zweifel verfolgen ihn, doch dann erkennt er: „Ich begriff endlich, was vollkommene menschliche Gesundheit ist, als ich erahnte, dass die Gegenwart für sie, Augusta, eine fassliche Wahrheit war, in der man sich einrichten und es sich bequem machen konnte.“

Doch leider gelingt unserem Helden das nicht!

Er quält sich weiter durchs Leben gepeinigt von Eifersucht, beängstigenden Einbildungen und Vorstellungen, die ihn nie zur Ruhe kommen lassen. Untreue gepaart mit Selbstzweifeln und Eifersucht vergiften sein Leben vom Anfang bis Ende. Wie Italo Svevo sich in seinen Protagonisten hineinversetzt, lässt ahnen, dass er gewisse Erfahrungen selber gemacht haben muss. Von feiner Selbstironie und triftigen Ängsten getragen liest man sich durch diese Abhandlung einer Seelenverirrung, wie sie nirgends besser beschrieben ist. Man ist fasziniert von dem, was kranke Seelen umtreiben kann und liest die fragilen Seelenverrenkungen mit wachsender Aufmerksamkeit. Gilt es doch zu erkennen, dass die eine oder andere Einbildung auch von ganz normalen Sterblichen nachempfunden werden können.

Italo Svevo ist Zeitgenosse von Proust und etwas später auch James Joyce.

Sein herausragendes Werk, das 1929 zum ersten Mal erschienen ist, findet sicher in der Neuübersetzung von Barbara Kleiner wie schon zum früheren Erscheinungszeitpunkt begeisterte Leser!

Italo Svevo
Zenos Gewissen
800 Seiten, gebunden
Manesse Verlag, September 2011
ISBN-10: 3717522264
ISBN-13: 978-3717522263
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Anne Enright: Anatomie einer Affäre

Anne Enright: Anatomie einer Affäre

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Tücken der Liebe und des Zusammenlebens.

Die irische Autorin Anne Enright hat schon mit ihrem Roman „Familientreffen“ gezeigt, dass sie sich auf die tiefsten Gefühle des Menschen versteht. Hier beweist sie ihr psychologisches Feingefühl erneut mit der Liebesaffäre eines ungleichen Paares.

Gina und Sean sind mehr oder weniger zufrieden, eher unzufrieden, mit ihren Ehepartnern, als sie sich auf einer Gartenparty verlieben und sogleich eine besessene Sexaffäre beginnen. Beruflich in der gleichen Firma beschäftigt sehen sie sich täglich. Gina brennt vor Verlangen nach Sean, während er die ganze Geschichte eher cool angeht. Im normalen Berufsalltag merkt man ihnen nichts an, doch sie nutzen jede Gelegenheit, um ihre Sexbesessenheit auszuleben. Jeder Ort und jede Stunde scheinen ihnen recht dafür.

Im ersten Kapitel aber ist schon klar, dass Seans Tochter Evie die Hauptakteurin in diesem Stück einer Familientragödie sein könnte.

Sie entdeckt die beiden Ehebrecher Gina und Sean, als sie sich zum ersten Mal küssten.

In wechselnden Szenen erlebt man Gina zuerst mit ihrem Freund Conor, den sie bald heiraten wird. Sean ist sehr viel älter und wirkt ausnehmend verführerisch, so dass Gina seinem Charme und seiner Verführungskunst erliegt. Spät erst merkt sie, dass sie nicht die einzige Liebe seines Lebens ist. Aber da haben sich beide schon von ihren Ehepartnern getrennt und versuchen ein Zusammenleben, das nicht gelingen kann. Evie mit ihren Allüren und psychischen Krankheiten hat alle und besonders ihren Vater voll im Griff. Sie bleibt die ungekrönte Königin: ein zwölfjähriges Kind, das alle durchschaut und seinem Frust freien Lauf lässt.

Von 2002 bis 2007 reicht die Geschichte und in ihr erlebt man Familienleben mit allen ihren Tücken und Gemeinheiten, wie sie auch im wirklichen Leben zu finden sind. Mütter, Ehemänner, Schwestern,–sie alle sind nicht gerade in großer Liebe vereint, denn jeder denkt nur an sein eigenes Wohlergehen. Am Ende bleiben alle auf der Strecke und einmal mehr zeigt sich, dass „Unrecht Gut nicht gedeihen kann“. Und Anne Enright zeigt auch einmal mehr ihr Talent, den Alltag, die Langeweile und die Sehnsüchte der Menschen zu artikulieren. Insofern stimmt der Titel der „Anatomie einer Affäre“, da sie jedes Detail im zwischenmenschlichen Miteinander unter die Lupe nimmt und der ganz gewöhnliche Alltag zuletzt alle Leidenschaften hinter sich lassen muss.

Anne Enright
Anatomie einer Affäre
320 Seiten, gebunden
Deutsche Verlags-Anstalt
ISBN-10: 3421045402
ISBN-13: 978-3421045409
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Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

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Unübertreffliche Jugendzeit!

In der unübertrefflichen Zeit zum Ende der Kindheit und Schulzeit geht Tony Webster in die letzte Klasse des Gymnasiums. Er bildet einen Freundschaftspakt mit Alex und Colin. Eines Tages kommt Adrian Finn hinzu. Er wirkt überlegen, reif und zurückhaltend. Seine intellektuelle Denkschärfe und das Geheimnis, das seine Herkunft umgibt, macht die anderen drei zu neugierigen Komparsen.

Wie es so ist in der Gruppe der halb erwachsenen Jungen, tauscht man sich aus über die Liebe, die Bücher, den Sex und die Weltanschauung. Neugierig tastet man sich zum anderen Geschlecht vor und bewegt die großen Fragen der Menschheit. Tony, der Icherzähler, gibt sich schüchtern und scheint Adrian zu bewundern. Tonys erste Beziehung zu einem Mädchen ist bald vorbei. Später gesteht ihm Adrian, dass er jetzt mit Veronica „geht“ und erbittet dafür Tonys  Einverständnis.

Wir erleben die Jugendlichen zu Ende der fünfziger und zu Beginn der sechziger Jahre in England, wozu die Diktion von Freundschaftsbeziehungen passt. Alle Beteiligten wechseln bald auf die verschiedenen Universitäten und verlieren sich ein wenig aus den Augen.

Zuletzt ist Tony pensioniert. Er hat eine Ehe und eine Scheidung hinter sich, hat eine erwachsene Tochter und schon Enkelkinder. Da passiert Unvorgesehenes!

Das Vermächtnis einer kleinen Erbschaft zusammen mit einem Brief aus frühen Jugendtagen katapultiert unseren Helden in die Vergangenheit zurück. Auf seiner Suche nach der verlorenen Zeit und der Wahrheit seiner Erinnerungen kommt er zu Erkenntnissen, die sein Selbstbild erheblich in Frage stellen. Hoch reflektiert und getragen von schemenhaften Erinnerungen sucht Tony nach den wahren Ereignissen, die seine Freundschaft mit Adrian und seine frühe erste Liebe mit Veronica betrifft.

Julian Barnes entwickelt seine ganz große Fähigkeit, in reflektierender Weise Vergangenes zu durchleuchten, Gedanken, Visionen und nicht zuletzt kritische Selbsteinsichten zu assoziieren. Diese Form biographischer Erinnerung ist die Stärke eines Autors, der sich auf philosophische und psychologische Gedankengänge versteht.

Hoch aktuell und tiefenscharf sieht sein Held Tony in das vergangene Selbst und muss in Eigenerkenntnis auch die dunklen Seiten seines Charakters ertragen lernen.

Dieser Roman wird die Herzen der Leser erobern!

Julian Barnes bekam 2011 den hoch angesehenen Booker Preis. Er lebt in England.

Julian Barnes
Vom Ende einer Geschichte
231 Seiten, Sondereinband
Kiepenheuer & Witsch, Dezember 2011
ISBN-10: 3462044338
ISBN-13: 978-3462044331
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Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen

Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen

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Im bäuerlichen Umfeld einiger Höfe in der ehemaligen DDR nahe der Westgrenze spielt sich eine Amour fou ab, die es in sich hat.

Man lebt dort noch abgeschieden und einfach kurz nach der Wende im Jahr 1990.

In einem der Dörfer gibt es den Brendelhof. Hier leben die Mitglieder einer großen Familie zusammen unter einem Dach. Sie betreiben den Hof, die Landwirtschaft  und einen kleinen Laden. Maria hat bei ihrem Freund Johannes Unterschlupf gefunden,–weit weg von Mutter und Großeltern in einem Nachbardorf. Johannes ist ihr Freund, der gerade Abitur macht und Großes im Sinn hat. Maria schwänzt die Schule und liest lieber Dostojewski. Sie verliebt sich mit ihren 16 und bald 17 Jahren unsterblich in einen schwierigen und um viele Jahre älteren Mann auf dem Nachbarhof. Heimlich geht sie ihn besuchen und verheimlicht allen Mitbewohnern des Brendelhofes und auch ihrer Mutter ihre leidenschaftliche Liebe zu dem Mann, der sich als Sonderling zeigt.

In einer herben Sprache mit kurzen Sätzen erzählt Daniela Krien vom Landleben und deren Bewohnern. Die Mauer ist gerade gefallen und West- und Ostbürger suchen zaghafte Annäherung. Sehr genau beobachtet die Autorin die Verschiedenartigkeit der Welten in Ost und West und die Erfahrungen einer Vergangenheit, die beide Staaten auf lange Zeit getrennt hat. Doch im Zentrum ihrer Erzählung bleibt die große Liebe und die Schuld, die Maria mit ihrer heimlichen Liebe auf sich lädt. Ihr Freund Johannes, mit dem sie ja Zimmer und Bett teilt, ahnt nichts und ist schier blind in seine Arbeit als angehender Fotograph vertieft. In den Brüdern Karamasow liest Maria immer wieder und findet Trost in den Worten Alexejs, des jüngsten der Brüder Karamasows, der sagte: irgendwann werden wir alle auferstehen und uns wiedersehen und alles erzählen. Ein Ausspruch, der gleichsam als Synonym für ihre eigene Schuld und deren Folgen gelten kann.

Der Debütroman der jungen Autorin Daniela Krien fängt die Atmosphäre des Landlebens und der einfachen Lebensweise mit den Eigenarten ihrer Bewohner in dieser abgelegenen Gegend gekonnt ein. Glaubwürdig verfällt die Protagonistin Maria vollkommen ihrer seltsamen Liebe zu Henner, der nicht nur schwierig ist sondern auch unwiderstehlich anziehend auf das junge Mädchen wirkt.

Mit sich steigernder Spannung vertieft man sich in die Geschichte von Schuld, Verzweiflung und Verstrickung und fiebert dem unerwarteten Ende entgegen.

Daniela Krien
Irgendwann werden wir uns alles erzählen
240 Seiten, gebunden
Graf Verlag, September 2011
ISBN-10: 3862200191
ISBN-13: 978-3862200191
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Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River

Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River

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Edith Wharton hat mit ihrem 1929 erstmals erschienenen Roman ein Künstlerleben erfasst. Es geht um Kunst, Kunstkritik und Dichtung im weitesten Sinn. Wie es in einem Nachwort von Rüdiger Görner heißt, waren sich Künstler in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in New York uneins, ob und wie man mit den zivilisatorischen Veränderungen fertig werden könnte. In der Figur des Vance Weston versinnbildlicht die Autorin den Kontrast zwischen friedlicher Idylle auf dem Land und der schnellen und rasanten Entwicklung in der Stadt der Künste par excellence: New York.

Was soll man tun, wenn man aus einfachen Verhältnissen stammt aber leidenschaftlich für Literatur und Malerei schwärmt?

Nach einer schweren Erkrankung wird Vance Weston zur Erholung aufs Land zu entfernten Verwandten geschickt. Hier lernt er Héloise Spear kennen! Auch sie ist sehr entfernt verwandt mit ihm. Sie ist belesen und gebildet und merkt schon bald, dass Vance begabt und der Dichtung zugewandt ist.

Beide erleben einen wunderschönen Sonnenaufgang mit einander, denn Halo, wie sie genannt wird, ist ebenso schnell zu begeistern wie Vance.

Die Familienverhältnisse aller Parteien sind etwas schwierig zuzuordnen. Halo ist verlobt mit Lewis Tarrant, einem ichbezogenen Intellektuellen, der seine Ideen nicht, wie sie erhofft hatte, mit ihr teilt. In New York betreibt er eine kultivierte Zeitschrift, und durch allerlei Verbindungen stellt sich Vance Weston eines Tages als Redakteur bei ihm vor.

„The Willows“ ist das alte Landhaus am Hudson River, in dem sich Vance und inzwischen Tarrants Ehefrau Halo mehrmals zum Austausch über Bücher einfinden. Hierarchien nach Herkommen und Bildung lassen jedoch ahnen, wie schwer es war, die Leiter nach oben zu erklimmen. Vance Weston scheint es zu gelingen! Er heiratet die entfernte Cousine Laura Lou und freut sich auf ein auskömmliches Leben als Dichter in New York. Doch entwickelt sich nicht alles so günstig, wie er erhofft hat. Seine einfältige aber hübsche Frau Laura Lou bleibt weit hinter seinen Lebensambitionen zurück. Dem jungen Dichter macht die Geldnot arg zu schaffen, denn so schnell geht es mit dem Ruhm nicht voran. Er ist zudem hin und her gerissen in seiner Verehrung für Halo, mit der er in geistigem Gleichklang verkehrt, während ihn die öde Langeweile mit seiner tatenlosen und kränkelnden Frau nervt.

In epischer Breite und mit zahlreichen eindringlichen Details entwickelt die Autorin Edith Wharton die Charaktere ihrer Figuren. Mit ausgedehnten Landschaftsbeschreibungen, im Schwelgen der Natur und anlässlich freundschaftlicher Begegnungen und Gespräche breitet sich das Bild einer illustren und besonderen Gesellschaft vor uns aus.

Kunstvoll und akribisch gestaltet Edith Wharton ihren Entwicklungsroman. Die New Yorker Künstlergesellschaft zeigt den Reichtum, den Ruhm und die Armut in allen Bereichen. Jeder einzelne Charakter zeigt Qualität, Kraft und Originalität.

Dürftige Unterkünfte oder prächtige Wohnräume beleben die Szenen, und gelegentliche Intrigen zeigen die Menschen, wie sie mit allen Facetten nun einmal sind: eifrig, freundlich, missgünstig, liebend, enttäuschend und immer auf der Suche nach dem wahren Glück und dem richtigen Weg. Ein gekonntes und wunderbar den Zeitgeist spiegelndes Meisterwerk liegt mit diesem Roman von Edith Wharton auf Deutsch zum ersten Mal vor.

Sehr lesenswert!

Edith Wharton
Ein altes Haus am Hudson River
624 Seiten, gebunden
Manesse Verlag, Oktober 2011
ISBN-10: 3717522302
ISBN-13: 978-3717522300
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Herman Koch: Sommerhaus mit Swimmingpool

Herman Koch: Sommerhaus mit Swimmingpool

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Wie in seinem Roman „Angerichtet“ zeigt Herman Koch auch in seinem neuen Roman sein Talent, aus zunächst harmlos anmutenden bürgerlichen Existenzen zu den Abgründen des menschlichen Daseins vorzudringen.

Psychologisch subtil und faszinierend eröffnet er seine Geschichte mit Selbstreflexionen des Hauptdarstellers Marc Schlosser. Dieser ist glücklich verheiratet mit Caroline. Sie haben zwei nette Töchter im Teenageralter und leben fröhlich in den Tag hinein. Marc ist Hausarzt und als solcher ein viel beschäftigter Mann. Ralph Meier ist sein Patient und zusammen mit seiner Frau Judith freunden sich die Paare an. Eines Tages lädt Ralph die Familie Schlosser in sein Sommerhaus mit Swimmingpool ein, das sich am Meer in Frankreich befindet. Ralph ist Schauspieler, und gleich zu Beginn der Geschichte muss man erfahren, dass er vor eineinhalb Jahren gestorben ist.

Marc erzählt die Geschichte in der Rückschau, und man blickt gebannt auf das Geschehen, das zu Ralphs Tod geführt hat.

Zuerst sind noch alle froh und feiern häufig nett zusammen. Die beiden Söhne von Ralph und Judith passen genau zu den heranwachsenden Töchtern der Schlossers.

Marc hat tiefgründige Durchblicke, wenn es um Menschen geht, da er als Hausarzt so viele von ihnen mit allen ihren Facetten  und Wehwehchen täglich erlebt. Was sich in den gemeinsamen Ferien im Sommerhaus dann jedoch abspielt sieht anfangs recht freundschaftlich und natürlich aus. Die Beziehungen zwischen den Paaren unter einander sind leicht erotisch angehaucht und erzeugen eine neugierig aufgeheizte Stimmung. Wie Herman Koch dann aber zu dem eigentlichen Plot vordringt, der in einer kuriosen Kriminalgeschichte mit einer Vergewaltigung und zuletzt dem Tod Ralphs endet,  zeigt sein ausgeprägtes dichterisches Können.

Fein beobachtet und scharf gezeichnet zeigt uns der Autor, wie der Mensch irren kann in den Einschätzungen seiner Mitmenschen!

Missverstehen, Argwohn, unkontrollierte Emotionen und Fehlinterpretationen des Verhaltens zwischen Menschen sind überzeugend in die Handlung eingeflossen. Sie wirken echt wie aus dem wirklichen Leben, wenn auch die Handlung als solche nur in ihren äußeren Konturen der Wirklichkeit abgeschaut ist. Das Drama zwischen den Paaren, den heranwachsenden Kindern und einem weiteren sehr ungleichen Paar nimmt eine überraschende Wendung nach der anderen.

Ein spannender Thriller ist dem holländischen Autor Herman Koch erneut gelungen. Sein neuer Roman wird viele begeisterte Leser finden und steht schon lange auf Platz eins der Bestsellerlisten in den Niederlanden.

Herman Koch
Sommerhaus mit Swimmingpool
400 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, November 2011
ISBN-10: 3462043447
ISBN-13: 978-3462043440
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Louis Begley: Schmidts Einsicht

Louis Begley: Schmidts Einsicht

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Lebensschicksale!

In seinem neuen Roman hat Louis Begley die Geschichte von Albert Schmidt, dem Protagonisten aus seinen früheren Romanen „About Schmidt“ und „Schmidts Bewährung“, fortgeschrieben. Die Person seines mittlerweile pensionierten Anwalts Schmidt ist laut Sandra Kegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht, wie man annehmen könnte, eine Art alter Ego Louis Begleys. Schmidt ist eine eigenständige Person. Er ist kein Jude und zeigt unverhohlen gelegentlich antisemitische Gefühlsregungen.

„Schmidtie“ wird er in Freundeskreisen liebevoll genannt. Er ist inzwischen ein rüstiger Siebziger, früh verwitwet und Vater einer erwachsenen Tochter.

Schmidts Tochter Charlotte ist mit dem von Schmidt verhassten Jon Riker verheiratet, einem in seinen Augen geldgierigen jüdischen Scheusal und Abkömmling zweier wenig erfolgreicher Psychoanalytiker. Das Verhältnis zur Tochter und deren neuer Familie ist verheerend. Charlotte begegnet ihrem Vater nur mit Hass und ständigen Geldforderungen. Zu allem Übel hat Carrie, eine Kellnerin und kurzzeitige junge Geliebte von Schmidt, inzwischen geheiratet und erwartet ein Baby. Schmidt hat sie in weiser Einsicht ziehen lassen, da diese Beziehung nicht von Dauer sein konnte.

Als Vorsitzender einer Stiftung, die ihn rund um die Welt führt, und ehemaliges Mitglied einer gut gehenden Kanzlei ist Schmidt sehr wohlhabend. In Paris trifft er die auch schon etwas ältere aber immer noch attraktive Frau seines einstigen Kollegen Tim. Sie haben eine kurze Affäre, von der sich Schmidt viel verspricht, denn er ist einsam. Doch seine Hoffnungen sind trügerisch wie sich später zeigen wird.

In diesem Zustand treffen wir Schmidt in dem neuen Roman von Louis Begley wieder.

Das Anwaltsmilieu, in dem Louis Begley selber lange Zeit tätig war, ist auch Schmidts Milieu. Hier spielen sich berufliche und menschliche Tragödien ab. Man feiert, isst und trinkt zusammen bei allen möglichen Gelegenheiten. Gute Freundschaften haben sich gebildet, eine origineller als die andere. Große Kanzleien mit ihren Riesenumsätzen und den Aufsteigern zu hoch qualifizierten Anwälten bieten den Nährboden, auf dem der Autor seine menschlichen Figuren agieren lässt.

Der Autor erzählt seine Geschichte so realistisch, dass man gebannt dem Schicksal dieses von Leidenschaften, Unglück und Liebessehnsucht geplagten Mannes folgt. Ein weit verzweigtes Panorama des neuenglischen Geldadels, menschlicher Begierden, Enttäuschungen und Tragödien öffnet unseren Blick für das, was sich hinter den Kulissen der New Yorker Gesellschaft abspielt. Glanzvoll zeigt uns der Autor die geheimen Wünsche und Sehnsüchte seiner Protagonisten. Schmidt ist eine vertraute Gestalt, die uns zum Lebensende hin erneut mit seinem klugen Blick und seinem Wunsch nach Harmonie und erfüllender Liebe nach einer  längeren Zeit innerer Nöte anrührt.

Wie immer sind Begleys Protagonisten durchaus fähig, ihre Schicksale zu reflektieren. Lebendigkeit und Gegenwartsnähe zeichnen den Inhalt der Erzählung aus. Keine ältliche oder melancholische Abgeklärtheit spielt hinein sondern eine leichte, dem Leben zugewandte Wendigkeit, die noch jegliche Zukunftshoffnungen möglich erscheinen lassen.

Geschichten aus dem wirklichen Leben sind es, die uns neugierig machen und uns zu stillen Teilhabern einer Handlung werden lassen. Hier ist das gelungen, und man hofft darauf, dass wir vom Schicksal Schmidts noch mehr erfahren dürfen.

Louis Begley
Schmidts Einsicht
415 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag
ISBN-10: 3518422502
ISBN-13: 978-3518422502
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Joe Brainard: Ich erinnere mich

Joe Brainard: Ich erinnere mich

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Erinnerungsfragmente…

Dieses kleine Büchlein mit einer Einführung von Paul Auster wird von diesem in den höchsten Tönen gelobt. Er habe es 1975 für sich entdeckt und fortan immer wieder einmal darin gelesen. Ihn überraschte, dass er die Zeilen jedes Mal wie zum ersten Mal läse. Das Buch stammt von dem Maler und Schriftsteller Joe Brainard, der 1941 in Arkansas geboren wurde und 1994 starb.

Paul Auster hat die in Versatzstücken aufgeführten impressionistischen Erinnerungen von Joe Brainard unter bestimmten Gesichtspunkten thematisiert. So finden sich Themen wie „Grübeleien“, „Geständnisse“, „Witze und Alltagssprache“, „Freunde und Bekannte“ und „autobiographische Fragmente“ in einzelnen Satzgegenständen wieder.

In der Tat gibt es bei Joe Brainard keinen Erzählstrang, der eine kontinuierliche Entwicklung spiegelt. Frei assoziierend beginnt er jeden Satz mit „ich erinnere mich…“, um dann Einzelheiten aus seinem Leben zu erzählen. Es können Solosätze sein oder auch ganze Absätze, in denen der Autor seine Vergangenheit mit auch sehr frühen ersten Erfahrungen wieder gibt. Man wird mit dem Erzählten vertraut, und Joe Brainard eröffnet Blicke in sein Innenleben, die ihn uns näher bringen, als jede Erzählung das könnte.

Schon in frühen Kindheitstagen kreisen seine Gedanken um Sexualität und sein Schwulsein. Ganz banale oder auch glückliche Alltagsereignisse wechseln mit ernsthaften Gedanken, die jedoch nie mit Schwere oder Depression einhergehen. Ein frei assoziiertes Bild mit tausend kleinen Erinnerungsfetzen, zuweilen mit Komik versetzt, fügt sich vor unserem inneren Auge zusammen und bietet Anstöße, sich den eigenen Erinnerungen zu stellen.

Man wird bei Brainard keine Verbitterung, Zorn oder Enttäuschungen finden, sondern eine Vielzahl von flüchtigen oder eindrucksvollen Impressionen und Gefühlen, die er in seinen Erinnerungen heraufbeschwört. „Ich erinnere mich, dass ich überrascht war, wie gelb und wie rot der Herbst tatsächlich ist“ und „ich erinnere mich an Kissenschlachten“.

Joe Brainard war ein bildender Künstler, der in den sechziger Jahren in New York in einschlägigen Künstlerkreisen verkehrte und dort auf anerkennende Raisonance stieß. Befreundet mit Malern und Schriftstellern entwarf er Bühnenbilder, gestaltete Cover für Lyrikeinbände und Plattenhüllen und gehörte zur New York School, in der sich insbesondere Künstler zusammen geschlossen hatten, die den in den vierziger Jahren und bis in die sechziger Jahre hinein praktizierten konservativen Museumsstil ablehnten.

Ich muss gestehen, dass mich die Erzählweise zunächst irritierte, bis ich lernte, sie als Mosaiksteinchen der Impressionen zu betrachten. Man kann in das Buch hineinlesen und darin blättern, einzelne Teile lesen und andere zu einem anderen Zeitpunkt. Man wird durchaus Gewinn daraus ziehen!

Joe Brainard
Ich erinnere mich
160 Seiten, gebunden
Walde+Graf, August 2011
ISBN-10: 303774040X
ISBN-13: 978-3037740408
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Edmund De Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen

Edmund De Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen

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Assimilation und Antisemitismus am Beispiel einer Familienchronik.

Edmund De Waal ist Nachfahre jener berühmten jüdischen Bankiersdynastie Ephrussi, die Mitte des 19. Jahrhunderts von Odessa aus ihren Weg in die Welt antrat. Aus einem kleinen Getreidehandel hatte Charles Joachim Ephrussi 1860 ein riesiges Unternehmen gemacht, das zu den größten Getreideexporteuren der Welt aufstieg. Die Familie schickte ihre Abkömmlinge zunächst nach Wien, andere nach Paris, wo sie eine den de Rothschilds ebenbürtige Bank gründeten.

Von dem Vorfahr Charles Ephrussi, einem gebildeten, hoch interessierten Kunstsammler, Mäzen und Freund Marcel Prousts, erhielt Edmund De Waal eines Tages als dessen Nachfahre 264 Netsuke. Es sind japanische geschnitzte Kleinplastiken, die Charles im Laufe seines Lebens zusammen getragen hatte. Ausgehend von diesen Figuren macht sich Endmund De Waal auf den Weg, seine Familiengeschichte zu erforschen und zu erzählen. De Waal ist selber ein Keramikkünstler, der mit ungewöhnlicher Sensibilität und Genauigkeit den einzelnen Zweigen seiner Familie nachgegangen ist. So ist eine Studie auch über die Entwicklung jüdischer Kaufleute und Bankiers entstanden, die reizvoll und vielversprechend mit vielen Details den Lebenswegen mit Erfolgen und Niederlagen der einzelnen Familienzweige nachgeht. Diese Wege führten von Odessa über Wien, Paris bis nach London und Japan.

Vor uns entfaltet sich die ganze Pracht und Herrlichkeit eines gebildeten, erfolgreichen, kunstbeflissenen, weltläufigen und unermesslich reichen Familienclans. Die Jahre 1871-1899 sind der Kunst und dem Aufstieg des französischen Zweiges der Familie gewidmet. Vielfarbig und detailgenau kann man dem Pariser Gesellschaftsleben folgen und den Künstlern, die mit Charles Ephrussi befreundet waren. Danach sieht man sich in der Familie zunehmend mit einem fortschreitenden Antisemitismus konfrontiert, der zum Ende des Jahrhunderts in der Dreyfusaffäre seinen Höhepunkt fand.

Edmund De Waal hat mit großer Empathie, ungeheurem Interesse und Fleiß die Chronik dieser außergewöhnlichen Familie nachgezeichnet. Sie bietet ein anschauliches Zeitgemälde des im ausgehenden 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gelebten Judentums. Mit dem gesellschaftlichen Wandel und der weitgehend praktizierten Assimilation gelang jüdischen Mitbürgern der Aufstieg zu Wohlstand und Bildung. Gleichzeitig behielt ein unterschwellig bis offen gelebter Antisemitismus weiterhin die Oberhand.

Edmund De Waal zieht als Fazit zum Ende seiner Aufzeichnungen: “Ich habe das etwas mulmige Gefühl des Biographen, mich unbefugt am Rande des Lebens anderer Menschen herumzutreiben. Lass es einfach. Hör auf zu suchen und Dinge aufzuheben, beschwört mich die Stimme. Fahr heim und lass die Geschichten.“

Und genau so ist es: unergründlich und reich an Erfahrungen mit der Vergangenheit verlässt der Autor sein Werk, das er unendlich noch fortführen könnte.

Es ist ein weit gefasstes Panorama, fein ziseliert und tiefgehend erforscht.

Edmund De Waal
Der Hase mit den Bernsteinaugen
352 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag, August 2011
ISBN-10: 3552055568
ISBN-13: 978-3552055568
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Laura Moriarty: Weil wir glücklich waren

Laura Moriarty: Weil wir glücklich waren

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Zerbrochenes Familienglück!

Der Dachdecker lag in Mutters Bett, als unerwartet der Vater nach Hause kommt. Er versteht die Welt nicht mehr! Nach dreißig Ehejahren ist die Trennung der Eltern damit unausweichlich. Sie leben in Kansas City, und der Verkauf des gemeinsamen Hauses lässt nicht lange auf sich warten.

Fazit: die Ehe war schon lange nicht mehr gut und hat die beiden Protagonisten weit voneinander entfernt.

Veronica, die jüngere Tochter, studiert und schlägt sich mit dem Lernen und ihren Freunden herum. Die Krise ihrer Eltern nagt unbewusst an ihrem Dasein. Besonders ihre Mutter hat ihr Gleichgewicht verloren und nervt mit ihren Ratschlägen und diversen Anrufen. Zu beiden Eltern hat Veronica Kontakt und sieht sich immer wieder mit der Sorge ihres Vaters konfrontiert, dass sie ihr Leben nicht geregelt bekommen könnte. Er ist ein erfolgreicher aber cholerischer Anwalt, der allerdings den einzigen Halt bietet, wenn Veronica einmal gar nicht mehr weiter weiß. Ihr Weg an der Uni und mit ihren Freunden ist mit vielerlei Schwierigkeiten  behaftet. Elise, die ältere und verständige Schwester, lebt in Kalifornien als viel beschäftigte Anwältin weit vom Schuss und setzt der Schwester ebenso zu wie die Eltern. Wie findet man aus dieser Krise heraus?

In einem überzeugenden Plädoyer führt Laura Moriarty durch diesen Roman, der den Verlust aller Sicherheit und des Zusammenhalts in der Familie zum Thema hat. Von Glück darf man nicht sprechen, wenn die Mutter schließlich mit ihrem geliebten Hund Bowzer sogar ihre Bleibe verliert und bei der Tochter im Studentenwohnheim unterschlüpft. Traurig ist der Zerfall und der soziale Abstieg, in dem Veronica als Hauptzeugin auftritt.

Vielleicht ein wenig zu weitschweifig gilt der Tenor des Romans der Ungleichheit von Mann und Frau, wenn es um die berufliche Fortentwicklung geht. Auch deshalb drängt der Vater seine Tochter Elise, nach der Geburt eines Kindes ihren Beruf nicht aufzugeben. Gekonnt aber wird das amerikanische Mittelschichtmilieu geschildert, in dem der soziale Aufstieg gleich nahe dem Abstieg liegt.

Der unterhaltsame und gut konzipierte Roman ist absolut lesenswert. Laura Moriarty mag nicht zu den ganz großen amerikanischen Autorinnen gehören, doch zeigt sie ein respektables Erzähltalent. Sie lebt mit ihrer Tochter in Kansas.

Laura Moriarty
Weil wir glücklich waren
400 Seiten, gebunden
Bastei Lübbe, Juni 2011
ISBN-10: 3404160495
ISBN-13: 978-3404160495
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