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Autor: Claudine Borries

Daniel Clowes: Wilson

Daniel Clowes: Wilson

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Die Geschichte eines hässlichen, komischen und anrührenden Sonderlings.

Schon auf dem Buchtitel blickt uns ein grimmiger Wilson mit seiner dicken dunklen Brille entgegen.
Ahnt man nicht schon, dass hier ein Misanthrop und Miesmacher unterwegs ist?
Das einzig Liebenswerte an ihm scheint sein Hund zu sein, der Anlass zu Spaß, Unterhaltung und vor allem Anknüpfung mit seinen Mitmenschen auf seinen Spaziergängen bietet.

Sein erster Satz im Comic heißt: Ich mag Menschen!
Das wird sich erst noch zeigen, wie es damit steht!
Die Geschichte gleicht einer autobiographischen Erzählung, die in der dritten Person verfasst ist.

In Seite um Seite wechselnden Szenen ergeht sich Wilson in Betrachtungen über seine Mitmenschen, sein Befinden und seine Missachtung denjenigen gegenüber, die mit ihm sprechen und ihm ihr eigenes Leid klagen. „Ach, ist das Leben schwer“, meint man ihn die ganze Zeit klagen zu hören. Seine Mutter ist tot, seine Frau ist ihm weggelaufen und nun droht auch noch der Vater zu sterben. Zuweilen sind seine Gedanken melancholisch, um die Melancholie dann wieder mit einem nonchalanten Ausdruck auszulöschen. Dabei entstehen gelegentlich absurde Vorträge, die Nonsens gleichen. Den Tod der Mutter beklagt er, setzt ihn der Tatsache gleich, dass es so sei, als sähe man das Meer nie wieder, um zuletzt festzustellen, dass er das Meer ja vielleicht gar nicht mag… „ach, Scheisse“…

Es bleibt dabei: ob in der Kneipe, auf dem Gehweg mit Hund oder beim Wiedersehen mit ehemaligen Freundinnen: die Klagen über all das Vergangene, die sich verändernde Zeit, die vermaledeiten Computer: es gibt viel zu lamentieren, und Wilson, der hässliche, misanthropische Sonderling verliert nie die Spur und bleibt sich selber treu. Alle Versuche, seiner Frau und seinem vermeintlichem Kind noch näher zu kommen, sind zum Scheitern verurteilt. Er schimpft und strampelt um ein zu erstrebendes Glück, um zuletzt in weiser Einsicht vor den Regentropfen des Fensters zu sitzen. Hier findet er der Weisheit letzten Schluss: es ist doch alles so einfach; man muss es nur erkennen. Fast eine philosophische Einsicht!

Mit großflächigen und kantigen Bildern wird die Geschichte erzählt und mit Text unterlegt, so dass man ein lebhaftes Bild von dem mittelalten Kauz bekommt.

Ein großartiger Zeichner und Erzähler hat sich in diesem Werk verewigt. Glück für alle Comicliebhaber!

Daniel Clowes
Wilson
77 Seiten, gebunden
Eichborn, November 2010
ISBN-10: 3821861282
ISBN-13: 978-3821861289
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Vanessa F. Fogel: Sag es mir

Vanessa F. Fogel: Sag es mir

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Liebe, Krieg und die Folgen…

Oszillierend zwischen Gegenwart und Vergangenheit entwirft Vanessa Fogel in ihrem Debütroman ein Bild ihrer Generation und damit der dritten nach dem Holocaust.

Die Icherzählerin Fela lebt zu Beginn ihrer Geschichte in New York und will mit ihrem Großvater nach Polen reisen, um ihm auf seinen Spuren in die Vergangenheit zu folgen. Über Berlin führt sie der Weg dorthin. Hier hört sie viele Geschichten aus des jüdischen Großvaters Leben als KZ Häftling und über seine Familie, von denen nur wenige den Holocaust überlebt haben. Seine Mutter war schon 1931 gestorben, so dass ihr Grab die einzige Erinnerungsstätte für ihn bleibt. Die Asche aller anderen ist weit verstreut. Mit den Erzählungen des Großvaters begleitet Vanessa ihn auf einer Reise, in der sie über eigene Befindlichkeiten und gegenwärtige Zustände ebenso nachdenkt wie über ihre Kindheit in Israel in den achtziger Jahren.

Sie ist die Tochter einer Deutschen und eines Zionisten, deren Ehe über die bewaffneten Konflikte in Israel zerbricht. Auch Fela erlebte in ihrer Kindheit die Ängste und Schrecken einschlagender Raketen und eine stets gegenwärtige Todesfurcht. Ihr Vater postuliert, dass es den Juden nie wieder so ergehen soll wie im dritten Reich. Mit dieser Aussage bekräftigt der Vater den Überlebenswillen seines Volkes in Zeiten der Kriege und der versuchten Auslöschung des Staates Israel.

Mit der Mutter lebt Fela nach der Trennung ihrer Eltern einen großen Teil ihrer Jugendjahre in New York. Doch die Sehnsucht nach ihrem Bruder Tom und dem Freund ihrer Kindheit  in Israel hält sie innerlich gefangen. In langen Reflexionen gedenkt sie ihres jungen vergangenen Lebens.

Die sehr hübsche, wache und sensible Erzählerin trifft mit ihrem Ton die Stimmung der jüngeren Menschen unter den Juden, die teilweise eine  Heimat in Israel fanden, und teilweise immer auf der Suche nach der wahren Heimat blieben. Die Wurzeln ihrer Vorväter reichen in zahlreiche europäische Länder zurück, aus denen sie als Folge des Zweiten Weltkriegs vertrieben wurden oder den Tod fanden. Mit der Hypothek um das Wissen dieser Vergangenheit sucht auch Vanessa Fogel einen Weg, auf dem sie sich sicher und zu Hause fühlen könnte. Wird das überhaupt möglich sein?

Venessa Fogel hat einen Jugend -und Entwicklungsroman der ganz feinen Sorte geschrieben. Ihre Gedanken sind sensibel, hoch empfindsam, wechselnd zwischen Fragen, Antworten, Phantasien und täglicher Realität. Angerührt und betroffen legt man den Roman beiseite, in dem noch einmal und immer wieder das Schicksal der Juden in aller Welt angesprochen wird. Dass eine persönliche Liebesgeschichte und Adoleszenz hineingestrickt ist, gibt dem Roman die persönliche Note, die ihn so anrührend macht und Empathie auslöst.

Vanessa F. Fogel
Sag es mir
334 Seiten, gebunden
Weissbooks, September 2010
ISBN-10: 3940888583
ISBN-13: 978-3940888587
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Jürgen Todenhöfer: Teile Dein Glück

Jürgen Todenhöfer: Teile Dein Glück

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Gedanken zum Leben und über dies und das…

J. Todenhöfer berichtet in dieser ausführlichen Schrift über seine Gedanken zum Thema Glück und Zufriedenheit. Frei lässt er seine Gedanken schweifen und betont, wie leichtsinnig und unbedacht er in seiner Jugend gelebt hat. Doch scheint der Autor noch heute einem erstaunten Jungen zu gleichen, der die Welt betrachtet und das Unrecht sieht, mit der wir handeln, ohne zu bedenken, wie es unserem Nächsten geht.

Reich an Anekdoten und Beobachtungen im Freundeskreis und im politischen Milieu, zu dem er einst gehörte, zeigt er die Ungerechtigkeiten, die es überall auf der Welt gibt, schaut auf die Eigenheiten von Bürgern bei der Verwirklichung ihrer Ziele und betrachtet den Unsinn, mit denen Kriege angezettelt werden und verloren gehen. Seine Sinnsuche treibt ihn zu weiten Reisen, auf denen er zu neuen Einsichten und Erkenntnissen findet. Er lebt in angenehmem Wohlstand, den er sich redlich erarbeitet hat, und den er durch die Gründung verschiedener Stiftungen mit anderen teilt. Zugleich scheut er sich nicht, über eigene Fehler zu sinnieren, die er nachträglich bereut. Zwischen dem Streben nach dem „guten Menschen“ in sich und dem Eingeständnis der Fehlbarkeit schwanken seine Beobachtungen, mit denen er vielleicht anderen Mut machen will, sich diesen ebenso zu stellen.

Er geht ganz sicher einen sehr eigenen Weg, in dem er seine Überzeugungen in Taten umwandelt. Im politischen Bonn galt Todenhöfer einst als Paradiesvogel. Er selbst bezeichnet sich mehrfach als Träumer, sicher ein liebenswerter, was man nach den hier vorliegenden Anekdoten und Lebensweisheiten wohl glauben mag.

Man gewinnt den Eindruck, dass hier einer gegen die ungerechte Welt aufbegehrt, wohl wissend, dass alleine Kontemplation und Reflexion mit innerer Einkehr keine Wende zum Besseren bringen wird.

Ein wenig gleicht dieses Buch einer Plauderei über dies und das, in der frei assoziierend Vergangenes und Gegenwärtiges zu einem Ganzen verschmolzen wird. Frei flottierend wird über das Universum, das Dasein als Mensch und über Religion ebenso berichtet wie über die bedrohlichen Kriegszustände in aller Welt. J. Todenhöfer ist ein guter Mensch, der guten Willens und von anerkennenswerten Impulsen erfüllt ist, wie man die Welt verbessern könnte. Er predigt Demut und lebt sie z.T. auch, zugleich aber erscheint er mit seinen vermeintlich weisen Einsichten als Moralapostel.

Die Demut hebt sich auf, wenn man bewusst ein Understatement lebt, mit dem man als gutes Beispiel für andere gelten will. Es lässt sich gut Wasser predigen, wenn man Wein trinken kann! Das soll die Anerkennung für gelebtes soziales Miteinander und seine vielen Stiftungen, denen sich Jürgen Todenhöfer verschrieben hat, nicht schmälern.

Jürgen Todenhöfer
Teile Dein Glück
C. Bertelsmann Verlag, November 2010
ISBN-10: 3570100693
ISBN-13: 978-3570100691
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Ranga Yogeshwar: Ach so!

Ranga Yogeshwar: Ach so!

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Reiches Wissen leicht vermittelt!

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar ist unschlagbar in seiner Umtriebigkeit, mit der er komplizierte physikalische Geschehnisse zu erklären vermag.
Mit ausufernder Fantasie begabt, lässt es niemanden kalt, wenn er loslegt und erklärt, warum Klöße schwimmen und warum man brennendes Öl nicht mit Wasser löschen soll; was es mit statischen Aufladungen an Tankstellen auf sich hat und warum ein tonnenschweres Schiff schwimmt!

Man wundert sich, wie viele Dinge unseres täglichen Lebens zu Fragen Anlass geben, ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind. Hier besitzt ein Wissenschaftler die Gabe, alles, was ihm im Alltag begegnet oder auffällt, zu Fragen umzufunktionieren. Ohne die Fähigkeit, sich in das Denken anderer hineinzuversetzen, könnte er nicht alles und jedes auf eine Frage und Antwort hin untersuchen. Wie könnte Ranga Yogeshwar sonst auch die Frage beantworten, warum der Apfel vom Baume fällt?
R. Yogeshwar ist ein unermüdliche Aufklärer, und jedes Kind sollte sein Taschenbuch „Ach so!“ besitzen! Denn niemals ist die Neugierde auf die Welt und ihre vermeintlichen Wunder so groß, wie im Kindsalter. Genau dafür hat R. Yogeschwar immer die kurzen und z.T. auch lustig erklärten Tatsachen bereit. Er weiß nicht nur, über physikalische Ereignisse zu referieren, sondern kennt auch die Seele des Menschen ganz genau. Nur so kann man verstehen, warum er den Placeboeffekt beim Menschen erklären kann.
Es macht Freude, in diesem Büchlein alltäglichen Sachfragen nachzugehen. Die Lust an der Erkenntnis und an immer neuen Denkaufgaben teilt sich dem Leser mit, so dass auch Kinder, die nicht gerne lesen, zum Lesen angeregt werden.

Alles in Allem ist dieses ein kluges, wissensreiches und anschauliches kleines Werk, in dem komprimiert zur Erklärung der Welt beigetragen wird.

Ranga Yogeshwar
Ach so!
297 Seiten, broschiert
Kiepenheuer & Witsch, 18. November 2010
ISBN-10: 3462042653
ISBN-13: 978-3462042658
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Yehan Sadat: Meine Hoffnung auf Frieden

Yehan Sadat: Meine Hoffnung auf Frieden

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Das Manifest einer mutigen und tatkräftigen Frau.

Als der 11.September 2001 mit seinen schrecklichen Folgen über die Menschheit hereinbrach, saß Yehan Sadat in ihrem Haus im Norden Virginias und konnte nicht fassen, was da geschah!

Ihre Erinnerungen tragen sie zurück zum Tag der Ermordung ihres Mannes 1981, der sie in eine ähnlich traumatische Verfassung gebracht hatte. Im Alter von 15 Jahren war sie mit Anwar Sadat verheiratet worden, dem späteren Staatspräsidenten Ägyptens. Es war eine lange und gute Ehe gewesen, die mit seiner Ermordung jäh endete.

Heute lebt, schreibt und lehrt Yehan Sadat abwechselnd in Amerika und Kairo, wo sie spät noch Literaturwissenschaften studierte, promovierte und sich als Friedensbotschafterin und Frauenrechtlerin betätigt.

Mit ihren Friedenshoffnungen, denen Yehan Sadat in ihrem Buch Ausdruck gibt, hat sie zugleich ein Manifest über die langwierigen und widerständigen Friedensbemühungen im Nahen Osten verfasst.

Sie beschreibt in ihrem Buch die vielfältigen Anstrengungen, die schon ihren Mann zu seinen Lebzeiten als Politiker der Friedenssuche ausgezeichnet hatte. Sein Friedensvertrag mit Israel kostete ihn schließlich das Leben, denn der Widerstand gegen eine Aussöhnung mit Israel bestand ja in weiten Kreisen der arabischen Welt fort.

Die Ausführungen Yehan Sadats setzen ein hohes Interesse am Fortgang der politischen Entwicklung im Nahen Osten voraus. Nicht alle Namen der Rebellionen und Ereignisse, die den Friedensprozess behindern, sind uns geläufig.

In einem Vorwort beschreibt der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt, wie sehr er Anwar Sadat vor allen anderen Staatsführern verehrte, da er mit ihm über die großen monotheistischen Religionen sprach. Noah, Abraham, Isaak und Ismael, Moses, Jesus und die jüdischen Propheten, sie alle kommen nach Aussagen in diesem Gespräch auch im Koran vor, so dass man von den gleichen Wurzeln aller drei Religionen sprechen kann.

Yehan Sadat erklärt  in langen Passagen die Intentionen des Islam, und stellt ebenfalls immer wieder die Verbindung zwischen den drei Religionen her. Dabei geht sie dem Friedensgedanken, der Versöhnung und den demokratischen Spielregeln nach, die sie in allen Religionen wieder findet.

Natürlich ist dieses Buch auch eine Hommage an einen geliebten Ehemann, die mit der Einrichtung eines  Anwar- Sadat Lehrstuhls in Kalifornien gekrönt wird.

Yehan Sadat ist eine fromme und sehr kluge Frau, der man glauben kann, dass sie die Dinge mit gerechtem Blick und Zukunftsvisionen sieht. Dass der Islam von Ideologen zu politischen Zwecken und Zielrichtungen missbraucht wird, ist wohl anzunehmen. Yehan Sadat richtet mit ihren Thesen den Blick auf Versöhnung, und der gute Wille, mit dem sie zwischen den Völkern und Religionen vermitteln will, ist glaubwürdig.

Leider hinkt die Realität den gutgläubigen Vorstellungen von Yehan Sadat hinterher.

Sie leistet mit ihren Ausführungen dennoch einen anerkennenswerten Beitrag zur Verständigung zwischen der arabischen und der übrigen Welt.

Yehan Sadat
Meine Hoffnung auf Frieden
250 Seiten, gebunden
Hoffmann und Campe /2009
ISBN-10: 3455501265
ISBN-13: 978-3455501261
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Andreas Maier: Das Zimmer

Andreas Maier: Das Zimmer

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Modernes Leben und Erinnerungen an eine versunkene Zeit.

Andreas Maier beschreibt in einem eigentümlich lakonischen Stil ausführlich ein Familienleben, das skurril, zuweilen witzig, sicher aber zu einem guten Teil nostalgisch zu nennen ist.

Onkel J. ist das Faktotum der Familie Boll, einer Steinmetzfamilie in der Wetterau, genauer gesagt in Friedberg. Um ihn wird sich die Geschichte drehen und damit die anderen Familienmitglieder in Erinnerung um sich scharen.

Der arme Onkel J. ist mit einer Behinderung geboren worden und wird ständig, immer und überall geärgert.  Zu Ende des 2. Weltkrieges war er gerade einmal 14 Jahre alt. Schon immer und bis zu ihrem Tod lebt er bei seiner Mutter. Er bastelt gerne, erledigt kleine Botengänge und Besorgungen für die Steinbruchfirma der Familie, bis ihm sein Schwager später eine Lohnarbeit bei der Post verschafft. Wir schreiben das Jahr 1969.

Der Autor nutzt die Geschichte seines Onkels für einen eindrucksvollen Bericht über die Wetterau und die eigenwilligen Charaktere seiner Familie in den sechziger Jahren. Friedberg, Bad Nauheim und die bewaldete Umgebung sind Orte der Handlung.

Da wird dem Bier schon in den frühen Morgenstunden zugesprochen, das Butterbrot in der Dose, Kino, der Kiosk an der Ecke und das Wirtshaus sind häufig erwähnte Elemente, die sowohl Stimmungen als auch das Wohlbefinden der Bürger gewährleisten. Das letzte Lebensjahr des Onkels bietet den Anlass, um sich einer Zeit zu nähern, die Gemächlichkeit verbreitet und Zufriedenheit signalisiert. Der Onkel ist ein tumber Tor, ein Behinderter, der durch sein Verhalten zur Belustigung seiner Mitmenschen beiträgt. Immerhin durfte er noch Auto fahren lernen und konnte seine einfache Arbeit bei der Post verrichten. Betäubend ist sein Körpergeruch, den der kleine Andreas als ekelerregend und zum Fürchten empfindet.

Sein Auto und seine Polohemden besitzen die gleiche Farbe, die an militärische Tarnfarbe denken lässt. Frauen spielen für Onkel J. eine gewichtige aber schamhafte Rolle, doch traut er sich kaum über Pornohefte und das Frankfurter Bahnhofsviertel hinaus. Andreas Maier schildert diesen Onkel als Unikum, abstoßend und faszinierend zugleich. Er ist die zentrale Figur des Romans, um die sich die Familie und die ganz und gar durchschnittlichen Bürger des  Städtchens scharen.

Das schlichte Leben und die simplen Freuden werden atmosphärisch dicht und genau beschrieben. Man spürt das gemütliche und einfache Dasein am besten in den Worten und Taten der Protagonisten. Die Vorboten des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts lassen Befürchtungen aufkommen, dass es mit der Idylle in der Wetterau bald vorbei sein könnte.

Hinreißende Naturbetrachtungen komplettieren den Eindruck einer verhältnismäßig heilen Welt. Das Rotkehlchen oder ein unvergleichlicher Sonnenuntergang, „den einem niemand nehmen kann, für das ganze Leben nicht“ führen immer wieder zur Atmosphäre des Ländlichen und Beschaulichen.

Der Autor Andreas Maier hat mit diesem Roman eine Familiengeschichte begonnen, in der man unschwer biographische Züge entdeckt, und von der man hofft, dass sie noch fortzuspinnen sein wird.

Andreas Maier
Das Zimmer
203 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, 6. September 2010
ISBN-10: 3518421743
ISBN-13: 978-3518421741
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Colin McAdam: Fall

Colin McAdam: Fall

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Milieustudie aus einem Nobel-Internat in Kanada.

Noel und Julius sind Eliteschüler in einem noblen College in St.Ebury in Kanada. Sie gehören zu den letzten drei Klassen, in denen Jungenüberschuss herrscht. Ihre Fantasien gelten den wenigen Mädchen und hier besonders Fall, einer der reizvollsten und schönsten Töchter aus gutem Hause. Alle befinden sich voll im Übergang von der Jugend zum Erwachsensein. Die Pubertät beherrscht mit allen ihren Nöten das Denken und Fühlen der Jungen und Mädchen.

In einer sehr eigenwilligen Sprachmodulation erfasst Colin McAdam mit seinen knappen, betörenden und von Unsicherheit gekennzeichneten Worten den Ton der Jugendlichen. Man lebt gedrängt in Mehrbettzimmern und kommt sich so näher, als manch’ einem lieb ist.

Noel bleibt der Benachteiligte, der die schöne Fall nicht für sich gewinnen kann, weil diese Julius, den smarten und klugen Diplomatensohn des US Botschafters, bevorzugt. Was für ein Ränkespiel betreibt Noel, der Eigenbrötler und Bücherfreund seinem Freund Julius gegenüber?

Aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben Noel und Julius ihre Erlebnisse und Gefühle. Hinter den beinahe surrealen Assoziationen, die von der Liebe, von den Körpern und Gerüchen der anderen und von ersehnten Begegnungen handeln, spürt man die drängenden Wünsche nach sexueller Annäherung und Erfüllung. Zugleich wird das Internatsleben mit seinen Bedrückungen und Beengungen gezeigt. Die Söhne und Töchter der mehr oder weniger gut gestellten Diplomaten sind dem System von Lernen und Frust ausgesetzt, das zu unwirklichen Handlungen führt. Dass sich in den letzten Teil des Romans unaufdringlich ein Kriminalfall einschleicht, macht die Geschichte spannend. Lange Zeit bleibt man alleine den vagen Erlebnissen und Assoziationen der Schüler überlassen, die zwar atmosphärisch ausgeprägt sind jedoch keinen wirklichen Handlungsstrang versprechen. So bleibt der Eindruck, dass wir es hier mit einer aussagekräftigen Milieustudie zu tun haben, die nicht jedem in seiner leicht gekünstelten Darstellungsvielfalt gefallen wird.

Colin McAdam
Fall
392 Seiten, gebunden
Verlag Klaus Wagenbach
ISBN-10: 3803132339
ISBN-13: 978-3803132338
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Monika Peetz: Die Dienstagsfrauen

Monika Peetz: Die Dienstagsfrauen

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Schicksals- und Trostgemeinschaft

Fünf Frauen reffen sich seit 15 Jahren, seit sie sich in einem Französischkurs getroffen haben, jeden Dienstag in ihrem französischen Lieblingslokal in Köln. Sie sind diesseits und jenseits der vierzig, sind erwachsen geworden und haben sich die Flügel abgestoßen. Von der reichen Apothekergattin über die erfolgreiche Staatsanwältin, der im Heim bei Mann und Kindern gelandeten Ärztin bis zur Designerin und Judith, der kürzlich verwitweten Freundin, krönen sie ihr Zusammensein jedes Jahr mit einer Kurzreise. Dieses Mal will Judith in Erinnerung an ihren Mann Arne auf dem Jakobsweg wandern, und alle machen mit!

Wie es dabei zugeht, das erzählt auf unterhaltsame und leichte Weise Monika Peetz, die jedem Charakter eine eigene Note verleiht. So versetzt man sich in eine Frauengesellschaft, die in ihrer jetzigen Verfassung und dem beruflichen Status nach wohl kaum zusammen gefunden hätten, denn sie sind alle sehr verschieden. Entgegen der allgemeinen Hoffnung auf ein paar Tage Freiheit, reichen die Fangarme des täglichen Allerleis mit Kindern, Mann und Beruf bis weit in die Wanderung hinein. Nun zeigten sich aber auch die Verschiedenartigkeiten der Protagonistinnen, die selber nicht vom Alltag lassen können und auf jeden Hilferuf von zu Hause mit Unruhe regieren.

Je länger sie laufen, je schmerzhafter die Fersen und je unbequemer die Nächte in Gemeinschaftssälen desto intensiver fällt die Bilanz aus über das eigene Leben, das  nicht immer so verlaufen ist, wie man es einst erhofft hatte.

Einerseits beruflicher Erfolg und andererseits missglückte Ehen bilden den Tenor, aus denen sich die Handlung und die Gespräche der fünf speisen.

Monika Peetz bietet eine erheiternde und lockere Lektüre, die nicht ohne Ernsthaftigkeit ist. Gut vorstellbar sind diese Frauenschicksale, von denen jedes seinen eigenen Reiz besitzt. Wie sich alles am Ende fügt, das gibt der Erzählung eine Würze, die für einen humorvollen und glücklichen Ausgang sorgt.

Das Buch wird verfilmt und im ersten Programm ausgestrahlt.

Monika Peetz
Die Dienstagsfrauen
320 Seiten, broschiert
Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462042556
ISBN-13: 978-3462042559
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Anita Shreve: Weil sie sich liebten

Anita Shreve: Weil sie sich liebten

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Unglückliche Folgen einer Jugendverfehlung.

Anita Shreve zieht ihre Krimis in besonderer Weise auf: sie hebt den Fokus der Untat zuerst in den Blick, und bemüht sich danach erst wie im richtigen Leben um Aufklärung über die Hintergründe eines Verbrechens.

Hier veranstalten in einem feinen Eliteinternat in Vermont drei Jungen und ein 14jähriges Mädchen eine sexuelle Orgie, die auf einem Band von einem fünften Täter festgehalten und zur Kenntnis der Schulleitung gebracht wird. Die Bilder sind ekelhaft und der Schulleiter Mike Bordwin ist geschockt. Niemand kann sich einen Reim darauf machen, wie es zu dem Verstoß gegen alle guten Sitten und die Internatsordnung kommen konnte.

In einer strengen Analyse versucht Anita Shreve, Ordnung in das äußere Chaos der Handlung zu bringen. Aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet sie Ehen, Familien und einzelne Personen mit ihren Verbindungen, Neigungen und unglücklich verlaufenden Lebensdaten. Absonderliche Handlungen brechen sich Bahn, und Anita Shreve beschreibt mit klarem Blick das Ausmaß menschlicher Schwächen. Im Alkoholrausch verlieren alle Schranken bürgerlicher Wohlanständigkeit ihre Gültigkeit. Die Tragödie, die Ehen und Beziehungen zwischen ganz normalen Menschen zerstört, fördert geheime Wünsche und Abartigkeiten zu Tage.

Anita Shreve gelingt das Soziogramm einer Jugendgemeinschaft, in der sich Handlungen verselbständigen, und perverse Bedürfnisse ohne Rücksicht auf die Folgen ausgelebt werden.

Charaktere von Eltern und Schülern werden in ihrer Verschiedenartigkeit geschildert, und Schuld, Liebe und Sühne verschwimmen mit einander.

Handlungsabläufe bringen uns einzelne Protagonisten nahe. Gebannt folgt man der Entwicklung, die eine ganze Schule und zuletzt die Stadt in Misskredit bringt, Familien zerstört und Existenzen bedroht.

Der Roman hat unmittelbaren Realitätsbezug und ist somit ein Dokument unserer Zeit. Außerdem zeigt er, was alles möglich ist, und in welcher Weise Medien bei der Verbreitung und Bekanntmachung eines Verbrechens mitwirken, so dass schließlich alle Betroffenen auf der Strecke bleiben.

Anita Shreve schreibt sich mit dieser subtilen Romanhandlung einmal mehr in die Herzen der Krimifreunde.

Anita Shreve
Weil sie sich liebten
353 Seiten, gebunden
Piper, September 2010
ISBN-10: 3492052851
ISBN-13: 978-3492052856
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Ines Geipel: Seelenriss

Ines Geipel: Seelenriss

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Eine Abhandlung.

Ines Geipel beginnt ihre Ausführungen mit dem Untertitel „Depression und Leistungsdruck“ mit dem sehr spektakulären Fall von Robert Enke. Er war Torwart bei Hannover 96, einer der großen Hoffnungen des Fußballs, als er sich im November 2009 das Leben nahm.

Anhand einer Analyse seines Werdegangs zeigt uns die Autorin, dass Ehrgeiz, Stolpersteine in der jugendlichen Entwicklung und Niederlagen die Disposition bieten, die am Ende zur Krankheit „Depression“ führen könnte.

Auch weitere Beispiele aus der nahen Sportgeschichte, insbesondere in der DDR, spiegeln den Leistungsdruck und den Wechsel von Erfolg und Niederlage, mit denen junge  Menschen traktiert werden.

Wieder andere Beispiele befassen sich mit den Folgen des Ersten Weltkriegs, mit dem Verlust von Familienvätern, Söhnen und der Lebensgrundlage von Sicherheit und Zukunft. Alle Komponenten zusammen bilden den Nährboden, auf dem sich die seelische Deformation „Depression“ entwickeln kann.

Am Beispiel des Films „Das weiße Band“ führt die Autorin aus, wie die Folgen archaischer Erziehungsmethoden aussehen, wenn Kinder wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts schikaniert, dressiert, misshandelt und missbraucht werden, bis sie selber zu kleinen, grausamen Tätern mutieren.

Wenn die beschriebenen Lebensbilder auch interessante Abhandlungen zum Thema Depression bieten, können die Fallgeschichten alleine keine ausreichende Erklärung für die Ursachen der Depression sein. Schließlich ist die Gemütskrankheit, wenn auch unter anderem Namen, seit zweitausend Jahren bekannt; Plato, Sokrates und Nietzsche, Schopenhauer und Shakespeares Hamlet, Dürer und viele weitere bekannte Namen lassen sich mit der Krankheit verbinden. Sie hat eine sehr lange Geschichte.

Vielleicht ist der Titel falsch gewählt, denn Einzelschicksale und Fallbeispiele in großer Zahl bieten noch keinen verbindlichen Durchblick zur Thematik der Depression.

Insofern fehlt mir die Struktur in diesem wohl als Sachbuch zu betrachtenden Abriss seelischer Krankheiten, die in vielfachen Formen, mit unterschiedlichen Ursachen und mit gravierenden Folgen für die Betroffenen einhergehen.

Die ehemalige Weltklasse-Sprinterin Ines Geipel floh 1989 aus der DDR in die Bundesrepublik und kennt die Anwendung und Folgen von Doping aus eigener Anschauung.

Sie studierte nach ihrer Flucht aus der DDR Philosophie und Soziologie. Ihr Buch mit den unterschiedlichen Fallbeispielen liest sich leicht und befriedigt die Neugierde über einzelne Sportler, deren Erfolge mit Dopingvorwürfen- und Handlungen und mit der in der DDR praktizierten Talentförderung einhergingen. Als Buch der Fallbeispiele kann man ihre Abhandlung gelten lassen. Weniger oder mehr ist es nicht.

Ines Geipel
Seelenriss
250 Seiten, gebunden
Klett-Cotta, September 2010
ISBN-10: 3608946594
ISBN-13: 978-3608946598
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