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Autor: Claudine Borries

Nicol Ljubic: Meeresstille

Nicol Ljubic: Meeresstille

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Liebe zwischen Krieg und Frieden!

Der Titel des Romans „Meeresstille“ verheißt Wind, Sand, Sterne und Ruhe bei leisem Meeresrauschen.

Im Zentrum einer Betrachtung zwischen Krieg und Frieden stehen Ana und Robert. Etwa im Jahre 2006 studiert Ana in Berlin, als sie Robert kennen lernt, der an der Universität an seiner Dissertation schreibt. Er wurde in Berlin als Deutscher geboren und kennt nicht einmal die Heimat seiner Vorfahren, die in Kroatien lag. Ana hingegen stammt aus Visegrad, einem Örtchen im Osten von Bosnien-Herzegowina. Dort hat der Krieg nach dem Zerfall des Bundesstaates Jugoslawien mit verheerenden Auswirkungen auf die Bevölkerung der Muslime getobt. Ehemalige Nachbarn wurden zu Feinden, und zu Tausenden wurden Muslime von serbischen Milizen verfolgt und auf grausame Weise umgebracht.

Im extremen Kontrast zu liebevollen Szenen am Meer zwischen den zwei Liebenden findet ein Kriegsverbrecherprozess in Den Haag statt. Simic steht vor Gericht: ein hoch gebildeter und angesehener Professor für Anglistik muss sich vor Gericht verantworten. Er ist Serbe und ihm wird die Beteiligung an einem Massaker gegen Muslime vorgeworfen.

Als Prozessbeobachter ist Robert in Den Haag und seine Gedanken wandern immer wieder zu Ana.

Was hat sie im jenem barbarischen Krieg erlebt, von dem sie nichts erzählen will?

Nachdenklich und stimmig sind die Reflexionen von Robert, der die Zusammenhänge zwischen Ana, dem Angeklagten Simic und dem Bosnienkrieg nicht recht erkennen kann. Er ist auf Vermutungen angewiesen, die der Leser mit ihm teilt.

In dem Roman arbeitet Nicol Ljubic die Verknüpfungen zwischen Krieg, Schuld und Sühne heraus und beleuchtet die Verletzungen der Seele, die den Opfern und den Angehörigen auf der einen wie auf der anderen Seite  zugefügt wurden. Hervorragend lässt der Autor die Seiten verschwimmen, so dass zunächst unklar bleibt, bei wem Schuld zu suchen ist, wer sühnen muss, und wer auf welche Weise und wie betroffen ist. In seinem Roman wird die Thematik „Krieg“ auf eine Weise dargelegt, dass sich jeder fragt: gibt es überhaupt einen gerechten Krieg? Jede Seite sieht nur die eigenen Rechte, und verblendet schaut ein jeder nur aus der  eigenen Richtung auf das Kriegsgeschehen. Ganz unbestimmt wird über eine Moral verhandelt, die den Spannungsbogen der Erzählung bestimmt. Der Leser muss selber Stellung beziehen, wie der Krieg und die Schuld eines einzelnen zu beurteilen ist.

Nicol Ljubic ist ein großartiger Erzähler, der diffizile moralische Fragen stellt und zu Antworten herausfordert. Robert, aus dessen Sicht die meiste Zeit berichtet wird, ist feinfühlig und bemüht, Klarheit zu finden in einem diffusen Rollenspiel, mit der die Seiten – und  Sichtwechsel angezeigt werden. Ljubics Stil wechselt von der subjektiven und leidenschaftlichen zur distanzierten Darstellung einzelner Protagonisten. Der Perspektivwechsel ist gewollt und künstlerisch gelungen. Poetische und friedliche Beschreibungen einer schönen und heilen Landschaft und grausame menschliche Kriegshandlungen könnten schärfer nicht herausgekehrt werden.

Ein hoch zu lobender subtiler Roman ist hier entstanden, der zudem noch mit seiner fein gesponnenen, poetischen Sprache bestrickt.

Nicol Ljubic lebt in Berlin und hat mehrfache Auszeichnungen für seine Reportagen erhalten.

Nicol Ljubic
Meeresstille
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Hoffmann und Campe
ISBN-10: 3455401163
ISBN-13: 978-3455401165

Susann Pásztor: Ein fabelhafter Lügner

Susann Pásztor: Ein fabelhafter Lügner

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Familienlegenden mit Komik, Witz und Humor erzählt!

Selten hat mich ein Buch von der ersten Zeile an so fasziniert!

Schon bei den ersten Sätzen spürte man den Witz und Humor und die leicht makabere Inszenierung, mit der das Buch geschrieben wurde.

Da will einer seinen Selbstmord schön ordentlich vollziehen,–und natürlich misslingt ihm das! Um sein Bett versammeln sich ehemalige und gegenwärtige Partnerinnen, die eine schwanger, die andere kurz vor der Niederkunft und die dritte mit einem schon  zehnjährigen Sohn gesegnet. Dieser ist „nicht glücklich“, wie es so schön lakonisch heißt.

In der Kürze der berichteten Kuriositäten schaut ein hintergründiger Witz hervor, der einen sofort gefangen nimmt.

Großvater Jószef Molnár ist der mutmaßliche Vater einer Schar von Kindern verschiedener Frauen. Er ist längst tot, als die Nachfahren seiner Frauen ein Familienfest zu Ehren seines hundertsten Geburtstags beschließen. Erst einmal muss man allerdings alle auffinden! Hanna, Marika und zuletzt Gabor, letzterer schon leicht überdrüssig, finden sich zusammen.

Was zunächst skurril, witzig und amüsant beginnt, das geht in eine gar nicht komische Geschichte über: eine Frau und zwei Kinder von Joschi sind als Juden im Konzentrationslager Auschwitz geendet. Auch Joschi war s. Zt. in Buchenwald.

Niemand durchschaut so ganz, was Wahrheit und was Erfindung ist, denn Joschi betreibt seine eigene Legendenbildung, wozu auch die Frage zählt, ob er Jude war oder nicht. Er ist ein verschmitzter und mit allen Wassern gewaschener Tunichtgut!

Lily, seine Enkelin, wollte eigentlich nur ein Referat über Buchenwald schreiben! Als sie aber dort ankommt, ist es mit der Komik vorbei. Dennoch vermittelt Susann Pasztor aus dem Blickwinkel von Lily eine Familiengeschichte, in der sich Posse, Ulk und Schabernack zusammenfügen. Sie fabuliert über die verwirrende Herkunft aller Beteiligten, von dem Durcheinander und den komischen Zufällen in der Familie mit Schmiss und Charme.

Die Autorin findet den leichten und ernsten Ton, mit dem sie sich als einfallsreiche, frohsinnige und amüsante Erzählerin zeigt. Sie fühlt sich in die Vergangenheit ein und bezaubert mit ihrer Geschichte, die mit dem Talent des Humors bestrickt, ohne den Ernst zu vergessen. So ist das Leben: Tragik, Fröhlichkeit, Lebenslust und unterschiedliche Charaktere finden sich in Familien wieder; Legenden bilden den Hintergrund, auf dem die Geschichten dann weiter erzählt werden. Wer die Gabe hat, die Widersprüchlichkeiten zu begreifen, wird sich an den unterschiedlichen Mentalitäten ergötzen und sein Vergnügen an einem Familienleben der besonderen Art finden.

Susann Pásztor  macht uns bekannt mit einer Familiengeschichte, die ihresgleichen sucht!

Der Debütroman der Autorin, die bisher als Kinderbuchillustratorin gearbeitet hat, wird mit Sicherheit begeisterte Leser finden! Sie betätigt sich in der Nachfolge von I. B. Singer und Andre Kaminski, die mit ihren jüdischen Familiengeschichten unvergessen sind und noch heute gerne gelesen werden.

Susann Pásztor
Ein fabelhafter Lügner
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 346204219X
ISBN-13: 978-3462042191

Veit M. Etzold: Das große Tier

Veit M. Etzold: Das große Tier

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Vernetzung und globale Welt sind Voraussetzung für eine Kriminalgeschichte…
die an die Nieren geht!

Der Leser sei gewarnt: in diesem Krimi geht es wirklich zur Sache. Mit einem resoluten Mord in einer Sylvesternacht, der die Finanzwelt aus den Angeln hebt, beginnt die  grausame Geschichte von heimlichen Finanztransaktionen und rätselhaften Morden. Stuart Hill, der  im Berliner Hotel Adlon tot aufgefunden wurde, war  Chef von Promethean Industries, einem riesigen Konzern für Satellitentechnik. Nach seinem Tod stürzen die Aktien der Firma in den Keller. In Berlin herrscht noch Tage lang ausgelassene Silvesterstimmung. Inzwischen werden hier an verborgenen Orten noch weitere Leichen von mächtigen Managern entdeckt, deren Wunden und Aufbahrung in ihrer Grausamkeit nicht zu überbieten sind und an Ritualmorde denken lassen.

Sohn und Frau eines jungen Anwalts geraten ebenfalls auf unerklärliche Weise ins Visier des Verbrechersyndikats.

Die Drahtzieher der mörderischen Clique werden in der Finanzwelt vermutet, denn es geht wie immer bei großen Wirtschaftskonzernen in den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts um riesige Summen, die mit der Streuung von Gerüchten, Manipulationen und Transaktionen zu  überhöhten Gewinnen und Verlusten führen.

Sarah Jakobs, die junge Hauptkommissarin für Wirtschaftskriminalität am LKA in Berlin, bindet ihren Freund Vincent Wagner, einen Doktoranden der Kunstgeschichte, in ihre Recherche ein.

Sie sind auf einer Spur, die nichts Gutes verheißt.

Viele Darsteller sorgen für Verwirrung und führen erst allmählich zu einer gemeinsamen Spur. Ein Großinvestor sorgt im Hintergrund in geheimer Regie für einen Reigen von Morden und Erpressungen. Ihm auf die Spur zu kommen bedeutet Gefahr und Risiko.

Die Orte der Handlung wechseln zwischen Berlin, New York und  London zu den Finanzmärkten der großen Welt. Stündliche Berichte am Silvestermorgen steigern die Spannung zur Höchstform. Gebannt folgt man den Ereignissen und kann sich lange keinen Reim darauf machen, warum dieser oder jener und nicht ein anderer zu Opfern werden.

Fünf Tage dauert der Spuk, dann ist alles vorbei, und der Leser um einiges Wissen aus der Finanzwelt und geheimen Zirkeln mit höchsten Machtanspruch reicher.

Man sollte sich tunlichst für die Lektüre ein wenig in der Wirtschaft auskennen und eine Ahnung von Insiderhandel, Leerverkäufen, Hedgefonds und Kenntnisse im Investment Banking aufweisen. Die fesselnde Handlung, fantasievoll und intelligent ausgedacht und zusammengefügt, führt unmittelbar in eine monströse und heimlich agierende Unterwelt, in der es um griechische Gottheiten und eine uralte Vereinigung geht, die „seit Jahrtausenden auf ihr Ziel hinarbeitet“, wie es im Klappentext heißt. Renaissancemalerei und griechische Mythologie sind ebenso gefragt wie das Wissen um Auswüchse in der katholischen Kirche.

Gruseln pur ist gewährleistet, und für Krimifreunde ist der Roman einfach ein „Muss“!

Veit M. Etzold
Das große Tier
Broschiert: 496 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462042149
ISBN-13: 978-3462042146

Albert Camus: Hochzeit des Lichts

Albert Camus: Hochzeit des Lichts

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Poetische Einsichten.

Albert Camus, 1913 in Algerien geboren und 1960 in Frankreich tödlich verunglückt, wurde bekannt als einer der Vordenker des Existenzialismus in Frankreich, der ihn für kurze Zeit mit J. P. Sartre zusammengeführt hat. Seine bekanntesten Werke „Die Pest“ und „Der Fremde“ zeigen ihn in seinem Denken von einer deutlich düsteren und nihilistischen Seite.

Der vorliegende Band mit essayistischen Studien bietet hingegen das Bild eines Mannes von Mitte zwanzig, der in Gefühl und Ausdruck tief durchdrungen ist vom Glück des Seins. Sprache und Empfinden bilden eine Einheit, die von reicher und überschäumender poetischer Kraft ist. Sinnlich tief durchdrungen von der Wärme, dem Licht, den Farben und den Düften seiner Heimat Algerien meint man, die Lebenskraft des jungen Mannes und sein Glück in der innigen Verbundenheit mit der Natur zu spüren. Aus dem Hymnus an Demeter zitiert er: „Glücklich der Sterbliche auf Erden, der diese Dinge sah“. Und weiter „es ist keine Schande, glücklich zu sein“.

In seiner philosophischen Gedankenwelt befasst sich der Autor mit der Eigenwahrnehmung, die ihm umgeben von Naturschönheiten am besten gelingt. Der erste Teil  des Buches „Hochzeit des Lichts “ ist von einzigartiger Schönheit in der Wiedergabe der ihn umspielenden Empfindungen und Glücksmomente.

Ein mit „Die Wüste“ überschriebenes weiteres Kapitel befasst sich mit den Künstlern und der Landschaft in Italien. Sätze wie diese: “Lebenslust, Hass und Liebe kommen aus der Tiefe des Menschen und formen das Antlitz seines Schicksals“ werden in Beziehung gesetzt zu einem Bild der Grablegung des Renaissancemalers Giottino und rühren in seiner Erkenntnis der urmenschlichen Bedürfnisse an unser Innerstes. Wer die Toskana kennt und ihre Künstler liebt, dem wird das Herz aufgehen bei der Beschreibung, mit der Camus Land und Leute in ihren Gleichnissen einfängt. Das Glück zu erkennen und sich dessen bewusst zu werden ist eine der Botschaften, die einen mit diesen Essays erreichen. Tief, scharf und empfindsam schreibt hier einer über Gott und die Welt, und er bietet Einblicke in sein philosophisches Denken.

Man möchte dieses kleine Werk jedem empfehlen, der Sinn und Verstand für den Klang von echter Poesie hat! Er wird ein Kleinod finden! 1936 und 1938 erstmals veröffentlich  ist die Niederschrift nun in der ausgezeichneten Übersetzung von  Peter Gran und Monique Lang im Arche Verlag wieder aufgelegt worden.

1957 erhielt Albert Camus für sein Gesamtwerk den Nobelpreis für Literatur.

Albert Camus
Hochzeit des Lichts
Gebundene Ausgabe: 169 Seiten
Arche Verlag, Neuausgabe Dezember 2009
ISBN-10: 3716026344
ISBN-13: 978-3716026342

Assaf Gavron: Ein schönes Attentat

Assaf Gavron: Ein schönes Attentat

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An einem schönen Morgen fliegt in Tel Aviv ein Bus in die Luft, und Eitan Einoch preist sich glücklich, dass er den Bus zuvor verlassen hat. Er ist ein erfolgreicher IT Fachmann, der noch einen verdächtigen Mann mit Kleidersack und Wollmütze in den Bus einsteigen sah. Giora Gueta, ein anderer junger Mann, hat in böser Vorahnung Einoch eine Botschaft an seine Freundin mit gegeben, als dieser den Bus verlassen hat.

Später fragt sich Einoch, ob er die anderen nicht hätte warnen sollen. Wie er es auch dreht und wendet: jede Warnung hätte zum spontanen Auslösen des Zünders geführt, denn dem Attentäter war Zeit und Stunde für sein Vorhaben egal. Weitere Attentate folgen und Einoch entgeht wie durch ein Wunder wiederholt dem Tod. Er wird zur Berühmtheit in Funk und Fernsehen, weil man vermutet, er könne das Schicksal vorhersehen.

Was ihn aber besonders interessiert: Was wollte der junge Giora Gueta in Jerusalem? Eitan lernt dessen hübsche Freundin kennen und findet heraus, dass niemand etwas von Gioras Reise nach Jerusalem wusste.

Eingepackt in eine Überraschungs-Story aus Liebe, Berufserfolg, Auftragsmord und Eifersucht verfolgt der Autor Assaf Gavron die Problematik der zwischen Israel und Palästina schwelenden Konflikte.

Mit Zeitlupenblick beginnt er seine Geschichte.

Täglich passieren Explosionen, sterben Menschen, junge, alte und Kinder. Keiner weiß, wenn er am Morgen zur Arbeit fährt, ob er am Abend gesund nach Hause kommen wird. Die Atmosphäre der täglichen Angst ist unüberhörbar.

Nebenan in den Gebieten um Israel leben Palästinenser in ihren Notunterkünften, vertrieben aus ihren Städten und Dörfern und sinnen auf  Gegenwehr. Einer von ihnen ist Fahmi Sabih, der auf einer Krankenstation im Koma liegt und als Drahtzieher zahlreicher Attentate gilt.

Eine unhaltbare Lage auf beiden Seiten der Kriegszonen führen zu Hass und Rache.

Das Verdienst liberaler und aufgeklärter israelischer Schriftsteller liegt in der Fähigkeit, sich in die eine und die andere Seite hineinzuversetzen. Auf diese Weise wird der Nahostkonflikt in seiner ganzen ausweglosen Grausamkeit nachvollziehbar. Barbarisch kämpfen hier zwei Lager darum, zu überleben. Mit biblischen Ausmaßen wird die tägliche und fast apokalyptische Tragödie aufgezeigt. Die Erzählung ist nicht witzig, wie auf dem Klappentexte vermerkt ist, sondern höchst dramatisch und gelegentlich sehr traurig. Die Figuren haben alle ihre Eigenheiten und sind aus der Nähe betrachtet Menschen wie du und ich. Sie verfangen sich im Netz der aufgerichteten Schranken und sehen sich als Gegner, ohne wirklich zu wissen, was der andere empfindet und denkt.

In einem Experiment hat der bekannte Dirigent und Pianist Daniel Barenboim das West- Eastern Divan Orchestra gegründet. Hier spielten junge Israelis, Palästinenser aus den besetzten Gebieten und eine Reihe von Musikern anderer arabischer Staaten in dem berühmten Ramallah Konzert zusammen. Nach dem Konzert und zurück in ihren Heimatländern zerfiel der freundliche Zusammenhalt. Es zeigte sich erneut, wie unüberbückbar sich die verfeindeten Seiten gegenüber stehen.

Über den Zustand von räumlicher Nähe und innerer Trennung berichtet Assaf Gavron in seinem Roman mit Empathie und Verständnis. Er gilt in Israel als Bestsellerautor.

Assaf Gavron
Ein schönes Attentat
Taschenbuch: 352 Seiten
btb Verlag, Januar 2010)
ISBN-10: 3442740088
ISBN-13: 978-3442740086

J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen

J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen

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Kultbuch und literarisches Kleinod.

Nach dem Tod von Jerome David Salinger, abgekürzt und bekannter unter dem Namen J.D. Salinger, der mit 92 Jahren vor kurzem gestorben ist, überschlugen sich die Feuilletons der großen Zeitungen mit Nachrufen auf den berühmten Autor. Ist doch sein bekanntestes Buch „Der Fänger im Roggen“ in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts zum Kultbuch der Jugend der westlichen Welt, vor allem aber in Amerika geworden. Eine ganze Generation von jungen Menschen fanden sich in der Hauptfigur des Holden Caulfied wieder. Ähnlich wie der Schauspieler James Dean verkörperte der Held von „Der Fänger im Roggen“, den aufmüpfigen und widerspenstigen Helden, der die Erwachsenenwelt mit ihren Lügen durchschaut und gegen sie rebelliert.

Holden ist 17 Jahre alt, als er wieder einmal, wie schon einige Male zuvor, von der Schule fliegt. Sein schnodderiger Jugendjargon durchzieht das Buch von der ersten bis zur letzten Zeile. Er widerspricht allen, misstraut vielen und in seinem ununterbrochenen Redefluss erzählt er von seinen Eindrücken über Mitschüler, Lehrer und Geschwister. Seine jüngste Schwester liebt er, seinen ältesten Bruder bewundert er, und den nächsten Bruder betrauert er, denn er starb an Leukämie.

In seiner so vermeintlich coolen Weltbetrachtung bekommen fast alle ihr Fett weg. Ob es die Pickel des älteren Mitschülers sind, die Arroganz oder die vermeintlichen „Weibererfolge“ von anderen, -er lässt kaum ein gutes Haar an ihnen. Aber man spürt, wie er sich  nach Liebe sehnt, und dass er sich aus seiner Haut nicht befreien kann. Ganz versteckt hört man den rührenden Satz: „Ich bin so verdammt einsam“.

Und das ist es wohl: noch nicht erwachsen und kein Kind mehr spiegelt die Erzählung die wechselvollen Gefühle, denen man sich mitten in der Teenagerphase, um das Wort  „Pubertät“ zu vermeiden, ausgesetzt sieht.

Der Roman ist für Jugendliche wie Erwachsene gleichermaßen geeignet.

J. D. Salinger hat nach diesem großen Erfolg nie wieder einen vergleichbaren Roman veröffentlicht. Als junger Mensch hübsch und ansehnlich, war er am Ende ein verknitterter alter Mann, der auf einem der letzten Fotos misstrauisch in die Welt schaut. Er lebte zurückgezogen und misanthropisch bis zu seinem Tode auf seinem Landgut in Cornich, New Hampshire.

J.D. Salinger
Der Fänger im Roggen
Taschenbuch: 269 Seiten
Verlag: Rowohlt Tb. 9. Auflage, Januar 2004
ISBN-10: 3499235390
ISBN-13: 978-3499235399

Jay Parini: Ein russischer Sommer

Jay Parini: Ein russischer Sommer

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Soziogramm einer ungewöhnlichen Ehe.

Jay Parini, der amerikanische Literaturwissenschaftler aus Vermont, hat den letzten Sommer Tolstois in einem biographischen Roman beschrieben und zu einem ausdrucksstarken Bild zusammengefügt. Er bediente sich für seinen Roman der Aufzeichnungen verschiedener Weggefährten, von Freunden, dem Arzt und der Frau Tolstois und einiger seiner Kinder. Daraus ist eine kaleidoskopartige Reportage über das letzte Lebensjahr Tolstois entstanden.

Zerstritten und ruiniert präsentiert Jay Parini  die Ehe zwischen Leo Tolstoi (1828 -1910) und seiner Frau Sofia Andrejewna (1844 -1919), die am Ende des gemeinsamen Lebens fünfzig Jahre währte.

Im Jahr 1910, dem letzten Lebensjahr von Leo Tolstoi, erlebt man einen erschöpften, von Vasallen, Freunden und Sekretären umgebenen Dichterfürsten auf seinem Landgut Jasnaja Poljana. Er leidet sichtlich unter dem Gezänk seiner Frau Sofia.  Mit seinen Romanen „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ ist ihm der Durchbruch gelungen, der ihn zu einem der berühmtesten Schriftsteller der Welt machte. Die Romane brachten ihm Ruhm, Ehre und Anerkennung und stürzten ihn zugleich in eine schwere Sinnkrise. Er begann sich für Sozialreformen zu interessieren, reiste viel und erkannte die Nöte der armen Bauern. Tolstoi ist der Meister der Darstellung russischen Lebens Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts. Malerisch, bunt, laut und urwüchsig sieht man in seinen Werken das Volk mit seinen sozialen und hierarchisch angelegten Strukturen, bis die Revolution  von 1917 ihre Schatten voraus wirft und das ganze gesellige Leben in den Strudel des stalinistische Untergangs hineinziehen wird.

Seine Frau Sofia Andrejewna hat nur die besten Erinnerungen an ihre erste Begegnung mit dem stattlichen und schönen Grafen Leo Tolstoi. Statt ihrer Schwester Lisa wählt er sie zur Frau! Sie ist stolz und überglücklich. Bald schon nach der Eheschließung weicht ihr Entzücken der Enttäuschung, denn Leo ist ein launischer, Frauen verachtender und den Ausschweifungen ergebener Despot. In ihrer  nachgelassenen Erzählung  “Eine Frage der Schuld“ hat sie so manche Anekdote zur Erhellung ihrer Ehegeschichte aufgezeichnet. Das dramatische letzte Lebensjahr Tolstois wird höchst lebendig, wenn Parini einzelne Figuren in dem Reigen um den Dichter zu Wort kommen lässt.

Am Ende seines Lebens ähnelt Tolstois Ehefrau in dieser Darstellung eher einer Besitz ergreifenden Megäre denn einer liebenden Gattin. Sie wird von manchen gefürchtet und von anderen gehasst, sogar von der eigenen Tochter. Sofia hatte ihrem Mann 13 Kinder geboren und viele Male den Roman „Krieg und Frieden“ per Hand abgeschrieben. Jetzt fühlt sie sich abgeschoben und zu Unrecht entmachtet und enterbt.

Parini schreibt mit Leidenschaft und hohem Kenntnisstand. Die letzte Passage seines Romans gilt der Trauerfeier und Beerdigung Tolstois. Ohne Pomp und große Aufwendung, gefeiert und geehrt vom russischen Volk und gefürchtet vom Zaren wird er „ohne falsches Lob, leere Zeremonien oder törichte Verstellung“ auf seinem Gut zu Grabe getragen.

In seinem Roman zeichnet Parini die Charaktere aus verschiedenen Blickwinkeln einzelner nach, und das Gefüge einer fünfzigjährigen Ehe bekommt Risse und Scharten. Intrigen, Argwohn und Misstrauen dominieren die Beziehung und man glaubt den Beteuerungen Sofias nicht, dass es die reine Liebe ist, mit der sie ihren Leo umgibt. Am Ende entzieht sich Tolstoi ihrer Nähe.

Das Soziogramm dieser ungewöhnlichen Ehe und das Leben des Dichters, der in wechselnden Stimmungen mit sich und seiner Umgebung im Streit liegt, zeigt sich in dieser Erzählung bedrückend klar und scharf.

Barbara Rojahn-Deyk ist die hervorragende Übersetzerin.

Unter der Regie von Michael Hoffman ist das Buch 2009 mit der unvergesslichen Helen Mirren verfilmt worden.

Jay Parini
Ein russischer Sommer
Broschiert: 328 Seiten
Verlag: C.H. Beck, Januar 2010
ISBN-10: 3406593496
ISBN-13: 978-3406593499

Paul Torday: Charlie Summers

Paul Torday: Charlie Summers

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Charlie Summers ist ein Hochstapler!

Mit Unverfrorenheit und Chuzpe nähert er sich in Frankreich zwei englischen Freunden, die dort zum Urlaub und Golfspielen verabredet waren.

Hector Chetwode- Talbot, genannt Eck, und sein Freund Henry Newark sind einigermaßen überrascht, als sich der schmuddelig aussehende Charlie Summers aufdringlich an ihre Fersen heftet.

Zurück in England nimmt Summers die Gelegenheit wahr, um einer leicht dahingesagten und nicht ernst gemeinte Einladung auf das Gut von Lord Newark zu folgen. Er nistet sich bald darauf in dem kleinen unansehnlichen Ort Stanton St.Mary in der Nähe von Stanton Hall ein, um von dort aus seine dubiosen Geschäfte mit angeblich aus Japan stammendem Hundefutter zu starten.

Inzwischen geht Eck seinen ebenfalls undurchsichtigen Geschäften mit Hedgefonds nach. Nachdem er die Armee verlassen hatte, war ihm ein Freund behilflich, ins Finanzgeschäft einzusteigen.

Was Summers im Kleinen tut, das veranstaltet Eck in großem Stil: er schafft mit seinen Beziehungen die Kontakte zu potenziellen Großanlegern. Nach und nach dämmert ihm, dass er bei Geschäftskontakten behilflich ist, die zu kriminellen Machenschaften bei der Anlage großer Summen führen.

Bankencrash und Finanzblasen, Freundschaften, Verrat an ihnen, die Liebe und unsaubere Geschäfte vereint Paul Torday zu einem spannenden Gesellschaftsbild, in dem Al Qaida und die Wirtschaftskrise von Ferne drohen und in dem sich der luderige Zeitgeist des 21. Jahrhunderts spiegelt.

Der Autor ist ein famoser Erzähler. Mit Witz, trockenem Humor und ironischen Betrachtungen nimmt er sich aktuellen Themen der Zeit an. Die Generosität der guten englischen Gesellschaft erfährt bei allem finanziellen Desaster Würdigung. Paul Torday legt in seinen Erzählungen den Finger auf Wunden gesellschaftlichen Wildwuchses und überzieht und karikiert damit aktuelle Zeitströmungen.

Nach seinem Roman „ Lachsfischen im  Jemen“ ist ihm erneut ein humorvoll und spannend  geschriebener Roman gelungen!

Paul Torday 
Charlie Summers
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Berlin Verlag
ISBN-10: 3827008832
ISBN-13: 978-3827008831

Martin Suter: Der Koch

Martin Suter: Der Koch

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Wirtschaftskrise und der Kleingeist: eine Zusammenführung.

Wirtschaftskrise, Asylantenprobleme, Kochkünste und die Liebe; eine gute Mischung für einen intelligenten Thriller.

Martin Suter gelingt es immer wieder, mit neuen und überraschenden Sujets in seinen Büchern aufzuwarten.

Hier scheint es zunächst um das richtige Kochen, besser gesagt um die tamilische Küche, die Schmackhaftigkeit und die exquisite Gewürzmischung bei der Zubereitung der besonderen Küche zu gehen.

Dieser Plot wird nach allen Regeln der Kunst garniert mit Wirtschaftskrise, Politikintrigen, anrüchigen Begleitdiensten schöner Frauen und der Welt der großen und kleinen Gauner und Betrüger.

Wir schreiben das Jahr 2008.

Als Asylant ist Maravan vor dem Krieg aus Sri Lanka nach Zürich geflohen, wo er sich als Küchengehilfe wacker durchschlägt. Im Huwyler, dem bekannten Gourmetrestaurant, verkehrt die einschlägige Gesellschaft des Geldadels und der Geschäftemacher. Hier knüpft man Kontakte und bedient sich der Beziehungen, um die Geschäfte voranzutreiben. Huwyler selber ist ein eitler Mann, der bereits die Wirtschaftsflaute zu spüren bekommt, da nicht immer alle Tische besetzt sind. Absagen für reservierte Plätze machen ihn regelrecht misslaunig. Seine üble Laune lässt er an dem Küchengehilfen aus, den er, zugegebenermaßen wegen eines nicht ganz unangefochtenen Vergehens, fristlos entlässt.

Maravan hatte zuvor für eine etwas spröde Kollegin, der er sich zögernd angenähert hatte, ein exzellentes Mahl mit unerwarteten Folgen zubereitet! Er ist diskret, von vornehmer Zurückhaltung und hat seine eigene, feine Lebensart. Er kann störende Küchengerüche nicht ertragen, und sein Arbeitsplatz bleibt stets gelüftet. Nur die ihm vertrauten Gerüche  von Essenzen seiner Geheimgerichte dürfen dort zur Geltung kommen. Da auch Andrea durch sein Vergehen arbeitslos geworden war, hatte sie die spontane Idee, mit Maravan einen Catering Service mit dem verlockenden Namen „ Love Food“ zu gründen. Natürlich konnte der Betrieb nur unter ihrem Namen firmieren, denn er besaß gar keine Arbeitserlaubnis!

Eine Vielzahl phantastischer Rezepte und Maravans Kochkünste bieten den Bodensatz, auf dem die Geschichte beruht. Es geht schließlich um die Liebesküche und die richtige Würzmischung dafür. Denn den beiden gelingt es, mit ihrem Cateringservice die höheren Gesellschaftsgeschichten zu bezaubern,–bis, ja bis eines Tages eine unerwartete Wende eintritt …

Martin Suter ist ein sehr umfassend informierter Autor, der sich in der Weltpolitik wie in den kleinen Dingen des Lebens bestens auskennt. Er behandelt wirtschaftspolitische Zeitströmungen und bindet hoch aktuelle Zusammenhänge der gegenwärtigen Weltpolitik in seine Erzählung ein. Zürich und die kleine Schweiz mit ihrer abgeschotteten Alpenregion ist Ziel der ironisierenden Darstellung Martin Suters ebenso wie die große Politik im fernen Osten, die Wahlen in Amerika und die großen Wirtschaftsbosse mit ihren katastrophalen Bankenzusammenbrüchen und unlauterem Gewinnstreben. Weltpolitik und Hurenleben, fernöstliche Rituale und Charaktermerkmale östlicher und westlicher Völker sind Themen dieses geheimnisvollen und stilechten Romans von Martin Suter. Er versteht es, die Mischung zu komprimieren und zu einem aufregenden Thriller mit allem, was dazu gehört zu verarbeiten. Sex und Crime kommen dabei nicht zu kurz!

Im Anhang findet man Quelleangaben für die verwendeten Menus; einzelne Rezepte werden aufgeführt und ebenso werden Angaben zu detaillierten Informationshilfen bei der Erarbeitung der diffizilen  Romanmaterie in Wirtschaft und Politik angezeigt.

Martin Suter bleibt der große Könner seines Metiers!

Martin Suter  
Der Koch
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN-10: 3257067399
ISBN-13: 978-3257067392

Kristof Magnusson: Das war ich nicht

Kristof Magnusson: Das war ich nicht

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Drei Protagonisten und drei Schicksale.

Meike aus Hamburg übersetzt Arbeiten für einen Schriftsteller, der in USA lebt. Leider ist er nicht aufzufinden!
Pech für sie, die gerade ein Häuschen in der Nähe von Hamburg  bezogen hat und ohne Geldverdienst übel dran ist!

Mit einem flotten Plot beginnt die Geschichte, in die drei Protagonisten mit unterschiedlichen Zielsetzungen verwickelt sind.

Meike fliegt eines Tages nach Chicago, um den flüchtigen Schriftsteller zu suchen und zur Arbeit anzuhalten. Er hat schließlich versprochen, einen Jahrhundertroman zu verfassen!

In einem Kaffee stößt Meike auf den Banker Jasper Lüdemann aus Bochum, den es nach Chicago verschlagen hat, und der gerade nach der Frau fürs Leben Ausschau hält. Er verliebt sich in sie und versucht Annäherungen, die nicht so recht gelingen wollen.

Zu guter letzt erscheint auch Henry LaMarck noch, der Schriftsteller, ein leicht verrückter Typ, der seinerseits den smarten Banker für sich als Liebhaber gewinnen will. Dieser aber hegt andere Ambitionen: er will den Schriftsteller als potentiellen Kunden werben, denn Jasper Lüdemann ist Börsenhändler. Er brennt vor Arbeitseifer und Erfolgswahn. Dass ihm beim Jonglieren mit den Millionen Fehler unterlaufen, die seine ganze Existenz  ins Schleudern bringen, ist nur ein Teil der Geschichte. Der andere Teil befasst sich mit der Täuschung und der Freude des Autors am Spiel mit seinen Figuren. So spazieren die Gestalten durch seinen Roman, einer nach dem anderen in der Ichform referierend, und erleben aufgeregt, wie ihnen ihr Leben zu entgleiten droht. Einzig der Schriftsteller geht zielstrebig auf sein Ziel los: er will nicht mehr schreiben sondern in Rente gehen.

Die Verknüpfung der drei Schicksale erfolgt kongruent und zeigt eine Mischung aus Komödie, Krimi und ganz gewöhnlicher Alltagsgeschichte. Gut konzipiert nimmt Kristof Magnusson den Bankenalltag auf die Schippe, in dem alles möglich und unmöglich ist, und der Crash, wie heute ja bekannt, allenthalben vorprogrammiert ist. Den Schriftsteller zeigt er in seiner Erfindungsnot, und Meike ist eine Mischung aus frustrierten Liebesnöten, Emanze und zielstrebiger Erfolgsfrau. Nach farbigen und vielschichtigen Verwicklungen folgen für alle freudige Überraschungen und Kristof Magnusson kann sich beruhigt zurücklehnen in der Gewissheit, dass es seinen Helden in Zukunft gut gehen wird.

Eine heiter-satirische Komödie ist ihm mit seinem Roman gelungen!

Kristof Magnusson
Das war ich nicht
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Kunstmann
ISBN-10: 3888975824
ISBN-13: 978-3888975820