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Autor: Claudine Borries

Georg Diez: Der Tod meiner Mutter

Georg Diez: Der Tod meiner Mutter

Todesfälle in der Familie : eine Selbstbeobachtung.

Eine Vielzahl von Büchern erscheint jedes Jahr auf dem Buchmarkt, in denen Menschen ihre Todeserlebnisse protokollieren, den nahenden eigenen Tod oder den von Angehörigen.
Tod und Leben gehören zusammen: das sagt sich so leicht! Aber wie sieht die Wirklichkeit aus?
Georg Diez ist einer von jenen, die sich mit der Erinnerung an den Tod der Mutter etwas von der Seele geschrieben haben. Seine Form ist die einer differenzierten Reflexion über eine Mutter, deren Leben ganz im Zeichen der Veränderung stand.

Sie stammte aus einem bürgerlichen Elternhaus, in dem viel Schein und Verlogenheit herrschte. Die Großeltern von Georg Diez gehörten zu jenen Jahrgängen, die den Krieg überlebt hatten und mit der alten Welt ihre eigenen Lebensvorstellungen begraben mussten ohne neue an ihre Stelle setzen zu können. Kinder aus diesen Familien, Georgs Mutter also, gehörten häufig zu den Revolutionären der 68 ziger Generation, die gerne ihre Herkunft über Bord warfen. Sie wussten mit der Zerrissenheit und der unter autoritärem Gebaren verborgenen Scheinheiligkeit ihrer Eltern nichts anzufangen. Protest und Aufruhr waren die Zeichen der Zeit, in die Georgs Mutter hineingeriet. Das Ergebnis war eine tiefe gefühlsmäßige Verunsicherung, die gekoppelt war an eine unbeugsame Selbstbestimmung und die Trennung von ihrem Mann. Nach dem frühen Ende der elterlichen Ehe lebte der Autor abwechselnd beim einen oder anderen Elternteil. Er beschreibt sensible, atmosphärisch deutlich nachspürbare Augenblicke der Fremdheit, die es zwischen seiner Mutter und ihm gab.
Während ihres Sterbens bemüht er sich darum, ihr die angemessene Fürsorge angedeihen zu lassen, und er will wissen, wer sie ist!
Fragen nach der Selbst- und Fremdbestimmung sind Teile seiner Reflexionen, so dass es hier auch um eine Familienstudie geht. Hat die viel beschworene Selbstbestimmung der Mutter ihr wirklich nur Glück und nicht auch Isolation und Einsamkeit beschert?

In seinen Erinnerungen berichtet Georg Diez schonungslos über seine wechselnden Gefühle. Sein eigenes Leben ist angefüllt mit beruflichen und privaten Verpflichtungen. Schwankend zwischen Schuld, Sorge, Angst vor dem Verlust und Ärger über die ständigen Störungen wurden die Gedanken über den Verfall der Mutter ständige Begleiter seines Alltags. Bemerkenswert sind die ambivalenten Gefühle, mit denen die Lebenden den Wechsel zwischen der Aktivität des Alltags und der Teilnahme an der Trostlosigkeit des Untergangs erleben.

Minutiös zeichnet der Autor die Beobachtungen mit der Konfrontation des Todes als existenzielles Erleben auf.
Die Suche nach den Wurzeln der Gemeinsamkeit zwischen ihm und seiner Mutter ist Bestandteil seiner inneren Rückschau.
Es stellt sich hier die Frage, wem die Veröffentlichung dieser Bekenntnisse dienen soll. Ist sie womöglich eine Form exibitionistischer Selbstdarstellung?
Die Begründung liegt ganz einfach neben der Selbstbefreiung im Lerneffekt für andere!
Die Konfrontation zwischen Eltern und Kindern im Angesicht des Todes sind noch viele Erinnerungsbücher wert!

Georg Diez
Der Tod meiner Mutter
Kiepenheur & Witsch
208 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3462041422

Romain Gary: Die Liebe einer Frau

Romain Gary: Die Liebe einer Frau

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Hommage an die unvergängliche Liebe!

Mysteriös und sehr traurig beginnt die Geschichte von einem Mann, der die Liebe beschwört und die Melancholie über ihre Vergänglichkeit in jedem seiner Worte anklingen lässt.Er will von Flughafen Paris aus nach Caracas fliegen, kehrt jedoch spontan um und fährt wie magisch angezogen nach Paris zurück. Beim Aussteigen aus dem Taxi stößt Michel auf eine Frau, der bei dieser Gelegenheit alle Einkäufe aus der Hand fallen. Sie hat wunderschöne weiße Haare, entschuldigt sich, gibt ihm auf seine Bitten noch ihre Adresse und verschwindet.

Hemmungslos verwirrt sucht Michel daraufhin die Nähe der Frau, die er aus dem Taxi kommend angerempelt hat. Sie macht kein Hehl daraus, dass ihr Leben nach dem kürzlich erfolgten Unfall ihres Ehemannes und dem Tod ihres Kindes den Sinn verloren hat. Auch Michel hat Kummer, denn seine Liebste ist krank. Sie wird sterben, und er fühlt sich ohne sie als ein Nichts! Kurz vor ihrem Ende haben sie sich getrennt, unfähig, den Abschied in Kummer und Sorgen zu ertragen.

Zwei betrübte Geister suchen Schutz und Nähe und sind und bleiben von ihrer Trauer gezeichnet.

In kurzen Szenen versinkt Michel in Trauer, Schweigen und Verzweiflung. Er lernt einen Dompteur kennen, der mit einem rosa Pudel und Schimpansen im Varieté auftritt. Trostlos erscheint auch dieses Milieu. Was wollen die beiden Männer von einander, die sich fremd und in ihrer Trauer doch ähnlich sind? Michel sucht sein Ebenbild im Spiegel, weiß nicht mehr wie und wer er ist. Er gerät durch Lydia, die Bekanntschaft der Nacht, in die Kreise russisch-jüdischer Emigranten und man erlebt clowneske Begegnungen und verwirrende Gespräche, die um die wahre Liebe kreisen.

Gary hat die Liebe in verschiedenen Tonarten hier besungen: betrübt, himmlisch, begeisternd, unzerstörbar und doch vom Ende bedroht. Mit Sätzen wie diesen :. „ Die Freude eines Kindes oder die Zärtlichkeit eines Paares leuchten für alle, sie sind immer ein Platz an der Sonne. Und ein Verzweifelter aus Liebe, der an der Liebe verzweifelt, ist ein recht seltsamer Widerspruch “… ruft er den Zauber des Glücks herbei.

Als Vorbild für das unglückliche Ende einer Liebe kann die eigene Verbindung des Autors mit Jean Seberg gelten: Romain Gary und die Schauspielerin waren von 1962 bis 1970 ein Paar und nahmen sich im kurzen Zeitabstand von eineinhalb Jahren nacheinander das Leben. Er hat den Zusammenhang seiner Protagonisten mit sich und Jean Seberg zwar verneint. Der alternde Beau, weltgewandte Diplomat und Draufgänger und die blutjunge Frau suchten seiner Zeit Erfüllung beieinander: Zärtlichkeit und Fürsorge von seiner und Schutzbedürftigkeit von ihrer Seite, wie sie sich in den Fotos spiegeln, fanden zu einer glücklichen Symbiose, die schlussendlich an der Realität zerbrach.

Romain Garys Erzählung handelt von der Liebe, die für ewig gelten soll, und deren Untergang man nicht überleben kann.
Wie es im Einband heißt: es geht um den existenziellen Wert der Liebe, an den Gary fest glaubte, und dem er über alle Zeitströmungen hinweg das Hohelied sang.
Nach seinem Buch gab es einen Film von Jean Luc Godard, in dem Romy Schneider und Ives Montand die Hauptrollen spielen.

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Romain Gary
Die Liebe einer Frau
192 Seiten, gebunden
SchirmerGraf
ISBN: 978-3865550699
ISBN-10: 386555069X
Originaltitel: Claire de femme

Szilárd Rubin: Kurze Geschichte von der ewigen Liebe

Szilárd Rubin: Kurze Geschichte von der ewigen Liebe

Ungarn nach dem zweiten Weltkrieg: Jeunesse dorée und heißblütige Liebe.

In einer fast schwebenden Weise eröffnet der ungarische Autor Szilárd Rubin den Reigen einer Liebesbesessenheit, die während und nach dem zweiten Weltkrieg in Ungarn durchlebt wird.
Attila und Orsolya sind die beiden ungleichen Partner, die sich 1945 nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in Ungarn wieder treffen. Sie kannten sich schon aus Kindertagen.
Attila geht seinen Träumen und Lebensplänen nach, ergeht sich in der Schönheit der Natur, erzählt von seinen Erlebnissen mit Freunden und begeistert sich für seine schöne Freundin. Er sehnt sich nach einem erfolgreichen Poetenleben. Seine Freundin Orsolya, die aus großbürgerlichem deutsch-ungarischem Elternhaus stammt, trägt die Wunden des verbrannten Dresden noch in sich, nachdem sie in ihr ehemaliges Elternhaus in Ungarn zurückgekehrt ist. Hat Attila in ihrem Elternhaus überhaupt eine Chance für ein Willkommen? Er gilt dort als erfolgloser Poet!
Freundschaften, Gespräche und die Nachkriegszeit bieten den Rahmen, in dem sich die Liebe der beiden Protagonisten abspielt. Es geht zwischen Romantik und Realität auf schwankendem Boden unermüdlich auf und ab zwischen den beiden. Überwältigende Szenen zeigen die Wollust der Sinne und den Zauber heißer Nächte, in denen sich Attila und Orsolya von der Tanzfläche schleichen, um im Teich des Parks ein Bad zu nehmen. „Zwischen den Bäumen hindurch schallte die Tanzmusik zu uns her, und wir sahen dem Gewirbel der bunten Kleider zu.“

Nostalgisch und exemplarisch werden Gefühlszonen berührt, die den vergangenen Krieg und das veränderte Europa mit bedenken. Zugleich negieren poetische Betrachtungen die Zeitspanne, in der die Grausamkeit des Krieges und damit einhergehend Ideologien die Gemüter verwirrt haben und der Jugend ihren Zauber nahmen. In einem Rausch der Sinne tanzt und feiert die Jeunesse dorée ganz unterschiedlicher Herkunft in euphorischem Gemeinschaftsgefühl, um sich im Vergessen zu üben. Es ist wie ein Tanz auf dem Vulkan. Nach dem Ende ihrer Studien zerstreuen sich die Freunde in verschiedene Richtungen, um erfolgreich in ihren Berufen zu arbeiten. Attilas poetische Übungen allerdings gelingen unter der neuen Herrschaft des großen russischen Übervaters nicht.
Attila und Orsolya können ihr Glück mit einander nicht finden und zermürben sich in einem von Hass gefärbten, besessenen und Besitz ergreifenden Liebeskrieg. In einer Art Metamorphose wird man Zeuge der Verwandlung einer großen Liebe. Attila sieht noch einmal im Rückblick die kleinen Mädchen seiner Kindheit mit ihren Samthöschen und kleinen Stiefeln,–aber es ist vorbei! Die Zeit der Unschuld und des Glaubens an eine glückliche Zukunft endet im Desaster der Unvereinbarkeit einer schönen Frau und eines unglücklichen Poeten, der zum Diener fremder Herren wird.

Tief berührt liest man Sätze von durchsichtiger Reinheit und sehnsuchtsvollen Erinnerungen. Rubins Beobachtungen umfassen Stimmungen und Gefühle, Trauer, Besessenheit und vergehendes Glück und das Ende einer großen Liebe. Mit feinfühligen Bildern geht er dem Hass und der Liebe auf den Grund, und man staunt über die Emphase, mit der sich seine poetischen Eindrücke in den Texten spiegeln.

In Lobeshymnen ergehen sich die Kritiken des frisch entdeckten ungarischen Autors Szilárd Rubin, der mit diesem neu aufgelegten Roman von 1963 seine Wiedergeburt erlebt. Von Proust bis zum „Großen Gatsby“ reichen die Vergleiche, und man kann sich dem auflebenden Ruhm nicht entziehen.
Das Buch bedeutet eine Entdeckung für alle Liebhaber der großen und einmaligen Werke der Literaturgeschichte!

Szilárd Rubin
Kurze Geschichte von der ewigen Liebe
220 Seiten, gebunden
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3871346316

Benjamin Markovits: Manhattan Love Story

Benjamin Markovits: Manhattan Love Story

Manhattan, seine Einwohner und der ganz normaler Alltag.

Ein sonderbares Völkchen rückt da im heutigen New York in den Fokus: Lehrer, Unternehmensberater, ein schwuler Lehrer mit seiner plötzlich aufgetauchten Tochter, Ergebnis der kurzen Begegnung einer Nacht, die Frau und Mutter dieser Tochter und sein Freund Tomas…..

Die Personen bewegen sich im Dunstkreis einer teuren Privatschule.
Amy ist Lehrerin dort und hat zu thanksgiving, einem amerikanischen Erntedankfest, ihre Familie eingeladen. Die Atmosphäre ist gespannt, und alle scheinen das Treffen unterschwellig als peinlich zu empfinden. Man ist verlegen in Gegenwart der anderen. Amy hat einen gut verdienenden Freund, Charles Conway, aber so recht nahe kommen sie sich nicht. Man spürt die Unruhe und Melancholie, die über Freundschaften und Familienbanden liegt, denn Amy weint viel. Sie fühlt sich einsam.

Das erste Kapitel dieses Erzählbandes ist mit „Herbst“ überschrieben. Es folgen der Winter, der Frühling und der Sommer.
Im Winter begegnet man Howard Peasbody, der seinen homosexuellen Alltag mit dem jungen Tomas teilt. Howard wird eines Tages mit einer dicklichen und nicht sehr anziehenden Tochter konfrontiert, die er in einer verwegenen Nacht mit Annie gezeugt hat. Annie hat vergeblich versucht, ihn schon früher auf seine Tochter aufmerksam zu machen. Hin und her gerissen zwischen dem neuen Verhältnis und seinem bisherigen Leben, scheint alles in die Brüche zu gehen.

In einer Aneinanderreihung von Geschichten aus dem Alltag sich wenig berührender Protagonisten gilt es, einzelne Ausschnitte zu betrachten. Fast jeder ist in seinen Verhaltensnormen, in den Wünschen und Erwartungen erstarrt. Frühe Prägungen haben die Weichen vorherbestimmt, in denen die einzelnen Protagonisten ihren Weg machen. Auf unterschiedliche Weise sind alle auf der Suche nach dem Glück, nach Erfolg und Anerkennung. Vom Glück beseelt ist jedoch keine der Figuren.
Erwartungen zerschellen an der äußeren Realität, und schlecht und recht sieht jeder zu, wo er bleibt. Der schöne Goethespruch fällt einem dazu ein“ Eines schickt sich nicht für alle! Sehe jeder, wie er’s treibe, sehe jeder, wo er bleibe, und wer steht, dass er nicht falle!“ So ist das Leben, und so beschreibt es Markovits: Höhepunkte sind nicht die Regel, sondern das gewöhnliche Allerlei bestimmt die Tage und die Nächte. Fluchtversuche enden zumeist in der Wiederholung des schon einmal gelebten Lebens, und so lebt jeder sein Leben ab.

Es ist eine melancholisch gefärbte Geschichte, die mit psychologischer Tiefenschärfe die kleinen und großen Miseren des Alltags beschreibt. Die Gesellschaftsstudie ist reflektierend und beobachtend. Auf einen Spannungsbogen, der die einzelnen Schicksale zusammenführt, wartet man vergeblich.

Benjamin Markovits
Manhatten Love Story
276 Seiten, gebunden
Insel Verlag
ISBN:  978-3458174288

Viktor Lodato: Mathilda Savitch

Viktor Lodato: Mathilda Savitch

Leben zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Für eine Halbwüchsige ist das Leben voller Geheimnisse und verborgener Genüsse. Mit vagen Erwartungen und stiller Neugierde beäugt man die Erwachsenen, deren Handeln man nicht immer begreift. Mathilda Savitch ist ein eigenwilliges, leicht widerborstiges und mit wachem Verstand ausgestattetes junges Mädchen. Sie ist fünfzehn Jahre alt, frech und aufmüpfig und hat eine empfindsame Beobachtungsgabe.

Monoton und witzig plaudert sie vor sich hin, und man erfährt so allerlei aus ihrem jungen Leben. So hört man, dass die Schwester Helene tot ist, und die Eltern seither sprachlos und stumm sind. Geheimnisumwittert bleibt der frühe Tod der Schwester, die eines Morgens vor einen Zug gestoßen wurde. Aus dem Schatten der naiv neugierig parlierenden Göre tritt ganz allmählich eine Familie in den Fokus, in der nicht alles so einfach, problemlos und taufrisch ist, wie es aussieht.

Victor Lodato hat seine einmalig sensible Erzählung mit vielen feinen Psychodetails ausgestattet!
Der Ton seiner Protagonistin Mathilda ist verwundert, fragend und naiv auf eine Weise, die anziehend und bestrickend ist. Düstere Wolken ziehen am Himmel auf, je tiefer man in die Familiengeschichte eintaucht. Man wähnt sich zuletzt zwischen einer möglichen wahren Geschichte und einem Psychothriller. Leicht verrückt und zuweilen von anrührender Komik bleibt der Autor die ganze Zeit bei der Hauptprotagonistin, aus deren Augen, Sinnen und Trachten man das skurrile und traurige Leben der kleinen Familie betrachtet.

Dass man sich so genau in die Gedanken – und Gefühlswelt einer Fünfzehnjährigen hineinversetzen kann, ist erstaunlich genug. Hinzu kommt die witzige und in skurrile Einfälle verpackte Sozialstudie einer Familie, die durch den unfassbaren Tod einer ums Leben gekommenen Tochter in Schockstarre geraten ist. Nur Mathilda scheint lebendig und neugierig in ihrer ungetrübten Unschuld und begibt sich unscheinbar und unaufdringlich auf die Suche nach dem Täter. Sie geht es ruhig und schlau an. Schon der Schattenriss des jungen Mädchens auf dem Buchumschlag zeigt sie auf der Suche: nicht nur nach einem Mörder, sondern auch nach ihrem eigenen Woher und Wohin. Der preisgekrönte Autor wird mit seinem Debütroman die Bestellerlisten erklettern!

Victor Lodato
Mathilda Savitch
220 Seiten,  gebunden
C.H. Beck
ISBN:  978-3406590740

Moskau, Bel Etage

Moskau, Bel Etage

Das Haus in der Trjochprudny- Gasse in Moskau birgt die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts!
Hier lebt fast 100 jährig nur noch Rosa Mirski, nachdem ihr Mann und Sohn längst verstorben sind.
Ihr Mann Semjon Mirski, der einst hoch dekorierte und geehrte Architekt, der es bis in die Akademie der Wissenschaften und in den Obersten Sowjet schaffte, hatte es 1903 im Jugendstil erbaut. Das Haus hat alle politischen und revolutionären Umwälzungen des Jahrhunderts, zwar etwas morsch inzwischen, doch gut überstanden!

Die große und breit über das 20. Jahrhundert angelegte Familiensaga des russischen Autoren Grigori Rjaschski beginnt geschmeidig und elegant erzählt mit viel Humor und amüsanten Einlagen in einer unauffälligen aber feinen Nebenstrasse in Moskau.
Rosa hat als Oberhaupt der Familie am Ende des Jahrhunderts viel erlebt mit ihrer Familie, mit ehemaligen und heutigen Nachbarn.
Was über sie und ihre Leben zu erzählen ist, das hat mit der Oktoberrevolution in Russland von 1917, mit Stalin und seinen Säuberungen und vielen unruhigen Ereignissen zu tun.
Die Auswirkungen der Stalinschen Willkürherrschaft hat auch in diesem Hause Spuren hinterlassen.
Neben Rosa und ihrem Ehemann gab es freundliche und gute Nachbarn, und Mitte der dreißiger wurde ihr Sohn Boris geboren. In der Haushälterin Sina fand Semjon ein unschuldiges Objekt für seine heimlichen Begierden, was für ihn allerdings später zum Verhängnis werden sollte.

Neben den privaten und nachbarschaftlichen Treffen zu den hohen jüdischen Feiertagen, die noch ganz im Geiste ehemaliger Bürgerlichkeit und Wohlanständigkeit verlaufen, spürt man schon die Schikanen, mit denen sich einzelne im Sowjetreich ihre Pfründe und Einflüsse zu sichern wussten.

Eines Tages fehlen die Nachbarn Selenski, die mit viel Tücke und heimlichen Intrigen ihres Heimes verwiesen einem neuen Mitbewohner Platz machten: der NKDW Hauptmann Tschapaikin zieht ein. Er hinterlässt eine Blutspur hinter sich wie so viele, die in jenen Tagen das Sagen hatten.
Die fein gesponnenen Machteinflüsse, mit denen sich einzelne auf Kosten anderer bereicherten, werden hintergründig aufgezeigt. Stalin war ein paranoider Despot, der viele Anhänger und treue Begleiter des Verrats verdächtigte und hinrichten oder in die Verbannung schicken ließ. Auch der liebste Günstling war in Gefahr, wenn sich genügend Anschuldigungen gegen ihn aufbieten ließen, und jeder konnte jeden mit unglaubwürdigen Beschuldigungen und Anzeigen zu Fall bringen. So wurde auch Semjon eines Tages zum Opfer, der nach seiner Entlassung Mitte der fünfziger Jahre nach 15 langen Jahren Lagerhaft nicht mehr in ein geordnetes Leben zurückfand.
Die beschriebenen Charaktere sind stark, und man sieht sich taumelnd in die Atmosphäre jener Jahre versetzt. Die Beispiele für Verrat und Intrige sind unglaublich und doch gut vorstellbar nach allem, was man aus der ehemaligen UDSSR weiß.
Von Kriminellen Machenschaften und von trivialen bis berechnenden Liebschaften handelt die Geschichte, von fein angelegten Raubzügen, die schönste Kunstschätze ebenso betreffen wie einfache Bestechungen und Erpressungen. Ein ganzes Zeitgemälde entsteht unter der Feder des Autors, das bis in kleinste Einzelheiten auf die verrückten und bösartigen politischen Manöver jener Jahre Bezug nimmt.

Grigori Rjaschski entwickelte seinen Roman in Anlehnung an seine eigene Familiengeschichte. Er ist reich an Beispielen aus dem kleinen Alltag in der Sowjetunion und behält immer die Familie Mirski, ihre Nachfahren und das Haus in der Trjochprudny- Gasse im Fokus. Dabei hilft die Komik und Distanz, mit der Rjaschski die Geschichte mit jüdischem Humor gewürzt zu einem bestrickenden Stück Zeitgeschichte macht.

Grigori Rjaschski
Moskau, Bel Etage
Russisch – jüdische Familiensaga mit humorvollen Betrachtungen und einem Stück realer Politsatire!
ISBN:3462040715
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Rupien! Rupien!

Rupien! Rupien!

Nach der Romanvorlage des indischen Schriftstellers Vikas Swarup wurde der erfolgreiche und mit acht Oscars ausgezeichnete Film > Slumdog Millionär> von Danny Boyle gedreht.

Die Geschichte ist umwerfend traurig, schön und herzergreifend.
Ein armer in den Slums von Indien aufgewachsener Waisenjunge gewinnt eine Milliarde Rupien bei einer Fernsehtalkshow! Wie konnte er, der nie eine Schule besucht hat und keinerlei Bildung aufweisen kann, alle die schwierigen Fragen beantworten?
Nachdem man ihn als Gauner und Betrüger verdächtigt hat, und er bei den Polizeiverhören Folterungen erdulden musste, ist die Antwort sehr einfach,–und sie gilt wohl für viele dieser Talkshowmillionäre: nicht Wissen sondern Erinnerungen bringen die Lösung des Rätsels. Aus den Erfahrungen seines Lebens, das er seiner selbst ernannten Anwältin erzählt, speisen sich seine Antworten!
Zwölf Fragen muss er bis zur Milliarde beantworten, und aus zwölf Kapiteln seines Lebens hat er die Antworten geschöpft.

Fantasievoll, abenteuerlich und spannend mutet das Leben des Helden Ram Mohammed Thomas an, der als Säugling in einer Mülltonne gefunden wurde, in Heimen und bei Priestern aufwuchs, ehe er, endlich erwachsen geworden, sein Leben selbst in die Hand nimmt.
Auf seiner abenteuerlichen Lebensreise muss er ständig auf der Hut sein vor Gaunern, die ihn ausnutzen wollen, und vor vermeintlichen Wohltätern, die ihm Übles antun wollen. Er findet Freunde, Freundinnen und trotz allem Übel auch Vertraute. Aufgeweckt und witzig, schlau und umsichtig wird er sogar gelegentlich zum Retter seiner Freunde, wenn sie in aussichtslose Lebenslagen geraten.

Die letzte Frage beim Quiz vor laufenden Kameras wird nochmals zu einer schier unüberwindlichen Hürde für Ram. Hier steigert der Autor seinen Plot beinahe zu einem Krimi.
Doch Ende gut, alles gut!

Indien mit den Komponenten sozialer Ungleichheit und Ungesetzlichkeit, ein Land, in dem Raub, Mord, Betrug und Überfälle an der Tagesordnung sind, bietet das Bild eines vielfarbigen Völkergemischs übertüncht noch von kolonialer Vormachtherrschaft. Mit unglaublicher Fabulierkunst und doch realitätsnah hat der Autor Vikas Swarup seine Geschichte erdichtet.
Die Armut und die Gaunerei, die Korruption und immer wieder gütige Helfer in der Not machen die ganze Geschichte zu einem modernen Märchen, dem man sich mit Vergnügen, Spaß und interessierter Neugier überlässt.

Vikas Swarup
Rupien! Rupien!
Ist der Gewinner einer Quizshow ein Gauner, oder ist ihm sein Milliardärscoup aus echtem Wissen gelungen?
ISBN:3462037382
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Schulkummer

Schulkummer

Dieses Buch ist ein Muss für alle, die als Eltern und Lehrer mit Schule zu tun haben!

Daniel Pennac hat Humor. Und mit diesem Humor bringt er ein Thema zur Sprache, das schon immer, heute wie vor hundert Jahren, Kinder, Eltern und Lehrer bewegt hat.
Es geht um die Schulzeit, die jeder anders erlebt haben mag, die aber für viele zur Qual werden konnte, heute noch genauso wie gestern!

Von seiner eigenen Schulzeit weiß Pennac mit Selbstironie und in scherzhaftem Ton zu berichten: z. B. hätte niemand je gedacht, dass er einmal Lehrer werden würde! Seine Eltern, Lehrer und er selbst waren kaum davon überzeugt, dass er überhaupt einen Schulabschluss zustande bringen könnte. Aus seinem Kopf flogen alle Schulweisheiten und jeder erlernte Stoff ganz schnell wieder heraus. Er fühlte sich unfähig, etwas zu behalten. Entsprechend schlecht fielen seine Noten aus. Keiner hatte Hoffnung, am wenigsten er selbst.

In leichten Ton erzählt Pennac weiter, wie er als Lehrer traurige und verzagte Schüler und Eltern traf, die an sich und an der Zukunft ihrer Kinder zweifelten.
Eines wird schnell klar: nicht Dummheit oder Unfähigkeit von Schülern bieten die Ursache für Schulversagen. Mit weitem Herzen, liebevollem Einfühlungsvermögen und tiefem Verständnis, das aus der eigenen Erfahrung resultiert, versteht Pennac uns zu belehren, dass es an Lehrern und Eltern liegt, wenn Kinder zu Versagern werden. Kinder brauchen Selbstvertrauen, Zuversicht und Mut, die ihnen trotz schlechter Leistungen einzuflößen sind. Aber wer versteht etwas davon?
In erster Linie Lehrer, die wie Pennac durch eigene Leidenszeiten als Schüler und Lernende gegangen sind.
Nach seinen Ausführungen zeichnet nicht Wissen den Menschen aus, sondern Lebensweisheit, das Erkennen von Zusammenhängen, Einsicht und Selbstkritik, Nachdenken, Einfühlsamkeit und Kompetenz im Umgang mit den Mitmenschen. Das sind die Merkmale emotionaler Intelligenz, wie wir sie durch die Intelligenzforschung heute kennen. Sie erst bieten die Voraussetzung dafür, den Verstand sinnvoll zu nutzen. Ohne die Stärkung dieser Eigenschaften fällt das Lernen schwer!

Pennac schreibt jedoch nicht mit erhobenem Zeigefinger: seine Antworten auf die Fragen nach dem Schulversagen gründen in den Analysen einer Gesellschaft, in der es Arbeitslosigkeit und Trennungen der Eltern gibt, Ängste, Lieblosigkeit und Zukunftssorgen. Mit Lasten beladen erscheinen die Kinder im Unterricht, und der Kopf ist nicht frei, sich mit Neuem und Aufregendem, dem Lernen, zu befassen.
Pennacs Erkenntnisse sind aus der Sozialisationsforschung hinreichend bekannt. Seiner Fähigkeit, diese Erkenntnisse reich an Beispielen in den lebendigen Alltag umzusetzen und dem Leser erfahrbar zu machen, verdanken wir, dass jedem klar wird, worum es in der Schule und beim Lernen geht!

Daniel Pennac schreibt so menschlich, so verständnisvoll und unmittelbar dem Leser zugewandt, dass man gar nicht anders kann, als ihm zuzustimmen! Eltern mögen das Buch zum Trost und zur Selbststärkung lesen! Denn wie oft scheitern Kinder, weil die Eltern und Lehrer das Scheitern antizipieren?
Das Buch ist Rückblick und Ausblick in einem, autobiographisch und visionär,–man sollte es einfach lesen!

Daniel Pennac
Schulkummer
Wer kennt ihn nicht: den Schulkummer?
ISBN:3462040723
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Der kleine Bruder

Der kleine Bruder

Frank, der bundeswehruntaugliche kleine Bruder, macht sich auf, seinen großen Bruder Manni, der sich als frei schaffender Künstler in Berlin betätigt, zu besuchen.

Mit Wolli fährt er die lange Strecke von Bremen nach Berlin. Als sie in Berlin ankommen, tauchen die alt bekannten Namen der aus Dörfern zusammen gefügten Stadtteile auf: Charlottenburg, Wilmersdorf, der Kudamm, –Frank staunt, wie lange es dauert, bis man die Stadt wirklich sieht. Endlich sind sie in Kreuzberg! Das ist das Stadtviertel der Bohème, der Punker, Hippies und Gammler. In einem Hinterhof findet Frank wirklich die WG des Bruders,–nur ist dieser nicht da! Es weiß auch so recht niemand, wo er sich aufhält. Also taucht Frank nach einigen Überredungskünsten erst einmal ein in das Leben als Mitbewohner. Kurt und Erwin, Chrissie und andere gestalten ihren Alltag recht legère. Man raucht, trinkt, gammelt, —und schwingt irre Reden! Das Wort > Scheiße< wird in allen Variationen vielfach verwendet. Berlin ist immer noch die westliche gelegene Insel im Osten vor der Wende. Sven Regener hat in seinem Roman ein bestimmtes Klima in der Stadt treffend eingefangen: junge Leute, die gegen eine in ihren Augen überholte Bürgerlichkeit aufbegehren, und die einen eigenen Lebensstil pflegen, der gegen jegliche Konvention angelegt ist. Die Abenteuer, die Frank auf der Suche nach seinem Bruder durchläuft, lassen einen Blick zu in die Hinterhöfe und Punkkneipen und in die Szenetreffs für junge Leute. Zwischen 20 und 25 Jahren meint man, die Welt halte noch alle Möglichkeiten offen, und man müsse sich nur aussuchen, wohin es einen treibt. Zwischen Kneipenwirt und Taxifahrer, Gallerist, Künstler oder Kellner,--Frank hat die Qual der Wahl. Er beschaut sich in Ruhe, was um ihn herum so läuft, bleibt aber ein stiller Beobachter, der sich teils naiv und teils genervt von seinen Beobachtungen zeigt. Wer noch keinen der bisher erschienenen Lehmannromane kennt, wird sich amüsieren, wenn auch die übertriebene Fäkaliensprache gewöhnungsbedürftig ist. Atmosphärisch gekonnt zeigt Regener einen Ausschnitt aus dem Berlin der achtziger Jahre. Zwischen Pubertät und Erwachsenwerden liegt eine lange Zeit. Hier ist sie beschrieben auf eine schnodderige Art im Berliner Schnauzestil! Sven Regener
Der kleine Bruder
Berlin einmal aus der WG Perspektive betrachtet!
ISBN:382180744X
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Helmut Schmidt und Giovanni DiLorenzo: Auf eine Zigarettenlänge mit Helmut Schmidt

Helmut Schmidt und Giovanni DiLorenzo: Auf eine Zigarettenlänge mit Helmut Schmidt

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Wie sehr wünschen sich Menschen in unserer Republik Vorbilder in Politik und Gesellschaft!

Einer der wenigen, die uns geblieben sind, hat bereits ein hohes Alter erreicht. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt ist in seinem gradlinigen, aufrechten und gelegentlich kantigen Auftreten unsentimental aber mit verborgenen Gefühlen versehen einer dieser wenigen. In wöchentlichen Gesprächen und Interviews mit dem Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und anderen Gesprächspartnern der Wochenzeitung > Zeit< hat er sich zu Fragen der Gegenwart geäußert und Gedanken zu Wirtschaft, Politik und Gesellschaft artikuliert. Die stetig brennende Zigarette ist sein unverkennbares Markenzeichen bei allen seinen Auftritten. In den Gesprächen kommt sein Charakter zur Geltung: klar, kurz, präzise und bestimmt sind seine Antworten auf die Fragen zur Politik. In ähnlicher Weise beantwortet er persönliche Fragen zu Eindrücken von Weggefährten, Politikern, seiner Einstellung zur Jugend und Fragen zur Kriminalität. Das Kapitel mit Fragen über seine Vorlieben in der Musik beantwortet Helmut Schmidt sachlich, ohne dass verborgen bliebe, wie viel sie ihm bedeutet. Die Verhaltenheit im äußern eigener Gefühle ist anrührend. In diesen Kurzinterviews wird fast die ganze Geschichte der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gestreift. Helmut Schmidt hat mehr als einmal für richtig befundenen Entscheidungen auch gegen Widerstände durchgesetzt. Der bedeutendste neben anderen war der Nato- Doppelbeschluss, mit dem er sich Feinde in der eigenen Partei gemacht hat. In seinen fast einem Lebensabriss gleich kommenden Gesprächen gibt er auch über sein Privatleben, seine Lektüren und fast über alles Auskunft, was den wissbegierige Leser interessieren könnte. Dennoch gibt es Grenzen, selten, in denen er ganz einfach die Antwort verweigert. Helmut Schmidt ist heute fast so etwas wie eine legendäre Figur der Geschichte. Wer 90 Jahre alt werden konnte, geistig fit, wenn auch körperlich beeinträchtigt, seinen Interessen folgen durfte, wer ein Leben reich an politischen und menschlichen Erfahrungen gesammelt und Begegnungen mit allen politischen Größen der Zeit erlebt hat, dem sind ein Zuwachs an Einsichten und Erkenntnissen gewiss. Da er bis in sein hohes Alter, an den politischen Geschehnissen, zuletzt als Herausgeber der >Zeit >, aktiv beteiligt ist, legen auch heute noch Politiker aus aller Welt Wert auf sein Urteil.

Die Interviewpartner sind dem Staatsmann gewogen; sie dürfen Fragen stellen, die nicht jedem erlaubt wären. Sie machen das gut: einfühlsam, direkt, nachdrücklich und respektvoll.

Die Leser der „Zeit“ sind Helmut Schmidts Ausführungen mit hohem Interesse und begeisterter Aufmerksamkeit gefolgt.

Helmut Schmidt und Giovanni DiLorenzo
Auf eine Zigarettenlänge mit Helmut Schmidt
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 3462040650