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Autor: Claudine Borries

Tender Bar

Tender Bar

J.R. heißt unser Held; er hat dieselben Kürzel für seinen Namen wie der Autor dieses ungewöhnlichen Romans.

Er lebt mit seiner Mutter im Staat New York im Kreise einer großen Familie, die sich im Haus der Großeltern tummelt.
Morgens lauscht er im Radio der Stimme seines Vaters, der als Discjockey arbeitet. Er hat sich verdrückt und seine Frau und den Sohn auf Nimmerwiedersehen verlassen. Mutter und Sohn schlagen sich mühselig durch. Im Hause der Großeltern herrscht ein muffiges und unfreundliches Klima. Bis auf einzelne Figuren scheinen sich keine harmonischen Beziehungen abzuzeichnen. Die Geldnot herrscht an allen Ecken und Enden.
JR läuft als kleiner Junge verloren und verlassen durch diese Welt der Erwachsenen, immer auf der Suche nach einem Vaterersatz. Die Mutter ist ihm wichtig, um sie sorgt er sich, für sie wünscht er sich ein besseres Leben.
Die Bar Namens Dickens wird mehr und zunehmend zum Lebenszentrum von JR. Hier findet er die Männer, die ihm Vaterersatz werden und ihm einen Einblick in das Leben der Erwachsenen bieten. Mit dem Onkel Charlie und seinen Freunden verbringt er die Tage im Sommer am Strand, wenn die langen Sommermonate ohne Schulalltag ihn zu erdrücken drohen. Der Alkohol ist unabdingbarer Begleiter bei diesen Ausflügen.
Man bekommt ein eineindrucksvolles Bild von einer Outlaw Gesellschaft, deren Leben von nur sehr wenigen und überschaubaren Glücksmomenten aus dem müden und ergebenen Alltag unterbrochen wird.

Im zweiten Teil des Romans steigert sich die Geschichte zu einem großen Romanwerk.
Jetzt geht es um die Liebe, um Trennungen, Schmerz, Erkenntnis und das Erwachsenwerden.
Während im ersten Teil die kleine Welt einer engen Bürgerschaft beschrieben wird, erweitert sich die Welt für JR um unvergleichliches ein Spektrum, als er es schafft, nach Yale zu kommen.
Nun hören wir Geschichten von urkomischen Sonderlichkeiten, von rührenden Selbstlosigkeit, Mitgefühl, Enttäuschungen und immer wieder Zuflucht zu den alten Freunden und Verwandten.

Es ist das Amerika, wie wir es aus vielen Filmen und Büchern kennen: Glück und Verlust, Armut und Hoffnung, Reichtum und Verlassenheit stehen in einem steten Wechsel zu einander.

Ein großartiger Romane, der uns das selbstironische und kritische Amerika so sympathisch macht.

J.R. Moehringer
Tender Bar
Ein großes amerikanisches Erzähltalent!
ISBN:3100496027
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Präludium für Josse

Präludium für Josse

Dieses Buch ist ein kleines Meisterwerk, unaufdringlich und bescheiden.

Angesiedelt ist die Geschichte in einem kleinen Ort in Niedersachsen.

Eine zarte Beziehung beginnt zwischen dem sechzehnjährigen Holtes und der Abiturientin Josse.
Sie lernen sich über die Musik und insbesondere die Musik von Bach kennen. Josse spielt Orgel und wird bald mit einem Studium der Kirchenmusik beginnen.

Holtes und Josse nutzen ein paar freie Tage in den Sommerferien, um eine Reise nach Lübeck auf den Spuren Bachs zu erleben.
So beginnt eine bezaubernde Liebesgeschichte zwischen den beiden. Zart, zurückhaltend und unspektakulär wandern sie durch die sommerliche Natur, beobachten die Landschaft, die Tiere und Pflanzen und nächtigen auf freiem Feld im Schlafsack, bestenfalls noch unter einem Igluzelt.
Holtes traut sich nur sehr zaghaft, seinen Gefühlen für Josse Ausdruck zu verleihen.

Sie besuchen Kirchen in Lüneburg und Lübeck, und Josse darf sogar einmal auf einer Orgel in Lübeck spielen.

Ihre Jugend und die Musik von Bach gestatten den beiden einen unverbildeten und vorsichtig tastenden Blick in die Zukunft und auf die Welt der Erwachsenen.

Der Großvater von Holtes, sein schwieriger Vater, die verständnislose Mutter, die Familie von Josse: sie alle bilden den Rahmen für eine Erzählung, in der sich Kinder aus der Welt der Erwachsenen entfernen, um ihren eigenen Weg zu suchen.

Als der Sommer zuende geht, zieht Josse nach Freiburg zum Studium und Holtes muß weiter die Schule besuchen.

Holtes hängt melancholischen Erinnerungen über die vergangenen Sommertag nach. Hat er etwas versäumt, weil er nicht wusste, wie und auf welche Weise er sich Josse nähern könnte?

Für mich war das Buch voller poetischer Feinheiten und nachdenklicher Reflexionen über den Beginn des Erwachsenwerdens.

Snorre Björkson
Präludium für Josse
Zarte erste Liebe
ISBN:3351030851
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Die windige Stadt

Die windige Stadt

Ein opulentes Werk erwartet den Leser mit diesem Roman.
Unschwer ist an der Aufmachung des Romans zu erkennen, dass es sich mehrheitlich um jüdische Familien handelt, deren Geschichten hier abgehandelt werden sollen. Sind doch die Kapitel in Anlehnung an das Alte Testament mit hebräischen Titeln versehen, die beziehungsreich auf den Inhalt verweisen.

Chicago zu Beginn der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Eine Reihe von Schülern tummeln sich im letzten Jahr auf der Highschool in Erwartung auf das Studium und den Weg ins Leben. Schwarz, weiß, jüdisch oder beides, die ethnologische Vielfalt ist gegeben.

Es sind die Familien von Jill, Muley,Hillel, Michelle und Larry, die hier eine Rolle spielen.
Die Jugendlichen haben Pläne und Träume und arbeiten schon an der Vorbereitung auf ihre Studien als Journalisten, Künstler, Musiker oder in der Filmbranche. Tunlichst sollte man den Stadtplan von Chicago kennen, wenn man sich auf den vielen Wegen, in den Parks und Strassen, die genannt werden, zurechtfinden will.
Es geht zu, wie in vielen Jugendgruppen zu jener Zeit: man trifft sich, feiert, man liebt sich oder geht eigener Wege. Die Familien treten zwar in den Hintergrund, bilden aber dennoch die Folie, auf der sich die Entwicklung der einzelnen Protagonisten abspielt.

So gibt es diejenigen, die vorwärts kommen, und es gibt diejenigen, die versagen.

Zentrale Figuren aber sind Jill und Muley, die sich schon in der Schule geliebt haben. Muley sucht seinen Weg als Regisseur und avantgardistischer Künstler, während Jill sich dem Journalismus zuwendet. Nach der Schule gehen die Wege aller Mitschüler zunächst auseinander, und der Leser folgt den einzelnen Protagonisten auf ihrem Weg ins Leben. Dass sich die Wege einzelner immer wieder kreuzen, hält die Geschichte zusammen.
Chicago, New York, später die großen Städte in Europa und zuletzt wieder Chicago: der Bogen ist weit gespannt.

Es ist ein monströser Roman mit vielen Schattierungen, deren Verzweigungen man zunächst nur mühsam folgen kann. Am Ende aber bekommt man einen Eindruck von der Zeit 1982 bis 1987 in Amerika, einer Zeit, die keine umwälzenden Ereignisse zu verzeichnen hatte.

Da das Buch nicht nur eine, sondern mehrere Familiensagas in sich vereint, fordert es dem Leser einige Konzentration ab.
Es liest sich aber spannend und unterhaltsam.

Adam Langer
Die windige Stadt
Große Familiensaga
ISBN:3498039245
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Tolmedo

Tolmedo

Hier wird die Geschichte von Alicia erzählt. Es geht um ein Kardiogramm der Gefühle, wie es auf dem Klappentext steht.

Alice kommt mit ihren Eltern nach Tolmedo, wo sie den sehr viel älteren Bohémien Sergio kennen lernt.
Er hat eine Zeit lang in Paris gelebt, hat an einer Universität unterrichtet, bis es ihn nach Tolmedo verschlug. Dort lebt er von Gelegenheitsarbeiten. Nur kurz dauert die Beziehung, unterbrochen von dem Misstrauen und der Angst Sergios, dass Alice ihn verlassen würde.
Als Alice in Paris Raul kennen lernt, ist es mit der Beziehung zu Sergio vorbei. Raul ist Bildhauer und kennt viele Leute, vorwiegend Künstler.
Paris ist lebendig, Raul liebt sie, und sie kann in Ruhe an ihrer wissenschaftlichen Arbeit über prähistorische und historische Felsmalereien, die man im Tassili-Massiv in der Wüste Sahara gefunden hat, arbeiten.
Es gibt keinen einheitlichen Erzählstrang. Alice erzählt ihre Geschichte einmal gegenwärtig, dann wieder in Tagträumen, Phantasien und Überlegungen über die Menschen, denen sie begegnet.
Es ist ein ständiges Schwanken zwischen Realität, Phantasie oder Visionen, das zuweilen an gewisse schizophrene Persönlichkeitsmerkmale denken läßt.
Dazwischen gibt es ganz alltägliche Begegnungen.

Ammar versteht es, Charaktere und Orte zu beschreiben. Sie kann atmosphärische Stimmungen oder Lebenssituationen mit einer reichen Bildersprache einfangen. So ist man gefesselt, wenn man über Land und Leute berichten hört, oder wenn man Paris mit seinen Parks, Boulevards oder Gassen beschrieben findet, die man aus eigener Anschauung kennt.

Der Wechsel der Erzählung zwischen Phantasie und Wirklichkeit verlangt vom Leser, dass er sich ganz auf die Geschichte einlässt, um ihr folgen zu können.
Ich war fasziniert von der Sprache, die mich an die Sprache Musils denken ließ.
Dass nicht alles nur der schönen Sprache wegen geschrieben ist, sondern dass es eine differenzierte und psychologisch fein ausgearbeitete Geschichte zu entdecken gilt, das macht das Buch zu einem Meisterwerk.
Die Autorin hat zu Recht den Literaturpreis 2006 damit verdient!

Angelika Ammar
Tolmedo
Liebesgeschichte zwischen Relaität und Vision
ISBN:325060092X
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Ungehorsam

Ungehorsam

Naomi Alderman Ungehorsam Berlin Verlag
ISBN-13: 978-3827006769

In diesem Erstlingsroman von Naomi Alderman vermischt sich Religiöses und Weltliches auf eine ernste, humorvolle und nicht zuletzt erkenntnisreiche Art und Weise.

Er lässt den Wind wehen und den Regen fallen. Er hält die Lebenden in Gnaden, belebt die Toten in großer Barmherzigkeit.

Jedes Kapitel in diesem Buch beginnt mit einem Spruch aus der Bibel oder aus der Tora und anderen heiligen Werken der jüdischen Religion. Die kurzen biblischen Texte werden in ihren Bezug zum Leben gestellt und leiten in den eigentlichen Roman über.

Ronit, Mitte dreißig, ist Investmentbankerin, Jüdin, frech, forsch, lebenslustig und emanzipiert. Sie lebt in New York.
Als sie einen Anruf aus Hendon bei London bekommt, dass ihr Vater, gestorben ist, fliegt sie spontan in ihre Heimat. Sie kehrt unverhofft in ein Leben zurück, das sie längst hinter sich glaubte.

Sie begegnet in der orthodoxen jüdischen Gemeinde, in der ihr Vater angesehener Rabbiner war, alten Bekannten und Verwandten, vor allem aber Esti, ihrer Jugendfreundin.
Die Entwicklung dieser beiden Frauen wird nun aufgerollt, teils rückschauend, teils in der Gegenwart.
Es ist eine, wie es heißt, nicht erlaubte Beziehung, die beide Freundinnen miteinander verbindet. Wie es dazu kam und welche Konsequenzen sich für jede von ihnen daraus ergab, das ist das bestrickend beschriebene Thema der Geschichte, um die sich aber auch jüdisches Gemeindeleben in England rangt.

Was es heißt, Jüdin zu sein, und was es heißt , lesbisch zu sein ; mit diesen Fragen beschäftigt sich N. Alderman in diesem Buch. Sie stehen aber für ähnliche Fragen, in denen der Mensch Orientierung und Richtung für das eigene Leben sucht.
Antworten auf Fragen dieser Art bietet der Talmud, der die Gesetzestexte der Tora für den Menschen anwendbar macht.
Die Geschichten der Lebenden in diesem Buch bieten den Hintergrund, auf dem sich die religiösen Vorgaben messen lassen.

Der Text dieser Geschichte bietet viel Stoff zum Nachdenken.
Ich würde dieses Buch als einen Roman mit hohem literarischem Anspruch und philosophischem Hintergrund bezeichnen. Zugleich liest sich das Buch unterhaltsam und nicht schwierig. Ich kann es jedem interessierten Leser sehr empfehlen.

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Im Land der Männer

Im Land der Männer

Dieses Buch kann man nicht mehr aus der Hand legen, wenn man einmal anfängt, es zu lesen.

Suleiman ist die Hauptfigur, ein Junge von neun Jahren. Aus seiner Sicht wird die Geschichte erzählt.
Man schreibt das Jahr 1979. Suleiman lebt mit seinen Eltern in Tripolis. Das Haus, in dem er mit seinen Eltern lebt, ist wichtigstes Lebenszentrum der Mutter und des Sohnes. In ihm spielt sich das Leben ab in einem Sommer, der so heiß ist, dass die Autoreifen schmelzen.
Vom Balkon aus sieht man das Meer, das sich in der flimmernden Hitze spiegelt. Man sieht die Blumen, riecht die Düfte, schmeckt die Maulbeeren, die Suleiman vom Baume pflückt. Mit seiner Mutter ist er viel alleine, wenn der Vater auf Geschäftsreisen ist. Sind es immer nur Geschäftsreisen?

Dunkle Andeutungen lassen Suleiman ahnen, dass seine Mutter sehr jung noch unfreiwillig an den Vater verheiratet wurde. Der Familienrat der Männer in ihrer Familie hatte es so beschlossen. Von ihrer Krankheit ist die Rede, die immer dann auftritt, wenn der Vater abwesend ist, was eine gelinde Umschreibung für Alkoholismus ist. Sie ist eine liebevolle und unberechenbare Mutter zugleich. Suleiman ist beiden Eltern in gleicher, zärtlicher, zuweilen auch ängstlicher Weise zugetan.

Es gibt die Freunde des Vaters, und auch Suleiman hat gute Freunde, besonders Karim, der ihm wie ein Bruder so nahe steht.

Was so idyllisch und exotisch beginnt, setzt sich fort als kommendes Unheil, das mit dem Regime unter Gaddafi das Leben in Libyen bedrohlich werden lässt, und das Land in eine Diktatur verwandelt. Noch gibt es Widerständler, die zum Boykott aufrufen.
Der Vater von Suleiman scheint in den Widerstand verwickelt zu sein. Auch andere gute Freunde der Familie sind betroffen.
Da Suleiman in der Ichform berichtet, wirkt das Tun und Treiben, das sich um ihn herum abspielt, unheimlich, da er vieles nicht versteht.

Die Ereignisse spitzen sich dramatisch zu. Menschen verschwinden und kehren nicht zurück. Der Vater wird eines Tages schwer verletzt ins Haus zurück gebracht. Auch Suleiman geht zuletzt ohne die Eltern auf eine Reise nach Ägypten, ohne zu wissen, was ihn dort erwartet.

Wie menschliche Schicksale durch politische Verstrickungen enden können, das ist das Thema dieses Buches.
Es ist fein geschrieben und voller Poesie.
Dass es daneben eine Vielzahl von Geschichten über das Leben und die Menschen in Tripolis gibt, über Freundschaften und Feindschaften; dass kleine Jungs, wenn sie alleine gelassen werden in einer unheimlichen und verschwiegenen Erwachsenenwelt ungeahnten Ängsten ausgesetzt sind, das alles macht den Roman zu einem lebendigen und spannenden Buch. Es ist eine weise, traurige und sehr menschliche Geschichte, die ich sehr empfehlen kann.

Hisham Matar
Im Land der Männer
Leben unter Gewalt und Terror
ISBN:3630872441
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Im letzten Sommer

Im letzten Sommer

Dieser seltsame kleine Roman von dem norwegischen Schriftsteller N. F. Dahl gibt einige Rätsel auf.
In einem ruhigen, gleichmäßig dahin fließenden Erzählstrom erfahren wir von dem Icherzähler seine Geschichte, die kurze Geschichte seiner zweiten Ehe.
Er befindet sich zu Beginn der Erzählung in einem Haus, das er ausräumen und verkaufen will. Es ist an der wilden und romantischen Küste Norwegens nahe an einem hübschen See gelegen.
Seine Gedanken schweifen zurück zum letzten Sommer, den er mit seiner Frau Siri hier verbracht hat, so wie die vorherigen Sommer auch.
Die Gegend ist wunderschöne. Die Sommer sind heiß und hell. Ständiger Begleiter der beiden ist der gemeinsame Hund Wuschel.
Es gibt schon eine Tochter von Siri aus erster Ehe, 21 Jahre alt.
Bei einem Telefonat mit ihr verspürt man die ersten Anzeichen von Eifersucht bei unserem Hauptprotagonisten.
Sie leben die Sommer glücklich hier draußen, und sie lieben sich. Sie mögen die Einsamkeit, gehen baden und wandern. Das Leben ist friedlich und ungetrübt bis sie eines Tages einem gut aussehenden Fremden im Wald begegnen. Plötzlich ist alles anders.
Im Icherzähler wächst der Verdacht, dass Siri nicht mehr so offen ist wie bisher. Das gemeinsame Gefühl der Nähe geht verloren. Er wird misstrauisch, spürt ihr nach und wird zusehends unglücklicher.
Er sucht nach Beweisen der Untreue. Ihre Beziehung wechselt zwischen Feindseligkeit und neuer Suche nach Nähe.
Eine sich abzeichnende Fehlgeburt bei der schon über vierzigjährigen Siri stört die bisher so beglückende Beziehung und bringt beide zum Tiefpunkt ihrer Ehe.

Es bleibt dem Leser überlassen, aus diesem sich zuspitzenden Drama der Eifersucht die eigenen Schlüsse zu ziehen.
F. Dahl versteht es gut, eine Atmosphäre der Entfremdung so zu vermitteln, so dass der Leser mitdenken und mitfühlen kann. Wem die Sympathien am Ende gelten, vielleicht sogar beiden, darf jeder Leser für sich entscheiden.
Das Buch ist hübsch aufgemacht und liest sich leicht und schnell.

Nils Fredrik Dahl
Im letzten Sommer
Feinfühliges Eifersuchtsdrama
ISBN:3462037188
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Snack Daddys abenteuerliche Reise

Snack Daddys abenteuerliche Reise

Eine so umwerfende, witzige, satirische und humorvoll-skurrile Geschichte hat es wohl lange nicht mehr auf dem Büchermarkt gegeben!
Die Geschichte beginnt Anfang der achtziger Jahre und endet ca 2003. Einmal sind wir in New York und dann wieder in Leningrad und an anderen Orten.
Snack Daddy (Mischa) Vaingart, 31 Jahre alt, ist gebürtiger Russe, Jude, Faulpelz und zudem noch reich.

In New York von emigrierten russischen Eltern geboren, verschlägt ihn das Schicksal zurück nach Leningrad, wo er mit seinen Freunden in den Tag hinein lebt, teils der Hauptfigur Idiot in dem Roman von Dostojewski ähnlich, und teils eine moderne Form von Oblomow nach der von Gontscharow geschaffenen Figur des ewig antriebsarmen Faulpelzes.

Snack Daddy selbst hat eine barocke, fette und unansehnliche Figur, ist voller Sehnsucht nach Liebe und Heimat, die ihn umtreibt, und die er weder in Leningrad noch in New York wirklich findet. In Lenigrad muß er verweilen, weil sein Vater in den USA wegen eines Verbrechens gesucht wird, und er daher kein Visum für eine Rückkehr in die USA bekommen kann.
Sein Vater wird in Leningrad ermordet, weil er in krumme Geldgeschäfte verwickelt war.
Über Absurdistan, einer Fantasierepublik am Kaspischen Meer, versucht Mischa schließlich vermittels eines belgischen Visums aus der östlichen Region zu entkommen.
Bürgerkriegsverhältnisse dort und verwickelte Freundschafts -und Liebesgeschichten überall beleben die Szenen des alltäglichen Lebens in jeder Zeile der Geschichte, die drastisch, lakonisch und voller Komik ist.

Politische Verwicklungen, die unsere heutige Zeit karikieren, Russland und Amerika als Gegenpole, das Ganoventum und die Geldmacher hier wie dort, alles wird in den farbigsten Mustern ausgemalt.

Wie die Orte beschrieben werden: das alte, schöne aber auch in seiner Bausubstanz verkommene Leningrad, das wilde, großspurige, moderne und mit Wolkenkratzern bestückte New York, das ist einmalig, rührend und hinreißend.

Der Einfallsreichtum der wortgewaltigen Beschreibungen des Gary Shteyngart ist berückend. Sein Roman lebt auch in der Tradition eines I.B. Singer oder Meir Shalevs, die mit feinem jüdischem Humor das Leben mit einem Hauch Ironie ansehen und alles nicht zu ernst nehmen.
Wer diese Art Humor und Literatur liebt, der sollte sich diesen Roman auf keinen Fall entgehen lassen!

Gary Shteyngart
Snack Daddys abenteuerliche Reise
Humorvolle Groteske und literarisch politsche Satire
ISBN:3827006619
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Kamtschatka

Kamtschatka

Marcelo Figueras Kamtschatka Nagel& Klimsche
ISBN-13: 978-3312003778

In diesem einmaligen Roman wird der Militärputsch von 1976 in Argentinien auf eine besondere Art und Weise verarbeitet.
Harry, der zehnjährige Sohn eines auf der Flucht vor den Militärschergen befindlichen Ehepaares, ist der Hauptprotagonist und Icherzähler.
Zu Beginn der Erzählung gibt es noch viele Freunde und Gäste im Haus der Eltern, das einen weltoffenen Horizont bietet.
Dann aber muß die Familie über Nacht ihre schöne Wohnung und allen Besitz, die Spielsachen, die Schule und Freunde in Buenos Aires verlassen.
Die Eltern, der Vater Anwalt und die Mutter Physikerin, tauchen unter dem Decknamen Vicente mit den zwei Söhnen im Alter von zehn und fünf Jahren unter. Sie finden eine Bleibe auf einem Landgut fern von Buenos Aires.

Zunächst ist für die Kinder alles ein Abenteuer.
Sie finden ein verrottetes Schwimmbad vor, in das immer wieder Kröten fallen, in dem es dreckig und stinkig ist. Aber nichts ist schöner für Harry, als sich darin zu bewegen.

In ihrem Asyl ist es still, spartanisch und geheimnisvoll. Der Vater hat seine Anwaltskanzlei verlassen, die Mutter arbeitet noch eine Weile als Physikerin an der Universität, bis auch sie ihren Job verliert. Harry ist informiert darüber, dass sie sich nirgends zu erkennen geben dürfen.
Man hört von verschwundenen Freunden und die Eltern sind immer häufiger alarmiert. Sie bieten ihren Kindern dennoch Trost und Geborgenheit.
Kinder haben die Gabe, aus allem ein Abenteuer zu machen, und das gelingt auch Harry und seinem Bruder, den man Zwerg nennt.
Insgesamt wird die Geschichte aus der Sicht eines Kindes erzählt, das wach beobachtet, interessiert und aufmerksam auf die Neuerungen reagiert, aber auch Trauer über Verlorenes empfindet.
Teilweise sind die Beschreibungen der Menschen von skurrilem Humor geprägt. Harry und sein Bruder sind immer auf Abenteuer aus, zeigen aber zugleich ein verschworenes Einvernehmen mit den Eltern, die in ihrer Not zu Kumpeln werden.
Es gibt ein Spiel, das der Vater mit den Söhnen spielt. In diesem taucht der Ausdruck Kamtschatka immer wieder auf. Es ist ein Ort letzter Einsamkeit und Zuflucht, und es ist das letzte Wort, das Harry von seinem Vater hört.
Die Diktatur und ihre Folgen mit den Augen eines Kindes gesehen vermittelt den völligen menschlichen Wahnsinn politischer Absurdität.
Das Buch liest sich spannend und ist trotz aller Dramatik voller Wärme und Menschlichkeit.

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Abspann

Abspann

In diesem zweiten Roman von Steve Tesich meint man, die Stimmen der Autoren R. Musils und Italo Svevos zu vernehmen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten.

Diese Geschichte handelt von Saul Karoo. Er lebt in New York und ist ein berühmter und gefragter Drehbuchautor und scriptdoctor; d. h. er macht aus schlechten Filmen bessere.

In der Ichform erzählt er von seinem Leben, seinen Gefühlen, seinen Gedanken und seinen Ängsten, die ihn als einen schweren Neurotiker ausweisen.
Er trinkt, raucht, ist übergewichtig und versucht schon lange, mit seiner Frau eine Ehescheidung auszuhandeln.
Er hat ein besonderes Näheproblem, das ihn schwer trifft, weil er seinen Adoptivsohn Billy nicht um sich ertragen kann.

Daß er auf besonderen Wegen der leiblichen Mutter von Billy auf die Spur kommt, zu ihr eine Beziehung aufnimmt und sich unendliche Verwicklungen daraus ergeben, ist nur ein Teil dieser guten Geschichte.
Der andere beschäftigt sich mit seinen Lebensgewohnheiten, dem Filmgeschäft und den skurrilen Gestalten, die man dort antreffen kann.

Im Wesentlichen aber gleicht das Buch einer langen Reflexion eines Menschen, der alles und jedes einschließlich der eigenen Person unentwegt beobachtet und voller Selbstzweifel und Argwohn ist. Oft kommt er zu den in seinen Augen vermeintlich klügsten Schlüssen bei seinen Beobachtungen. Der Leser jedoch merkt, dass er sich die Welt zu erklären versucht, wie sie in sein Weltbild passt, dass er sich aber häufig in den eigenen Phantasien verirrt.

Das Buch ist zuletzt etwas weitschweifig und fast surreal.
Sprachlich und inhaltlich ist es ein höchst anspruchsvolles Werk, dass dem Leser einiges an Konzentration abverlangt. Ich fand es spannend, psychologisch schlüssig und sehr lesenswert.

Steve Tesich
Abspann
Leidvolle Lebensstudie
ISBN:3036951547
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