Marius der Mahr

Marius der Mahr

Nach dem beruflich bedingten Umzug ihrer Eltern vom Land in die Nähe einer Stadt ist die neunjährige Judith Rosenbusch alleine. Ihr altes Zuhause mit Oma, Opa, ihrem Pony und ihren Freundinnen ist jetzt weit weg. In ihrer neuen Klasse findet sie nur schwer Kontakt, die Nachbarschaft ist ihr unbekannt. Ihre Eltern bemühen sich intensiv, ihr die neue Umgebung so angenehm wie möglich zu machen, aber Judith fühlt sich allein gelassen. Im Traum begegnet ihr Marius, ein Mahr, der zu ihrem „richtigen“ Freund wird und mit dem sie nun Nacht für Nacht lustige und spannende Geschichten erlebt. Marius ist so viel aufregender als alle Kinder in ihrer Umgebung, dass sie gar nicht weiter nach Freunden sucht, sondern sich nur noch auf den Abend freut um ins Bett gehen zu können. (Sagt da jemand: „Woher bekomme ich einen Mahr für mein Kind?“) Ein Klassenkamerad stellt Judith wegen ihres Einzelgängertums und ihrer scheinbaren Arroganz zur Rede. Als sie ihm erklärt, dass sie ja schließlich Marius, den Mahr, zum Freund habe, reagiert dieser mit absolutem Unverständnis. Und Judith beginnt zögernd, Kontakt zu ihrem Mitschüler aufzunehmen… Dieses köstlich geschriebene Buch lebt von der (sicherlich autobiographischen) Beschreibung familiärer Alltagssituationen: Unaufgeräumte Kinderzimmer, Sprechen mit vollem Mund, Fernsehen am Nachmittag und dabei Hausaufgaben machen etc.: Jeder, der eigene Kinder hat und hatte kann nur mit dem Kopf nicken, wenn er die verzweifelten Bemühungen der Eltern liest, ihr Kind zu einem halbwegs vernünftigen Wesen zu erziehen. Diskussionen über die Notwendigkeit von Freundschaften und die Sinnhaftigkeit gewisser schulischer Leistungen gehören ebenfalls zu diesem „déja-vu“ Effekt. Darüber hinaus gelingt es dem Autor aber auch, dem Leser eine ganz andere Dimension der kindlichen Seite zu erschließen: Die Welt der Träume. Im Buch durch Kursivschrift abgehoben erlebt man eine Märchen- und Zauberwelt, eine Atmosphäre aus Ängsten, Befürchtungen, Verstrickungen, Rettungsversuchen und Verwirrungen. Die Verquickung von Realität und Traum, von tatsächlichen Geschehnissen und kindlicher Verarbeitung ist es, die das Buch so lesenswert macht. Und zwar für alle: von acht bis achtzig!

Marc Albrecht
Marius der Mahr
Für alle lesenswert: Von acht bis achtzig!
ISBN:3-935982-20-8
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Der Richter

Der Richter

Richter Atlee ist tot und Ray, sein ältester Sohn, machte eine ungewöhnliche Entdeckung: Im Arbeitszimmer des Richters findet er 27 Kartons voll Geld; insgesamt 3,1 Millionen Dollar in bar. Ray gibt seinem ersten Impuls nach und versteckt das Geld, kurz bevor sein Bruder eintrifft: Forrest, drogenabhängig, verschleudert seit Jahren das Geld der Familie in zahlreichen Entziehungskuren. Ray weiß eines sicher: Sollte Forrest das Geld in die Hände bekommen, würde er sich damit zugrunde richten. Das Geld wird zu Rays kleinem Geheimnis – doch er stellt bald darauf mit Entsetzen fest, dass noch jemand davon weiß. Jemand der keine Skrupel kennt… Soweit, so gut. Die Situation verspricht spannende Unterhaltung, doch leider wird der Leser nach dieser Eröffnung bitter enttäuscht. Rays Versuche, den Ursprung des Geldes zu ermitteln, gestalten sich langatmig und werden auf Dauer einfach langweilig, während der geheime Mitwisser sich damit begnügt, Fotos und seltsame Grußkarten zu verschicken. Er scheint Ray aus der Ferne zu beobachten und unternimmt einige klägliche Einschüchterungsversuche. Ray seinerseits beweist in verschiedensten Kasinos, dass das Geld nicht markiert ist, und entdeckt zudem seine Lust am Glücksspiel. Obwohl er sich ständig vorhält, die drei Millionen seines Vaters nur zu verwahren, ist er auch bald bereit, sie auszugeben. Im letzten Viertel des Romans schließlich kommt Ray der Gedanke, den Ursprung des Geldes in den Ermittlungsakten des Richters zu suchen, die sich schon vom ersten Rundblick an im Flur stapeln. Hier wird er etwas zu schnell fündig, und plötzlich weiß Ray ganz genau, woher das Geld stammt und wer hinter dem Spiel steckt. Dieses Wissen nützt Ray jedoch wenig, erfährt er doch noch auf den letzten Seiten, dass er sich geirrt hat. John Grishams Roman zeichnet sich aus durch farblose, blutleere Charaktere und eine Story, die nicht richtig in Gang kommen will. Das Ende kommt zwar überraschend, ist jedoch schlichtweg unbefriedigend, ist es doch letztlich Forrest, der um drei Millionen reicher seine nächste Entziehungskur antritt. Fazit: Nach zahlreichen hervorragenden Grisham- Thrillern eine herbe Enttäuschung, die man sich durchaus schenken kann.

John Grisham
Der Richter
Eine herbe Enttäuschung
ISBN:3453215060
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Das Montglane Spiel

Das Montglane Spiel

Katherine ist die einzige Frau in einer New Yorker Firma. Sie arbeitet als Computerexpertin. Da sie bei den korrupten Machenschaften ihres Chefs nicht mitmacht, wird sie zur Strafe für 1 Jahr nach Algerien versetzt, wo sie für einen Minister der (damals noch unbekannten) OPEC als Computerexpertin arbeiten soll. Kurz vor ihrer Abreise hat sie eine Begegnung mit einer Wahrsagerin, die Dinge von Katherine sagt, die sie eigentlich gar nicht wissen kann. Katherine ist dadurch sehr verunsichert, vor allem da plötzlich alle um sie herum seltsame Dinge reden. So will der Sohn ihres Freundes Harry, dass sie in Algerien wertvolle Schachfiguren auftreiben soll, aber ohne dass es jemand erfährt, koste es was es wolle. Kurz darauf werden zwei Menschen, die Katherine gekannt hatte, tot aufgefunden. Was hat das alles mit ihr zu tun? Was für eine Rolle spielt Solarin, der russische Schachmeister, der sie ebenfalls genau zu kennen scheint? Bald findet sie heraus, dass alle seltsamen Vorkommnisse mit einem mysteriösen Schachspiel zu tun haben, das unter dem Kloster Montglane in Frankreich vergraben war und jetzt in alle Welt verstreut ist. Es soll ursprünglich Karl dem Großen gehört haben. Dieser soll es von geheimnisvollen Mauren geschenkt bekommen haben. Das Schachspiel soll eine verschlüsselte Formel enthalten, die der Person, die alle Teile des Spiels besitzt, unendliche Macht geben soll. Katherine findet sich plötzlich als Spielfigur eines Schachspiels wieder, das im wirklichen Leben spielt. Sie weiß nie, wie der Zug der gegnerischen Mannschaft als nächstes aussieht und wer überhaupt zu ihrer Mannschaft gehört. In diesem Spiel geht es um Leben und Tod, bemerkt sie bald, und sie kann sich ihm nicht entziehen. An der Seite von Lily, einer Frau, die seit Kindesbeinen an Schach spielt, versucht sie in Algerien, die verlorenen Spielfiguren des Montglane Spiels zu finden. In dem Strudel von Ereignissen, in den sie gerät, erfährt sie, das alles etwas mit einer französischen Nonne zu tun hat, die zur Zeit der Französischen Revolution die Aufgabe hatte, das Schachspiel vor den machtgierigen Personen von neuem zu verstecken. Mit Schrecken stellt sie fest, dass dieses grausame Spiel erst ein Ende haben kann, wenn alle Teile des Montglane Spiels wieder beisammen sind…. Dieses Buch ist vollgestopft mit Mystik, Geschichte, Schach und Abenteuer. Man muss selbst kein Schach können, um es zu verstehen. So eine mitreißende Geschichte, die alle paar Seiten eine neue, völlig unerwartete Überraschung offenbart, ist wirklich zu empfehlen. Es ist von vorne bis hinten genau durchdacht, so dass wirklich keine Fragen offen bleiben. Der Wechsel zwischen der Geschichte der Nonne von damals und der von Katherine in der heutigen Zeit bringt zwei verschiedene Geschichten in einem Buch zusammen, was das ganze noch spannender macht. Es wäre fast ein Verbrechen, dieses Buch nicht zu lesen.

Katherine Neville
Das Montglane Spiel
Mystik, Geschichte, Schach und Abenteuer
ISBN:3502194955
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Wenn der Kabeljau mit ’ner Kabelfrau

Wenn der Kabeljau mit ’ner Kabelfrau

Wie Bruno Bansen „den Fischen auf die Flossen und hinter die Kiemen gekuckt“ — so der Untertitel — hat, das macht Spaß. Das Päckchen mit dem Buch traf ein, und erwartungsvoll öffnete ich es, da ich schon einige Gedichte von Bruno aus der Leselupe kannte.

Es ist witzig. Es ist kurzweilig. Es ist vorzüglich gestaltet. Schon die Umschlaggestaltung weißt darauf hin, wie es in dem Buch weitergeht. Da ist drin, was draufsteht.

Und hier können Sie, sehr verehrter Leser, den Umschlag sehen:
[url]http://www.lyrik-netz.de/bansen_kabeljau.jpg[/url]

(Nebenbei bemerkt: Dass der Autor nicht aus Sachsen kommt, merkt man gleich, sonst hätte er geschrieben: „Den Fischen auf die Flossen und hinter die Kiemen geguckt“. Er hätte aber das Leben der Fische kaum so tiefgründig studieren können, hätte sich auf Stichlinge und Plötzen beschränken müssen.)

Aber nun schlage ich das Buch erst mal auf: Schönes, leicht mattes, nicht hochglänzendes, damit blendfreies Papier und ein gediegenes Layout erwarten uns. Ungeduldig laß ich gleich meiner Frau, Christiane, eines der Gedichte vor:

[quote][center]
[b]Der Bismarck-Hering[/b]

Ein Bismarck-Hering biß mal stark,
’ner Scholle hinten bis in’s Mark.
Sie hat sich, weiß man, gleich beschwert,
und dieses war auch nicht verkehrt,
denn fürderhin, da sah man ihn
mit Maulkorb seine Kreise ziehn,
und was ihm ganz erbärmlich stank:
Seit gestern hat er Leinenzwang!
[/center][/quote]

Und da war ich das Buch erst mal für einige Zeit los. Ich bekam es erst wieder, nachdem sie auch einigen ihrer Kolleginnen daraus vorgelesen hatte.

Wunderbar die schönen Illustrationen. Leider kann ich sie in der Leselupe nicht darstellen. Ich werde aber in Kürze ein paar Links zur Verfügung stellen.

[b]Vor Lachen vom Stuhl[/b]

Hätte ich das Buch eher gehabt, ich wäre eher vom Stuhl gefallen. Man kann wahrhaft herzlich lachen.

[quote][center]
[b]Der Hecht[/b]

Es hockt, und dieses schon recht lange,
ein Hecht auf einer Hühnerstange.
Die Hühner wundert’s, uns nicht minder,
denn jeder weiß es, auch die Kinder:
Der Hecht steht sonst nur im gewässer,
das steht ihm auch erheblich besser.[/center][/quote]

Nicht nur bloßer seichter Unterhaltung dient dieses Buch, nein, es ist lehrreich, wir erfahren, was wir noch nie zu fragen wagten, aber worüber wir uns immer schon wunderten:

[quote][center]
[b]Heringe in der Dose[/b]

Des Herings Größe ist genial,
es passt ’ne definierte Zahl
vom Umfang her und auch der Länge
und bei Vermeidung von Gedränge,
genau genommen sind’s diverse,
in die genormte Fischkonserve.
[/center][/quote]

Das ist gleichzeitig und nicht zuletzt die Entdeckung einer Naturkonstante.

Die Gedichte sind einfach wunderbar, einfach und skurril. Bruno hat einen eigenen Stil und tritt in eine würdevolle Nachfolge solcher Dichter wie Ringelnatz, Wilhelm Busch und Morgenstern, und das, ohne sie nachzuahmen.

[b]Der Topp-Tipp der Poesie[/b]

©KARISMA Verlag
Steinbecker Straße 97
21244 Buchholz i.d.N.
1. Auflage Buchholz i.d.N. 2002
Einbandgestaltung, Satz und Grafik: Bruno Bansen
ISBN-Nr. 3-936171-06-8
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Tatort Schule. Lösegeld

Tatort Schule. Lösegeld

Es sollte ein Krimi werden – ein Musical von Annalena und ihrer Klasse. Doch plötzlich platzen Jeffrey und seine Kumpel in die Generalprobe. Sie sind gerade aus dem Jugendgefängnis getürmt und brauchen nun Geld. Und es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit und der Polizei, denn Jeffrey zerrt die ganze Klasse in seine Gewalt. Und dann begeht die Polizei einen großen Fehler: Sie unterschätzt die 16jährigen Geiselnehmer.
„Lösegeld!“ von Andreas Schlüter ist ein spannender Thriller. Die Handlung spielt in nur sieben Stunden und geschieht immer aus der Sicht von Jeffrey, den Opfern und der Polizei. Dadurch wird die Geschichte vielseitiger und noch spannender. „Lösegeld!“ verurteilt nicht, sondern zeigt, in welcher Situation Jugendkriminalität entstehen kann. Nichts für zarte Nerven, aber für Krimifans ab 12!

Andreas Schlüter
Tatort Schule. Lösegeld
Hochaktuell! Geiselnahme in einer Schule – nichts für zarte Nerven!
ISBN:3357009374
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Winterbucht

Winterbucht

„Oh Brüder & Schwestern, habt ihr schon mal was von der Winterbucht gehört?“ So beginnt die Geschichte von John-John und seinem Freund Fighter, die in Stockholm leben. Die Winterbucht trennt die beiden Jungen von den Villen der Reichen. Sie träumen beide von Luxus und schönen Mädchen, bis John-John sich in Elisabeth verliebt, die auf der anderen Seite der Winterbucht zu Hause ist.
Es ist ein Großstadtroman über einen Jungen, der seinen Weg finden will. Doch das ist nicht leicht: Sein Stiefvater, den John-John nur „Scheißhaufen“ nennt, ist brutal und meistens besoffen. Fighter schließt sich einer Gruppe Rechtsradikaler an und die Freundschaft zu John-John scheint zu zerbrechen. Und dann ist da noch dieses geklaute Kanu und der verdammte Einbruch in die Villa von Elisabeths Eltern. Ein wenig Halt gibt ihm die Schauspielschule, die John-John seit kurzem besucht, während Fighter eine Lehre als Schlachter beginnt.
„Winterbucht“ von Mats Wahl zeigt uns ein ganz anderes Schweden als wir es kennen. Es ist ein ehrliches Buch voller Sehnsucht, Freundschaft, Liebe und Hass, das kein Blatt vor den Mund nimmt und die Dinge beim Namen nennt, auch wenn sie weh tun. Kein Wunder, dass dieser Roman 1996 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

Mats Wahl
Winterbucht
Mitreißender Großstadtroman
ISBN:3407787901
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Die Geisha

Die Geisha

Japan um 1920: Chiyo ist neun Jahre und lebt mit ihrer älteren Schwester, ihrer Mutter und ihrem Vater, einem armen Fischer, in ihrem „beschwipsten Haus“ in einem verlassenen Nest irgendwo an Japans Küste. Die Welt scheint für die kleine Chiyo-chan in Ordnung – bis ihre Mutter im Sterben liegt. Der nette Herr Tanaka entpuppt sich als Kinderhändler und überredet Chiyos Vater, seine beiden Töchter an ein Geisha-Haus, eine Okiya, in der alten Kaiserstadt Kyoto zu verkaufen. Doch nur Chiyo, die überhaupt nicht weiß, wie ihr geschieht, kommt in die Nitta-Okiya, wo die schöne, aber skrupellose und machtbesessene Geisha Hatsumomo regiert. Ihre Schwester dagegen landet in einem billigen Bordell.
Chiyo leidet unter der Einsamkeit, unter der Trennung von Schwester und Eltern und unter den rigorosen und zum Teil grausamen Ritualen und Erziehungsmethoden in der Okiya. Ein Fluchtversuch scheitert und Chiyo wird zur Dienerin degradiert. Eine Zukunft als Geisha scheint damit aussichtslos. Doch dann, eines Tages, erscheint die ebenso schöne wie erfolgreiche und beliebte Geisha Mameha, die in einem ewigen Zweikampf mit Hatsumomo steckt, als rettender Engel und nimmt sich Chiyos an, die als Geisha schließlich den Namen Sayuri erhält. Nach harter Ausbildung und einem gnadenlosen Konkurrenzkampf zwischen Mameha und Hatsumomo auf der einen und Kürbisköpfchen, Hatsumomos Schützling, und Sayuri auf der anderen Seite steigt Sayuri schließlich zur begehrtesten Geisha Kyotos auf. Doch das private Glück bleibt ihr bis ins hohe Alter verwehrt.

Arthur Golden beschreibt eindringlich und anschaulich, wie hart das Leben als Geisha ist. Im wahrsten Sinne des Wortes unschuldig und naiv sind die entwurzelten Mädchen, die in Kyoto zur Geisha ausgebildet werden. Sie leiden unter der Einsamkeit, den harten Ausbildungsmethoden, dem ewigen Konkurrenzkampf und der gnadenlosen Abhängigkeit von den Männern, speziell ihren dannas, denjenigen Männern, die es sich leisten können, eine Geisha quasi als Zweitfrau zu halten und zu finanzieren. Die ganze Qual kulminiert in der Darstellung der mizuage, der Defloration, um die zunächst im Wettkampf geboten wird und die Sayuri mit dem Gleichnis vom Aal, der seine Höhle sucht und markieren will, erklärt wird.

Sayuri ist zu diesem Zeitpunkt erst 15 und erträgt so manche Erniedrigung von Seiten der Männer und die Intrigen ihrer Intimfeindin Hatsumomo nur, indem sie sich in einen Tagtraum flüchtet, der stets nur von dem einen handelt: Von dem Direktor, ihrer großen Liebe, dem sie erstmalig noch als Dienerin zufällig auf den Straßen Kyotos begegnete. Ihr Leben lang hält sie an der Hoffnung fest, dass er eines Tages ihr danna, ihr Quasi-Ehemann, wird. Diese Romanze lässt sie schließlich auch den Zweiten Weltkrieg und die von Armut geprägten Nachkriegsjahre überleben.

Zwar begegnen sich die beiden nach Ende des Krieges wieder, doch als der Kompagnon des Direktors, Nobu, ihr nächster danna zu werden droht, lässt sich Sayuri zu einer Verzweiflungstat hinreißen, bei der sie ihre Existenz aufs Spiel setzt. Doch es gibt für Sayuri und den Direktor ein Happy End.

Dass das so ist, ist wohl vor allem der Tatsache zu verdanken, dass der Autor zwar zunächst vorgibt, mit Sayuri tatsächlich gesprochen zu haben und von ihr gebeten worden zu sein, ihre Memoiren aufzuschreiben. Doch das entpuppt sich am Ende als listige Finte des Autors, der schließlich doch bekennen muss, dass Sayuri nur Fiktion ist. Das erklärt auch so manche Passage, der man stark anmerkt, dass sie vor allem geschrieben wurde, um der eigenen, d.h. Sayuris, Legendenbildung willen. Und es ist auch dieses – typisch amerikanische, ins Kitschige abdriftende – Happy End möchte man sagen, dass einem die Geschichte ein wenig verleidet. Muss das sein, fragt man sich leicht angewidert.

Golden ist kein Faulkner und kein Hemingway. Dennoch liest man das Buch gerne und mit wachsender Begeisterung, weil es uns in eine für uns völlig fremde und zum Teil auch unverständliche Welt und Kultur entführt. Alle Figuren des Romans mit ihren unterdrückten, kompensierten, verdrängten, verstörten und gelebten Träumen, Wünschen, Gedanken und Gefühlen stehen plastisch vor Augen. Der Autor offenbart hier intime Kenntnisse der Rituale der Geisha-Tradition. Die Atmosphäre Kyotos vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist so authentisch und lebendig geschildert, dass man sich augenblicklich dorthin zurückversetzt fühlt.

Golden ist Professor für japanische Geschichte und er weiß, wovon er schreibt. Umso mehr drängt sich die Frage auf, warum er erst unter Camouflage schreibt, um am Ende doch wieder alles zu demaskieren, jedoch nicht, ohne in der Danksagung so vielen Japan-Kennern und gar einer echten Geisha zu danken, dass man unweigerlich das Gefühl hat, hier will, hier muss sich jemand noch im nachhinein rechtfertigen und uns versichern, dass auch alles seine Richtigkeit hat, auch wenn er uns zunächst mit den Memoiren einer Geisha auf eine falsche Fährte gelockt hat.

Das hätte das Buch nicht nötig gehabt. Auch ohne erzähltechnische Brillanz steht es dennoch aufgrund der Exotik des Themas und der kenntnisreichen Beschreibung von Orten, Unterrichtsmethoden, Zeremonien und Traditionen gut dar. So aber bleibt ein leicht bitterer Nachgeschmack.

Auch das schon weiter oben angeführte Happy End ist einfach zu dick aufgetragen. Immerhin: Schon hier melden sich dem gutgläubigen Leser erste Zweifel, ob denn da tatsächlich alles mit rechten Dingen zugegangen ist oder ob Sayuri der eigenen Legendenbildung willen etwa gelogen habe. Nun, sie hat nicht gelogen, sie konnte ja gar nicht lügen. Ein realistischeres Ende hätte dem Roman gut getan.

Im selben Maße diskreditiert Golden damit auch die Figur der Mameha, Sayuris Lehrerin und seinerzeit Meister-Geisha in Kyoto. Wirkte ihr Erscheinen und Sayuris Errettung durch Mameha bereits vorher aufgesetzt, so verkommt sie am Ende gänzlich zur Deus ex machina, denn es stellt sich zu allem Überfluss auch noch heraus, dass sie stets im Auftrag des Direktors gehandelt hat, der Sayuri ebenfalls seit der ersten zufälligen Begegnung nicht vergessen konnte. Das ist schade um die Figur der Mameha, denn als Sayuris Lehrerin verkörpert sie die Demut und Eleganz in Person, die in einem einzigen Satz die Existenz einer Geisha auf den Punkt bringt: „Wir werden nicht Geishas, weil wir es uns aussuchen können, sondern weil wir keine andere Wahl haben.“ (sinngemäß zitiert)

Fazit: Wer von Anfang weiß, dass es sich nicht wirklich um die Memoiren einer Geisha handelt, sondern sich bewusst auf eine fiktive Geschichte einlässt, die gut recherchiert und mit fundiertem Wissen untermauert ist, ist am Ende gewiss weniger enttäuscht als der zunächst arglose, gutgläubige und unvoreingenommene Leser. Der fremden Welt und Denkmuster willen ist der Roman lesenswert, schwächelt aber in Konstruktion (aufgesetztes Ende) und Stil, wenngleich dieser ausreicht, die Figuren ausreichend lebendig erscheinen zu lassen.

Arthur Golden
Die Geisha
Kenntnisreiche Darstellung einer vergangenen und fremden Welt, jedoch mit erzähltechnischen Schwächen.
ISBN:3442726328
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Mount Dragon-Labor des Todes

Mount Dragon-Labor des Todes

In einem geheimnisvollen Forschungslabor in der Wüste von New Mexiko arbeiten Wissenschaftler an einem geheimen Projekt.
Guy Carson, Molekularbiologe und sympathischer Held des Buches, wird hierher abgeworben. Er tritt diesen Job mit Begeisterung an, obwohl er nicht weiß, was auf ihn zukommt. Die Idee ist nobelpreisverdächtig, soll doch durch Genmanipulation die Grippe ausgerottet werden. Doch bald stellt sich heraus, dass im Labor etwas gewaltig schief läuft. Alle Tierversuche verlaufen tödlich. Obwohl die Sicherheitsvorkehrungen ausgeklügelt sind, gelingt einem Affen die Flucht. Er verletzt eine Wissenschaftlerin, die einen grausamen Tod stirbt.
Es wird versucht, den Vorfall zu vertuschen, aber so leicht lässt Carson sich nicht unterkriegen. Er erkennt die Gefahr und macht sich auf, um die Menschheit zu retten.

Ein spannender Wissenschaftsthriller, aktuell und brisant. Lovestory, Wüstendrama und Cyberspace-Geschichte zugleich. Trotz des schwierigen Themas ist das Buch verständlich geschrieben. Etwas fehl am Platze wirkt die Cyberspace-Geschichte am Schluss, durch die das Buch unnötig in die Länge gezogen wird.

Douglas Preston / Lincoln Child
Mount Dragon-Labor des Todes
Die ungeahnten Gefahren der Gentechnologie verpackt in einem spannenden Thriller
ISBN:3426193884
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Warén

Warén

Die Besatzung eines irdischen Forschungsschiffes landet auf „Warén“ und gerät dort in einen Konflikt zwischen (in relativem Luxus lebenden) Städtern und (um ihre Existenz kämpfende) Landbewohner. Es stellt sich heraus, daß metaphysische Wesen die Parteien zu ihren Zwecken lenken und an einer friedlichen Lösung kaum interessiert sind – die überlegenen Waffen des Raumschiffs drohen jedoch nun, den Streit in eine Katastrophe münden zu lassen. Und dann geraten auch die Mitglieder der Schiffs-Crew unter die Kontrolle der fremdartigen Intelligenzen. Als schließlich ein Mord an einem der Städter verübt wird und alle Indizien auf eine Wissenschaftlerin von der Erde deuten, scheinen alle Bemühungen um einen diplomatischen Ausweg gescheitert.

Die Autorin legt mit ihrem Erstling einen spannend erzählten „klassischen“ Science-Fiction Roman vor, in dem der Leser in den „Ausserirdischen“ trotz ihrer seltsamen Gewohnheiten nur allzu menschliche Figuren erkennt. Das Dilemma, daß ein Konflikt manchmal nicht „friedlich“ zu lösen ist, weil Beteiligte grundsätzlich nicht diskussionswillig sind, wird durch ein unvorhersehbares Finale „beseitigt“ – manchmal sind „Lösungen“ nicht möglich.

Mit deutlich tieferer Charakter-Zeichnung als in der gängigen SF, einem Spritzer „Kriminalistik“ und einem glaubwürdigen Plot macht es Spaß, „Warén“ auch mehrmals zu lesen.

jon
Warén
Spannende Science Fiction mit „menschlichen“ Figuren
ISBN:3935982216
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Vater,Vater lichterloh

Vater,Vater lichterloh

In zwei skurrilen, witzigen Erzählungen wird der Tod in unserer heutige Welt mit ihren Eigenheiten aufgespießt und zu Thema gemaht.
Worum geht es ?
Die erste Erzählung behandelt die Trauerfeier für einen im frühen Alter von 34 Jahren verstorbenen Masseur.
Alle möglichen und unmöglichen Leutchen versammeln sich in der Kirche, um des Toten zu gedenken. Pater Jolliffe hält die Gedenkrede.
Auch er hat den Toten sehr persönlich gekannt, wie so viele der Anwesenden.
In der Menge herrscht Unruhe und Angst, denn die Todesursache ist unklar.
Da Clive, so heißt der Verstorbene, ganz offensichtlich als Masseur neben den eigentlichen Gesundheitsaufgaben darüber hinaus noch andere Gelüste der Klienten befriedigt hat, steht die Vermutung im Raum , daß er an Aids gestorben sein könnte. Man spürt wachsende Spannung, da jeder sich fragt, was der Verblichene einem jeden womöglich hinterlassen haben könnte.
Alleine die Idee, anläßlich der Trauerfeier eines Verstorbenen etwas über die Ängste, den Zustand einer bestimmten Gesellschaftsschicht, die Erleichterung bei Bekanntwerden der Todesursache zu schreiben , hat mich erheitert.
Pater Jolliffe kann am Ende glücklich einen Dankgottesdienst zelebrieren!
Das Ganze wird mit einer gewissen Leichtigkeit und einem skurrilen Witz dahererzählt,–wirklich, es ist unterhaltsam und aufschlußreich, intelligent und humorvoll , so daß trotz der möglichen Tragik der Geschichte ein Lachen bleibt.

In der zweiten , der Titelgeschichte : Vater,Vater lichterloh, wird noch drastischer die Hand auf die Wunde der Gesellschaft gelegt.
Der Vater von Midgley liegt im Sterben. Außer dem Sohn erscheint so nach und nach die ganze Familie: Bruder, Schwester, Nichte,Neffe ,Kinder und die Enkelkinder.
Die Anmerkungen und Handlungen der Besucher offenbaren, mit wieviel Heuchelei, Verlogenheit und Scheinheiligkeit dem Tod begegnet wird.
Einzig die jüngeren Kinder sind ganz unbefangen im Erledigen des Sterbens, indem sie zu ihrer Tagesordnung übergehen.
Midgley, der Sohn des Sterbenden, scheint gequält von dem Gedanken, wie er sich nun von seinem Vater verabschieden und trennen soll.Er ist die längste Zeit bei ihm, nur nicht im entscheidenen Augenblick!
Mit so viel Witz, mit dem die Hilflosigkeit und Angst vor dem Tod demaskiert wird, habe ich noch nicht über das Sterben reden hören . Es ist ein gutes, treffend beschriebenes Bild, in dem uns der Tod als das erscheint, was er ist:fremd und unerklärlich, fern den Lebenden, die sich mit Liebe, Hass und Lust beschäftigen. Der Humor, mit dem uns das alles dargeboten wird, macht den Tod verträglich , so daß der Leser schmunzelnd an eigene Erfahrungen denken mag. Das Buch sollte unbedingt jeder lesen, der dem Tod in einer leichten Aufmachung begegnen möchte.
Claudine Borries

Alan Bennett
Vater,Vater lichterloh
Zwei Geschichten um den Tod einmal mit Humor erzählt….
ISBN:3803131685
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