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    Stellwerk – die erste Anthologie

    Von Rainer | 19.November 2003

    Stellwerk- die erste Anthologie

    Der Titel dieses Bändchens (ca. 170 Seiten) und der Künstlergemeinschaft ist Programm: die Richtung der Reise bestimmst du, das Stellwerk unterstützt dich dabei.

    Die Zusammenstellung der einzelnen Beiträge erfolgte unter Verwendung von Prosa, Lyrik sowie grafischen und Foto-grafischen Arbeiten. So ergibt sich eine auf den ersten Blick lockere Komposition, bei der das Gesamtwerk aber zum Glück mal wirklich mehr ist, als die Summe der einzelnen Teile. Der beobachtende Betrachter erhält einen Überblick des Umfanges des künstlerischen Schaffens im Stellwerk, kann sich positionieren und ist doch nach dem Blättern dazu gezwungen, seine vorgefasste Meinung in Frage zu stellen.
    Lyriker outen sich in diesem Bändchen als Grafiker, Prosatexter stellen sich auch als einfallsreiche Poesie-Schaffende vor. Doch nicht nur solche Multitalente haben sich ihren Platz in dieser Anthologie erobert, auch Vertreter „nur“ einer künstlerischen Richtung glänzen mit herausragenden Werken.
    Die Besonderheit dieser Anthologie ist das synergistische Nebeneinander von Text und Bild. Die grafischen Arbeiten verkommen nicht zum schmückenden Beiwerk, sondern erweitern die Möglichkeiten der intensive Beschäftigung mit den Texten, werfen neue Fragen auf, oder brennen das Gelesene als Bild ins Gedächtnis.

    Zu Beginn der kurzen Einzelvorstellung der Beiträge gleich noch eine Erklärung:
    Die Beurteilung von Lyrik hinsichtlich ihrer Qualität und der Koordinaten im unendlichen Ozean ihrer Quantität fällt mir allgemein schwer. Die Beliebigkeit des Inhaltes und der Form, oder der Krampf der mit dem Wunsch nach Innovation bei manchen Autoren einhergeht, führt dazu, dass ich selten „umgeworfen“ werde. Bei den mich berührenden Werken sind es meist nur einzelne Fragmente die mich innehalten lassen und zum Nachspüren anregen. Mensch möge mir dieses Manko bitte nachsehen.

    „Juni“
    von Stefan Briel
    Ein kurzes, erfreulich kitsch- und schwülefreies Liebesgedicht. Nach der Kulmination des Überganges von (Zitat aus „Juni“) „Bewusstsein zu Bewusstheit“ ein Ende, welches mich als Zeichen höchster Verliebtheit ergriffen hat:
    „…
    Zeig mir all die Stellen
    Wo du schwach sein willst
    Ich werde dich nicht verraten…“

    Mal wieder eine festbödige Insel, die ich mit geschenkten Andenken verließ.

    „Nachtarbeit“
    von Astrid Hentrich
    Poesie des einseitigen Ausschweigens, mit der Vision des möglichen Bruches bereits jetzt angerissener Banden. Nach dem Lesen lohnt sich die Besinnung auf den Titel außerordentlich.

    „Traum“
    von Stephan Klement
    Illustration, die nach „Nachtarbeit“ optimistisch stimmt – die Vision ist noch nicht präsent.

    „Der Autor als Linkshänder“
    von Prof. Ernst Edmund Kehl
    Eine Satire mit einem Protagonisten, der anscheinend über sich selbst lachen kann (auch wenn es im Text explizit Erwähnung findet). Macht Lust darauf, Texte vom Autor, vielleicht sogar einmal live, vorgelesen zu bekommen – gedruckt wirkt das Werk dagegen etwas behäbig.

    Es folgen drei Gedichte; aber ich vermag es nicht, sie zu öffnen.

    „Die Henkersmahlzeit“
    von Henning Wagner
    Ich liebe Eingangssätze die nicht mit ihrer noch bestehenden Bezuglosigkeit um meine Aufmerksamkeit buhlen, sondern schon die ersten Kulissen errichten. Bei diesem Test bewegt sich sogar bereits der erste Darsteller darin – anscheinend. Mit dem Lesen des zweiten Satzes weiß ich dann wieder, warum ich Kurzgeschichten mag.
    Eine köstliche Geschichte. In Worte gekleidet, deren Verspieltheit das Lesevergnügen noch zusätzlich und sujetgerecht erhöht.

    „Tausend Jahre stumm“
    von Stephan Klement
    Der Protagonist als Baum, lesenswerte Identifikation, die mich viel über mein Verhältnis zur Oberflächlichkeit der Naturbetrachtung nachdenken ließ.

    „Heat“
    von Markus Ebersbach
    Illustration der „dritten Art“. Eine Fotografik mit psychodelischem Effekt – sehenswert.

    „Bonjour, mon amour »
    von Margit Lieverz
    Klare Prosa und präzise Bilder reihen sich in immer schneller werdenden Schnitten zu einer Vorstellung menschlicher Wesenszüge. Hoher Schmunzelfaktor; Männer nicht ausgenommen.

    „Autonacht“ von Christof Lemke
    Kurzgeschichtenhafte Lyrik deren Dramatik bis zum Schluss ansteigend verläuft.

    „Der Schrank“
    von Daniel Mylow
    Atmosphärisch dichte Kurzgeschichte über die dunklen Früchte am Baum der „Verlassenwerden“ heißt. Diese Tollkirschen prägen die Psyche des Protagonisten, bis zum, nicht nur ortsbezogen, klaustrophobischen Showdown. Ein Leben auf zwei DIN A5 Seiten präzise und ohne Sentmentalität fabuliert – Gänsehautfaktor.

    „Objektiv“
    von Stefan Briel
    Lesens- und bedenkenswertes Wortspiel; nicht nur über (erotische?) Fotografie.
    Sehr intensive Illustration: „Mensch“ von Jörg Block

    „Der Felsen“
    von Erna Lüttecke
    Lyrik.

    „Am Drücker“
    von Heiko Paulheim
    Mit Seitenhieben in vielerlei Richtung agierendes Prosastück über die Ausschaltung von Emotionen in Folge von falsch verstandenem Erfolgsdruck. Beeindruckende Pointe.
    Auch hier: sehenswerte Illustration; diesmal von Corinna Schütz, die der Stimmung des Textes bestens gerecht wird.

    „Du“
    von Manuela Zimmermann
    Lyrik.

    „Minute/Leben“
    von Markus Ebersbach
    Wehmut ohne Pathos hat für mich in der Lyrik Seltenheitswert. Hier ist es dem Autor gelungen, die Vergänglichkeit des Augenblicks und die Subjektivität des Zeitempfindens aus dem Blickwinkel der Retrospektive eindringlich darzustellen.

    „Nur einmal“
    von Marianne Kieper
    Sehr schöne Bilder, wirklich verdichtete Geschichte von Eros verwoben mit Technologiebetrachtungen, die uns zeigt: wir sind klein, aber suchen doch unsere Position im Weltengetriebe.

    „Die Kunst zu heilen oder Wie man sich seines Restverstandes bedient“
    von Astrid Hentrich
    Klug, aber beileibe nicht altklug, vergnüglich mit spitzer Feder dargestellte „Beziehungskiste“. Mit vielen scharf beobachteten Alltäglichkeiten, mit Bausteinen zum Konstruieren je nach Stimmung („Kenn` ich.“ oder „So doch nicht!!!“): ein Lesevergnügen erster Güte.

    „Leichtsinn“
    von Hendrik Schneller
    Lyrik, bei der mir ein Gefühl in Erinnerung bleiben wird:
    „…
    Sterne strahlen
    klinisch
    in die Nacht
    …“

    „Augenblick der Sehnsucht“
    von Manuela Zimmermann
    Lyrik

    „Ausgeschlürft“
    von Henning Wagner
    Kann mensch mit warmen Worten kalt sezieren? Wenn Henning Wagner den Stift als Skalpell benutzt schon.
    Auch eine köstliche Warnung an alle, sich seinen Gewohnheiten nicht selbstsicher zu ergeben.

    „Wende mich“
    von Heike Thiesmann-Reith
    Noch einmal, aber ganz anders. Wissen Sie, was der geliebte Mensch neben Ihnen denkt, wenn sie gemeinsam durch eine Gemäldeausstellung laufen?
    Mir persönlich ist die Umsetzung des Themas zu zerrissen: teilweise überladene Sprache gepaart mit gewollt wirkenden Mehrdeutigkeiten. Schön, aber leider nicht konsequent durch den Text untermauert: der Schlusssatz.

    „Schreiben“
    von Margot Lieverz
    Lyrik. Ich weiß nicht genau warum, aber der Text „rapt“, hat Groove. Er gefällt mir noch dazu, weil er, entgegen den Vermutungen die ich beim Lesen des Titels hegte, keine verkopften Betrachtungen zu Dasein, Ambition und Heil des sich berufen fühlenden Kammerliteraten enthält. Wirklich schön.

    „Traumhaftes Einkaufen“
    von Jörg Block
    Keine Geschichte die sich als Traum entpuppt…; mehr kann hier nicht verraten werden.

    „Genug gesehen“
    von Astrid Hentrich
    Klassische Kurzgeschichte; K.O. in der zweiten Runde. Bedenkenswert.

    „Tropfen“
    von Stephan Klement
    Obwohl mit „Impression“ schon klammerbetitelt entfaltet sich mehr als das. Inhaltsschwangere Verständlichkeit – so muss Lyrik für mich sein. Als literaturtheoretisch unbedarfter Rilke-Fan erlaube ich mir mal den Vergleich: so mensch Rilke überhaupt nur selten Schwulst vorwerfen kann, ist „Tropfen“ endgültig entschwulstet und modern, ohne dabei einer Mode hinterher zu laufen. Die für mich schönste Zeile:
    „…
    Die Rinde mit Narben versehrt…“

    „Milch und Blut“
    von Ernst Eduard Keil
    Wer, so wie ich, den barocken Hermann Kant der „Bronzezeit“ liebt, wird sich hier bestens bedient fühlen. Es gilt, den Eindruck den Keil mit seinem „Der Autor als Linkshänder“ hinterlassen hat, gründlich zu revidieren.

    „Sturmtanz“
    von Christof Lemke
    Zugegeben, der Text hat es nach „Milch und Blut“ schwer. Trotzdem vermag er mich zu fesseln bis zum Schluss. Der letzte Satz dieser Kurzgeschichte ist mir zu schwach, dafür strahlt das zuvor Geschriebene aber umso mehr. Vielleicht bin ich aber auch nur zu action-süchtig, um mich mit dem friedlichen Ende zufrieden geben zu können

    „Blumenfolter“
    von Hendrik Schneller
    Lyrik

    „Die Verleihung“
    von Christiane Schwarze
    Darf ich mich über diese Geschichte freuen? Ein Prosastück, welches meine Einstellung zur Lyrik bestens transportiert; ich lese daraus, was ich herauslesen will. Und das mit klammheimlichem Vergnügen…

    „TID“
    von Markus Ebersbach
    Lyrik

    „Mein Radio“
    von Stefan Briel
    Möge sich jeder selbst ein Bild von diesem Text machen. Geben Sie die Geschichte anschließend einem Bekannten zu lesen; dessen Reaktion könnte sie verblüffen.

    „Nachtkontrast“
    von Marianne Kieper
    Lyrik. Bemerkenswert ist neben dem Text dessen Illustration „Orpheus“ von Michaela Kromer. Ist es typisch männlich, dass ich mir dieses Bild in einem größeren Format abgedruckt wünsche?

    „Karaoke“
    von Christof Kirschenmann
    Aus der Sicht des Protagonisten sehr schön geschildertes Aufeinandertreffen von zwei Welten. Die eine glamourös, die andere in zunehmendem Maße besoffen. Eine Kurzgeschichte; für einen Kurzfilm mehr als geeignet.

    „L“
    von Manuela Zimmermann
    Tiefsinnig betrachtende Prosa-Lyrik, mit einer überraschenden Wendung, die, einem Bogen gleich, dem Anfang eine neue Bedeutung gibt.

    „Du bist niemals fortgegangen“
    von Daniel Mylow
    Ein eindringliches Plädoyer für das Briefeschreiben, sowie die Kraft und den Abgrund der Liebe. Aber auch das Vehikel ist lesenswert – eine traurig-schöne Geschichte.

    „Schattenkrieger“
    von Katrin Czerny
    Lyrisches Protokoll und psychologische Analyse einer gelebten Beziehung.

    „Die Lebensgefährtin“
    von Henning Wagner
    Sehr schöne Kurzgeschichte, leider im Mittelteil etwas langatmig.

    „Eine Sekunde“
    von Christof Lemke
    Eine sich langsam entwickelnde Story, in deren Verlauf sich der Leser einem angenehmen Sog hingeben MUSS.

    „Der Tag des Hundes“
    von Stefan Briel
    Die Geschichte einer modernen Beziehung, die unausweichlich, weil psychologisch geschickt geführt, dem schrecklichst möglichen Ende entgegen strebt. Bemerkenswert die Beobachtungsgabe des Erzählers für Alltäglichkeiten, die in den Abgrund führen (können).

    „…keit“
    von Markus Ebersbach
    Lyrik, geistreich von Stephan Klement illustriert.

    „Fata Morgana“
    von Hendrik Schneller
    Lyrische Schilderung, gleichnisbeladen und bildhaft schön.

    „(Un-) Vollendete Erotik“
    von Stephan Klement
    So ungewöhnlich wie der Titel ist auch der abrupte Wechsel von retrospektivisch verklärtem Schein und aktuellem Sein in dieser Kurzgeschichte. Die Illustration des Autors führt dem Leser das ganze Ausmaß des Dilemmas vor Augen. Der Bruch gleicht einer erwarteten Ohrfeige – schmerzhaft, aber mensch wusste ja, was folgen würde.

    „Grütze“
    von Marianne Kieper
    Lyrik

    „Im Whirlpool und anderswo“
    von Ernst Edmund Keil
    Es gibt noch einen Keil zu entdecken. So anders dass ich mich frage, wie viele es wohl noch geben wird…. Wiederum sehr lesenswert.

    „Sorgen“
    von Margit Lieverz
    Lyrische Bestandaufnahme einer vor dem Scheitern stehenden Beziehung.

    „Die Läuferin“
    von Daniel Mylow
    Geschichte von frühkindlich geprägter Verlustangst und daraus resultierender Obsession. Dichtere Prosa habe ich selten gelesen.

    „Gnädige Frau“
    von Marianne Kieper
    Lyrik

    „Fernweh“
    von Henning Wagner
    Klassische Kurzgeschichte die den Leser in ihren Bann zieht. Die Pointe wirkt nicht aufgesetzt oder gar konstruiert, sondern ist trotz der von ihr hervorgerufenen Heiterkeit hintergründig und nachdenklich machend.

    „Der Flug“
    von Astrid Hentrich
    Eine schöne Kurzgeschichte, die, so wie mensch es sich in diesem Metier wünscht, mit einer gänzlich unerwarteten Wendung brilliert.

    „Autist“
    von Hendrik Schneller
    Lyrik

    Rezension von Rainer Kilian

    Stellwerk – die erste Anthologie
    ISBN 3 – 936389 – 89 – 9
    Hrsg. Stephan Klement
    Geest-Verlag
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