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    Francesco im Land der Delphine

    Von Rolf-Peter Wille | 17.Mai 2003

    „Francesco im Land der Delphine“: Dies ist der merkwürdige Titel einer spannenden Geschichtensammlung aus dem Reich der Phantastik. In diesem Reich regiert nicht die exakte wissenschaftliche Darstellung sondern die geheimnisvolle Andeutung. Das Sehnen, das Staunen, das Gruseln oder Grauen, all dies ruht eigentlich in der Einbildungskraft des Lesers, und die Kunst des Erzählers ist es „nur“, unsere Seele zu erwecken. Besonders beflügeln uns Erscheinungen aus dem Jenseits, und so ein Phänomen ist der „Francesco“, dessen Begegnung wohl neue Lebenskraft spenden mag. Leicht melancholisch stimmt mich diese Mallorca Erzählung von Kurt Lehmkuhl und ich muß daran denken, daß bereits George Sand und der kranke Chopin ihren Urlaub auf Mallorca verbrachten. Auch im „27. Februar“ erzählt Lehmkuhl von der Begegnung mit dem Jenseits. Der Tod hat eher eine moralische Bedeutung in Thomas Pfanners „Der Traum der Leiche“. Die unendliche Einsamkeit der Isolation. Dies ist auch das Thema von George P. Russels „Odem“. Der in England geborene Autor jedoch vermag dieser Geschichte einen recht makabren Twist zu geben. Makaber ist sicher auch „Die Schlange“ von Axel Gieseking, die den armen Leser mit ihrem „Shock and Awe“ zur Strecke bringt. Noch lange Zeit nach dem Lesen dieser prägnanten Kurzgeschichte sah ich deutlich Salvador Dalis „Faces de la guerra“ vor mir.

    Poetisch subtil, aber um so tiefer, wirken hingegen die Geschichten, in denen das Grauenvolle nur flüchtig angedeutet erscheint. Horst Jüssens „Die geheimnisvolle Insel“, erzählt schlicht und klassisch und verführt mit dem, was sie verschweigt. Diese Insel hat etwas von Gerstäckers „Germelshausen“. Eine klassische Abenteuergeschichte ist das wohl wahre Erlebnis Kurt Jaegers aus seiner Fliegerzeit in Nigeria, geschildert in „Eine rätselhafte Entscheidung“. Die Spannung entsteht hier durch den Kontrast zwischen der kalten, zum Teil englischen Fachsprache und der stets lauernden Gefahr. Einfach aber wirkungsvoll ist auch Armin Rößlers streng mittelalterliche Erzählung „Das Land der Wolken“, ein Land, das mich etwas an Alfred Kubins phantastischen Roman „Die andere Seite“ erinnert. Ein weiteres Phantasiereich von strenger Hierarchie beschreibt Alfred Bekkers „Dway’lion der Magier“. Selbst mythologische Wesen hausen hier wie ja auch in Katharina Holzs altägyptischem Traum „Amduat-Ra’s Reise durch die Unterwelt“. Doch wenn mich „Dway’lion“ etwas an den „Lord der Ringe“ erinnert so umweht „Amduat-Ra“ ein Hauch von Harry Potter. Ein Hauch von Andersens „Meerjungfrau“ hingegen, ein geheimnisvoller Geruch von Fisch und Meer, umweht Irene Salzmanns „Das Land der Delphine“, während Dirk Brakenhoffs „Der Hüter des Waldes“ zunächst wie Endes „Momo“ oder die moralische „Unendliche Geschichte“ anmutet, dann jedoch mit einem recht unerwarteten Ende überrascht. Man kann sowohl Weinen als auch Lachen.

    Und hier haben wir nun die phantastische Verbindung aus Satire, Humor und Horror, am gelungensten vielleicht das „Krokomaul“ von Carin Chilvers, skurrile und sentimentale Memoiren einer sterbenden Krokohandtasche, erzählt mit Flair und Flamboyance. Aber auch „Mittags kommt das Grauen“ von Irene Salzmann ist eine recht witzige Satire von einem, „der auszog, das Gruseln zu lernen“. Sehr charmant erzählt ist Till Louis Schreibers Hommage à
    Hoffmann, „Onkel Alberts Porzellanpuppe“, doch ohne den dämonischen Einschlag von ETA. Eher experimentell hingegen wirkt Dorthe Landschulzs „Der Dichter“. Konzentriert lesen muß man hier, wenn man den Wechsel der Erzähler und den fliessenden Übergang der Realitäten verstehen will. Etwas fühlte ich mich beim Lesen wie jener Kunstliebhaber in Akira Kurosawas „Dreams“, der sich plötzlich in einem Bild Van Goghs wiederfindet.

    Was wäre eine Sammlung phantastischer Geschichten ohne Indien? Artur J. Ruetter hat dieses exotische Land bereits vor 30 Jahren auf einer Weltreise mit dem Fahrrad besucht, und sein „Reisender zwischen den Welten“ ist der offensichtlich wirkliche Bericht einer phantastischen Vision. Die Erzählung enthält aber auch viel Lokalkolorit, und besonders köstlich ist die indische Art der Teezubereitung (der Filter ist ein ausgekochter Damenstrumpf). In Rolf-Peter Willes (Rezensent) Geschichte, „Der Cognacschwenker von Varanasi“, ist Indien eigentlich nur eine poetische Erfindung. Diese fast surreale Geschichte einer Seelenwanderung ist vielleicht zum Teil inspiriert von Edgar Allan Poes phantastischer Schilderung der Stadt Benares in „A Tale of the Ragged Mountains“.

    Reich und bezaubernd, manchmal auch witzig und sogar schockierend ist das Leben im Land der Phantasie, in das diese Anthologie des Betzel Verlags einen verführerischen Einblick gibt – so verführerisch übrigens, wie bereits der Umschlagentwurf von Irene Salzmann.

    H. H. Dietrich & P. T. Rothmanns, Hrsg.
    Francesco im Land der Delphine
    In dieser Anthologie präsentieren sich 16 lebende Autoren mit 18 phantastischen Geschichten
    ISBN:3932069404
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