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Autor: Claudine Borries

Lori Gottlieb: Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden

Lori Gottlieb: Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden

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In diesem Buch kann man lernen, was Therapie für den Menschen bedeuten kann! Es gleicht stellenweise einem Sachbuch über den Verlauf von Therapien.

Lori Gottlieb ist Therapeutin und gerät selber in eine psychische Krise. Sie weiß sich keinen Rat, als eine Freundin ihr zuredet, sich therapeutisch helfen zu lassen. An wen aber kann sich eine Therapeutin wenden?
Nahestehende Kollegen dürfen es der mangelnden Distanz wegen nicht sein.
Lori beschreibt ihre Verzweiflung und ihre Suche nach einem für sie geeigneten Therapeuten.

In den folgenden Kapiteln wechseln Erfahrungen als aktive Therapeutin mit denen, sich selbst als Ratsuchende in einem therapeutischen Prozess zu befinden.

Spannend sind therapeutische Prozesse schon deshalb, weil sie die intimsten Gedanken und Gefühle zwischen Klient und Therapeut beleuchten. In den Falldarstellungen von Lori Gottlieb werden Nöte der Klienten so beschrieben, dass man jeweils mit Spannung deren weiteren Verlauf nachgeht.

Die Autorin beschreibt, wie Therapeuten in einer möglichst neutralen Position bleiben, um sich ganz auf das Gegenüber einzulassen. Projektionen sind Teil eines Geschehens, in dem es um die Aufschlüsselung verborgener Erlebnisse und Erinnerungen geht. Der Therapeut hört zu, nimmt das gesprochene Wort und bemüht sich um die Wahrnehmung unausgesprochener Gefühle, um seine Beobachtungen mit eigenen Worten dem Klienten widerzuspiegeln.

Die Beziehung zwischen Therapeut und Klient spielt eine herausragende Rolle.
Ist man sich sympathisch? Meint man, dass sich ein Gesprächsklima entwickelt, in dem man mit Mitteilungen, Fragen und Einfühlung an die Wurzeln verschütteter Erinnerungen gelangen kann? Diese bieten fast immer den Schlüssel zu dem, was gegenwärtig passiert.

Fachbegriffe wie Übertragung und Gegenübertragung sind ebenso Thema wie die so genannten blinden Flecken, mit denen eigene unbewusste Erfahrungen mit denen der Ratsuchenden kollidieren.

In Kontrollstunden, Supervision genannt, die verantwortungsbewusste Therapeuten fast immer besuchen, gelingt es häufig, die Verknotungen und dunklen Seiten auf dem Weg zur Erkenntnis zu lichten. In der Gruppe können die Einfälle beobachtender Kollegen Wegweiser zu weiterem Vorgehen werden.

Lori Gottlieb hat eine überzeugende Art, mit Originaltexten, Gesprächen und zahlreichen menschlichen Begegnungen den Therapievorgang mit Leben zu füllen.
Dass sie sich selber einschließt, zeigt die menschlichen Seite des Erlebens.

Es ist eine aufschlussreiche Darstellung therapeutischer Prozesse und ihrer Folgen für den Ratsuchenden. Man kann über dieses Buch etwaige Ängste vor Therapien überwinden und den möglichen Bedarf einer eigenen Therapie zuversichtlich entgegensehen.

Lori Gottlieb
Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden
hanserblau, 6. Edition, 27. April 2020
496 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3446266046
ISBN-13: 978-3446266049
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Benedict Wells: Hard Land

Benedict Wells: Hard Land

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Benedict Wells hat einen Coming-of-Age Roman geschrieben. Er kann das, wie er schon in seinem Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ bewiesen hat.

Ein Junge von 16 Jahren lebt in einer kleinen Stadt in Missouri. Sam, so heißt unser Held, ist der Icherzähler in diesem Roman. Es geht ihm nicht gut, denn seine Mutter ist schwer krank, und er lebt ein Eigenleben ohne Kontakte zu anderen Jugendlichen und Mitschülern. Seine Eltern würden ihn gerne in den Sommerferien zu Verwandten schicken, um ihm die freie Zeit zu erleichtern. Doch er zieht den Job in einem Kino vor. Dort lernt er einige ältere Jungen und Mädchen kennen und schließt sich ihnen an. Ein vielversprechendes Abenteuer beginnt.

Er lernt Filme, einschlägige Schlager und Kraftausdrücke kennen. Vor allem aber lernt er Kirstie und ihre Freunde kennen und darf schon mal mit ihnen Alkohol trinken und die erste Zigarette rauchen.

Als er eines Tages spät abends auf einem Friedhof in der Nähe seines Elternhauses sitzt, denkt er daran, wie wenig ihn sein Vater versteht. Er fürchtet seinen Zorn und seine Kälte. Von weitem sieht er Kirstie kommen. In seiner schüchternen Art ist er ihr mehr als zugeneigt. Sie erfährt seine Geschichte und hört ihm aufmerksam zu. Kristie hört auch von seiner älteren Schwester, die nicht mehr zu Hause lebt, studiert und ihm so fremd ist. Am meisten bedrückt ihn die Angst um seine Mutter. Sie ist unterschwellig immer da, und er fürchtet, dass er sie verlieren wird.

Tief in seinem Inneren ist er ein einsamer und trauriger Junge, der seinen Weg sucht.

Benedict Wells versteht traurige junge Menschen. Er kann sich in sie einfühlen und gibt ihnen eine Stimme. Trauer, Tod und Verlust zeigen die eine Seite des Erwachsenwerdens. Die andere besteht in den Begegnungen mit Freunden. Sam erlebt herrliche Abende, in denen die Jungs und Kirstie Unternehmungen starten, die ihn in ihre Welt mitreißen. Er erlebt Momente großen Glücks in ihrem Kreis.

Benedict Wells schildert Sam als einen nachdenklichen und reflektierten Burschen. Er beobachtet alles mit wachem Sinnen und findet in Kirstie eine Gleichgesinnte. Sie sitzen häufiger am Abend oder in langen Nächten zusammen und denken über das Leben und ihre gemeinsamen Erfahrungen nach. Kirstie gilt seine stille Liebe. Er ist nicht selbstbewusst und fühlt sich körperlich und seelisch den anderen „Nachtgefährten“ unterlegen. Die Jungen und Mädchen, mit denen er sich befreundet hat, gehen bald schon aufs College, während er noch weitere Jahre zur Schulen gehen wird.

Wie Benedict Wells in die Welt der Heranwachsenden eintaucht, ihre ständigen Schwankungen und deren Stimmungen nacherzählt, das zeigt sein Können. Zarte Begegnungen wechseln mit solchen, in denen es um Selbstdarstellung geht, besinnliche Momente und Mutproben erscheinen neben denen, in denen die Selbstzweifel vorherrschen. Wells erfasst die ganze Tragweite einer unruhigen und vorwärtsstrebenden Jugend. Sam wird in seiner erwachenden Männlichkeit mit wechselnden Phasen beschrieben. Er und seine Freunde und Freundinnen blicken mit Neugier und gleichzeitig Zaudern in die Zukunft. Die innere Befindlichkeit ist noch gefangen bei den Eltern und zugleich auf dem Absprung aus deren Dunstkreis. Man erlebt mitreißend den Prozess des Aufbruchs. Besonders die nachdenklichen Phasen zwischen Mutter und Sohn und Kirstie und Sam rühren an das Herz des Lesers. In diesem Roman ereignet sich viel. Die tiefsinnigen Gedanken der Protagonisten zeugen von Mitgefühl, Verständnis bis Missverstehen und Versöhnung. Alles könnte so im wirklichen Leben spielen.

Der Roman bestrickt u.a. durch seine Themen Neugier, Aufbruch, Anteilnahme, Freundschaft und Abschied. Man kann ihn uneingeschränkt empfehlen.

Benedict Wells
Hard Land
Diogenes, Februar 2021
352 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3257071485
ISBN-13: 978-3257071481
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Mirna Funk: Zwischen Du und Ich

Mirna Funk: Zwischen Du und Ich

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Noam und Nike sind die Nachfahren von Holocaustopfern. Sie haben schon einiges in ihrem Leben hinter sich, als sie sich in Tel Aviv begegnen.
Nike ist als Jüdin in Ostberlin zwischen Mutter und Großmutter aufgewachsen. Beide Frauen sind sehr dominant. Nike schreibt in der Ichform über ihre vergangenen Jahre. Es war kein glückliches Leben, und sie lebt jetzt lange Zeit schon alleine. Gute Freundinnen sind ihre Gesprächspartnerinnen.

Sie ist zur Vorbereitung einer Konferenz des DAAD nach Israel gekommen. Oder ist sie gar vor ihrer Vergangenheit mit einer unglücklichen Liebe dahin geflohen? Vieles bleibt unausgesprochen und ergibt sich aus Andeutungen und Gesprächen mit ihren Freundinnen.

Noam ist Journalist bei der Zeitschrift Haaretz, ein Job, den er gerade aufgegeben hat. Er hat ein skurriles Familienleben. Mit seinem Onkel Asher teilt er sich eine Wohnung in Tel Aviv. Sein Vater ist tot, und seine Mutter hat die Familie früh verlassen. Er war der unüberlegten Gewalt von Sportlehrer und Onkel ausgesetzt.

Je mehr die beiden über die Vergangenheit erfahren, desto schwieriger zeigt sich das Zusammenleben für sie.

Voller Sehnsucht und Hoffnung nach vorangegangenen Enttäuschungen suchen sie Nähe und Glück beieinander. Die Annäherung erfolgt scheu und vorsichtig. Als Leser hofft man, dass die Beziehung beiden Protagonisten Erfüllung bringen möge.
Die poetischen Einschübe mit der Freude über das Meer, Sonnenuntergänge und schöne gemeinsame Stunden nähren diese Hoffnung.
Wie aber können zwei so unterschiedliche Charaktere zusammenfinden?

Da man in langen Passagen immer wieder mit Andeutungen auf die verschiedenen Lebensstationen der beiden gestoßen wird, fällt es anfangs schwer, sich ein zusammenhängendes Bild zu machen. Der herbe Umgangston mit Rosa, Nikes Großmutter, ist bedrückend. Und dem Missbrauch und der Gewalt, denen Noam schon als Kind ausgesetzt war, lässt Bitteres ahnen.

Mirna Funk hat einen Roman geschrieben, der jüdisches Leben heute zum Thema hat. Bedrückend bleiben in der Erzählung die Umstände von Geburt und Tod, Einsamkeit, Gewalt und Sex.

Nach Mirna Funk wird das Leben mit bestimmt durch jüdische Feiertage, den Ritualen der Feste und religiösen Regeln auch bei jenen, die nicht mehr glauben. Diese Tage sind die einzigen sicheren Konstanten im Leben. Unterschwellig spürt man die Wut, den Zorn und die Zerstörungskraft der handelnden Personen über all das Vergangene. Gefangen in den Stimmungen unbewältigter Ereignisse lässt sich ein wirkliches Glück nicht erfahren. Insofern verspricht die Geschichte keine Hoffnung auf Erlösung aus den Fallstricken vergangenen Unglücks. Die Traumata ganzer Generationen lassen sich nicht auslöschen.

Es ist ein ehrliches Buch. Traurigkeit liegt über der Erzählung und man mag ahnen, wie es sich als Jude/ Jüdin mit der schweren Bürde unvorstellbarer Gräuel der Vergangenheit lebt. Man sollte den Roman lesen, um die Geschichte der Juden nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Mirna Funk
Zwischen Du und Ich
dtv Verlagsgesellschaft, Februar 2021
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3423282673
ISBN-13: 978-3423282673
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Johann Scheerer: Unheimlich nah

Johann Scheerer: Unheimlich nah

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Ein Junge von 13 Jahren erlebt eine unheimliche Geschichte: sein Vater ist entführt worden. Sein Vater heißt Jan Philipp Reemtsma. Er ist reicher Erbe einer Zigarettendynastie, Wissenschaftler und Mäzen.
Im Alter des Jungen beginnt man gerade, sich von seinen Eltern abzunabeln. Jetzt aber gilt es für ihn, ganz nah mit der Mutter das Ende der Geschichte abzuwarten.

Als der Vater wieder frei ist, steht bei allen Beteiligten die Welt auf dem Kopf.
Das Elternhaus in einem vornehmen Hamburger Stadtteil wird in eine Festung umgebaut: überall gibt es jetzt um und am Haus Bewegungsmelder und Kameras. Zusätzlich bewachen eine Menge Sicherheitsleute alle Bewegungen der Familie und alles, was sich im und am Haus tut. Das sind die Fakten.

Was aber macht die Erzählung über eine gebrochene Kindheit so bemerkenswert?
Dieser Junge hat eine überaus feine Beobachtungsgabe und dazu ein hohes Reflexionsvermögen über die eigene Befindlichkeit und alles, was ihm bei seinen Beobachtungen bewegt.
Freunde besuchen, unbefangen zur Schule gehen, sich amüsieren und mit den Freunden “abhängen“, das alles ist plötzlich nur noch unter den Augen der Sicherheitsdienste möglich. Wie muss man sich fühlen, wenn man pausenlos unter Beobachtung steht? Keine Regung oder plötzlich Eingebung für eine Aktion bleibt unbeobachtet, und das spontane Leben erlischt.

Sein Vater, ein ernster und mimisch unbewegter Wissenschaftler, kennt nur seine Bücher und das Schreiben. Die Mutter neutralisiert zwar so manche kritische Situation; für Johann wird ein gemeinsamer Urlaub zu einer nervenzehrenden und langweiligen Angelegenheit. Man spürt förmlich, wie der Junge innerlich verkümmert, weil er immer nur aus sich selber schöpfen muss, wie er sich die Zeit vertreibt. Natürlich gibt es auch im Urlaub eine Rundumbewachung. Es gelingt Johann gelegentlich, sich mit dem Sicherheitsteam die Zeit zu vertreiben.

Präzise gesagt haben wir hier einen Protagonisten, der in erschütternder Weise mit den Folgen eines schweren Verbrechens konfrontiert bleibt.
Johann durchläuft eine Jugend zwischen Ängsten, Wut, Auflehnung und wirklichen Bemühungen, sich aus den Zwängen seiner Umgebung zu befreien.
Dass er dabei diskret und doch offen seine innere Entwicklung aufzeichnet und auch seinen äußeren Bewegungsdrang offenbart, ist von einer tiefen Scheu begleitet, sich nicht pathetisch oder in einer Sonderrolle zu zeigen.
Er hat Eltern, die ihm alle Freiheiten lassen, die unter diesen Umständen nur möglich sind.
Bei den Versuchen, ein möglichst „normales“ Leben zu führen, bleibt die Belastung immens, sich ständig Zeitplänen und Kontrollen fügen zu müssen.

Johann Scheerer lässt in seinen Jugendjahren nichts aus. Von der Sprache bis zum Punk, einer Jungendband und der entsprechenden äußerlichen Aufmachung, Tätowierung und Piercing ist alles möglich.
Er hat die Begabung zu psychologischem Einfühlungsvermögen, lakonischer Berichterstattung, Distanz schaffender ironischer Überziehung ernster Situationen und insgesamt authentischer Wiedergabe seiner jugendlichen Entwicklung. Die Suche nach der eigenen Identität durchzieht die ganze Geschichte.

Die sensible und genaue Wahrnehmung seiner Umgebung, seiner Eltern und seiner eigenen Gefühle machen das Buch zu einer Rarität. Wer eine so treffende Beobachtungsgabe zeigt und differenziert zu erzählen weiß, der hat wahrlich das Zeug dazu, seinen Mitmenschen über ein absolut unvergleichliches Ereignis Bericht zu erstatten. Ein sehr einsamer Junge geht auf diese Weise aus sich heraus. Um sich zu befreien? Oder um Zeugnis abzulegen über die Folgen eines Verbrechens, das sich, auch für die Angehörigen des Opfers, zu einer Dauerschikane ausweitet? Es gilt wohl beides.

Nicht zuletzt ist sein Bericht so spannend, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte.

Er ist heute erwachsen und schreibt folglich aus der Rückblende. Das ist ihm hervorragend gelungen.

Johann Scheerer
Unheimlich nah
331 Seiten, gebunden
Piper, Januar 2021
ISBN-10: 3492059155
ISBN-13: 978-3492059152
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Julian Barnes: Der Mann im roten Rock

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock

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Nach seinen zahlreichen wunderbaren Romanen und auch philosophischen Schriften, z.B. „Nichts, was man fürchten müsste“, hat Julian Barnes dieses Mal ein Sachbuch geschrieben.
Anhand der Geschichte eines berühmten französischen Arztes im 19. Jahrhundert, Dr. Samuel Pozzi, beschreibt er rückblickend die als belle Époque bezeichnete Zeit in Frankreich und England.
Die Fülle von Namen, Daten, kulturellen Strömungen und Verbindungen zwischen einzelnen Personen sind zu Beginn fast ein wenig überwältigend

Dr. Pozzi, der Mann im roten Rock, war ein Intellektueller und Freigeist. Er stammte aus einem Dorf in Frankreich und geriet in Paris dank seines Berufs als Arzt in die Gesellschaft aus Intellektuellen, Künstlern, Parvenüs, Dandys, Homosexuellen und ganz allgemein der Dekadenz.

Er suchte Kontakte zu Herzögen, Prinzen und Grafen und stieg in der Pariser Gesellschaft hoch geehrt auf. Als hervorragender Arzt und nach einiger Zeit auch weltberühmter Chirurg genoss er allseits Anerkennung und Ruhm. Eine Unzahl bekannter Persönlichkeiten aus den Bereichen schöner Künste, Maler des Impressionismus und vieler bekannter Schriftsteller gehörten zu seinem Umfeld.

Er wird vom Autor als kultiviert, weitgereist, charismatisch, gutaussehend und charmant beschrieben. Er hatte reich geheiratet. Seine Ehe scheiterte an den womöglich nicht zu vereinbarenden gegenseitigen Erwartungen und der in dieser Zeit herrschenden Sexualmoral. Dass die Ehe dennoch dreißig Jahre hielt, lag an dem schönen Schein, den man allenthalben zu wahren wusste.

Barnes ging es um eine Geschichte der Zeit, in der alle jene zur Darstellung kommen, die das Kolorit dieser Epoche mitbestimmten: Künstler, Wissenschaftler (auch Darwin findet Erwähnung), Schriftsteller und die ganze auf Erfolg und Berühmtheit geeichte Gesellschaft. Es würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen, wenn ich alle Namen aufzählen würde.
Paris bot das morbide Klima, das dem eher nüchternen Leben in England gegenüberstand.

Man kann sich ein Bild machen von den überragenden Künstlern jener Zeit, die voller explosiver Kraft, Kreativität und Schöpfungswillen waren. Man behält die vielen Beziehungen untereinander nicht im Detail, denn der Stoff ist zu umfangreich. Es gibt allenfalls einen Wiedererkennungswert.

Alle diese Berühmtheiten kannten sich untereinander, liebten oder hassten sich: überragend blieb die Figur der Dr. Pozzi, auch „Docteur Dieu“ genannt, um den herum Julian Barnes sein Zeitgemälde entstehen ließ. Pozzi war zu intelligent, um sich in das allgemeine Klatschgeschehen, das dort herrschte, einzufädeln. Er blieb der beliebte Arzt, der überall gerne gesehen war.

Julian Barnes musste für sein Werk recherchieren, Textstellen bekannter Autoren hinzuziehen, Bezüge zwischen den Personen und Schriftstellern herstellen, um auf diese Weise die Zeit des Aufbruchs in der Wissenschaft und der Kunst, aber auch der Dekadenz in den Fokus zu nehmen.

Während man beim Lesen über den Umfang des zusammengetragenen Materials staunt, findet man im Nachwort den bekannten Julian Barnes wieder, der in einem sehr persönlichen Schlusswort noch einmal beschreibt, was den Helden der Geschichte auszeichnet.

Pozzi, Zitat, der „rational, wissenschaftlich, fortschrittlich, international und unentwegt wissbegierig war; der jeden neuen Tag mit Begeisterung und Neugier begrüßte; der sein Leben mit Medizin, Kunst, Büchern, Reisen, Gesellschaft, Politik“ und so fort „verbrachte“ war ein Ausnahmetalent.

Im Anhang gibt es sowohl Literaturhinweise als auch Hinweise auf die zahlreichen Bildtafeln und Fotos.

Für den gebildeten Leser ist das Buch eine umfassende Bildungslektüre, das man gerne empfehlen möchte.

Julian Barnes
Der Mann im roten Rock
Kiepenheuer & Witsch, Januar 2021
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3462054767
ISBN-13: 978-3462054767
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Alexa Hennig von Lange: Die Wahnsinnige

Alexa Hennig von Lange: Die Wahnsinnige

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Alexa Hennig von Lange hat die Geschichte der Johanna, Königin von Kastilien, nachgezeichnet. Spanien ist zu dieser Zeit um 1500 ein durch und durch katholisch geprägtes Land.

Der Autorin ging es dabei u.a. um die historischen Dimensionen einer Zeit, in der Unglaube mit Folter und Scheiterhaufen geahndet wurde. Es ging ihr aber auch um eine Frau, die in alle dem, was da in gläubigen Unsinn verpackt wurde, klarer sieht. Johanna, die als die Wahnsinnige in die Geschichte einging, versucht mit klarem Verstand Durchblicke zu finden. Sie ist gebildet, emotional, gefühlvoll und voller Temperament. Um in der Welt der Herrschenden zu bestehen, musste man diese Eigenschaften verleugnen.
Die mittelalterlichen Strukturen ließen Individualität nicht zu. Daran konnte man schier verzweifeln. Und das ist es, was Johanna umtreibt.

Als junges Mädchen mit 16 Jahren wird sie mit Philipp dem Schönen von Flandern verheiratet. Dynastische Planungen haben sie zur Frau dieses Mannes gemacht. Durch den frühen Tod anderer Erben wurde sie zur Thronfolgerin ihrer Mutter, Isabella „der Katholischen“, bestimmt. Ein Los, das sie sich nicht ausgesucht hat.
Fast selber ein Kind noch, hat sie bald drei kleine Kinder, an denen ihr Herz hängt.

Ihre Mutter ist Königin von Spanien und regiert mit harten Hand. Aberglaube und Unglaube führen zu härtesten Strafen, Folter, Verbannung und Verbrennung auf dem Scheiterhaufen.

Wir lernen Johanna auf einer Festung in Spanien kennen, wo sie, eingesperrt von ihrer Mutter, gefügig gemacht werden soll. Ihre Mutter will sie zum rechten Glauben zwingen. Da sie ständig mit Zorn und Trotz auf alle Versuche der Bändigung reagiert, erklärt man sie schon früh für wahnsinnig. Ein Schicksal, das sie lebenslang verfolgen wird.

Durch den ganzen Roman führt uns der aufrechte und gradlinige Charakter dieser Frau. Sie wacht immer mehr auf und sieht die Missstände von Intrige, Kuppelei und Verrat.

Hennig von Lange weiß die historische Seite der Geschichte einzubetten in die Wahrnehmung heutiger Kämpfe um Frauenrechte. Diese Johanna versucht um ihre Freiheit zu kämpfen. Nebenbei bekommt man einen Eindruck von den äußeren Bedingungen damaligen Lebens: Reisen unter für uns kaum vorstellbaren Unbequemlichkeiten. Es geht Tage lang bei jedem Wetter über lange Strecken in schwerer Kleidung auf dem Rücken von Pferden, Übernachtungen in Zelten und wochenlange Reisen in offenen Schiffen bei rauer See usw.

Insgesamt macht einen die Geschichte mit den mittelalterlichen Strukturen bekannt, die lange vor dem Zeitalter der Aufklärung das Leben der Regierenden und des Volkes beherrschten.

Der Roman ist in seiner Erzählkunst hervorragend und regt zu weiteren Nachforschungen an.

Alexa Hennig von Lange
Die Wahnsinnige
208 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, 2. Edition, August 2020
ISBN-10: 383218127X
ISBN-13: 978-3832181277
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Mary Beth Keane: Wenn Du mich heute wieder fragen würdest

Mary Beth Keane: Wenn Du mich heute wieder fragen würdest

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In diesem Roman von Mary Beth Keane erwartet uns seine spannende, verwirrende und sehr aufregende Familien- und Liebesgeschichte.

Zwei Polizeibeamte schieben zusammen Dienst, und zufällig wohnen sie auch nebeneinander.
Francis Geese hat drei Töchter, Brian Stanhope einen Sohn. Kate, die jüngste Tochter von Francis, ist mit Peter, Brians Sohn, von klein auf befreundet.
Man erfährt viel über das Kleinstadtleben in Gillam und das Leben seiner Bewohner.

Die Kinder wachsen heran und Lena, Francis Frau, ist aufgeschlossen der neuen Nachbarin gegenüber, die offensichtlich nicht so leicht Kinder bekommen kann. Brians Frau Anne zeigt aber schon früh Auffälligkeiten. Sie ist sehr eifersüchtig, wenn sich Peter mit Kate trifft.

Dann geschieht ein schreckliches Unglück. Peter sucht Hilfe bei Francis, weil seine Eltern sich streiten. Daraufhin vollendet sich ein Schicksal, das weitreichende und nachhaltige Folgen für alle Protagonisten hat.
Es ist der Beginn einer langen Odyssee, in der Peter und Kate sich verlieren, neu finden, immer wieder einen Anfang wagen.

Annes und Brians Ehe ist zerbricht.

Wie B. Keane die ganze Geschichte aufzieht zeigt sie als eine Meisterin der Erzählkunst und spricht für eine diffizile Wahrnehmung bestimmter Eigenschaften ihrer Charaktere. Sie schaut tief in das Seelenleben ihrer Romanfiguren hinein und sucht nach Erklärungen für ungewohntes Verhalten.

Im Laufe der Geschichte wird der Erzählbogen immer spannender und man staunt, welche Entwicklungen sich anbahnen und ihren Lauf nehmen.

Das Glück einzelner muss schwer erkauft werden. Menschliche Schwächen, Kränkungen aber auch Hilfsbereitschaft in allen Schattierungen treten hervor. Kate und Peter sind die zwei Hauptfiguren, um die sich alles dreht. Sie begegnen sich lange nur sporadisch, um am Ende zueinander zu finden.
Auch ihre Beziehung aber ist astarken Anfechtungen ausgesetzt.

Es werden Schicksale enthüllt und psychische Deformationen angesprochen; es geht um Liebe, Enttäuschung, Neubeginn und Verzeihen. Und es geht um menschliche Verstrickungen, die sehr realitätsnah erscheinen.

Insgesamt ist das ein außerordentlich lesenswerter Roman, von dem man nur schwer lassen kann.

Mary Beth Keane lebt in New York. Dies ist ihr dritter Roman der wochenlang auf der Bestsellerliste der New York Times stand.

Mary Beth Keane
Wenn du mich heute wieder fragen würdest
Eisele Verlag, Oktober 2020
464 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3961610967
ISBN-13: 978-3961610969
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Joe Biden: Versprich es mir

Joe Biden: Versprich es mir

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Joe Biden hat ein langes Politikerleben als Mitglied der Demokratischen Partei in den USA hinter sich.

Er berichtet im vorliegenden Erinnerungsbuch sowohl von seinen Aufgaben als Politiker als auch über sein Leben als Vater, Ehemann und Freund.
Die Geschichte eröffnet ein Panorama an Einblicken in ein Privatleben, wie man es selten bei Politikern findet.

Er wurde 1973 für die Demokratische Partei in den amerikanischen Senat gewählt. Kurz zuvor kam seine junge Frau mit der kleinen Tochter ums Leben. Die zwei kleinen Söhne überlebten. Die Vaterrolle hat er mit der politischen Karriere unter großen Anstrengungen in Einklang gebracht und ist unbeirrt seinen politischen Weg gegangen.

Als Vizepräsident unter Obama entwickelten beide Männer eine enge Freundschaft zueinander.

Obama hat ihm vertraut und überließ ihm die Außenpolitik im Nahen Osten, in Afghanistan, Irak und der Ukraine. Es waren schwierige Verhandlungen und Entscheidungen zu treffen. Man bekommt interessante Einblicke in das politische Leben der Jahre unter der Präsidentschaft von Obama.

Die Art von Bidens Erzählstil zeigt ihn als liebevollen und graden Menschen, der zielstrebig, versöhnlich und klar in der Sache handelt. Er ist klug und selbstdiszipliniert, warmherzig und teilnahmefähig.

Der Tod seines ältesten Sohnes im Jahr 2015 spät nach dem Verlust seiner ersten Frau und Tochter ist ein schwerer Schicksalsschlag, den er nur schwer verkraftet. Auch hier hilft ihm seine Selbstdisziplin und die Fürsprache und Tröstung guter Freunde und seiner Familie. Das Versprechen, das er seinem Sohn vor dessen Tod gab, sich nicht aufzugeben und seinen Idealen treu zu bleiben, bietet den Titel zu seinem Buch.

Amerika, wie wir es uns vorstellen, wird an den Stellen sichtbar, wo es um die Weite des Landes, die Schönheit der Natur und die Großzügigkeit liebevoller und von Hochachtung gekennzeichneter Begegnungen geht.

Insgesamt ist die Autobiographie informativ und anrührend, weil man einen sehr menschlichen und nahbaren künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika erlebt. Er kämpft für eine gerechtere Welt, in der Gleichberechtigung unter den Menschen angestrebt wird, und auch die Armen sicher versorgt seine sollen. Die Hoffnung vieler politischer Freunde ruht auf seiner zukünftigen Präsidentschaft. Es wird keine leichte Aufgabe sein in einer Welt, die voller Konflikte, kriegerischer Auseinandersetzungen und ungleicher Machtansprüche steckt.

Das Buch ist sehr zu empfehlen.

Joe Biden
Versprich es mir
Über Hoffnung am Rande des Abgrunds
250 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3406767133
ISBN-13: 978-3406767135
C.H.Beck, November 2020
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James Baldwin: Giovannis Zimmer

James Baldwin: Giovannis Zimmer

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Es geht in diesem Roman u.a. um Homosexualität, um Liebe und den Rausch, den diese auszulösen vermag.

Ein ratloser junger Mann nimmt eines Tages in New York eine Passage nach Frankreich. Er hat seine Orientierung verloren, da auch sein Vater nach dem Tod seiner Frau seinen inneren Halt verloren zu haben scheint.
In Paris lebt David schlecht und recht von Ersparnissen, die sich bald dem Ende zuneigen.
In einer Bar lernt er Giovanni kennen. Dieser wird zu seinem Schicksal!

Die Atmosphäre im Paris der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bestimmt das Geschehen.
Es ist eine morbide, eine zügellose und doch so anziehende Welt, in die der Amerikaner David fällt. Die nächtlichen Eskapaden mit viel Alkohol und mit der Begegnung ungewöhnlicher Männer und Frauen nimmt ihn gefangen. Sex in einer runtergekommenen und anzüglichen Form legt einen Schleier der Verruchtheit über die Geschichte.
Aller bürgerlichen Tabus beraubt fällt man der ungezügelten Gier nach Lust, Genuss und Ausschweifung zum Opfer.

David ist verlobt und sehnt sich nach bürgerlicher Ordnung. In seiner ungewöhnlichen Liebe zu Giovanni fällt er jedoch aus seinem bisherigen Leben heraus.

James Baldwin wäre nicht der herausragenden Schriftsteller, als der er uns bekannt ist, wenn die Geschichte nicht einen tieferen Sinn hätte. Abgesehen von seiner hinreißenden Sprache mit Bildern, die gelegentlich fast biblisch anmuten, geht es um die Gefühle einer sich verlierenden Generation: Alkohol, Sex, Frauen und Homosexualität spielen ihre Rolle bei der Suche nach der wahren Identität. Es geht um Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Im Nachtleben von Paris kommen die Genies und die Versager zusammen.

Als Extrakt der Geschichte möchte man festhalten: wenn man die Unschuld verliert, hat man den Garten Eden verlassen. Man fällt der Fratze der Hässlichkeit, der ungezügelten Gier und Lust anheim, und man schaut in die Grimasse des Betrugs und der Besitzgier.

Zuweilen fühlt man sich beim Lesen abgestoßen von der Darstellung, kann sich aber dem tieferen Sinn der Geschichte nicht entziehen. Alle Schranken sind gefallen, und man lebt nur noch auf der Suche nach Geld, Zeitvertreib und Lustgewinn. Das Verbotene treibt Menschen in immer höhere Sphären der Exzesse bei gleichzeitig zunehmender Düsternis der Gemüter.

Das muss ein tragisches Ende nehmen!

Der erste Verlag von Baldwin lehnte die Veröffentlichung ab und trennte sich von ihm.

Immerhin befinden wir uns in der Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als gänzlich andere Regeln den Umgang unter den Menschen bestimmten. Es gab noch längst keine auch gesetzlich verankerten Freiheiten, wie wir sie heute im Zusammenleben von Männern und Frauen kennen.

Baldwin lebte von 1924 bis1987. Er war zu seiner Zeit ein vielfach geehrter Schriftsteller und hat sich für Gleichberechtigung im Geschlechterkampf, zwischen arm und reich, Mann und Frau und zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe eingesetzt.

James Baldwin
Giovannis Zimmer
208 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, Februar 2020
ISBN-13: 978-3423282178
ISBN-10: 3423282177
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Hervé le Tellier: All die glücklichen Familien

Hervé le Tellier: All die glücklichen Familien

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Es ist ein wenig Mode geworden in Frankreich, die eigene Familiengeschichte zum Thema von Romanen zu machen. Ob Annie Ernaux oder Edouard Louis: man begibt sich in die Familiengeschichten und findet heraus, wie und auf welche Weise sie Anteil des eigenen Lebens waren, und welchen Einfluss sie auf die eigene Lebensgestaltung genommen haben.
So macht es auch Hervé le Tellier mit seinem neuen Roman „ All die glücklichen Familien“.
Er zeichnet sich allerdings dadurch aus, dass er mit großer Distanz auf die einzelnen Familienmitglieder herabblickt. Dass er mit Spott sich selbst zum „Monster“ mangels Sohnesliebe erklärt, ist nur eine Seite der Geschichte.

Ob Mutter, Vater, Stiefvater oder Großvater: er betrachtet mit Ironie und Witz, wie sie sich zueinander verhalten. Der Großvater, ein Patriarch, in dessen Obhut der kleine Tellier die ersten Jahre seines Lebens verbringt, kommt da noch glimpflich davon. Schlimmer ist der leibliche Vater, der sich schon kurz nach Geburt seines Sohnes aus dem Staub gemacht hat. Die Mutter lässt den Sohn bei ihren Eltern, um ihrerseits ihr ungebundenes und unabhängiges Leben dem eigenen Familienleben vorzuziehen. Dass sie zuletzt bei einem penetranten, adeligen Langweiler endet, ist nur eine Pointe dieses skurrilen Familienromans. Durch Adoption trägt Hervé zuletzt auch noch dessen Nachnahmen.

Recht traurig wird es bei Telliers Verhältnis zur Mutter. Was für ein Kampf gegen diese lieblose, zornige Frau! Seine Versuche, ihr näher zu kommen, prallen alle an ihr ab.

Er erzählt nicht larmoyant sondern nimmt wahr, wie alle diese Onkel, Tanten und Erwachsenen an ihrer Unfähigkeit zur Lebensgemeinschaft kaputtgehen. Echte Liebe findet sich kaum. An Hinweisen und Bezügen zu literarischen und biblischen Vergleichen oder einschlägigen Texten fehlt es in dieser Geschichte nicht.

Hervé le Tellier hat alles im Blick. Ihm entgehen keine Sonderbarkeiten und Charakteristiken dieser verrückten Familie. Vielleicht steckt in seinen Beobachtungen auch eine gehörige Portion Sarkasmus im Sinne von „so sind Familien“. Auf jeden Fall findet sich ein Konvolut verschiedener Eigenschaften, die man in Familien finden kann.

Diesen Autor haben Lieblosigkeit und schwere Schicksalsschläge geprägt. Seine Bewältigung ist die Leichtigkeit, mit der er sich der Geschichten annimmt. Gelegentlich spürt man durchaus auch Tragik, wenn er beschreibt, wie sehr ihm Liebe und Anerkennung von Seiten der Väter und der Mutter gefehlt haben.

Der Tenor von Telliers Ausführungen liegt in der Frage: muss man seine Familie lieben?
Und er kommt zu dem Schluss: man muss es nicht!

Eine anspruchsvolle und geistreiche Lektüre erwartet den LeserIn!

Hervé le Tellier
All die glücklichen Familien
154 Seiten
dtv Verlagsgesellschaft. Oktober 2018
ISBN-10: 3423289716
ISBN-13: 978-3423289719
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