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Autor: Claudine Borries

Kristine Bilkau: Halbinsel

Kristine Bilkau: Halbinsel

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Eine Frau und ihre Tochter Linn leben auf einer Halbinsel am Wattenmeer. Schon viele Jahre wohnen sie hier. Annett, Ende 40, war nach dem unerwarteten Tod ihres Mannes aus Kiel in dieses kleine Haus in die Nähe von Husum gezogen. Damals war die Tochter Linn erst fünf Jahre alt. Annett musste sehr plötzlich ihr Leben mit dem kleinen Mädchen alleine in die Hand nehmen.

Jetzt ist die Tochter Mitte 20. Sie hat studiert, in Berlin gelebt und ist Umweltaktivistin. Sie beteiligt sich an der Aufforstung von Wäldern. Nach einem Vortrag ist sie zusammengebrochen und wohnt schon seit einigen Wochen, aus denen Monate werden, wieder bei der Mutter. Was hat Linn aus der Bahn geworfen? Ihre Mutter fühlt sich sehr hilflos.

Das Leben in einer kleinen Gemeinschaft, zu der eine WG im Nachbarhaus gehört, ist gesellig und freundlich. Man grillt zusammen, hilft sich bei Gelegenheit aus und unternimmt kleine Ausflüge zusammen. Annett ist sehr liebevoll zu ihrer Tochter.
Sie hatte einst eine einfühlsame Nachbarin, mit der sie über alles sprechen konnte. Die gibt es nicht mehr. Im Zusammenhang mit der Anwesenheit der Tochter ergeben sich Fragen, die sie ratlos machen. Allmählich schält sich heraus, dass sie mit ihrer Tochter nicht immer offen gesprochen hat. Sie wollte alles besser machen als ihre Mutter und hat die kleine Linn vor allem geschützt, was sie belasten könnte.

K. Bilkau kann ihre Geschichte anregend darlegen. Man spürt die Unsicherheit der Mutter und das trotzige Verharren der Tochter. Es läuft auf eine allmählich sich steigernde Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter hinaus. Warum wurde nie über den Vater gesprochen? Linn findet Sachen von ihm und möchte wissen, wie und wer er war.

Auch kann die Mutter ihre Tochter nicht aus ihren sorgenvollen Gedanken entlassen. Belastet sie diese dadurch unverhältnismäßig?
Bilkau kann sich in ihrer Geschichte auch der Mutter zuwenden, deren innere Einsamkeit unübersehbar ist. Sie hat wenig an sich selber gedacht und ihren Mann über all` die Jahre schmerzlich vermisst!

Die Erzählung ist kurzweilig, anheimelnd und von sprachlicher Schönheit. Das Zwischenmenschliche spielt eine tragende Rolle und wird hervorragend abgehandelt.

Dem Leser wird allmählich klar, dass, egal wie man seine Kinder erzieht, immer Defizite bleiben, die es aufzuarbeiten gilt. Alle Eltern bleiben in irgendeiner Weise unzulänglich in ihrem Handeln und Denken: ganz einfach, weil wir Menschen sind, von unseren Prägungen bestimmt werden und nachfolgende Generationen sich stets verändern.

Das ist das Fazit dieser sehr lebendigen, herzlichen und aufschlussreichen Erzählung für alle, die ähnlich sensible Vorgänge bei sich wahrnehmen! Ein wirklich eindrucksvolles Bild unserer Gesellschaft, wie sie heute ist!

Kristine Bilkau
Halbinsel
Luchterhand Literaturverlag, März 2025
224 Seiten, gebunden
ISBN-10:‎ 3630877303
ISBN-13: 978-3630877303
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Annika Büsing: Wir kommen zurecht

Annika Büsing: Wir kommen zurecht

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Wie in den beiden Vorgängerromanen beschäftigt sich Annika Büsing in ihrem neuen Roman mit der Entwicklung junger Menschen, deren Sorgen, Freuden, Gedanken und Befinden.

Phillip ist die Hauptfigur. Er ist ein stiller, ruhiger Junge von 18 Jahren, der gerade aufs Abitur zusteuert. Sein Vater ist anerkannter Chirurg, die Mutter psychisch krank.

Der Vater hat eine neue Freundin. Philipps Mutter kommt nur schemenhaft vor. Aber sie stört häufig das ruhige häusliche Leben, wenn sie wieder einmal aufkreuzt und alles durcheinander bringt.

Lorenz ist Philipps bester Freund. Sie gehen durch Dick und Dünn, halten zusammen und kennen einander gut!
Philipp ist sensibel und feinfühlig. Er nimmt viel Rücksicht auf den Vater Lothar, der mit Stella einen Neuanfang sucht.
Zuweilen treibt es den nachdenklichen Philipp in die Natur. Das ist aber nur die eine Seite. Natürlich kifft er, trinkt und hat seine kleinen Liebesgeschichten. Wenn er Lorenz nicht hätte, wäre er wohl ein sehr einsamer Junge.

Philipp muss damit fertig werden, dass die Mutter eines Tages wieder einzieht, Stella verschwindet und er zu seiner Großmutter ausweicht. Ist sie wirklich der richtige Platz für ihn? Er sieht ihren Verfall und froh stimmt ihn das nicht.

Die Autorin wechselt abrupt Ort und Zeit in ihrer Erzählung. Die Sprache ist nüchtern und diskret, die Sätze kurz.
In Form von kleinen Episoden erfährt man Einzelheiten aus dem Leben der Figuren.
Durch ihre Erzählweise wird man mitten hinein gezogen in das Geschehen aus täglichen Routineabläufen und kleineren Höhepunkten im Leben der Protagonisten. Lebendig und nahbar wird das Schulleben geschildert.

Die Schüler erscheinen wie häufig im Alter von 18 Jahren: sie öden sich ein wenig, haben keine wirklichen Zukunftspläne, feiern und lernen fürs Abitur. In Gedanken (gelegentlich auch praktisch) beschäftigen sie sich mit Sex. Die Jugendsprache ist ganz im Heute verankert.

Wieder ist Annika Büsing ein kleines Meisterwerk gelungen. Zart und einfühlsam sind ihre Betrachtungen, voller Empathie für das Leben Heranwachsender. Eine leise Melancholie durchzieht das Werk. Erwachsenwerden in unsicheren Zeiten mit familiären Brüchen ist niemals leicht. Ohne gefestigte Zukunftsvision endet der Roman auf skurrile Weise.

Die Autorin ist Lehrerin an einem Gymnasium, wurde schon mit einigen Preisen bedacht und lebt mit ihrer Familie in Bochum.

Annika Büsing
Wir kommen zurecht
228 Seiten, gebunden
Steidl Verlag, März 2025
ISBN-10: 3969994543
ISBN-13: 978-3969994542
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Johann Scheerer: Play

Johann Scheerer: Play

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Johann Scheerer beschreibt in seinem neuen Roman das Leben eines Musikproduzenten zwischen Arbeit, Kunst und Kindern.

Der Icherzähler beginnt schmissig mit einer Fahrt auf dem Fahrrad, Gespräch mit einem Kunden und Lena, seiner Frau, mit der er sich um die Termine bei der Kinderbetreuung streitet. Er ist redegewandt, geduldig, lakonisch und sehr gefordert.

Lange Passagen mit Verhandlungen zwischen seinen Musikerkunden und ihm zeigen einen fantasievollen Unternehmer, der seine exzentrischen und teilweise sehr narzisstischen Kunden zu nehmen weiß. Es geht um Fachgespräche, wie man etwas aufnimmt, wie man es „promotet“, wie man Musiker zusammenführt usw. Zahlreiche Fachausdrücke aus der Musikerszene sind nicht immer für den Laien verständlich.

Es gibt dazwischen tiefe Einblicke in das Familienleben. Früh schon hat der Titelheld drei Kinder. Die Geburt des ersten Sohnes zeugt von rührendem Mitgefühl für seine gebärende Frau. Von Beginn an nimmt er seine Rolle als Vater ernst. Er teilt sich mit seiner Frau die Erziehungs- und Betreuungsarbeit. Den Kindern ist er ein aufmerksamer Vater und spricht mit ihnen auf Augenhöhe. Einerseits werden sie in ihren Bedürfnissen respektiert, andererseits leitet doch er sie durchs Leben. Er ist warmherzig und sehr liebevoll.

Die Ehe geht schief und nach wenigen Jahren gesellt sich Sara zu der kleinen Familie. Aus der Erzählung geht hervor, dass sie eine starke Persönlichkeit ist. Mit ihr bekommt der Held die Tochter Pia. Also gilt es Schule, Kita und Beruf unter einen Hut zu bekommen.

Schließlich muss er einen besonders eigenwilligen, drogensüchtigen Künstler auf einer 8 wöchigen Tournee durch die USA begleiten.
Scheerer versteht es großartig, die Happenings, denen sein Held hier begegnet, zu beschreiben. Die älteren Kinder nimmt er mit auf die Reise, da er anders keine Betreuung für sie findet. Sie schlafen in den Studios, und, ob Tag oder Nacht, zwischen den Rufen „Papa, wo bist du?“ und der Arbeit mit der Musik hetzt David, so heißt der Protagonist, hin und her. Er
behält trotz all‘ des Trubels die Nerven und bleibt sogar immer freundlich und von unendlicher Geduld.

Dieses Buch unterhält auf anspruchsvolle Weise, da es u.a. zwischen dem Wert künstlerischer Arbeit und den anerkannt als „Arbeit“ deklarierten Berufen einen langen Disput zischen David und einem anderen Kitavater gibt.

Wirklich: Scheerer ist gescheit, witzig, klug und humorvoll. Unschwer erkennt man in der Hauptfigur autobiographische Züge von Johann
Scheerer wieder.

Er ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma und hat bereits zwei Romane über häusliche Ereignisse und seine Pubertät geschrieben. Alle seine Bücher sind sehr lesenswert!

Johann Scheerer
Play
Piper, April 2025
320 Seiten, gebunden
IBN-10: 3492073409
ISBN-13: 978-3492073400
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Petra Pellini: Der Bademeister ohne Himmel

Petra Pellini: Der Bademeister ohne Himmel

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Dies ist die hinreißende Beziehungsgeschichte zwischen einer 15 jährigen
und einem 86 jährigen, die beide in ihrem Leben so recht nicht wissen, was
anzufangen!

Linda kümmert sich um Hubert, den pensionierten Bademeister, der langsam in Demenz versinkt. Sie ist feinfühlig, einfallsreich und hat eine sensible
Beobachtungsgabe.
Auch hat sie Kreativität und Humor und weiß mit immer neuen Einfällen Hubert aus seiner Lethargie herauszuholen. Tief sitzt sein Kummer auch nach sieben Jahren noch, da er seine geliebte Rosalie verloren hat. Linda ist willkommen, weil sie ihn erheitert.

Der Lebensgefährte ihrer Mutter ist Bestatter. Die ironischen Blicke und Kommentare von Linda zu diesem Thema zeugen von aufgewecktem Witz.
Es gibt weitere Mitspieler. Ewa ist die liebevolle polnische Hilfskraft, auch sie ein originelles Wesen, die sich um das leibliche aber auch seelische Wohl ihres Pfleglings bemüht.
Kevin, Lindas Schulfreund und Kumpel, ist ebenso wichtig wie „Schmetterling“, die Tochter von Hubert.

Die Erzählung ist zart, zuweilen ausgestattet mit Komik, immer aber auch ein wenig melancholisch. Jeder hat seine kleinen Träume, Beziehungswünsche und Versagungen. Und jedem widmet die Autorin ihr ganzes Herz! Wenn die Geschichte auch gelegentlich nüchtern daherkommt, so merkt man die ganze Zeit, wie viel Gemüt in jeder Person steckt, und wie man sich gegenseitig, sehr verhalten nur, mit Zuhören und kleinen Wohltaten helfen kann.

Petra Pellini ist eine hervorragende Menschenkennerin, die in ihrem Roman zeigt, wie schwierig menschliche Lebenswege sein können. Sie lässt schweigen, wo das angebracht ist, und fasst bei passender Gelegenheit Gefühle unaufdringlich in Worte. Die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Linda und Hubert ist anrührend.

Ich bin entzückt, nach langer Zeit einmal wieder ein wirklich tiefschürfendes Werk kennenzulernen, das nüchtern, klar und mitfühlend über das Leben zu schreiben weiß.
Petra Pellini hat in der Altenpflege gearbeitet und weiß, wovon sie schreibt!

Petra Pellini
Der Bademeister ohne Himmel
Kindler Verlag, 7. Auflage, Juli 2024
320 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3463000687
ISBN-13: 978-3463000688
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Husch Josten: Die Gleichzeitigkeit der Dinge

Husch Josten: Die Gleichzeitigkeit der Dinge

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Lebensgeschichten aus dem Diesseits

Dieser Roman übt eine seltsame Faszination auf den Leser aus.
Ein Deutsch-Franzose mit Namen Sourie verkehrt im Gasthaus eines verkappten Schriftstellers. Er heißt Jean Tobelmann und wohnt in Köln, wo er in dritter Generation ein Restaurant führt.
Sourie ist ein eigenartiger Typ: mit Leidenschaft beschäftigt er sich mit dem Tod. Auf einem Friedhof hat er die 27 Jahre ältere Tessa kennen und lieben gelernt. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne, was sie aber nicht daran hindert, mit Hingabe den jungen Sourie zu lieben.

Die genannten Personen treffen sich immer wieder bei Tobelmann, der sich Souries Freund nennt. Sourie ist studierter Philosoph, arbeitet aber als Pförtner in einem Altenheim.

In langen Gesprächen, auch fast Vorträgen gleich, erklärt Sourie, wie man sich in der Philosophie und Geschichte dem Phänomen des Todes genähert hat. Wie man weiß, ist der Tod das einzige Geschehen im menschliche
Leben, das nicht erforscht ist und nicht zu erforschen sein wird. Niemand kam zurück und könnte berichten.
Das scheint zwar das Hauptthema der Geschichte zu sein, in Wirklichkeit aber geht es um Sourie, um Freundschaft, Liebe, und Tod.

Als Sourie eines Tages unerwartet stirbt, will Johann Tobelmann seine Geschichte aufschreiben. Dabei erfährt er erstaunliche Dinge.

Die Erzählung ist von einem sublimen Humor, wirkt ein wenig skurril und trägt doch Züge des wirklichen Lebens. Man gewinnt den Hauptakteur Sourie lieb, ist neugierig, wie er zu seinem sonderbaren Lebensalltag als Pförtner in einem Altenheim gefunden hat, und wie es zu der Liebe zwischen ihm und Tessa kam. Nicht das Alter oder der Körper bilden die Säulen dieser Liebe, sondern das gegenseitige Interesse für alternde Menschen und deren Hinscheiden. So gehen sie regelmäßig zu Besuch zu alten Menschen, um sie von ihrer Einsamkeit zu befreien und deren Lebensschicksale zu ergründen.

Das Thema Tod und die Unwägbarkeit von Zeit und Stunde, wie und wann der Tod zu einem kommt: das alles ist des Nachdenkens wert. Der Protagonist Sourie zeigt uns, wie das geht. Die Erzählung ist nicht düster, tragisch oder deprimierend. Liebe, Freundschaft und Verstrickungen im Leben können spannend und erheiternd sein. Der Tod aber ist der Begleiter, dem niemand entkommen kann.

Die geschilderte Atmosphäre in Tobelmanns Gaststätte, Erlebnisse auf Friedhöfen in Paris oder die aus der Hand lesende Frau Friedemann: man begegnet interessanten Charakteren, die alleine die Lektüre zu einem Erlebnis machen.

Die Erkenntnis, worauf Souries Todesgedanken beruhen, bringt ein tragisches Ereignis zutage. Der Angriff auf das „Bataclan“ in Paris spielt dabei eine entscheidende Rolle. Einfließende philosophische Betrachtungen geben dem Buch den anspruchsvollen Stil, den es verdient.

Für den interessierten und anspruchsvollen Leser ist die Geschichte ein Muss!

Die Autorin ist vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Köln.

Husch Josten
Die Gleichzeitigkeit der Dinge
Berlin Verlag, 3. Auflage, August 2024
224 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3827015138
ISBN-13: 978-3827015136
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Matteo B. Bianchi: Von dem, der bleibt

Matteo B. Bianchi: Von dem, der bleibt

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Eine Trennung mit traumatischen Folgen

Der Icherzähler verarbeitet den Tod seines Freundes, der lange Jahre auch Lebenspartner war.Er hat mit A. sieben Jahre zusammengelebt, bevor sie sich getrennt haben.

Nun hat A. sich das Leben genommen.
Der Überlebende ist nach dem Suizid geschockt. Es wechseln gute Erinnerungen mit Gefühlen der Ohnmacht, der Trauer, der Verzweiflung, Resignation und Wut.

Mit der Schuld, dem Verlust und der Trauer kann der betroffene Überlebende kaum fertig werden. Wie soll man auch verstehen, dass ein geliebter Mensch sich das Leben nimmt, weil er sich in einer ausweglosen Lage befindet? Beruflich am Ende und ohne den Geliebten scheint er sich im Leben nicht mehr zurechtgefunden zu haben.

Sehr lange hat der Autor gewartet, bevor er sich die Geschichte von der Seele schreiben konnte.

Geht man in Gedanken zurück mit dem Erzähler in sein früheres Dasein, so erlebt man ihn umgeben von guten Freunden und Glück in der Liebe an der Seite von A.

Jetzt öffnet sich eine Welt des Schmerzes und der Anstrengung, selber weiter zu leben. Zahlreiche Freunde, Angehörige und Kollegen möchten helfen, sind jedoch in ihren Bemühungen eher ungeschickt oder auch verunsichert. Es hängt vom Befinden des einzelnen ab und von der Fähigkeit, Empathie zu empfinden, ohne sich in den Abgrund ziehen zu lassen. Selbst einer Therapeutin gelingt das nicht.

Erst ein Schriftstellerkollege findet Worte, die einen Anstoß geben, sich der Vergangenheit und den seelischen Nöten zu stellen. Notizen sollen es sein, die über Jahre gesammelt zum Buch befähigen werden!

Das alles beschreibt Bianchi mit empfindsamen Worten und feinem Gespür für das, was in ihm vor sich geht. Wie die Umwelt reagiert, das registriert er genau, denn die eigene Verunsicherung hat seine Sinne geschärft.

Der Leser wird konfrontiert mit schmerzhaften Prozessen. Niemand kann wirklich ermessen, wie es einem Menschen ergeht, der sich mit dem ungewollten Tod eines einst sehr geliebten Menschen auseinandersetzen muss.

Die Hilflosigkeit, seltener auch verständnisvolle Trostversuche, werden als solche registriert Es entsteht ein tiefer Einblick in das Leid jener, die von einem derartigen Schicksalsschlag betroffen sind.

Ergreifend sind die seismographischen Wahrnehmungen, die sich zwischen Liebenden entwickeln können. Hier sind es Männerlieben, die beschrieben werden, tief, ehrlich und innig.

Ein wahrlich lesenswerter Bericht für sensible Leser!

Matteo B. Bianchi
Von dem, der bleibt
dtv Verlagsgesellschaft, Oktober 2024
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3423284196
ISBN-13: 978-3423284196
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Una Mannion: Sag mir, was ich bin

Una Mannion: Sag mir, was ich bin

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Wir befinden uns in Philadelphia, USA.

Deena Garvey verschwindet eines Tages spurlos. Ihre vierjährige Tochter
Ruby befindet sich in den Händen des Vaters, der von Deena getrennt lebt und lediglich Besuchsrecht für seine Tochter hat.
Nessa, Deenas Schwester ist außer sich und gibt über Jahre die Hoffnung
nicht auf, ihre Schwester wiederzufinden. Sie scheut keine Mühen,
herauszufinden, wo sie ist.

In wenigen Sätzen ist erzählt, um was es in diesem Buch geht. Wie die Geschichte aber ausgestaltet ist, das macht der Autorin so schnell niemand nach.

Zur Vorgeschichte:
Das Leben von Deenas Familie, Bruder, Schwester und geliebte Eltern, war harmonisch und glücklich. Als sich bei einer Jugendveranstaltung ein Mann namens Lucas Deena nähert, kann diese seinem Werben nicht widerstehen. Bald macht sich allerdings eine dumpfe Ahnung breit, dass Lucas eine eigenbrötlerischer und unheimliche Persönlichkeit ist.
Deena gerät unter seinen Einfluss und darf nicht mehr entscheiden, wie sie will. Lucas isoliert sie von Freundinnen und Familie.
Als sie ein Baby bekommt, geht die Bevormundungweiter. Lucas verfolgt sie mit Zorn und Wutanfällen. Deenas psychische Probleme und Depressionen spielt er herunter. Zugleich mehren sich Anzeichen von Gewalt.
Nessa ist besorgt um ihre Schwester und deren willenloser Unterwerfung unter Lucas’ Wünsche.

Deena schafft die Trennung. Nach ihrem Verschwinden nimmt Lucas als alleinerziehender Vater Ruby mit nach Vermont. Nessas Welt bricht zusammen.
Das Leben mit Ruby in Vermont ist stark bestimmt von Lucas’ Vorstellungen.

Seine Mutter, bei der sie wohnen, erscheint stumpf und desinteressiert.
Ruby geht erst zur Schule, als Behörden auf ihr Fehlen aufmerksam werden. Ihre Freundschaften pflegt sie heimlich, weil sie die Wut von Lucas fürchtet. Er isoliert sie von allen und formt sie nach seinen Vorstellungen: jagen, fischen und sich in der Natur auskennen.
Die Geschichte nimmt erst eine Wende, als Ruby auf Spuren ihrer Mutter trifft.

Una Mannion weiß eine Spannung herzustellen, die ihresgleichen sucht.
Indem sie den Alltag beschreibt, bekommt der Leser intensiv die inneren und äußeren Bewegungen mit, die spannungsgeladen sind. Furcht, Angst und Hoffnung sind hautnah spürbar. Die Freundinnen und Lehrer zeigen im Alltag, wie sie die Entwicklung von Ruby verfolgen. Eine ganz und gar kriminalistische Wende läutet das Ende ein.

Man kann den Roman nicht aus der Hand legen, weil man die Lösung kaum erwarten kann. Wie mag das alles enden?

Ein klug ausgedachter Plot, psychologisch sachkundig durchgearbeitet, macht diesen Roman zu einem außergewöhnlichen Thriller.

Una Mannion
Sag mir was ich bin
Steidl Verlag, Oktober 2024
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3969994039
ISBN-13: 978-3969994030
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Daniela Krien: Mein drittes Leben

Daniela Krien: Mein drittes Leben

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Das Cover des neuen Romans von Daniela Krien verspricht Leichtigkeit. Aber dem ist nicht so! Traurig ist die Geschichte, und mit Trauer und Verzweiflung macht uns Krien zum Teilnehmer einer schweren Lebenskrise.

Linda heißt die Protagonistin, die durch den Unfalltod ihrer 17 jährigen Tochter jäh aus allen Bezügen gerissen scheint. Sie ist Kuratorin schöner Künste, und ihr Mann Richard ist Maler und Bildhauer.

Linda hat sich nach dem Tod der geliebten Tochter in ein hässliches, stilles Dorf zurückgezogen. Dort lebt sie mit einem Hund und vielen Hühnern. Es ist ein karges, stilles Leben, an dem sie niemanden teilnehmen lässt. Ihren Mann hat sie in der Stadtwohnung in Leipzig zurückgelassen, wo er alleine mit seinem Kummer bleibt.

Daniela Krien kann tief in die Seelen ihrer Figuren hineinschlüpfen. Fein sind die Fäden, mit denen sie uns in ihre Geschichte hineinzieht.

Lindas Familienverhältnisse offenbaren sich uns. Es gab zwei Kinder ihres Mannes aus einer früheren Ehe. Sie verliert sich aber ganz in der Liebe zu ihrer Tochter Sonja, als dieses lang ersehnte Kind in ihr gemeinsames Leben trat.

Nach dem Todesschock ist nichts mehr wie vorher. Sie vegetiert mehr als dass sie lebt. Und Richard, ihr Mann, bemüht sich immer wieder, sie aus ihrem trostlosen Alltag herauszureißen.

Mit wachem Blick und tiefem Nachempfinden versteht es die Autorin, uns an diesen verlorenen Lebensschicksalen teilhaben zu lassen. Sie kann psychologisch nachvollziehbar die Verzweiflung und fast Erstarrung von Linda thematisieren. Da ist keine Bindung an das Leben mehr sichtbar. Ein paar Nachbarn in dem Dorf und eine Freundin mit behindertem Kind sind die einzigen menschlichen Begegnungen, von denen man hört.

Richard sieht sich mit seinem Kummer allein. Dass er schließlich Hilfe bei einer anderen Frau sucht, ist ebenso gut vorstellbar, wie die Verwirrung, in die er und auch Linda hineingezogen werden. Jeder versucht mit seinem Leid auf die eigene Weise fertig zu werden. Man kann einmal mehr sehen, wie verschieden Menschen sind, und wie unterschiedlich sie nach Lösungen suchen. Dass die Hilfe beieinander möglicherweise leichter wäre, wird erst gegen Ende des Romans deutlich.

Die ganze Geschichte ist so gestaltet, dass man mit jeder der Figuren mitfühlen kann. Das ist die hohe Kunst von Schriftstellern, die, wenn auch fiktiv, ihren Protagonisten Leben einhauchen, um auf diese Weise ihre Leser mitzunehmen.

Es ist ein weises und kluges Buch, das uns D. Krien hier präsentiert. Die Trauer ist zwar sehr beherrschend, zeigt aber nur, dass kein Leben ohne Hürden und tiefe Krisen verläuft. Nur die Bewältigungsstrategien unterscheiden sich voneinander

Daniela Krien
Mein drittes Leben
Diogenes, August 2024
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3257073054
ISBN-13: 978-3257073058
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Benedict Wells: Die Geschichten in uns

Benedict Wells: Die Geschichten in uns

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Benedict Wells ist ein faszinierender Erzähler!

In seinem neu vorliegenden Werk offenbart er seine tiefsten Einsichten und Erfahrungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden und zum Schriftsteller.
Mit rückhaltloser Offenheit berichtet er von seiner Kindheit und Jugend, seinen Irrwegen auf der Suche nach sich selbst und nach dem richtigen Ort für sich.

Seine Eltern waren chaotisch, die Mutter psychisch krank, der Vater ein erfolgloser Glückssucher. Benedict wandert von einem Internat zum nächsten, denn ein Heim konnten seine Eltern ihm nicht bieten. War er einmal mit ihnen in einer Wohnung vereint, schliefen sie auf Matratzen am Boden. Man stelle sich die Umgebung als schmuddelig und unwirtlich vor. In diesem Durcheinander konnte man wahrlich schlecht mit einem Kind hausen.
Benedict wurschtelt sich so durch und sucht einen Weg für sich. Er ist empfindsam, sensibel und feinfühlig.

Seine Eltern, besonders der Vater, führten ihn an Literatur heran, da bei ihm viele Bücher herumlagen. So liest man bei Wells “ihre Liebe trotz aller Probleme und der Zugang zu Literatur gehören zu den größten Privilegien meines Lebens…“ (S.29) und weiter „…trotz traumatischer Momente, Brüche und Probleme gab es in meinem Leben immer auch Liebe, Versöhnung und Gespräche…“ (S. 101)

Enge Bindungen gibt es nicht, auch keine großen Vorbilder außer vielleicht Autoren wie John Irving oder Astrid Lindgren, die zu seinen frühen literarischen Eroberungen gehörten.
In wechselnden Gefühlsphasen wünscht Benedict Wells selber, Schriftsteller zu werden.

Als er von der Nazivergangenheit seiner Familie und besonders der des Großvaters Baldur von Schirach hört, ist er zutiefst beschämt und ändert seinen Nachnamen in „Wells“.

Ein Suchender, oft zweifelnder und auch verzweifelter Benedict Wells führt uns durch die langen Jahre seiner Versuche, einen Roman oder auch nur Geschichten zu schreiben.

Die Ehrlichkeit, mit der Wells über sich und seinen Werdegang berichtet, geht ans Herz. Er lässt nichts aus: die Selbstzweifel und die Vergeblichkeit seiner Bemühungen, seine seelischen Abstürze, das Aufstehen und Weitermachen: das alles macht die Lektüre zu einem Erlebnis, das in keinem Moment Aufrichtigkeit vermissen lässt.

Wir Leser dürfen Zeugen werden, als nach Jahren vergeblicher Versuche von seinem bevorzugten Verlag Diogenes der erste Roman angenommen wird! Man muss dieses Buch lesen, um zu verstehen, wie unendlich mühsam es ist, einen Verlag für ein erstes Buch zu gewinnen!
In diesem Teil des Buches kommen wir dem Autor sehr nah.

In einem zweiten Teil spricht Wells davon, wie man als Schriftsteller an seine Figuren und an sein Werk herangeht. Perspektiven, Wortwahl, Gefühlsebenen und Überlegungen, womit der Leser Interesse am Sujet gewinnen könnte, sind Themen, die viel Zeit und Raum einnehmen. Wie überhaupt kommen die Romanfiguren zum Schriftsteller? Erklärungen dazu klingen fast, als hätten sie ein Eigenleben, mit dem sie zur richtigen Zeit wie aus dem Nichts beim Schriftsteller ankommen.

Differenziert und detailreich fallen dem Autor immer neue Aspekte ein, mit denen er über das „Schreiben“ spricht. Man spürt auch hier, wie leidenschaftlich Wells sich zu seinem Schriftstellerdasein vorgearbeitet hat.
Fast möchte man sich vorstellen, dass eine Vorlesung für angehende Schriftsteller in diesen Ausführungen stecken könnte.

Dieses Buch ist lesenswert und teilweise mitreißend.

Im Anhang gibt es eine beeindruckende Zahl von Danksagungen und eine umfassende Leseliste.

Benedict Wells
Die Geschichten in uns
Diogenes, Juli 2024
400 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3257073143
ISBN-13: 978-3257073140
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Colm Tóibín: Long Island

Colm Tóibín: Long Island

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Der bekannte irische Autor Colm Tóibín hat eine hinreißende Liebesgeschichte erfunden.

In Fortsetzung seines Romans „Brooklyn“ lebt die gebürtige Irin Eilis in Long Island mit ihrem Mann und zwei wohl geratenen heranwachsenden Kindern.

Alles scheint glücklich und zufrieden bis Eilis erfährt, dass ihr Mann Toni mit einer Kundin ein Kind gezeugt hat. Er ist Installateur. Seine italienischstämmige Familie mit Geschwistern und Schwiegermutter lebt im Umkreis, so dass Eilis sich von der Familie umgeben weiß. Diese verlangt von ihr, das Kind der anderen im Familienkreis aufzunehmen.
Ihre irische Familie und eine große Liebe hat sie vor zwanzig Jahren in Irland zurückgelassen.
Jetzt packt sie entschlossen ihre Koffer, um ihre alte Mutter in Irland zu besuchen, denn sie hat nicht die Absicht, sich um ein fremdes Kind zu kümmern.

Tóibín baut eine lange Geschichte auf, in deren Verlauf man hineingezogen wird in das irische Leben in einer kleinen Stadt. Mit Spannung erlebt man die verschiedenen Verbindungen, in denen sich die einzelnen Protagonisten befinden. Es ergeben sich so allerhand Verwicklungen dabei.

Hin- und hergerissen ist Eilis zwischen ihrer amerikanischen Familie und Irland, wo sie eher in das enge dörfliche Leben eintaucht.

Intrigen und Klatsch zwischen scheuen Kontakten beherrschen das Geschehen.

Wunderbar spürt man die spröde irische Landschaft, das kalte Meer und die Stimmung zu den verschiedenen Jahreszeiten. Dazwischen die aufwühlenden Gefühle zwischen den Liebenden Eilis und Jim, die zu keinem wirklichen Entschluss für ein weiteres Leben zu zweit finden können.

Mit psychologischem Feingefühl und tiefem Verstehen für die anstehenden Konflikte führt uns der Autor zu den Lebenswegen der verschiedenen Hauptfiguren. Auch die Nebenfiguren aber sind zur Charakteristik der Situation wichtig. Sie scheinen dem wahren Leben entnommen. Fragen tun sich auf, die keine Antworten erfahren. Auf diese Weise bleibt Neugier gepaart mit weiteren Fragen. Das macht den Reiz der Erzählung aus: dass Fragen offenbleiben! Dadurch bekommt das, was wichtig ist, ein größeres Gewicht.

Dass es starke und schwache Charaktere sind, die uns begegnen, ist eklatant. Alles ereignet sich so, wie es im richtigen Leben sein könnte.

Unterschwellig neben allen Schilderungen des Lebens bleibt die Frage: wird Eilis wieder mit Jim zusammenfinden?

Die heimlichen Treffen, die heimlichen Absprachen: alles bleibt in der Schwebe. Der Leser wird stark auf die Folter gespannt und bleibt es bis zum Schluss, dessen Ende hier nicht verraten werden soll.

Der gleichbleibende Fluss der Erzählung beschert dem Leser ein ungetrübtes Lesevergnügen.

Ein gelungeneres Buch habe ich lange nicht gelesen. Familiengeschichte, Liebesgeschichte und Ländergeschichte: es ist alles enthalten und Spannung pur, wenngleich die Gefühle immer verhalten bleiben.

Colm Tóibín kann man durchaus als Meister seines Fachs bezeichnen.

Colm Tóibín
Long Island
Carl Hanser Verlag, 13. Mai 2024
320 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3446279474
ISBN-13: 978-3446279476
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