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Autor: Claudine Borries

Jürgen Seidel: Die Rettung einer ganzen Welt

Jürgen Seidel: Die Rettung einer ganzen Welt

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Mit diesem Roman eröffnet sich nochmal das Panorama zur zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Angefangen bei Hitlerdeutschland mit der Verschärfung der Judenverfolgung 1939 geht es über Berlin mit Bella, der Hauptprotagonistin, zum Ende hin nach Amerika.

Das Versteck für die jüdische Familie in Berlin bietet ein Ägyptischer Arzt, der auch eine arrangierte Hochzeit für Bella organisiert, womit sie nicht mehr Jüdin ist sondern zur Muslima wird.

Abenteuerreich und fantasievoll geht es durch das ganze Buch. Bella wird Ärztin, heiratet in Amerika einen lieben Mann, der früh stirbt. Mit 43 Jahren ist sie Witwe mit zwei kleinen Töchtern.

Ein Familientreffen alle paar Jahre führt die Familie immer einmal wieder zusammen. Bei dieser Gelegenheit erfährt man die Schicksale und Lebenswege der verschiedenen Familienzweige und ihrer Sprösslinge, die auch in Irland Wurzeln hat.

Die Vielfalt der Charaktere und das Auf und Ab der Lebenswege ist von spannender Detailgenauigkeit. Zeitsprünge machen den Zusammenhang zuweilen etwas unübersichtlich, so dass man Mühe hat, immer richtig Schritt zu halten. Dass Bella ihre große Liebe in Berlin zurücklassen musste und ihn später unter anderem Namen in Amerika wiederentdeckt, gibt der Geschichte den besonderen Kick.

Alles in allem ist das Buch ein lesenswerter Schmöker mit zahlreichen Verwicklungen, die sowohl jüdisches als auch muslimisches Leben widerspiegeln. Amerika mit seinem Gesellschaftsbild spielt eine eher nachrangige Rolle. Allerdings ist New York ein Schmelztiegel der Nationen, was durchaus eine Rolle bei der ganzen Geschichte spielt.

Jürgen Seidel
Die Rettung einer ganzen Welt
480 Seiten, broschiert
dtv Verlagsgesellschaft, Februar 2018
ISBN-10: 3423261668
ISBN-13: 978-3423261661
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Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen

Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen

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Ein 13 jähriger Junge erlebt unerwartet und schockierend den Zusammenbruch seiner Welt der Geborgenheit und Sicherheit.

Johann Scheerer ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma, dem anerkannten und tief in seine Bücher versunkenen Sozialwissenschaftler. Man besitzt zwei Häuser in Hamburg und ist wohlhabend. Der Vater pflegt abends nochmals in seinem Haus mit den vielen Büchern zu verschwinden. Als er an jenem Abend um Ostern 1996 herum nicht wieder im Haus der Mutter erscheint, wird diese unruhig, und es beginnt eine unruhige und dramatische Suche nach dem Vater. Man erfährt sehr bald, dass er entführt wurde, um ein hohes Lösegeld mit seiner Freilassung zu erpressen. Die Geschichte machte Furore und hielt ein ganzes Volk in Atem.

Johann Scheerer berichtet über seine Erinnerungen an die dramatische Nacht und deren Folgen. Im Haus wimmelt es von Freunden der Familie, Anwälten und Polizeiangehörigen.

Es wird alles versucht, um möglichst kein Aufsehen zu erregen. Mehrere Geldübergaben scheitern und es folgen bange Tage des Wartens, der Verzweiflung im Wechsel mit Hoffnung.

Der Junge macht sich seine eigenen Gedanken, die den Tod des Vaters einschließen. Er bildet mit der Mutter eine Einheit, obwohl sie immer wieder versucht, ihn vor den gröbsten Enttäuschungen zu bewahren. Mit einer gewissen Distanz, gelegentlichem Humor, immer aber mit kritischem Blick sucht der Junge der größten Verzweiflung Herr zu werden. Er beobachtet, registriert und bleibt bei einer sehr trockenen Darstellung. Ihm haftet keine Sensationslust, Eitelkeit und Aufgeregtheit an. Mit Einsamkeit lässt sich wohl sein Gemütszustand am ehesten beschreiben. Es gibt wirklich nur einen Freund, dem er sich mitteilt.

Die Atmosphäre verzweifelter Entschlossenheit gepaart mit irrlichternden Strategieversuchen, einen Ausweg zu finden, teilt sich dem Leser durch die Darstellung von Johann Scheerer unmittelbar mit. Man kann sich vorstellen, was es für einen pubertierenden Jugendlichen bedeutet, gerade in der jugendlichen Ablösungsphase durch das Ereignis aller Lösungsmöglichkeiten beraubt zu werden. Die Sorge um den Vater gibt dem Jungen nur schwer eine Möglichkeit, zuzulassen, dass ihn und den Vater gravierende Interessensunterschiede trennen. Ob Musik oder Bücher: Johann geht einen eigenen Weg und lässt sich vom Vater nicht davon abbringen.

Die Erzählung lässt vermuten, dass hier ein spannungsreicher Konflikt aufgeschoben wird, weil das Wohl des Vaters über allem steht. Deutlich wird aber auch, wie sehr Jan Philipp an seiner kleinen Familie hängt und um seine Wiederkehr bangen muss.

Wir wissen, wie die Geschichte ausging. Johann Scheerer hat ihr einen eigenen Klang verliehen, mit dem man aus Sicht eines Jungen spannungsreiche und die Nerven angreifende Stunden und Tage erlebt. Es lohnt sich, das Buch zu lesen!

Johann Scheerer wird aus der Lektüre als eigenständiger, klarer und seinen eigenen Weg meisternder Mensch sichtbar.

Johann Scheerer
Wir sind dann wohl die Angehörigen
240 Seiten, gebunden
Piper, März 2018
ISBN-10: 3492059090
ISBN-13: 978-3492059091
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Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

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Subtile Suche nach den Grundlagen unserer aller Existenzen.

Eine seltsame Geschichte hat uns der bekannte Autor Peter Stamm mit diesem kleinen Roman vorgelegt.
Christopher ist ein alternder Mann. Er hat einen nicht ganz fassbaren Doppelgänger, den er beobachtet, und dessen Spuren er verfolgt.

Gleichzeitig erzählt er einer zwanzig Jahre jüngeren zufälligen Bekannten von seiner vergangenen Liebe zu Magdalena. Verwirrend und irritierend wechseln Zeit, Ort und Handlung. Christopher ist Schriftsteller. Er hat schon lange kein Buch mehr geschrieben.
Seine Spaziergänge, Begegnungen und schließlich auch Liebesnächte mit der jungen Lena sind so mysteriös wie die ganze Handlung. Die assoziativ dargestellten Begebenheiten beziehen sich immer wieder auf die Liebe, das Warum und Wie des Lebens und unseres Endes. Lena, seine junge Begleiterin, ist Schauspielerin. In gewisser Weise wiederholt sich die Liebesgeschichte von Chris mit der der jungen Lena und deren Freund.

Das Verwirrspiel um das Doppelgängertum verschiedener Figuren ist zweitweise kaum zu durchschauen.

So wie das ganze Buch einer langen Lebensreflexion gleicht ist auch das Ende. Christopher sieht einem alten Mann zu, der in einem Haus verschwindet und man meint, dass er sich selber schon zusieht, wie er im Alter des alten Mannes sein wird.

Der Titel des Romans stammt aus dem Roman „Der Fremde“ von Peter Stamms Lieblingsschriftsteller Albert Camus. Mit Camus wird auch Peter Stamm zuweilen gleichgesetzt.

Existenzfragen hier wie dort sind das Lebensthema beider Schriftsteller.

Peter Stamm
Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
160 Seiten, gebunden
S. FISCHER, 2. Auflage Februar 2018
ISBN-10: 3103972598
ISBN-13: 978-3103972597
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Angelika Klüssendorf: Jahre später

Angelika Klüssendorf: Jahre später

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In einer fein ziselierten Sprache, hoch sensibel und gleichzeitig distanziert erzählt A. Klüssendorf von einer Ehe, die auf merkwürdige Weise zustande kam.

April, die Hauptprotagonistin, spricht von sich als Suchende und Einsame. Ludwig, ein Chirurg, interessiert sich brennend für sie und lässt nicht nach in seinem Werben. Sie wird schwanger, und sie heiraten.

Während Ludwig als großes Kind erscheint, der allerdings voller Dynamik immer neue Pläne für sie beide schmiedet, lässt sich April treiben. Sie steht den Dingen mit einer gewissen Ambivalenz gegenüber. Aus einer anderen Beziehung hat sie einen 11jährigen Sohn, Julius, der fest in die neue Gemeinschaft eingegliedert wird.

Nachdem sie von Berlin nach Hamburg gezogen sind, wo Ludwig eine neue Stelle in einem Krankenhaus angetreten hat, wird Samuel geboren.

Hier fühlen sich April und Julius nicht zu Hause. Julius ist in der Pubertät und betrachtet seine Mutter und Ludwig kritisch. Als er zu seinem Vater zieht, bleibt die kleine Familie alleine.

Mehr und mehr gerät Ludwig in den Fokus der Erzählung. Durch die Augen von April finden wir einen Getriebenen, der voller Ideen ist und zwischen Ehrgeiz, Eitelkeit und Selbstverherrlichung schwankt. April tut, was sie kann, um seinem bürgerlichen Anspruch zu genügen. Sie kocht, backt und bewirtet seine Kollegen. Doch das ist nicht ihr Leben.

Mit kleinen spitzbübischen Schabernackaktionen versuchen die beiden, ihrer Gemeinschaft etwas Leben einzuflößen.

Mit fortschreitender Erzählung spürt man jedoch, wie aufgesetzt und brüchig die Beziehung zwischen April und Ludwig ist. Man ahnt, dass diese Ehe kein gutes Ende nehmen kann.

Doch noch quält sich das Paar durchs Leben, er unreflektiert und blind für seine eigenen Schwächen, und sie abwartend und bemüht. Doch eine Kälte macht sich breit, die einen erschauern lässt.

Angelika Klüssendorf hat einen empfindsamen Ausdruck für alles, was zwischen Menschen passiert. Ihre kühle, sezierende Sprache, vermittelt uns einen Einblick in das innerpsychische Geschehen, das sich hier zwischen zwei sehr verschiedenen Menschen abspielt. Es kann nicht gehen, wenn eine Frau auf der ständigen Suche nach dem wahren Leben ist, und ihr Mann nur nach Anerkennung, Aufmerksamkeit und Bestätigung sucht.

Geschickt versucht die Autorin uns zu zeigen, wie bemüht beide sind, an ihrer Ehe festzuhalten. Einer aber schafft es nicht: Ludwig kann seine innere Leere im Zusammensein mit seiner Frau nicht überwinden. Er geht, kommt wieder und geht schließlich für immer. April, die literarische Versuche auf dem Weg zur Schriftstellerin unternimmt, bleibt alleine mit einem Sohn, den sie kaum versteht, und zu dem der Zugang immer mehr verloren geht. Reue über den Verlust ihres ersten Sohnes überkommt sie, und sie weiß, alle ihre intensiven Bemühungen um ein ausgewogenes Leben waren umsonst.

Die Sprache und der Ausdruck von A. Klüssendorf zeigen eindrücklich diese einsame, suchende Frau, deren Verlorenheit einen anrührt. Ludwig löst in seiner Selbstsucht eher Abwehr beim Leser aus. Zweitweise bleibt die Empathie auf der Strecke. Zu kalt und sezierend ist die Darstellung der Beziehung.

Der Eindruck einer misslungenen und tragischen Verstrickung zweier Menschen, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft und Wesenszügen nicht zusammenfinden können, bleibt bis zuletzt bestehen. Die lakonischen und kurzen Sätze vermitteln einen Eindruck von dem innerpsychischen Drama, das Mann und Frau einander entfremdet.

Dass Angelika Klüssendorf mit dem verstorbenen Frank Schirrmacher verheiratet war, sei in einem Nebensatz erwähnt. Autobiographische Züge sind in ihre Erfahrungen eingeflossen. Sie betont aber in Interviews, dass ihre Figuren fiktiv sind.

Angelika Klüssendorf
Jahre später
160 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, Januar 2018
ISBN-10: 3462047760
ISBN-13: 978-3462047769
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Herman Koch: Der Graben

Herman Koch: Der Graben

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Lebensschicksale…

Robert Walter ist ein getriebener Mann. Seine Lebenssituation sieht gut aus, denn er ist Bürgermeister von Amsterdam und verkehrt in illustren Kreisen. Doch gleich zu Beginn des Romans von Herman Koch merkt man, wie seinen Protagonisten Ängste und Sorgen umtreiben, die seiner Fantasie entsprungen zu sein scheinen. Ist seine Frau ihm treu? Was könnte sie, hier Sylvia genannt, mit den Dezernenten Hoogstraten gemein haben? Robert sieht sie flüstern und fantasiert sich Schreckliches zusammen.

Tochter Diana ist aus dem Haus, so dass er mit seiner Frau eine neue Basis finden müsste.

Öffentliche Empfänge und Begegnungen mit Obama und Hollande sind in Roberts Job an der Tagesordnung. In seinem Kopf mahlt es ohne Unterlass: er beobachtet, sinniert und argwöhnt überall Unheil. Jede Bemerkung und jede noch so kleine Beobachtung am Verhalten seiner Frau nähren den Verdacht, sie könnte ihn verlassen wollen.

Fast sieht er seine Ehe schon am Ende, und jede Geste, jede Erinnerung lösen neue ängstliche Gedanken in ihm aus.

Herman Koch versteht es wunderbar, den psychischen Nöten eines von Ängsten getriebenen Mannes nachzugehen. Man fühlt und ängstigt sich mit, möchte den armen Mann aber gleichzeitig befreien. Denn mit seinen Verdächtigungen macht er nach und nach seine Beziehungen kaputt. Niemand hält es aus, dauernd unter unbegründetem Verdacht zu stehen. Wie lange kann diese Ehe halten?

Geheimnisvoll und mit vagen Andeutungen erfährt man von einem möglichen Verbrechen, das er in seiner Jugend begangen haben soll. Aber nicht nur eine Journalistin ist ihm in dieser Angelegenheit auf den Fersen: auch er selbst sieht sich mit kritischem Blick. Die Eltern kündigen ihren Freitod aus Altersgründen an, und sein guter Freund Bernhard, ein herausausragender Physiker, berichtet von einer schweren Krankheit, die ihn ereilt hat, und infolgedessen er seinem möglichen vorzeitigen Ableben entgegensieht.

Niemand außer Robert Walter kommt wirklich zu Wort. Alle Ereignisse sind ganz auf ihn zentriert.

Ab einem gewissen Zeitpunkt fängt der Leser an, den armen Mann in seinem psychischen Elend zu bedauern. So viel Not auf einmal! Das ist nur schwer zu ertragen.

Hermann Koch hat seinen Protagonisten, der doch erfolgreicher Bürgermeister von Amsterdam ist, mit einem melancholischen Charakter und mit unheilvollen Visionen ausgestattet. Das Buch liest sich ein wenig schwerfällig, weil das viele Unheil die frohen Stunden und Erinnerungen zumeist überschattet.

Die Herkunft seiner Frau aus einem ungenannten südlichen Land mit andren Sitten und Gebräuchen bleibt verborgen. Warum dürfen wir das nicht wissen?

Das Ende kommt abrupt, so wie die einzelnen Kapitel auch in Zeitsprüngen stattfinden.

Da diese fast biographische Romanform flüssig abläuft, bleibt der Leser am Ball und kann sich ganz auf den Hauprotagonisten einlassen. Es bleibt der Blick auf eine tiefsinnige Geschichte, die aufzeigt, welche Irrtümer und Geheimnisse Lebensschicksale ausmachen können.

Herman Koch
Der Graben
304 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2018 (15. Februar 2018)
ISBN-10: 3462050826
ISBN-13: 978-3462050820
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Dorothy Baker: Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft

Dorothy Baker: Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft

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Rick Martin ist ein begnadeter und musikbegeisterter Junge. Dorothy Baker hat sich von dem Jazz-Genie Bix Beiderbecke (1903 -1931) zu diesem Roman inspirieren lassen.

Rick stammt aus den Slums von Los Angeles. Jeden Morgen sitzt er am Klavier der All Souls’ Mission und formt auf dem Klavier Töne nach, die er einmal gehört hat. Dafür versäumt er die Schule und nimmt allerlei Unbilden auf sich.

Schließlich lernt er den farbigen Jazzmusiker Smoke Jordan kennen. Die beiden Jungen werden unzertrennlich und sind vereint in der Musik. Rick beneidet Smoke um die Geborgenheit seiner Familie, die ihm, Rick, in seiner Onkel-Tante -Familie nicht vergönnt ist.

Man begleitet Smoke und Rick auf ihren Streifzügen durch die Musikhalls und dort finden sie eines Tages ihren Platz. Rick wird Trompeter, wird entdeckt und nach New York engagiert.

Wunderbar versteht Dorothy Baker in das Milieu der Musikszenen einzutauchen und einen teilhaben zu lassen an musikalischen Entwicklungen. Sie zeigt uns, wie durch die Besessenheit vom Klang und Rythmus aus Laien professionelle Trompeter, Klavierspieler oder Drummer werden.

Höhen und Tiefen des vom Jazz besessenen Rick ziehen sich durch alle Stadien seines Lebens. Es endet früh, noch nicht einmal 30 Jahre alt, wie bei so vielen Genies seines Genres.

Man liest das Buch mit Aufmerksamkeit und Interesse. Sind doch Existenzen wie die von Rick Martin häufig in den Jazzszenen zu finden. Alkohol und der Rausch der Musik mit den exzessiven Konzerten in langen Nächten bringen nicht nur Rick Martin den Tod. Betrauert von der Jazzgemeinde enden diese von ihrer Musik Betäubten häufig in Einsamkeit und körperlichem Ruin. Auch Ricks tragisches Schicksal vollendet sich mit seinem Tod. Er blieb bei seinen zwei engen Freunden Jeff Williams und Smoke Jordan unvergessen und tief betrauert.

Freundschaften, Begegnungen und immer wieder die Musik schaffen das Klima, in das uns Dorothy Baker entführt. Es sind die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die in ihrem Roman vor uns erstehen und uns Erinnerungen bescheren an eine Zeit unvergesslicher Jazzgrößen. Ein gelungener Roman für alle, die sich dem Jazz zugeneigt fühlen.

Dorothy Baker
Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft
272 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, November 2017
ISBN-10: 3423281359
ISBN-13: 978-3423281355
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Elena Lappin: In welcher Sprache träume ich?

Elena Lappin: In welcher Sprache träume ich?

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Wächst ein Mensch in unterschiedlichen Ländern, Orten und Sprachstationen auf, kann man möglicherweise nicht mehr festmachen, welches die (Mutter)- Sprache oder der Ort der Verwurzelung ist.

So erging es Elena Lappin. Geboren wurde sie 1954 in Moskau. Mit 4 Jahren zog sie mit ihrer ledigen Mutter zum zukünftigen Mann der Mutter nach Prag. Von dort wechselte die Familie 1970 nach Deutschland. Später folgten Kanada, USA und Israel. Jetzt lebt die Schriftstellerin mit ihrer Familie in London. Ihre Mutter studierte Geographie, der Vater ist Schriftsteller und Übersetzer literarischer Werke.

In Moskau lebten die Großeltern und Urgroßeltern von Elena. Ihre junge Mutter erscheint selbstständig und selbstbewusst. Als sie zu ihrem künftigen Mann nach Prag zieht, nimmt er das Kind als eigenes an. Sie bilden nun eine kleine, glückliche Familie. Ihr leiblicher „Vater“ ist Amerikaner, doch diese Verbindung war nicht von Bestand. Spät erst erfährt Elena, dass sie einen anderen Vater hat als den von ihr sehr geliebten bisherigen. Ihre Eltern bekamen 1960 noch einen gemeinsamen Sohn, der als Schriftsteller Maxim Biller bekannt ist.

In Elenas Familie gab es viele Merkwürdigkeiten, und es ist gar nicht so schnell zu verstehen, wer da alles mit wem verheiratet war und wann und woher man eigentlich kam.

Die zahlreihen Länderwechsel spiegeln die Geschichte der russischen und sowjetischen Ära wieder. Juden wurden wie immer und überall als Außenseiter betrachtet. In Moskau herrschte die Nach-Stalinära, und in Prag ereignete sich 1968 der so genannte Prager Frühling. Der Aufstand wurde bekanntlich von russischen Truppen niedergeschlagen.

Infolge der vielfältigen politischen Bedrohungen zog die Familie 1969 nach Hamburg.

Zu Russisch und Tschechisch wurde nun Deutsch zur Heimatsprache. Doch war Deutschland Heimat für die entwurzelte Familie?

Temporeich, sprühend vor Neugierde und Lebenslust bewegt sich Elena Lappin durch die Stationen ihres Lebens. Sie trifft überall Menschen, zu denen sie sich hingezogen fühlt und schließt schnell gute Freundschaften. Nach Hamburg bricht sie zum eigenen Leben nach Israel auf, wo sie ihren Mann kennenlernt. Sie heiraten und bekommen Kinder. Einmal leben sie in Tel Aviv, dann wieder in Kanada, erneut in Haifa, dann USA und zuletzt England. Nicht alle Sprachen können den Kindern nach den vielen Wohnortwechseln erhalten bleiben.

Die Verständigung mit den russischen Verwandten bleibt auf der Strecke.

Elena Lappin wird eine selbstständige, agile und leidenschaftliche Literaturliebhaberin.

Sie schreibt, dichtet und arbeitet als Journalistin.

Die Biographie richtet den Fokus zum Ende hin immer mehr auf Sprachen und Dichtung. Wo findet man sich zu Hause? Wo lebt man am liebsten? Welche Rolle spielen Sprachen für das eigene Leben und Gedeihen?

Die Familie ist wichtig, und für ihre Biographie interessiert sich Elena immer mehr für die weitverzweigten Familienbindungen, die nach Russland und Amerika weisen. Der leibliche Vater tritt in Erscheinung, und wieder tun sich neue Familienzweige auf.

Die Suche nach Familie und Zugehörigkeit bestimmen richtungsweisend die Erzählung und lassen ahnen, wie sehr Familie zum Bestimmungsort der eigenen Identität wird.

Die Lebenserinnerungen sind lebendig, warmherzig und mit Herzblut geschrieben.

Hier gibt es kein kleinliches Miteinander. Die Verbindungen und der Umgang untereinander lassen auf einen gebildeten, liberalen und wohlwollenden Geist schließen. Zeigen sie doch ein weltoffenes und tolerantes Familienklima. Dass die Wanderungen der Familie auch politisch mit verursacht sind, ist exemplarisch für das traurige Schicksal unser aller geschichtlichen Vergangenheit.

Man liest diese Lebenserinnerungen als Zeitdokument mit hohem Interesse.

Elena Lappin
In welcher Sprache träume ich?
352 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, September 2017
ISBN-10: 3462050451
ISBN-13: 978-3462050455
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Annie Ernaux: Die Jahre

Annie Ernaux: Die Jahre

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Die 1940 geborene Annie Ernaux erzählt in ihrer hier vorliegenden Biographie „Die Jahre“ zunächst ausführlich über ihre Kindheit und Jugend in Frankreich in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Lebenserinnerungen reichen weit bis zum Ende des Jahrhunderts und darüber hinaus.

Sie schreibt ihre Biographie nicht in der Ichform, sondern verfremdet. Von „dem Mädchen“ oder „der Frau“ ist die Rede. Es geht um Bilder in Worten, in denen sie ein Gesellschaftsbild über ein halbes Jahrhundert vor uns ausbreitet.

Mit treffend und sprachgewaltig formulierten Sätzen, prägnant und genau, fängt sie die Atmosphäre einer ganzen Generation ein. In Frankreich sieht das genauso aus wie in Deutschland. Man spielt in der Kindheit die gleichen Kinderspiele wie Ringlein du musst wandern, Plumpsack oder Hinkelkästchen. Man hatte wenig zu essen, und es gab Läuse und zahlreiche andere mehr oder weniger dramatische Kinderkrankheiten. Fernsehen gab es noch nicht, aber die Erwachsenen sprachen viel von der Vergangenheit. „In den Erzählungen der Vergangenheit gab es nichts als Hunger und Krieg.“ (S. 23)

Man benutzte Plumpsklos und erfreute sich an den kleinen Dingen des Alltags. „Man lebte in der Nähe der Scheiße. Und machte Witze darüber.“ (S. 39) Man hörte Schlager und wünschte sich als Kind, nur schnell erwachsen werden zu können. „Wenn jemand starb, konnte uns das nichts anhaben“ (S.33) Im Flüsterton nur wurde über Dinge gesprochen, von denen die Erwachsenen nichts wissen durften.

Die katholische Kirche spielt eine zentrale Rolle, und dass „Lehrer und andere Gebildete nicht an Gott glaubten, war eine Anomalie.“ (S.46)

Später folgen die Studienjahre, Sex und andere Fragen, die die Autorin und ihre Altersgenossen von den Themen der Elternhäuser entfernen. Die Suche nach der eigenen Identität spielt eine raumgreifende Rolle. Sartre, Camus und Simone de Beauvoir begeistern die intellektuelle Jugend.

Weiter geht es durch die Jahre des Wandels in der Moral und mit der Rebellion der 68ziger.

Man studiert, bekommt Kinder, Ehe und Scheidungen schließen sich an.

Die Erzählung folgt dem Lauf der Jahre mit den eigenen Veränderungen und der neuen Rolle zwischen Eltern und Kindern. Freiheit und Gleichheit werden gelebt. Das Alter oder der Tod betrifft die „Älteren“ nicht aber einen selber.  Leider lässt sich auf Dauer nicht leugnen, dass das Älterwerden in mentaler und physischer Hinsicht ein unaufhaltbarer Prozess ist, der niemanden verschont! Auch das wird vermerkt.

Geschichtliche Veränderungen und Ereignisse bringen neue Kriege und Unruheherde in die Welt.

In distanziertem Stil wird ein Zeitkolorit entworfen, das seinesgleichen sucht: treffend und genau, witzig und humorvoll werden die Lebensabschnitte abgehandelt.

Die verfremdete Form, mit der die Autorin über ihre Vergangenheit berichtet, gibt dem Ganzen eine Allgemeingültigkeit, die ihre Aufzeichnungen wirklich denkwürdig machen.

Wer in dieser Zeit Kind und Heranwachsender war, wer die Jahre bis zur Jahrtausendwende erlebt hat, wird alles genauso beschrieben finden, wie es war.

Der Bericht rührt an die eigenen Gefühle und Erinnerungen. Damit bietet er einen Wiedererkennungswert, der anrührend ist. Der letzte Satz lautet “Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird“. Das ist es!

Annie Ernaux lebt in Frankreich und ist vielfach ausgezeichnet.

Annie Ernaux
Die Jahre
255 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, Auflage 2, September 2017
ISBN-10: 3518225022
ISBN-13: 978-3518225028
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John Williams: Nichts als die Nacht

John Williams: Nichts als die Nacht

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John Williams gewann mit seinem 1967 geschriebenen Roman „Stoner“ in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als er neu entdeckt wurde, Ruhm, Ehre und eine Fangemeinde.

Jetzt ist im dtv Verlag sein Debütroman „Nichts als die Nacht“ erschienen. Es handelt sich um eine Novelle, die geheimnisvoll und düster die Geschichte von Arthur Maxley erzählt. Er lebt in San Francisco, und die Straßen und Bars der Stadt bieten den Rahmen der Erzählung. Die Ereignisse umfassen nur eine Nacht.

Der junge Mann wird getrieben von Dämonen. Er wird überschwemmt von Erinnerungen, fast immer bedrohlich, unterbrochen von zarten und liebevollen Erinnerungen an eine entrückte Mutter, in deren Armen er Sicherheit und Geborgenheit fand. In früherer Zeit ist etwas geschehen, das, angedeutet und flüchtig nur, gleichzeitig allgegenwärtig zu sein scheint.

Die Mutter ist tot, der Vater entschwunden. Max hat schwerste Zeiten hinter sich, in denen er in wilden Ängsten und Visionen schwebt. Überwältigt von Gefühlen gibt der Protagonist zu verstehen, wie ihn die Welt außerhalb seines Zimmers ängstigt und, ja auch anekelt. Er gibt sich seinen Träumen hin, erkennt den Himmel und die Sterne und lebt in tiefer Einsamkeit.

Eingelullt von seinen unwirklichen Visionen geht er durch Himmel und Hölle. Den Himmel verkörpert die tote Mutter, die Hölle besteht in der Gegenwart, in der er als Müßiggänger seinen nebulösen Vorstellungen erliegt. Hat die Mutter auf den Vater geschossen und sich selbst gleich danach umgebracht? Wo ist der entschwundene Vater?

Ein Treffen mit ihm verläuft kühl und ohne gegenseitiges Verständnis. Der Vater bleibt innerlich und äußerlich fern.

Fast alle Erfahrungen seines vergangenen Lebens erscheinen nebulös und diffus. Eine unruhige Sehnsucht nach Liebe und Sex bricht sich Bahn, und man weiß nicht, ob er träumt oder wacht. Er erlebt gequält und nur halb wach die Begegnung mit einem Freudenmädchen. Das Abenteuer endet tragisch.

William Stoner hat diese Novelle verfasst, als er 1940 mit 22 Jahren im zweiten Weltkrieg mit einem Flugzeug in Burma abgestürzt war. Er lag lange im Lazarett und hat in seinen dunklen Träumen versucht, sich mit dem allgegenwärtigen Tod auseinanderzusetzen.

Das Ergebnis ist dieses Erstlingswerk, das er lange bei keinem Verlag unterbringen konnte. Es zeugt bereits jetzt von seiner sensiblen Beobachtungsgabe und dem psychologischen Feingefühl seines späteren Romans “ Stoner“. Die poetische Kraft der Sprache und das fast surreal anmutende Geschehen bieten einen Einblick in seine Begabung. Misstrauen und verhaltene Melancholie im Wechsel mit Lust und Leidenschaft prägen dieses Werk, das in seiner Düsternis einmalig ist. Hier gibt es keine Hoffnung auf ein besseres Leben oder Erlösung aus der Einsamkeit. Man ist betroffen von dieser melancholischen und tief empfundenen Gefühlswelt.

1994 ist John William gestorben. Er war Lektor und Universitätsdozent. Seine Werke kamen erst posthum zu Ehren.

John Williams
Nichts als die Nacht
160 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, September 2017
ISBN-10: 3423281294
ISBN-13: 978-3423281294
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Irene Dische: Schwarz und Weiß

Irene Dische: Schwarz und Weiß

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In dieser seltsamen Liebesgeschichte geht es um eine Mischehe in New York. Beginnend in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts endet die Geschichte in den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts.

Lili ist die weiße und sehr hübsche Tochter eines jüdischen Künstlerpaars in New York, und der mischfarbige Duke kommt aus dem Süden der USA.

Die beiden lernen sich kennen und können fortan nicht voneinander lassen. Die liberalen Eltern von Lili begrüßen den Freund ihrer Tochter und nehmen ihn gerne bei sich auf.

Nun beginnt eine rasante Geschichte, die von der wirbelnden und umtriebigen Lili mit gesteuert wird. Sie ist Chemikerin, Krankenschwester und zuletzt hoch dotiertes Fotomodell. Duke, ihr schwarzer Freund und bald schon Ehemann, besitzt die seltene Gabe, Weine auf ihre Güte hin zu testen. Er erfährt in dem Geschäftsmann Mr. Perkins einen Partner, der seine Fähigkeiten, Wein zu verköstigen und die Beschreibung dessen, was er mit den Weinen verbindet, sehr schätzt.

Irene Dische gibt der Geschichte einen Ton, der sie lebhaft und farbenfroh ausgestaltet. Fast erscheinen einem die Sätze wie im Staccato dahingeschrieben, so schnell und munter wird das gesellschaftliche Bohèmemilieu vermittelt. Die Eltern von Lili verkehren als Komponisten und Journalisten unter Intellektuellen. In ihren Kreisen ist man liberal. Sehr selten nur blitzt die Diskriminierung Farbiger an einigen Stellen durch.

Die Liebesgeschichte zwischen Lili und Duke ist innig und überzeugend und außer Konkurrenz. Leider wird der Roman im zweiten Teil ein wenig langatmig, so dass man die Lust zum Weiterlesen verliert. Die zahlreichen Abenteuer, Liebesgeschichten und Irrungen und Wirrungen ermüden auf die Dauer. Immerhin bekommt man ein lebhaftes Bild vom Leben in NY der siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Dass die Geschichte am Ende recht unversöhnlich in eine Katastrophe mündet, ist nur folgerichtig.

Geselligkeit wird in der Erzählung großgeschrieben. Satire und Witz bringen eine gewisse Distanz, mit der die Autorin ihr eigenes Empfinden aus allem heraushält. Ihre lakonischen Sätze betonen diese innere Distanz noch. Die Abstinenz jedweder Empathie teilt sich dem Leser mit, und man weiß zuletzt nicht, wem die Sympathie in der Geschichte gelten soll. Dem schwarz-weißen Liebespaar? Den liberalen Eltern? Über Dukes Herkunft wird so kurz hinweggegangen, dass sie fast überflüssig erscheint. Sie rundet am Ende aber die ganze Geschichte ab.

Intellektuelle, Parvenüs, Partys und Wein nebst den entsprechenden Beobachtungen am geselligen Treiben beleben die gesellschaftlichen Zusammenkünfte und machen die Lektüre wenigstens im ersten mit „Norden“ überschriebenen Teil unterhaltsam und anregend.

Irene Dische
Schwarz und Weiss
496 Seiten, gebunden
HOFFMANN UND CAMPE, Oktober
ISBN-10: 3455404774
ISBN-13: 978-3455404777
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