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Autor: Claudine Borries

Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

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Lebensphilosophie und weise Erkenntnisse…

Elizabeth Strout hat die unnachahmliche Gabe, uns die Figuren ihrer Romane in ihren Gefühlen, Gedanken und Befindlichkeit nahezubringen.

So geschieht es auch in ihrem neuen Roman über die Unvollkommenheit der Liebe.

Die Schriftstellerin Lucy Barton lag vor Jahren nach einer eigentlich unkomplizierten Blinddarmoperation im Krankenhaus. Es ging ihr lange nicht gut. Da sah sie im Halbschlaf plötzlich ihre Mutter an ihrem Krankenbett sitzen. Sie hatten sich schon 9 Jahre lang nicht mehr gesehen.

Spontan entwickelt sich ein Dialog zwischen den beiden Frauen, der viele Aspekte ihres bisherigen Lebens umfasst.

Die feinen Nuancen, mit denen über die Kindheit von Lucy nachgedacht wird, sind ebenso reizvoll, wie die Erinnerungen der Mutter, mit denen sie zum Bild der Familiengeschichte beiträgt.

Arm waren sie alle, und die Eltern hatten jeweils wenig Verständnis für die Nöte ihrer Kinder. Lucy hatte noch zwei ältere Geschwister, so dass sie so manches Mal sich selber überlassen blieb, wenn diese schon in der Schule waren.

Sie lebten in einem kleinen Kaff in Illinois und waren so arm, dass Lucy ihren Bruder dabei begleitet hat, wenn er in Mülltonnen nach Essbarem suchte.

Kann man sich diese Armut vorstellen?

Doch Lucy geht einen sehr eigenen Weg: sie will Schriftstellerin werden!

Immer wieder sind ihr im Leben Menschen über den Weg gelaufen, die ihr Wärme und Zuneigung entgegenbrachten, sie wertschätzten und sie ermutigt haben: angefangen von einem Lehrer, der ihre Schulklasse abkanzelt, weil die Mitschüler Lucy gedemütigt haben, bis zu dem Psychoanalytiker Jeremy, ihrem Nachbarn in New York, der ihr unaufdringlich und unausgesprochen signalisiert, dass er ihre Einsamkeit versteht. Erfahrungen ähnlicher Art sind zahlreich.

Jetzt ist sie erwachsen und hat einen Mann und zwei Töchter, denen sie mit großer Liebe anhängt. Ihre Mutter bemerkt es mit Erstaunen.

Es ist die subtile Beobachtungsgabe von E. Strout, die ihre Lektüre zu einem Erlebnis macht. Sie weiß Lebenserfahrung mit dem ganz alltäglichen Einerlei in Einklang zu bringen. Nichts von dem, was sie erzählt, wirkt aufgesetzt oder gar aufdringlich. Ihre Sprache ist einfach strukturiert und verständlich. Sie zeugt jedoch von tiefem Verständnis und Mitgefühl in der selbstverständlichen Akzeptanz für die unerklärlichen Wege des Menschen. Es ist eine herzerwärmende Geschichte mit zahlreichen tiefschürfenden Lebenseinsichten, die wie ganz nebenbei in den Text einfließen. Es ist erstaunlich, mit welcher Kraft, Liebe, Selbsteinsicht und Versöhnlichkeit Elizabeth Strout ihre Protagonistin zu Wort kommen lässt.

Man möchte diese Geschichte jedem nachdenklichen Leser ans Herz legen, der sich für die Zusammenhänge menschlichen Seins interessiert.

Ich wollte jeden Satz in Gedanken festhalten, um so lange wie möglich bei diesem Roman verweilen zu können.

Elizabeth Strout ist eine herausragende Erzählerin, deren Romane mit zunehmender Lebenserfahrung an Substanz noch gewinnen. Sie lebt in Maine und in New York und ist Pulitzerpreisträgerin.

Elizabeth Strout
Die Unvollkommenheit der Liebe
208 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, August 2016
ISBN-10: 3630875092
ISBN-13: 978-3630875095
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Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer

Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer

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Eine ausweglose Liebe…

New York zu Beginn des 21.Jahrhunderts.

Durch Zufall begegnen sich in dieser Stadt Liat aus Israel und der Maler Chilmi aus Palästina.

Ungewöhnlich der Zufall und ungewöhnlich die heiße Liebe, die spontan zwischen den beiden entbrennt.

Wie konnte das passieren?

Nun, Künstler und Studierende aus aller Welt wohnen in New York, in dem man internationale Kontakte pflegt. NY ist eine Weltstadt mit einnehmendem Flair. Locker, leicht und kontaktfreudig begegnen sich hier Fremde, die schnell zu Freunden werden. So ergeht es auch Liat und Chilmi. In ihren Gesprächen klingt früh an, wie unterschiedlich es sich in Israel und Palästina lebt. Liat schwärmt vom Meer, das Chilmi nur aus sehr wenigen Besuchen im Gazastreifen kennt. Palästina grenzt sonst nirgends ans Meer. Der Satz von Chilmi „Eines Tages wird das Meer uns allen gehören“ lässt Hoffnung aufklingen. Doch noch wissen beide, dass ihre Beziehung niemals von den jeweiligen Familien des anderen akzeptiert würde.

Dorit Rabinyan erzählt eine Geschichte, die voller Liebe und Wärme steckt. Sie fängt die Atmosphäre zu Beginn einer tiefen Liebe in Herz erwärmender und anrührender Weise ein. Gekonnt flicht sie den Palästina-Israelkonflikt in die Geschichte ein. Fern des Landes Israel/ Palästina, in dem die Spannungen nie ein Ende zu nehmen scheinen, zeigt sie zwei Menschen, die, befreit von der Konfliktträchtigkeit ihrer unterschiedlichen Herkunft als Araber und Israelin, gelöst und unbefangen sein können, wie sie es zu Hause nie wären. Enthält die Geschichte einen tieferen Sinn? Sind es die Grenzen politischer und religiöser Gegensätze, die Menschen zu Feinden machen, die sie in einer freien Umgebung niemals empfinden würden?

Man kennt das aus dem West-Eastern Divan Orchestra von Daniel Barenboim, der junge Menschen aus verfeindeten Staaten vorübergehend zum Muszieren zusammenbringt, und man weiß aus den Balkankriegen, wie durch Gebietsansprüche oder gegensätzliche Religionen aus Freunden und Nachbarn Feinde wurden.

Diesen Kontrast eingefangen zu haben, ist Dorit Rabinyan hervorragend gelungen.

Die sehr individuelle Liebesgeschichte eignet sich gut, einem das Konfliktpotenzial nahezubringen, in denen Länder und Menschen verfangen sind. Eine menschliche Tragödie nimmt hier Gestalt und Form an. Da sich die Erzählung anregend liest und überschaubar bleibt, ist es ein lehrreiches Stück Geschichte, das uns vor Augen führt, wie unendlich verfeindet und in kriegerischen Verstrickungen Menschen aus zahlreichen Ländern in dieser Welt leben müssen.

Der Roman ist anspruchsvoll und ernsthaft in seiner Ausführung. Beste Empfehlung!

Die Autorin ist die Tochter iranisch-jüdischer Eltern und lebt in Israel.

Dorit Rabinyan
Wir sehen uns am Meer
384 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, August 2016
ISBN-10: 3462048619
ISBN-13: 978-3462048612
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Tim Parks: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

Tim Parks: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

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Tim Parks ist ein sensibler, feinsinniger Autor, dessen Bücher mich immer sehr angesprochen haben.

Hier unternimmt der Autor u.a. den Versuch, einmal über die Beweggründe nachzudenken, die uns zum leidenschaftlichen Leser machen.

Seine Abhandlungen sind in einem verständlichen und ansprechenden Duktus geschrieben.

So führt er aus, wie weit unsere Herkunft, unsere Interessen, unsere Lebensphasen und unsere Erfahrungen über die Vorlieben für bestimmte Bücher bestimmen. Für Tim Parks gibt es in diesem Sinn nicht das „gute“ Buch.

Selber aus einem frommen Pastorenhaushalt stammend gab es in seiner Kindheit „gute“ und „böse“ Bücher. Er wurde in ein System gezwungen, das der moralischen und ethischen Vorstellungswelt seiner Eltern nicht aber der seinen entsprach.

Er begann früh, sich aus diesem System abzusetzen und seinen eigenen Weg in der Auswahl seiner Lektüre zu treffen.

In seinen Ausführungen spricht er von der inneren Verfasstheit des Lesers, die ihn zu diesem oder jenem Zeitpunkt seine Bücher wählen ließ. Rezensionen sind nach seiner Vorstellung immer subjektiv und haben keinen Absolutheitsanspruch. Aus seiner Sicht gesehen haben wir alle das Recht, uns die Bücher zu wählen, die unserem inneren Wesen entsprechen und uns nicht vom allgemeinen Mainstream einfangen zu lassen. Immer einmal wieder heißt es, man müsse dieses oder jenes Werk gelesen haben, um überhaupt mitreden zu dürfen. Das aber stimmt so nicht!

In Literaturforen von einiger Offenheit erlebt man Fraktionen, die für das eine oder andere Buch in die Bresche springen, andere, die das gleiche Buch ablehnen. Interessant sind die Foren für alle jene, die gerne andere Meinungen hören durch die man Aspekte in der Handlung kennen lernt, die man selber vielleicht noch nicht entdeckt hat. Kontroversen gibt es auch in den so genannten Literaturclubs im Fernsehen, bei denen sich die Diskutanten zuweilen regelrecht feindselig gegenüberstehen. Toleranz stünde den Teilnehmern dieser Sendungen besser an!

In einzelnen Kapiteln befasst sich Tim Parks z.B. mit der Vergabe der Literaturnobelpreise und der Unmöglichkeit, aus der Vielzahl der Bücher zu einer richtigen Wahl zu kommen.

Die Vorschläge für diesen Preis kommen ja aus einer Vielzahl von Ländern mit unterschiedlichen Sprachen. Er weist nach, dass niemand die Menge der Bücher lesen könne, aus denen eine gerechte Wahl zu treffen sein soll.

Dieses Buch über Bücher ist eingängig und leicht zu lesen. Man lernt den Literaturbetrieb auf verschiedenen Ebenen kennen: seien es Überlegungen, die Schriftsteller selber betreffen, die Bürokratie rund um das Buch oder die Vermarktung im Buchhandel, ihrer Verlage und ihrer Kalkulationen etc. Ein rundum lesenswertes Buch ist Tim Parks wieder einmal gelungen. Man könnte es als Sachbuch einordnen, doch dazu ist es zu handfest und lebensnah geschrieben.

Auf jeden Fall ist das Buch für den interessierten Leser rund um den Literaturbetrieb sehr empfehlenswert.

Tim Parks
Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen
240 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann, August 2016
ISBN-10: 395614130X
ISBN-13: 978-3956141300
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Sarah Benwell: Es.ISt.Nicht.Fair.

Sarah Benwell: Es.ISt.Nicht.Fair.

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!Sarah Benwell hat sich in ihrem Debütroman, oder vielleicht sollte man besser „Bericht“ sagen, eines kritischen Themas angenommen: dem von Krankheit und drohendem Tod.

Abe Sora ist ein Junge von 17 Jahren. Er lebt mit seiner Mutter auf engstem Raum. Man spürt aber sehr bald, dass er Abstand und Distanz zu allen und jedem sucht.

Er ist krank. Die Krankheit ist tödlich, macht Angst und schreitet sehr schnell fort. Es handelt sich um die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose. Die tückische Krankheit führt unweigerlich zum Tode. Im täglichen Leben ist der Rollstuhl Soras steter Begleiter. Der Muskelschwund, an dem er leidet, macht ihm das Atmen und Sprechen schwer.

Wie viel Zeit wird ihm noch bleiben, um das im Leben zu tun, was er sich sehnlichst wünscht? Von seinen Träumen ist oft die Rede!

Von Beginn der Erzählung an ist man fasziniert und bewegt, wie Sora mit seinem Schicksal zurechtkommt. Man spürt seine Scheu, sich wem auch immer zu offenbaren. Er scheint wie in sich eingeschlossen. Die Therapiestunden bei Dr. Kobayashi sind ihm keine wirkliche Hilfe. Seine Schulfreunde begegnen ihm fremd und gehemmt. Sora kann das Mitleid und die Hilflosigkeit der anderen Menschen allenthalben wahrnehmen. Er hasst diese ihm entgegen schwappenden Gefühle!

So sucht und findet er, dem Segen des Internets sei Dank, zuerst einmal Menschen, die nicht so viel von ihm wissen, und mit denen er ohne deren Mitgefühl ungehemmt kommunizieren kann. Ganz offensichtlich sind die Protagonisten Japaner. Er nennt sich bezeichnender Weise im Internet „Samurai“.

Benwell lässt den Verlauf der Handlung vor unserem inneren Auge erstehen: die langsame Verschlechterung im Befinden des kranken Jungen; die ambivalenten Gefühle eines 17 Jährigen, der seiner Mutter nicht zur Last fallen will, und die innere Scham, auf ihre Hilfe auch in den intimsten Handlungen angewiesen zu sein. Im Internet findet er Freunde, zu denen er Vertrauen fasst. Die Freundschaften sind in ihrer Absolutheit und Treue bemerkenswert. Sie bilden den roten Faden, durch den die Handlung ihre Spannung und Intensität bezieht. Hier wagt Sora allmählich, rückhaltlos über seine Ziele und Wünsche zu sprechen.

Die Wahl des Internets als geschützter Raum wird geschickt eingesetzt, um zu zeigen, wie man hier seine wahre Identität eine Zeit lang für sich behalten kann.

Es gelingt der Autorin, dem Spagat zwischen Erleben und den unausgesprochenen Wünschen Sprache und Raum zu geben

Eine rundherum gelungene Handlung ohne Sentimentalität und Schwülstigkeit ist Sarah Benwell mit ihrem Debüt gelungen. Die Handlung ist ernst und wird gleichzeitig von einer inneren Selbstironie und Distanz getragen.

Sarah Benwell lebt in Bradford Upon Avon und lehrt kreatives Schreiben.

Sarah Benwell
Es. Ist. Nicht. Fair.
352 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Juli 2016
ISBN-10: 3446252967
ISBN-13: 978-3446252967
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Milena Busquets: Auch das wird vergehen

Milena Busquets: Auch das wird vergehen

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Blanca ist eine Frau um die vierzig Jahre. Sie hat kürzlich ihre Mutter verloren.

Ihre Gedanken schweifen zurück und wechseln in der Perspektive zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Beziehungen zu ihrer Mutter waren ambivalent. Teilweise störte sie im bunten Leben ihrer Tochter. Doch ihr Tod lastet dennoch schwer. Die Icherzählerin spricht die Mutter in ihren Gedanken an. Doch zahlreich sind ihre Erinnerungen nicht.

Wesentlicher sind in diesem Buch die Geschichten über das Leben am Meer mit Müßiggang und Schlendrian.

Blanca lebt mit vielen Freunden und Freundinnen ein ausschweifendes Leben auf dem Familiensitz der Familie Cadaqués am Meer.

Hier treffen sich Ehemänner und Exehemänner, Freunde, Liebhaber, Freudinnen und die Kinder aus den verschiedenen Verbindungen.

Der Erzählton ist betrachtend bis reflektierend. Über der ganzen Erzählung liegt ein Schleier aus Vergangenem und Gegenwärtigem. Man weiß nur nicht, wie und wen die Erzählerin erreichen will: sind es nur Gedanken der Selbstbesinnung? Gibt es einen Wendepunkt im Leben der Erzählerin? Hat der Tod der Mutter sie verändert?

Da quasi essayistisch über das Leben hier und heute nachgedacht wird, sexuelle Begegnungen Erlösung aus der momentanen Tristesse vorgaukeln, ohne sie wirklich zu erfüllen, bleibt der Roman in seiner Intention rätselhaft. Es sind die verschiedensten Charaktere, die hier vorübergehend erscheinen. Die Bezüge der einzelnen Protagonisten untereinander sind nicht immer überschaubar. So bleibt die Erzählung flach. Sex spielt eine wesentliche Rolle für alle Beteiligten, als gäbe es nichts Wichtigeres von Interesse.

Man feiert, trinkt, nimmt Kokain und geht dem Müßiggang nach. Flirts und kurze Affären, gegenwärtige und vergangene, beherrschen das Geschehen.

Was soll der Titel bedeuten? Er beruht auf einer Geschichte längst vergangener Zeiten. Ein chinesischer Kaiser rief seine Weisen zusammen, um einen Satz zu finden, der für alles und immer Gültigkeit besitzt. Und das ist eben dieser Satz “Auch das wird vergehen“. Nun ja, so ist das wohl mit dem Erleben und dem Leben!

Wer die Atmosphäre von Bequemlichkeit und Nichtstun liebt, wer sich gerne dem Wohlleben hingeben möchte und selbstverständliche Sexgeschichten liebt, der liegt mit dieser Lektüre richtig.

Das Buch der Autorin hat den Ruf eines internationalen Bestsellers.

Milena Busquets
Auch das wird vergehen
170 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, Februar 2016
ISBN-10: 3518425277
ISBN-13: 978-3518425275
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Elizabeth Poliner: Wie der Atem in uns

Elizabeth Poliner: Wie der Atem in uns

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Jüdisches Leben und Schicksalsschläge …

Molly Leibritzky ist die Icherzählerin einer typisch jüdischen Familiengeschichte in Middletown/Connecticut. Die Familie verbringt die Sommer am Meer in Woodmont/Connecticut. Wie so viele Juden sind die Ahnen der Familie ursprünglich vor Jahrzehnten aus dem Osten nach Amerika zugewandert. Mit ihrem Kaufhaus hat sie eine einträgliche Einkommensquelle, so dass sie sich ein gutes Leben leisten kann. Man hilft sich untereinander und steht sich in allen schwierigen Fragen des Lebens zur Seite. Doch wie überall auf der Welt gibt es in der Familie nicht nur eitel Sonnenschein. Schicksalsschläge und Querelen untereinander geben so manchen Anlass zur Sorge und zu Zwietracht.

Der Sommer 1948 prägt sich allen ins Gedächtnis ein, denn es ist der Sommer, in dem Davy, der Jüngste der Familie, zu Tode kommt. Er ist damals erst acht Jahre alt.

Molly, seine Schwester, versucht in ihrem Rückblick nach Jahren Ordnung in die Geschehnisse von damals zu bringen.

Auf diese Weise erfahren wir etwas vom Zusammenleben ihrer Mutter Ada mit ihren Schwestern Vivie und Bec.

Ada ist in Laufe der Jahre mit drei Kindern gesegnet worden und hat ihre unbefangene frühere Lebensfröhlichkeit verloren. Vivie hat ihrer Schwester lange verübelt, dass sie ihr den Mann einst ausgespannt hat. Doch nun ist sie früh zu einem gewissen Gleichmut und einer korrekten Realitätseinschätzung gelangt. Mit Leo und ihrer gemeinsamen Tochter Nina führt sie schließlich eine ruhige und treue Ehe. Bec, die jüngste der Schwestern, hat einen ganz eigenen Weg genommen.

Elizabeth Poliner zeichnet ein lebhaftes Bild der Gemeinschaft in ihrem Sommerdomizil. Man isst zusammen, treibt Sport, geht schwimmen und verlustiert sich auf vielerlei Weise.

Elizabeth Poliner vermittelt das Bild einer jüdischen Familie, wie wir sie aus zahlreichen Familiengeschichten schon kennen. Wichtig ist allen, dass man unter sich bleibt. Die jüdische Familie fordert bedingungslose Achtung bei der Einhaltung ihrer Traditionen und fest gefügten Lebensmuster. Das fällt nicht jedem leicht! Die Liebe erfährt Veränderungen und sprengt den Rahmen dessen, was jeder zu leisten vermag.

Als in Sommer 1948, der Gründung des Staates Israel, Davy tödlich verunglückt, bricht das mühsam konsolidierte Familienleben zusammen.

Die tragischen Ereignisse um Davys Tod berühren jeden tief.

Warum interessiert einen dieser Roman so sehr?

Er sprüht vor Lebendigkeit, erzählt von Klima, Luft und Familiensinn mit feiner Beobachtungsgabe und beinhaltet zudem eine Menge Erkenntnisse zu dem, was das Menschsein ausmacht. Hinzu kommt eine Einsicht, die so oft zum Leben gehört: Zufälle können eine unerwartete Wende bringen, die das Leben aller Beteiligen erschüttert. Keiner bleibt unberührt, wenn ein junges Leben vorzeitig endet. Und die Erwartungen an aneinander sind, wie sich zeigen wird, nicht immer erfüllbar.

Zitat: “Doch so sind Familien: sie sagen uns, was wir sind, und das sind wir dann, und deshalb besteht ein Teil des großen Lebenskampfes darin, sich jenseits der Last der erdrückenden kollektiven Definition selbst kennenzulernen.“(S.88)

So klar ausgesprochene tiefsinnige Betrachtungen findet man selten in diesem Roman. Sie fassen aber zusammen, worum es in der Geschichte geht: Selbstfindung, Identitätssuche und Überlebensstrategien. Am Ende ist die Geschichte schlüssig und man legt das Buch mit dem Wissen aus der Hand, dass hier wieder einmal ein Roman lehrt, wie das Leben so spielt und wie viele Variablen es beinhaltet.

Elizabeth Poliner
Wie der Atem in uns
428 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag. Juli 2016
ISBN-10: 3832198172
ISBN-13: 978-3832198176
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J. L.Carr: Ein Monat auf dem Land

J. L.Carr: Ein Monat auf dem Land

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In einem abgeschiedenen Örtchen in Nordengland, in Oxgodby in Yorkshire, erscheint eines Tages der Restaurator Tom Birkin, der für zwei Monate in der kleinen örtlichen Kirche ein mittelalterliches Fresko freilegen soll. Wir schreiben das Jahr 1920.

Er ist ärmlich ausgestattet und wohnt im Kirchenschiff höchst ungemütlich und wenig komfortabel.

Man beobachtet ihn bei seiner Ankunft und bei seiner Tätigkeit an der Kirchenwand. Er bleibt der Icherzähler, aus dessen Blickwinkel die dörfliche Gemeinschaft zum Leben erwacht. Denn von Zeit zu Zeit gesellen sich Anwohner zu ihm. Oxgodby ist klein, überschaubar und von wenigen Honoratioren bewohnt.

Einmal gibt es da den Stationsvorsteher des Bahnhofs und dessen Tochter; nebenan in seinem Zelt wohnt Mr. Moon, ein Archäologe, der im Namen einer verstorbenen reichen Mäzenin nach verschollenen Gräbern sucht.

Der Auftraggeber für Mr. Birkin ist ein Pfarrer von mürrischer Wesensart. Als seine Frau eines Tages in der Kirche erscheint, um sich den Fortgang der Arbeit anzusehen, ist Mr. Birkin höchst erstaunt über ihre Jugend und ihre fast überirdische Schönheit. Alice Keach erinnert ihn an das Frauenporträt „Primavera“ von Botticelli.

Zarte Liebesgefühle erwachen in ihm!

So langsam lernt man sich kennen, trinkt hier und da einen Tee zusammen oder es folgt sogar einer Einladung zum Essen.

Unspektakulär und bescheiden bewegen sich die Menschen aufeinander zu und wieder fort. Und doch wird in den Gesprächen deutlich, dass jeder ein Interesse am anderen hat.

Tom Birkin suchte in der Abgeschiedenheit des Landlebens Ruhe und Erholung von schweren Schicksalsschlägen, denn er kämpfte im Ersten Weltkrieg, und seine Frau hat ihn kürzlich verlassen. Hier scheint er die Ruhe zu finden!

J.L.Carr versteht es trefflich, die Atmosphäre der ländlichen Abgeschiedenheit zu vermitteln.

Seine kurze Erzählung ist inhaltsreich und von bestrickender Poesie.

Die Stimmungsbilder zeugen von wunderbarer Ruhe und von der Schönheit der Wälder und Felder, der Luft, dem Duft und dem Vogelgesang. Die Menschen mit ihren Eigenheiten und das ländliche Leben sind Balsam für die Seele eines Helden, der verwundet an Leib und Seele gerade hier auftanken wollte. Der Fortgang der Restaurierungsarbeiten wird fachgerecht beschrieben, und kunstgeschichtlich Betrachtungen runden den Bogen zu der kleinen aber feinen Erzählung ab.

J.L.Carr lebte von 1912 bis 1994 und gilt als moderner englischer Klassiker. Seine ruhige Prosa ist auch Balsam für Seele des Lesers!

J.L.Carr
Ein Monat auf dem Land
144 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, Juli 2016
ISBN-10: 3832198350
ISBN-13: 978-3832198350
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Lot Vekemans: Ein Brautkleid aus Warschau

Lot Vekemans: Ein Brautkleid aus Warschau

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Lot Vekemans hat ein ergreifendes Romandebüt verfasst.

Jeder weiß, wie schwerwiegend die Folgen der Judenverfolgung auch und gerade in Polen während der Nazizeit waren.

Hier geht es um eine junge Frau, die aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen stammt. Ihre Mutter ist eine harte Frau, die der Tochter nichts durchgehen lassen will.

Auf einer Rückreise aus Warschau in ihr Dorf kommt Marlena mit einen jungen Mann in Kontakt, der ihr zum Abschied seine Telefonnummer zusteckt. Sie ruft ihn an, und schon bald sind sie ein Liebespaar. Natan ist Amerikaner. Er ist Jude und ist nach Polen gereist, um nach den Spuren seiner Vorfahren zu fahnden, die ursprünglich hier beheimatet waren. Seine jüdische Familie ist teilweise im Holocaust umgekommen oder nach Holland und Amerika geflohen.

Die beiden sind sehr verliebt und müssen ihre Liebe verstecken, denn Marlenas Mutter würde diese Beziehung nie dulden.

Auf Vermittlung von Natan beginnt Marlena bei seinem Onkel Szymon in dessen Hotel als Küchenhilfe zu arbeiten. Der Onkel soll später noch eine besondere Rolle im Leben der beiden Liebenden einnehmen.

Kurzfristig wird Natan nach Amerika zurückgerufen. Marlena und Natan geben sich das Versprechen, sobald wie möglich voneinander hören zu lassen. Marlena ahnt nicht, dass sie schwanger ist.

Kurz darauf schlägt sie sich tapfer mit ihrem Sohn Stan durch. Sie hat keine Adresse von Natan und hört nichts mehr von ihm.

In der Folge beginnt eine verzweifelte Lebensgeschichte. Aus vielerlei Versäumnissen heraus muss Marlena einen einsamen Weg gehen, der sie nicht glücklich macht. Enttäuschte Hoffnungen und verzweifelte Überlebensstrategien pflastern ihren Weg, der sie nach Holland führt.

Lot Vekemans erfindet subtile Geschichten, mit denen sie ihre Protagonisten in einzelnen Kapiteln in der Ichform erzählen lässt. Trauer, Täuschung und Enttäuschung paaren sich mit dem Kampf um Liebe und Verstehen. Doch das Schweigen beherrscht das Leben aller Figuren und lässt sogar den kleinen Stan für viele Monate ganz verstummen. In diesem Klima kann Vertrauen kaum wachsen, und jeder bleibt mit seinem Schicksal allein.

Eine gewisse Melancholie liegt über dem Geschehen. Doch ist das Buch nicht bedrückend. Eher erfasst den Leser eine unterschwellige Spannung, wie sich die Beziehungen  entwickeln werden, und wie man aus Dilemma der verworrenen  Zusammenhänge herausfinden könnte.

Zum Ende hin bleiben viele Fragen offen, doch ist man in die Familiengeschichte tief eingetaucht.

Lot Vekemans lebt mit ihrer Familie in New York.

Lot Vekemans
Ein Brautkleid aus Warschau
253 Seiten, gebunden
Wallstein, Februar 2016
ISBN-10: 383531601X
ISBN-13: 978-3835316010
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Lisa Elsässer: Fremdgehen

Lisa Elsässer: Fremdgehen

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Mit einem kurzen Einblick in die Geschichte einer Freundschaft beginnt Lisa Elsässer ihre Erzählung über eine ungewöhnliche Liebe. Einleitend zu ihrem Briefroman zitiert sie Hannah Arendt, die sagt „wenn es nicht so gefährlich wäre, sollte man der Welt doch einmal erzählen, was eine Ehe wirklich ist“. Die weise Philosophin sollte es wissen!

Zuerst zaghaft, dann immer schneller offen, ehrlich und schließlich zärtlich erzählt Elsässer über den Beginn einer großen Liebe, die sich in Briefen und Mails manifestiert.

Lino ist Gastdozent in einer europäischen Metropole, Julia lebt in der Pampa und von Bergen umgeben. Sie lektoriert und schreibt ein wenig. Nur einmal sind sie sich kurz begegnet. Danach fingen sie einen Mail- und Briefwechsel an. Die Mitteilungen zeugen von einer zunächst sehr scheuen Annäherung. Schnell ist man beim Du und bei immer intensiverem Austausch über das, was man erlebt, und wie man sich in der Beziehung zu einander fühlt.

Wie aber soll man diese Beziehung, die sicher auch von der Distanz beflügelt wird, mit den eigenen Bindungen an Ehepartner und Kinder in Einklang bringen?

Zwei Menschen geraten unerwartet in eine Beziehung, die tief und innig wird.

Lisa Elsässer erfasst die Verführung und Sehnsucht zweier Menschen in einer wunderbar klaren Sprache. Die Geschichte wird durch poetische Einschübe über Naturerlebnisse und das Großstadtleben bereichert. Sie beschreibt zwei kluge, diskrete und feinsinnige Menschen, die sich zunehmend in einen Strudel der Gefühle füreinander verlieren. Psychologisch klug und einfühlsam werden die Erwartungen, Träume und Sehnsüchte der beiden Liebenden dem Leser vermittelt.

Lisa Elsässer hat ein feines Gespür dafür, wann eine Beziehung nicht mehr im Gleichgewicht bleibt.

Hier finden sich wie überall auf der Welt unterschiedliche Charaktere zusammen. Konfliktscheu der eine, offen und direkt die andere. Über das alltägliche Leben mit den eigenen langjährigen Partnerbeziehungen gibt es nur Andeutungen.

Phantasien mögen den Adressaten ideell erhöhen, da man den Alltag mit ihm nicht kennt.

Viele Fragen rühren den Leser an: wie ist das mit der ehelichen Treue? Kann man Parallelbeziehungen haben? Sind die auf Distanz und Briefwechsel beschränkten Liebesschwüre aus einer Fiktion geboren? Gelegentliche Treffen der beiden Liebenden werden leidenschaftlich erlebt. Irritationen über den jeweils anderen bleiben jedoch nicht aus. Ist in einer nahen Beziehung die Liebe auf Dauer haltbar?

In diesem kleinen Büchlein, setzt sich Lisa Elsässer mit Fragen von Treue, Sehnsucht, Phantasie und Wirklichkeit auseinander. Da sie eine ästhetische Sprache benutzt, ist die Geschichte nie flach oder gewöhnlich. Man bekommt einen Eindruck davon, wie verwirrend das Zusammenleben unter den Menschen sein kann. Zwei sensible und feinfühlige Menschen suchen einen Ausweg. Wie wird das Ende sein?

Sehr lesenswert!

Lisa Elsässer
Fremdgehen
192 Seiten, gebunden
Rotpunktverlag, Juli 2016
ISBN-10: 3858697141
ISBN-13: 978-3858697141
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Robin Black: Porträt einer Ehe

Robin Black: Porträt einer Ehe

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Nichts eignet sich so sehr zum Thema eines Romans wie das Porträt einer Ehe.
Sind es doch die immer gleichen Ereignisse, die uns Menschen während eines langen Lebens bewegen.

In diesem Roman finden sich zwei Künstler zusammen, die auf lange gemeinsam verbrachte Jahre zurückblicken. Sie sind aus Philadelphia aufs Land gezogen. Owen ist Schriftsteller, und Augusta, genannt Gus, malt. Kinder wollten sie zuerst nie, und als sie daran dachten, bekamen sie keine mehr.

Gus hatte noch in Philadelphia eine heiße Affäre mit Bill, dem Vater einer ihrer Malschülerinnen. Sie hat sich Owen offenbart, weil sie nicht mit einer Lüge leben wollte. Die Wunde bei ihrem Mann sitzt tief, und beide haben allerhand zu tun, um diesen gravierenden Zwischenfall und Vertrauensbruch zu verwinden.

Nun leben sie ein zurückgezogenes Leben auf dem Land. In einem alten Farmhaus haben sie sich eingerichtet. Sie sind nicht gläubig und leben gegen den Mainstream. Doch gewisse Formen geben Halt, und so haben sie sich eigene Rituale zugelegt: wo sie wann, wie und was z.B. feiern werden.

Doch in die selbst gewählte Stille und kontemplative Ruhe bricht eines Tages eine Nachbarin ein. Auch sie ist Malerin und sucht Ruhe und Alleinsein nach einer langjährigen desaströsen Ehe. Alison hat eine Tochter, die erwachsen geworden ist und das Elternhaus verlassen hat.

Alison und Gus, die beiden Malerinnen, freunden sich an, und man ist gespannt, wie sich das Dreiergrüppchen mit Owen dazwischen arrangieren wird. Wie zu vermuten ist, kann das nicht lange gut gehen.

Warum ist diese Geschichte so reizvoll für den Leser?

Nun, es ist das geruhsame Landleben und die prickelnde Versuchung neuer Gemeinsamkeiten, die mit Alison in das Leben von Owen und Gus getreten ist. Einmal trifft man sich zu einem Glas Wein, dann wieder ist es ein Abendessen, das man mit einander verbringt. Die Frauen beginnen, sich kleine Geheimnisse aus ihrem Eheleben mitzuteilen, was am Ende nicht zum Guten gereicht.
Mit ihren diffizilen Querverbindungen unter den verschiedenen Protagonisten steigert Robin Black die Geschichte zu einer Erzählung, die mit einem unerwarteten Ende aufwartet.
Das psychologische Feingefühl der Autorin lässt uns glauben, dass genau solche Ereignisse im wirklichen Leben und quer durch alle Schichten passieren könnten. Da vermischen sich Missverständnisse mit Lug und Betrug und Eifersucht mit Versuchung. Robin Black gewährt uns Einblicke in die sensibelsten Empfindungen ihrer Protagonisten.

Die Erzählung verläuft zunächst in einem ruhigen Strom von Beschaulichkeit und Einkehr, um dann an Fahrt aufzunehmen. Genauso aber spielt das Leben: unerwartete Wendungen passieren ohne unser Zutun, und alle guten Vorhaben mögen zunichtewerden, wenn der Zufall als Schicksal in Erscheinung tritt. Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte mit nicht zuletzt kriminellem Einschlag ist Robin Black mit diesem Roman gelungen.

Robin Black
Porträt einer Ehe
320 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, Mai 2016
ISBN-10: 3630873227
ISBN-13: 978-3630873220
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