Browsed by
Autor: Claudine Borries

Oliver Sacks: On The Move Mein Leben

Oliver Sacks: On The Move Mein Leben

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Abenteuer Gesundheit…

Als berühmtester Neurologe der Welt wird Dr. Oliver Sacks ausgewiesen!
Sein Buch „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ machte ebenso Furore wie das Buch mit dem Titel „Zeit des Erwachsens“, nach dem ein gleichnamiger Film entstanden ist.

Was macht uns als Leser so neugierig auf die Autobiographie?

Es sind u.a. die Fallgeschichten, mit denen er in seinen Büchern Furore gemacht hat. Wie war dieser Mensch mit seiner intensiven Affinität zu den ihm anvertrauten Patienten?

Er war offensichtlich von einer tiefen menschlichen Verständnisfähigkeit für die körperlichen Malaisen seiner Patienten.
Anomalien im Verhalten beruhen nach seinen Ausführungen auf einer Fehlsteuerung im Gehirn, Schädigungen der Hirnzellen oder auch seltenen Stoffwechselstörungen oder fehlgeleiteten Ausschüttungen wichtiger Botenstoffe im Gehirn, die für das Zusammenspiel von Körper und Geist vonnöten sind.

Nach einem Studium der Medizin in England ging er nach Amerika, wo er an verschiedenen Kliniken, zuletzt in New York, gearbeitet hat.
Mittlerweile ist er 81 Jahre alt und berichtet hier von seinem Leben, das von Wechseln, Krisen, Erfolgen und Neugier getragen war.

Seine Erfahrungen auf dem Gebiet der Medizin und Menschenkunde sind aufregend. Privat hatte er einige wenige sehr enge Liebesbeziehungen zu Männern. In einer kritischen Phase seines Lebens war er schwer drogensüchtig. Das Motorradfahren war ihm früh im Leben schon Lebenselixier, dem er sich mit Leidenschaft überließ.
Hohe Intelligenz und Kreativität zeichnen seinen Berufsweg aus.

Durch seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen gewann er Achtung und Ansehen, musste allerdings auch die unangenehmen Begleiterscheinungen von Neid und Missgunst erleben.

In seinem Buch über seinen Werdegang erlebt man einen sehr offenen und äußerst ehrlichen Burschen, der mit vielerlei eigenen Entwicklungsproblemen zu kämpfen hatte. Sein Buch ist detailreich, zuweilen sehr auf seine medizinischen Forschungen und Erfolge ausgerichtet, doch immer von einer tiefen Anhänglichkeit und Würde getragen, mit denen er nächsten Angehörigen, Mitarbeitern und guten Freundinnen und Freunden zugetan war.

Seine unterschiedlichen Charaktereigenschaften zeigen ihn in seinen menschlichen Bezügen liebevoll und treu. Eigene Konflikte werden souverän von ihm thematisiert. Sie lassen ihn sehr sympathisch erscheinen. Er stellt bewusst heraus, dass ihm nichts Menschliches fremd ist. Seine Persönlichkeit befähigt ihn offensichtlich in besonderer Weise, Menschen mit diversen Krankheitssymptomen gerecht zu werden.

Die Autobiographie liest sich spannend und anregend. Man ist beeindruckt von einem Menschen, der mit Kraft, Liebe und Engagement seiner Berufung als Neurologe und Schriftsteller nachgekommen ist. Sehr lesenswert!

Oliver Sacks

On The Move Mein Leben
Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
Rowohlt, Mai 2015
ISBN-10: 3498064339
ISBN-13: 978-3498064334
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Ram Oren: Gertrudas Versprechen

Ram Oren: Gertrudas Versprechen

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Dieser Bericht stützt sich auf eine wahre Begebenheit.

Er handelt von der Nazizeit, von Bedrängnis und aufkommende Verfolgung bis hin zu Flucht und Vernichtung aller menschlichen Würde und des jüdischen Lebens.

Gertruda hat nach einigen schweren Enttäuschungen in ihrem Leben eine Stelle als Kinderfrau bei einer sehr reichen polnisch-jüdischen Familie angenommen. Sie selber ist katholisch. Michael ist das einzige Kind der Familie, heiß ersehnt und fürstlich umgeben von Reichtum, Fürsorge und der Liebe seiner Eltern. Er ist ein reizendes Kind, für das Gertruda von Beginn an eine tiefe Zuneigung hegt.

Als die Nazis in Deutschland an die Macht kommen, mehren sich die Anzeichen, die auf schwere Verfolgungen bis hin zu Folter, Tod und Vernichtung aller Juden hinweisen. Der Millionär Jakob Stolowitzky und seine Frau Lydia können lange nicht glauben, das da in Deutschland passiert.

Parallel zu dieser Geschichte gibt es in Deutschland Karl Rink mit seiner jüdischen Frau Mira und Tochter Helga. Karl hat während der Arbeitslosigkeit Aufnahme in die SS gesucht und gefunden. Auch er will nicht glauben, dass die angekündigten Exzesse Hitlers und seiner Nazibonzen zum Erfolg führen könnten, bis es so aussieht, als wäre es zu spät für Frau und Kind, dieser Hölle zu entkommen.

Ram Oren hat eine dramatische Geschichte zu erzählen. Ihm gelingt es, die Verdichtung von guten und friedlichen Zeiten und großem Glück hin zu der Zeit des Terrors, der Angst und schlimmster Verfolgung mit klugen und ausgewählten Beschreibungen herauf zu beschwören. Man fühlt sich ganz dicht am Geschehen, fürchtet sich und freut sich, je nach Schilderung, mit den Protagonisten. Wenn Dichtung und Wahrheit hier dicht beieinander liegen, so ist das Stilmittel der Dichtung durchaus erlaubt, um die schauerliche Zeit des Nationalsozialismus hautnah vor Augen zu führen. Der Erzählstrang führt gelegentlich alle erwähnten Personen zusammen.

Alles überragend wird hier auch die Geschichte einer Mutterliebe und einer Treue erzählt, wie sie ihresgleichen sucht.

Wie man das aus zahlreichen Erzählungen und vielen Biographien kennt, war die Hitlerzeit das Schlimmste, was in einem aufgeklärten christlichen Land geschehen konnte. Ram Oren besticht durch die Macht seiner Erzählkunst, mit der er die Geschichte so erzählt, dass man meint, man sei dabei gewesen. Unvorstellbare Strapazen, Ängste und Zufälle bestimmen das Geschehen, das in seiner Dramatik kaum zu überbieten ist. Man lese das Buch und erfahre erneut, wie die Barbarei in unserem Land Platz gefunden hatte.

Ram Oren
Gertrudas Versprechen
352 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, Mai 2015
ISBN-10: 3832163336
ISBN-13: 978-3832163334
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Siegfried Lenz: Gespräche unter Freunden

Siegfried Lenz: Gespräche unter Freunden

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Ein stiller Künstler in seiner ganzen Größe…

Siegfried Lenz, 1926 – 2014, ist uns allen bekannt durch seine Romane, Hörspiele und Bühnenwerke.

Sein schriftstellerisches Werk zeichnet sich durch einen gewissen Ernst, Heiterkeit, Melancholie und Wehmut aus. Wehmut in Erinnerungen an Masuren, Ernst über die Zeitgeschichte, Gelassenheit durch die Ruhe, die seinen Werken inne wohnt.

In dem Buch „Gespräche unter Freunden“ versammeln sich nach und nach gesammelt aus fünf Jahrzehnten Schriftsteller und Journalisten von Rang und Namen zu gemeinsamen Gesprächen mit Siegfried Lenz.

Hier kommt uns dieser liebenswerte, weise und kluge Autor noch einmal ganz nahe.

Er war keiner, der sich produzierte, keiner, der laut wurde, und dennoch gehörte er zu den bedeutendsten Autoren Nachkriegsdeutschlands nach dem 2. Weltkrieg. Mit seiner leisen Unaufdringlichkeit hat er sich mit den allgemeinen Fragen von Gut und Böse auseinandergesetzt, hat seine Stimme zu wichtigen politischen Themen erhoben und blieb doch immer einer im Schatten.

In den Gesprächen dreht sich u.a. alles immer wieder um das Schreiben und die richtige Position, die Lenz im Leben und im Schreiben einnahm. Klar und deutlich artikuliert er seine Vorlieben für nördliche Landschaften, seine Vorstellung von Pflichtgefühl und seine persönliche Einstellung zu seinen Werken, über die er befragt wird.

Neben dem Freund von Siegfried Lenz, Marcel Reich- Ranicki, kommen Persönlichkeiten wie Manfred Durzak, Ekkehard Rudolf, Pavel Kohut und natürlich Günter Grass zu Wort. Weitere bekannte Namen wie Fritz Raddatz, Heinrich Böll und so viele, die uns im Zusammenhang mit der Gruppe 47, bekannt wurden, tauchen hier noch einmal auf. Die Gruppe 47 war eine Vereinigung deutscher Schriftsteller zur Förderung junger deutscher Talente und zur Reflexion über die eigenen Werke.

Die Spiegelredakteure Volker Hage und Martin Doerry möchten S. Lenz aus der Reserve locken, in dem sie ihn zu kritischen Stellungnahmen ermuntern. Doch S. Lenz lässt sich nicht provozieren.

Eine der schönsten Anmerkungen finden sich im Gespräch mit Loki Schmidt. Hier geht es u.a. um das Thema „Altern“. Beide, Lenz und Loki, können diesem nichts abgewinnen. Loki aber meint, vielleicht ginge es einem gut, wenn man nicht mehr so viel mit bekäme und schon dankbar wäre „…wenn man sich darüber freut, dass man ein Süppchen bekommt, oder dass einen jemand mit einer Decke warm zudeckt“. Auch in diesem sehr anregenden Gespräch bleibt Lenz der Skeptiker und der zurückhaltende Melancholiker, während Loki die frische Zuversicht eines ganzen Lebens in sich trägt.

In den Gesprächen unter Freunden finden sich zahlreiche Einsichten, Stellungnahmen zu politischen und gesellschaftskritischen Themen und immer wieder Einlassungen zu den eigenen Werken.

Sie zeigen einen Schriftsteller, der einen sehr eigenen Weg gesucht und gefunden hat. Sein Ruhm wird hoffentlich anhalten und durch dieses Dokument einen Nachhall finden!

Siegfried Lenz

Gespräche unter Freunden
512 Seiten, gebunden
HOFFMANN UND CAMPE VERLAG, April 2015
ISBN-10: 3455503675
ISBN-13: 978-3455503678
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Massum Fayar: Buskaschi oder der Teppich meiner Mutter

Massum Fayar: Buskaschi oder der Teppich meiner Mutter

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
In diesen Roman auf der Suche nach der Vergangenheit muss man sich erst langsam einfinden.

Es handelt sich um eine opulente Familiengeschichte mit zahlreichen Verzweigungen und Nebengeschichten.

Der Icherzähler Schaer reist im Jahr 2008 nach Herat in Afghanistan, um seine alte, kranke Mutter zu besuchen. Aus Anlass dieses Besuches fängt er an, sich auf die Spuren der elterlichen Geschichte zu begeben. Ihm fallen zahlreiche Erlebnisse und Namen ein, die zu den bedeutsamsten Stationen des Lebens seines Vaters gehörten. Die Erzählungen über die Gebräuche, die Farben, das Essen und die wunderbare Landschaft mit ihren klimatischen Besonderheiten lassen den Sohn in Wehmut an die Vergangenheit denken. Da gab es den Förderer seines Vaters, Talib Asis, der ihm die Wege zu einem Leben jenseits des bäuerlichen Daseins seiner Vorväter ebnete. Und es gab den Teppich seiner Mutter, einen Buskaschi, der den traditionellen Reiterwettkampf um eine Ziege symbolisiert. Er liefert den Leitfaden, um den sich die Geschichte rankt. Die Liebesgeschichte der Eltern von Schaer bildet den Kern einer Erzählung, die reich an Traditionen tief verwurzelt im heimatlichen Afghanistan angesiedelt war. Verwandtschaftsverhältnisse sind kompliziert und Freund und Feind krass in ihren Gegensätzen.

Lebensweisheiten und die Verse des Korans begleiteten den Vater von klein auf. Er wurde dank seiner Begabungen zu einem erfolgreichen Geschäftsmann.

Der Autor Massum Fayar hat Afghanistan 1982 verlassen. Er gehört damit zu den zahlreichen Menschen, die nach der sowjetischen Besatzung und damit im Zuge der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen aus dem Land ihrer Väter geflohen sind, um anderswo Heimat und Arbeit zu suchen.

Er besitzt eine reiche, farbige Sprache und ausufernde Fabulierkunst, mit der er uns zurückführt in die Wirren seines Landes. Man sah sich hier im Zuge der Auflösung des Osmanischen Reichs mit einer Vielzahl von Stammesfehden und immer neuen politischen Herausforderungen konfrontiert. Verwirrend ist die Geschichte des Landes und bedeutsam sind die Erinnerungen an die bunten, malerischen Basare, Feste und die Künste, die dem Land seine besondere Kultur verliehen. Ich verweise hier auf den Romanvon Mariam Kühsel-Hussaini „Gott im Reiskorn“, in dem die Kalligraphie eine zentrale Rolle spielt, und in dem der Niedergang dieser einstigen orientalischen Hochkultur ihren Ausdruck fand.

Massum Faya führt uns in eine Welt zwischen Tausend und ein Nacht und realen politischen Gegebenheiten, die mit der Abschaffung des Königreichs in Afghanistan 1973 zum Höhepunkt ihrer politischen Veränderungen gelangte.

Wer Freude an der Farbenpracht des Orients hat und an den archaisch anmutenden Brauchtümern Gefallen findet, dem wird in diesem Roman alles geboten, sich in fremde Welten zu vertiefen.

Massum Fayar
Buskaschi oder der Teppich meiner Mutter
656 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, Mai 2015
ISBN-10: 3462046748
ISBN-13: 978-3462046748
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Henry Marsh: Um Leben und Tod

Henry Marsh: Um Leben und Tod

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Medizinische und menschliche Aspekte eines anspruchsvollen Lebens als Neurochirurg.

Henry Marsh ist Neurochirurg, ein bekannter dazu, und hat in seinem vorliegenden Buch in ungewöhnlicher Weise über seinen Berufsweg und die langjährigen Erfahrungen, die er als Chefarzt gemacht hat, ausführlich berichtet.

Dabei geht es um die Medizin, um die Bürokratie des englischen Gesundheitswesens und um die Hoffnungen und Zweifel von Arzt und Patient.

Nach frühen Umwegen bei der Berufsfindung hat er sich zum Facharzt für Neurochirurgie ausbilden lassen. Er genießt in England hohes Ansehen auf seinem Fachgebiet.

In verschiedenen Kapiteln werden Hirnerkrankungen unterschiedlichster Genese und Formen mit ebenso vielfältigen Folgen abgehandelt.

Seine Arbeit ist schwer und auch für die praktizierenden Ärzte, wie er versichert, zuweilen unerträglich. Geht es doch immer um schwerstkranke Menschen, deren Weiterleben oder Sterben von dem Grad der Erkrankung und vom Können des Chirurgen abhängt.

Seine Leidenschaft für das Handwerk, das für die Feinarbeit als Hirnchirurg unabdingbar ist, macht ihn zum Könner auf seinem Gebiet.

Dass man als Neurochirurg einerseits Distanz zum Kranken bewahren muss, um nicht im Mitleid unterzugehen, und sich andererseits doch mitmenschlich und empathisch dem Kranken und seinen Angehörigen zuwenden muss, macht er in seinen Aufzeichnungen sehr deutlich.

Er hat die Gabe, sich klug und einfühlsam zu verhalten. Das bemerkt man, wenn er über Gespräche mit Kranken und Angehörigen berichtet.

Eigenreflexionen und die Einschätzung gegenüber eigenen und den Fehlern anderer bieten ein hohes Maß an Selbstkritik. Henry Marsh ist im wahrsten Sinne des Wortes ein mitfühlender und nachdenklicher Mensch.

Man liest den Bericht über den Klinikalltag mit seinen bürokratischen Anforderungen und den medizinischen Herausforderungen teilweise mit hohem Interesse, teilweise mit Grauen, immer aber mit großer Aufmerksamkeit.

Bei den Möglichkeiten der Heilung verweist H. Marsh auf die dem Arzt gesetzten Grenzen. Der Grat zwischen Leben und Tod wird gerade in diesem Bericht überdeutlich. Zuweilen ist Nichthandeln menschlicher als Handeln, wenn sicheres Siechtum oder nur qualvolle Lebensverlängerung zu erwarten ist.

Die menschlichen, medizinischen und wissenschaftlichen Komponenten in seinem Handeln und seinem inneren Kampf um den richtigen Weg bilden den Grundtenor in seinem beruflichen Lebensrückblick. Das macht das Buch anrührend und nimmt den Leser auf ganz eigene Weise mit.

Henry Marsh
Um Leben und Tod
352 Seiten, gebunden
Deutsche Verlags-Anstalt, April 2015
ISBN-10: 3421046786
ISBN-13: 978-3421046789
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Anne Tyler: Der leuchtend blaue Faden

Anne Tyler: Der leuchtend blaue Faden

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Familiengeschichten: wen interessieren die nicht?

Gleicht nicht jedes Leben, jede Familiengeschichte einem Roman?

Anne Tyler versteht sich darauf, das Panorama menschlichen Glücks und Leids in einer einfachen Mittelschichtfamilie in Amerika zu erfassen und den Leser in ihre Geschichten mitzunehmen, so dass man sich fast wie ein Besuch bei ihren Protagonisten fühlt.

Abby und Red Whitshank haben ihr gemeinsames Leben um 1959 in Baltimore begonnen. Sie bilden ein Paar in mittleren Lebensjahren.

Eines Abends bekommen sie einen Anruf von ihrem Sohn Denny, der sie mit einer schwer verdaulichen Nachricht konfrontiert.

Mitten in dieses Geschehen des Alltags wird man als Leser hineingezogen.

Alsbald tun sich die einzelnen Kinder mit ihren Gewohnheiten und ihren Eigenarten hervor. Vier Kinder haben die beiden Whitshanks. Der jüngste Spross, Stem genannt, ist kein unmittelbarer Abkömmling.

Red betreibt einen Holzwarenhandel größeren Ausmaßes, und Abby ist Sozialarbeiterin. Sie kümmert sich um alle möglichen Leute, die ihrer Hilfe bedürfen.

Ihre Kinder sind mittlerweile flügge geworden und haben schon eigene Kinder. Ein buntes Treiben tut sich auf. Die Geschwister mit ihren Ehepartnern und Kindern sind so unterschiedlich wie das Leben eben ist. Man hört zu, nimmt teil, leidet mit, wenn etwas nicht so gut geht, und fühlt sich in dieser Familie bald schon zu Hause.

Fast möchte man sich mit Rat und Tat beteiligen.

Und natürlich: niemals ist in Familien alles gut, niemals verlaufen Lebensschicksale ohne Einbrüche. Man muss sich mit jedem Tag und zu jeder Stunde auf gewöhnliche und ungewöhnliche Ereignisse einstellen. Auch Eltern haben ein eigenes Leben, das vor dem ihres Familienlebens mit eigenen Kindern stattgefunden hat. Davon berichtet Anne Tyler in zwei anschließenden Teilen ihres Romans, so dass man erst spät auf die Ursprünge der Beziehungen von Eltern- und Großeltern aufmerksam wird. Auch hier gab es Glück und Leid, schwierige Aufbrüche ins Leben und nicht immer einfache Lebensbedingungen. Immerhin erlebten die Großeltern die große Wirtschaftskrise mit, die mit dem New Yorker Börsenkrach im Jahr 1929 ihren Ausgang nahm.

Gewöhnliche Leben sind nicht immer illuster. Zuweilen finden sich Paare eher zufällig zusammen. Ob die Beziehung dann gut oder schlecht wird, das wird nicht immer durch die Liebe sondern häufig durch Einsicht, Gewöhnung und Beharrungsvermögen entschieden.

Über dieses Auf und Ab in Freude und Leid schreibt Anne Tyler so lebendig und mitteilsam, dass man gar nicht möchte, dass die Geschichten in dem Buch irgendwann aufhören.

Felicitas von Lovenberg beschrieb in der FAZ ihren Eindruck des Buches in dieser Weise. Ihrer Vorstellung kann ich mich nur anschließen!

Anne Tyler

Der leuchtend blaue Faden
452 Seiten, gebunden
Kein & Aber, März 2015
ISBN-10: 303695712X
ISBN-13: 978-3036957128
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Verfolgung, Terror, Tod…

Es ist bekannt, dass unter Stalin in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zahlreiche bekannte und auch weniger bekannte Dichter, Denker, Wissenschaftler und Künstler in Lager verbannt und dort zu Tode gekommen sind.

In ihrem hier vorliegenden sehr poetischen Roman, der 1988 erstmals erschienen ist, verarbeitet Lydia Tschukowskaja (1907 – 1996) ihre Zeit unter der Stalinära, in der sie selber der Verfolgung ausgesetzt war, und in der ihr Mann schon 1937 umgebracht wurde.

Ihre Protagonistin Nina Sergejewna befindet sich zur Erholung in einem Sanatorium auf dem Lande. Wir schreiben das Jahr 1949. Sie lernt zwei andere Schriftsteller kennen, unter ihnen Bilibin, einen Kollegen ihres Mannes. Von ihnen erhofft sie sich nähere Auskünfte über den Verbleib ihres Mannes, von dem sie seit seiner Verhaftung nichts mehr gehört hat.

Zuerst genießt Nina Sergejewna nur die verschneite Landschaft, die Birken- und Tannenwälder und die reine Luft. Sie kann sich nicht genug tun, in dieser abgeschiedenen Landschaft herumzulaufen und sich der Ruhe zu erfreuen. Langsam nähert sich ihr Bilibin. Sie aber will nur wissen, wie es ihrem Mann im Lager erging, und was er dort erleiden musste. Die Bilder um das Leiden und den Tod ihres Mannes verfolgen sie bis in ihre Träume. Am Ende ist sie bitter enttäuscht von Bilibins geschönter und harmonisierter Ausgabe seines in Arbeit befindlichen Erinnerungsbuches über die Lagerhaft.

Die ganze Erzählung ist durchdrungen von Melancholie und Abschiedsgedanken. Im Vordergrund steht immer wieder die eisige Landschaft mit ihren Birken- und Kiefernwälder und die Angst vor dem Terror, mit denen unter Stalin angesehene Männer und Frauen verfolgt, gedemütigt und ermordet wurden.

Lydia Tschukowskaja beschreibt in einer berückenden Sprache die Tiefe der Emotionen, die sie beherrschen, und mit denen man sich dem Treiben der Verfolgungen ausgesetzt sah. Sie besticht durch die Makellosigkeit ihrer Sprache. Man meint beim Lesen die Eiskristalle zu spüren und die reine Luft zu atmen.

Lydia-Tschukowskajas Erzählung erschien erstmals 1972 in New York. Daraufhin wurde die Autorin 1974 aus dem russischen Schriftstellerverband ausgeschlossen.

Svetlana Geier ist die berühmte und kongeniale Übersetzerin dieses Werks wie schon so vieler anderer russischer Schriftsteller.

Dem Dörlemann Verlag ist es wieder einmal zu verdanken, dass die kleine und feine Erzählung dem Vergessen entrissen wurde.

Die poetische, wunderbare Erzählung ist unbedingt sehr lesenswert.

Lydia Tschukowskaja
Untertauchen
256 Seiten, gebunden
Dörlemann, Januar 2015
ISBN-10: 3038200131
ISBN-13: 978-3038200130
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Lucy Clarke: Der Sommer, in dem es zu schneien begann

Lucy Clarke: Der Sommer, in dem es zu schneien begann

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Ambitiös und fantasievoll kommt ein Roman daher, der sich bestens zum Schmökern eignet.

Nachdem Eva seit kurzem das höchste Eheglück mit ihrem Mann Jackson genießt, fällt sie in tiefste Tiefen, als er unerwartet beim Angeln verunglückt. Kann man sich ein größeres Unglück vorstellen? Sie lebte mit ihm in London in einer schönen Wohnung, in der sie plötzlich alleine ist.

Eva reist nach Tasmanien, der Heimat von Jackson, um Trost bei seinem Vater und Bruder zu finden. Doch hier beginnt eine lange Geschichte, die einen auf Wogen der Erinnerung in das vergangene Leben von Jackson spült.
Schon zwischen den Zeilen darf man alsbald wahrnehmen, dass das Glück mit diesem Mann auf tönernen Füßen stand.
Wunderschöne Meeresbeschreibungen bereichern den Blick auf Tasmanien, einer vor Australien gelegenen Insel. Jacksons Bruder Saul arbeitet an einem Strand als Meeresbiologe. Eva darf die Hütte nebenan bewohnen. Saul lässt sie nach anfänglichem Zögern an seinen Meereserkundungen teilnehmen. Bahnt sich da etwa ein neues Glück an? Die gemeinsamen Tauchgänge und spürbare emotionale Erregungen legen die Vermutung nahe.

Ein leichtes Leben scheint hier zu herrschen, und Eva beginnt fast ein wenig, ihr Unglück zu vergessen.
Was so dramatisch beginnt, entwickelt sich zu einer sehr geheimnisvollen Erzählung, in der nichts mehr an seinem Platz zu bleiben scheint.

Schmissig, gefühlvoll und voll berückender Lust und Liebe setzt eine komplizierte Kriminalgeschichte der äußerst fantasiereichen Erzählung zuletzt die Krone auf.

Lucy Clarke hat eine spannende Geschichte erfunden. In ihr wimmelt es nur so von Überraschungen, Geheimnissen und unerwarteten Eröffnungen über Jackson. Die Lektüre ist sehr unterhaltsam, zuletzt auch immer spannender, so dass man sich gemächlich den geheimnisvollen Hintergründen im Leben eines rätselhaften Mannes nähert.
Literarischen Anspruch darf man nicht erwarten. Das Buch ist im besten Sinne ein Schmöker für öde Regen – oder Ferientage.

Lucy Clarke
Der Sommer, in dem es zu schneien begann
400 Seiten, broschiert
Piper, April 2015
ISBN-10: 3492060129
ISBN-13: 978-3492060127
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Eyal Megged: Unter den Lebenden

Eyal Megged: Unter den Lebenden

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Wir fühlt es sich an, wenn ein sehr guter Freund so krank wird, dass er mit Sicherheit bald sterben wir?

Der Icherzähler in dem jetzt vorliegenden Buch von Eyal Megged kann es uns erzählen. Es ist tragisch, schrecklich und anrührend zugleich!

Boas Masor und der Erzähler sind sehr enge Freunde. Der Erzähler ist ein erfolgreicher Chirurg in einem Krankenhaus in Jerusalem. Sein Freund Boas ist nach einer schweren Krebserkrankung kürzlich verstorben. Nach dem Tod von Boas geht es dem Erzähler schlecht, denn er kann es nicht glauben und akzeptieren, dass dieser langjährige Lebensbegleiter, der ihm so viel bedeutet hat, nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Ihre Gespräche waren ihm wichtig. Sie waren nie banal sondern immer inhaltsschwer trotz oder gerade wegen ihrer so verschiedenen Wesensmerkmale. In seinen Erinnerungen ersteht das Bild des Freundes als eines ausgeprägten Charakters. Auch Boas wollte schon als Kind Arzt werden. Doch sein Vater hat es ihm nicht zugetraut. So wurde er stattdessen ein anerkannter Wissenschaftler.

Die Freunde haben komplizierte Beziehungen zu ihren Frauen. Im Austausch über das,was sie erleben und fühlen, sind sie sich nah. Das Trennende bleibt dabei nicht ausgespart. Geduld, Einfühlsamkeit, Treue und Unterschiede in den Lebensentwürfen bringen sie häufig in eine unüberbrückbare Schieflage zu einander.

Sie sind teilweise grundverschieden, und in der nachhaltigen und intensiven Rückschau zeigt sich, dass Boas ein zufriedener und ausgeglichener Zeitgenosse war. Der Erzähler hat ihm die Todeserwartung aufgrund der schweren Krebserkrankung zu verheimlichen versucht. Er bewundert den Freund, und kann es nicht fassen, wie gleichmütig und vielleicht auch verleugnend Boas sein Leben weiter geführt hat.

Der Erzähler selber ist ein eher melancholischer und nihilistisch veranlagter Mensch. Sein Freund sagte einst zu ihm: “ein Mensch kann eine Null für dich sein, so lange er gesund ist, aber wenn du ihn operierst, ist er der Mittelpunkt der Welt.“ Mehr als deutlich beweist diese Aussage, mit welcher Leidenschaft sein Freund seinem Beruf nachgeht.

In langen Passagen reflektiert der Erzähler sein eigenes Leben und das des Freundes. In seine Überlegungen fließen Gedanken von Nähe und Distanz ein und von Zuwendung und Liebe zu dem langjährigen Freund.

Unterbrochen sind die Gedanken des Erzählers von eigenen Überlegungen zu Leben und Tod und von Einsichten in seine eigenen Unzulänglichkeiten. Nicht zuletzt sind die poetischen Berichte über die Landschaften in und um Jerusalem bemerkenswert.

Es ist ein nachdenklicher, sensibler und stets von Reflexionen getragener Roman. Da die Handlung keinen genauen Erzählstrang erlaubt, bleibt es bei den sinnierenden und gedankenträchtigen Überlegungen des Haupterzählers.

Eyal Megged ist der Mann der bekannten israelischen Autorin Zeruya Shalev. Die Übersetzerin Ruth Achlama lebt in Israel und übersetzt die Romane so bekannter Autoren wie Amos Oz, Ayelet Gundar-Goshen und Meir Shalev.

Eyal Megged
Unter den Lebenden
352, gebunden
Berlin Verlag, April 2015
ISBN-10: 3827012422
ISBN-13: 978-3827012425
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

John Williams: Butcheer’s Crossing

John Williams: Butcheer’s Crossing

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Nach dem großen Erfolg des Romans „Stoner“ von John Williams erschien jetzt bei DTV ein weiterer Roman vom gleichen Autor:„Butcher’s Crossing“.

Im Gegensatz zu „Stoner“, dem aus armen Farmerverhältnissen hoch gekommene Literaturprofessor, kommt der Held dieses Romans von der Universität Harvard in das abgeschiedene Örtchen Butcher’s Crossing. Die Geschichte spielt um 1870. William Andrews entflieht der aufkommenden Zivilisation, um auf einer Jagdreise die wilde Natur und das Abenteuer zu suchen.

Andrews schließt sich drei Draufgängern an, und man macht sich auf dem Rücken von Pferden und in Begleitung eines Ochsenkarrens auf die beschwerliche Reise in die Berge von Colorado. Die Männer wollen dort Büffel jagen und mit dem Verkauf von Fellen zu Geld kommen. Diese Reise mit ihren Entbehrungen macht den Hauptteil der Erzählung aus.

Da geht es um Hitze, Durst und die Qualen des tagelangen Reitens zusammen mit der Suche nach dem richtigen Weg. Die Männer sind wortkarg und verbissen in den Erfolg ihrer Sache. Das Glück bei der ersten Wasserquelle und der Erfolg bei der Jagd bringen die Emotionen in Wallung. Die vier Männer sind den Naturgewalten in aller Vielfalt ausgesetzt. Lange Ritte durch ödes und trockenes Land fordern den äußersten Durchhaltewillen von allen Beteiligten.

Die wenigen Ochsen, die den Karren mit Munition und Vorräten ziehen, und die Pferde der Reiter sind ähnlichen Qualen ausgesetzt wie die vier Männer. Hervorragend ist die Szene, in der Miller mit einem Lappen aus den Wasserresten der Mannschaft eine Befeuchtung der Mäuler an den Ochsen und Pferden vollzieht, die den weiteren Weg sonst kaum noch bewältigen würden. In den Bergen zwingen früh einsetzende Schneefälle zur Überwinterung in der einsamen Gegend.

Der Roman beschwört nicht etwa eine Illusion über die glorreichen Entdeckerzeiten früherer Wildwesterforschungen. Eher zeigt er die Härte, die diese Zeiten für alle, die dabei waren, bedeuteten. Nahrung, Kleidung, Unterbringung und der Mangel an nahezu allem, was der Mensch für sein Leben benötigt, markiert den Beginn der Besiedelung im nicht erschlossenen Westen in der Aufbruchzeit der Eroberer.

Dass William Andrews sich dem Härtetest dieser Reise aussetzte, ist eher dem persönliche Wunsch nach Veränderung und Identitätssuche geschuldet.

Sprachlich unübertroffen fängt John Williams die Öde des noch ganz primitiven Ortes Butcher’s Crossing ein. Staub, einfachste Wohnverhältnisse und die Leere eines nicht erschlossenen Raumes spürt man, als wäre man dabei gewesen. Die Stimmungsbilder in den verschiedenen Phasen des Rittes gen Westen bestimmen das allgemeine Geschehen.

Ein überragender und sprachlich einnehmender Roman liegt mit dieser Veröffentlichung in der hervorragenden Übersetzung von Bernhard Robben vor.

John Williams

Butcher’s Crossing
368 Seiten, gebunden
Deutscher Taschenbuch Verlag, März 2015
ISBN-10: 3423280492
ISBN-13: 978-3423280495
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen