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Autor: Claudine Borries

Zadie Smith: London NW

Zadie Smith: London NW

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Nord-West London mit seinem besonderen Flair.

Nach Zadie Smith’ wunderbarem Roman „Von der Schönheit“, der sich mit der Liebe, der akademischen Welt und den Wirrnissen des Lebens zweier Mischehen beschäftigt hat, haben wir es in ihrem neuen Roman mit den sozial Randständigen und den gesellschaftlichen Verlierern zu tun. NW steht für „North-West“ London, einem Arbeiterviertel, in denen es den Menschen weder materiell noch mental besonders gut geht. Es ist ein buntes Völkergemisch hier zusammen gekommen: irisch stämmige Männer und Frauen und Karibikeinwanderer.

Leah arbeitet trotz abgeschlossenem Philosophiestudiums in einem Büro als einzige Weiße mit zahlreichen farbigen  Frauen zusammen. Ihre große Liebe gilt Michel, ihrem Mann, der sich sehnlichst Kinder wünscht, die sie ihm heimlich verweigert: sie will eigentlich gar keine Kinder sondern immer nur das Liebesleben mit ihrem Michel. Er ist zur Hälfe Algerier und zur anderen Hälfte stammt er aus Guadeloupe und arbeitet als Friseur in einem nahe gelegenen Frisörgeschäft.

Zadie Smith spürt den Wünschen der Bewohner in diesem abgeschotteten Mikrokosmos nach. Man lebt gerne unter sich, und auf den Dinnerpartys bei der farbigen Natalie, Leahs engster und längster Kinderfreundin, die es als einzige zur erfolgreichen Anwältin gebracht hat, langweilen sich Leah und ihr Mann. Sie versuchen ihr eigenes Leben ohne große Störungen von außen zu leben.

Zadie Smith erzählt abgehackt in wechselndem Stil, je nach dem, wessen Geschichte sie gerade erzählt. Verlorene Sätze, die im Nichts enden, Gedichte, Worte, ungewöhnliche Einfälle – sie entwickelt ihren ganz eigenen Stil. So entstehen Fragmente, die einem erst nach und nach den Inhalt und das Wesen der Romanfiguren erschließen. Atmosphärisch ist die Erzählweise gut nachzuempfinden. Man bekommt einen nachhaltigen Eindruck von dem Milieu und den Zusammenhängen, in denen sich die Personen in ihrem je eigenen Wirkungskreis bewegen. Da gibt es Langeweile, Drogenkonsum, und immer  wieder Reflexionen über das wahre Leben. Letztere verstecken sich im Alltagsgeschehen sei es im Supermarkt, auf einem Kinderspielplatz oder im ganz alltäglichen Alltagsleben mit ihren Berufswegen und geheimen Kinderwünschen.

Der Roman ist nicht so leicht zu lesen wie das o.g. Buch über die Schönheit.

Es fehlt ein wenig der rote Faden, der die Geschichte überschaubar zusammenhält.

Eine Multikulti Gesellschaft bietet Atmosphäre, Kurzweil und Einblicke in unterschiedliche Lebensschicksale. So richtig fesselnd war der Roman jedoch für mich nicht.

Zadie Smith
London NW
432 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Januar 2014
ISBN-10: 3462045571
ISBN-13: 978-3462045574
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Michail Chodorkowski: Briefe aus dem Gefängnis

Michail Chodorkowski: Briefe aus dem Gefängnis

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Hoffnung und Erfahrung!

Wer sich für den markanten Häftling Michail Chodorkowski interessiert, der in Russland mehrfach zu Arbeitslager und Haft verurteilt wurde, findet mit diesem Briefwechsel den Zugang zu einem Mann, der äußerst scharfsinnig über Teile seines bisherigen Lebens berichtet.

Ausgelöst durch seine unerwartete Freilassung am 19. Dezember 2013 aus der Lagerhaft konnte man sich nach ersten Presseberichten des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein kluger, nachdenklicher und höchst reflektierter Mann seine Freiheit wieder erlangt hat.

In seinem Briefwechsel mit Autoren und Wissenschaftlern erläutert er seinen Werdegang, der ihn in schon jungen Jahren zu einem der reichsten Männer Russland werden ließ.

Seine politischen, wirtschaftlichen und philosophischen Einlassungen sind eindeutig und klar.

Vom überzeugten Komsomolzen führt es ihn nach der Perestrioka in Russland zur Gründung einer ersten privaten Bank, bis er 1997 dem Ölkonzern Yukos vorsteht. Dieser Großkonzern wird sein Schicksal! Wie zahlreichen anderen Oligarchen werden ihm unlautere Wirtschaftsmethoden nachgesagt. Diese nachzuprüfen steht dem Rezensenten nicht zu. Doch nachweislich macht MBC in wenigen Jahren vom reinen Wirtschaftsboss eine Wandlung durch. Er gründet soziale Netzwerke und Organisationen, unterstützt Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten und wird zum gefährlichen Konkurrenten für Putin, dem uneingeschränkten Herrscher der russischen Diktatur.

„Chodorkowski beschränkte sich jedoch nicht auf unterstützende Stiftungsarbeit. Um dem Bürgermeister von Neftejugansk, einem Zentrum von Yukos, eine Lehre in Korruption zu erteilen, fror Chodorkowski kurzerhand sämtliche Steuerzahlungen an die Stadt ein und überwies das Geld direkt an Krankenhäuser, Bildungsinstitutionen und andere Einrichtungen.“ (Die Welt vom 25.12.13) Wegen Steuerhinterziehung wurde er verurteilt!

Chodorkowski stürzt mit seiner Verhaftung und Aburteilung wegen angeblicher Wirtschaftsvergehen in den Abgrund russischer Lagerhaft.

In seinem Gedankenaustausch mit bekannten Autoren lässt er sich über seine Überzeugungen sowohl in Wirtschaftsfragen, Analysen des Staatsmonopols als euch über sein persönlichen Schicksal aus.

In geschliffenen Formulierungen und ehrlichen Gedanken bietet er Einblick in die Wandlung eines Mannes vom Großmogul zum einfachen Menschen. Geld ist nicht alles in der Welt und die Worte „Freiheit“ des Seins sind ihm Anlass, sein persönliches Schicksal anzugehen. Seine Intentionen gehen in Richtung einer gerechten, demokratischen und von Gesetzen gesteuerten freien Wirtschaft mit breiter Beteiligung aller Bewohner seines Landes. Jeder soll eine Chance bekommen!

Wie weit die Bewohner eines Vielvölkerstaates wie Russland einem solchen Prozess der Liberalisierung schon gewachsen sind bleibt offen. Chodorkowski ist leidenschaftlich, gemessen, selbstkritisch und teilweise idealistisch in seinen Reflexionen.

Die Frage bleibt: wie erträgt man Gefangenschaft über so lange Zeit und ohne Hoffnung auf Begrenzung? Das macht einen neugierig  und darüber möchte man noch sehr viel von ihm wissen!

Michail Chodorkowski
Briefe aus dem Gefängnis
288 Seiten, gebunden
Albrecht Knaus Verlag, Mai 2011
ISBN-10: 3813504492
ISBN-13: 978-3813504491
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Günter Franzen: Dein Tod wird uns nicht scheiden

Günter Franzen: Dein Tod wird uns nicht scheiden

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Liebe über den Tod hinaus.

Was passiert, wenn eine nicht mehr ganz junge Frau mit ihrem schon etwas älteren Mann eine späte Liebe erlebtund nach zehn glücklichen Jahren an einer Krebskrankheit innerhalb kürzester Zeit stirbt? Zu ihrem Glück und ihrer Freude haben sie noch eine Tochter bekommen, die beim Tod der Mutter gerade einmal 10 Jahre alt ist.

Günter Franzen beginnt seinen Bericht mit einer Rede, die er anlässlich der Trauerfeier für seine so sehr geliebte Frau den Verwandten und Freunden hält. 49 Jahre sind kein Alter, um zu sterben. So fallen auch die Worte des Witwers harsch und wütend aus gegenüber einem Gott, den es für ihn schon lange nicht mehr gibt!

Die Trauerrede geht über in ein Buch der Erinnerung. Erinnerung an die erste Begegnung und an die Beharrlichkeit, mit der er um diese zögernde aber liebenswerte Frau geworben hat. Sie ließ sich Zeit, bevor sie seinem Werben nachgab, doch dann wird es für beide eine innige und sehr intensive Phase des Glücks, die schon bald von der Geburt einer Tochter gekrönt wird.

Mit zu Herzen gehenden Worten und wunderschönen Allegorien aus Gedichten, Bibeltexen und Märchen beschwört Günter Franzen eine Liebe, die wohl in ihrer gegenseitigen Bewunderung, Achtung, Freundschaft und Zugeneigtheit von seltener Beständigkeit war. Die innere Verbundenheit teilt sich mit durch gemeinsame Erlebnisse in der Natur, Gedankenaustausch und das äußere Erscheinungsbild von Franziska. Sie war Psychoanalytikerin und man darf annehmen, dass sie über das menschliche Zusammenleben mehr wusste als andere, und dieses Wissen die Beziehung beflügelte. Günter F. ist hingerissen und erfüllt von tiefer Liebe zu seiner Frau.

Ihr Tod bleibt für ihn unsäglich schmerzhaft und immer wieder unakzeptabel. Er hadert, trauert und nur die Fürsorge für seine Tochter hält ihn aufrecht.

Unter den zahlreichen Berichten über den vorzeitigen Tod von Partnern, Kindern und Angehörigen leuchtet dieser Bericht hervor, weil er in poetischer Sprache über tiefe Erfahrungen und die tragische Trauer einer unvollendeten Liebe spricht.

Wie soll man derartige Schicksale akzeptieren und wie ihnen standhalten, wenn der Glaube an eine besserer Welt oder ein Glück in einem zukünftigen Leben oder Jenseits fehlt?

Es ist nicht auszuhalten! Wir alle wünschen uns, vom Glück der ersten Jahre über die Lösung alter Beziehungen bis zur Erfüllung mit einem gleichwertigen Partner den Kreis des Lebens zu beschließen. Doch unzählige Steine können diesen Weg beschweren und sogar zerstören. Dafür gibt es keinen Trost und keine Erklärung. Der Bericht bleibt trotz kläglicher Befreiungsversuche des Witwers von seiner anhaltenden Erschütterung geprägt. Die Lage für ihn scheint schier ausweglos.

Ratlos und unerklärlich sind die Wege des Menschen, und nichts ist wirklich planbar bis zuletzt. Am Ende bleibt nur die Erinnerung.

Günter Franzen
Dein Tod wird uns nicht scheiden
Kindle Edition
Kreuz Verlag,November 2013
ASIN: B00GO4QE9C
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Monika Maron: Zwischenspiel

Monika Maron: Zwischenspiel

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Lebenslinien…

Ruth, Protagonistin des vorliegenden Romans von Monika Maron, ergeht sich auf dem Weg zur Beerdigung ihrer kürzlich verstorbenen neunzigjährigen Freundin Olga in Erinnerungen, in denen sie sich mit ihren eigenen verschiedenen „Ichs“ konfrontiert sieht. Mutter, Schwiegertochter, Freundin oder potenzielle Ehefrau: alle Perspektiven vermischen sich zu einem nebulösen Durcheinander. Und doch suggeriert uns Monika Maron in ihrem Roman, wie die Wendungen des Lebens in einzelnen verlaufen können: diffus und von Brüchen und Abschieden gezeichnet.

Von Olga gilt es Abschied zu nehmen, der Frau, die Freundin und fast Schwiegermutter und Ratgeberin zugleich für Ruth gewesen ist.

Doch in ihren Erinnerungen an einem trüben Tag, den sie auf einer Parkbank verbringt, stehen auch Schuldgefühle, Trauer über das Vergangene und die Brüchigkeit ihrer Beziehungen, Versäumtes, Erlebtes und der Tod vor ihrem inneren Auge. Fanny, Ruths Tochter, ist längst ihren eigenen Weg gegangen. Jetzt, am Grab von Olga, würde Ruth allen wieder begegnen: Bernhard, ihrem fast-Ehemann und Vater ihrer Tochter, den sie mit einem kranken Sohn aus einer früheren Beziehung einst alleine gelassen hat. Sie denkt wie verloren an Fanny und auch an Bruno, einen Freund aus längst vergangenen Tagen.

In ihrer Erzählweise lässt Monika Maron ganze Lebensphasen wieder erstehen, und in einem bunten Reigen sieht man Ruths Leben vorbeiziehen.

Die DDR mit ihrem Denunziantentum hinter der Mauer und dem Zustand der Eingeschlossenen findet ebenso Erwähnung wie die guten und schlechten Beziehungen in verschiedenen Ehen oder Paarbeziehungen.

Geht es nicht uns allen so, dass wir verschiedene Leben durchleben? Gute und schlechte Zeiten, glückliche und einsame Zeiten, gelungene  und weniger gelungene Entscheidungen?

Die Lektüre regt an und auf, denn unweigerlich werden wir in eigenen Assoziationen an Erlebtes und Vergangenes erinnert. Dazu gehören denn auch politische Gegebenheiten, die unseren jeweiligen Aufenthalt mit bestimmen. Lebten wir in Frieden, unter einer Diktatur, im Westen oder im Osten?

Vieles im Leben ist Zufall. Es bleibt unsere Aufgabe, uns durch das Dickicht des Tagesgeschehens einen eigenen Weg zu bahnen.

Ein nachdenkliches, weises und kluges Buch hat uns die Autorin beschert. Man lasse sich inspirieren, der eigenen Vergangenheit ins Auge zu blicken.

Monika Maron
Zwischenspiel
192 Seiten, gebunden
S. FISCHER, Oktober 2013
ISBN-10: 3100488210
ISBN-13: 978-3100488213
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Volker Reiche: Kiesgrubennacht

Volker Reiche: Kiesgrubennacht

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Witz, Ernst und Spaß: eine Nachkriegsgeschichte!

Wer kennt ihn nicht, den begnadeten Zeichner, der mit seiner Hauptfigur „Strizz“ über Jahre die Leser des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von Montag bis Freitag erfreute?

Ein Morgen ohne Strizz ließ den Tag öde angehen! Als die Serie 2010 eingestellt wurde, brach in manchen Familien ein großes Wehklagen an!

Zur Freude derer, die sich an Volker Reiches Comics erfreuten, ist jetzt eine Graphic Novel erschienen, oder anders gesagt: eine Biographie in Wort und Bild.

Volker Reiche hat seiner Kindheit und Jugend nachgespürt und sie in Form von Comics mit Texten aufgezeichnet. Man kann sich den kleinen Jungen gut vorstellen, wie er als Vierjähriger 1948 einmal gewesen sein muss. Mit einem „Luftanzug“ im sommerlichen Wind draußen spielen oder sich im nahe gelegenen Bach tummeln und die Erwachsenenwelt aus naiv-arglosen Kinderaugen betrachten und später die  Jugend genießen: wen könnte das nicht an eigene Kindheitstage erinnern?

Was aber ist hier Wahrheit und was Fiktion?

In der Einleitung wird darauf hingewiesen, dass die Geschichten fiktiv sind; aber „Herr Paul ist Herr Paul ist Herr Paul BASTA!“ (Strizz)

Nun mache sich jeder selbst einen Reim!

In einer Vielzahl von lustigen und z.T tiefsinnigen Zeichnungen samt Text ahnt man, was das für eine Jugend war, in der ein Vater seine Nazivergangenheit nicht vergessen wollte und die Mutter, eine  ehemaligen Gauleiterin im „Bund deutscher Mädchen“, unter dessen Knute zu leiden hatte.

Durch die Kindheit geistert Wilhelm Busch mit seinen makaberen Scherzen gegenüber den „Großen“, … ach und natürlich passieren auch Malheurs, als der gelbe Luftanzug verpinkelt war. Er musste einem Kick mit dem Fuß aus dem Gesichtsfeld weichen.

So geht es munter weiter. Die Geschwister haben lustige Erlebnisse, und so manches Familiendrama kann durch die karikaturhafte Darstellung des vorzüglichen Zeichners entschärft werden. Aber dieser Vater! Wahrlich: er ist ein Scheusal! Als er endlich geht, sind wohl alle froh!

Die Zeichnungen sind ausdrucksstark und geben sehr genau Stimmungen und Launen der Erwachsenen oder die Ängste und Freuden der Kinder wieder. So weiß man sogar ohne Text immer, was einen auf der kommenden Seite erwartet. Doch durchgängig muss man die Erwachsenenleben als vergeblich betrachten. Fürsorge, Liebe und Behütetsein blieben damit den kommenden Generationen mit besseren Zeiten ohne Krieg vorbehalten.

Man genieße diese Lausbubengeschichten mit dem ernsten Hintergrund der Nachkriegszeit, die Kinder aus jener Zeit nicht als behütete Wohlstandskinder aufwachsen ließen. Und doch: auch sie hatten ihren Spaß!

Volker Reiche
Kiesgrubennacht
231 Seiten, broschiert
Suhrkamp Verlag, Oktober 2013
ISBN-10: 3518464760
ISBN-13: 978-3518464762
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Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

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Tod, Abschied, Kreativität…

Ein schwer kranker Mann bemüht sich, dem Leben Tage und Wochen abzuringen, ehe der Tod kommt.

In einem Blog, dem Internettagebuch, erzählt Wolfgang Herrndorf von den Erfahrungen, die er mit der Diagnose Glioblastom machen musste. Angefangen mit den unheimlichen Symptomen, die schleichend kommen und an allerhand andere Krankheiten denken lassen bis zur endgültigen Diagnose vergeht wertvolle Zeit. Doch meistens führt der sehr aggressive Krankheitsverlauf bei dieser Krebserkrankung in sehr kurzer Zeit zum Tode.

Wolfgang Herrndorf erkrankt mit 45 Jahren an diesem unheilbaren Krebs. Hin und her gerissen zwischen Unglauben und Verzweiflung notiert er jede Regung, die ihn überwältigt. Wie soll man sich in so jungen Jahren auf der Höhe seines literarischen Erfolgs einem solchen Schicksal stellen?

Mit seinem Roman “Tschick“ hat W. Herrndorf eine ganze Generation mit ihren Sehnsüchten nach Aufbruch angesprochen. Er wurde mit seiner lakonischen Komik in diesem modernen Jugendroman jedenfalls in Deutschland sehr berühmt. Preise und Ehrungen wurden ihm zuteil; doch immer und überall fällt er nach der Diagnose wieder in das Loch des Unvermeidbaren: den nahenden Tod!

Kein Selbstmitleid und keine Rührseligkeiten stören das Bild eines Mannes, der mit aller Energie bis zuletzt schreiben will. In seinem „Blog“ registriert er sein Selenleben und den physischen Verfall. Seine Aussagen wirken authentisch und beschreiben in poetischen Worten die schwankenden Stimmungen, denen er sich ausgesetzt sieht. Anrührende Kindheitserinnerungen, sehr gute Freunde, die ihm zur Seite stehen und das Auf und Ab seines physischen und psychischen Befindens finden ausgeprägt ernsthafte Würdigung.

Er wolle Herr über sein Handeln bleiben. Diese Aussage kommt früh. Er denkt über die Möglichkeiten einer Selbsttötung nach, zu der es am Ende denn auch kommt. Doch die Intensität seines Schaffens hat uns noch weitere Werke beschert; zuletzt erschien der Roman „Sand“ und nachträglich diese von Lektoren und Freunden herausgegebenen Tagebuchaufzeichnungen. Sie gehören in ihrer klaren und freien Sprache zu den anrührend tief empfundenen  Zeugenaussagen eines von Tod Gezeichneten. Man legt das Buch nur schwer aus der Hand und möchte dem Erzähler, der uns so viel zu sagen hat, immerfort weiter zuhören.

Überraschend sind in den letzten Jahren mehrere Ausnahmekünstler in vergleichbarem Alter von um die fünfzig Jahre ihrem vorzeitigen Lebensende durch bösartige Krebserkrankungen erlegen. Neben W. Herrndorf gehören dazu Jakob Arjouni und Christoph Schlingensief.

Sie werden uns in ihren künstlerischen Nachlassenschaften in Erinnerung bleiben.

Wolfgang Herrndorf
Arbeit und Struktur
448 Seiten
Rowohlt Berlin, Dezember
ISBN-10: 3871347817
ISBN-13: 978-3871347818
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Peter Bieri: Eine Art zu leben

Peter Bieri: Eine Art zu leben

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Abhandlung über das Denken, Fühlen und Handeln im Kontext zur Würde des Menschen.

In Peter Bieris philosophischer Abhandlung geht es um die Würde des Menschen. Sie spielt in vielfachen Zusammenhängen eine gewichtige Rolle in unserem zwischenmenschlichen Leben. Der Autor will uns in seinem ausgezeichneten Werk die unterschiedlichen Zusammenhänge, in denen uns die Würde des Menschen beschäftigt, zugänglich machen.

Zu Beginn steht der Gedanke, dass die Würde des Menschen seine Selbständigkeit als Subjekt und seine Fähigkeit ist, über sein Leben selbst zu bestimmen. „Seine Würde zu achten, heißt, diese Fähigkeit zu achten.“ S. 346 „Sterben ist das Geschehen, in dessen Verlauf die Selbständigkeit eines Menschen verloren geht.“

Peter Bieri führt uns durch das ganze alltägliche Leben mit seinen Zumutungen und Glücksmomenten bis zum Ende des Lebens mit den Verlusten an selbständigem Handeln und möglicherweise Denken.

Wo beginnt und endet unsere Selbständigkeit? Wie erleben wir uns als Zuschauer, Opfer oder in unserem Selbst im Angesicht von Würde oder Unmenschlichkeit?

Anhand zahlreicher Beispiele aus der täglichen Beobachtung, aus Literatur, bekannten Theaterstücken oder Filmen gelingt es Peter Bieri, uns die Abhängigkeiten, Zufälle, die schicksalhaften Verstrickungen oder auch Identitäten zu erläutern, mit denen wir es in unserem oder im Leben unserer Nächsten tun haben.

In seiner Einführung spricht der Autor über sein Vorhaben und gibt zu bedenken, „ … wie vieles an den Rändern der Gedanken unklar und unsicher bleibt.“ Wie angenehm und sympathisch, dass hier einer sich nicht als Allwissenden präsentiert!

P. Bieri nimmt uns mit auf eine Gedankenreise, in der wir vieles an eigenem Erleben wiedererkennen und Klarheit über Gefühle und Irritationen erhalten, die unser Leben begleiten.

Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung, das Gefühl als ein „Selbst“ wahrgenommen zu werden und nicht als eine „Sache“, spielen eine ebenso große Rolle wie die Diskurse über Distanz und Nähe.

Alles zusammengenommen handelt es sich hier um Tiefendimensionen, die eine deutliche Nähe zwischen Philosophie und Psychologie offenbar werden lassen.

Würde, Selbstachtung, moralische Integrität, Wahrhaftigkeit, Achtung vor Intimität und nicht zuletzt Anerkennung der Endlichkeit, die den Schluss der Abhandlung bildet, sind die Merkmale eines rundum gelungenen Abrisses über das, was unser Leben ausmacht.

Wie in der Einführung ebenfalls bemerkt werden hier bekannte und erfahrene Ereignisse und Wahrnehmungen in Worte gefasst und in Zusammenhänge gebracht, die uns alltägliche Dinge klarer sehen und verstehen lassen.

Peter Bieri verfasste bereits unter dem Pseudonym Pascale Mercier seinen ebenfalls philosophisch gefärbten Roman „Nachtzug nach Lissabon“. Er lehrte an verschiedenen Universitäten, zuletzt an der Freien Universität in Berlin Philosophie.

Peter Bieri
Eine Art zu leben
384 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, 3. Auflage, August 2013
ISBN-10: 3446243496
ISBN-13: 978-3446243491
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Melitta Breznik: Der Sommer hat lange auf sich warten lassen

Melitta Breznik: Der Sommer hat lange auf sich warten lassen

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Rückblicke auf ein langes Leben.

Der vorliegende Roman von Melitta Breznik beschwört noch einmal Erinnerungen und Gegenwart einer Zeit, in der Kriege das Leben beeinträchtigten, und zahlreiche Familien an den darauf folgenden inneren und äußeren Konflikten zerbrachen.

Die Erzählung beginnt leicht melancholisch mit der Rückschau der 90-jährigen Margarethe auf eine gemeinsame Wohnkommune in Basel, in der sie sich mit ihrem zweiten Mann und einigen Freunden wohlgefühlt hat. Doch der Herbst des Lebens ist vorbei: nachdem fast alle Mitbewohner gestorben oder zu ihren Kindern gezogen sind, blieben nur Paul und Margarethe übrig. Sie konnten das große Haus nicht halten und mussten ins Altenheim umziehen. Diese Endgültigkeit ohne Zukunft eröffnet den Weg zu den Erinnerungen, in denen Margarethe nun spät noch versuchen will, Klarheit in ihr Leben und das ihrer Tochter Lena zu bringen.

Die alte Dame beschließt, sich heimlich aus dem Altersheim auf eine Reise zu begeben. Sie will sich mit ihrer Tochter in Frankfurt/ M treffen. Zwischen ihnen schwelten seit Jahren unausgesprochene Konflikte. In ihren Erinnerungen, die nur langsam kommen und dennoch nachdrücklich auf ihrer Reise im Zug nach Frankfurt noch einmal zur Gegenwart werden, kann Margarethe ihrer ersten Ehe mit Max gedenken. Der Zweite Weltkrieg beherrschte ihr gemeinsames Leben über lange Jahre. Die Folgen sowohl des Ersten wie besonders des Zweiten Weltkriegs überschatteten ein Familienglück, von dem sie alle einst geträumt hatten.

Die Lebenserinnerungen von Margarethe stehen zwar im Fokus. Doch auch Max und Lena kommen zu Wort. Aus verschiedenen Perspektiven werden Geschichten wiedergegeben, deren Kapitel mit Jahreszahlen versehen sind. Aus ihnen kann man ersehen, wessen Geschichte jetzt gerade im Fokus steht. Jede/ jeder hat naturgemäß subjektive Eindrücke, die nicht immer in Überseinstimmung mit denen der anderen sind.

Nach einer unruhigen Kindheit gab es für Max im Zweiten Weltkrieg Ereignisse in seinem Soldatenleben, die ihn nie mehr wirklich froh werden ließen. Auch Margarethe musste Erfahrungen machen, die sie lieber verdrängt hat als je daran zu rühren. Lena war die Leidtragende, die mit den Hypotheken ihrer Eltern, die unbewusst ihr Leben beschwerten, zurechtkommen musste.

In dem Bestreben, sich mit ihrer Tochter über Ungesagtes und Kränkendes zu versöhnen, tritt sie ihre Reise an.

Nicht immer ist einem klar, an welchem Ort die erinnerten Episoden gerade spielen. Einmal befinden wir uns in Deutschland, ein anderes Mal in Österreich oder London und in der Schweiz.

Melitta Breznik kann mit dem Sichtwechsel ihrer Hauptfiguren jedem gerecht werden. Sie macht auf diese Weise verstehbar, warum der/ die eine oder andere in ihrem Leben so und nicht anders handeln konnte. Kriegserlebnisse durchziehen den Roman von Beginn bis zum Ende. Anhand von M.Brezniks Erzählung werden uns noch einmal die schrecklichen Kriegsereignisse mit ihren Folgen nahegebracht. Familien wurden damals zerrissen, und seelische Wunden blieben ungeheilt. Die allgemeine Bedrückung verhinderte auf Jahre hinaus in zahlreichen Familien ein normales  Familienleben.

In ihrem neuen Roman zeichnet Melitta Breznik sensibel und empfindsam die Lebenswege ihrer Protagonisten nach. Das Ende war nicht immer gut, doch mit einer versöhnlichen Geste zeigt sie zuletzt, dass Leben sind wie sie sind, und man mit den eigenen Erfahrungen leben lernen muss.

Melitta Breznik
Der Sommer hat lange auf sich warten lassen
256 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, September 2013
ISBN-10: 3630873987
ISBN-13: 978-3630873985
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John Cheever: Ach, dieses Paradies

John Cheever: Ach, dieses Paradies

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Landschaftsidylle und Zivilisationsschäden.

Beginnend mit der poetischen Landschaftsbeschreibung eines kleinen Städtchens im Osten der USA erscheint uns dieses wie ein idyllisches Plätzchen Erde, wo es sich gut leben lässt. Die Stadt heißt „Janice“ nach der ersten Frau des Fabrikbesitzers im Ort und liegt im US amerikanischen Staat Connecticut.
Der Held in unserer Geschichte ist Lemuel Sears. Er ist ein alter Mann, ehemaliger Geschäftsreisender und passionierter Schlittschuhläufer. In diesem Winter ist der Teich Beasley’s Pond in Connecticut einmal zugefroren, und er kann geruhsam darauf seine Runden drehen.
Die äußerliche Idylle findet ausführlich Erwähnung und regt die Fantasie an, sich die Künstler des 19. Jahrhunderts hier malend vorzustellen. Ein Ausflug in die Welt holländischer Malerei wie Brueghel u.a. mit ihren Schlittschuhszenen komplettiert die Außenansicht dieser landschaftlich so schönen Gegend.
Als Sears nach einer Woche erneut zu einem Schlittschuhausflug startet, macht er die erschreckende Erfahrung, dass der Teich als Müllkippe benutzt wird.
Hier deutet sich zum ersten Mal an, dass Sears ein ausgewiesener Naturschutzfan ist.

John Cheever veranschaulicht auf eindrückliche Weise in seinem Roman eine Gegenüberstellung der einladenden Natur mit ihrer Schönheit im Kontrast zur schmutzigen Zivilisation mit ihren Auswüchsen aller Art. Dazu gehören auch die technischen Neuerungen auf dem IT Markt, die manches einfacher und leichter machen, den Menschen aber innerlich verarmen und vereinsamen lassen.
Auch Lemuel Sears leidet an Einsamkeit und macht sich Gedanken über die Liebe und ihre Annehmlichkeiten, die er nun wohl bald vermissen würde.
Doch kleine Affären und erheiternde Begegnungen machen ihn nicht schwankend bei seinen Bemühungen, der Umweltverschmutzung den Kampf anzusagen. In hinreißenden Bildern erlebt man seine letzten Liebeserfahrungen, die bei aller Leidenschaft von Melancholie und Vergänglichkeit gezeichnet sind.
Schwermut, Ironie und Sarkasmus färben die Erzählung, die einem Abriss von Erinnerungen gleicht. Der Held Lemuel Sears verdeutlicht mit seinen Erlebnissen einmal mehr, wie die Vorzeit mit ihren Naturschönheiten unsere Gegenwart überstrahlt, und dass es einiges zu bewahren gilt. Schön und luftig geschrieben bietet uns die Geschichte einen Abriss über das, was man leicht übersehen könnte: dass aller Fortschritt auch Verlust von den Paradiesen der Vergangenheit mit sich bringen kann!

Der 1912 geborene und 1982 verstorbene Autor John Cheever ist lange unentdeckt bei uns geblieben. Der Dumont Buchverlag hat ihn in unser Bewusstsein gerückt und in der Übersetzung von Thomas Gunkel diesen letzten Roman von John Cheever neu herausgebracht. Man kann ihn getrost als eine Perle im Reich der amerikanischen Erzähler betrachten.

John Cheever
Ach, dieses Paradies
127 Seiten, gebunden
Dumont Buchverlag, Oktober 2013
ISBN-10: 3832196919
ISBN-13: 978-3832196912
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David Foster Wallace: Der bleiche König

David Foster Wallace: Der bleiche König

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Wahrheiten und Reflexionen weit über den Alltag hinaus.

David Foster Wallace hat sich 2008 das Leben genommen. Er litt an unheilbaren Depressionen. Drei Jahre nach seinem Tod erschien in USA erstmalig sein nachgelassener Roman “Der Bleiche König“. Nun, weitere zwei Jahre später, ist der Roman auf Deutsch in der Übersetzung von Ulrich Blumenbach im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen.

Sich mit diesem Roman zu befassen, bedeutet eine gewaltige Herausforderung.
Alleine die Seitenzahl könnte abschrecken: 640 eng beschriebene Seiten, klein gedruckt und zuweilen über viele Seiten ohne Absatz, Rede oder Gegenrede.
Wäre DFW nicht zu Lebzeiten ein Kultautor gewesen, könnte man sich leicht dem Text verweigern.

Fangen wir jedoch mit dem Nachtrag des Herausgebers an.
Die Witwe von DFW, Karen Green, bat Michael Pietsch, den Nachlass zu sichten.
Hier fanden sich eine Vielzahl von Zetteln, Romanfragmenten und Notizen aller Art. Aus einem Konglomerat dieser Aufzeichnungen gelang es dem Herausgeber Michael Pietsch, einen Roman zu konzipieren, wie ihn DFW möglicherweise geplant hatte.

Worum geht es?
Im Jahr 1985 finden sich in einem IRS Regionalprüfzentrum in Peoria, Illinois, die Hauptfiguren in einem Stück, bei dem es um den Kampf im öden Alltag einer Steuerbehörde geht.
Hier finden Gespräche statt über Sinn und Unsinn unserer Welt und über die Regeln, unter denen wir zu leben haben, und die sich der homo sapiens selber gegeben hat.

Ob man mitten in einem Kapitel oder auf einer x- beliebigen Seite zu lesen beginnt: überall finden sich Fragmente von Gesprächen, Gedanken, Reflexionen und Taten der Protagonisten. Philosophisch hintersinnig erörtern sie das Wesen unseres Seins und Handelns. Z.B.: “Ich finde übrigens, dass sich Bewusstwerdung vom Nachdenken unterscheidet.“ S. 216

In langen, tiefsinnigen Ideenfolgen überdenken unser Held und seine Gegenspieler ihr Handeln, Denken und Tun unter dem Aspekt „Nachdenken oder Bewusstwerdung“ S. 218. Dabei fließen autobiographische Fragmente und gegenwärtige Erlebnisse in die Berichte ein, die der Veranschaulichung der oben genannten Fragen dienen.

Alles in allem ist dieser Roman fulminant in seiner Wucht, differenziert in seinen Betrachtungen, doch schwer verdaulich für den Leser leichterer Literatur. Wer schon Essays oder Romane von DFW gelesen hat, weiß, wie sein Gedankenfluss funktioniert und wird seine helle Freude haben an der Feinheit und Freiheit, die er in seinem Denken immer wieder beschwört.

Da man den Roman nicht als Ganzes lesen muss und sich eher  einzelne Passagen zu Gemüte führen kann, bleibt das Werk herausragend in seiner Wirkung und in seinem Anspruch. Philosophisches und literarisches Gedankengut ergänzen sich glänzend!

David Foster Wallace
Der bleiche König
640 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, November 2013
ISBN-10: 3462045563
ISBN-13: 978-3462045567
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