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Autor: Claudine Borries

Elizabeth Strout: Amy & Isabelle

Elizabeth Strout: Amy & Isabelle

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Kleinstadtmilieu und seine Bewohner.

Dieses ist die bewegende Geschichte von Isabelle, die als junges Mädchen vom Freund des Vaters geschwängert wurde, und mit Scham und Lüge ihr eigenes Leben und das ihrer Tochter lebt.

Amy ist eine trotzige und aufmüpfige kleine Person, die schon früh ahnt, dass ihre Mutter nicht so aufrichtig ist, wie sie tut.

In einer Fabrik hat die Mutter Arbeit gefunden, denn ihr Lehrerstudium konnte sie nach dem Tod ihrer Eltern nicht mehr fortsetzen. Sie ist eine beherrschte und etwas hochnäsige Figur, die für ihren Chef schwärmt. Erst allmählich erfährt man die Schicksale einzelner Mitspieler und die Geschichte gewinnt an Fahrt und zeigt damit auch die Veränderungen im Leben einzelner. Amy überragt zuletzt mit ihren Lebenseinsichten alle anderen.

Wie E.Strout ihre Geschichten aufbaut und die handelnden Personen dem Leser näher bringt, das ist gekonnt und sehr einfühlsam. Man lernt mit zu empfinden, was das Schicksal dem einzelnen zufügt. Eingebettet ist die Erzählung in dieses langweilige und genügsame Kleinstadtmilieu, das zu Träumen von einem besseren Leben verführt. Doch alle lernen ihre Grenzen kennen und das Beste aus dem zu machen, was das Leben ihnen zugedacht hat. Freundschaften und Wärme entstehen erst im gemeinsam getragenen Leid.

Elizabeth Strout ist eine Meisterin im Beschreiben des Lebens einfacher Leute. Sie kann in die Herzen ihrer Protagonisten schauen und ihre Gefühle veranschaulichen.

Ein beeindruckender Roman mit langem Nachhall ist der bekannten und gerühmten Autorin E. Strout neben anderen auch mit diesem Roman gelungen.

Elizabeth Strout
Amy & Isabelle
416 Seiten, broschiert
btb Verlag, April 2011
ISBN-10: 3442742498
ISBN-13: 978-3442742493
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Edward Gorey: Ein fragwürdiger Gast

Edward Gorey: Ein fragwürdiger Gast

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Skurrile Zeichnungen mit absurdem Humor.

In dem dieses Jahr vom Lilienfeld Verlag neu aufgelegten Büchlein von Edward Gorey erscheint in schwarz-weißen Zeichnungen eine viktorianisch anmutende Familie im Bild. Es klingelt an der Haustür, aber niemand wurde erwartet. Doch dann entdecken die Familienmitglieder auf einer Vase eine Gestalt, die zwischen Fantasievogel und Papagei changiert. Die Figur trägt einen Schal und weiße Turnschuhe. Diese mitsamt einem Pelzmantel waren auch Edward Goreys Markenzeichen. Die Geschichte ist kurz, sie ist skurril und regt die Fantasie an. Der seltsame Vogel treibt allerlei Unsinn und ist auch nach 17 Jahren noch Mitbewohner im Haushalt.

Ausdrucksstark und vielsagend überzeichnet Gorey seine Figuren, die aus einem fernen Jahrhundert zu kommen scheinen. Die Hälse sind lang und die Köpfe schauen indigniert bis amüsiert auf das sich ereignende Geschehen. Makaber und verrückt sind die Ideen des Fantasievogels mit seinen Eigentümlichkeiten und der Beharrlichkeit, mit der er die Familie belagert.

Der amerikanische Autor und Illustrator Edward Gorey lebte von 1925 bis 2000. Seine schraffierten Zeichnungen und Comics, mit denen er eigene und fremde Geschichten illustrierte, waren berühmt. Sie sind ausweglos und bilden eine Art Nonsens. Dennoch amüsieren sie und unterhalten auf surreale Weise.

Diese neu aufgelegte Geschichte erschien bereits 1957 und erregte Aufsehen.

Dem Lilienfeld Verlag sei Dank, dass der skurrile Autor mit seinen Werken hier noch einmal ins Bewusstsein des geneigten Lesers gerückt wird.

Edward Gorey
Ein fragwürdiger Gast
32 Seiten, gebunden
Lilienfeld Verlag, April 2013
ISBN-10: 3940357324
ISBN-13: 978-3940357328
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Christopher Hitchens: Endlich – Mein Sterben

Christopher Hitchens: Endlich – Mein Sterben

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Text zum Sterben und Tod.

Unbestechlich und realistisch sieht Christopher Hitchens seinem Sterben entgegen. Er hat Speiseröhrenkrebs wie schon sein Vater, und er wird daran sterben.

Dieser witzige, kluge, klare und scharfe Denker macht keinen Hehl daraus, dass er die Dinge nehmen wird, wie sie kommen. Das erspart ihm nicht Enttäuschungen, die er erleidet, als verschiedentlich von neuen Behandlungsverfahren zu hören ist. Nur: er gehört nicht zu den Haderern, die das Leben um jeden Preis verlängern möchten.

In einer langen Abhandlung erfährt man wie schon in seiner Biographie „The Hitch“, dass er als Atheist an keine transzendente Macht oder an einen Trost mit der Hoffnung auf ein Jenseits glaubt. In Briefen und Aussagen von Freunden und Kollegen erlebt man ihn noch einmal als aufgeschlossenen Gastgeber, Freund und Kollegen. Er scheute keine kontroversen Diskussionen und legte sich als Journalist und Beobachter des politischen Geschehens in aller Welt mit Freund und Feind gelegentlich an. Als kritischer Berichtersatter  blieb er sich zeitlebens treu. Sein deutscher Schriftstellerfreund- und Kollege Peter Schneider beschreibt ihn in seinem Prolog als Menschen, der einem großen Freundeskreis angehörte. Mit seinen spritzigen und absolut präsenten Lebensformen hat er seine Umwelt begeistert und gefesselt. Niemand konnte sich dem Charisma dieses Mannes entziehen.

Hitchens hielt an einmal gewonnenen Überzeugungen eisern fest auch um den Preis einer Freundschaft. Mit der Beurteilung des Irakkriegs, für den er eintrat, lag er nach Meinung Peter Schneiders falsch. Er ließ jedoch nicht ab von seiner  einmal gewonnenen Meinung.

Insgesamt  geht es in diesem letzten Buch von Christopher Hitchens um den Tod und das Sterben, dem er sich unerschrocken stellte.

Mit Neugierde und Interesse liest man die zahlreichen Berichte über Tod und Sterben, die seit Jahren auf dem Büchermarkt zu finden sind. Angefangen von Christoph Schlingensief über seine letzte Lebenszeit, den schmerzvollen Abschied von Connie Palmen, die über den Tod ihres zweiten Mannes schreibt, weiter über die großartige amerikanische Schriftstellerin Joan Didion in „Das Jahr magischen Denkens“  oder Jojo Moyes mit ihrem Buch „Ein ganzes halbes Jahr“: es gibt eine Vielzahl von Berichten und Erlebnissen, die das Sterben und den Tod in seinen mannigfaltigen Erscheinungsformen abhandeln. Eine jede Geschichte ist von Bedeutung, weil sie von dem existenziell ausweglosen letzten Weg mit all’ den unterschiedlich erlebten Begleiterscheinungen individuell berichten.

Ob mit Gottesglauben oder ohne: der Tod bleibt für uns alle ein Mysterium, das man sich nicht vorstellen kann.

Insofern bieten die Erfahrungen von Christopher Hitchens weitere Mosaiksteine auf dem Weg des eigenen Erlebens hin zum Tod.

Christopher Hitchen war Engländer von Geburt und Herkommen, lebte aber viele Jahre in Amerika, wo er am 15.12.2011 im Alter von 62 Jahren gestorben ist.

Christopher Hitchens
Endlich – Mein Sterben
128 Seiten, gebunden
Pantheon Verlag, Juni 2013
ISBN-10: 3570552187
ISBN-13: 978-3570552186
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Yael Hedaya: Alles bestens

Yael Hedaya: Alles bestens

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Die Liebe kommt, und die Liebe geht.

Maja lernte vor einem Jahr auf einer Purim-Party den Gärtner Nathan kennen. Sie ist Akademikerin, alleine und sehnt sich nach Partnerschaft. Sehr schnell beginnen die beiden eine Affäre.

Unterdessen wollen sich Majas Eltern nach dreißig Jahren Ehe scheiden lassen. Talli, Majas jüngere Schwester, ist glücklich verheiratet und lebt mit Mann und Kindern in Kalifornien.

Wie das Leben so spielt: die Liebe kommt, und die Liebe geht. Doch zuweilen bleibt sie, und gelegentlich bleibt sie unerfüllt. So geht es Maja, die eines Tages entdeckt, dass Nathan schon seit Jahren mit einer anderen Frau liiert ist, die immer nur für zwei Tage in der Woche erscheint.

Maja ist die Beobachterin und die Leidende, die mit Nathan zwar ihr Nächte verbringt, doch am Ende nie weiß, wie es mit ihm weitergehen wird.

Teils aufgebracht und teils melancholisch reflektiert die Autorin die verschiedenen Erscheinungsformen der Liebe. Von Dreiecksgeschichten ist hier die Rede. Sie lassen häufig einen von dreien zurück, der leidet, und gelegentlich leiden sogar alle drei. Majas Mutter neidet dem Vater die erste Frau, die früh verstorben ist. Maja muss erleben, dass Nathan vollkommen unentschlossen mit zwei Frauen seine Zuneigung teilt. Liebt er überhaupt eine von beiden?

Yael Hedaya beherrscht die Zwischentöne, mit denen man von der Liebe spricht, über sie nachdenkt und ihre unterschiedlichen Erscheinungsformen erlebt. Sie lässt uns teilnehmen am Schicksal mehrerer Paare,die ihre Beziehungen mit unterschiedlicher Passion leben und den jeweils anderen unbefangen lieben, missverstehen oder gar an ihm vorbei leben. Maja bleibt die unglücklich Liebende, die mit Neid und Trauer auf die anderen schaut. Die eigenen Eltern sind es am Ende, die Maja zeigen, dass es die vollkommene Liebe nicht gibt.

Sie sind alt und müssen diese Einsicht nach einer realistischen Klärung der gemeinsamen Ausgangslage anerkennen.

Eine psychologische gekonnte Studie über das Leben zu zweit oder zu dritt gibt den nötigen Pepp, um an die Vielzahl in Form und Schattierung menschlicher Liebesbeziehungen zu erinnern. Hedaya geht tief und durchschaut das menschliche Miteinander, das selten einfach und komplikationslos verläuft. Das ist das Fazit guter Literatur: in ihr spiegelt sich die Welt, wie wir sie täglich erleben. Und aus ihr lernen wir, wie man mit Zweifeln umgeht und der Realität ins Auge schaut.

Yael Hedaya lebt in Tel Aviv und schreibt für verschiedene israelische Zeitschriften.

Yael Hedaya
Alles bestens
159 Seiten, broschiert
Diogenes, 26. März 2013
ISBN-10: 325730014X
ISBN-13: 978-3257300147
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James Gordon Farrell: Troubles

James Gordon Farrell: Troubles

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Alte Pracht und Herrlichkeit!

In einem von alter Pracht strotzenden, verstaubten und düsteren Hotel an der südirischen Küste findet sich Major Brendan Archer zum Ende des zweiten Weltkriegs wieder. Er will seine „Verlobte“ Angela besuchen. Sie hatten sich bei einem Kurzurlaub 1916 in Brighton kennen gelernt und verlobt. So richtig war dem Major gar nicht klar, dass er verlobt war. Doch die Briefe, die er und Angela gewechselt haben, ließen diesen Schluss zu. Angela Spencer ist die älteste Tochter des Hotelbesitzers. Im Hotel „Majestic“ in Kilnalough halten sich so einige auch schon verstaubte alte Damen auf, die regelmäßig zum Whistspiel zusammentreffen. Alles, sowohl das Hotel als auch die ehemals reichen alten Damen, bieten den Eindruck eines drohenden Untergangs.

Die Schilderungen der Ankunft des Majors und seine Eindrücke der Gegend sind überzeugend und geben ein klares Bild wieder: hier kehren nur noch wenige Gäste ein und man scheint sich außerhalb der übrigen Welt zu befinden. Die Gespräche und das Gebaren der Leute zeigen den Niedergang des englischen Empires. Die Zeit scheint stehen zu bleiben und alles mutet muffig an. Angela sieht ihren Verlobten nur einmal in der Zeit seines ungewöhnlichen Aufenthalts. Kurze Zeit später, der Major wollte sich gerade aus dem Staube machen, ist Angela tot.

Der Major kehrt schon bald zurück, um sich zu dem ungewöhnlichen Panoptikum im Hotel hinzu zu gesellen. Nun beleben die Szenen immer wieder Begegnungen von Menschen, die sich über Gott und die Welt und die unterschwellig brodelnden Emotionen zwischen der katholischen und protestantischen Bevölkerung aufregen. Man spürt und hört, dass es bereits kurz nach dem ersten Weltkrieg in Irland Bestrebungen gab, sich aus dem britischen Empire zu entfernen. Die politischen mit den gesellschaftlichen Bewegungen geben den Ton in der Erzählung an, und mit Bedauern sieht man, wie mit dem Hotel die gesamte Gesellschaftsordnung auf den Prüfstand kommt. Der Nordirlandkonflikt, The Troubles, beherrscht die Geschichte von Beginn an, denn das Ende des Krieges brachte gesellschaftliche Umwälzungen auf zahlreichen Ebenen. Katholiken und Protestanten liegen über Jahre in Fehde und man kennt die Nachrichten über die ständig anhaltenden Kämpfe und Querelen.

Die Erzählung kommt gemächlich daher und birgt unterschiedliche Charaktere, die mit feinen Details beschrieben sind. Dazu gehört der liebeskranke Brendan, der störrische Gentleman Edward Spencer, seine durchgeknallten und aufsässigen Zwillingstöchter Faith und Charity, der etwas tölpelhafte Sohn Ripon und alle die alten Diener, Köche und das Hauspersonal, nicht zu vergessen die Unmenge an Katzen, die das Obergeschoss bevölkern, und für die die Zeit stehen geblieben ist. Man wird in eine ferne Welt zurück versetzt, die nur noch Geschichte ist. Mit feinem Humor und skurrilen Details ist der Gesellschaftsroman konzipiert.

James Gordon Farrell ist eine Legende, denn sein Roman erschien bereits 1970 in England und ist jetzt erst in der Übersetzung von Manfred Allié auf Deutsch erschienen.

James Gordon Farrell
Toubles
550 Seiten, gebunden
Matthes & Seitz Berlin, April 2013
ISBN-10: 388221029X
ISBN-13: 978-3882210293
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Linn Ullmann: Das Verschwiegene

Linn Ullmann: Das Verschwiegene

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Verschwiegenheit, Einsamkeit und Not!

In Jahr 2008 trifft sich Siri und ihr Mann Jon wie jedes Jahr im Sommer mit den beiden Töchtern Liv und Alma im Haus ihrer Mutter Jenny. Diese wohnt in Mailund/Norwegen. Jon ist Schriftsteller in einer schweren Schaffenskrise, und Siri führt zwei Gaststätten. Sie kommen gerade so über die Runden. Für die Töchter haben sie Mille, ein Au-pair-Mädchen aus Oslo, engagiert. Mit Mille ist etwas nicht so, wie es sein sollte. Sie ist geheimnisvoll, widersprüchlich in sich und Siri bedauert schon, sie für den Sommer als Hilfe angenommen zu haben.

Man erfährt noch über die Mutter von Mille, dass sie eine anerkannte Schriftstellerin in Oslo ist.

Schnitt: Drei Jungen finden im Jahr 2011 bei der Suche nach einem vergrabenen Schatz im Wald auf verweste Leichenteile. Das können nur die Reste von Mille sein, kombinieren sie sogleich! Sie war vor zwei Jahren am Geburtstag von Jenny verschwunden und nie gefunden worden.

Langsam die Personen in ihrem Umfeld umkreisend, nähert sich Linn Ullmann der eigentlichen Geschichte: Familien, die ihre Schwierigkeiten miteinander haben aber nicht darüber sprechen.

Verwirrend die Vielzahl von Personen, die nach und nach wie auf einer Bühne erscheinen. Als umkreiste sie eine Kamera treten sie aus dem Schatten der Erzählung und fügen sich in das Gesamtgeschehen ein. Man tut sich zunächst schwer, den Faden der Geschichte nicht zu verlieren. Spiegelt sich darin die Unfähigkeit auch der handelnden Personen, in Kontakt miteinander zu treten und zu bleiben? Ein Familiendrama mit Toten und Geheimnissen spielt sich ab, das in seiner Ausweglosigkeit schwer erträglich bleibt.

Geheimnisvoll bis zuletzt reflektiert Linn Ullmann die Einsamkeit der Betroffenen und ihre Unfähigkeit, sich einander zu offenbaren. Getragen von düsteren und unterschwellig verborgenen Gedanken und Gefühlen durchlebt man mit der Familie die Abgründe, die sich zwischen Menschen auftun können. Ein schwermütiges und anrührendes Geschehen spielt sich ab, das die Spannung bis zuletzt nicht verliert.

Linn Ullmann ist die Tochter des bekannten verstorbenen schwedischen Regisseurs Ingmar Bergmann und der Schauspielerin Liv Ullmann.

Von ihrem Vater mag sie den tiefenscharfen Blick hinter die Kulissen menschlichen Seins mitbekommen zu haben.

Linn Ullmann
Das Verschwiegene
352 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, April 2013
ISBN-10: 3630874096
ISBN-13: 978-3630874098
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Allen Frances: Normal

Allen Frances: Normal

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Krank oder normal? Das ist hier die Frage!

Allen Frances ist Psychiater. Er hat nach seiner Pensionierung eine kritische Analyse über sein Fach, die Psychiatrie, vorgenommen.

Jahrelang hat er an der Liste „Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen“, kurz DSM, mit gearbeitet, in der psychiatrische Krankheiten als Abweichung von der Norm benannt werden.
Über die Jahre und Jahrhunderte haben sich demnach psychiatrische Krankheiten gewandelt und vermehrt.

Frances zeigt auf, wie Normalitäten zu Krankheiten mutierten. Die vermeintlich „Kranken“ brauchten immer mehr Medikamente, die den Umsatz der Pharmafirmen steigerten. In der Summe wurden Gesunde krank und Kranke medikamentensüchtig.
Zahlreiche mental und emotional auffällige Verhaltensweisen gab es aber schon immer; doch nach und nach wurden die Betroffenen mit psychiatrischen Krankheitsdiagnosen versehen.

Lange Teile der Abhandlung im Buch gelten einer Abrechnung mit der Zunft der Psychiater. Allen Frances bezieht die Erfahrungen aus seiner Arbeit in die Kritik mit ein. Das macht ihn sympathisch.
Seine Ausführungen sind umfassend und präzise. Nicht immer sind sie griffig und leicht zu verstehen.

Vielleicht spiegelt sich in dieser mangelnden „Griffigkeit“ das ganze Dilemma der psychiatrischen Kunst: die Grenzen zu Verhaltensauffälligkeiten sind fließend, und einleuchtende Diagnosen sind nicht mit labortechnischen oder Bild gebenden Verfahren alleine zu gewinnen.

So gilt auch für die „Demenz“ die Frage, ob nicht einfach eine altersgemäße Vergesslichkeit zu beklagen ist.

Der Autor bedauert in besonderer Weise Diagnosen bei Kindern wie „Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“ etc.
Auffälligkeiten dieser Art gab es nach  Auffassung des Autors schon immer.

In seiner langen Abhandlung geht er auf die Anfänge transzendenter Welterklärung und Sinnsuche ein. Von den Schamanen über die griechische Götterwelt, die Dämonen und viele andere verlief die Suche der Menschheit nach Erklärungen für das, was nicht handfest zu verstehen war. Insofern liefert Allen Frances fast einen geschichtlichen Abriss der Entstehung und Behandlung seelischer Krankheiten. Breit angelegt und gut strukturiert darf man sich selber ein Bild machen über die Behandlungsformen bei bestimmten Auffälligkeiten mit ihren Diagnosen, die über Jahrhunderte hinweg ihren Weg bis ins Heute fanden. Frances appelliert an alle Betroffenen, seelische Krankheiten nicht zu leicht als Krankheiten zu begreifen. Trauer, Melancholie, Unruhe und Stimmungsschwankungen gehören zu unserem Leben und sind nicht immer mit dem Stigma einer bestimmten Pathologie zu belegen.

Doch unbestritten bleiben die Möglichkeiten, sich wie einst bei der Beichte Hilfe im Gespräch zu suchen. Sind doch Reflexionen über unerklärliche seelische Zustände oftmals durch die Außensicht besser zu verstehen, als das der einzelne im stillen Kämmerlein für sich alleine schaffen könnte.

Kenntnisreich und selbstkritisch warnt Allen Frances vor zu leichtfertigen Diagnosen.

Die Lektüre gibt zu denken und wird sicher eine interessierte Leserschaft finden.

Allen Frances
Normal
430 Seiten, gebunden
Dumont Buchverlag, April 2013
ISBN-10: 3832197001
ISBN-13: 978-3832197001
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Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an

Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an

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Lebensende oder neues Glück?

„Man stirbt.
Man steht morgens auf, macht seine Arbeit und stirbt.
Man träumt und stirbt.
Man gießt Blumen, geht einkaufen, schüttelt Decken aus und stirbt.“

Mit diesem immer wiederkehrenden Refrain beginnt Mely Kiyak ihren Roman über die tödliche Krankheit ihres Vaters.

Man spürt, wie tief berührt sie ist, als der Vater unerwartet an Lungenkrebs erkrankt. Jeden Tag ist sie bei ihm im Krankenhaus und erlebt die Atmosphäre aus Krankheit und Unausweichlichkeit. Ihr Vater weint, und sie kann es nicht aushalten. Kann man denn nichts tun?

Sie kann ihren Vater motivieren, in die Vergangenheit einzutauchen und Geschichten über die Familie zu erzählen. Da gibt es Tanten, Onkels, Großväter und eine Vielzahl von Anverwandten. Das Landleben und lange geübte Gewohnheiten bestimmen das Leben der weitläufigen Verwandtschaft und Freunde. Die großen Sippen mit ihren zahlreichen Mitgliedern leben in Frieden oder im Krieg mit einander. Man wird mit gerissen in einen Strom von Trauer, Abschiedsgedanken und Erinnerungen. Die Türkei mit ihren großen Familienclans und die Gegenwart in einem sauberen, seelenlosen und nach westlichem Standard ausgerüsteten Krankenhaus bieten die Bühne, auf dem sich das Leben von Tochter und Vater zuletzt abspielt.

Mely Kiyak ist eine erfolgreiche Journalistin, die vorübergehend ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen kann. Ihre Sorge um den kranken Vater scheint alles zu überwuchern. Er schwebt lange Zeit zwischen Leben und Tod. Nur die Geschichten, die er erzählt, lenken aus dem grauen Krankenhausalltag ab.

In diesen Geschichten spielt seine Herkunft aus Anatolien die bestimmende Rolle. Hier herrschen tradierte Lebensmuster, ein einfaches Leben ohne Komfort und ländliche Schlichtheit. Zum Westen der Türkei hin herrscht eine eher säkulare Welt, in der es gut besuchte Schulen und Universitäten gibt. Allerdings entwickeln Kinder aus benachteiligten analphabetisch geprägten Elternhäusern, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, häufig ebenfalls ein aufgeklärtes und bildungsnahes Bürgertum.

Mely Kiyak ist eine liebevolle Tochter, die zwischen West und Ost zu vermitteln versucht. Sie hängt mit vollem Herzen an dem Mann, der hier als hilfloses Opfer der Medizin seinem Ende entgegen sieht. Er versteht vieles nicht und versucht sich dem abstrakten und wenig menschenfreundlichen Medizinbetrieb entgegen zu stemmen liebevoll betreut von Verwandten und Freunden.

Mely Kiyak schreibt emphatisch und mit Herzenswärme, wie sie die Zustände des Vaters miterlebt. Er wollte doch so gerne sein Rentnerdasein mit einer neuen Liebe genießen! Ob es ihm gelingen wird?

Das Buch geht zu Herzen. Es zeigt die innige Verbindung zwischen einem Vater und seiner Tochter. Die Autorin setzt ihm, den sie hoch achtet und liebt, ein lebendiges und lebhaftes Andenken. Sie bedenkt dabei sehr wohl, wie schwer es ist, sich aus alten Traditionen zu lösen und neue Formen zu finden. Stellvertretend für zahlreiche Mitbürger mit gleicher Vorgeschichte spricht sie von der Hoffnung und von dem Trost, mit dem die Heimkehrer ihr Lebensende zu Hause verbringen möchten. Nicht zuletzt erfährt man in einer der Erzählungen, wie auch der Vater die Tochter als kleines Kind dem Tod entreißt. Der Kreis hat sich geschlossen!

Mely Kiyak beweist sich als ausgezeichnete  Schriftstellerin, die reflektiert und sehr bewusst über sich und ihre Landsleute zu berichten weiß.

Mely Kiyak
Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an
256 Seiten, gebunden
S. FISCHER, Mai 2013)
ISBN-10: 3100382129
ISBN-13: 978-3100382122
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Peter Schneider: Die Lieben meiner Mutter

Peter Schneider: Die Lieben meiner Mutter

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Krieg und Liebessehnsucht. Eine Familienstudie.

Peter Schneider geht weit zurück in seinen hier vor liegenden Erinnerungen. Er  beschreibt das Leben seiner Eltern und seine eigenen ersten Jahre während und nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er 1940 geboren wurde. Viel weiß er nicht über seine Eltern. Doch anhand von Briefen seiner Mutter kann er aufschlüsseln, dass sie neben ihrem Mann Heinrich einen zweiten innig liebte und mit diesem auch zusammen war. Beide Männer waren an der Oper tätig, die aus Gründen der Propaganda seitens des Reichspropagandaministers Goebbels noch bis weit in das Kriegsjahr 1943 mit ihren Spielplänen erhalten geblieben war, bevor auch das letzte Aufgebot an Männern an die Front geschickt wurde. Andreas war Regisseur, Peter Schneiders Vater Heinrich war Dirigent.

Die Mutter hatte den Vater jung geheiratet und bekam insgesamt nach einander vier Kinder. Dass sie dafür eigentlich zu schade war, bescheinigt ihr der Liebhaber Andreas. Es bleibt klar, dass die Mutter zwei Männer liebte. Diese waren Freunde und duldeten einander. Peter Schneider erfährt von den Liebschaften seiner Mutter wohl erst durch ihre spät gelesenen Briefe.

Aus seinen Impressionen und Recherchen schält sich ein Künstlerleben heraus, in dem häufig finanzielle Not herrschte. Die Kriegsjahre überstand die Familie einigermaßen unbeschadet nur mit Hilfe der Näharbeiten seiner Mutter.

Die aufgefundenen Briefe sind aufschlussreich im Hinblick auf die Toleranz aller Beteiligten in den Dreiecksbeziehungen. Andreas liebte seine Freiheit, Heinrich liebte seine Frau über alles, und Schneiders Mutter liebte beide gleichzeitig. Für die Sitten und Moral in jenen fernen Zeiten ist das eine seltene Konstellation.

Die Form der Biographie, in der hier berichtet wird, ist ungewöhnlich. Aus dem facettenreichen Leben der Mutter kann der Sohn sich zusammenreimen, wie sie ihr Eigenleben neben der Arbeit und der Fürsorge für ihre Kinder gestaltet hat. Da gab es Hingabe, Entsagung und die Gabe, sich fröhlich zu vergnügen. Es gab aber auch die Schwermut, die zuletzt das Leben dieser liebessehnsüchtigen Frau zu zerstören schien. Zwei Themen werden hier abgehandelt: die Kindheit als Flüchtlingskind in einem Dorf in Bayern und die Sehnsüchte einer liebebedürftigen Mutter.

Die Endzeitstimmung des Zweiten Weltkriegs wird authentisch wiederbelebt. Untergang und Flucht aus der zerstörten Stadt Dresden unter unglaublichen Kriegsbedingungen werden so hautnah beschrieben, dass man glaubt, man wäre dabei gewesen. Eine Frau mit vier kleinen Kindern brauchte Energie, Kraft und Lebensmut, um diesem Zumutungen standzuhalten. Daneben konnte sich die Mutter wohl nur durch ihre Liebesbriefe und eine unersättliche Leidenschaft zu verschiedenen Männern am Leben halten. Dass ihr eigener Mann durch alle Widrigkeiten und Nebenliebschaften zu ihr gehalten hat, war Trost und  Hilfe für die geplagte Mutter.

Peter Schneider gehörte einst zu der so genannten 68 sechziger Generation, die scharf mit der Elterngeneration abgerechnet hat. Erst spät erfährt er, dass sein Vater zwar kein Nazi war aber doch stillgehalten hat, um seine Position an der Oper nicht zu gefährden.

Vermutlich ist es nicht leicht, einer Mutter mit diesem bewegten Innen- und Außenleben die angemessene Würdigung entgegen zu bringen. Peter Schneider ist das gelungen.

Peter Schneider
Die Lieben meiner Mutter
304 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Mai 2013
ISBN-10: 3462045148
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Koethi Zan: Danach

Koethi Zan: Danach

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Dieses Buch sprengt fast alle Thriller, die man sich vorstellen kann.

Nackt und bloß finden sich eines späten Abends Sarah und ihre enge Freundin Jennifer in einem dunklen Kellerverlies wieder. Sie sind auf eine infame Weise entführt worden.
Anwesend sind bereits zwei andere nackte und abgemagerte junge Mädchen. Man kann kaum etwas sehen. In diesem Verlies müssen die vier drei Jahre ausharren. Jennifer hat es besonders schlimm erwischt, denn sie steckt zusätzlich in einer engen Kiste.

Schon bald erfährt man, dass der Täter ein Psychologieprofessor war, der an seinen Opfern spezielle Versuche ausprobiert. Die Details seiner Versuche erscheinen verrucht, gruselig und brutal.
Die Geschichte wird in Episoden erzählt, so dass man zunächst die schlimmsten Grausamkeiten nur in Andeutungen erfährt. Der Fantasie ist Tür und Tor geöffnet, um sich auszumalen, welcher Art die Torturen sind.

Die Tat liegt zehn Jahre zurück, der Täter sitzt im Kittchen und die vorzeitige Entlassung des offensichtlich geisteskranken Entführers steht bevor. Die Polizei bittet Sarah um Mithilfe beim Aufdecken weiterer Verbrechen dieses abnormen Täters. Sie lebt mittlerweile in New York, hat sich seit ihrer Befreiung streng verbarrikadiert und meidet alle irgendwie gefährlichen Situationen. Jetzt wird sie in die Nachforschungen nach dem Verbleib ihrer Freundin und dem kranken Täter hineingezogen.

Eine rasante Suche beginnt. Man ist den geheimen Zeichen einer Sekte auf der Spur, die sich sadomasochistischer Praktiken bedient. Neben dem Psychologieprofessor, der sich die schlimmsten Exzesse ausgedacht hat, sind noch weitere Kreise und Personen in die Geschichte verwickelt. Mädchenhandel, Gehirnwäsche und Abartigkeiten aller Art lassen den Leser erschauern.

Die dramatische Jagd nach den Verbrechern wird zu einem unglaublich spannenden Abenteuer. Immer neue Einzelheiten der Verbrecherbande führen den Leser und die Opfer auf gefährliche Spuren.

Koethi Zan hat einen unglaublich fesselnden Thriller gelandet. Sogar Leser, die nicht unbedingt zu den begeisterten Krimilesern gehören, werden das Buch nicht aus der Hand legen. Die psychologischen Feinheiten sind raffiniert und überzeugend dargelegt. Man staunt allerdings, zu welchen Abartigkeiten der Mensch fähig ist, und dass eine Autorin sich diese Geschichten ausdenken kann.

Auf jeden Fall reizt dieser Krimi die Nerven zum Zerreißen.

Koethi Zan
Danach
448 Seiten, broschiert
FISCHER Scherz, Mai 2013
ISBN-10: 3651000451
ISBN-13: 978-3651000452
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