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Autor: Claudine Borries

Hans Pleschinski: Königsallee

Hans Pleschinski: Königsallee

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Lebensbilder aus einer fernen Vergangenheit.

Mit prickelnder Eleganz beschreibt Hans Pleschinski das Wiedersehen alter Freunde  in dem großbürgerlichen Hotel Breidenbacher Hof in Düsseldorf. Hier treffen die Künstler Thomas Mann und Hans Heuser im Jahr 1954 zusammen. Das Leben in Deutschland beginnt sich gerade neu zu konstituieren, denn überall sind die Überreste des verheerenden Zweiten Weltkriegs noch zu sehen.

Das erste Zusammentreffen der beiden Künstler datiert aus dem Jahr 1927, als Thomas Mann hingerissen von dem schönen jungen Mann seine Augen nicht von ihm lassen konnte. In dem  Roman „Der junge Joseph“ hat Thomas Mann ihm ein Denkmal gesetzt. Doch wie wird das heutige Treffen verlaufen?

Klaus und Erika Mann, Katia und die berühmte Familie bestimmen den Erzählteil, in dem es auch um die Nachkriegsjahre geht und das Leben der Menschen, die einen Neuanfang wagen. Erika ist eifrig bemüht, das Zusammentreffen des ehemaligen Jünglings Klaus Heuser mit ihrem Vater zu verhindern.

In einem recht trockenen Stil wird hier das Nachkriegsleben noch einmal herbei gezaubert. Golo Mann, der Dichter George und zahlreiche Zeitgenossen spielen eine Rolle beim Eintauchen in die Atmosphäre des Jahres 1954.

Hans Pleschinski bevorzugt eine Erzählweise, die zwischen Traum und Wirklichkeit und zwischen Fiktion und realen Begebenheiten pendelt. Man muss sich einlesen, um zu begreifen, dass hier ein berühmter Dichter, Nobelpreiträger dazu, in das Deutschland heimkehrt, aus dem er einst verjagt wurde. Er will aus seinem Roman „Felix Krull“ lesen, doch der betagte Schriftsteller hat Stimmprobleme. Erika wundert sich über die zeitgleiche Anwesenheit des ehemaligen Liebesobjekts ihres Vaters Heuser im selben Hotel hier und heute. Was will er hier in Deutschland? Heuser ist mit seinem farbigen Freund, Anwar, einem Indonesier, unterwegs. Als Erika ihn begrüßt, meint man ihre rauchige, heisere Stimme zu hören. Sie spielt auf die Vergangenheit an: ihren Aufbruch mit Bruder Klaus nach Amerika. Klaus ist ja längst tot, gestorben an Lebensüberdruss und einer Sucht, von der er nicht lassen konnte. So begegnen einem Streiflichter aus dem Leben aller Protagonisten, teils dem echten Leben entlehnt, und teils der phantasievollen Ausmalung des Autors zu verdanken.

Man liest das Buch mit Vergnügen und Interesse.

Hans Pleschinski
Königsallee
393 Seiten, gebunden
Beck, Juli 2013
ISBN-10: 3406653871
ISBN-13: 978-3406653872
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David Foenkinos: Zum Glück Pauline

David Foenkinos: Zum Glück Pauline

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Leben ist Glückssache!

Der Icherzähler dieses hinreißenden Romans befindet sich in keiner guten Lage. Er lebt mit seiner Frau in Paris zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Unerträgliche Rückenschmerzen plagen ihn und führen zu den wildesten Fantasien über die möglichen Ursachen. Seine Frau Élise und er sind zwanzig Jahre verheiratet und um die vierzig Jahre alt. Die Tochter ist kürzlich mit einem Freund zusammengezogen, und der Sohn, noch nicht einmal 18 Jahre alt, zieht ein Studium in den USA dem weiteren Verbleib im Elternhaus vor. Die Eltern sind geschockt über den Zustand des unwiederbringlichen Alleinseins. Darüber helfen die Freunde Édouard und Sylvie auch nicht hinweg.

Der Icherzähler reflektiert unermüdlich seine Lage, die darauf schließen lässt, dass er hochgradig hypochondrisch und depressiv ist. Zu allem Übel hat er seinen Job als Architekt gerade verloren. Die Einsicht, wie es mit der Liebe zwischen ihm und Élise steht, macht ihn auch nicht gerade froh. “Manchmal, wenn ich mit ihr zwischen den Blumen umherspazierte, überkam uns die Vergangenheit. Dann gingen wir hinauf ins Schlafzimmer und waren für zwanzig Minuten noch mal zwanzig. Diese Momente waren unendlich kostbar.“ Wie sie ihm aus dem Fenster nachwinkt, oder wie sie beide, ihrer Jugend gedenkend, noch einmal kurz die Liebe erleben, das ist meisterhaft in der Beobachtung und Darstellung.
Hier kehrt einer sein Inneres nach außen, und dem Leser werden Zustände vor Augen geführt, die man gut nachempfinden kann. Verlustängste, Zukunftssorgen, Einsamkeit und Verlorenheit kennzeichnen einen Mann, der mit einem sensiblen Gespür für das, was kommen mag, ausgestattet ist. Es kommt schließlich so viel zusammen, dass er wirklich am Leben verzweifeln könnte! Doch dann begegnet ihm Pauline…

Mit ausnehmender Feinsinnigkeit erweckt David Foenkinos seine Helden zum Leben. Man denkt unwillkürlich an Italo Svevo oder Marcel Proust, die zu dem vorliegenden Werk Pate gestanden haben könnten. Sie beschreiben ebenfalls neurotische Menschen mit ihren Selbstzweifeln, Grübeleien, nostalgischen Erinnerungen an die Kindheit und mit der immer gleichen Unsicherheit beim Leiden am Leben. David Foenkinos, Jahrgang 1974, ist jedoch ein Autor ganz eigener Prägung. Er findet genau die passenden Worte für die wechselnden Gefühle und Stimmungslagen, denen sich der Icherzähler ausgeliefert sieht. Die beschriebenen Rückenschmerzen ziehen sich in ihrer Befindlichkeit durch den ganzen Roman und sind Synonym für das allgemeine Elend, in dem der Held steckt. Die Ängste vor den zahlreichen Untersuchungen und der anstehenden Diagnose für seine Beschwerden wachsen sich zur allgemeinen Panik über seinen Gesundheitszustand aus. Bald erweist es sich, dass die Rückenschmerzen psychosomatischen Ursprungs sind.
Wir erleben nun mit, wie gleichsam in einer Art Metamorphose aus dem ängstlichen, zaghaften und zwanghaften Mann ein befreiter Mensch wird, der seine neuen Freiheiten zu nutzen weiß.

Foenkinos Erzählung pendelt zwischen Ernst, Nostalgie, Melancholie und Ironie. Er übertreibt gelegentlich, so dass die Traurigkeit, mit der unser Held seinen von Angst besetzten Netzen der Einbildung und Vergangenheit zu entkommen trachtet, herabgemildert wird. Damit bietet er die nötige Distanz, um die ganze Geschichte mit einem Hauch menschlich absurden Verhaltens zu würzen. Man trifft dieses ja in der Realität tatsächlich häufig an!

Wieder einmal ein gelungener Roman von dem hoch geehrten Autor David Foenkinos!

David Foenkinos
Zum Glück Pauline
411 Seiten, broschiert
Beck, Juli 2013
ISBN-10: 3406654207
ISBN-13: 978-3406654206
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Richard Russo: Diese alte Sehnsucht

Richard Russo: Diese alte Sehnsucht

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Familienleben und anderes…

Wieder kann man mit diesem Roman einen hervorragenden amerikanischen Schriftsteller entdecken. Richard Russo gilt als herausragendes Erzähltalent, und den Beweis liefert er mit seinem Roman über ein Ehepaar im Kontext zu ihren Herkunftsfamilien.

Griffin und Joy sind die Hauptprotagonisten, deren Ehe und Familienleben sich Prüfungen aller Art ausgesetzt sieht.

Griffin ist ein glückloser Drehbuchbuchautor und Professor an einem kleineren College im mittleren Westen der USA. Cape Cod ist Ort heimlicher Sehnsüchte und Ferienerinnerungen von Griffin, der sogar ein Drehbuch nach der frühen Ferienbegegnung mit der Familie Brown schreiben will.

Jetzt ist er Mitte fünfzig und hat den undankbaren Auftrag seiner Eltern, ihre Asche ins Meer zu streuen! Aber nicht zu nah beieinander!

Während der ganzen Erzählung drehen sich Griffins Gedanken um die Liebe zwischen Eltern, Kind, Geliebter und Ehefrau.

Joy entstammt einer wohl angesehenen Ehe mit zahlreichen Geschwistern. Die Ehe ihrer Eltern war glücklich, – aber war sie das wirklich?

Griffin hingegen hatte Professoreneltern, die sich trennten als er älter wurde. Er weiß nie, ob sie sich nicht seinetwegen scheiden ließen, denn Kinder mochten sie gar nicht so gerne. Er wuchs ohne Geschwister aber mit umso mehr Sehnsucht nach Gesellschaft Gleichaltriger auf.

Bildet die Erinnerung an frühere Jahre einen Teil der Erzählung, so ereignen sich später slapstickgleich mehr oder weniger verunglückte Familientreffen bei diversen Hochzeiten. Bei den zu überwindenden Schwierigkeiten spielen zukünftige Schwiegereltern keine geringe Rolle. Die Ehe von Griffin und Joy ist zu Beginn sehr glücklich. Nach Jahren aber zeigen sich Abnutzungserscheinungen. Innerhalb eines Jahres nimmt die Ehe der beiden schließlich ernsthaften Schaden, denn über dreißig Jahre Eheleben haben ihre Spuren hinterlassen.

Glück kann fließend in Enttäuschung übergehen.

In teils melancholischen und teils naiv abwartenden Betrachtungen bietet Griffin mit seinen Reflexionen Einblicke in Familienleben, wie man sie überall auf der Welt antreffen kann. Durch die Komik neben der Tragik mit amüsanten und witzig vorgetragenen Bildern aus dem Leben von Joy und Griffin zeigt sich, dass Eheleben glücklich und entsagungsvoll sein kann, einmal für den einen und ein anderes Mal für den anderen zweier Partner. Melancholie, Nachdenklichkeit, Humor und Liebe zählen in diesem Buch. Man liest es angeregt und mit Gewinn.

Richard Russo weiß zu unterhalten, ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Bis zuletzt bleibt man in Erwartung der Wechselfälle des Lebens für dieses eindrucksvolle Paar und hofft, dass alles gut enden möge!

Richard Russo
Diese alte Sehnsucht
348 Seiten, broschiert
Dumont Buchverlag, Februar 2012
ISBN-10: 3832161848
ISBN-13: 978-3832161842
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Elizabeth Strout: Amy & Isabelle

Elizabeth Strout: Amy & Isabelle

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Kleinstadtmilieu und seine Bewohner.

Dieses ist die bewegende Geschichte von Isabelle, die als junges Mädchen vom Freund des Vaters geschwängert wurde, und mit Scham und Lüge ihr eigenes Leben und das ihrer Tochter lebt.

Amy ist eine trotzige und aufmüpfige kleine Person, die schon früh ahnt, dass ihre Mutter nicht so aufrichtig ist, wie sie tut.

In einer Fabrik hat die Mutter Arbeit gefunden, denn ihr Lehrerstudium konnte sie nach dem Tod ihrer Eltern nicht mehr fortsetzen. Sie ist eine beherrschte und etwas hochnäsige Figur, die für ihren Chef schwärmt. Erst allmählich erfährt man die Schicksale einzelner Mitspieler und die Geschichte gewinnt an Fahrt und zeigt damit auch die Veränderungen im Leben einzelner. Amy überragt zuletzt mit ihren Lebenseinsichten alle anderen.

Wie E.Strout ihre Geschichten aufbaut und die handelnden Personen dem Leser näher bringt, das ist gekonnt und sehr einfühlsam. Man lernt mit zu empfinden, was das Schicksal dem einzelnen zufügt. Eingebettet ist die Erzählung in dieses langweilige und genügsame Kleinstadtmilieu, das zu Träumen von einem besseren Leben verführt. Doch alle lernen ihre Grenzen kennen und das Beste aus dem zu machen, was das Leben ihnen zugedacht hat. Freundschaften und Wärme entstehen erst im gemeinsam getragenen Leid.

Elizabeth Strout ist eine Meisterin im Beschreiben des Lebens einfacher Leute. Sie kann in die Herzen ihrer Protagonisten schauen und ihre Gefühle veranschaulichen.

Ein beeindruckender Roman mit langem Nachhall ist der bekannten und gerühmten Autorin E. Strout neben anderen auch mit diesem Roman gelungen.

Elizabeth Strout
Amy & Isabelle
416 Seiten, broschiert
btb Verlag, April 2011
ISBN-10: 3442742498
ISBN-13: 978-3442742493
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Edward Gorey: Ein fragwürdiger Gast

Edward Gorey: Ein fragwürdiger Gast

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Skurrile Zeichnungen mit absurdem Humor.

In dem dieses Jahr vom Lilienfeld Verlag neu aufgelegten Büchlein von Edward Gorey erscheint in schwarz-weißen Zeichnungen eine viktorianisch anmutende Familie im Bild. Es klingelt an der Haustür, aber niemand wurde erwartet. Doch dann entdecken die Familienmitglieder auf einer Vase eine Gestalt, die zwischen Fantasievogel und Papagei changiert. Die Figur trägt einen Schal und weiße Turnschuhe. Diese mitsamt einem Pelzmantel waren auch Edward Goreys Markenzeichen. Die Geschichte ist kurz, sie ist skurril und regt die Fantasie an. Der seltsame Vogel treibt allerlei Unsinn und ist auch nach 17 Jahren noch Mitbewohner im Haushalt.

Ausdrucksstark und vielsagend überzeichnet Gorey seine Figuren, die aus einem fernen Jahrhundert zu kommen scheinen. Die Hälse sind lang und die Köpfe schauen indigniert bis amüsiert auf das sich ereignende Geschehen. Makaber und verrückt sind die Ideen des Fantasievogels mit seinen Eigentümlichkeiten und der Beharrlichkeit, mit der er die Familie belagert.

Der amerikanische Autor und Illustrator Edward Gorey lebte von 1925 bis 2000. Seine schraffierten Zeichnungen und Comics, mit denen er eigene und fremde Geschichten illustrierte, waren berühmt. Sie sind ausweglos und bilden eine Art Nonsens. Dennoch amüsieren sie und unterhalten auf surreale Weise.

Diese neu aufgelegte Geschichte erschien bereits 1957 und erregte Aufsehen.

Dem Lilienfeld Verlag sei Dank, dass der skurrile Autor mit seinen Werken hier noch einmal ins Bewusstsein des geneigten Lesers gerückt wird.

Edward Gorey
Ein fragwürdiger Gast
32 Seiten, gebunden
Lilienfeld Verlag, April 2013
ISBN-10: 3940357324
ISBN-13: 978-3940357328
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Christopher Hitchens: Endlich – Mein Sterben

Christopher Hitchens: Endlich – Mein Sterben

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Text zum Sterben und Tod.

Unbestechlich und realistisch sieht Christopher Hitchens seinem Sterben entgegen. Er hat Speiseröhrenkrebs wie schon sein Vater, und er wird daran sterben.

Dieser witzige, kluge, klare und scharfe Denker macht keinen Hehl daraus, dass er die Dinge nehmen wird, wie sie kommen. Das erspart ihm nicht Enttäuschungen, die er erleidet, als verschiedentlich von neuen Behandlungsverfahren zu hören ist. Nur: er gehört nicht zu den Haderern, die das Leben um jeden Preis verlängern möchten.

In einer langen Abhandlung erfährt man wie schon in seiner Biographie „The Hitch“, dass er als Atheist an keine transzendente Macht oder an einen Trost mit der Hoffnung auf ein Jenseits glaubt. In Briefen und Aussagen von Freunden und Kollegen erlebt man ihn noch einmal als aufgeschlossenen Gastgeber, Freund und Kollegen. Er scheute keine kontroversen Diskussionen und legte sich als Journalist und Beobachter des politischen Geschehens in aller Welt mit Freund und Feind gelegentlich an. Als kritischer Berichtersatter  blieb er sich zeitlebens treu. Sein deutscher Schriftstellerfreund- und Kollege Peter Schneider beschreibt ihn in seinem Prolog als Menschen, der einem großen Freundeskreis angehörte. Mit seinen spritzigen und absolut präsenten Lebensformen hat er seine Umwelt begeistert und gefesselt. Niemand konnte sich dem Charisma dieses Mannes entziehen.

Hitchens hielt an einmal gewonnenen Überzeugungen eisern fest auch um den Preis einer Freundschaft. Mit der Beurteilung des Irakkriegs, für den er eintrat, lag er nach Meinung Peter Schneiders falsch. Er ließ jedoch nicht ab von seiner  einmal gewonnenen Meinung.

Insgesamt  geht es in diesem letzten Buch von Christopher Hitchens um den Tod und das Sterben, dem er sich unerschrocken stellte.

Mit Neugierde und Interesse liest man die zahlreichen Berichte über Tod und Sterben, die seit Jahren auf dem Büchermarkt zu finden sind. Angefangen von Christoph Schlingensief über seine letzte Lebenszeit, den schmerzvollen Abschied von Connie Palmen, die über den Tod ihres zweiten Mannes schreibt, weiter über die großartige amerikanische Schriftstellerin Joan Didion in „Das Jahr magischen Denkens“  oder Jojo Moyes mit ihrem Buch „Ein ganzes halbes Jahr“: es gibt eine Vielzahl von Berichten und Erlebnissen, die das Sterben und den Tod in seinen mannigfaltigen Erscheinungsformen abhandeln. Eine jede Geschichte ist von Bedeutung, weil sie von dem existenziell ausweglosen letzten Weg mit all’ den unterschiedlich erlebten Begleiterscheinungen individuell berichten.

Ob mit Gottesglauben oder ohne: der Tod bleibt für uns alle ein Mysterium, das man sich nicht vorstellen kann.

Insofern bieten die Erfahrungen von Christopher Hitchens weitere Mosaiksteine auf dem Weg des eigenen Erlebens hin zum Tod.

Christopher Hitchen war Engländer von Geburt und Herkommen, lebte aber viele Jahre in Amerika, wo er am 15.12.2011 im Alter von 62 Jahren gestorben ist.

Christopher Hitchens
Endlich – Mein Sterben
128 Seiten, gebunden
Pantheon Verlag, Juni 2013
ISBN-10: 3570552187
ISBN-13: 978-3570552186
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Yael Hedaya: Alles bestens

Yael Hedaya: Alles bestens

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Die Liebe kommt, und die Liebe geht.

Maja lernte vor einem Jahr auf einer Purim-Party den Gärtner Nathan kennen. Sie ist Akademikerin, alleine und sehnt sich nach Partnerschaft. Sehr schnell beginnen die beiden eine Affäre.

Unterdessen wollen sich Majas Eltern nach dreißig Jahren Ehe scheiden lassen. Talli, Majas jüngere Schwester, ist glücklich verheiratet und lebt mit Mann und Kindern in Kalifornien.

Wie das Leben so spielt: die Liebe kommt, und die Liebe geht. Doch zuweilen bleibt sie, und gelegentlich bleibt sie unerfüllt. So geht es Maja, die eines Tages entdeckt, dass Nathan schon seit Jahren mit einer anderen Frau liiert ist, die immer nur für zwei Tage in der Woche erscheint.

Maja ist die Beobachterin und die Leidende, die mit Nathan zwar ihr Nächte verbringt, doch am Ende nie weiß, wie es mit ihm weitergehen wird.

Teils aufgebracht und teils melancholisch reflektiert die Autorin die verschiedenen Erscheinungsformen der Liebe. Von Dreiecksgeschichten ist hier die Rede. Sie lassen häufig einen von dreien zurück, der leidet, und gelegentlich leiden sogar alle drei. Majas Mutter neidet dem Vater die erste Frau, die früh verstorben ist. Maja muss erleben, dass Nathan vollkommen unentschlossen mit zwei Frauen seine Zuneigung teilt. Liebt er überhaupt eine von beiden?

Yael Hedaya beherrscht die Zwischentöne, mit denen man von der Liebe spricht, über sie nachdenkt und ihre unterschiedlichen Erscheinungsformen erlebt. Sie lässt uns teilnehmen am Schicksal mehrerer Paare,die ihre Beziehungen mit unterschiedlicher Passion leben und den jeweils anderen unbefangen lieben, missverstehen oder gar an ihm vorbei leben. Maja bleibt die unglücklich Liebende, die mit Neid und Trauer auf die anderen schaut. Die eigenen Eltern sind es am Ende, die Maja zeigen, dass es die vollkommene Liebe nicht gibt.

Sie sind alt und müssen diese Einsicht nach einer realistischen Klärung der gemeinsamen Ausgangslage anerkennen.

Eine psychologische gekonnte Studie über das Leben zu zweit oder zu dritt gibt den nötigen Pepp, um an die Vielzahl in Form und Schattierung menschlicher Liebesbeziehungen zu erinnern. Hedaya geht tief und durchschaut das menschliche Miteinander, das selten einfach und komplikationslos verläuft. Das ist das Fazit guter Literatur: in ihr spiegelt sich die Welt, wie wir sie täglich erleben. Und aus ihr lernen wir, wie man mit Zweifeln umgeht und der Realität ins Auge schaut.

Yael Hedaya lebt in Tel Aviv und schreibt für verschiedene israelische Zeitschriften.

Yael Hedaya
Alles bestens
159 Seiten, broschiert
Diogenes, 26. März 2013
ISBN-10: 325730014X
ISBN-13: 978-3257300147
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James Gordon Farrell: Troubles

James Gordon Farrell: Troubles

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Alte Pracht und Herrlichkeit!

In einem von alter Pracht strotzenden, verstaubten und düsteren Hotel an der südirischen Küste findet sich Major Brendan Archer zum Ende des zweiten Weltkriegs wieder. Er will seine „Verlobte“ Angela besuchen. Sie hatten sich bei einem Kurzurlaub 1916 in Brighton kennen gelernt und verlobt. So richtig war dem Major gar nicht klar, dass er verlobt war. Doch die Briefe, die er und Angela gewechselt haben, ließen diesen Schluss zu. Angela Spencer ist die älteste Tochter des Hotelbesitzers. Im Hotel „Majestic“ in Kilnalough halten sich so einige auch schon verstaubte alte Damen auf, die regelmäßig zum Whistspiel zusammentreffen. Alles, sowohl das Hotel als auch die ehemals reichen alten Damen, bieten den Eindruck eines drohenden Untergangs.

Die Schilderungen der Ankunft des Majors und seine Eindrücke der Gegend sind überzeugend und geben ein klares Bild wieder: hier kehren nur noch wenige Gäste ein und man scheint sich außerhalb der übrigen Welt zu befinden. Die Gespräche und das Gebaren der Leute zeigen den Niedergang des englischen Empires. Die Zeit scheint stehen zu bleiben und alles mutet muffig an. Angela sieht ihren Verlobten nur einmal in der Zeit seines ungewöhnlichen Aufenthalts. Kurze Zeit später, der Major wollte sich gerade aus dem Staube machen, ist Angela tot.

Der Major kehrt schon bald zurück, um sich zu dem ungewöhnlichen Panoptikum im Hotel hinzu zu gesellen. Nun beleben die Szenen immer wieder Begegnungen von Menschen, die sich über Gott und die Welt und die unterschwellig brodelnden Emotionen zwischen der katholischen und protestantischen Bevölkerung aufregen. Man spürt und hört, dass es bereits kurz nach dem ersten Weltkrieg in Irland Bestrebungen gab, sich aus dem britischen Empire zu entfernen. Die politischen mit den gesellschaftlichen Bewegungen geben den Ton in der Erzählung an, und mit Bedauern sieht man, wie mit dem Hotel die gesamte Gesellschaftsordnung auf den Prüfstand kommt. Der Nordirlandkonflikt, The Troubles, beherrscht die Geschichte von Beginn an, denn das Ende des Krieges brachte gesellschaftliche Umwälzungen auf zahlreichen Ebenen. Katholiken und Protestanten liegen über Jahre in Fehde und man kennt die Nachrichten über die ständig anhaltenden Kämpfe und Querelen.

Die Erzählung kommt gemächlich daher und birgt unterschiedliche Charaktere, die mit feinen Details beschrieben sind. Dazu gehört der liebeskranke Brendan, der störrische Gentleman Edward Spencer, seine durchgeknallten und aufsässigen Zwillingstöchter Faith und Charity, der etwas tölpelhafte Sohn Ripon und alle die alten Diener, Köche und das Hauspersonal, nicht zu vergessen die Unmenge an Katzen, die das Obergeschoss bevölkern, und für die die Zeit stehen geblieben ist. Man wird in eine ferne Welt zurück versetzt, die nur noch Geschichte ist. Mit feinem Humor und skurrilen Details ist der Gesellschaftsroman konzipiert.

James Gordon Farrell ist eine Legende, denn sein Roman erschien bereits 1970 in England und ist jetzt erst in der Übersetzung von Manfred Allié auf Deutsch erschienen.

James Gordon Farrell
Toubles
550 Seiten, gebunden
Matthes & Seitz Berlin, April 2013
ISBN-10: 388221029X
ISBN-13: 978-3882210293
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Linn Ullmann: Das Verschwiegene

Linn Ullmann: Das Verschwiegene

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Verschwiegenheit, Einsamkeit und Not!

In Jahr 2008 trifft sich Siri und ihr Mann Jon wie jedes Jahr im Sommer mit den beiden Töchtern Liv und Alma im Haus ihrer Mutter Jenny. Diese wohnt in Mailund/Norwegen. Jon ist Schriftsteller in einer schweren Schaffenskrise, und Siri führt zwei Gaststätten. Sie kommen gerade so über die Runden. Für die Töchter haben sie Mille, ein Au-pair-Mädchen aus Oslo, engagiert. Mit Mille ist etwas nicht so, wie es sein sollte. Sie ist geheimnisvoll, widersprüchlich in sich und Siri bedauert schon, sie für den Sommer als Hilfe angenommen zu haben.

Man erfährt noch über die Mutter von Mille, dass sie eine anerkannte Schriftstellerin in Oslo ist.

Schnitt: Drei Jungen finden im Jahr 2011 bei der Suche nach einem vergrabenen Schatz im Wald auf verweste Leichenteile. Das können nur die Reste von Mille sein, kombinieren sie sogleich! Sie war vor zwei Jahren am Geburtstag von Jenny verschwunden und nie gefunden worden.

Langsam die Personen in ihrem Umfeld umkreisend, nähert sich Linn Ullmann der eigentlichen Geschichte: Familien, die ihre Schwierigkeiten miteinander haben aber nicht darüber sprechen.

Verwirrend die Vielzahl von Personen, die nach und nach wie auf einer Bühne erscheinen. Als umkreiste sie eine Kamera treten sie aus dem Schatten der Erzählung und fügen sich in das Gesamtgeschehen ein. Man tut sich zunächst schwer, den Faden der Geschichte nicht zu verlieren. Spiegelt sich darin die Unfähigkeit auch der handelnden Personen, in Kontakt miteinander zu treten und zu bleiben? Ein Familiendrama mit Toten und Geheimnissen spielt sich ab, das in seiner Ausweglosigkeit schwer erträglich bleibt.

Geheimnisvoll bis zuletzt reflektiert Linn Ullmann die Einsamkeit der Betroffenen und ihre Unfähigkeit, sich einander zu offenbaren. Getragen von düsteren und unterschwellig verborgenen Gedanken und Gefühlen durchlebt man mit der Familie die Abgründe, die sich zwischen Menschen auftun können. Ein schwermütiges und anrührendes Geschehen spielt sich ab, das die Spannung bis zuletzt nicht verliert.

Linn Ullmann ist die Tochter des bekannten verstorbenen schwedischen Regisseurs Ingmar Bergmann und der Schauspielerin Liv Ullmann.

Von ihrem Vater mag sie den tiefenscharfen Blick hinter die Kulissen menschlichen Seins mitbekommen zu haben.

Linn Ullmann
Das Verschwiegene
352 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, April 2013
ISBN-10: 3630874096
ISBN-13: 978-3630874098
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Allen Frances: Normal

Allen Frances: Normal

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Krank oder normal? Das ist hier die Frage!

Allen Frances ist Psychiater. Er hat nach seiner Pensionierung eine kritische Analyse über sein Fach, die Psychiatrie, vorgenommen.

Jahrelang hat er an der Liste „Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen“, kurz DSM, mit gearbeitet, in der psychiatrische Krankheiten als Abweichung von der Norm benannt werden.
Über die Jahre und Jahrhunderte haben sich demnach psychiatrische Krankheiten gewandelt und vermehrt.

Frances zeigt auf, wie Normalitäten zu Krankheiten mutierten. Die vermeintlich „Kranken“ brauchten immer mehr Medikamente, die den Umsatz der Pharmafirmen steigerten. In der Summe wurden Gesunde krank und Kranke medikamentensüchtig.
Zahlreiche mental und emotional auffällige Verhaltensweisen gab es aber schon immer; doch nach und nach wurden die Betroffenen mit psychiatrischen Krankheitsdiagnosen versehen.

Lange Teile der Abhandlung im Buch gelten einer Abrechnung mit der Zunft der Psychiater. Allen Frances bezieht die Erfahrungen aus seiner Arbeit in die Kritik mit ein. Das macht ihn sympathisch.
Seine Ausführungen sind umfassend und präzise. Nicht immer sind sie griffig und leicht zu verstehen.

Vielleicht spiegelt sich in dieser mangelnden „Griffigkeit“ das ganze Dilemma der psychiatrischen Kunst: die Grenzen zu Verhaltensauffälligkeiten sind fließend, und einleuchtende Diagnosen sind nicht mit labortechnischen oder Bild gebenden Verfahren alleine zu gewinnen.

So gilt auch für die „Demenz“ die Frage, ob nicht einfach eine altersgemäße Vergesslichkeit zu beklagen ist.

Der Autor bedauert in besonderer Weise Diagnosen bei Kindern wie „Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“ etc.
Auffälligkeiten dieser Art gab es nach  Auffassung des Autors schon immer.

In seiner langen Abhandlung geht er auf die Anfänge transzendenter Welterklärung und Sinnsuche ein. Von den Schamanen über die griechische Götterwelt, die Dämonen und viele andere verlief die Suche der Menschheit nach Erklärungen für das, was nicht handfest zu verstehen war. Insofern liefert Allen Frances fast einen geschichtlichen Abriss der Entstehung und Behandlung seelischer Krankheiten. Breit angelegt und gut strukturiert darf man sich selber ein Bild machen über die Behandlungsformen bei bestimmten Auffälligkeiten mit ihren Diagnosen, die über Jahrhunderte hinweg ihren Weg bis ins Heute fanden. Frances appelliert an alle Betroffenen, seelische Krankheiten nicht zu leicht als Krankheiten zu begreifen. Trauer, Melancholie, Unruhe und Stimmungsschwankungen gehören zu unserem Leben und sind nicht immer mit dem Stigma einer bestimmten Pathologie zu belegen.

Doch unbestritten bleiben die Möglichkeiten, sich wie einst bei der Beichte Hilfe im Gespräch zu suchen. Sind doch Reflexionen über unerklärliche seelische Zustände oftmals durch die Außensicht besser zu verstehen, als das der einzelne im stillen Kämmerlein für sich alleine schaffen könnte.

Kenntnisreich und selbstkritisch warnt Allen Frances vor zu leichtfertigen Diagnosen.

Die Lektüre gibt zu denken und wird sicher eine interessierte Leserschaft finden.

Allen Frances
Normal
430 Seiten, gebunden
Dumont Buchverlag, April 2013
ISBN-10: 3832197001
ISBN-13: 978-3832197001
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