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Autor: Claudine Borries

Shilipi Somaya Gowda: GeheimeTochter

Shilipi Somaya Gowda: GeheimeTochter

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Vor der Unfruchtbarkeit.

Wie schwer es für junge Frauen ist, wenn sie erfahren müssen, dass sie keine Kinder haben können, darüber liest man in diesem Roman.

Zwei Familien, eine indische und eine amerikanische, bilden den Plot zur Erzählung.

In Indien sind Töchter nicht willkommen. Das muss die einfache Frau von Jasu erkennen, als er ihr das erste Kind, ein Mädchen, fortnimmt, und sie nicht weiß, was mit dem Kind geschehen wird. Als sie eine zweite Tochter bekommt, flieht Kavita nach Mumbai und lässt das kleine Würmchen in einem Waisenhaus. Vergessen kann sie ihre beiden kleinen erstgeborenen Mädchen nie! Später bekommt sie einen Sohn, den sie behalten darf.

In Kalifornien lebt Somer mit ihrem Mann Krishnan, einem in Amerika ansässig gewordenen Inder. Sie ist bitter enttäuscht, als sie nach zwei Fehlgeburten keine weiteren Kinder mehr bekommen kann. Mit 32 Jahren ist das ein schwerer Schicksalsschlag! Sie ist Kinderärztin und hat ein erfülltes Berufsleben. Doch zu einer Familie gehören für sie Kinder! Nach langen Überlegungen entschließt sie sich mit ihrem Mann, ein indisches Kind zu adoptieren. Man wird nicht erstaunt sein, als schließlich Asha, die dem Waisenhaus überlassene zweite Tochter von Kavita, in Somers Armen landet. Geschickt fügt die Autorin unterschiedliche Gegebenheiten zweier Kulturen und Kontinente zusammen.

Können doch Töchter in Indien leicht zur untragbaren Belastung werden, wenn man an die üppigen Hochzeitsbeigaben denkt, die eine Verheiratung dort kostet. Hier sind ökonomische Strukturen am Werk, die den Familien oft keine Wahl lassen, ein Kind zu behalten oder es wegzugeben. Auch werden häufig gerade feminine Föten abgetrieben.

In Amerika geht es um ganz andere Fragen wie z.B. die, wie sehr die gesellschaftliche Anerkennung auch von reichem Kindersegen bestimmt wird.

In dieser Weise bringt die in Amerika lebende Autorin Shilpi Somaya Gowda zwei gesellschaftliche Phänomene in die Diskussion, die ökonomische, gesellschaftliche und auch psychologische Fragen von Rang behandeln. Den unterschiedlichen Kulturen mit ihren Ritualen und einem ausgedehnten Familienleben in Indien steht die eher kühle und distanzierte Mentalität amerikanischen Gesellschaftslebens gegenüber.

S. Somaya Gowda hat plausibel und eingängig die Konflikte beider Familien aufgegriffen und zu einem spannenden und informativen Ganzen zusammen gefügt. Da gibt es Missverstehen, Abneigung, Liebe und die Suche nach der wahren Identität, die ans Herz rühren und den Horizont erweitern über die Vielfalt menschlicher Schicksale.

Der leicht erzählte Roman behandelt ein Thema, zu dem es in der Wissenschaft und in einschlägigen Magazinen unfangreiches Hintergrundwissen gibt. Die Koppelung der reichen amerikanischen Familie mit indischem Hintergrund und der armen Familie in den Slums von Mumbai geben der Geschichte die exotische Färbung, die das Ganze zu einem interessanten und abwechslungsreichen Schmöker macht. Fein ausgesponnen und liebevoll gezeichnet werden gesellschaftliche Verknüpfungen hier wie dort erkennbar.

Shilipi Somaya Gowda
Geheime Tochter
448 Seiten, broschiert
Kiepenheuer & Witsch, August 2012
ISBN-10: 3462044451
ISBN-13: 978-3462044454
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John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter

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Das Leben, die Liebe und der Tod.

Diese Geschichte ist traurig. Doch wie sie erzählt wird ist bezaubernd, einfühlsam, echt und ehrlich.
Worum geht es?
Zwei Jugendliche begegnen sich in einer Selbsthilfegruppe für Krebskranke.

Hazel ist sechzehn Jahre alt und unheilbar an Krebs erkrankt. Sie will nicht in diese Gruppe, denn innerlich ist sie voller Rebellion und Auflehnung gegen ihr Schicksal. Als sie Augustus dort trifft, der sie anstarrt, ist es sehr bald um sie geschehen. Sie verliebt sich in diesen hübschen und aufmerksamen Jungen, der nur noch ein Bein hat. Das andere musste als Folge eines Knochenkrebses amputiert werden. Wer nun glaubt, er habe es mit einer gefühlsduseligen und rührseligen Geschichte zu tun, der irrt gewaltig!

Augustus ist ein Rebell wie Hazel und ironisch dazu. Auf der Ebene sachlicher und häufig zur Komik neigender Aussagen nähern sich die beiden in ihrer frühen Pubertät befindlichen Jugendlichen einander an. Sie können Mitleid und  Beileidsbekundungen nicht ausstehen. Eher wird übertrieben und gewitzelt, ohne je oberflächlich zu sein.

Die Dialoge zeugen von umwerfender Aufrichtigkeit, sarkastischem Hinnehmen und Wahrheitsliebe. Zugleich erlebt man eine Liebesgeschichte von rührender Hingabe und Anhänglichkeit im gemeinsamen Erleben von existenzieller Not und der Gewissheit der Begrenztheit des eigenen Lebens.

Selten wohl hat man in dieser Weise über Jugendliche mit Krebserkrankungen gelesen. Die Geschichte ist frei erfunden und zeigt doch eine außerordentliche Fähigkeit, sich in die Gefühlswelt der Kranken einzufühlen. Eltern und Kinder sind jeweils schwer getroffen. Die Peinlichkeiten und Frustrationen der begleitenden Umstände zu bewältigen, ohne zu verzagen, werden in dieser Geschichte überdeutlich dargestellt.

Ein ungewöhnliches Abenteuer verbindet zuletzt die beiden so schwer Kranken. Liebevoll, drastisch, traurig und zugleich froh genießen Hazel und Augustus ihre Liebe, und keiner weiß, wie lange sie auf Erden währen wird.

Auf dem Umweg über das Interesse an einem gemeinsam gelesenen Buch gelingt dem Autor John Green die feinfühlige Geschichte dieser Annäherung zweier schwer erkrankter junger Menschen. Mit unvergleichlichem Humor und Verständnis erzählt John Green seine Geschichte von Liebe und Tod, von Trauer und abenteuerlichem „Vorerleben“, wenn das Leben so früh enden muss.

Das als Jugendbuch deklarierte Kunstwerk wird jedoch besonders Erwachsene anrühren, so wie Jugendlich es nur bei dem nötigen Ernst für die Endlichkeit unseres Erdendaseins verstehen werden.

Der Autor John Green wird im Klappentext zu Recht mit Philip Roth und John Updike verglichen. Er lebt in Indianapolis/USA.

John Green
Das Schicksal ist ein mieser Verräter
288 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, 2. Auflage, Juli 2012
ISBN-10: 3446240098
ISBN-13: 978-3446240094
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Hans-Joachim Maaz: Die narzisstische Gesellschaft

Hans-Joachim Maaz: Die narzisstische Gesellschaft

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Gesellschafts -und Kulturkritik auf der Grundlage von Wissenschaft und Forschung.

Der aus zahlreichen Veröffentlichungen bekannte Psychoanalytiker Hans- Joachim Maaz führt uns in seinem vorliegenden Buch zu den Ursprüngen des Begriffs „Narzissmus“. Diese liegen in der griechischen Mythologie begründet, in der Narziss sich der Liebe seiner Mutter nicht versichert sehen konnte und „sich selbst fremd“ blieb. Als Folge davon ist er zur Liebe unfähig und sucht sein Selbstbild gleichsam wie in einem Spiegelbild im Wasser, das sich ihm immer wieder entzieht.

Narzissmus beruht nach Heinz Kohut auf einer frühkindlichen Liebesstörung zwischen Mutter und Kind. Ist die innere Zuwendung nicht in Übereinstimmung mit der nach außen gezeigten, kommt es zu den bekannten Störungen beim erwachsenen Menschen, die sich in Selbstüberheblichkeit zeigt und gekoppelt ist an Machtanspruch und unerfüllbare Liebessehnsucht. Narzisstische Menschen glauben sich selber und anderen nicht, dass sie liebenswert sind und kompensieren diesen Zustand mit unentwegten Anstrengungen, sich und andere glauben zu machen, dass sie doch die „Größten“ sind. Gelegentlich gibt es auch das „Größenklein“, in dem pausenlos an die Umwelt appelliert wird, doch die vermeintliche Kleinheit zu negieren und Größe zu bestätigen.

Basierend auf diesem theoretischen Grundwissen entwickelt Hans-Joachim Maaz seine Theorie einer narzisstischen Gesellschaft, auf deren Fehlentwicklung nach seinen Ausführungen fast alle gesellschaftlichen Missstände zurückzuführen sind. Dazu gehören Kriege ebenso wie Massenhysterien; ob Bosbach mit seiner abweichenden Meinung vom Mainstream, Eva Hermann oder Thilo Sarazin, Günter Grass u.a: die Verfolgung anders Denkender irritiert den Autor ebenso wie die Schuldenlast, der Konsumwahn und die Gleichmacherei.

Vor „Selbstentfremdung“ wird gewarnt, denn „es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ ( Adorno).

Unter den Charakter des Narzissmus subsumiert Hans-Joachim Maaz eine Vielzahl gesellschaftlicher Phänomene unserer Zeit. Wenngleich zahlreiche seiner Analysen mir einleuchtend und stimmig erscheinen, so erweckten so manche seiner Thesen auch meinen Widerstand. Sind doch die Phänomene der „Gruppendynamik“ ein ganz eigenes Feld in der Psychodynamik zwischenmenschlichen Verhaltens, wie wir das aus der Literatur und aus dem täglichen Leben kennen. Kriege in Afghanistan oder in den arabischen Ländern könnte ich auch nicht alle unter die Ursachen narzisstischer Störungen einordnen. Die friedliche Revolution der Wendezeit in der ehemaligen DDR war m. E. nur möglich, weil das Volk nicht aus narzisstischen sondern aus sehr realen Wünschen nach mehr Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie eine Veränderung herbeiführen wollte. In der Folge waren allerdings tatsächlich wieder die Thesen des „Größenselbst“ und des „Größenklein“ wirksam; hier der Westbürger mit seiner Überheblichkeit, dort der Ostbürger mit seiner „Kleinheitsangst“. Aber waren das nur noch Folgen einer nicht gelungenen Mutter- Kindbeziehung?
Es mag dahingestellt bleiben.

Umfassend und genau sind die Beispiele, anhand derer in einzelnen Kapiteln Ursache und Wirkungsformen des Narzissmus abgehandelt werden.

Das Buch ist alles in Allem eine gut verständlich geschriebene, höchst anregende und nachdenkenswerte Gesellschafts- und Kulturkritik.

Hans-Joachim Maaz
Die narzisstische Gesellschaft
236 Seiten, broschiert
Beck, Juli 2012
ISBN-10: 3406640419
ISBN-13: 978-3406640414
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David Foenkinos: Souvenirs

David Foenkinos: Souvenirs

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Vom Glück und Segen der Erinnerungen

Der neue Roman von David Foenkinos steckt voller Weisheit, Lebenseinsichten und Beobachtungen des sich wandelnden individuellen Lebens heute, wie man es sich ehrlicher nicht vorstellen kann.

Der Icherzähler und Enkel seiner Großeltern berichtet Details aus dem Leben seiner Vorfahren. Voller Achtung und zugleich entsetzter Erkenntnis bringt er zusammen mit dem Vater dessen Mutter, seine Großmutter, ins Altenheim. Emphatisch und tief berührt hat er zuvor schon den Tod seines Großvaters erlebt. Auch anlässlich der Pensionierung des Vaters fällt ihm auf, wie schnell ein Mensch in Vergessenheit gerät. Der Verlust von Ansehen und Würde ist eklatant. Zwischen belustigender und fast karikierender Blickschärfe sieht der Enkel, wie alles Leben vergeht und man als jüngerer Mensch in so fernen Welten von den Alten lebt, dass man fast nicht weiß, wie und worüber man mit diesen sprechen soll.

Klar und ehrlich blickt der Enkel in die Zukunft! Er sieht in das Wartezimmer des Todes, wie man das Altersheim auch bezeichnen kann. Und er bemerkt, wie sich alle Jüngeren dieser Wahrnehmung zu entziehen trachten. Er selber dümpelt als Nachtportier vor sich hin, ohne so recht zu wissen, wohin die Reise gehen soll, bis auch ihm die große Liebe begegnet. Mit dem Schreiben, das er sich vorgenommen hat, will es allerdings nicht so recht vorangehen.

David Foenkinos streift in seinem Roman aber nicht nur das Alter sondern auch Kindheit und Jugend, und eine erstaunliche Liebesgeschichte bahnt sich an. Mit Sätzen wie: „Es gab in dem Hotel einen weiblichen Gast, eine Russin, der die magische Schönheit russischer Frauen und der durchdringende Blick eines tragischen 800 Seitenromans zu eigen war“ kann der Autor ganze Romaninhalte zusammenfassen.

Durch ein markante Wende kann man noch einmal zurückschauen in die Kindheit der Großmutter und erfährt bis hin zum zweiten Weltkrieg von Ereignissen, die von seltenem Erinnerungswert sind. „Erinnerungen sind eine Art Hafen; und vielleicht sind sie das Einzige, was uns wirklich gehört.“ Diesen Satz zitiert David Foenkinos aus den Memoiren Mastroiannis, denn er passt auch zu diesen Erzählungen.

Überraschende Ereignisse geben dem Roman eine Spannung, die bis zur letzten Seite anhält.

Die Geschichte wird mit einer Art Komik und in schwankenden Gefühlswelten erzählt, die von großer Warmherzigkeit und ernsthaftem Verstehen zeugen.

Tiefenscharf, klug und einsichtig zeigt uns David Foenkinos, wie das Leben so spielt und welche unvorhersehbaren Wendungen das Leben nehmen kann. Melancholisch bis ehrlich und zuweilen fast hilflos wirken seine Einsichten.

„Souvenirs“ sind Erinnerungsstücke. Genauso liest sich der Roman: als Puzzle einer Vielzahl von Erinnerungsstücken, das eine ganze Familiengeschichte in Einzelteilen zum Vorschein bringt. Man liest die Geschichten mit sich steigernder Erwartung, Freude und aus dem eigenen täglichen Leben resultierendem Wiedererkennungswert.

Dieser Roman wird als Glanzlicht aus den Neuerscheinungen im kommenden Herbst herausragen.

David Foenkinos
Souvenirs
332 Seiten, broschiert
Beck, Juli 2012
ISBN-10: 340663947X
ISBN-13: 978-3406639470
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David Foster Wallace: Das hier ist Wasser

David Foster Wallace: Das hier ist Wasser

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Rückblick und Perspektive auf das Leben.

In einer fulminanten Rede vor Absolventen des Canyon College hat David Foster Wallace 2005 seine Lebenseinsichten dargelegt. Er spart nicht mit Parabeln, um den Schülern und Schülerinnen, die in ihr selbständiges Leben starten, eine Weltsicht zu vermitteln, in der er das „Denken“ anmahnt. Natürlich könnte man da leicht an eine Art Moralpredigt glauben! Doch weit gefehlt eröffnet der Redner seine Überlegungen mit Gedanken zu der Frage, was er unter „Denken“ versteht. Er mahnt genau genommen mit seinen Worten das Reflektieren über jegliches Handeln und jeglichen Glauben an.

Es ist eine pessimistische Rede, in der das Gleichmaß des Alltags, das Foster Wallace in ausufernden Farben ausmalt, dem „Denken“ gegenüber gestellt wird.

Ausgehend von der Tatsache, dass der Mensch als Individuum geboren wird, das sich selbst immer im Mittelpunkt des Handelns sieht, begründet der Redner eine Perspektive, die in der Empathie besteht und in der man zu dialogischem Querdenken ermuntert wird. An zahlreichen Beispielen macht er fest, wie man eine Person oder Situation oder Fragen des Glaubens aus unterschiedlicher Sichtweise betrachten kann und damit zu unterschiedlichen Einsichten gelangt.

Als eines von vielen Beispielen berichtet er von einer dicken Frau an der Supermarktkasse. Sie ist vielleicht nicht nur unansehnlich und dick sondern traurig mit der Pflege ihres kranken Mannes befasst. Mit einem ähnlichen Beispiel stellt der  Redner den Glauben in Frage. Rund heraus gesagt ist die Rede ein einziger Appell an das dialektische Denken, bei dem in allen Dingen immer zwei Seiten einer Medaille stecken.

David Foster Wallace hat eine philosophische Rede gehalten, prägnant und treffend, in der er davon spricht, wie schwer es ist, bewusst und erwachsen zu leben. Eine Rede, die nicht nur Studienabgänger betrifft, sondern von der wir alle lernen können.

Tragisch ist der Tod von D. Foster Wallace im Jahr 2008. Er hat sich vielleicht an seinem eigenen Anspruch, die Welt in Frage zu stellen, überfordert. Er bleibt jedoch bei seinen Freunden und Lesern unvergessen.

David Foster Wallace
Das hier ist Wasser
64 Seiten, broschiert
Kiepenheuer & Witsch, Mai 2012
ISBN-10: 3462044184
ISBN-13: 978-3462044188
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Klaus Wallendorf: Immer Ärger mit dem Cello

Klaus Wallendorf: Immer Ärger mit dem Cello

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Hommage an ein Musikensemble!

Dass sich ein Musiker als gewiefter Literat entpuppt, erlebt man nicht alle Tage! Klaus Wallendorf zeigt sich als ein solcher, denn mit Schmiss und temporeich beginnt seine wie im Untertitel erklärte Liebeserklärung an das Cello und die Cellospieler, die ihre Ursprünge in der Liebe zu einer Cellistin hat. Zum 40 jährigen Jubiläum des zwölfköpfigen Celloensembles der Berliner Philharmoniker hat er eine fröhliche,humorvolle und geistreiche Hommage verfasst.

Hier geht es aber nicht nur um die Cellospieler sondern um den Konzertbetrieb insgesamt, in dem er als dritter Hornist der Berliner Philharmoniker keine ganz geringe Rolle spielt.

Mit seinem Musikwissen und seiner Kenntnis vom Dirigieren und Musizieren kann er dem einfachen Leser schon einiges erzählen.

Da spielen die Tempi und die Noten mit, da geht es um die Körpersprache und die Noblesse eines Instrumentes, das mit sonorem Klang und ruhigem Spiel so manches Herz im Leibe hüpfen lässt. Sätze wie diese „Wenn sich unter sehnigen Könnerhänden ein gezupftes Kontra-C vom Griffbrett löst, dann beben die Bühnenböden des Abendlandes“,- sind Ausdruck dieser lustigen Rede! In Stil und Ton gleichbleibend geht es weiter, und man strenge sich gefälligst an, das früh erlernte Wissen um Noten, Musikinstrumente und das Musikgeschehen hervorzulocken, denn ohne das geht es nun einmal nicht.

Die Cellisten sind der Vorwand, unter dem uns Klaus Wallendorf durch den Konzertbetrieb und seine Hintertüren führt. Übungsrituale und Geflogenheiten der Cellisten werden aufgelistet und dazu gehört auch, „es wird gespielt und nicht geredet“. Jeder einzelne Cellist wird in einer gesonderten Rede gewürdigt. Angereichert ist die Geschichte mit zahlreichen charakteristischen Gedichten und Reimen zu diversen Feiern und Ehrungen. Klaus Wallendorf erzählt munter, geistreich und gelegentlich leicht ironisch, so als nähme er das alles selber nicht so ganz ernst. Er zeigt die Mimik eines Komikers, der ja auch nicht über die eigenen Kalauer lacht.

Luftig leichte Zeichnungen von F.W. Bernstein ergänzen zusammen mit einer Reihe Fotos dieses inhaltsreiche und zügig geschriebene musikalische Lustwerk.

Wie alles einen Anfang und ein Ende hat so auch dieses Buch. Und es endet mit der Furcht vor dem Ruhestand und der tröstenden Gewissheit, das man „dann immer weiter machen kann, nun aber, was man will“,- und das scheint gar nicht so einfach.

Ob das Kabarett die Lösung ist?

Wir wünschen dem Autor mit vielen aufmunternden Impulsen, dass er uns noch viele denkwürdige Geschichten aus dem Konzertleben erzählen möge!

Klaus Wallendorf
Immer Ärger mit dem Cello
176 Seiten, gebunden
Galiani, 2. Auflage, April 2012
ISBN-10: 3869710551
ISBN-13: 978-3869710556
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Tobias Lehmkuhl: Land ohne Eile

Tobias Lehmkuhl: Land ohne Eile

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Wenn man an Masuren denkt, an Nikolaiken oder Suleyken und Neidenburg so kommen einem träumerische Gedanken an ferne Tage. Auch Siegfried Lenz hat das Herz anrührende Schilderungen hinterlassen und die Sehnsucht nach dieser Gegend aus Natur, herrlicher Landschaft und heimatlicher Geborgenheit in seinen Romanen verewigt. Das Masuren Ostpreußens war Herkunftsgegend vieler berühmter Adelsgeschlechter wie den Dönhoffs oder den von Lehndorffs. Im Norden Polens gelegen gehörte Masuren einst zu Ostpreußen und später wie heute zu Polen. Kriege und Landverteilung haben Masuren immer wieder hier wie dahin verschoben.

Tobias Lehmkuhl hat eine atmosphärisch reizvolle Reise und Wanderung durch das schöne Land Masuren gemacht. Angefangen von Osterode hin zum Nikolaikensee und zahlreichen weiteren Seen erkundet er die bekannten und auch weniger bekannten Ortschaften und gibt seine Eindrücke wieder. Er trifft Touristen und Einheimische, die heute vor allem Zugewanderte sind. In der Begegnung mit Gastwirten, Pensionswirtinnen und Anglern, die als „Menschen ohne Eile“ den Titel zu dem Reisebericht gaben, erkundet Tobias Lehmkuhl Land und Leute. Ihm erschließt sich auf diesem Wege die Geschichte Ostpreußens und seiner Bedeutung von einst und heute. Bei seinen Unternehmungen erlebt er nicht nur die Schönheit des Landes, sondern sie führen ihn auch an entlegene Orte mit verrottenden Schlössern und mit Marktplätzen, die unschöne Bebauungen aufweisen. Ihm gelingt die Verbindung von Natur und Ruhe mit dem heutigen Ambiente aus Eisdielen, Dönerbuden, Pizzerias und Bootsanlegestellen, Lärm und Läden aller Art. Skizzen ungewöhnlicher Weite und stille Naturbetrachtungen ergänzen die Erzählungen, mit denen der Autor seinen Empfindungen Ausdruck gibt.

Tobias Lehmkuhl hat sich auf eine Spurensuche begeben, die unter anderem auch auf die Reste der Nazizeit mit ihren schrecklichen Folgen verweist.

Dem Autor bleibt die Erfahrung einer ungewöhnlichen Landschaft, die bei jenen, die sie kannten und die daher kamen, unvergessliche Eindrücke hinterlassen hat.

In den bilderreichen und ausdrucksvollen Beschreibungen meint man sich selbst an Ort und Stelle zu befinden und sieht die alternden Touristen ihre Runden drehen. Eine unerklärliche Sehnsucht nach dieser Landschaft der Stille mit den vielfarbig herben und unnachahmlichen Naturerscheinungen und den ruhigen Seen ergreift den Leser, und man möchte dieses schöne Land gerne auch selber einmal erkunden.

Tobias Lehmkuhl
Land ohne Eile
224 Seiten, gebunden
Rowohlt Berlin, Mai 2012
ISBN-10: 3871347337
ISBN-13: 978-3871347337
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David Foster Wallace: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

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Jedermanns Freud und Leid!

Was für ein ergötzliches Buch! Allen jenen, die den Massentourismus verabscheuen, sei es ans Herz gelegt!

Mit Witz, Ironie und Sarkasmus beschreibt David Foster Wallace eine Kreuzfahrt, die er im Auftrag von Harper’s Magazine angetreten hat. Er soll einen möglichst positiven Bericht abgeben, der nichts anderes als eine verkappte Werbung für die Schiffslinie sein soll.

Wie er das Abenteuer seiner Reise angeht, das ist unübertroffen! Voller Staunen sieht er die Reinlichkeit, die Freundlichkeit, den Service und die vor Freude überbordenden Mitreisenden, die sich zu dem Massenabenteuer entschlossen haben.

Man stelle sich einen Mann vor, der Stille liebt, der Individualist ist, der alle Gleichmacherei hasst, und der nun plötzlich in diesem Trubel landet. Mit beißendem Humor beobachtet er das „Volk“, das sich diesem Spektakel ausliefert und auch noch Freude daran hat! Er kann es kaum fassen. Animateure sorgen die ganze Zeit dafür, dass niemand zur Besinnung kommt. Jeglicher freie Moment wird mit Spiel, Spaß und Wellness vollgepfropft und wehe, einer entzieht sich dem allgemeinen Freudentaumel. Das gibt es nicht! Man hat sich dem Programm zu fügen, und die meisten tun das ja auch. Nur unser Autor erlebt fast so etwas wie die Dantesche Hölle, als er sich in diesem Event wiederfindet. Auch geißelt er das „Professional Smile“ der Bediensteten, das wie  eingefroren wirkt. Es treibt ihn zur Verzweiflung, weil niemand sicher sein kann, was hinter dieser Dauerfassade der Freundlichkeit in Wirklichkeit lauert. Mit ausdauernder Komik trägt er seine Beobachtungen vor und bringt den Leser zum Lachen. Man amüsiert sich wahrhaftig großartig über die Erlebnisse eines, wie er es nennt, „agoraphobischen“ Individualisten, als der er sich selbst bezeichnet.

Hinter dem Essay steckt eine ausnehmend kluge Kulturkritik, die mitreißend und amüsant zu lesen ist. David Foster Wallace ist ein begnadeter Schreiber. Wie er die Menschen und Situationen beobachtet und seine Gedanken dazu formuliert, zeigt einen kritischen, überlegenen und hintergründig denkenden Menschen. Seine Beobachtung über die Vermarktung des Menschen, mit der dieser möglicherweise keine Leere aufkommen lassen will, und die offensichtliche Angst vor dem Tod, dem die Teilnehmer einer solchen Massenreise zu entkommen trachten, ist denkwürdig. David Foster Wallace durchschaut alles und alle. Ihm entgeht die Freude, und er sieht den Überdruss und auch die Komik in allen diesen Erscheinungen. Doch das ist der Preis, den einer zahlt, wenn er zu kritischem Denken befähigt ist und ja ganz andere Ziele und Lebensvorgaben hat.

Der früh durch Suizid geendete David Foster Wallace hat ein herausragendes Schreibtalent. Sein Tod 2008 wurde von Freunden und Bewunderern tief betrauert.

David Foster Wallace
Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich
185 Seiten, broschiert
Kiepenheuer & Witsch, 2004
ISBN-10: 3462033883
ISBN-13: 978-3462033885
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Jean-Jacques Sempé: Kindheiten

Jean-Jacques Sempé: Kindheiten

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Geschichte eines Lebens in Text und Bildern.

Eine Biographie in Wort und Bild: so etwas gab es schon einmal bei Alison Bechdel in ihrem Comic „Fun Home“.

Im Gegensatz zu ihren Erinnerungen allerdings leuchten die Bilder von Sempé in einem fröhlichen und zuversichtlichen Licht.

Sempé zeigt sich in seinem gedruckten Text von unverhohlener Ironie, Selbstreflexion und Lebensfreude. Marc Lecarpentier hat in einem Gespräch mit ihm zahlreiche Eindrücke aus seiner Kindheit noch einmal hervorgelockt. Diese waren bedrückend. Ständige Geldnot, zankende Eltern und häufige Umzüge boten keinen glücklichen Rahmen für einen Menschen, der gerne fröhliche Kinder und Menschen zeichnet.

Schon früh hat er begonnen, sich mit seinen Zeichnungen aus der eher tristen Realität davonzustehlen. In Sempé steckt ein Schelm, der Gutes tut, wenn ihm auch Böses widerfährt. In seinen zum Text passenden Zeichnungen steckt sehr viel Wahrheit. Sie zeugen von fast philosophischen Einsichten. Auch gibt es große, bunte Aquarelle, die Fröhlichkeit und schalkhafte Selbsteinsichten spiegeln. Der Mensch und besonders das Kind sind extrem klein gegenüber der Fülle der Natur oder der überwältigenden Größe des Erwachsenen. Im Widerspruch zu seiner Heiterkeit stehen seine Einsichten über das Verhalten der großen Menschen und hier besonders seiner Eltern.

Mehrheitlich überwiegen in Sempés Zeichnungen die zart dahin getupften Charakteristiken einer fröhlichen Natur mit dem ganz, ganz kleinen Menschen gegenüber dem gewaltigen Kosmos. Der Baum, auf dem ein Junge sitzt, oder die Schlucht, in der man baden kann, ist überdimensioniert gegenüber dem winzigen Jungen auf dem Ast oder im Wasser.

In seinem Gespräch mit Marc Lecarpentier offenbart Sempé zahlreiche weitere Einsichten seiner Sicht der Dinge. Er steht neben sich und kann mit Ironie seine Menschenkenntnis in die passenden Worte und Bilder kleiden. Die Gespräche handeln unter anderem von der Unbekümmertheit der Kindheit, die in die raue Ernsthaftigkeit der Erwachsenenwelt übergeht. Sie manifestiert sich in den grauen Anzügen der Herren, die den lustigen und bunten Kleidern und Mützen der Kinder gegenüberstehen. Alle Leichtigkeit geht mit dem „Erwachsenenernst“ dahin.

Der Satz „der Mensch ist ein Wesen von untröstlicher Heiterkeit“ fasst in Worte, was in dem Widerspruch von Ernst und Heiterkeit steckt. Seine Zuversicht gipfelt in dem Satz „man kann nicht leben, wenn man nicht heiter ist. Selbst wenn alles danebengeht, gibt es noch das Heitere. Man könnte es auch Seinsfreude nennen. Und ohne Trost, das ist man so wie so; man ist vollständig untröstlich. Ich bin beides…..“

Besser kann man die Geschichte der Gegenwartsmenschheit nicht erzählen. Mit den farbigen Illustrationen gibt Sempé ihnen erzählende Gestalt.

Ein hinreißendes Buch ist dem Autor mit dieser fast als Krönung seines Werkes zu betrachtenden Geschichte „Kindheiten“ zum Jahr seines achtzigsten Geburtstags gelungen.

Jean-Jacques Sempé
Kindheiten
272 Seiten, gebunden
Diogenes, Juni 2012
ISBN-10: 3257021208
ISBN-13: 978-3257021202
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Nicole C.Vosseler: Jenseits des Nils

Nicole C.Vosseler: Jenseits des Nils

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Liebe, Lust, Herz und Schmerz…

Fünf Kadetten des Royal Military College in Sandhurst sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Jeremy, Stephen, Leonard, Royston und Simon sind enge Freunde, die ihre Ferien im Kreise ihrer Familien auf den diversen Landgütern miteinander verbringen. Das ist das Leben des Landadels, der seine eigenen Gesetze des Umgangs mit einander pflegt. Die Schwestern der Kadetten bringen Lebenslust und amouröse Saiten zum Klingen. Man feiert, amüsiert sich und verliebt sich nicht immer zur Freude der dazu gehörenden Elternpaare. Wir schreiben das Jahr 1881 und bald schon müssen die jungen Burschen, die zur Elite des Landes gehören, in den Krieg ziehen. In Ägypten tobt der Aufruhr und im Sudan gibt es ebenfalls Rebellionen. Die Herrschaft über den Suezkanal, einer strategisch wichtigen Wasserstrasse, bestimmt die Mächte der jeweiligen Länder zum Eingreifen. Die politischen Verhältnisse sind konfus. Der Mahdi-Aufstand in Ägypten gegen die anglo–ägyptische Herrschaft führt zum Eingreifen Englands gegen die Aufständischen. Die jungen Offiziere ziehen für Königin Victoria und das englische Empire in den Krieg. Mit aller Härte werden sie in die grausame Realität des Krieges gestoßen.

Zurückgelassen haben sie Erinnerungen an lauschiges Liebesgeflüster, schönste Ballabende und so manches mehr…

Die jungen Frauen warten voller unerfüllter Sehnsüchte auf ihre Liebsten. Doch müssen sie vier lange Jahre auf die Rückkehr warten. Nichts bleibt in dieser langen Zeit ohne Spuren.

In einem schwelgerischen Ton mit vielen Worten und bunten Ausmalungen der Gärten, Kleider und des allgemeinen Ambientes überrascht dieser opulente Roman. Die Landadeligen haben ihre eigenen Formen und Regeln, an die man sich zu halten hat. Scharf sind die Augen der Erwachsenen auf das Tun und Treiben ihrer jungen Heranwachsenden gerichtet. So mancher Konflikt zwischen Alt und Jung blitzt dabei auf.

Zuweilen recht breit und in einem betont einfachen Stil geschrieben wird hier das Szenario einer verwöhnten englischen Gesellschaftsschicht aufgestellt. Da herrschten noch die Männer der Zeit gemäß in rauer Manier, und Frauen sind liebevolle, anschmiegsame Kätzchen ganz auf Heirat, Familie und Kinder programmiert. Konflikte deuten sich erst in den älter werdenden Ehen an. Doch gilt es im Laufe der langen Geschichte auch so manche Bewährungsprobe für alle Beteiligten zu meistern. Einst hatten sie nur fröhlich in den Tag hinein gelebt, nun reißt sie die brutale Wirklichkeit in den Strudel der Ereignisse.

Ein breites Gesellschaftsepos mit viel Herz, Schmerz, Abenteuer und Liebe wartet auf den Leser.

Der Roman gehört in die Kategorie der leichten Unterhaltung für kühle Ferientage. Er ist im besten Sinne ein Schmöker mit hohem Unterhaltungswert.

Nicole C.Vosseler
Jenseits des Nils
576 Seiten, gebunden
Bastei Lübbe, Juni 2012
ISBN-10: 3785724470
ISBN-13: 978-3785724477
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