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Autor: Claudine Borries

Gian Domenico Borasio: Über das Sterben

Gian Domenico Borasio: Über das Sterben

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Sterben und sterben lassen…

Ein Vielzahl von Besprechungen zu diesem  Buch zeigt das hohe Interesse am Thema „Sterben“. Wussten wir doch über lange Zeit nicht, wie und ob man überhaupt an das Thema herangehen sollte.

Mit der von Cicely Saunders in den sechziger Jahren ins Leben gerufenen Hospizbewegung in England begann sich im Leben der Menschen das Sterben zu verändern. Nicht mehr abgeschoben in entlegenen Räumen wie über lange Jahre üblich sollte der Tod stattfinden, sondern in freundlicher Umgebung und von liebevollen Menschen betreut wollte man das Lebensende erleichtern helfen.

Inzwischen hat sich die Hospizbewegung weiter verbreitet. In vielen Ländern gibt es Hospize, in denen der Mensch seinen Bedürfnissen gemäß im Endstadium des Lebens seinem Tod entgegen gehen darf. Parallel zur Hospizbewegung entwickelte sich die Palliativmedizin, eine das Sterben begleitende und erleichternde Medizin.  In zahlreichen Krankenhäusern gibt es inzwischen Palliativstationen, wo dem Sterbenden in seinem letzten Lebensabschnitt mit den zuweilen erbärmlichen Qualen Erleichterung geboten wird.

Gian Domenico Borasio ist einer von vielen Palliativmedizinern, der mit seinem hier vorliegenden Bericht über das Sterben sachlich, nüchtern und doch mit viel Empathie Auskunft gibt. Sein Werk ist nach Kapiteln geordnet, in denen medizinische,  sozialpsychologische und rechtliche Fragen angesprochen werden.

Borasio bringt eine gut strukturierte Zusammenfassung der Bedingungen, die Voraussetzung für einen sanften Tod sein können.

Nach seiner Auffassung gibt es einmal den rein physiologischen Vorgang des Sterbens. Es gibt aber darüber hinaus die viel bedeutenderen Aspekte des mental-gefühlsmäßigen Eingehens auf die Bedürfnisse des Sterbenden. Hier setzt Borasio an und zählt die vielen Möglichkeiten der Sterbebegleitung auf. Dazu gehört die menschlich-einfühlsame Gesprächshilfe des Arztes oder Hospizhelfers, zu der selbstverständlich ganz vordringlich die Medikamentenversorgung bei den vielfältig auftretenden Beschwerden eines Sterbenden gehört. Insbesondere die Angst- und Schmerzbekämpfung steht hier im Vordergrund des Interesses.

Tabus über das Sterben gibt es immer noch in einer unübersehbaren Vielzahl von Fällen. Diese zu beseitigen und das Gespräch mit dem Sterbenden und auch den Angehörigen zu ermöglichen gehört zu den Anliegen Borasios.

Wenn man das Buch gelesen hat, wünscht man sich sehr, dass man die entsprechenden Hilfen und Möglichkeiten für sich nutzen könnte. Doch gibt es nach wie vor nicht genügend Anlaufstellen für das letzte Stadium des Lebens, dem wir unweigerlich alle entgegen gehen.

Gian Domenico Borasio leistet mit seinem Buch einen wichtigen Schritt in Richtung Aufklärung über das individuelle Sterben und die damit verbundenen Voraussetzung für einen guten Tod. Mögen es viele Mediziner, Politiker und Betroffene lesen, damit jeder von uns in Würde und Frieden sterben darf.

Gian Domenico Borasio
Über das Sterben
207 Seiten, gebunden
C.H. Beck, 8. Auflage April 2012
ISBN-10: 3406617085
ISBN-13: 978-3406617089
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Tony Judt: Das Chalet der Erinnerungen

Tony Judt: Das Chalet der Erinnerungen

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Lebendige Erinnerung an gute Zeiten.

Kann man sich einen Ort der Glückseligkeit vorstellen?
Man kann, denn alles hängt von den Umständen ab, in denen man „Glück“ empfindet.

Tony Judt erkrankte zwei Jahre vor den Aufzeichnungen seiner hier vorliegenden Erinnerungen an ALS, amyotropher Lateralsklerose, an deren Folgen er 2010 verstorben ist.

Die Krankheit verdammt den daran Erkrankten zu fortschreitender Bewegungsunfähigkeit und schließlich dem Verlust der Sprache. Sachlich und nüchtern beschreibt Tony Judt die Vorbereitungen für die Nacht, in der er stundenlang wach liegt, sich nicht kratzen oder aus unbequemer Lage selbstständig befreien kann. Niemand wird ermessen können, wie schrecklich es ist, in totaler Anhängigkeit von Pflegern und Hilfskräften zu leben. In sich eingeschlossen bleibt der Kranke ganz allein. Im Gegensatz zu vielen anderen neurologischen Erkrankungen bleibt dem ALS Kranken aber eine wache mentale Erlebnisfähigkeit.

In seinen einsamen Nächten trösten Tony Judt die Erinnerungen an sein Leben, dass er Kapitel für Kapitel an seinem inneren Auge vorbeiziehen lässt.

Er ist das Kind nach England eingewanderter Juden, die jedoch ihr Judentum nicht praktizierten. Zeitweise wuchs er bei seinen Großeltern auf. Während die Eltern noch der unteren Mittelschicht angehörten, wuchs Tony Judt nach dem Studium der Geschichte zu einem aufgeklärten, klugen und kritischen Denker heran. Er befasste sich intensiv mit osteuropäischer Geschichte und lehrte an verschiedenen Universitäten in England und Amerika, zuletzt in New York.

Mit den Eltern war er als Kind zum Skiurlaub in einem Chalet in der Schweiz. Das Chalet wird in seiner Phantasie zu einem „Ort der Glückseligkeit“. Er ordnet seine Erinnerungen verschiedenen Räumlichkeiten zu, so dass er sie am Morgen dort abrufen und seinem Helfer auf seine Weise diktieren kann.

Nach der Schulzeit, die er als freudlos schildert, erwirkt er sich seine eigene Freiheit durch kleine Ausflüge mit Bussen durch die Londoner City. Als kritischen Studenten erlebt man ihn in einem Kibbutz in Israel, von wo er schließlich zum Studium nach England zurückkehrt.

Mit seinen nächtlichen Erinnerungsgeschichten begibt sich Tony Judt noch einmal in die Zeit gesellschaftlicher Umbrüche der Nachkriegszeit und in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie sind gekennzeichnet durch Studentenaufstände, Antikriegsdemonstrationen, die sexuelle Revolution und das zunehmende Bewusstsein einer auf Reflexionen beruhenden Auseinandersetzung mit den jeweils herrschenden Ideologien und parteipolitischen Richtungen, die das Jahrhundert prägten. Die Diktion von Tony Judt ist klar und einnehmend verständlich. In wunderbarer Weise meldet sich der Todkranke zu Wort, um das Fazit seines Lebens zu beschließen, das ihn so ganz lebendig und Anteil nehmend am Weltgeschehen zeigt.

Poetisch und leise verabschiedet er sich von der Welt wieder in Gedanken in einem Zug in der Schweiz: „Wir können uns nicht aussuchen, wo unser Leben beginnt, aber vielleicht, wo es zu Ende geht. Ich weiß, wo ich sein werde: in diesem kleinen Zug, unterwegs ohne bestimmtes Ziel, einfach unterwegs.“

Tony Judt
Das Chalet der Erinnerungen
224 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Februar 2012
ISBN-10: 3446238158
ISBN-13: 978-3446238152
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Georg M. Oswald: Unter Feinden

Georg M. Oswald: Unter Feinden

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Spurensuche mit fraglichem Erfolg.

In diesem ungewöhnlichen Krimi spielen die Ermittler die Hauptrolle.

Schreckliches ist passiert: Kessler, einer der Ermittler in einem Observierungsfall, hat einen Unfall verursacht. Absicht oder Zufall?  Mit seinem Kollegen Diller beobachtete er von einem Auto aus ein Fenster, ohne dass sie zu einem Ziel gekommen sind.

Unten auf der Strasse aber spielte die Musik: „Arabs“ spielen Basketball. Kessler, das merkt der Leser schnell, ist selber drogensüchtig. Er steigt aus dem Wagen, um einen heiß ersehnten „Schuss“ bei den jungen Dealern arabischer Herkunft zu ergattern. Keine gute Voraussetzung für einen Polizisten, in seinem Job zu reüssieren!

Die beiden verdeckten Ermittler geraten danach in eine sehr missliche Lage, die sie ihren Job kosten könnte.

Die ganze Geschichte spielt in München, wo demnächst eine Sicherheitskonferenz stattfinden soll.

Mit Spannung wartet man darauf, wie sich Kessler und Diller, die durch die obigen Vorfälle in einen unheimlichen Verdacht geraten sind, aus der Zielgruppe der Verdächtigen retten wollen. Daneben geht es in der Geschichte um Terroristen, um Araber, um Täuschungen und Lügen, in denen sich ein ganzes Netz von Kriminellen vereint finden. Mitten im Geschehen agieren immer wieder Diller und Kessler. Sie sind über eine lange Jahre zurückliegende Straftat mit einander verbunden, die tief in ihr Privatleben reicht.

Georg Oswald kennt sich aus. Er hat einen Thriller von hohem Niveau geschrieben. Man liest die Geschichte wie einen Film und verliert zuweilen fast den Faden. Das Milieu und die Handlung wirken echt und überzeugend, denn Gerechtigkeit und Aufklärung sind nicht immer zu finden. Mit Spannung wartet man auf den Schluss, der überraschend und verblüffend ist.

Oswald ist selber Anwalt und hat sich als Autor mit gesellschaftskritischen Geschichten und Essays hervorgetan. Subtil, gewitzt und anspruchsvoll kommt sein Krimi daher und erfüllt alle Erwartungen an einen diffizilen und tiefgründigen Thriller.

Georg M. Oswald
Unter Feinden
256 Seiten, gebunden
Piper, 2. Auflage, Januar 2012
ISBN-10: 3492053831
ISBN-13: 978-3492053839
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Stefan Merrill Block: Aufziehendes Gewitter

Stefan Merrill Block: Aufziehendes Gewitter

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Psychogramm einer desolaten Paarbeziehung.

Der siebenjähriger Stefan Merrill Block will Lastwagenfahrer werden! Das beschließt er nach einer Fahrt und Unterhaltung mit einem Lastwagenfahrer, der die Familie zum Haus der Großmutter fährt.
Was erwartet ihn dort?
Das verrottete Haus der Großmutter liegt an einem See im Wald. Dort verbrennt die Großmutter gerade die Briefe ihres Mannes Frederick.
So beginnt eine irrwitzige Familiengeschichte, die von einer starken Großmutter und einem ziemlich verrückten Großvater handelt.

Was war passiert?
Frederick hat angetrunken an einer viel befahrenen Straße exhibiert und ist dafür in eine Heilanstalt für Geisteskranke eingewiesen worden. Was er nicht weiß: weil er von der Polizei eingewiesen wurde, hat er nicht die Selbsteinweisung unterschrieben. Er kann so nur mit Einwilligung des leitenden Psychiaters entlassen werden. Dieser ist nicht gewillt, die Entlassung zu befürworten.

Ähnlich wie in der Geschichte „.. Einer flog über das Kuckucksnest“ wird hier von einem Fall berichtet, der durch das Labyrinth einer Institution der Psychiatrie führt.

Frederick ist manisch- depressiv. Seine Frau Katharine hat früh bemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Doch sie hat es bisher immer verstanden, die Ausfälle ihres Mannes zu entschuldigen oder zu vertuschen. Jetzt, anlässlich eines gemeinsamen Wochenendes mit Freunden, muss sie sich der Wahrheit stellen, dass Frederick krank ist und der Hilfe bedarf.

Damit beginnt der Bericht einer unglaublichen Geschichte. Still gestellt und der Willkür eines ehrgeizigen Anstaltsleiters ausgesetzt erfährt Frederick die ganzen Schrecknisse der Institution „Psychiatrie“. In dieser Einrichtung wird dem Patienten die letzte Würde geraubt, und er fühlt sich der infamen Behandlung von Ärzten ausgesetzt, die zuweilen selber nicht frei sind von psychischen Störungen.

Ihres Willens beraubt gehört ein hohes Maß von Intelligenz der Patienten dazu, sich in die Strukturen der Institution hineinzuversetzen, um einen Ausweg aus der Kasernierung zu finden. In großartigen Szenen stellt uns der Bericht vor die Wahl: sich auf die Seite des eitlen und ehrgeizigen Dr. Canon zu stellen oder mit Wut und Empörung auf die Zumutung der Behandlung zu reagieren.

Äußerst feinsinnig und tiefenscharf werden die psycho-dynamischen Beziehungsmuster zwischen Gesunden und Kranken analysiert. Die Trennlinie zwischen beiden ist selten klar sondern eher fließend in ihrer Unergründlichkeit.

Stefan Block versteht etwas von den zwischenmenschlichen Abartigkeiten und ihren Abgründen. Sein Roman ist der wahren Familiengeschichte seiner Großeltern entnommen und wirkt überzeugend und eindringlich in ihrem Wahrheitsgehalt. Intelligent, witzig und mit der nötigen Distanz vermag er Zusammenhänge aufzuzeigen, die den Leser stark anrühren. Eine Familiengeschichte wird in der Rückschau lebendig, in der es Liebe, Hass, Krankheit,  menschliches Versagen und immer wieder auch Hoffnung gab.

Einmal mehr zeigt ein amerikanischer Erzähler seine herausragende Fähigkeit, aus dem wahren Leben eine faszinierende Studie zu machen. Stefan Merrill Block steht mit diesem Roman in der Tradition anderer bekannter amerikanischer Autoren wie Jeffrey Eugenides, Jonathan Franzen, Richard Powers, Elizabeth Strout und noch vielen anderen. Ein gelungenes Meisterwerk von poetischer Aussagekraft mit sachlichem Hintergrundwissen ist dem Autor Stefan Merrill Block gelungen.

Stefan Merrill Block
Aufziehendes Gewitter
384 Seiten, gebunden
Piper, März 2012
ISBN-10: 3492054536
ISBN-13: 978-3492054539
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Zülfü Livaneli: Roman meines Lebens

Zülfü Livaneli: Roman meines Lebens

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Leben und arbeiten unter den Bedingungen politischer Repression.

Schon in seinem Roman „Glückseligkeit“ konnte man von Zülfü Livaneli einiges erfahren zur Befindlichkeit und zu den Lebensumständen in der Türkei während der letzten vierzig Jahre.

In dieser Romanbiographie steht er selbst im Mittelpunkt seiner Erzählung.

Livaneli ist als bekannter Liedermacher, Komponist, Sänger, Filmemacher und Schriftsteller zu Berühmtheit gelangt. Er berichtet, wie problematisch das Leben in der von verschiedenen zivilisatorischen Einflüssen geprägten Türkei auch heute noch ist.

Livaneli ist ein aufgeklärter Europäer, der sich mit den politisch prekären Verhältnissen in seinem Land nicht anfreunden konnte. Zu viele Freunde und Kollegen sind ihm im Laufe der Jahre durch sich wiederholende politische Umbrüche verloren gegangen. Er selber saß mehrfach im Gefängnis und verbrachte 11 Jahre im Exil in Schweden, später in Frankreich und zuletzt in Griechenland. Die Liebe zu seinem Land und ihren Menschen aber ist ihm immer geblieben. Er sieht die Licht- und die Schattenseiten, die durch unterschiedliche Mentalitäten und krasse Strukturen verdeutlicht werden. Wie immer sind es gerade die in der Öffentlichkeit stehenden Künstler und Intellektuellen, die unter autoritären Regierungen um ihr Leben fürchten müssen. Gehört doch zu ihrer Profession die kritische Reflexion, die gerade von Autokraten gefürchtet wird.

Zülfü Livaneli berichtet von Freunden, Politikern und Kollegen, die sich den Vorschriften ihrer Regierungen nicht beugen mochten und so in ihrer Lebensform beeinträchtigt wurden. Seine Erzählweise ist intensiv und leidenschaftlich und zeigt ihn als engagierten Künstler, der neben der eigenen Kunst immer auch das Leben in der Türkei im Blick behält. Warmherzig und liebevolle zeichnet er die Bilder derer, die ihm am Herzen liegen.

Im Laufe seines Lebens schloss er zahlreiche Freundschaften mit bekannten Komponisten, Schriftstellern und Künstlern im In-und Ausland. Eine beeindruckende Zuneigung und Arbeitsgemeinschaft verband ihn mit Mikis Theodorakis, mit dem er die Feindschaft zwischen der Türkei und Griechenland zu überwinden trachtete. Illustre Namen tauchen in seinen Erinnerungen auf und man gewinnt den Eindruck, dass er wirklich eine Art Kosmopolit wurde.

Das Leben schreibt die interessantesten Romane. Das von Zülfü Livaneli gelebte Leben gehört zu den wirklich lesenswerten dieses Genres.

Er zeigt uns ein Stück türkischer Gegenwartsgeschichte.

Die Abneigung in der EU, die Türkei in ihre Gemeinschaft aufzunehmen, wird verständlich, wenn man von den Repressionen gegen anders Denkende und von der strengen islamischen Ausrichtung des Staates liest.

Der mit zahlreichen nationalen und internationalen Auszeichnungen und politischen Aufgaben bedachte Autor Zülfü Livaneli lebt seit 1984 wieder in der Türkei.

Zülfü Livaneli
Roman meines Lebens
Ein Europäer vom Bosporus
364 Seiten, gebunden
Klett-Cotta, Februar 2011
ISBN-10: 3608938958
ISBN-13: 978-3608938951
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Viveca Sten: Die Toten von Sandhamn

Viveca Sten: Die Toten von Sandhamn

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Dieses ist bereits der dritte Fall von Thomas Andreasson. Schon die beiden ersten Bände dieser Krimireihe von Viveca Sten lösten Begeisterung aus.

Dieses Mal wird der Kommissar zu einem Fundort mit Leichenteilen, genauer gesagt: einem abgetrennten Arm, gerufen. Es scheint sich um die zwanzigjährige tote Lena zu handeln, Tochter der Roséns, die seit vier Monaten vermisst wird.

Einzelheiten über die Bewohner der Insel Sandhamn spielen wie immer eine wichtige Rolle. So erfahren wir, wie es mit der Ehe von Nora und Henrik weiterging, einem Paar, das schon lange in einer zerrütteten Ehe gelebt hat. Die Kinder der Paare und ihre Freunde sind wichtige Protagonisten; über sie erfährt man etwas von dem gemütlichen Leben auf der Insel. Es sind neben den Alteingesessenen die begüterten Bürger, die hier ihre Sommerhäuser besitzen. Nora ist aus Wut über die Untreue ihres Mannes gerade jetzt im Winter auf die Insel geflüchtet. Doch auch diese Jahreszeit besitzt ihre Reize. Nur fanden leider ihr Söhne Adam und Simon die Leichenteile! Was für ein Schock!

Parallel verläuft die Geschichte von Gottfrid und Vendela fast hundert Jahre früher. Sie sind ein zerrüttetes Ehepaar mit dem unsympathischen Sohn Thorwald, einem verstockten und eingeschüchtertem Kind, und der von Gottfrid heiß geliebten Tochter Kristina. Wie diese Familie mit den Ereignissen auf Sandhamn im Jahr 2007 verzahnt wird , das ist die Kunst der hervorragenden Krimiautorin Viveca Sten. Sie verzaubert mit herausragenden Milieubeschreibungen, die sich am Wetter, dem Himmel und dem Klima festmachen. Düstere Familiengeheimnisse, grausamer Erziehungsmissbrauch und ein ungerechter, cholerischer Vater bestimmen die Handlung um 1920. Nun, im Jahr 2007, fügt sich alles zu einem Krimi zusammen, der es in sich hat.

Hoffentlich gesundet der während einer Verfolgungsjagd schwer unterkühlte Thomas Andreasson, damit wir noch in vielen weiteren Krimis von seinen Taten hören dürfen!

Viveca Sten schreibt packend und weckt Neugierde, so dass man ihre Bücher nicht aus der Hand legen mag!

Viveca Sten
Die Toten von Sandhamn
352 Seiten, broschiert
Kiepenheuer & Witsch, Mai 2012
ISBN-10: 3462043889
ISBN-13: 978-3462043884
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Louise de Vilmorin: Madame de

Louise de Vilmorin: Madame de

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Man sieht die beiden verführerisch und lasziv in eleganter Aufmachung beim Tanz. Verführerisch und lasziv ist die ganze Geschichte, die uns hinter die Kulissen des Adels in Frankreich Mitte der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts entführt, und die von Max Ophüls 1953 verfilmt wurde.

Madame de ist eine adelige Dame, elegant und anziehend und das Schmuckstück einer jeden Gesellschaft. Stilvoll und berückend scheut sie keine Ausgaben, um ihr Äußeres zu verbessern. Ihr verschwenderischer Lebensstil hat sie in hohe Schulden getrieben. Sie verkauft in ihrer Not Ohrringe in Herzform aus Diamanten an einen Juwelier, der ihr Stillschweigen über den Ankauf verspricht. Die Ohrringe waren das Hochzeitsgeschenk ihres Mannes! Wie die Dinge so laufen, kommt dieses Schmuckstück auf Umwegen an die Verkäuferin zurück, die sich inzwischen unsterblich in einen Diplomaten verliebt hat.

Louise de Vilmorin kennt die Kreise, in denen Madame verkehrt und weiß um die Gelüste, die ein langweiliges Gesellschaftsleben in den Teilnehmern dieser Kreise auslösen. Leidenschaften, die vielleicht gar keine sind, befallen die angeödeten Damen auf der Jagd nach Abwechslung. Gekonnt spielt die Autorin auf der Klaviatur der gesellschaftlichen Geflogenheiten und entwirft das Bild einer Epoche, in der Umgang und Beziehungen alles waren. Madame de versteckt ihre Amouren geschickt vor den Augen ihres Mannes, ist aber innerlich zerrissen von dem missglückten Spiel, dass sie mit ihrem Ehemann und dem geliebten Diplomaten spielt. Liebe und Eifersucht sind die Triebfedern für ein Geschehen, in dem sich am Ende alle verfangen.

Mit wenigen Skizzen nur zeichnet Louise de Vilmorin ein Gesellschaftsbild, in dem neben der Geselligkeit Fantasien freisetzt werden, die nur zum Unglück führen können.

De Vilmorin erinnert mit ihrer Geschichte an die großen Vorbilder Maupassant, Flaubert und Balzac. Gibt es doch von Maupassant die Geschichte „Der Schmuck“, in der wie hier ein Schmuckstück zur Überführung einer ungetreuen Ehefrau führt.

Liebesschmachten, Herzgeschichten, Langeweile und die stolze Gesellschaft einer verwöhnten Klasse bilden den Hintergrund für die Geschichte. Die Raffinesse, mit der die Autorin Gefühle aufzeigt und die Not der verbotenen Liebe beschreibt, ist unübertroffen.

Man liest die Geschichte mit nostalgischen Gedanken an eine Zeit, in der romantische, leidenschaftliche und in ihren Auswüchsen zuweilen tragisch endende Liebesehnsüchte den Alltag bestimmten. Konventionen und Haltung galten viel und waren die Voraussetzung dafür, dass man weiterhin „dazu gehörte“.

Es handelt sich bei der Novelle um eine hübsch inszenierte und fein ausgesponnene Geschichte, die durch die äußere Aufmachung des Büchleins aus dem Dörlemann Verlag noch den Geschmack des kultivierten Lesers anspricht. Die Übersetzung von Patricia Klobusiczky krönt das kleine Meisterwerk.

Louise de Vilmorin war selber mit berühmten Männern ihrer Zeit liiert und gehörte zu Klasse des Adels. Sie starb 1969.

Louise de Vilmorin
Madame de
128 Seiten, gebunden
Dörlemann, Februar 2012
ISBN-10: 3908777747
ISBN-13: 978-3908777748
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Milena Michiko Flasar: Ich nannte ihn Krawatte

Milena Michiko Flasar: Ich nannte ihn Krawatte

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Fremd in der eigenen Haut.

Geheimnisvoll und beunruhigend beginnt der vorliegende Roman von Milena M. Flasar, der uns in die Weisheit, das Leben und die Mentalität japanischen Lebens einführt.

Jeder kennt die Bilder der schweigenden Duldsamkeit, mit denen Japaner Naturkatastrophen und das bekannte Atomunglück in Fukushima hingenommen haben.

Hier begegnen wir zwei Männern, der eine jung, der andere alt, die sich täglich auf einer Parkbank begegnen. Sie schweigen. Erst nach und nach beginnen sie in wenigen Worten, später auch Sätzen, ein Gespräch mit einander.

Wie sind sie in ihre jetzige Lage gekommen?

Zwei Gescheiterte scheinen sich hier einander anzunähern. Stumm und in ihren eigenen Gedanken gefangen erfährt man erst allmählich von ihrem Schicksal. Mit assoziativen Einfällen und langsam sich öffnenden Herzen erfahren die beiden Männer, wie sie an den Rand der Gesellschaft geraten sind. Bei dem einen war der Tod eines Mitschülers die schockierende Ursache, beim anderen der Verlust der Arbeitsstelle.

Ohara Tetsu unterbricht als erster das lange Schweigen. Sein Gegenüber ist Taguchi Hiro. Letzterer ist ein verstörter Schüler, der die Schule abgebrochen hat und sein Leben in der Höhle seines Zimmers fristet. Hikikomori heißen diese Schüler, die der Welt den Rücken kehren und sich im Elternhaus verstecken. Sie bilden eine schwere Prüfung für Väter und Mütter, die nach außen den Schein wahren möchten und von einer langen „Auslandreise“ sprechen, wenn Angehörige oder Nachbarn nach dem Verschwundenen fragen.

Der „Salaryman“, ein ehemaliger Firmenangestellter, zeichnet sich durch korrekte Arbeitskleidung und eine Krawatte aus. Seine Frau soll nicht wissen, dass er arbeitslos geworden ist. Er ist ein liebevoller Ehemann, der jedoch dem Leistungsdruck der nachrückenden jüngeren Generation in der Firma nicht mehr gewachsen war.

Man weiß, dass Japaner in der Tat schweigsam sind, höflich und korrekt. Diese Männer, der alte und der junge, klagen und zetern nicht: sie nehmen stillschweigend ihr Unglück hin, dass jeden von ihnen zum einsamen Außenseiter gemacht hat. Erst allmählich lösen sich die Zungen, und die trostlosen Erfahrungen, von denen man hört, wollen schier kein Ende nehmen.

Der Leser bekommt ein Bild von dem Arbeitsdruck in den Firmen und erfährt von der öffentlichen Schande, die das Herausfallen aus allen Lebensmustern mit sich bringt. Geheimnisvoll und vielsagend beschreibt die Autorin, wie die beiden Außenseiter Konfliktsituationen und Schicksalsschläge vergeblich in den Griff zu bekommen trachten. Vor uns breitet sich ein fremde Mentalität und innere Verschlossenheit aus.

Besinnlich, nachdenklich und zart gesponnen entwickelt die Autorin ihren Romanstoff, der doch einen Teil japanischer Realität widerspiegelt.

Die Geschichten der beiden Hauptprotagonisten verdichten sich zu einer empfindsamen und traurigen Erzählung, in der sehr viel inneres Leid steckt. Mit poetischen Bildern untermauert M. M. Flasar noch die äußere Schönheit der Welt mit dem inneren Zerfall der Unglücksraben.

Eine stille, ruhige  und nachdenklich gestaltete Erzählung erwartet den Leser, der auf diese Weise ein Bild vom japanischen Leben bekommt.

Milena Michiko Flasar
Ich nannte ihn Krawatte
144 Seiten, gebunden
Verlag Klaus Wagenbach, Januar 2012
ISBN-10: 380313241X
ISBN-13: 978-3803132413
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Jakob Augstein: Die Tage des Gärtners

Jakob Augstein: Die Tage des Gärtners

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Gärtnern mit Humor und Einfallsreichtum!

Wer sich etwa ein Gärtnerhandbuch mit handwerklichen Hinweisen erhofft, der wird über diese Lektüre zunächst verwundert sein.

Schon in der Einleitung bemerkt der geneigte Leser, dass hier ein Autor mit Genuss und Freude, viel Witz und Humor seine Erfahrungen als Gärtner niedergeschrieben hat. Man kann nicht umhin, immer wieder in schmunzelndes Lachen zu verfallen bei den Einfällen, der Diktion und dem unverstellten Blick auf die Wirklichkeit des Gärtnerns.

Mit klugem Blick leitet Jakob Augstein seine Betrachtungen über den Garten mit der Beschaffenheit des Bodens, den Wünschen des Gartenbesitzers, der Artenvielfalt und der Planung des ganzen Unternehmens ein. Da wirft er auch mal einen kurzen Blick auf verfeindete Nachbarn und tote Hausbesitzerinnen, deren Gärten verkommen. Das alles in einem höchst trockenen und amüsierten Ton, mit dem er die Leserinnen und Leser anspricht. „Ein Garten ist ja nicht wie ein Kind. Das wächst und geht irgendwann aus dem Haus. Der Garten bleibt immer da. Will immer bekümmert werden. Und wenn Sie nachlassen, straft er sie unmittelbar mit Verwilderung. Wollen Sie das wirklich?“

In diesem Sprachwitz geht es munter weiter; vom Herbst bis zum Winter mit dem leise knisternden Holz im Kamin,–aber man sehe sich vor: leicht hat man beim Zerhacken des Holzes ein Loch im Bein!

Der gebildete Jakob Augstein spart nicht mit Zitaten von Hebbel bis Cézanne, aus der Bibel und mit Psalmen und indirekten Hinweisen auch auf Rousseau wie der Garten und der Himmel und die Menschen zusammen passen. Dabei gibt es auch handwerklich genaue Beschreibungen von Blumennamen, ihrer Farbe, Beschaffenheit und der Anordnung zu einem bunten Ganzen.

Ein langes Kapitel ist den Unkräutern und besonders dem Unkraut “Giersch“ gewidmet, von dem jeder stolze Gartenbesitzer ein Liedlein zu singen weiß!

Dieses fast in einem unendlichen Monolog verfasste Brevier unterhält auf höchstem Niveau. Es ist im besten Sinne mit dem englischen Ausdruck „sophisticated“ zu charakterisieren.

Die herrliche Aufmachung mit den grün dahin getupften Zeichnungen von Nils Hoff gerät zu einem wahren Lesegenuss für den Garten- und Literaturfreund! Unbedingt vormerken als Geschenk oder zur eigenen Freude!

Jakob Augstein
Die Tage des Gärtners
272 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag
ISBN-10: 3446238751
ISBN-13: 978-3446238756
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Sigrid Damm: Wohin mit mir

Sigrid Damm: Wohin mit mir

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Rom: Ziel eines ungewöhnlichen Studienaufenthalts.

Sigrid Damm bekommt für das letzte Jahr des 20. Jahrhunderts eine Einladung zu einem Stipendium in die Casa di Goethe in Rom. Sie war zuerst nicht besonders erbaut davon. Aber kann man ein solches Angebot überhaupt ausschlagen? Gerade hatte sie die Weite des Nordens für sich entdeckt, wo sie Ruhe und die Unendlichkeit spüren konnte. Nun also Rom!

Wir folgen ihr auf eine Reise, die sie auf einer längeren Autotour in den fernen Süden entführt. Sie durchquert mit ihrem Sohn die Alpen und erlebt die herrliche Landschaft der Toskana. Als die beiden Rom erreichen, wird ihr sehr bald bewusst, dass sie in einer heißen und hektischen Stadt leben wird. Die Abgase und der unerträgliche Lärm stören, so dass sie nahe daran ist, den Aufenthalt abzubrechen. Doch überall trifft sie auf Goethes Spuren, hört seine Texte im Geist und besucht den Friedhof, wo August Goethe begraben liegt, der schon früh, im Alter von vierzig Jahren, dahin gerafft wurde. Dann trifft sie eine deutsche Buchhändlerin und das alte Ehepaar Fulio und Anna. Sie sieht die Bilder von Caravaggio und entdeckt bei ihren Besuchen in den zahlreichen Kirchen den sakralen Bilderreichtum und die antiken Schätze in der ewigen Stadt.

Ihre Eindrücke zeugen von feiner Wahrnehmung und neugieriger Erkundung einer für sie nur aus den Schriften Goethes bisher erfahrenen fremdländischen Welt. Es fällt ihr sichtlich schwer, sich auf die Landschaft und die Menschen mit ihrem lärmenden Leben einzulassen. Doch hat sie eine fast sinnliche Vorgehensweise, sich den Bildern und Menschen zu nähern. Nachdenklich, den Düften und Spuren der Vergangenheit nachsinnend, nähert sie sich allmählich der Schönheit und dem Fluidum dieser lauten und überwältigenden Stadt. Zwischendrin sehnt sie die Weite und Kühle des Nordens herbei, ihrer Wahlheimat in Nordschweden!

Unausbleiblich erfährt sie die Annäherung an Menschen, die sie zu Freunden gewinnt.

Mit diesem Buch bietet sie zum ersten Mal Einblicke in ihr Leben und ihre persönlichsten Erfahrungen. Diskret und scheu auch bei diesen Bekenntnissen offenbart sie den Charakter einer offenen und sensiblen Kennerin von Kunst, Literatur und Menschen.

Wer noch nicht in Rom war, kann dieses Buch durchaus als Reiseführer benutzen. Wer schon dort war, wird vieles wieder erkennen und womöglich mit neuen Blicken anschauen, denn die Intensität, mit der sich Sigrid Damm in die Kunstwerke vertieft, ist enorm.

Sie ist eine in sich eingesponnene Erzählerin. Die Öffentlichkeit meidet sie, und die zahlreichen anstrengenden Lesereisen sieht sie als notwendiges Übel an. Doch wie sie, die ausgewiesene Goethekennerin, sich die Stadt Rom erobert und in die Gegebenheiten der italienischen Lebensart eintaucht, das zeugt von einer bemerkenswerten Einfühlungsgabe und dem Geist einer wachen Beobachterin. Wie mit allen ihren Büchern, vorwiegend über die Frauen und Männer der Weimarer Klassik, wird sie auch mit diesem Buch hohes Interesse bei ihren Leserinnen und Lesern finden.

Sigrid Damm
Wohin mit mir
286 Seiten, gebunden
Insel Verlag, März 2012
ISBN-10: 3458175296
ISBN-13: 978-3458175292
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