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Autor: Claudine Borries

Milena Michiko Flasar: Ich nannte ihn Krawatte

Milena Michiko Flasar: Ich nannte ihn Krawatte

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Fremd in der eigenen Haut.

Geheimnisvoll und beunruhigend beginnt der vorliegende Roman von Milena M. Flasar, der uns in die Weisheit, das Leben und die Mentalität japanischen Lebens einführt.

Jeder kennt die Bilder der schweigenden Duldsamkeit, mit denen Japaner Naturkatastrophen und das bekannte Atomunglück in Fukushima hingenommen haben.

Hier begegnen wir zwei Männern, der eine jung, der andere alt, die sich täglich auf einer Parkbank begegnen. Sie schweigen. Erst nach und nach beginnen sie in wenigen Worten, später auch Sätzen, ein Gespräch mit einander.

Wie sind sie in ihre jetzige Lage gekommen?

Zwei Gescheiterte scheinen sich hier einander anzunähern. Stumm und in ihren eigenen Gedanken gefangen erfährt man erst allmählich von ihrem Schicksal. Mit assoziativen Einfällen und langsam sich öffnenden Herzen erfahren die beiden Männer, wie sie an den Rand der Gesellschaft geraten sind. Bei dem einen war der Tod eines Mitschülers die schockierende Ursache, beim anderen der Verlust der Arbeitsstelle.

Ohara Tetsu unterbricht als erster das lange Schweigen. Sein Gegenüber ist Taguchi Hiro. Letzterer ist ein verstörter Schüler, der die Schule abgebrochen hat und sein Leben in der Höhle seines Zimmers fristet. Hikikomori heißen diese Schüler, die der Welt den Rücken kehren und sich im Elternhaus verstecken. Sie bilden eine schwere Prüfung für Väter und Mütter, die nach außen den Schein wahren möchten und von einer langen „Auslandreise“ sprechen, wenn Angehörige oder Nachbarn nach dem Verschwundenen fragen.

Der „Salaryman“, ein ehemaliger Firmenangestellter, zeichnet sich durch korrekte Arbeitskleidung und eine Krawatte aus. Seine Frau soll nicht wissen, dass er arbeitslos geworden ist. Er ist ein liebevoller Ehemann, der jedoch dem Leistungsdruck der nachrückenden jüngeren Generation in der Firma nicht mehr gewachsen war.

Man weiß, dass Japaner in der Tat schweigsam sind, höflich und korrekt. Diese Männer, der alte und der junge, klagen und zetern nicht: sie nehmen stillschweigend ihr Unglück hin, dass jeden von ihnen zum einsamen Außenseiter gemacht hat. Erst allmählich lösen sich die Zungen, und die trostlosen Erfahrungen, von denen man hört, wollen schier kein Ende nehmen.

Der Leser bekommt ein Bild von dem Arbeitsdruck in den Firmen und erfährt von der öffentlichen Schande, die das Herausfallen aus allen Lebensmustern mit sich bringt. Geheimnisvoll und vielsagend beschreibt die Autorin, wie die beiden Außenseiter Konfliktsituationen und Schicksalsschläge vergeblich in den Griff zu bekommen trachten. Vor uns breitet sich ein fremde Mentalität und innere Verschlossenheit aus.

Besinnlich, nachdenklich und zart gesponnen entwickelt die Autorin ihren Romanstoff, der doch einen Teil japanischer Realität widerspiegelt.

Die Geschichten der beiden Hauptprotagonisten verdichten sich zu einer empfindsamen und traurigen Erzählung, in der sehr viel inneres Leid steckt. Mit poetischen Bildern untermauert M. M. Flasar noch die äußere Schönheit der Welt mit dem inneren Zerfall der Unglücksraben.

Eine stille, ruhige  und nachdenklich gestaltete Erzählung erwartet den Leser, der auf diese Weise ein Bild vom japanischen Leben bekommt.

Milena Michiko Flasar
Ich nannte ihn Krawatte
144 Seiten, gebunden
Verlag Klaus Wagenbach, Januar 2012
ISBN-10: 380313241X
ISBN-13: 978-3803132413
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Jakob Augstein: Die Tage des Gärtners

Jakob Augstein: Die Tage des Gärtners

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Gärtnern mit Humor und Einfallsreichtum!

Wer sich etwa ein Gärtnerhandbuch mit handwerklichen Hinweisen erhofft, der wird über diese Lektüre zunächst verwundert sein.

Schon in der Einleitung bemerkt der geneigte Leser, dass hier ein Autor mit Genuss und Freude, viel Witz und Humor seine Erfahrungen als Gärtner niedergeschrieben hat. Man kann nicht umhin, immer wieder in schmunzelndes Lachen zu verfallen bei den Einfällen, der Diktion und dem unverstellten Blick auf die Wirklichkeit des Gärtnerns.

Mit klugem Blick leitet Jakob Augstein seine Betrachtungen über den Garten mit der Beschaffenheit des Bodens, den Wünschen des Gartenbesitzers, der Artenvielfalt und der Planung des ganzen Unternehmens ein. Da wirft er auch mal einen kurzen Blick auf verfeindete Nachbarn und tote Hausbesitzerinnen, deren Gärten verkommen. Das alles in einem höchst trockenen und amüsierten Ton, mit dem er die Leserinnen und Leser anspricht. „Ein Garten ist ja nicht wie ein Kind. Das wächst und geht irgendwann aus dem Haus. Der Garten bleibt immer da. Will immer bekümmert werden. Und wenn Sie nachlassen, straft er sie unmittelbar mit Verwilderung. Wollen Sie das wirklich?“

In diesem Sprachwitz geht es munter weiter; vom Herbst bis zum Winter mit dem leise knisternden Holz im Kamin,–aber man sehe sich vor: leicht hat man beim Zerhacken des Holzes ein Loch im Bein!

Der gebildete Jakob Augstein spart nicht mit Zitaten von Hebbel bis Cézanne, aus der Bibel und mit Psalmen und indirekten Hinweisen auch auf Rousseau wie der Garten und der Himmel und die Menschen zusammen passen. Dabei gibt es auch handwerklich genaue Beschreibungen von Blumennamen, ihrer Farbe, Beschaffenheit und der Anordnung zu einem bunten Ganzen.

Ein langes Kapitel ist den Unkräutern und besonders dem Unkraut “Giersch“ gewidmet, von dem jeder stolze Gartenbesitzer ein Liedlein zu singen weiß!

Dieses fast in einem unendlichen Monolog verfasste Brevier unterhält auf höchstem Niveau. Es ist im besten Sinne mit dem englischen Ausdruck „sophisticated“ zu charakterisieren.

Die herrliche Aufmachung mit den grün dahin getupften Zeichnungen von Nils Hoff gerät zu einem wahren Lesegenuss für den Garten- und Literaturfreund! Unbedingt vormerken als Geschenk oder zur eigenen Freude!

Jakob Augstein
Die Tage des Gärtners
272 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag
ISBN-10: 3446238751
ISBN-13: 978-3446238756
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Sigrid Damm: Wohin mit mir

Sigrid Damm: Wohin mit mir

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Rom: Ziel eines ungewöhnlichen Studienaufenthalts.

Sigrid Damm bekommt für das letzte Jahr des 20. Jahrhunderts eine Einladung zu einem Stipendium in die Casa di Goethe in Rom. Sie war zuerst nicht besonders erbaut davon. Aber kann man ein solches Angebot überhaupt ausschlagen? Gerade hatte sie die Weite des Nordens für sich entdeckt, wo sie Ruhe und die Unendlichkeit spüren konnte. Nun also Rom!

Wir folgen ihr auf eine Reise, die sie auf einer längeren Autotour in den fernen Süden entführt. Sie durchquert mit ihrem Sohn die Alpen und erlebt die herrliche Landschaft der Toskana. Als die beiden Rom erreichen, wird ihr sehr bald bewusst, dass sie in einer heißen und hektischen Stadt leben wird. Die Abgase und der unerträgliche Lärm stören, so dass sie nahe daran ist, den Aufenthalt abzubrechen. Doch überall trifft sie auf Goethes Spuren, hört seine Texte im Geist und besucht den Friedhof, wo August Goethe begraben liegt, der schon früh, im Alter von vierzig Jahren, dahin gerafft wurde. Dann trifft sie eine deutsche Buchhändlerin und das alte Ehepaar Fulio und Anna. Sie sieht die Bilder von Caravaggio und entdeckt bei ihren Besuchen in den zahlreichen Kirchen den sakralen Bilderreichtum und die antiken Schätze in der ewigen Stadt.

Ihre Eindrücke zeugen von feiner Wahrnehmung und neugieriger Erkundung einer für sie nur aus den Schriften Goethes bisher erfahrenen fremdländischen Welt. Es fällt ihr sichtlich schwer, sich auf die Landschaft und die Menschen mit ihrem lärmenden Leben einzulassen. Doch hat sie eine fast sinnliche Vorgehensweise, sich den Bildern und Menschen zu nähern. Nachdenklich, den Düften und Spuren der Vergangenheit nachsinnend, nähert sie sich allmählich der Schönheit und dem Fluidum dieser lauten und überwältigenden Stadt. Zwischendrin sehnt sie die Weite und Kühle des Nordens herbei, ihrer Wahlheimat in Nordschweden!

Unausbleiblich erfährt sie die Annäherung an Menschen, die sie zu Freunden gewinnt.

Mit diesem Buch bietet sie zum ersten Mal Einblicke in ihr Leben und ihre persönlichsten Erfahrungen. Diskret und scheu auch bei diesen Bekenntnissen offenbart sie den Charakter einer offenen und sensiblen Kennerin von Kunst, Literatur und Menschen.

Wer noch nicht in Rom war, kann dieses Buch durchaus als Reiseführer benutzen. Wer schon dort war, wird vieles wieder erkennen und womöglich mit neuen Blicken anschauen, denn die Intensität, mit der sich Sigrid Damm in die Kunstwerke vertieft, ist enorm.

Sie ist eine in sich eingesponnene Erzählerin. Die Öffentlichkeit meidet sie, und die zahlreichen anstrengenden Lesereisen sieht sie als notwendiges Übel an. Doch wie sie, die ausgewiesene Goethekennerin, sich die Stadt Rom erobert und in die Gegebenheiten der italienischen Lebensart eintaucht, das zeugt von einer bemerkenswerten Einfühlungsgabe und dem Geist einer wachen Beobachterin. Wie mit allen ihren Büchern, vorwiegend über die Frauen und Männer der Weimarer Klassik, wird sie auch mit diesem Buch hohes Interesse bei ihren Leserinnen und Lesern finden.

Sigrid Damm
Wohin mit mir
286 Seiten, gebunden
Insel Verlag, März 2012
ISBN-10: 3458175296
ISBN-13: 978-3458175292
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Kathleen Vereecken: Eine größere Welt

Kathleen Vereecken: Eine größere Welt

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Mitte des 18. Jahrhunderts lebte es sich als armer Mensch in Frankreich noch schwer. Der Adel beherrschte das gesellschaftliche Leben, und die Armut unter dem dienenden Volk war groß.

Weitab von zivilisatorischen Bequemlichkeiten und den Segnungen eines heutigen Sozialstaates wurden Kinder aus Armut häufig ausgesetzt, hier auch als Findelkinder bezeichnet und, je nach Unterbringung, war ihr Tod schon bald besiegelt.

Leon ist ein solches Findelkind. In einer bettelarmen Familie mit einer Reihe eigener und fremder Kinder wuchs er bei Annette und Henri auf. Die beiden brachten sich mühsam als Waschfrau oder mit Holzschlagen als Tagelöhner durch. Die Kinder mussten so bald wie möglich mit anpacken, um das Überleben aller zu sichern. Méline, die älteste Tochter der Familie, kümmerte sich liebevoll um Leon, der als Esser am kärglichen Mittagstisch eher als Belastung von der Mutter angesehen wurde. Méline aber kommt eines Tages auf erschütternde Weise um, und Leon beschließt, sich nach Paris durchzuschlagen, um seine Mutter zu suchen. Das einzige Lebenszeichen von ihr war eine Karte in seiner Windel, die er fortan mit sich führt.

Paris ist eine große und unüberschaubare Stadt. Mit dem Verkauf von Kräutern und kleinen Helferdiensten schlägt sich Leon tapfer durch. Er wächst heran, wird groß und stark und bringt sich selber das Lesen und Schreiben bei. Als Schreiber im Dienste von Analphabeten kann er schließlich sogar seine Existenz verbessern. Bis dahin aber hat er noch eine weite Strecke in Armut und im Überlebenskampf vor sich. Er ist nicht frei von Anfechtungen und natürlich begegnet er der Liebe!

Kathleen Vereecken beschreibt das Leben in seiner ganzen Erbarmungswürdigkeit. Niemand kann sich heute mehr ein Bild davon machen, wie schmutzig, unhygienisch, armselig und Hunger leidend die einfachen Leute leben mussten. Reichtum und Armut standen im krassen Gegensatz zu einander. Wer überlebte, hatte oftmals besondere Gaben und Kräfte.

Alles sollte sich zum Ende des Jahrhunderts mit der französischen Revolution vermeintlich zum Besseren verändern!

Die Autorin erwähnt Philosophen und Dichter mit Namen wie Voltaire oder Rousseau, die mit ihren Schriften den Nährboden für diese entscheidende Revolution boten. Als deren Ziele galten neben vielen anderen Aufrufen die Losung von der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“. Das Zeitalter der Aufklärung nahm damit seinen Anfang. Rousseau hat mit seinen pädagogischen Schriften wie z.B. „Emile oder über die Erziehung“, in denen er für eine modernere Form von Erziehung plädiert, das Denken zu dieser gravierenden Zeitenwende beflügelt. Seine eigenen Kinder aber hat er ins Findelhaus gegeben. Er soll in diesem Roman keine ganz unbedeutende Rolle spielen!

Wunderbar nachvollziehbar beschreibt K. Vereecken die damaligen Zustände mit ihren Unbilden, der Armut und Bedürftigkeit. Mit Spannung folgt man der Suche Leons nach seiner Mutter, die ihn zu ungewohnten Begegnungen und an geheime Orte führt. Die Atmosphäre in den Straßen und Gassen mit ihren Gerüchen und dem einfachen Leben sind überzeugend eingefangen. Seltene Zeichen von Liebe, Zuneigung und Hilfsbereitschaft bieten Leon immer wieder Halt zum Überleben.

K. Vereecken malt ein getreues Bild des 18. Jahrhunderts.

Man darf das Buch für Jugendliche ab 13 Jahren uneingeschränkt empfehlen!

Die Autorin lebt in Antwerben und wurde für dieses Buch mit dem belgischen „Boekenleeuw“ ausgezeichnet.

Kathleen Vereecken
Eine größere Welt
360 Seiten, gebunden
Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher, April 2012
ISBN-10: 3827054575
ISBN-13: 978-3827054579
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Husch Josten: Das Glück von Frau Pfeiffer

Husch Josten: Das Glück von Frau Pfeiffer

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Hohes Alter und makabere Taten…

Was erwartet den Leser wohl in dem auf dem Deckblatt des Umschlags abgebildeten Haus?

Auf jeden Fall haben wir es mit einer kuriosen Geschichte zu tun.

Lee Curtin, Tochter aus begütertem Elternhaus, betätigt sich in London als eine Art Voyeurin von Handygesprächen. Sie hört die unsinnigen Reden, die allenthalben und an allen Orten per Handy geführt werden. Die blödsinnigen Gespräche, unwichtig und nichtig, schreibt sie alle protokollarisch auf. Man kann es ihr nachfühlen: wie häufig ist man selber Zeuge von Privatem, wenn Menschen auf der Strasse, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, im Kaffee und von überall her ihre einseitigen Reden führen. Doch eines Tages hört Lee ein Gespräch mit, das sie alarmiert. Sie hat sofort den Eindruck, dass da jemand eine uralte Frau ihrem Schicksal überlassen will.

Bruno, Lees Freund in langen Jahren, ist gerade aus Amerika zurückgekehrt. Er ist Künstler und auf gewisse Art und Weise bindungsunfähig. Seine langjährige Freundschaft zu Lee ist ihm umso wichtiger. Sie teilt ihm ihren Verdacht um das belauschte Gespräch mit. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach einer in dem Gespräch erwähnten Frau Pfeiffer, ein zunächst recht aussichtsloses Unterfangen. Doch sie finden sie, und eine sehr amüsante Geschichte nimmt ihren Lauf. Frau Pfeiffer ist 99 Jahre alt und wird von ihrem alten Faktotum Emma betreut. Die beiden alten Damen zusammen mit dem jungen Paar geben den Plot zu einer Handlung, die in ihrer Komik und Alterweisheit bemerkenswert ist.

Es stellt sich heraus, dass Frau Pfeiffer gezielt nach Menschen gesucht hat, die ihr bei einem sehr ungewöhnlichen Unterfangen helfen sollen. Schließlich spürt man, dass Frau Pfeiffer eine weise alte Frau ist, die mit den vergleichsweise jungen Leuten Gespräche über das Leben hier und heute führt und ihnen gelegentlich gehörig die Meinung sagt. Sie weiß, wie das Leben so spielt und weist Lee darauf hin, was die Antriebsfeder für ihr sonderbares Verhalten wie z.B. ihre Scheidung, ihre Tätigkeiten und die Freundschaft zu Bruno sein könnte. Alles dreht sich schließlich um den Sinn und das Sein, in dem so manch’ einer die Orientierung verliert. Lees geschiedener Mann ist während der Finanzkrise gefeuert worden und kehrt genauso ratlos nach London zurück wie vor kurzem schon Bruno aus Amerika.

Komisch, makaber und äußerst witzig in Szene gesetzt folgt man einer Geschichte mit surrealem Hintergrund.

Die subtile Erzählweise lässt die Hintergrundgeschichten erst nach und nach aufleuchten und man hat seine liebe Müh’, zu erraten, was Frau Pfeiffer mit all’ ihrem Tun denn eigentlich im Schilde führt.

Das exzentrische Vierergespann bildet den Plot zu einer Geschichte, die neben dem witzigen Hauptereignis unsere Gegenwart und so manche Zeiterscheinung infrage stellt.

Amüsant und unterhaltsam weiß Husch Josten über Land und Leute, über Gegenwart und Vergangenheit zu erzählen. Läuft nicht am Ende alles auf die Sinnsuche und das Wesentliche im Leben hinaus?

Das Buch lässt eher an einen englischen Erzähler denken denn an eine deutsche Erzählerin. Die Komik und die Weltläufigkeit der Handlung vermitteln diesen Eindruck, und ich werte sie als positiv.

Der Leser darf gespannt sein und wird seine helle Freude an dem makaberen Sujet dieser Erzählung haben.

Husch Josten
Das Glück von Frau Pfeiffer
212 Seiten, gebunden
Berlin University Press, Februar 2012
ISBN-10: 3862800245
ISBN-13: 978-3862800247
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John Banville: Unendlichkeiten

John Banville: Unendlichkeiten

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Götterwelt und irdische Lebensläufe.

Dieser tiefsinnige Roman John Banvilles spielt mit allen Registern der Unendlichkeit und des zum Sterben verdammten Seins.
Die griechische Götterwelt spielt den verbindenden Part in dem Drama um Liebe, Tod und Sterben.

Der Familienvater Adam Godley ist schwer krank. Er liegt nach einem Schlaganfall im Koma. Einst war er ein berühmter Mathematiker, der sich mit den Konzepten der Unendlichkeit befasste. Sein Tod ist absehbar, und in seinen komatösen Fantasien ist er gepeinigt von der Angst, lebendig begraben zu werden; Friederike Kempner lässt grüßen! Auch sie dachte sich in ihren Gedichten Signale aus, mit denen sie sich als Scheintote möglicherweise wieder Zugang zu den Lebenden verschaffen könnte.

Der Gott Hermes gibt sich als Erzähler der Familiengeschichte der Godleys aus und pfuscht in deren Überlebensstrategien und Sterbensängste hinein.

Zum kranken Vater ist der Sohn Adam mit seiner Gemahlin Helen angereist. Er ist ein furchtsamer und argwöhnischer Mensch. Petra, die jüngere Schwester von Adam, wirkt geradezu wie ein verschrecktes Hühnchen mit ihrer schmächtigen Gestalt und Ängstlichkeit. Ursula, Adams Frau, bestreitet den Alltag und realisiert am ehesten den nahenden Tod ihres Mannes.

In der Erzählung geht es um Erinnerungen, um eine freche Götterwelt, um Fantasien, Furcht und Lebensangst. Von den Familienmitgliedern trägt jeder sein eigenes Schicksal mit Unzulänglichkeiten, Versagensängsten, Lebenslust- und Frust zugleich.

Mitten hinein agieren die alt bekannten Götter aus der griechischen Mythologie, die den Lebenden die echte Liebe und das Sterben missgönnen, da dieses „echte“ Leben ihnen selbstredend versagt ist.
So wird Helen zum Opfer von Zeus, der ihr im Beischlaf vorgaukelt, ihr Mann zu sein, jedoch mit der Hoffnung, dass sie in ihm den unvergesslichen Liebhaber sehen möge.

In dieser Weise führen die Götter so manchen Schabernack im Schilde,mit denen sie den Ernst der Lage aufmischen.

Nicht zuletzt gleicht die Geschichte der Aufführung einer Commedia dell’arte oder einem Tanz auf dem Vulkan: ein Tag nur im Leben der Familie spiegelt dichte und groteske Ereignisse im Wechsel mit den göttlichen Funken, die in das irdische Leben hineinspuken.

John Banville ist ein großer Erzähler, dem hier die Synthese von Ernst und Komik grandios gelingt.
Er ist ein mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter irischer Dichter der Gegenwart.

John Banville
Unendlichkeiten
318 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2012
ISBN-10: 346204379X
ISBN-13: 978-3462043792
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John Burnside: In hellen Sommernächten

John Burnside: In hellen Sommernächten

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Leben zwischen zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Es ist eine kühle, ferne Welt, in die es den Leser in diesem Roman verschlägt. Lange dunkle Winter und helle Sommernächte geben der Insel in Nordnorwegen eine intensive Färbung. In die Einsamkeit der abgelegenen Gegend ist die Mutter von Liv mit ihrer Tochter gezogen, um sich ganz ihrer Malerei und Bildhauerei zu widmen. Sie gilt als schön, geheimnisvoll und anziehend. Seltene Besucher, hier Freier genannt, und einige wenige Nachbarn bieten gelegentlich Kontakte zur übrigen Welt. Aus Livs Perspektive geschrieben erfährt man etwas von der Einsamkeit und der Fantasiewelt, in der sie lebt. Sie mag kaum mit Menschen zusammen sein hört aber genau hin, wenn der alte Kyrre seine Geschichten erzählt. Sie verbinden eine unheimliche Sagenwelt mit der Wirklichkeit.

Zu Beginn gibt es zwei ertrunkene Nachbarjungen, deren Tod ebenso mysteriös bleibt wie die übrigen Gestalten, denen wir in der Erzählung begegnen.

Liv ist die zarte, empfindsame und sich selbst als Spionin beschreibende Hautprotagonistin, die mit sensiblen und wachen Gefühlen ein Gespür für das Absonderliche hat. Sie beobachtet genau und macht sich ihre Gedanken, die zwischen Fantasie und Wirklichkeit zu oszillieren scheinen. Ahnungsvoll meint sie einen Voyeur entdeckt zu haben, der zuletzt sehr lebendig erscheint, um dann wie einige andere Gestalten im Meer zu versinken.

Die schöne Mutter bleibt der Angelpunkt von Livs Dasein. Sie beobachtet ihre Mutter jedoch ebenso verwundert wie alle anderen Erscheinungsbilder auf der fernen nordischen Insel.

Machtvoll, sprachgewandt und poetisch kommt die Erzählung daher, mit der John Burnside der Gratwanderung des jungen Mädchens in ihre Märchen- und Fantasiewelt folgt.

Menschliche Verstrickungen werden umrankt von erhabenen Naturerscheinungen und der lichten Weite des nordischen Sommerhimmels. Einsamkeit gepaart mit Ängsten und der Suche nach Lösungen für die geheimnisvollen Beobachtungen machen das Buch zu einem Thriller zwischen Mysterie und Hoffnung. John Burnside vermag seiner Erzählung zwischen Schattenreich und wahren Lebensahnungen beredt Ausdruck zu geben.

John Burnside
In hellen Sommernächten
384 Seiten, gebunden
Albrecht Knaus Verlag, März 2012
ISBN-10: 3813504603
ISBN-13: 978-3813504606
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Michel Rostain: Als ich meine Eltern verließ

Michel Rostain: Als ich meine Eltern verließ

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In dieser Erzählung wird viel geweint.

Der plötzliche Tod seines Sohnes Leon hat den Vater und Autor dieses kleinen Büchleins, Michel Rostain, ins Mark getroffen. Der Sohn war erst 21 Jahre alt, als ihn eine aggressive Hirnhautentzündung beinahe über Nacht dahin gerafft hat.

Tränen über Tränen weint der Vater und kann den Tod nicht fassen. Er klammert sich an die benutzte Wäsche, um den Geruch des Sohnes festzuhalten, er liest E-Mails und Notizen und versucht, restliche Lebenszeichen des Sohnes zu erhaschen. Kannte er ihn denn noch wirklich?

Mit 21 Jahren ist der Mensch in der Regel auf dem Absprung aus dem warmen Elternnest. So auch Leon. Er hat gekifft und Fahrten vorgetäuscht, die ihn in Wirklichkeit nach Amsterdam führten.

Doch seine Eltern lieben ihn über alles und hängen aus vollem Herzen an ihrem einzigen Kind. Sie sind beide Künstler und in der Theaterwelt zu Hause.

Die Trauerfeier für den Sohn wird denn auch zu einem außergewöhnlichen Event. Nicht die üblichen klischeehaften Verfahrensweisen sollen den Tag des Abschieds markieren! Alle, die gekommen sind, Freunde und Verwandte, reden und erzählen von ihren Erlebnissen und Erinnerungen, die sie mit Leon verbinden. Zwischendrin erklingt Musik und immer wieder weinen die Menschen und nehmen sich gegenseitig in den Arm.

In ungewöhnlicher Weise hat Michel Rostain seiner Trauer, seiner Verzweiflung und seinen Schuldgefühlen über verpasste Gelegenheiten in der Beziehung zu seinem Sohn Ausdruck gegeben.

Erst aber, als er die literarische Form der direkten Ansprache durch seinen verstorbenen Sohn gefunden hat, wird sein Buch zu einem wahren Bestseller.

In seiner Fiktion spricht Leon begütigend, verständnisvoll, liebevoll und nachsichtig mit seinen Eltern.

Dieses sehr emotional und persönlich verfasste Nachwort zu einem unvollendeten Leben rührt tief ans Herz des Lesers. Es ist ohne Pathos mit Liebe und zuletzt fast mystifizierender Freude verfasst, wenngleich sich der Autor als einen durch die Vernunft gesteuerten Atheisten bezeichnet. Erst mit diesem Werk, so hat es den Anschein, kann auch Rostain wieder selber leben, indem er den Sohn in seine Gedanken und seine Gefühle mit einbezieht und weiterleben lässt.

Michel Rostain wurde für seinen Debütroman, den er mit 68 Jahren schrieb, mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Wie es heißt, hat er durch dieses Buch ins Leben und zu einer gewissen Heiterkeit zurückgefunden.

Michel Rostain
Als ich meine Eltern verließ
160 Seiten, gebunden
Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann
ISBN-10: 3570580326
ISBN-13: 978-3570580325
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Nina Sankovitch: Tolstoi und der lila Sessel

Nina Sankovitch: Tolstoi und der lila Sessel

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Hommage an die Welt der Bücher!

Eine der schönsten Veröffentlichungen dieses Frühjahrs ist mit dem Buch über das Lesen von Büchern von Nina Sankovitch auf den Buchmarkt gekommen.

Zeigt sie uns doch, welche Kraft und Einsicht, welche Träume und welche Lebensfreude Bücher in uns auslösen können. “So lange das Denken besteht, sind Worte lebendig, wird Literatur zum Ausweg- nicht aus dem, sondern ins Leben.“ Besser als mit diesen zitierten Zeilen von Cyril Connolly lässt sich nicht in Worten ausdrücken, welche Bedeutung Literatur für uns haben kann.

Nina Sankovitch beschließt ein paar Jahre nach dem Tod ihrer ältesten Schwester Anne-Marie, ein Jahr lang jeden Tag ein Buch zu lesen und zu besprechen. Sie hat getrauert und konnte keine Ruhe mehr finden, bis ihr das Lesen neue Perspektiven und Einsichten für ihr eigenes Leben boten.

Leicht und locker geht sie es an, von ihrer Kindheit bis zum Heute von ihrer Bücherliebe zu erzählen.

Sie ist Mitte vierzig und neben der Familie, ihren Eltern, Kindern und dem Ehemann Jack gibt es für sie schon immer die Welt der Bücher, die ihr von Klein auf so viel bedeutet haben, dass sie auch heute noch von ihren liebsten Kinderbüchern zu erzählen weiß. Ihre fröhliche und emotionsreiche Sprache vermittelt uns einen Eindruck davon, wie sie in Büchern Unterhaltung, Trost und Hilfe fand, so auch jetzt, nach dem Tod der Schwester.

In ihrem alten lila Sessel hat sie sich eingerichtet und lässt für Stunden Kinder, Haushalt und Katzen unbeachtet. Sie vertieft sich ganz in ihre Lektüre, und man erfährt mit ihr vom Glück des Lesens.

Biographische Einschübe aus ihrem Leben gekoppelt an die Erfahrungen der Protagonisten in den Geschichten machen die Lektüre so lesens – und liebenswert. Kann man doch aus den erzählten Geschehnissen neben der Freude an der Sprache in der einen oder anderen Weise auch lernen, das Leben aus unterschiedlicher Sichtweise zu betrachten.

Liebe ist ein zentrales Thema im Leben von Nina Sankovitch. Damit ist nicht die Verliebtheit früher Tage gemeint, sondern die langjährige Zuneigung zu geliebten Menschen „Worte der Liebe halten uns warm, sogar an den letzten Wintertagen“.

Über das Leben etwas lernen, Wissen gewinnen und Anregung zur Selbstreflexion erlangen sind die Maximen ihrer gewonnenen Erfahrungen. Nicht zuletzt kann das Lesen heilsame Wirkung entfalten für alle jene, die Orientierung und Neuanfang nach menschlichen Krisen suchen.

So mancher Bücherliebhaber wird sich ihren Gedanken und Überlegungen zur Literatur anschließen können. Mir hat die Autorin aus dem Herzen gesprochen!

Sie lebt mit ihrer Familie in Connecticut.

Nina Sankovitch
Tolstoi und der lila Sessel
288 Seiten, gebunden
Graf Verlag, März 2012
ISBN-10: 3862200272
ISBN-13: 978-3862200276
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Annette Pehnt: Chronik der Nähe

Annette Pehnt: Chronik der Nähe

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Nähe und Distanz: Bilanz einer schwierigen Beziehung.

Wohl jeder hat schon gelesen, gehört oder selber erlebt, wie problematisch das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern sein kann.

Annette Pehnt hat diese so schwierige Beziehung in Worte gefasst, die andeutend eine Ambivalenz aufweisen, die ihresgleichen sucht.

Großmutter, Mutter und Tochter: in der Gegenseitigkeit erlebt jede die andere als bedrängend, fordernd, einmischend und beklemmend.

Zwischen den Zeilen erfährt man, zu welcher Zeit die eine oder andere gelebt und mit den Erfahrungen des Lebens die eigene Tochter als Stütze, Hilfe oder störendes Wesen empfunden hat.

Annie ist die im Krieg geborene Tochter. Ihre Mutter musste nach dem Zweiten Weltkrieg ums Überleben und das tägliche Brot kämpfen. Da die Worte und Assoziationen der Autorin ungebunden und frei schwebend in die Texte einfließen, gehen Erinnerungen zurück bis zu der Zeit, als Annie schon als Baby die Mutter mit ihrem Geschrei gequält und geärgert hat. Später dann gibt es die Zweifel, ob sie den richtigen Freund hat. Lebt Annie in den Augen der Mutter auch konform, wo eckt sie an, und wo geraten Mutter und Tochter aneinander?

Diese Kriegsmutter will eine Nähe, die ihre Tochter Annie kaum aushalten kann. Der „Richtige“, das ist später der Mann von Annie, und so bleibt er benannt: Mutter war also einverstanden mit ihm.

Zwischen Liebe, Nähe und Distanz pendeln diese Frauen im Verhältnis zu ihren Müttern bzw. Großmüttern. Mehr als einmal spürt man einen fast tödlichen Hass, mit der die Mutter von Annie ihr mögliches Sterben als Mittel zum Zweck missbraucht. Es gilt, fast erpresserisch die töchterliche Liebe zu ertrotzen. Annie ist als Kind klein und hilflos. Sie gibt alles, was sie kann, und als sie selber Mutter wird, ist sie in ihrer Ambivalenz zu der fordernden Mutter hin und her gerissen. Als sie ihren Töchtern liebevolle Nähe und Daueraufmerksamkeit bietet, löst das ungeahnten Neid und Spannungen bei der „Kriegs“-Mutter aus.

Es bleibt Fremdheit, schwer lastende Suche nach Nähe und eine Trauer über die Vergeblichkeit dieser mütterlichen Liebe. Sie schwankt zwischen Unsicherheit, Geben und Versagen. Bedrückend erlebt man hier Mutterbeziehungen, die ratlos und sprachlos eine Distanz und fast Kälte verbreiten, die sich niemand wünscht. Sie sind eingebettet in eine Weltgeschichte und in Zeitläufe, die jeweils unterschiedliche Verhaltensweisen von Müttern forderten.

Annette Pehnt hat eine authentisch wirkende Geschichte verfasst, die von Ambivalenzen berichtet, die durchaus möglich sind. Für die Betroffenen sind sie fast bedrohlich. Die Ausruckskraft, Sensibilität, Empathie und der analytische Verstand der Autorin sind beachtlich. Sie scheint ihre Geschichte dem realen Alltag abgerungen zu haben.

Annette Pehnt
Chronik der Nähe
224 Seiten, gebunden
Piper, März 2012
ISBN-10: 3492055060
ISBN-13: 978-3492055062
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