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Autor: Claudine Borries

Megan Abbott: Das Ende der Unschuld

Megan Abbott: Das Ende der Unschuld

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Zwei Freundinnen und ein Unfall mit bitteren Folgen.

Lizzie und Evie sind zwei dreizehnjährige Mädchen, die Spaß am Leben haben und alle Freuden und Leiden mit einander teilen.

Doch eines Tages nach Schulschluss schaut Lizzie nach Evie, die jedoch plötzlich verschwunden ist.

Eine dramatische Suche beginnt, die zunächst jedoch viele Fragen aufwirft. Lizzie meint einen rotbraunen Wagen mehrfach gesehen zu haben, der Mr. Harold Shaw, einem Familienvater aus der Nachbarschaft, gehört. Hat der Mann Evie etwa entführt?

Lizzie ist eine Hauptperson bei der Suche nach einem möglichen Entführer. Ihr fallen alle die lustigen Dinge ein, die sie mit Evie verbunden hat: Scherze, Geheimnisse und die Beobachtung von Nachbarn und Freundinnen bei diversen Unternehmungen, unter ihnen auch Evies Schwester Dusty. Doch plötzlich ist die Welt stehen geblieben und zeigt sich verändert. Mit Schrecken suchen die Angehörigen und Polizeikräfte nach der verschwundenen Evie.

Megan Abbott hat einen spannenden Krimi geschrieben. In ihm geht es um erste Liebeserfahrungen und um die Verirrungen, mit denen die Phantasie den jungen Mädchen Streiche spielt. Aus Spaß wird Ernst und Lizzie merkt, dass sie gar nicht soviel von ihrer Freundin wusste, wie sie glaubte. Sie fühlt sich ihrerseits unwiderstehlich von Mr. Verver angezogen, dem Vater des verschwundenen Mädchens.

Erotische Spannung baut sich auf, und bei der Suche nach der verlorenen Freundin begegnet Lizzie so mancher Eigenart im Wesen von Nachbarn und Geschwistern, die sie bisher übersehen hatte.

Das Hockeyspiel ist das entspannende Bindeglied zwischen den einzelnen Handelssträngen.

Subtil erdacht und mit zahlreichen Facetten ausgestattet entwickelt die Autorin bunte Mosaiksteine, mit denen der Übergang von der Kindheit zum Heranwachsenden für die notwendigen psychologischen Details sorgt.

Der Krimi bietet ein unterhaltsames Lesevergnügen, das sich auch für Jugendliche eignet.

Megan Abbott stammt aus Detroit. Sie wurde mit hohen Buchpreisen ausgezeichnet, und der vorliegende Roman ist als erster ins Deutsche übersetzt worden.

Megan Abbott
Das Ende der Unschuld
290 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2012
ISBN-10: 3462043900
ISBN-13: 978-3462043907
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Helen FitzGerald: Tod sei Dank

Helen FitzGerald: Tod sei Dank

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Geschichten aus dem Gruselkabinett von Mördern, Drogendealern und anderen Straftätern.

Helen Fitzgerald besitzt die seltene Gabe, eine zunächst alltägliche Geschichte in eine makabere Handlung zu verwandeln.

In ihrem neuen Roman geht es um eine kaputte Familie, in der sich wahre Dramen um die sechzehnjährigen Zwillinge der Familie abspielen.

Will Marion ist von seiner Frau Cynthia mit den Zwillingen Georgie und Kay sitzen gelassen worden, als diese drei Jahre alt waren. Er kümmert sich rührend um die Erziehung der beiden Mädchen. Kay ist die liebe, fröhliche und leicht zu begeisternde Jüngere der beiden. Georgie hingegen ist cholerisch, unzufrieden und anspruchvoll. Der Umgang mit ihr kann gelegentlich zur Tortur werden. Als sie sechzehn Jahre alt sind, wird bei beiden eine schwere Nierenkrankheit diagnostiziert. Will stürzt das in große Nöte. Woher sollen die Nieren für eine erforderliche Transplantation kommen?

Mit diesem Aufhänger beginnt Helen FitzGerald ihren Thriller, der eine Familie im Unterschichtmilieu zeigt. Cynthia ist drogenabhängig und hat sich mit ihrem Pflegebruder aus dem Staub gemacht, der allerdings inzwischen im Knast sitzt.

Will kommt zu dem Ergebnis, dass nur die Transplantation einer Niere von ihm selbst und eine von seiner Frau Cynthia zur Rettung für seine Töchter beitragen könnte.

Mit der Suche nach ihr, die inzwischen ohne Adresse verschollen ist, erfährt man, in welchem Dunstkreis sie sich die Jahre über bewegt hat. Sie treibt sich durch die Welt ohne Sinn und ohne Halt. Will aber wendet seine ganze Energie auf und scheut keine Mühe, die Töchter auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden und bei ihren Krankheiten zu begleiten.

Die Mutter wird schließlich aufgefunden ist aber gesundheitlich und psychisch zerrüttet von ihrem über lange Jahre praktizierten Drogenmissbrauch.

Dem Milieu gemäß beschreibt Helen FitzGerald den Verfall und die Mühen eines Mannes, der seiner Ex-Frau schwach und unmännlich erschienen ist. In der Treue zu seinen Kindern zeigt er sich jedoch beständig und zuverlässig. Selbst der schwierigen Georgie hält er immer die Treue und sorgt sich um sie. Als sich am Ende herausstellt, dass die Nieren der Mutter nach langjährigem Drogenkonsum untauglich für eine Transplantation sind, steht der Vater vor der Kalamität, welchem der beiden Mädchen er nun eine seiner Nieren vermachen soll. Nicht genug damit kommt jetzt, wie bei Helen FitzGerald üblich, erst die richtige Spannung auf. Verwirrende Erkenntnisse, Mord und Totschlag berühren die Sphären der Abartigkeit, wie nur diese Autorin sie erfinden kann. Man kommt zu einem Ende, das unschuldige Seelen zufrieden stellen wird; unausgesprochene Gerechtigkeit waltet überall und bietet den letzten Kick zur Unterhaltung mit diesem spannenden Thriller.

Helen FitzGerald war vor ihrer Schriftstellerinnenkarriere als Sozialabeiterin im Strafvollzug tätig. Ihre Geschichten lassen den Hauch von Realität spüren, der sie zu echten Gruselschockern macht.

Helen FitzGerald
Tod sei Dank
263 Seiten, gebunden
Galiani, Berlin; Februar 2012
ISBN-10: 3869710500
ISBN-13: 978-3869710501
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Banana Yoshimoto: Ihre Nacht

Banana Yoshimoto: Ihre Nacht

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Eine Annäherung: geheimnisvoll und nachhaltig…

Die Tochter und der Sohn von Müttern, die Zwillinge waren, treffen sich nach Jahren der Entfremdung wieder.
Niemand weiß so genau, warum die Mütter sich schon in der Jugend ihrer beiden Kinder mit einem unwiederbringlichen Bruch getrennt hatten.
Waren es berufliche oder private Gründe? Jetzt sind die Mütter tot und eine langsame Annäherung von Cousin und Cousine soll Klarheit über all‘ das Vergangene bringen.

Shôichi sucht seine Cousine Yumiko, und als er sie in Tokio gefunden hat, verbringen sie eine lange Nacht und einen Tag zusammen.
Sie folgen in Gedanken ihrer letzten Begegnung in ihrer Kindheit und dem, was danach kam, denn diese Suche verbirgt eine Menge unerklärlicher Geheimnisse. Die kürzlich verstorbene Mutter von Shôichi hat ihren Sohn beauftragt, sich um die verschollene Cousine zu kümmern.

Das Geheimnis, mit dem die Abkömmlinge der ungleichen Zwillinge gelebt haben, bestand in einer Reihe okkulter aber daneben auch handfester materieller Vorkommnisse, die beide Familien schon in frühen Kinderjahren auseinander gerissen hat.

Yumiko verbringt ihre Tage ohne rechtes Lebensziel. Sie arbeitet nicht, hat keine Freunde und erinnert sich nur gelegentlich an ihr Leben in Italien, wo es ihr in der Nähe eines Freundes und in der herrlichen Natur mit den wunderschönen Blumen und Olivenbäumen so gut gefallen hat. Welcher Fluch hat ihre Vergangenheit aus ihrer Erinnerung gelöscht?

Shôichi ist ein lieber, anständiger und freundlicher Cousin, mit dem sie sich auf die Suche macht, um herauszufinden, was es mit dem Leben ihrer Eltern und dem der Großmutter auf sich hatte.
Andeutungen über irrsinnige Erlebnisse lassen den Leser erschaudern; wie konnte Yumiko nur froh werden mit den okkulten Praktiken einer Mutter, die sich selber und anderen mit ihren Séancen offensichtlich Schaden zugefügt hat?

In ihrer blumigen Sprache ist sich die Autorin mit ihren Protagonisten einig: da gab es Geheimnisse, die man besser dem Vergessen überlässt.
Schnell und sanft lesen sich diese Zeilen einer Geschichte, die neben dem ausgezeichneten Sprachklang einen grausamen Plot beherbergt.

War am Ende alles nur ein Traum?

Der Leser und die Leserin mögen sich überraschen lassen!
Wer sich für geheimnisvolle Vorgänge mit okkulten Färbungen interessiert, der wird auf seine Kosten kommen.

Banana Yoshimoto
Ihre Nacht
208 Seiten, gebunden
Diogenes, Februar 2012
ISBN-10: 3257068166
ISBN-13: 978-3257068160
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Pali Meller: Papierküsse

Pali Meller: Papierküsse

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Liebevolle und schmerzliche Erinnerungen…

Zahlreiche Erinnerungsbücher über die quälenden Erlebnisse im Dritten Reich sind im Laufe der Jahre seit Beendigung des zweiten Weltkriegs erschienen.

In den hier vorliegenden Briefen von Pali Meller an seine Kinder zeigt sich einmal mehr eine Erinnerungslektüre, die ungewöhnlich und zutiefst anrührend ist. Es handelt sich um Briefe, die ein jüdischer Bürger ungarischer Herkunft an seine Kinder aus dem Zuchthaus geschrieben hat.

Zur Zeit der Verhaftung im Februar 1942 wohnte Pali Meller mit seinen Kindern in Berlin. Sie waren nach dem frühen Tod der Mutter der Obhut einer Haushälterin anvertraut.

Pali Meller entstammte einer ungarischen Großbürgerfamilie mit jüdischen Wurzeln. Sein Architekturstudium führte ihn zu einer Gruppe von namhaften Bauhausarchitekten. Vorübergehend lebte und arbeitete er in Holland, wo er seine Frau, eine Tänzerin, kennen gelernt hatte. Aus der 1929 geschlossenen Ehe gingen ein Sohn und eine Tochter hervor. 1935 verlor P.M. seine Frau durch einen Autounfall. Mit ihrem Tod büßte er als Jude zugleich den Schutz seiner katholischen Mischehe ein.

Ab 1935 galt das auf dem Reichsparteitag der NSDAP erlassene Blutschutzgesetz, das Ehen und Beziehungen zwischen Juden und „Deutschblütigen“ ab sofort unter Strafe stellte. Dieses Gesetz sollte Pali Meller zum Verhängnis werden.

Zunächst konnte er noch lange mit gefälschten Papieren seine jüdische Herkunft verschleiern. Vermutlich durch Verrat geriet er in die Mühlen der Nazijustiz und wurde im Februar 1942 verhaftet und bald darauf wegen Rassenschande und Urkundenfälschung zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 31. März 1943 verstarb er im Zuchthaus Brandenburg – Görden an Krankheit und Entkräftung.

Seine Briefe an den elfjährigen Sohn Pila und die siebenjährige Tochter Barbara bilden eine Art Vermächtnis und Zeugnis über das Jahr, in dem er zuletzt den schikanösen Haftbedingungen zum Opfer fiel.

Pali zeigte sich in seinen Briefen aufgeklärt und gleichberechtigt im Umgang mit seinen Kindern. Er teilt seine Gedanken mit ihnen und versucht, ihnen Hoffnung, Trost und Zuversicht zu bieten! Sein unverbrüchliches Interesse gilt ihrem Werden und Gedeihen, und immer wieder bezeugt er ihnen seine innige Liebe und Zugehörigkeit. Die Briefe der Kinder sind nicht erhalten, doch darf man aus seinen Antworten schließen, dass auch sie sich bemühten, den Kontakt zum Vater eng zu gestalten.

Zu seinem eigenen 40. Geburtstag schreibt er dem Sohn, wie schnell die Zeit vergeht, und wie kurz alles im Nachhinein erscheint. “Denn zurückblickend ist alles nur eine Sekunde, ein Bild, ein Klang, ein Wort! Also wir glauben daran: das Leben beginnt mit vierzig! Und wir werden uns das Leben schon lebenswert machen, mein Alter!“

Diese Diktion zeigt seine Fähigkeit, die Kinder gleichberechtigt in seine Gedanken mit einzubeziehen und sie ernst zu nehmen.

Wie schmerzvoll seine Erfahrungen aber auch in ihrer Dimension menschlicher Not und Verzweiflung waren, kann man ebenfalls aus den so liebevoll formulierten Briefen ablesen.

Herausgegeben wurden die Briefe mit vielen Anmerkungen, Quellenangaben, Faksimiles, Fotos und einem Nachwort versehen von Dorothea Zwirner.

Pali Meller
Papierküsse
144 Seiten, gebunden
Klett-Cotta; Auflage, Februar 2012
ISBN-10: 3608946993
ISBN-13: 978-3608946994
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Jessica Durlacher: Der Sohn

Jessica Durlacher: Der Sohn

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Familiendrama mit weit in die Nazizeit reichenden Wurzeln.

Saras Vater ist gestorben! Er, der doch für alle der behütende und versorgende Ehemann und Vater war! Wie konnte das geschehen?

Obwohl er bereits achtzig Jahre alt war, glauben seine Töchter und die Ehefrau Iezebel einfach noch nicht, dass er gestorben ist.

Im Zuge der Nachforschungen nach seiner Vergangenheit erfahren sie, wie er unter den Nazis der Vernichtung der Juden entging, seine Eltern aber ermordet wurden. Warum hat er nie darüber gesprochen?

Es ist das alte Thema neu komponiert: wie konnte man dem Holocaust entgehen, und wie verliefen Lebensläufe, die durch die schrecklichen Ereignisse geknickt und gebrochen wurden? Jessica Durlacher baut ihren Roman aus vielen kleinen Einzelteilen auf. Da sind die Schwestern Sara und Tara, die sich in Eifersucht und sehr unterschiedlichen Gefühlsreaktionen an einander aufreiben.

Sara hat es mit ihrem Mann Jacob, der es als Filmproduzent arbeitet, zu Wohlstand gebracht. Sie bewohnen eine große Villa in Overveen/ Holland. Inzwischen genießt Sara ihr gutes Leben, obwohl das nie ihr erstes Lebensziel war. Mitch, ihr gemeinsamer Sohn, geht mit 18 Jahren zum Studium nach Berkeley/USA. Sara trauert schon jetzt, weil sie ihn so lange nicht sehen kann. Ihre Tochter Tess ist mit ihren dreizehn Jahren noch zu jung, um zu verstehen, was die Erwachsenen umtreibt.

Zunächst ist die Geschichte in einem ganz normalen Familienalltag angesiedelt. Doch dann geschehen schreckliche Dinge: Sara fällt beim Joggen fast einer Vergewaltigung zum Opfer. Mitch besteht zum Entsetzen seiner Mutter darauf, sich bei den Marines, einer besonders hart geschulten Elitetruppe der amerikanischen Armee, einzuschreiben. Da beide Kinder des holländischen Paares in den USA geboren wurden, ist das ohne weiteres möglich.

Inzwischen passiert im Haus der Familie in Overveen ein Raubüberfall mit gravierenden Folgen für alle Beteiligten.

Hinter den Ereignissen stecken subtil verborgen Vorkommnisse der nahen europäischen Geschichte, in die auch Holländer, nicht alle aber doch einige, mit ihrem persönlichen Judenhass verwickelt waren.

Familienzusammengehörigkeit und die Liebe unter einander fügen sich in die Handlung schlüssig ein. In anrührenden Passagen weiß die Autorin über die Veränderungen der Mutterliebe zu berichten.

Zwischen Familienglück und unerwartetem Unglück pendelt das Leben der einzelnen Familienmitglieder hin und her.

Dramatisch steigert die Autorin ihren  Roman zu einem dynamischen Thriller, dessen Stränge bis in jene traurige Vergangenheit des Naziregimes und der Judenverfolgung reichen.

Jessica Durlacher fügt die einzelnen Puzzlesteinchen zu einer spannenden Handlung zusammen, deren Hintergründe durchaus der Realität entnommen sein könnten. Ein sehr zu empfehlender spannender Roman ist ihr gelungen, der historische Tatsachen zeitgemäß mit verarbeitet.

Jessica Durlacher
Der Sohn
416 Seiten, gebunden
Diogenes, Februar 2012)
ISBN-10: 3257068115
ISBN-13: 978-3257068115
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David Bezmozgis: Die freie Welt

David Bezmozgis: Die freie Welt

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Warten auf eine bessere Welt!

Die Familie Krasnansky, die aus drei Generationen besteht, sucht aus dem Baltikum den Weg in die freie Welt. Sie sind auf der Flucht vor den Russen, die ihre jüdischen Mitbürger wie in vielen Ländern der Welt verfolgen und vertreiben. Man weiß ja, dass das Baltikum von 1940 bis 1990 von den Russen okkupiert war. Jetzt, 1978, gilt es, sich auf dem Weg über Wien nach Rom durchzuschlagen und irgendwo ein Plätzchen als vorübergehende Bleibe zu finden.

Der Vater von Karl und Alec, Samuel und seine Frau Emma, sind noch ganz dem alten Leben in der Sowjetunion verhaftet. Samuel war und ist überzeugter Kommunist. Sein Sohn Karl, dessen Frau Rosa und die beiden Söhne finden in einer kleinen Wohnung mit den Großeltern Unterschlupf. Man teilt sich zu mehreren Bad und Küche. Samuels jüngerer Sohn Alec sucht unterdessen abseits der Großfamilie eine Bleibe. Er findet sie mit seiner aktuellen Frau Polina bei Sjomka, ebenfalls einem Exilrussen. Die zentrale Frage dreht sich um mögliche Einwanderungsländer. Damit hat es seine Tücken, denn jedes Land hat eigene Einwanderungsbedingungen. Amerika, Australien oder Kanada sind im Gespräch. Doch auch Israel wird von den Großeltern in Betracht gezogen.

In seiner Geschichte zeichnet Bezmozgis das Leben auf der Flucht mit den Eigenheiten jedes Protagonisten in einer Welt, in der nichts sicher und die Zukunft nur vage vorstellbar ist. Man hat aber nicht nur diese unsichere Zukunft vor sich, sondern jeder hat auch schon je nach Alter ein Leben hinter sich. So schweifen die Erinnerungen zurück zu den Zeiten des Krieges, zu frühen Liebesaffären, und man denkt an das karge Leben im Osten und an die mühseligen Versuche, den bösartigen Pogromen zu entgehen. Ein vielschichtiges und lebensnahes Bild jüdischen Lebens ersteht vor dem geistigen Auge des Lesers. Man begreift, wie hart das Leben und Überleben von Juden war, die in aller Welt immer wieder Misstrauen und Ablehnung ertragen mussten. Zugleich wird mit Humor an den Zusammenhalt gemahnt, mit dem allein man überleben konnte. Beziehungen, gute wie schlechte, Verwandtschaftsverhältnisse aber auch gegenseitiger Hass konnten einem das Leben erleichtern oder erschweren. Die Existenz spielt zwischen einem Gestern und Morgen, und die Gegenwart ist voll gepackt mit allem, was einem im Leben auch sonst so passieren kann: betrogene Liebe, Alter und Tod. Teils melancholisch und teilweise komisch sind die Erinnerungen durchmischt mit der Sehnsucht nach einem Ort der Geborgenheit und Heimat. Davon aber ist man auf der Zwischenstation in Rom noch weit entfernt. Eine anrührende und aufschlussreiche Geschichte ist dem Autor gelungen, die wieder einmal tiefe Einblicke in das  jüdische Leben in der Diaspora vermittelt. Man wünscht den Protagonisten die ganze Zeit Erfolg bei der Heimatsuche und einem Leben in Würde!

David Bezmozgis
Die freie Welt
360 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2012
ISBN-10: 3462044028
ISBN-13: 978-3462044027
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Stewart O’Nan: Emely,allein

Stewart O’Nan: Emely,allein

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Abschiede!

Nach langen Jahren mit ihrem Mann Henry und den beiden Kindern Margaret und Kenneth lebt Emily als Witwe allein in ihrem Häuschen in Pittsburgh/Pennsylvanya. Henry ist tot, und die Kinder haben ihre eigenen Familien weit weg in anderen US Staaten. Als Gesellschafter ist Emily nur der Hund Rufus geblieben, ebenfalls schon hoch betagt.

Gelegentlich trifft sie sich mit ihrer Schwägerin Arlene, die auch alleine aber gesundheitlich etwas angeschlagen ist.

Stewart O’Nan ist ein einfühlsamer und aufmerksamer Beobachter. Wie kleine Wortjuwelen muten seine Sätze an, in denen er die Einsamkeit, die Mühsal des Alters, den Mut und die Tapferkeit der alten Dame beschreibt. Sie findet sich zurecht, doch schmerzt es sie, wie wenig die Kinder sich an ihr Zuhause erinnern und ganz im Mainstream ihres gegenwärtigen Lebens schwimmen. Mit einem kurzen Blick in die Vergangenheit sieht sie die vielen Autos und das volle Haus zu Thanksgiving in den längst vergangenen Zeiten ihrer jüngeren Jahre.

Der humorvoll-wehmütige Satz zu ihrem Hund Rufus gesprochen, „ich weiß, es macht keinen Spaß, alt zu werden. Aber wenigstens musst Du nicht vor den Leuten herumstolzieren…“ zeigt ihre Stimmung sehr genau.

Beim Kartenschreiben zu Weihnachten erinnert sie sich an viele glückliche Stunden im Kreis von Freunden. Sie sind entweder schon verstorben oder aber fortgezogen. Dabei idealisiert sie die Vergangenheit nicht und gedenkt der vielen Kämpfe, die sie z. B. mit ihrer Tochter ausgetragen hat.

Ein Dasein abseits vom Lebensstress und beruflichem Ehrgeiz macht das Alter aus. Emilys Schwägerin Arlene ist ihre beständigste Gesprächspartnerin.

Das stille vergebliche Warten auf Post oder Nachrichten von den Kindern oder Enkelkindern,–alles ist immer auf die gleiche Art schon da gewesen. Emily verliert nie den Lebensmut; sie kann sich freuen, hängt ihren Erinnerungen nach und denkt an Henry, ihren verstorbenen Mann. Stewart O’Nan gibt dem Alter ein Stimme, behutsam, sensibel und sehr nahe an der Realität, denn Altern heißt immer von Neuem Abschied nehmen, die Vergangenheit erinnern und sich abfinden.

O’Nan hat das richtige Einfühlungsvermögen, um alles so realitätsnah wie möglich wieder zugeben. Eine schöne, stille, ruhige und bewegende Geschichte ist ihm mit diesem neuen Roman gelungen.

Stewart O’Nan
Emily, allein
384 Seiten, gebunden
Rowohlt, Januar 2012)
ISBN-10: 3498050397
ISBN-13: 978-3498050399
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Man sagt sich mehr als einmal Lebewohl

Man sagt sich mehr als einmal Lebewohl

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Leben und Sterben: eine Erfahrung.

Der bevorstehende Tod wird von Menschen in Abhängigkeit von Zeit, Alter, Krankheitsverlauf und Lebensumständen unterschiedlich erlebt.

Auf dem Umschlag dieses Buches sehen wir einen gut aussehenden Mann mit tief dunkelblauen Augen.

Mit 31 Jahren war David Servan – Schreiber an einem besonders bösartigen Gehirntumor erkrankt und lebte nach einer dramatischen Operation und langjährigen Behandlung noch weitere 19 Jahre. Er war selber Arzt und Psychiater. Seine Krankheit war ihm Ansporn, auf dem Gebiet der biologischen Krebsabwehr aktiv zu werden. Er schrieb mehrere Bücher, reiste auf Kongresse und zu Medienveranstaltungen und wurde zu einem unermüdlichen Kämpfer für die biologische und mentale Krebsabwehr. Als der Tumor nach fast zwanzig Jahren mit ungeheurer Ausdehnung erneut gewachsen war und zu erheblichen Beeinträchtigungen der Motorik und zu zahlreichen lebensbedrohlichen Beschwerden führte, gab es keine Rettung mehr für den Patienten.

In seinem letzten Buch beschäftigt sich der Autor mit dem Abschied, den Schmerzen und seiner Todesfurcht. Sehr nüchtern aber nicht ohne Emotionen berichtet er von Freunden und Verwandten, die ihm außerordentlich nah und hilfreich zur Seite standen. Kann man ein solches Schicksal ertragen lernen? Das Wissen um den bevorstehenden Tod, nach dem man zwei sehr kleine  Kinder zurücklassen muss, die noch lange des Schutzes und der Begleitung bedürfen, ist mit 51 Jahren nur schwer zu ertragen.

Voller Empathie und liebenswürdiger Selbsteinsichten und durchdrungen von dem Gedanken an die Beeinflussbarkeit von Krankheiten durch eine gesunde Lebensführung und positive Gedanken, schafft er es, sich und andere zu einem lebenswerten Leben zu ermutigen.

Da der Autor grundehrlich und von innerer Kraft und Ausdauer ist, bekommt man durch sein letztes Buch den Eindruck von einem Mann, der niemals aufgibt.

Bemerkenswert ist die Wahrnehmung von Liebe, Freundschaft und Anteilnahme, der er sich nicht verschließt. Wenngleich er auf Selbstständigkeit und Autonomie bedacht ist, kann er sich zuletzt doch der Fürsorge seiner nächsten Verwandten anvertrauen.

Beispielhaft ist der Lebensweg dieses Arztes, der sich neben der eigenen schweren Erkrankung mit großem Engagement der ganzheitlichen Medizin verschrieben hat. Dazu gehört die Einheit von Geist, Körper und Seele. Es gelingt ihm glaubhaft, seine letzten Vorkehrungen zu treffen, Abschied zu nehmen und mit leiser Trauer auch seiner kleinen Kinder zu gedenken.

Bei David Servan-Schreiber zeigt sich eine unermüdliche Kraft und Stetigkeit, gegen den Tod zu kämpfen und ihn zuletzt in würdiger Weise anzunehmen und zu überstehen.

Demut ist nach Aussagen des Autors der letzte Garant für einen würdevollen Tod. Er ist ihm laut Aussagen seines Bruders Eduard, der ein Nachwort zu diesen Auzeichnungen geschrieben hat, gelungen.

Dieses kluge und weise Buch gibt anrührend Auskünfte darüber, wie der Tod erlebt werden kann. Dazu gehört die Gewissheit, dass der Tod nicht nur Furcht und Schrecken verbreiten muss, sondern dass dieser mit der Befreiung von Leid und Abschiedsschmerz als eine Art Tröstung und sogar Glücksversprechen erwartet werden kann.

Insofern ist dieses letzte Buch von David Servan-Schreiber ein  Vermächtnis für alle jene, die sich mit dem bevorstehenden Tod auseinander zu setzen haben und positive Ermutigung suchen, sich dem Unabänderlichen zu stellen.

David Servan-Schreiber
Man sagt sich mehr als einmal Lebewohl
152 Seiten, gebunden
Kunstmann, Februar 2012
ISBN-10: 3888977517
ISBN-13: 978-3888977510
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Zeruya Shalev: Für den Rest des Lebens

Zeruya Shalev: Für den Rest des Lebens

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Lebensbilanzen!

Auf der Krankenstation eines Krankenhauses in Israel liegt Chemda Horowitz. Sie ist alt und hängt halb bewusstlos ihren wirren Erinnerungen nach. Ihr Sohn Avner ist bei ihr, und Tochter Dina kommt später dazu.
Wie ist ihr Leben verlaufen? Hat sie gut genug gelebt, oder gab es schwere Versäumnisse?

Ihre beiden Kinder sind ebenso wie ihre Mutter befangen in ihren Träumen, ihrem Wüten gegen bestimmte Lebensumstände oder den Enttäuschungen, die ihr Leben beschädigt haben.

Avner beobachtet auf der  Krankenstation eine Frau, die ihren sterbenskranken Mann begleitet und ergeht sich in Fantasien um diese Frau. Dina hadert in Gedanken mit ihrem Schicksal, das ihr von Zwillingen nach dem Tod des einen nur die Tochter ließ. Jeder der Protagonisten trägt ein Schicksal, das keine hoffnungsfrohen Zukunftsperspektiven zulässt.

Avner kommt mit seiner Frau nicht gut aus und kann den älteren seiner Söhne nicht lieben, den kleineren der beiden dafür umso mehr. Seine Schwester Dina hat eine Tochter, die sie abgöttisch liebt, die aber seit ihrer Pubertät eigener Wege geht. Dina  sehnt sich in ihre jüngeren Jahre zurück und denkt daran, ein Kind zu adoptieren. Doch ihr Mann Gideon will davon nichts wissen.

Auch Chamda plagt sich auf ihrem Krankenlager mit Gedanken um ihre Kinder. Wie sehr sie Avner geliebt hat und wie gering ihre Zuneigung zu Dina war.

Viele Fragen tun sich auf. Doch gibt es nur sparsame Antworten darauf.

Zeruya Shalev schreibt in einem Stil, der an Träume erinnert und wechselnde Stimmungen heraufbeschwört. Dina und Avner lassen ihre Gedanken zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her wandern und betrachten diese oder jene Seite des Lebens; zufrieden sind sie beide nicht. Es ist ein wenig mühselig, diesem Auf und Ab der Gedanken, die in den Alltagsablauf eingebettet sind, zu folgen. Im Fokus der Erzählung steht die Liebe zwischen Eltern, Kindern, Geschwistern und Ehepartnern. Hat man den Kindern genug mit gegeben? Oder haben sie Anerkennung und Ermutigung vermisst?

Israel mit seinen geographischen Besonderheiten, der steten Kriegsbedrohung und dem Kibbuz als Lebensform berühren das Leben tief. Avner fühlt sich z. B. als Anwalt mit der Verteidigung des Sohnes von seinem palästinensischen Freund überfordert. Viele Themen, die das Leben in Israel erschweren, werden am Rande gestreift . Doch geht es in dem neuen Roman von Zeruya Shalev um die Liebe und familiäre Bindungen. In langen Reflexionen der Protagonisten nimmt man an ihrem Leben teil und erlebt die Ängste, Frustrationen und Enttäuschungen hautnah mit. Man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass sich die Autorin in ihrem Stil an David Grossmann anlehnt.

Angenehme Perspektiven sind rar und gute Lösungen für zahlreiche der angedeuteten Fragen gibt es nicht.  Insofern ist der Roman leicht irritierend in seiner Erzählweise um das Hin und Her von Raum und verbleibender Lebenszeit. Man darf aber hoffen, dass am Ende noch alles gut wird!

Zeruya Shalev
Für den Rest des Lebens
500 Seiten, gebunden
Berlin Verlag
ISBN-10: 3827009898
ISBN-13: 978-3827009890
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Martha Gellhorn: Reisen mit mir und einem anderen – Fünf Höllenfahrten

Martha Gellhorn: Reisen mit mir und einem anderen – Fünf Höllenfahrten

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Als Reisen noch Abenteuer versprachen.

Martha Gellhorn war Kriegsberichtserstatterin und zu ihrer Zeit eine bekannte Schriftstellerin. Sie wurde zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in St.Louis geboren. Abenteuerlustig, gewitzt und ein wenig exzentrisch wie so viele ihresgleichen aus den „Roaring Twenties“ führte sie ein aufregendes Leben, das sie in die wichtigsten Kriegs- und Krisengebiete Mitte des letzten Jahrhunderts führte. Sie nennt ihre Reisen auch „Höllenfahrten“, und das waren sie wohl auch.

Von 1940 -1945 war sie mit dem ebenso das Reiseabenteuer suchenden Ernest Hemingway verheiratet, dessen erste Frau ebenfalls aus St.Louis/ USA (s. „Madame Hemingway“) stammte.

1941 reiste Martha Gellhorn nach China. Die zivilisationsverwöhnte Frau konnte dem Dreck, den Menschenmassen und der Fremdartigkeit dieser fernen Welt kaum standhalten. Ihren Begleiter nennt sie „UB“, was für unwilligen Begleiter steht. Unter diesem Namen verbirgt sich ihr Mann E. Hemingway, der ihr mit großer Geduld zur Seite stand. Ihre Launen und Verzweiflungen in dem völkerreichen Staat sind eine wahre Zumutung. Doch unermüdlich sucht Martha Gellhorn den Reiz des Neuen, der sie durch das Riesenreich der Chinesen führt. Vom Krieg zwischen Japan und China berichtet sie dem Chefredakteur der Zeitschrift „Collier“, den sie als charmant und liebenswürdig beschreibt.

Man folgt der Autorin auf ihren Reisen, erleidet mit ihr die Unbilden und kann sich dem Charme der schmissig geschriebenen Erzählungen nicht entziehen. Immer neue Kriegsgebiete gilt es zu erkunden, und ihre Erzählweise ist eruptiv, ehrlich und vermittelt hautnah ihre schmerzhaften Erfahrungen. Sie fühlt sich verführt, ständig neue Herausforderungen zu suchen. Naturschönheiten kann sie mit großem Entzücken beschreiben und gibt doch zugleich ihrer Verzweiflung über die kargen und entbehrungsreichen Unterkünfte Ausdruck.

In einem Nachwort von Sigrid Löffler hört man, wie sehr sie die Natur genoss, sofern sie noch unbeleckt vom Tourismus Einsamkeit und Stille bot.

Wer Ruhe und Zeit hat, wird sich mit Martha Gellhorn auf die Reise begeben und erstaunt sein, was man alles bei der Lektüre durch ihre Augen erlebt.

Dem Dörlemann Verlag ist es zu verdanken, dass wieder einmal ein schon fast vergessenes Werk, das zum ersten Mal 1978 erschienen ist, neu entdeckt werden kann.

Martha Gellhorn
Reisen mit mir und einem anderen
Fünf Höllenfahrten
544 Seiten, gebunden
Dörlemann Verlag
ISBN-10: 3908777615
ISBN-13: 978-3908777618
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