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Autor: Claudine Borries

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens

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Trauer, Krieg und eine außergewöhnliche Lebensgeschichte!

In Rom, der von ihm sehr geliebten Stadt, gelingt es dem Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil, noch einmal die Geschichte seiner Kindheit zu erinnern. Er beschreibt diese von einer ungeheuren Familienkatastrophe überschattete Kindheit beredt, sensibel und von magischen Eindrücken durchzogen.

Es ist die Geschichte eines stummen Jungen, der in enger Symbiose mit Mutter und Vater aufwächst.

Wie war es dazu gekommen?

Der Krieg hatte den Eltern tiefe Narben geschlagen. Vor Kummer um den frühen Verlust ihrer ersten Kinder im zweiten Weltkrieg hatte die Mutter ihre Sprache verloren. Als einige Jahre nach dem Krieg ein letzter Sohn geboren wurde, der nunmehr das einzige Kind seiner Eltern blieb, konnte weder die Mutter noch der Junge sprechen.

H.-J. Ortheil beschreibt das Aufwachsen wie einen stummen Traum: Glück ist es, mit der Mutter zu sein, den Vater nach Hause kommen zu hören, die Natur zu beobachten und sich versonnen am Rande der Gesellschaft zu bewegen. Es scheint, als seien mangels der Sprachfähigkeit seine übrigen Sinne besonders wach. Ortheil erzählt von dem hoch sensiblen und tief mit der Mutter verbundenen Jungen, der sie in unsichtbaren Gefahren wähnt. Er erlebt die Eltern in enger Zugehörigkeit und Liebe, und er erfährt erste unbekannte Schikanen in der Schule, die sein Leben bedrängen.

Als eines Tages ein Klavier ins Haus kommt, empfindet er ungeahntes Glück: Musik zu hören wird zum außergewöhnlichen Ereignis.

Mit einem entschlossenen Kraftakt beschließt der Vater eines Tages, ohne die Mutter mit dem Jungen aufs Land zu fahren. Dort auf dem  heimischen Bauernhof, der zur Familie des Vaters gehört, mit vielen Onkeln und Tanten, mit geregeltem Arbeitsablauf, festen Mahlzeiten und langen Spaziergängen mit dem Vater vollzieht sich die erhoffte und unerwartete Wende: der Junge blüht auf, kräftigt sich an Leib und Seele, lernt schreiben und lesen und zuletzt auch das Sprechen. Wie sich sein weiteres Leben entwickelt, ist von ebenso besonderer Eigenart wie seine frühe Kindheit

In feiner Manier, ganz aus den Augen eines verstörten Kindes, berichtet Ortheil seine Erlebnisse als Kind und die Folgen, die das jahrelange Schweigen für sein Aufwachsen hatte. Man wir zum Zeugen einer „ Sprachwerdung“, die von ungewöhnlichem Ausdruck ist. Kaum vorstellbar sind die Entwicklungen, die im Zeitraffertempo in wenigen Wochen auf dem Land stattfinden.

Der Junge entwickelt allmählich einen zaghaften eigenen Willen, mit dem er seinen weiteren Lebensweg beschreitet. Musik und Literatur bestimmen sein weiteres Leben.

Freude, Glück und Enttäuschung aber liegen immer weiter nahe beieinander.

Der Autor hat seine eigene Kindheitsgeschichte zu einem fiktiven Roman verfremdet. Sein harmonischer Charakter scheint das Ergebnis des besonders einfühlsamen und pädagogisch befähigten Vaters zu sein. Beiden Eltern zollt der Autor in seinem Buch Respekt und Anerkennung, ohne die kritischen Phasen seiner Entwicklung zu verschweigen. Seine Geschichte hat er in einen Strom poetischer Worten gekleidet, mit dem man ganz nah an sein inneres Erwachen herangeführt wird. Der ruhige Erzählstrom entspricht den sich langsam entfaltenden Möglichkeiten des heranwachsenden Jungen. Er ergeht sich nicht in tiefenpsychologischen Deutungen und verrät dennoch Gründe und Ursprünge einer außergewöhnlichen seelischen Entwicklungsgeschichte. Diese seltene Form der Biographie ist höchst beeindruckend!

Hanns-Josef Ortheil
Die Erfindung des Lebens
Gebundene Ausgabe: 592 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN-10: 3630872964
ISBN-13: 978-3630872964

Wolfgang Schorlau: Das München-Komplott

Wolfgang Schorlau: Das München-Komplott

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Ein Krimi der Spitzenklasse!

Zugegeben: dieses ist mein erster Krimi von dem Autor Wolfgang Schorlau. Er hat mich aber sogleich gepackt, denn das umfangreiche Netz, mit dem man sich dem Kriminalfall nähert, ist faszinierend.

Worum geht es?

1980 wurde auf den Theresienwiesen in München ein Attentat begangen. Viele Tote, Verletzte und Schwerverletzte waren als Opfer zu beklagen. Die Tat konnte nie wirklich aufgeklärt werden, weil man sich auf die Einzeltäterschaft eines Neonazis, Gundolf Köhler, geeinigt hatte, der bei dem Attentat ebenfalls ums Leben gekommen war.

W. Schorlau rollt den unaufgeklärten Fall in seinem Roman noch einmal auf. Danach wird der ehemalige Zielfahnder des Bundeskriminalamtes Georg Dengler nach fast dreißig Jahren erneut auf den Fall angesetzt. Auftraggeber ist der Chef des BKA.

Im „ Basta,“ seiner Stammkneipe in Stuttgart, trifft sich Dengler regelmäßig mit Freunden, deren private Lebensgeschichten, Freuden und Leiden  die Geschichte umrahmen und auflockern. Die Freunde können Dengler nicht helfen, der, vom Ehrgeiz gepackt, beim Studium der Akten schon bald auf Ungereimtheiten bei der Aufklärung des Falles stößt.

Er muss sich auf eine lange Recherche gefasst machen!

Schorlau steigert die Handlung von Kapitel zu Kapitel, in dem man sich der Lösung des Falles zu nähern glaubt. Interessant ist die Mischung aus wahrer Begebenheit und Fiktion, die den Fall realitätsnah und glaubwürdig macht. Die Handlungsstränge sind verworren, und gespannt folgt man Dengler bei seiner Suche, bei dem ihm das Studium vermeintlich originaler Dokumente helfen soll. Geheimdienste, Verfassungsschutz und das CIA mit internationaler Zielrichtung spielen eine gewichtige Rolle, und Dengler bewegt sich auf gefährlichen  Pfaden.

Wolfgag Schorlau hat die Tatsachen vor Augen, während er seine Figuren zum Leben erweckt und die Handlung erfindet. Sein nüchterner Erzählstil, der stakkatoartig Tatsache für Tatsache aneinanderreiht, löst eine faszinierende Wirkung aus: man glaubt, das alles sei wirklich so geschehen!  Sein Roman führt in die nahe deutsche Geschichte und spart auch Gegenwärtiges nicht aus. Selbst die Stasibehörde hält Einzug in den Roman, denn sie hält wichtiges Aufklärungsmaterial bereit.

Ein wirklich großartiger Wurf ist Wolfgang Schorlau  mit diesem Politthriller gelungen. Zu Recht gilt der Roman als Krimi des Monats!

Wolfgang Schorlau 
Das Münchenkomplott
Broschiert: 304 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462041320
ISBN-13: 978-3462041323

Sibylle Herbert: Bin ich zu blöd?

Sibylle Herbert: Bin ich zu blöd?

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Tücken der schönen Neuen Welt!

Liest man die ersten Zeilen dieses Buches, fühlt man sich noch fast als Teilnehmer einer gemütlichen Runde im Verlagswesen bei einem Glas Champagner. Dann aber geht es los: ist doch in dieser Runde der Gedanke aufgekommen, einmal über den Sinn und Unsinn unserer heutigen Verkaufs- Sicherheits- und Kommunikationswelt nachzudenken.

Da wird sehr bald klar, dass es um Zahlen, Pins, Hotlines, Tans und Beschreibungen moderner Konsumtitel wie DVDs, Telefone, Waschmaschinen und…und…und geht.

Alsbald schwirrt einem der Kopf vor Zahlen, Vorgängen zur Selbstbedienung beim Einkauf, Zusammenbau von Möbeln, Beschreibungen von Installationen für Telefone, Handys, Fernseher etc.  Ob beim Flugeinschecken oder bei der ausufernden Zahl von Hinweisen zur Erlangung einer Auskunft über so genannte Hotlines: bis man einen richtigen sprechenden Menschen erreicht, kann es lange dauern! Man fasst sich an den Kopf, denn just jetzt begreift man, dass wir schon mitten in einer schönen neuen Welt leben, in der frühere Bedienungs- und Dienstleistungen aller Art noch von dafür bezahlten Menschen ausgeübt wurden.

Sibylle Herbert hat sich einmal die Mühe gemacht, aufzulisten, wo überall Fallstricke  auf uns warten; eine beträchtliche Übersicht ist entstanden, die einen schwindeln macht. Und doch: fühlt man sich nicht auch getröstet, dass man nicht alleine nur „zu  blöd“ ist? Geht es doch unseren Mitmenschen nicht anders als uns selbst: sie scheitern an den Tücken der Technik und werden an sich selber irre. Wenn plötzlich 22000,- € für einen Parkschein gefordert werden, und man sicher sein kann, dass ein Irrtum vorliegt, so ist das nicht mehr witzig, wenn niemand erreichbar ist, der einem aus der Patsche hilft.

Ein witziges, lebendiges und ironisch auflistendes Mahnmal ist unter der Feder von Sibylle Herbert entstanden: sich nicht alleine zu fühlen in einer Zeit, die von uns Allwissenheit verlangt wird, in der wir Bankangestellter, Flugassistent, Kassierer und Möbelschreiner in einem zu sein haben.

Herrlich, erfrischend, konfrontativ und aufklärend erscheint  das Buch. Man möchte hoffen, dass die vielen Erfinder aller unserer schönen und angeblich vereinfachenden Neuerungen auf die Idee kommen mögen, wenigstens technische Beschreibungen so herzustellen, dass sie nicht für aber auch JEDES Gerät eine neue Einführung erforderlich macht!

Fazit: niemand wird sich heute ohne Grundkenntnisse in der Computertechnologie noch an den Kauf technischer Hilfsmittel herantrauen. Darüber hinaus hat sich das Klauen der Bankräuber ebenso in die virtuelle Welt verlagert wie der Einkauf fast aller Güter, und die Ticketbestellungen für welche Events auch immer so wie so.

Eine flott geschriebene Satire auf unser neuzeitliches Leben hat Sibylle Herbert geschrieben.

„Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe,“ möchte man mit dem guten alten Wilhelm Busch sagen, der mit diesem Ausspruch die Streiche von Max und Moritz unterstrichen hat.

Wohin das Leben in dieser neuen Technikwelt wohl noch führen wird?

Sibylle Herbert 
Bin ich zu blöd?
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462041541
ISBN-13: 978-3462041545

Roman Graf: Herr Blanc

Roman Graf: Herr Blanc

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Auf den Spuren eines Sonderlings!

Versonnen geht Herr Blanc in einer hellen Mondnacht seiner Wege. Er kommt gerade aus der Wohnung seiner Mutter, wo er zu Abend gegessen hat wie immer an jedem Montag und Freitag, und wie immer gab es das gleiche Essen an jedem dieser Tage.

Seine Arbeit hat er nach zwanzig schönen Berufsjahren wegen Umstrukturierungen in der Firma verloren. Zu Recht nimmt er nun die Arbeitslosenunterstützung in Anspruch!

Ob er wohl ein anderes Leben geführt hätte, wenn er einstmals mit Heike in England geblieben wäre?

Er und die junge Deutsche haben in ihren jungen Jahren in Cambridge zusammen studiert, ein Vorzug, den er seinem Vater verdankte. Dieser hatte mit einer früh angelegten Sparsumme für sein Studium gesorgt. Verheiratet waren seine Eltern nie, und die Mutter hat sich redlich geplagt, um für ihren Jungen sorgen zu können. Nun sollte wenigstens er es zu etwas bringen!

Heike war seine erste große Liebe, die nur noch in der Erinnerung besteht, denn geheiratet hat er schließlich die Witwe Vreni, die ihn mit ihrem angepassten Wesen nervt.

Die gleitenden Gedanken, die ihm sein vergangenes Leben vor Augen führen, zeigen ihn als einen eigenbrötlerischen Sonderling, und er überlegt, was wohl aus Heike geworden sein mag!

In lakonischem Tonfall beginnt Roman Graf seinen Roman über Herrn Blanc, dessen Lebensweg ein einziges  langweiliges Desaster war. Immer zog es ihn wieder nach Hause in die Schweiz und zur Mutter, die bis an ihr Lebensende für ihren Sohn gesorgt hat. Als sie stirbt, ist Herr Blanc nun wirklich ganz alleine auf der Welt, und so fühlt er sich auch.

Roman Graf liefert das  überraschende Porträt  eines Menschen, der pedantisch bis zu Zwanghaftigkeit agiert und lediglich seine Zeit mit Heike als unbeschwert und frei von seiner beharrlichen Ordnungsliebe erlebt hat.

Die Charakterstudie dieses Mannes, der blass und fahrig durchs Leben geht, der fast immer Opfer ist und doch eine verhaltene Obsession nach Rebellion beweist, ist dem Autor hervorragend gelungen. Mit kleinen Details bekommen seine Figuren Stimme und Form, so dass man sie lebhaft in ihrem Element sieht: Vreni, die Witwe, die ihn zuvorkommend umhegt, Anton Blancs Mutter mit ihrer aufdringlichen Fürsorge,–und Herr Blanc selber! In dem man ihn immer nur mit dem Titel „ Herr Blanc“ beschrieben findet, ahnt man seine naive Einfalt, seine immerwährende Distanz zu Menschen  und Dingen und die Utopie einer Nähe, die er sich in der Erinnerung an Heike  vorgaukelt.

Mit seiner zurückgenommener Ausdrucksweise und seinem stillen Humor beweist Roman Graf, dass in einem Leben als Sohn und Mann, in dem eher der versorgte Sonderling zu sehen ist, auch ein verborgener Herausforderer des Schicksals lauert, der am Ende siegen wird, -und wie!

Das Debüt ist herausragend und lässt auf ein Talent schließen, auf dessen weitere Werke wir gespannt sein dürfen.

Roman Graf   Herr Blanc
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Limmat Verlag; Auflage: 1., Aufl. (August 2009)
ISBN-10: 3857915854
ISBN-13: 978-3857915857

Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro

Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro

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Sexbesessenheit und ein verkrachtes Leben.
Bunny Munro ist eine ziemlich verkrachte Existenz. Er ist unterwegs in England, wo er lebt und als Vertreter für Kosmetikartikel Geld verdient und seine Tage verbringt. Mit Sex, Alkohol und Zigaretten vertreibt er sich die Zeit, während seine Frau zu Hause auf ihn wartet. Schon bald wird bekannt, dass sie depressiv ist, eine traurige Mitteilung, wenn man bedenkt, wie viele berühmte und unscheinbare Menschen daran kranken und auch sterben.
Bunny taxiert Frauen vor allem nach ihrer Verwertbarkeit für sein Sexbedürfnis. Dieses zusammen mit seinen anderen animalischen Triebbedürfnissen macht ihn zu einer armseligen Gestalt der Öde und der Leere.
Dann kommt er eines Tages nach Hause und seine Frau Libby hat sich umgebracht. In dem heftigen Durcheinander der Wohnung sitzt sein Sohn Bunny Junior und sieht fern!
Damit ist die Urszene des Buches vorgegeben: es handelt sich um ein psychisch und physisch abgewracktes Paar, das an den armseligen Bedingungen eines äußerst dürftigen Lebens herumlaboriert. Nach dem Tod von Libby steht den beiden Verlassenen, Vater und Sohn, ein trostloses Weiterleben bevor.
Durch das ganze Buch hindurch wird Bunny seine Sexfreuden, alleine oder mit vorübergehenden Partnerinnen, als Trost suchen, während Bunny Junior seine Zeit im Auto oder Hotelzimmern alleine verbringt. Nur teilweise komisch, wie es im Klappentext heißt, mehrheitlich aber traurig folgt man den beiden auf ihrem Weg, der heimatlos und entwurzelt erscheint. Freuden sind bescheiden angelegt: ein Essen zu zweit, Gespräche in Zweisamkeit und auf die Fragen des kleinen Bunny, z.B. warum er nicht wie andere Kinder zur Schule gehen darf, legt sich Munro eine Antwort nach seinen eigenen Bedürfnissen zurecht. Man gewinnt überhaupt den Eindruck, dass hier ein Egoist par excellence am Werke ist. Nur merkt er gar nicht, wie er selber nach und nach zugrunde geht. Die Leere bleibt durch das ganze Buch hindurch spürbar. Unter den verborgenen Strömungen dieser Lebensstrukturen spürt man die Hoffnungslosigkeit und eine Ergebenheit ins Schicksal, die einen schaudern lassen! Bunny wird und kann sich nicht wirklich zu einem beruhigten Leben aufraffen. Verstörend ist die Lektüre, wenn man nicht über die gelegentlich slapstickartig angelegten Ereignisse auch schmunzeln könnte.

Nick Cave ist ein erfolgreicher und berühmter Rockstar. Leben auf der Bühne kommt sicher dem Leben „on the road“ nahe, so dass er aus dem eigenen Leben beim Verfassen des Romans geschöpft haben mag.

Nick Cave
Der Tod des Bunny Munro
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462041290
ISBN-13: 978-3462041293

Kim Echlin: Der verschollene Liebhaber

Kim Echlin: Der verschollene Liebhaber

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Liebe in Zeiten des Krieges und des Untergangs.

Wie überall in den großen Städten der westlichen Welt war Montreal zu Ende der siebziger Jahre erfüllt von Lebenslust, Musik und den ungebundenen und fröhlichen Klängen einer Jugend, die sich frei und unbeschwert amüsierte.

Anne Greves ist sechzehn Jahre alt und macht erste Erfahrungen in den Clubs und Musikkneipen der Stadt. Blues und Rock sind die Musikströmungen, denen sie anhängt. Ihr Vater ist ein eigenbrötlerischer Sonderling, Prothesenbauer von Beruf und Professor an der Universität. Nach dem frühen Tod von Annes Mutter lebt sie mit ihrem Vater alleine. Als sie mit ihrem ersten Freund, einem Kambodschaner, bei ihrem Vater erscheint, ist er nicht gerade beigeistert und hält ihr immer wieder vor, dass sie ihr Leben mit diesem Freund ruinieren wird.

Die Liebesgeschichte von Anne und Serey steht am Beginn einer Erzählung, die uns später nach Kambodscha führt, wo wir uns mit Land und Leuten und den Folgen des unsäglichen Krieges unter der Gewaltherrschaft Pol Pots konfrontiert sehen. Von 1975 -1979 haben bekanntlich die marodierenden Truppen der Roten Khmer grausamen Völkermord an den Kambodschanern begangen.

Serey ist vor den Roten Khmer aus Kambodscha geflohen. Als Musiker, Student und Tutor an der Universität schlägt er sich wacker durch. Anne verliebt sich tief und ernst in den aparten und ungewöhnlichen Exilanten. Zart und warmherzig leben sie ihre Liebe, die sie unzertrennlich macht. Doch Sereys Heimweh ist größer als seine Liebe. Als er eine Möglichkeit sieht, in das vom Krieg zerstörte Land seiner Vorfahren zurückzukehren, verlässt er Anne,–und zehn Jahre hört sie nichts mehr von ihm.
Abenteuerlich und irrwitzig macht Anne sich nach langer Zeit Anfang der neunziger Jahre auf, um Serey in Phnom Penh zu suchen. Sie findet ihn tatsächlich, und für eine kurze Weile leben sie wieder zusammen.

Anne besteht in der Folgezeit zahlreiche Irritationen und berichtet rückblickend nach dreißig Jahren von ihrem und dem Schicksal ihres geliebten Serey.

Die Autorin nutzt die Liebesgeschichte, die von besonderer Nähe und Innigkeit ist, um das Leid der Menschen in einem vom Terror geplagten Land krass herauszustellen. Anne stößt bei ihrer Suche nach Serey, der eines Tages wieder verschollen ist, weit in das Landesinnere Kambodschas vor. Sie findet neben der Verwüstung des Landes und den vielfach traumatisierten Menschen eine liebenswerte Gesellschaft, gastfreundlich und aufgeschlossen, die jedoch in erbärmlichen Unterkünften haust. Fast alle haben Familienmitglieder oder sogar die ganze Familien durch den Krieg verloren. Angst begleitet beinahe alle Kontakte, so dass man sich einem verschüchterten und resignierten Volk gegenüber sieht.

In fazettenreichen und eindrucksvollen Bildern zeigt uns die Autorin das Bild der bunten und orientalisch- exotischen Stadt Phnom Penh. Diese bietet in einem Land von einzigartiger Naturschönheit ein Bild der Zerstörung, der Armut, mangelnder Hygiene und des Untergangs.

Spannende Unterhaltung pur bietet der Roman, der nebenbei auch noch ein Stück Zeitgeschichte beinhaltet.

Auf Deutsch ist diesem ersten Roman von Kim Echlin in der guten Übersetzung von Claudia Feldmann hoffentlich ein ausgezeichneter Erfolg beschieden.

Kim Echlin
Der verschollene Liebhaber
Gebundene Ausgabe: 263 Seiten
Verlag: Kiepenheuer
ISBN-10: 3378011041
ISBN-13: 978-3378011045

Jonas T. Bengtsson: Submarino

Jonas T. Bengtsson: Submarino

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Leben am Rande der Gesellschaft.

In kurzen, undurchsichtigen Szenen öffnet Jonas T. Bengtsson den Blick in eine Welt, die außerhalb des normalen Durchschnittsbürgers ihre Mitglieder in den Strom des Abseits zieht.

Da ist Nick, der ehemalige Knacki, der im Fitnessstudio von Kamal die abgewrackten Mitglieder der Unterwelt trainiert.

Man lebt von Bier, Cola und Zigaretten, denen Drogen beigemischt sind. Nick wohnt in einem Wohnheim, wo Sofie ab und zu sein trübsinniges Dasein aufhellt.

Eine Versammlung von Outlaws hat sich in diesem Buch zusammen gefunden: drogenabhängige und früh verlassene einsame Außenseiter der Gesellschaft fristen ihr Dasein, das bar jeder Freuden ist.

Ana und Ivan, Jugoslawienflüchtlinge, teilen das Los der Randständigen, denn sie können in dem neuen Land am Rande der Stadt Kopenhagen kaum Fuß fassen.

Die Hauptprotagonisten sind Nick und sein älterer Bruder, die sich zuletzt bei der Beerdigung der Mutter sahen. Sie hatten sich aus den Augen verloren und finden auch jetzt nicht wirklich wieder zusammen.

In flüchtigen Szenen lässt uns Jonas Bengtsson an dem Leben dieser hoffnungslos Verlorenen teilnehmen. Seine Diktion vermittelt die Leere und Trostlosigkeit derer, die sich ganz am Rande der Gesellschaft bewegen. Es sind die Obdachlosen und  sozial Randständigen, die hoffnungslos und benachteiligt ihr Leben fristen. Sie haben keine Aussichten auf eine bessere Zukunft und sind ohne den Trost der Erinnerung, denn schon in der Kindheit erlebten sie Gewalt, Lieblosigkeit und frühe Verlassenheit.

Bengtsson Sprache entspricht dem kargen Innen- und Außenleben seiner Protagonisten. Diese Kargheit, deren Leere betroffen macht und fast in monotone  Langeweile ausartet, wird selbst von Gewaltszenen nicht unterbrochen. Das emotionslose Klima der vernachlässigten und ungeliebten Außenseiter der Gesellschaft ist gut eingefangen. Das Buch ist schwer zu lesen, weil es keine Ausblicke auf irgendwie geartete Besserung der Lage für alle Beteiligten aufzeigt. Brutal und hart ist das Milieu der Unterschicht, die hier beschrieben wird.

Man muss an die entsprechende Lektüre von Stephen King oder Stewart O’Nan denken, die sich im Randgruppenmilieu ähnlich gut auskennen und Sujets gleicher Art in ihren Romanen thematisieren.

Keine leichte Kost bietet  dieser Roman, den man zaudernd liest, wenn man sich in das beschriebene Milieu und das tragische Ende vertieft. Dennoch bietet er eine subtile Momentaufnahme der Gegenwart und der Drangsal, in die Menschen geraten können.

Jonas T. Bengtsson 
Sumarino
Gebundene Ausgabe: 383 Seiten
Verlag: Klett-Cotta
ISBN-10: 3608501053
ISBN-13: 978-3608501056

James R. Gaines: Das musikalische Opfer

James R. Gaines: Das musikalische Opfer

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Zwei Giganten des barocken Zeitalters
Bach und Friedrich der Große, die beiden in diesem Buch als Gegenspieler dargestellten Genies des 18. Jahrhunderts, begegneten sich 1747 zum ersten Mal.
Bach war damals 62 Jahre alt, Friedrich der Große stand in seinem 35. Lebensjahr und war seit 1740 König in Preußen.
Beide sind Vertreter unterschiedlicher Geistesrichtungen: Geist und Mythos stehen gegen Aufklärung und Vernunft. Bach verkörperte die überzeugte Religiosität in der Tradition Luthers, die Friedrich der Große überwunden hatte zugunsten einer aufgeklärten und von der Vernunft bestimmten Geisteshaltung. Der Kampf der beiden Prototypen dieser unterschiedlichen Gesinnungen kulminierte in der Aufgabe, die Friedrich der Große Bach übertrug: zu einem vorgegebenen kontrapunktischen Thema eine dreistimmige, später sogar eine sechsstimmige Fuge zu komponieren. Man konnte darin eine fast unerfüllbare Aufgabe sehen, mit der Friedrich der Große den Meister der Komposition in die Knie zwingen wollte. Bach gelang es jedoch mit seiner Komposition, die später als < Musikalisches Opfer > in die Musikgeschichte eingegangen ist, Friedrich den Großen noch zu übertrumpfen.

Mit dieser Eingangsthese beginnt Gaines seine Doppelbiographie über Bach und Friedrich den Großen.
Letzterer war Zeit seines jungen Lebens Zielscheibe eines zornigen, aufbrausenden und grausamen Vaters, der als launischer und wütender Monarch seine gesamte Umwelt tyrannisierte und schikanierte. Friedrich war als leidenschaftlicher Musikliebhaber und Komponist nicht unbeschadet aus dem demütigenden Verhältnis zu seinem Vater herausgekommen. An dem sehr viel älteren Bach versuchte er in dieser Episode sein gebrochenes Vaterverhältnis zu wiederholen. Bach war der fleißige, biedere, gläubige und bestimmende Patriarch einer großen Familie und ließ sich von dem Monarchen nicht bezwingen.

In den folgenden Kapiteln wird noch einmal in einem Abriss auf die preußische Geschichte mit ihrem Vielvölkerstaat und der Kleinstaaterei eingegangen. Luther und die Folgen der Reformation, der Dreißigjährige Krieg, die höfische Lebensart und wechselnde Monarchen, die mehr oder weniger gebildet den Künsten und Geisteswissenschaften entsprechend aufgeschlossen oder ablehnend gegenüber standen, gewähren tiefe Einblicke in die deutsche Vergangenheit.
Es bleibt nicht bei den Beschreibungen über das Leben bei Hofe: in ausgedehnten Darlegungen werden musiktheoretische und philosophische Überlegungen zur Kompositionslehre abgehandelt. Parallel dazu wird die Ahnengeschichte der Familie Bach aufgeführt.
Die Trauerkantate „ Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit,“ BWV 106, die Bach im Alter von 22 Jahren zur Aufführung brachte, zeigt nach Gaines ein Genie, das mit der h-Moll- Messe, der Matthäus- Passion und vielen anderen seiner berühmten Werke seine Krönung erfährt.
Mit der Gegenüberstellung des frommen musikalischen Genies von Bach und des ebenfalls begabten aber störrischen, aufgeklärten und klugen König Friederich des Großen umfasst die Doppelbiographie beider Männer ein umfangreiches Kapitel deutscher Geistes – und Herrschaftsgeschichte.
Neben den theoretischen Details aus Geschichte und Musik sind es wissenswerte Erkenntnisse über die Charakterentwicklung von Friedrich dem Großen, die man mit Faszination und Staunen zur Kenntnis nimmt.

Gaines schreibt in einem wunderbar lockeren, leichten und eingängigen Stil, so dass man sofort mitten im Leben der damaligen Zeit ist. Die Fülle des Materials auf nur 350 Seiten mit einem ausführlichen Anhang und Quellennachweis ist überwältigend.
Geistesleben und politisches Leben bedingen einander. Macht, Moral, Herrschaft, Kunst, Philosophie und Forschung sind hier in ihrem Zusammenspiel überzeugend dargelegt.

Die äußere Aufmachung des Titels ist stilgerecht und kostbar. Das Buch ist in der Reihe Die Andere Bibliothek bei Eichborn erschienen und bietet neben dem komplexen Inhalt eine Rarität für Liebhaber bibliophiler Ausgaben.

James R. Gaines
Das musikalische Opfer
Verlag: Eichborn
ISBN-10: 3821847689
ISBN-13: 978-3821847689

Juan José Millás: Meine Straße war die Welt

Juan José Millás: Meine Straße war die Welt

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Wachsen aus materieller Armut zum Reichtum der Literatur.

„Wer als kleines Kind gefroren hat, wird für den Rest seines Leben frieren—die Kälte der Kindheit verschwindet nie.“

Diese Worte markieren den Beginn einer Kindheit, die nach Sommern und herrlichen Badetagen am Meer in Valencia zu Ende ging, als die Familie nach Madrid übersiedelte.
Juan, der jüngste Sohn von vier Geschwistern, ist zu dieser Zeit sechs Jahre alt und erlebt den Gegensatz der beiden Städte als schmerzliche und verlustreiche Impression. Das Paradies seiner Kindheit bleibt danach nur mehr sehnsuchtsträchtige Erinnerung. Der kleine Icherzähler Juan lebt in einer Welt voll unheimlicher Wahrnehmungen. Er ist äußerst sensibel und hört genau auf die Zwischentöne, wenn Erwachsenen sprechen. Aus den Andeutungen der Eltern zwischen Zuversicht und negativer Erwartung spürt er im Voraus, dass Madrid kein glücklicher Ort werden würde. Und richtig: die Winter sind hart, kalt und bedrückend. Der Ofen heizt nur ungenügend, und das Wasser rinnt durch Dächer und Wände.
Der Vater ist Erfinder, die Mutter wird als „ Naturgewalt“ geschildert. Nicht immer ging es zwischen den beiden friedlich zu.

Aus der Perspektive des kleinen Jungen erlebt man den Niedergang einer Familie, die sich in Madrid in einem Viertel ansiedelt, das als vornehm deklariert ist, in Wirklichkeit aber zu den ärmlichsten Lebensbedingungen für die wachsende Familie führte.
Der wache Blick führt Juan durch die weiteren Jahre, in denen ein schwächlicher und kränklicher Freund mit dem Spitznamen „Vitaminreich“ ihm aus dem Keller des Hauses, in dem sein Vater einen Lebensmittelladen betreibt, den Blick auf die Straße gestattet; es ist ihre Straße, in der sie Erfahrungen sammeln, und die sie zum Ort ihrer aufregenden und heimlichen Erlebnisse werden lassen. Durch Juans Augen erblickt man die Häuser und Plätze und sieht die Menschen; hier nimmt man an ersten unerlaubten Experimenten und Ausflügen in die weitere Umgebung teil und fühlt sich an die eigene Kinderzeit erinnert.

Aus dem schüchternen Jungen wird schließlich ein Dichter, der oszillierend zwischen Traum, Fantasie und Wirklichkeit seinen ganz eigenen Weg als anerkannter Schriftsteller geht.
In den Therapiestunden bei einer sanften Analytikerin spürt er den Schrecknissen seiner Kindheit nach. Zuletzt erwachsen geworden und in der Realität angekommen, gibt es drastisch- realistische Aussprüche, die zum Schmunzeln verleiten.

Millás bestrickt mit der feinfühligen Wiedergabe frühkindlicher Verwunderungen, Ängste, Hoffnungen und mit seinem ehrlichem Erstaunen über die Welt der Erwachsenen. Selten erlebt man eine so intensive, empfindsame, von Ängsten und skurrilen Fantasien belebte Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit wie in dem autobiographischen Roman von Juan José Millás. Am Ende zeigt sich: wir alle bleiben, wo immer wir sind, der Straße unserer Kindheit verhaftet, in der wir uns überall auf der Welt wieder finden.
Der philosophische Tiefgang der Erzählung ist unübersehbar, ohne die Geschichte dramatisch zu überfrachten. Gelegentlich enden Gedankengänge in einer Leichtigkeit, die den Leser beglücken und uns zeigen, wie reich das Leben ist!
Juan José Millás schreibt anregend, klug, weise und höchst inspirierend. Seine Affinität zu Proust ist unverkennbar. Besser kann man sich einen autobiographischen Roman nicht vorstellen!
Der Autor wurde in Spanien mit höchsten Preisen für sein Werk bedacht.

Juan José Millás
Meine Straße war die Welt
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: S. Fischer
ISBN-10: 3100490134
ISBN-13: 978-3100490131

Pietro Citati: Schön und verdammt

Pietro Citati: Schön und verdammt

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Glück und Tragik eines exzentrischen Lebens zu zweit!

Als sich Zelda und f. Scott Fitzgerald 1918 in Montgomery bei einer Tanzveranstaltung begegnen, nimmt ihr gemeinsames Schicksal seinen Lauf, das sie zu Höhen und in tiefste Abgründe führen wird.

Zwei Jahre nach der ersten Begegnung folgte die Hochzeit.

Scott Fitzgerald  hatte bis dahin ein Leben hinter sich, in dem er nach Größe und Anerkennung strebte, die ihm  jedoch weitgehend versagt geblieben war. Zelda, die schöne, hinreißende und verträumte junge Frau,“Die Königin der Schmetterlinge“,  passte hervorragend zu seinen Träumen von Aufschwung und Berühmtheit. Von Beginn an gab es eine Nähe zwischen den beiden, die verzehrend war.

Exzentrisch und begabt, ruhmverliebt und aufwendig  begannen die beiden ein Leben, das fast immer alle Maßstäbe und Grenzen sprengte. Er schrieb und verdiente das erste große Geld mit seinem berühmten Roman „Der große Gatsby.“   Scott F. schrieb schon in seinem Manuskript zu die „Schönen und Verdammten“:  „Die Suche nach dem Glück ist das größte und vielleicht einzige Verbrechen, zu dem wir in unserem kleinen Elend fähig sind.“ Er wusste damals noch nicht, wie groß ihrer beider Verbrechen war!

Auch Zelda, die vom Glück begünstigt, verwöhnt und behütet aufgewachsen war, lebt auf großem Fuße, genießt ihre Anziehung auf Männer und Frauen, lebt, trinkt und tanzt durchs Leben, ohne zu begreifen, dass auch das schönste Leben auf tönernen Füßen steht, wenn man sich von der Realität entfernt. Sie beginnt spät eine Ausbildung zur Tänzerin, die zum Scheitern verurteilt ist, und er trinkt sich zuweilen um den Verstand. So beginnt ihr gemeinsames Elend, das allmählich tragische Züge bekommt.

Das glamouröse Liebespaar, berühmt, berüchtigt und über alle Grenzen hinweg bekannt, hat ein erschütterndes und geradezu aufrüttelndes Leben zu meistern.

In seinem komprimiert verfassten Rückblick spürt Pietro Citati  dem Schicksal von Zelda und F. Scott Fitzgerald nach und wird zum authentischen Biographen des ungewöhnlichen Paares. Er hat mit seiner genauen und einfühlsamen Analyse das Leben der beiden Glücklich-Unglücklichen nachgezeichnet und kommt zu erstaunlichen Schlüssen. So hielt man immer Zelda für die hysterisch Kranke, für die überzogen Anspruchsvolle. Doch hier zeigt sich, dass Scott in gewisser Weise den Anstoß zum überspannten Lebensstil gab, da er seine Niedergeschlagenheit über seine eher glücklose Jugend nicht überwinden konnte. In wütender Eifersucht verwehrt er ihr eigene Schreibkünste und erhebt den Anspruch, alleine das gemeinsame Leben in seinen Romanen zu verarbeiten. Ab 1930 lebt Zelda in wechselnden  psychiatrischen Kliniken, da sie die krankhaften Symptome der Schizophrenie zeigt.

Tiefenpsychologisch fundiert folgt Citati den Spuren der beiden und belegt seine Thesen mit Auszügen aus Briefen, mit Zitaten aus dem Freundeskreis und aus Scotts Büchern. Er zeigt ein Liebespaar, das von einander nicht lassen konnte, gemeinsam aber das Unglück für beide nur vergrößerte. Was Glück verheißend begonnen, das legt am Ende beide Partner lahm. Der eine geht an seinem eigenen Unglück zugrunde; Zelda bleibt Zeit ihres weiteren Lebens schizophren.

Pietro Citati ist ein italienischer Essayist und Biograph, der zudem bekannt ist für seine Mitarbeit bei fast allen großen Zeitungen Italiens.

Maja Pflug, die herausragende Übersetzerin so vieler Roman aus dem Italienischen ins Deutsche, ist auch diese Übersetzung hervorragend gelungen.

Pietro Citati
Schön und verdammt: Ein biographischer Essay über Zelda und F. Scott Fitzgerald
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN-10: 3257067356
ISBN-13: 978-3257067354