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Autor: Claudine Borries

Zugzwang

Zugzwang

Ronan Bennett Zugzwang Bloomsbury Berlin
ISBN 3827006813

Im den vorrevolutionären Jahren um 1914 geht es in Petersburg ungemütlich zu.
Dr. Otto Spethmann, ein Psychoanalytiker, betreibt eine gut gehende Praxis Petersburg. Hier finden Patienten Hilfe in seelischer Not.
Leider erweisen sich einige von Spethmanns Patienten in vielfache revolutionäre Machenschaften verstrickt.

Die Vorzeichen der Revolution sind allenthalben spürbar.
Geheimdienste des Zaren, Bolschewiki, Kriminelle,–hier tritt jeder mit eigenen Zielen an und bekämpft den anderen.
Die murrenden, sich auflehnenden Revolutionäre bereiten den Sturz des Zarenreichs vor. Man will die Gunst der Stunde zu einem Komplott nutzen und das Zarenregime durch ein Attentat beenden. Im Zentrum steht ein spektakuläres Schachturnier, bei dem auf perfide Art und Weise eine Entscheidung fallen soll. Vorbild ist das epochale Petersburger Schachturnier von 1914, bei dem erstmals Großmeister ermittelt wurden.
Einige der wichtigsten Protagonisten stammen aus dem polnischen Judentum. Ihnen wird eine besondere Rolle zu eigenem politischen Nutzen zugedacht.

Die gesponnenen Intrigen sind unzählbar. In den Vorstellungen der Drahtzieher sind alle Mitspieler nur Marionetten zur Erreichung des angepeilten Ziels.

Anhänger der sich bekämpfenden Gruppierungen suchen bei Spethmann Hilfe,–und trachten danach, sein Wissen über den jeweiligen Gegner auszuspionieren. Spethmann gerät mit den Regeln der Psychoanalyse in Konflikt, wenn er zu Aussagen über seine Patienten von der einen oder anderen Seite gedrängt wird. Unwillentlich gerät er in den Mittelpunkt der Intrigen.

Verfolgungen, Morde und konspirative Treffen führen den Leser in die Irre. Man weiß nicht, wer auf welcher Seite steht, und wer mit wem zusammenspielt.
Spethmann gerät in Zugzwang wie beim Schachspiel und muß um sein Leben bangen.
Mit Phantasie und Einfallsreichtum ist die Geschichte ausgestattet. Liebe, Mord, Täuschungen und Begegnungen führen zu laufendem Szenenwechsel. Das Schachspiel als Parabel auf das Leben gibt der Geschichte einen anspruchsvollen Anstrich.
Für Schachspieler bietet das Buch den besonderen Anreiz, dass Schachpartien in Bild und Gespräch abgebildet werden.

In rasantem Tempo wechseln Handlungsstränge und Schauplätze.
Verwegen und verwinkelt bewegt sich die Handlung auf ein Ende zu, das unerwartet, passend und sogar realistisch aussieht.

Da man mit den politischen Verhältnissen in Russland vor der letzten Revolution von 1917 konfrontiert wird, rückt ein Stück damaliger Zeitgeschichte ins Blickfeld.

Ronan Bennett hat den filmreifen Roman mit vielen Tricks zu einem spannenden Politthriller ausgearbeitet.

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East Side Story

East Side Story

Louis Auchincloss East Side Story Dumont
ISBN 383218029X

Der Roman über die Familie Cornachon bietet das Panorama einer weit verzweigten Familie der New Yorker oberen Mittelschicht.

Die Geschichte begann mit David Cornachon, der als Auswanderer Anfang des 19. Jahrhunderts aus Schottland nach New York kam. Er machte ein Vermögen mit dem Tuchhandel.
New York mit seinem aufstrebenden Wirtschaftswachstum bot die Möglichkeit, mit ausgeklügelten Handelssystemen zu Ansehen und Reichtum zu gelangen.
Über ein Jahrhundert reicht die hier erzählte Geschichte. Sie umfasst die Epoche vom amerikanischen Bürgerkrieg bis zum Desaster von Vietnam.

In jedem Kapitel wird eine Figur des Clans in den Focus gerückt und beleuchtet Glück, Freude, Versagen und Erfolge einzelner Familienmitglieder.
Diese Einteilung ermöglicht uns die Sicht aus unterschiedlichen Blickrichtungen.

Als David 1869 starb, hinterließ er Frau und neun Kinder. Dem Sohn Douglas gelang es als einzigem, eine zahlreiche Nachkommenschaft hervorzubringen.

Das Vermögen wurde durch eigene Arbeit und die Einheirat in begüterte Familien vermehrt.
Während die einzelnen Familienmitglieder aus dem Hintergrund hervortreten, weitet sich der Blick auf das Amerika, das einmal Hoffnung und Zukunft für viele europäische Einwanderer bot.
Große Häuser, mehrere Wohnsitze und zahlreiche Besitzungen geben Einblicke in den wachsenden Reichtum.
Es folgte der Bürgerkrieg, der zu Meinungsverschiedenheiten unter den Kindern von Douglas und dem Verlust eines Sohnes führte. Die Familie hält über alle Differenzen hinweg zusammenhält.
Die Konkurrenz und Machtproben zwischen den Enkeln von David sorgen für Überraschungen: die Vettern David, James und Gordie sind Konkurrenten in der Schule, im Studium und im Leben. Man bleibt sich dennoch eng verbunden! Fein beobachtet werden die psychologischen Machtspielchen und die Manipulation der Stärkeren gegen die Schwächeren vermerkt.
Es ist ein weit gefasstes Arsenal von Anspruch und Verwirklichung, von Unterwerfung und Zurückstecken!

Heiraten werden selten aus Liebe, häufiger aus Kalkül um Macht und Geld geschlossen.
Man besitzt gut gehende Anwaltskanzleien, ist im Bankwesen und in der Werbung tätig.

Auchincloss hat das Klima um die Familie wunderbar ergründet und wiedergegeben, entstammt er doch selber einer etablierten Ostküstenfamilie.
Man ist fasziniert, wie sehr sich die Ostküstengesellschaft Amerikas einen eigenen Kodex zugelegt hat, der das europäische Gesellschaftssystem von Adel und Bürgertum imitiert. Hier allerdings ist das Geld der Mammon, um den sich alles dreht. Dazugehören, Mitsprache, Ämter und Patronage sind die Merkmale der feinen Gesellschaft. Bildung rangiert hiernach erst an zweiter Stelle. Gordie, der gerne Schriftsteller geworden wäre, muß den obligaten Weg des Juristen einschlagen, um mithalten zu können.

Es sind starke, reiche, sensible, feine und labile Charaktere, die in allen Facetten Amerika als das Land der einstmals großen Hoffnungen und des Aufbruchs in eine neue Welt ins Rampenlicht rückt. Auchincloss schreibt beseelt von einer Welt, die er kennt, die er liebt, und die ihm wichtig war. Auch dem Leser imponieren die großartigen Entwicklungen, die unterschiedlichen Charaktere und der immer wieder spürbare Zusammenhalt in der Familie. Geistreich, klug und ernst sind die Gespräche und der Gedankenaustausch zwischen den Menschen.
Der amerikanische Bürgerkrieg, die beiden großen Weltkriege und der Vietnamkrieg verändern die Betrachtungen über die Zusammenhänge des politischen und gesellschaftlichen Wandels.
Eine unleugbare Melancholie klingt an, wenn Auchincloss noch einmal den Weg in die Vergangenheit zurücklegt.

Auchincloss war selber Anwalt in New York, wo er 1917 geboren wurde. Er hat etwa 60 Romane neben seiner anwaltlichen Tätigkeit veröffentlicht.

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Superhero

Superhero

Anthony McCarten Superhero Diognes
ISBN 3257065752

Superhero MiracleMan: das ist die Comicfigur, die Donald Delpe erfunden hat!
Er malt sich Kämpfe aus zwischen MiracleMan und Gummifinger, einem wahnsinnigen Arzt. Und MiracleMan gewinnt immer!

Der eigentliche Plot der Geschichte ist die Krankheit von Don: er ist 14 Jahre alt und hat Krebs.

Voller Verzweiflung hofft er, wenigstens nicht als Jungfrau sterben zu müssen. Frauen und seine Sehnsucht nach Sex spielen eine beispiellose Rolle in seinen Wünschen und Phantasien.

Seine Eltern fühlen sich hilflos und traurig. Sie möchten ihm so gerne helfen. Ein Psychologe wird eingeschaltet, Adrian. Auf ungewöhnliche Weise versucht Adrian, ihm bei seinen Sexproblemen zu helfen.

Don hasst alle und führt sie aufs Glatteis, schlägt über die Strenge und kennt keine Rücksicht mehr. Er hat ja nichts mehr zu verlieren!

MacCartney hat sich fabelhaft eingefühlt in einen Jungen, der den Torturen der Behandlung von Chemotherapie und Bestrahlung ausgesetzt ist. Seinen Kampf aber, den hat Don an MiracleMan delegiert, denn er selber hat keine Hoffnung mehr.

MacCarten ist der Sprache des Jungen mächtig: cool, aggressiv und herablassend bewegt sich McCarten auf den Wegen von Don und seiner Familie.
Zugleich fühlt man, wie verzagt, abwehrend und verschlossen Don sein Leiden erträgt und alleine in seiner Phantasiewelt einen Ausgleich sucht und findet. Er ist ein hervorragender Comiczeichner, der seinem Helden Stimme und Form gibt, so dass selbst Außenstehende ihn bewundern müssen. McCarten versteht etwas von der Einsamkeit, der Isolation und dem Ausgeschlossensein der Krebskranken von den Gesunden.

So ganz nebenbei erfährt man auch noch, wie hilflos sich Therapeuten gelegentlich fühlen!

McCarten hat mit diesem Buch jenen Kindern eine Stimme gegeben, die sich mit dem Krankheit Krebs konfrontiert sehen.

Sein Buch ist ernst und bei aller Trauer von einer selten humorvollen Vision getragen: dass die Comics und die Sprechblasen, die Don seinen Mitmenschen in Gedanken unterlegt, ihm helfen könnten, seinen Zustand besser zu ertragen.
Eine schönere, traurigere und zugleich mit Humor versetzte Hommage an krebskranke Kinder ist kaum vorstellbar!
Viele Sterne für diesen Autor!!

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Das Haus

Das Haus

Mark Z. Danielewski Das Haus House of Leaves
Von Zampano mit einer Einleitung und Anmerkungen von Johnny Truant
Klett-Cotta ISBN 3608937773

Was bezweckte Will Navidson, als er eines Tages ein Haus auf dem Land in Virginia kaufte?
Hatte er genug vom Stadtleben?

Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Karen Green und den beiden Kindern bezieht er fröhlich ein Haus in der Ash Tree Lane.
Sie haben das Haus gekauft, um einem geruhsameren Leben mit ihren beiden kleinen Kindern Chad und Daisy zu frönen.

Will ist Fotograf und macht aus dem Einzug in das Haus ein filmisches Happening. Er will alles dokumentieren. Überall sind Kameras installiert, die jede Regung und Bewegung im Bild festhalten.
Was mit der Familiengeschichte leichtfüßig beginnt, entpuppt sich zusehends als Horrorszenario.

Zwischen den Zeilen ist die heile Familie gar nicht so heil. Vielleicht wollte Will Navidson mit dem Umzug nur seine Beziehung zu seiner Lebensgefährtin Karen Green kitten?
Will war beruflich so viel unterwegs, dass es Karen zu viel wurde, und sie seine Gegenwart angemahnt hat.

Was Will nicht wusste: in dem Haus geht es nicht mit rechten Dingen zu.
Er entdeckt ein Paradox: das Haus ist außen kleiner als innen. Unvermutet und unheimlich tut sich ein langer Flur auf.

Herbeigerufene Besucher, die Navidson bei der Aufklärung der unheimlich sich auftuenden Räume helfen sollen, finden schließlich immer neue riesige Höhlen und beängstigende Geräusche und Labyrinthe. Die Entwicklung wird stetig gruseliger, weil die Räume mit gelegentlich auftauchenden schauerlichen Gestalten ins unendliche Nichts zu führen scheinen.

In einem weiteren Erzählstrang stellt sich heraus, dass Zampano, ein blinder, alter Mann nach seinem Tod ein Manuskript mit dem Titel Der Navidson Record hinterlassen hat. Truant, der in einem Tattooladen arbeitet, hat das Manuskript erhalten, zusammengesetzt und kommentiert. Sein eigenes Leben spielt in langen Passagen und Kommentaren in die oben beschriebene Geschichte mit hinein.
Es entstehen Parallelwelten, die in Verbindung zu einander stehen.

Der Leser wird von verschiedenen Inhalten überschwemmt, die zuweilen die Orientierung erschweren. Wahn und Wirklichkeit verwischen das Bild, so dass man gezwungen wird, zwischen irrealen und realen Wahrnehmungen zu einer eigenen Anschauung zu finden.
Poetische und sehr realistische Schilderungen wechseln mit solchen, bei denen sich der Inhalt nur schwer erschließt.

Die Seiten dieses Romans sind durch ein seltsames Layout gar nicht ganz leicht zu lesen.
Aufmachung, Design und Umfang des Buches ist ungewöhnlich.

Faszinierend ist die Horrorgeschichte um dieses Haus allemal.
Wer Gruselthriller liebt, der wird an diesem Buch seine Freude haben!

In Amerika ist das Buch schon bald nach Erscheinen zu einem Kultbuch avanciert. Verbindet es doch das Zeitalter der Medien mit den Phantasien einer verwirrenden Welt des Grauens, wie sie alle Tage einen jeden von uns überfallen könnten.

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Der Sohn

Der Sohn

Giacomo Cacciatore
Der Sohn
rowohlt
ISBN 3498009362

Geheimnisvoll und unüberschaubar ist die Welt, in die Giovanni Vetro hineingeboren wurde.
Die Familie lebt in Palermo. Der Vater ist Polizist.
Kann man sich anderes vorstellen, als dass zu Sizilien und Palermo die Mafia gehört?

So ist es: Giovanni hört und sieht Dinge, die ihm unheimlich sind. Die Mutter bekommt anonyme Anrufe und schreit hysterisch herum. Sie muß ständig Tropfen einnehmen, um dem Leben gewachsen zu sein. Der Vater, den der Junge als einzigen Halt betrachtet, ist auf unheimliche Weise bedroht.
Er bedeutet ihm, zu schweigen und wegzuhören, denn, * was man nicht sieht, das gibt es auch nicht*.

Giovanni hört und sieht aber mehr, als er möchte. Mit niemandem kann er darüber reden. Seine Ängste um das Leben des Vaters sind unübersehbar. Ist der Vater mit der Mafia insgeheim verbunden? Bei Gelegenheiten geschehen Dinge, die das zu beweisen scheinen. Z.B. bekommt Giovanni seinen ersehnten Farbfernseher,–obwohl das Geld des Vaters dazu nicht reicht!

Da immer nur Andeutungen fallen und Morde passieren, die für den Jungen nicht verstehbar sind, bekommt die Geschichte einen geheimnisvollen und bedrohlichen Unterton.
Er möchte seinem Vater helfen, ihn warnen und schützen. Zugleich wächst ein Misstrauen, auch dem Vater nicht immer trauen zu können.

Die Geschichte ist in einem Ton gehalten, der aus vielen Andeutungen besteht.
Man kann sich vorstellen, dass in Sizilien vorgeblich brave Kaufleute und Bürger kriminell sein können, und dass es staatliche Stellen gibt, die sich nicht immer so schützend vor ihre Bürger stellen, wie man es von ihnen erwartet. Die Übergänge zwischen den offiziellen und inoffiziellen Bezügen sind fließend.

In der Erzählung verwischen die Spuren; Giovanni versucht, hinter die Geheimnisse seines Vaters zu kommen. Dabei findet er zu erstaunlichen Erkenntnissen.
Er muß aus seinen Beobachtungen zu eigenen Schlüssen finden, die ihn in unvorhersehbare Ratlosigkeit stürzen.

Sich in dem Dschungel unklarer Verhältnisse zurechtzufinden, ist ein Thema in diesem Buch. Daneben besteht eine Vater- Sohnbeziehung, auf die kein Verlass ist. Und dennoch: Giovanni wächst heran wird auch unter diesen Umständen erwachsen!

Giacomo Cacciatore hat eine literarische Form gefunden, in der die ehrenwerte Gesellschaft, wie die Mafia auch bezeichnet wird, in Erscheinung tritt, ohne dass klare Konturen erkennbar werden. Die feinen Skizzen, mit denen er seine Andeutungen über Begünstigungen, Bedrohungen und Befehdungen zeichnet, sind fein nachempfunden. Es ist ein Leben im Schweigen, was viele Bürger dort führen. Italien aus dieser Sicht zu betrachten, gibt einen Eindruck wieder, den man als Reisender der schönen Renaissancestädte des Nordens kaum glauben mag.
Giacomo Cacciatore hat ein mutiges Buch über die Mafia geschrieben. Er gilt als ein großes Talent der italienischen Gegenwartsliteratur.

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Erbin des verlorenen Landes

Erbin des verlorenen Landes

Kiran Desai Erbin des verlorenen Landes

Berlin Verlag ISBN 382700683X

In einer wunderbar filigranen Erzählweise eröffnet uns Kiran Desai den Blick auf ihre Heimat Indien.

Die Zeit der englischen Kolonialherrschaft ist vorbei.
Ein pensionierter indischer Richter hat sich nach Kalimpong an den Hängen des Himalaja zurückgezogen. Dort lebt er in einem verkommenen Haus mit seinem Hund Mutt, einem Koch und seiner Enkelin, die er mehr aus Notwendigkeit als aus Zuneigung zu sich genommen hat. Der Richter ist ein verbitterter Mann. Seine Tochter war mit einem ihm nicht genehmen Mann verheiratet, der sich in Russland als Astronaut hat ausbilden lassen. Unglücklicherweise sind die Eltern der kleinen Sai in Moskau bei einem Autounfall ums Leben gekommen.
Wie lebt es sich in dieser abgelegenen Welt?
Zwei Damen in der Nachbarschaft unterrichten Sai, bis ihre Kenntnisse nicht mehr ausreichen und ein Hauslehrer ins Haus kommt: Gyan! Natürlich verliebt sich Sai in dieser verlorenen Gegend in ihn, der die einzige Abwechslung zu bieten vermag in einem ansonsten trostlosen Ambiente.
Und dann gibt es auch noch den Koch, der immer dann lebendig zu erzählen weiß, wenn es um seinen in Amerika lebenden Sohn Biju geht.

In Rückblenden erfährt man die ganze Geschichte dieser vier Personen.
Der Richter hatte in England studiert und unter der Verachtung der Engländer gelitten. Bei seiner Rückkehr hat er seine Frau, die er vor seinem Studienaufenthalt geheiratet hatte, zu ihrer Familie zurück geschickt, weil er sie nicht ertragen konnte. Er hat die englische Lebensart angenommen und zugleich abgelehnt. Er ist sich selbst ein Fremder geworden.
Der Aufstand der Ghurkas Mitte der achtziger Jahre in dem Gebiet Kalimpong verändert das Leben aller Protagonisten. Gyan schließt sich den Rebellen an und verlässt wütend Sai, die seinen Wandel nicht versteht.

Im Zusammenspiel der beteiligten Personen wird ein lebendiges und zerrissenes Indien gezeigt, das mit den Folgen der Kolonisation noch lange nicht fertig ist.
Arm und reich bilden einen unüberbrückbaren Gegensatz. Die Moderne ist noch nicht angekommen, und die Charaktere zeigen, dass es die Starken sind, die dem Land zum Auftrieb
verhelfen könnten.
Biju kehrt zu seinem Vater zurück, Sai verlässt das Dorf, und der unsympathische Richter bleibt alleine zurück.
Es ist eine Buch, das eine aufgewühlte Welt zeigt, die noch viele Jahre der Konsolidierung brauchen wird, um zu einer ruhigen, friedlichen und ausgewogenen, auch zu einem von sozialer Gerechtigkeit getragenen Gesellschaft zu werden.
Kiran Desai schreibt leidenschaftlich und engagiert. Man merkt ihr an, dass in dem Buch das Thema verhandelt wird, das ihr am meisten am Herzen liegt.
Wer sich für Indien, seine Widersprüche und Unausgeglichenheit interessiert, der wird mit dieser Lektüre auf seine Kosten kommen.
Es ist ein wild, lebendig und ausufernd beschriebenes Szenario einer uns noch sehr fremden Welt!
Im Dezember wird das Buch als TB erscheinen.

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Galileos Tochter

Galileos Tochter

Dava Sobel Galileos Tochter btv Verlag
ISBN : 3442722969

Im Zeitalter der Raumfahrt und immer tieferer Durchdringung des Universums bleiben die ersten Erfahrungen durch Kopernikus und Galilei Galileo mit ihren Erkenntnissen über den Weltraum von unverminderter Aktualität.
Stellten sie doch mit ihrer Erkenntnis, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und wir in einem Planetensystem leben
s. Zt. das gesamte religiöse, weltanschauliche und philosophische Weltbild auf den Kopf.

Galileo Galilei war ein frommer Mann, der mit seinen Erkenntnissen keinesfalls die religiösen Dogmen aushebeln wollte. Dieser Konflikt war jedoch nicht lösbar.
Wissenschaft und religiöse Dogmen blieben unvereinbar.
Bis heute blieb und bleibt die Unvereinbarkeit der Schöpfung in ihrer religiösen Entstehungsgeschichte mit der Darwinschen Theorie der evolutionären biologischen Menschheitsgeschichte in zwei unvereinbaren Lagern ebenso bestehen, wie zu Beginn der Neuzeit die Erkenntnisse Galileis, die den Klerus und die Wissenschaften in zwei Lager spalteten.

Dava Sobel kommt das Verdienst zu, in leicht verständlicher und gut zu lesender Weise eine Geschichte des Galileo Galilei geschrieben zu haben. Dass dabei die Töchter eher im Hintergrund bleiben, ist verzeihlich. Geht es doch um die Zeit im Mittelalter, als in Italien die Wissenschaften erblühten. Physiker, Mathematiker und Philosophen befruchteten sich gegenseitig mit ihren Ideen und kamen zu immer neuen Einsichten. Bischöfe und Päpste blieben einbezogen. Ihnen kam die Rolle zu, die religiösen Vorstellungen gegenüber dem Neuen zu bewahren. Das gelang je nach deren persönlicher Haltung mehr oder weniger gut.
Dava Sobel beschreibt ausführlich und detailliert, wie die Schriften der Gelehrten über die Erkenntnisse von der Beschaffenheit der Sterne, Planeten und Fixsterne mit den einschlägigen Aussagen in der Bibel in Übereinstimmung zu bringen waren.
Galilei war seit seinen Erkenntnissen in Fortsetzung der Forschungen von Kopernikus von der Inquisition bedroht, und er war stets bemühte, sich die Bischöfe und Päpste gewogen zu halten.
Dass am Ende eine Überzahl von Gegnern ihn vor die
Inquisition zwangen, und er seinen Lehren abschwören musste hat seine Bedeutung bei der Erforschung des Universums nicht schmälern können.

Breiten Raum nehmen in diesem Buch die Schilderungen der Krankheiten des Galileo Galilei ein. Zur Zeit des ausgehenden Mittelalters gab es die großen Krankheiten wie Pest und Cholera, die viele Menschen dahinrafften. Er selber litt an einer Art Gicht, die ihn immer wieder wochenlang auf das Krankenlager warfen.
Galilei hatte seine beiden Töchter in das Kloster der Klarissinnen San Matteo gegeben, die in der Nachfolge des Franz von Assisi lebten. Die Autorin zeichnet dabei ein anschauliches Bild des Lebens in den Klöstern.

Galileis Tochter Maria Celeste, zu der Galileo G. eine besonders innige Beziehung pflegte, starb schon im Alter von 34 Jahren. Von ihr sind 124 Briefe an ihren Vater erhalten, die bei der Recherche für dieses Buch eine wichtige Informationsquelle bildeten.

Dava Sobel beschreibt in einem einfachen und eingängigen Stil die komplexen Vorgänge um die Erforschung des Weltraums. Für den Laien wird die Dramatik um die kontroversen Positionen Kirche und Weltlichkeit praktisch vorstellbar.

Dava Sobel ist eine mit mehreren Preisen ausgezeichnete Wissenschaftsredakteurin der New York Times.
Das Buch hat eine schöne bibliophile Aufmachung, wird aber auch im Januar in einer Neuauflage als Taschenbuch erscheinen.

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Das Schweigen

Das Schweigen

Jan Costin Wagner Das Schweigen Eichborn Verlag
ISBN 3821807571

Wir befinden uns in einem kleinen Ort in Finnland.
Ein Mord ist geschehen.
Die Tat liegt 33 zurück und nun scheint sie sich identisch wiederholt zu haben. Den Mörder von damals hat man nie gefunden.
Ein Mädchen ist auf dem Weg zum Sportunterricht verschwunden. Man findet ihr Fahrrad, die Sporttasche und Blutspuren.
Wie jeder gute Krimi beginnt auch dieser mit Mord, Ermittlungen und einer Vielzahl betroffener Personen.
Das beeindruckende Geheimnis um den Täter geht in eine spannende Erzählung über.
Indizien weisen auf einen Mordfall hin, die Leiche des Mädchens ist noch nicht gefunden.
Kimmo Joentaa, Kommissar aus dem Vorgängerroman Eismond, rotiert, um zu schnellen Ergebnissen bei den Ermittlungen zu kommen. Ketola, ein gerade pensionierter Kommissar, der vor 33 Jahren bei der Suche nach dem Mörder an der 13 jährigen Pia Lehtinen beteiligt war, wird noch einmal eingeschaltet, um bei der Aufklärung dieser Wiederholungstat mit zu helfen.

Dabei lernen wir die Familien der Opfer beobachten,
ahnen, wer der mögliche Täter sein könnte und dürfen raten, wie dieses Verbrechen zustande gekommen sein mag.

Die einzelnen Szenen in den Familien, auf dem Kommissariat und bei der Suche im Archiv zum weit zurückliegenden Mord bestimmen das Klima, in dem der Roman geschrieben ist.

Dabei gelingt es Costin Wagner, dem gefeierten Star eines neuen Genres von Kriminalromanen, psychologisch ausgefeilte Szenen still und überzeugend zu inszenieren.
Ängste, Hoffnungen, Verzweiflung und das Gefühl des Versagens und der Schuld sind die Stimmungsträger dieses Buches. Dazu die Schicksale der Hauptkommissare, deren persönliche Lebenserfahrungen sie im Ertragen von Schmerz und Kummer für die tragischen Seiten des Lebens sensibilisiert hat.
Jeder trägt schwer am eigenen Versagen, keiner ist frei und unbeschwert im Genießen des Augenblicks. Nur in dem Ferienhaus der Familie des Immobilienmaklers Korvensuo mit seinen fröhlichen Kindern und seiner netten Frau Marjatta scheint es ausgeglichen, freundlich und bürgerlich – friedlich zuzugehen. Er spielt einen besonderen Part in diesem Drama.

Fein modelliert werden die kleinsten Regungen registriert, die sich im Zusammenspiel der Menschen ergeben.
Ob es der psychisch kranke Sohn von Ketola ist, die unbeschwerte Party bei der Familie des Immobilienmaklers, bei dessen Regungen und Empfindungen man erschauern möchte,–ist er womöglich in die Morde verwickelt?—oder die vage Hoffnung von Eltern, die noch nicht wahrhaben wollen, dass der Tod der Tochter wahrscheinlich ist.
Mit feinsten Affekten haben wir es hier zu tun.
Grandios lässt der Autor seine Figuren sich umkreisen je nach Verfassung in Verzweiflung, Wut, Hoffnung, mal ein wenig näher an der Wahrheit, dann wieder tief im Dunkeln tappend.

Die Erzählung steuert dramatisch auf das Ende zu, während der Leser unruhig wartet, dass sich ihm endlich die Wahrheit offenbart!

Das raffinierte Zusammenspiel der Figuren macht den Roman zu einem Ereignis! Menschliche Abgründe tun sich auf und
in der Lösung der Geschichte offenbart sich die Frage nach Schuld und Sühne.
Jan Costin Wagner hat für seine ersten beiden Krimis Preise eingesammelt. Mit diesem Roman wird er seinen Erfolg festigen und weit über Deutschland hinaus zu Ruhm gelangen!

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Goodbye Istanbul

Goodbye Istanbul

Esmahan Aykol Goodbye Istanbul
Diogenes ISBN 3257065698

Die junge Türkin Ece hat eines Tages genug von ihrem Leben in Istanbul!
Sie verlässt die Stadt und fährt nach London.

Hinter sich lässt sie einen Vater, der nach einem Unfall und Verlust eines Armes die ganze Familie tyrannisiert und eine unzufriedene Mutter, die nicht glauben kann, dass die Tochter ein Studium ins Auge fasst.
Tamer, den sie liebt und mit dem sie eine Liaison hat, bleibt allen Beteuerungen zuwider verheiratet, so dass sie keine Zukunftsaussichten mit ihm sieht.
Am schwersten aber wiegt der Verlust des Großvaters: mit ihm fühlte sie sich eng verbunden. Er hinterließ ihr, ohne dass die übrige Verwandtschaft davon wusste, ein beträchtliches Vermögen, mit dem sie einst ihr Leben selbständig in die Hand nehmen soll.

Esmahan Aykol entwirft das Bild einer modernen Stadt Istanbul, in der Frauen studieren und ein freizügiges Leben im Geheimen leben konnten.

In London aber sieht die Welt nicht besonders rosig für Ece aus. Nun lernt sie die Tücken des Andersseins kennen.
Als Türkin hat sie geringe Chancen, in eine gehobene Berufsanstellung zu kommen.
So wird sie erstmal Tellerwäscherin in einem coffee-shop.
Ece trifft eine Reihe von Landsleuten, die aus den verschiedensten Gründen ihr Land verlassen haben. Dabei offenbaren sich ihre Nöte und Armut, die sie bedenklich stimmen. Was ist aus den rosigen Vorstellungen geworden, mit denen sie in den Westen aufgebrochen war?

Die Autorin bringt mit dieser Erzählung eine interessante Gegenüberstellung des Lebens in der Türkei und der großen, in demokratischen und konservativen Traditionen verhafteten Metropole Londons ins Spiel. In dieser Stadt bleiben Fremde fast immer Fremde ohne besondere soziale Aufstiegschancen.

Wenn es zu schlimm kommt, dann erinnert sich Ece des Großvaters, und da wird ihr warm ums Herz.
Sie weiß ihrer Cousine Aylin viele schöne Geschichten zu erzählen, die ihr der Großvater, ein angesehener Silberschmied, überliefert hat.

Die Legende von Vostan scheint direkt der biblischen Geschichte von Jakob und Rahel zu entsprechen. Man vernimmt mit Erstaunen, dass die uralten Geschichten unterschiedlicher Völker und Religionen Ähnlichkeiten aufweisen.
Mit den Erzählungen Eces wird die Türkei als ein orientalisches Land ins Bild gerückt, das im krassen Gegensatz zu dem modernen London steht.

Wie Aykol ihre Themen angeht, das geht zu Herzen. Die eigenwillige und trotzige, zugleich liebevolle Heldin wirkt sehr präsent. Man stellt sich eine starke Persönlichkeit vor, die ihr Glück und das Vergessen in der Fremde sucht. Die Bemühungen, Erinnerung und Vergessen in ein adäquates Verhältnis zu bringen, zeigt die Willenskraft und Intelligenz der Protagonistin. Reflektiert und klug sucht sie ihren Weg.
Die Gegenwart wird von der Vergangenheit und einer innerlich erwärmenden Beziehung zwischen Großvater und Enkelin überblendet.

Der Bogen ist weit gespannt: von Istanbul, seiner Geschichte und dem Leben dort nach London, wo die Integration von Fremden schier unmöglich erscheint. Ausländer bleiben unter sich und bilden einen eigenen Kosmos in der Stadt.
Europa und der Orient sind im Format dieser Erzählung lebhaft als Gegensätze auszumachen

Aykol präsentiert eine starke Erzählung, in der die Charaktere mit markanten Eigenschaften in Erscheinung treten.
Schicksale dieser Art bilden nicht die Ausnahme in unserer Zeit. Man sollte das Buch lesen!

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Die Frau im Mond

Die Frau im Mond


Mit dem zweiten Roman der Autorin des Romans “ So lange der Haifisch schläft“ hat Milena Aus erneut eine kleine und feine Erzählung vorgelegt.

Die Geschichte spielt in Sardinien. Aus ruhigen und zarten Anfängen wird außergewöhnliches kleines Werk.

In einer Hommage an ihre Großmutter erzählt die Enkelin als Erzählerin ihre Geschichte.

Auf Sardinien scheinen die Uhren stehen geblieben zu sein.

Das junge Mädchen, das die Großmutter einst war, hat Pech in der Liebe. Alle möglichen Kandidaten laufen immer wieder davon. Ob es daran liegen mag, dass sie ihnen Liebesbriefe und erfundene Geschichten schreibt?
Von ihrer Familie wird sie als leicht verrückt eingeschätzt und auch so behandelt.
1943 kommt ein Witwer auf der Flucht vor dem Krieg auf die Insel und als Untermieter zu den Eltern.
Sehr schnell macht er der jungen Frau, die schon nicht mehr ganz jung ist, einen Heiratsantrag. Aber sie liebt ihn nicht!
Als sich heraus stellt, dass auch er sie nicht liebt, lassen sich beide auf eine Ehe ein, die mehr brüderlich-schwesterlich angelegt ist als etwa auf die große Liebe. Er erledigt seine Bedürfnisse in einem Bordell.
Als sie ihn eines Tages beim Rauchen einer Pfeife beobachtet, macht sie ihm den Vorschlag, das Geld für das Bordell zu sparen, denn sie könne für seine Bedürfnisse statt der Huren deren Aufgaben übernehmen.
So entwickelt sich ein sonderbares Verhältnis, das auf rationaler Ebene alle wichtigen Funktionen erfüllt. Nur die Liebe bleibt auf der Strecke!
Unsere liebenswerte Heldin sucht in ihren Träumen weiterhin nach der einzigen und wahren Liebe!

Sie sollte ihr 1950 bei einem Kuraufenthalt begegnen.

Der Reduce, wie sie ihn nennt, ist ein versehrter Kriegsheld.
Als sie ihn sieht, ist es um sie geschehen. Er und kein anderer vermag ihre Liebe zu wecken!

Neun Monate nach dieser Begegnung kommt der Vater der Erzählerin zur Welt und entwickelt sich zu einem angesehenen Pianisten.
Nach einem Sprung in die Zukunft ist die Erzählerin, Tochter des Pianisten und einer Flötistin, ihrer Großmutter in inniger Liebe verbunden. Sie beobachtet und erzählt, wie sich alles weitere zugetragen hat.

So Geschichte wirkt mit ihren simplen Sätzen naiv und einfach. Sie ist mit ungewöhnlichen Gedanken und Einfallsreichtum ausgestattet.
Wie die Ehe auf einer Ebene fremd und scheu, auf der anderen handfest und sexuell praktisch vollzogen wird, das ist schon bemerkenswert!
Die Großmutter schreibt verschämt Gedichte. Niemand als der Liebaber und die Enkelin dürfen davon Kenntnis nehmen.
Wie sich aber die Liebe zwischen dem Reduce und ihr abspielt, das ist ein Zauberwerk. Die Musik, die sie durch ihn kennen und lieben gelernt hat, bleibt ihr Geheimnis. Sie erreicht aber, dass sie im Sohn ihren Widerklang findet.

Das italienische Leben, die knorrigen und fest gefügten Formen sardischen Familienlebens werden in liebevollen und poetischen Worten erzählt.
Die große Liebe, der die Hauptfigur anhängt, und die in der Figur des Reduce verkörpert wird, ist von einer solchen Innigkeit und Sehnsucht, dass man ganz mitfühlt und sehr gut versteht, wie im alltäglichen Leben alle Träume zerplatzen.

Das Leben spielt verrückt, und verrückt sind zuweilen auch die fantasiebegabten Menschen. Skurril, phantastisch und eigenwillig ist die Konstruktion des kleinen Romans.
Hinter dem schmalen Band vermutet man zunächst keine so amüsante und gut angelegte Lebensgeschichte.

Man lasse sich überraschen von dem Reiz der Erzählung und von dem sehr überraschenden Ende!

Mit dem letzten Satz der Geschichte möchte man Milena Agus zurufen: schreiben Sie weiter!

Milena Agus
Die Frau im Mond
Eine sardische Familinegeschichte
ISBN:3455400779
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