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Autor: Claudine Borries

Zwei Leben und ein Tag

Zwei Leben und ein Tag

Anna Mitgutsch Zwei Leben und ein Tag

Luchterhand Verlag ISBN 3630872565
Psychogramm einer Ehe

Die Prallelen zweier Lebensgeschichten: H. Melville gibt den Stoff zu der einen, das Leben von Edith und Leonard beinhaltet die zweite.

Letztere sind sich in jungen Jahren begegnet. Leonard schrieb an einer Dissertation über Melville und hatte damit Ediths Interesse geweckt. Sie willigte nur zögerlich in eine Beziehung zu ihm ein, die in eine Ehe mündete.

Nach vielen Jahren ist sie geschieden von Leonard und erinnert sich in der Form des Briefromans noch einmal an die Stationen ihrer Ehe.

Eingebettet in Beschreibungen der Natur um den Hudson River, wo alles begann, wird zugleich Hermann Melvilles Leben, seine Ehe und seine Dichtung in die Erzählung einbezogen.
Es gibt Parallelen zwischen beider Ehen: das anfängliche Glück z.B., das schon bald von einem unsteten Nomadenleben und mangelnder Behaustheit bei beiden Paaren gekennzeichnet ist.
Edith und Leonard sind beruflich viel in Ländern Südostasiens und Osteuropas unterwegs gewesen, weil Leonhard in Amerika keine Stelle finden konnte.
Aus der Ehe von Edith und Leonard ging ein Sohn hervor, der psychisch krank ist. Schreckliche Panikzustände und auffällige Verhaltensweisen haben die Eltern auf eine harte Probe gestellt und ließen sie verzweifeln an seiner Fortentwicklung. Er bleibt ein Außenseiter, der sich in keine Gesellschaft einfügen kann. Durch seine Entwicklung bekommt die Geschichte eine nachhaltige Dramatik.

Auch in H. Melvilles Leben gab es Unvereinbarkeiten zwischen Eltern und Söhnen und das Außenseitertum.

Ediths Betrachtungen zwischen kontemplativer Rückschau, empathischer Einfühlung in die Familiengeschichte Melvilles und realistischer, traurig-melancholischer Einsicht in die nicht gelungene eigene Ehe, ist anrührend.
Anna Mitgutsch kann mit ihrem Sprachtalent psychische Empfindungen zwischen Menschen beschreiben, die außerordentlich nahe an der Realität sind.
Sprachlosigkeit, Angst, Beklemmung, Nähe – und Distanz finden präzisen Ausdruck.
Sie beschreibt wechselnde Gefühlswelten, die für die Beziehung zwischen zwei Menschen beängstigend und befremdlich sind.
Mitgutsch beweist mit dieser Geschichte eine klare Denkungsart. Sie spiegelt uns ein Bild zwischenmenschlicher Beziehungen, das im täglichen Leben vorkommt, das aber selten in dieser reflektierten Weise vorgetragen wird.

Zugleich entsteht ein Panorama der Welt Melvilles, das fast einer Biographie dieser unsteten, düsteren, von Zweifeln, Wut, Hass und Getriebensein bedrückten Persönlichkeit gleichkommt.

Die Spannung der Erzählung wird durch die zügig vorangetriebene Geschichte bewirkt. Der Roman ist anspruchsvoll, psychologisch -analytisch klug aufgebaut und sehr genau konstruiert und schlüssig durchgearbeitet.
Man liest ihn mit anhaltender Spannung.

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Die Liebhaber unserer Mutter

Die Liebhaber unserer Mutter


Ulrike Edschmid hat einen Erinnerungsroman geschrieben.
Beginnend in den letzten Kriegsjahren des zweiten Weltkriegs wirkt die Geschichte vom ersten Moment an lebendig und sehr anschaulich.
Ein Liebhaber der Mutter erzählt den Kindern die Geschichten aus Tausend und eine Nacht und sie betrachten den Himmel über der Rhön, wo ihnen die Sternbilder erklärt werden.
Ein anderes schönes Bild ist der über die Rhön segelfliegende Vater, an den sich die Erzählerin aber nicht mehr erinnern kann.

Unbeschwert und heiter schildert U.E. mit amüsierter Distanz und gleichzeitiger Empathie, wie es sich im Krieg mit einer allein erziehenden Mutter und einem Bruder auf einer Fluchtburg in der Rhön leben ließ. Daß diese Zeit keinesfalls leicht zu ertragen und zu bewältigen war, ist aus vielen Nachkriegsberichten und Familienromanen gleichen Genres bekannt.
Ungewöhnlich aber ist das Einfühlungsvermögen der Erzählerin, wenn sie über den im Krieg gefallenen Vater berichtet und sein Verhältnis zur Mutter als glücklich aber schwierig bezeichnet. Er war ein Frauenheld und Verführter des Naziregimes, dem das böse Erwachen und mögliche Niederlagen im Leben nach dem Kriegsende durch den Tod erspart blieben. In den Augen der Tochter war und blieb er der einzige Mann der Mutter.

U.Edschmid gibt nicht vor, als kindliche Erzählerin aufzutreten, sondern berichtet aus der Perspektive der Erwachsenen aus eigenem Erleben und den Berichten der Mutter, wie es im Kriegs- und Nachkriegsdeutschland zuging.
Die glückliche Gabe der Mutter, sich den täglichen Anforderungen zu stellen und schwierige Fragen des Alltags zu lösen, wird von der Tochter mit Bewunderung vermerkt.
Selbst leidvollste Erfahrungen wie Kindstode kann diese starke Mutter verkraften.

In einem munteren Erzählton geht die Geschichte über die vielen Liebhaber der Mutter weiter. Sie verstand es, sich das Glück zu nehmen, wenn sich die Gelegenheit dazu bot, ohne sich von ihrer einmal gewonnenen selbst bestimmten Lebensweise zu trennen. Da taucht einmal ein Student auf, ein Hausarzt und der Mann der schönen Schwester. Kein Liebhaber bleibt lange, weil die Mutter ihre einmal gewonnene Selbständigkeit vor einem möglichen tristen Alltag in Abhängigkeit bevorzugt.

Nicht nur die kleinen Alltäglichkeiten machen die Erzählung aus, sondern der ganze Rahmen eines Lebens unter Verlusten und Neuorientierungen bestimmte den Tag.
Es ist keine Verherrlichung oder Idealisierung zu spüren. Diese Mutter ruhte in sich selber und war mit der glücklichen Gabe der Zufriedenheit ausgestattet.
Das alles versteht U.Edschmid mit einer Sprache zu erzählen, die eine gewisse Leichtigkeit erkennen läßt.
Dass die Mutter spät noch zu Glück, einem Studium und Beruf kam, der ihren eigentlichen Möglichkeiten entsprach, zeigt das abgerundete Bild einer Frau, der die Anerkennung der Leser gelten wird. Daneben gilt die Anerkennung einer Erzählerin, die in feinsten Details eine Lebenswirklichkeit wiedergibt, der kein falscher Ton anhaftet.
Unbedingt lesenswert!

Ukrike Edschmid
Die Liebhaber unserer Mutter
Kriegserinnerungen
ISBN:3458173080
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Tender Bar

Tender Bar

J.R. heißt unser Held; er hat dieselben Kürzel für seinen Namen wie der Autor dieses ungewöhnlichen Romans.

Er lebt mit seiner Mutter im Staat New York im Kreise einer großen Familie, die sich im Haus der Großeltern tummelt.
Morgens lauscht er im Radio der Stimme seines Vaters, der als Discjockey arbeitet. Er hat sich verdrückt und seine Frau und den Sohn auf Nimmerwiedersehen verlassen. Mutter und Sohn schlagen sich mühselig durch. Im Hause der Großeltern herrscht ein muffiges und unfreundliches Klima. Bis auf einzelne Figuren scheinen sich keine harmonischen Beziehungen abzuzeichnen. Die Geldnot herrscht an allen Ecken und Enden.
JR läuft als kleiner Junge verloren und verlassen durch diese Welt der Erwachsenen, immer auf der Suche nach einem Vaterersatz. Die Mutter ist ihm wichtig, um sie sorgt er sich, für sie wünscht er sich ein besseres Leben.
Die Bar Namens Dickens wird mehr und zunehmend zum Lebenszentrum von JR. Hier findet er die Männer, die ihm Vaterersatz werden und ihm einen Einblick in das Leben der Erwachsenen bieten. Mit dem Onkel Charlie und seinen Freunden verbringt er die Tage im Sommer am Strand, wenn die langen Sommermonate ohne Schulalltag ihn zu erdrücken drohen. Der Alkohol ist unabdingbarer Begleiter bei diesen Ausflügen.
Man bekommt ein eineindrucksvolles Bild von einer Outlaw Gesellschaft, deren Leben von nur sehr wenigen und überschaubaren Glücksmomenten aus dem müden und ergebenen Alltag unterbrochen wird.

Im zweiten Teil des Romans steigert sich die Geschichte zu einem großen Romanwerk.
Jetzt geht es um die Liebe, um Trennungen, Schmerz, Erkenntnis und das Erwachsenwerden.
Während im ersten Teil die kleine Welt einer engen Bürgerschaft beschrieben wird, erweitert sich die Welt für JR um unvergleichliches ein Spektrum, als er es schafft, nach Yale zu kommen.
Nun hören wir Geschichten von urkomischen Sonderlichkeiten, von rührenden Selbstlosigkeit, Mitgefühl, Enttäuschungen und immer wieder Zuflucht zu den alten Freunden und Verwandten.

Es ist das Amerika, wie wir es aus vielen Filmen und Büchern kennen: Glück und Verlust, Armut und Hoffnung, Reichtum und Verlassenheit stehen in einem steten Wechsel zu einander.

Ein großartiger Romane, der uns das selbstironische und kritische Amerika so sympathisch macht.

J.R. Moehringer
Tender Bar
Ein großes amerikanisches Erzähltalent!
ISBN:3100496027
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Präludium für Josse

Präludium für Josse

Dieses Buch ist ein kleines Meisterwerk, unaufdringlich und bescheiden.

Angesiedelt ist die Geschichte in einem kleinen Ort in Niedersachsen.

Eine zarte Beziehung beginnt zwischen dem sechzehnjährigen Holtes und der Abiturientin Josse.
Sie lernen sich über die Musik und insbesondere die Musik von Bach kennen. Josse spielt Orgel und wird bald mit einem Studium der Kirchenmusik beginnen.

Holtes und Josse nutzen ein paar freie Tage in den Sommerferien, um eine Reise nach Lübeck auf den Spuren Bachs zu erleben.
So beginnt eine bezaubernde Liebesgeschichte zwischen den beiden. Zart, zurückhaltend und unspektakulär wandern sie durch die sommerliche Natur, beobachten die Landschaft, die Tiere und Pflanzen und nächtigen auf freiem Feld im Schlafsack, bestenfalls noch unter einem Igluzelt.
Holtes traut sich nur sehr zaghaft, seinen Gefühlen für Josse Ausdruck zu verleihen.

Sie besuchen Kirchen in Lüneburg und Lübeck, und Josse darf sogar einmal auf einer Orgel in Lübeck spielen.

Ihre Jugend und die Musik von Bach gestatten den beiden einen unverbildeten und vorsichtig tastenden Blick in die Zukunft und auf die Welt der Erwachsenen.

Der Großvater von Holtes, sein schwieriger Vater, die verständnislose Mutter, die Familie von Josse: sie alle bilden den Rahmen für eine Erzählung, in der sich Kinder aus der Welt der Erwachsenen entfernen, um ihren eigenen Weg zu suchen.

Als der Sommer zuende geht, zieht Josse nach Freiburg zum Studium und Holtes muß weiter die Schule besuchen.

Holtes hängt melancholischen Erinnerungen über die vergangenen Sommertag nach. Hat er etwas versäumt, weil er nicht wusste, wie und auf welche Weise er sich Josse nähern könnte?

Für mich war das Buch voller poetischer Feinheiten und nachdenklicher Reflexionen über den Beginn des Erwachsenwerdens.

Snorre Björkson
Präludium für Josse
Zarte erste Liebe
ISBN:3351030851
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Die windige Stadt

Die windige Stadt

Ein opulentes Werk erwartet den Leser mit diesem Roman.
Unschwer ist an der Aufmachung des Romans zu erkennen, dass es sich mehrheitlich um jüdische Familien handelt, deren Geschichten hier abgehandelt werden sollen. Sind doch die Kapitel in Anlehnung an das Alte Testament mit hebräischen Titeln versehen, die beziehungsreich auf den Inhalt verweisen.

Chicago zu Beginn der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Eine Reihe von Schülern tummeln sich im letzten Jahr auf der Highschool in Erwartung auf das Studium und den Weg ins Leben. Schwarz, weiß, jüdisch oder beides, die ethnologische Vielfalt ist gegeben.

Es sind die Familien von Jill, Muley,Hillel, Michelle und Larry, die hier eine Rolle spielen.
Die Jugendlichen haben Pläne und Träume und arbeiten schon an der Vorbereitung auf ihre Studien als Journalisten, Künstler, Musiker oder in der Filmbranche. Tunlichst sollte man den Stadtplan von Chicago kennen, wenn man sich auf den vielen Wegen, in den Parks und Strassen, die genannt werden, zurechtfinden will.
Es geht zu, wie in vielen Jugendgruppen zu jener Zeit: man trifft sich, feiert, man liebt sich oder geht eigener Wege. Die Familien treten zwar in den Hintergrund, bilden aber dennoch die Folie, auf der sich die Entwicklung der einzelnen Protagonisten abspielt.

So gibt es diejenigen, die vorwärts kommen, und es gibt diejenigen, die versagen.

Zentrale Figuren aber sind Jill und Muley, die sich schon in der Schule geliebt haben. Muley sucht seinen Weg als Regisseur und avantgardistischer Künstler, während Jill sich dem Journalismus zuwendet. Nach der Schule gehen die Wege aller Mitschüler zunächst auseinander, und der Leser folgt den einzelnen Protagonisten auf ihrem Weg ins Leben. Dass sich die Wege einzelner immer wieder kreuzen, hält die Geschichte zusammen.
Chicago, New York, später die großen Städte in Europa und zuletzt wieder Chicago: der Bogen ist weit gespannt.

Es ist ein monströser Roman mit vielen Schattierungen, deren Verzweigungen man zunächst nur mühsam folgen kann. Am Ende aber bekommt man einen Eindruck von der Zeit 1982 bis 1987 in Amerika, einer Zeit, die keine umwälzenden Ereignisse zu verzeichnen hatte.

Da das Buch nicht nur eine, sondern mehrere Familiensagas in sich vereint, fordert es dem Leser einige Konzentration ab.
Es liest sich aber spannend und unterhaltsam.

Adam Langer
Die windige Stadt
Große Familiensaga
ISBN:3498039245
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Tolmedo

Tolmedo

Hier wird die Geschichte von Alicia erzählt. Es geht um ein Kardiogramm der Gefühle, wie es auf dem Klappentext steht.

Alice kommt mit ihren Eltern nach Tolmedo, wo sie den sehr viel älteren Bohémien Sergio kennen lernt.
Er hat eine Zeit lang in Paris gelebt, hat an einer Universität unterrichtet, bis es ihn nach Tolmedo verschlug. Dort lebt er von Gelegenheitsarbeiten. Nur kurz dauert die Beziehung, unterbrochen von dem Misstrauen und der Angst Sergios, dass Alice ihn verlassen würde.
Als Alice in Paris Raul kennen lernt, ist es mit der Beziehung zu Sergio vorbei. Raul ist Bildhauer und kennt viele Leute, vorwiegend Künstler.
Paris ist lebendig, Raul liebt sie, und sie kann in Ruhe an ihrer wissenschaftlichen Arbeit über prähistorische und historische Felsmalereien, die man im Tassili-Massiv in der Wüste Sahara gefunden hat, arbeiten.
Es gibt keinen einheitlichen Erzählstrang. Alice erzählt ihre Geschichte einmal gegenwärtig, dann wieder in Tagträumen, Phantasien und Überlegungen über die Menschen, denen sie begegnet.
Es ist ein ständiges Schwanken zwischen Realität, Phantasie oder Visionen, das zuweilen an gewisse schizophrene Persönlichkeitsmerkmale denken läßt.
Dazwischen gibt es ganz alltägliche Begegnungen.

Ammar versteht es, Charaktere und Orte zu beschreiben. Sie kann atmosphärische Stimmungen oder Lebenssituationen mit einer reichen Bildersprache einfangen. So ist man gefesselt, wenn man über Land und Leute berichten hört, oder wenn man Paris mit seinen Parks, Boulevards oder Gassen beschrieben findet, die man aus eigener Anschauung kennt.

Der Wechsel der Erzählung zwischen Phantasie und Wirklichkeit verlangt vom Leser, dass er sich ganz auf die Geschichte einlässt, um ihr folgen zu können.
Ich war fasziniert von der Sprache, die mich an die Sprache Musils denken ließ.
Dass nicht alles nur der schönen Sprache wegen geschrieben ist, sondern dass es eine differenzierte und psychologisch fein ausgearbeitete Geschichte zu entdecken gilt, das macht das Buch zu einem Meisterwerk.
Die Autorin hat zu Recht den Literaturpreis 2006 damit verdient!

Angelika Ammar
Tolmedo
Liebesgeschichte zwischen Relaität und Vision
ISBN:325060092X
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Ungehorsam

Ungehorsam

Naomi Alderman Ungehorsam Berlin Verlag
ISBN-13: 978-3827006769

In diesem Erstlingsroman von Naomi Alderman vermischt sich Religiöses und Weltliches auf eine ernste, humorvolle und nicht zuletzt erkenntnisreiche Art und Weise.

Er lässt den Wind wehen und den Regen fallen. Er hält die Lebenden in Gnaden, belebt die Toten in großer Barmherzigkeit.

Jedes Kapitel in diesem Buch beginnt mit einem Spruch aus der Bibel oder aus der Tora und anderen heiligen Werken der jüdischen Religion. Die kurzen biblischen Texte werden in ihren Bezug zum Leben gestellt und leiten in den eigentlichen Roman über.

Ronit, Mitte dreißig, ist Investmentbankerin, Jüdin, frech, forsch, lebenslustig und emanzipiert. Sie lebt in New York.
Als sie einen Anruf aus Hendon bei London bekommt, dass ihr Vater, gestorben ist, fliegt sie spontan in ihre Heimat. Sie kehrt unverhofft in ein Leben zurück, das sie längst hinter sich glaubte.

Sie begegnet in der orthodoxen jüdischen Gemeinde, in der ihr Vater angesehener Rabbiner war, alten Bekannten und Verwandten, vor allem aber Esti, ihrer Jugendfreundin.
Die Entwicklung dieser beiden Frauen wird nun aufgerollt, teils rückschauend, teils in der Gegenwart.
Es ist eine, wie es heißt, nicht erlaubte Beziehung, die beide Freundinnen miteinander verbindet. Wie es dazu kam und welche Konsequenzen sich für jede von ihnen daraus ergab, das ist das bestrickend beschriebene Thema der Geschichte, um die sich aber auch jüdisches Gemeindeleben in England rangt.

Was es heißt, Jüdin zu sein, und was es heißt , lesbisch zu sein ; mit diesen Fragen beschäftigt sich N. Alderman in diesem Buch. Sie stehen aber für ähnliche Fragen, in denen der Mensch Orientierung und Richtung für das eigene Leben sucht.
Antworten auf Fragen dieser Art bietet der Talmud, der die Gesetzestexte der Tora für den Menschen anwendbar macht.
Die Geschichten der Lebenden in diesem Buch bieten den Hintergrund, auf dem sich die religiösen Vorgaben messen lassen.

Der Text dieser Geschichte bietet viel Stoff zum Nachdenken.
Ich würde dieses Buch als einen Roman mit hohem literarischem Anspruch und philosophischem Hintergrund bezeichnen. Zugleich liest sich das Buch unterhaltsam und nicht schwierig. Ich kann es jedem interessierten Leser sehr empfehlen.

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Im Land der Männer

Im Land der Männer

Dieses Buch kann man nicht mehr aus der Hand legen, wenn man einmal anfängt, es zu lesen.

Suleiman ist die Hauptfigur, ein Junge von neun Jahren. Aus seiner Sicht wird die Geschichte erzählt.
Man schreibt das Jahr 1979. Suleiman lebt mit seinen Eltern in Tripolis. Das Haus, in dem er mit seinen Eltern lebt, ist wichtigstes Lebenszentrum der Mutter und des Sohnes. In ihm spielt sich das Leben ab in einem Sommer, der so heiß ist, dass die Autoreifen schmelzen.
Vom Balkon aus sieht man das Meer, das sich in der flimmernden Hitze spiegelt. Man sieht die Blumen, riecht die Düfte, schmeckt die Maulbeeren, die Suleiman vom Baume pflückt. Mit seiner Mutter ist er viel alleine, wenn der Vater auf Geschäftsreisen ist. Sind es immer nur Geschäftsreisen?

Dunkle Andeutungen lassen Suleiman ahnen, dass seine Mutter sehr jung noch unfreiwillig an den Vater verheiratet wurde. Der Familienrat der Männer in ihrer Familie hatte es so beschlossen. Von ihrer Krankheit ist die Rede, die immer dann auftritt, wenn der Vater abwesend ist, was eine gelinde Umschreibung für Alkoholismus ist. Sie ist eine liebevolle und unberechenbare Mutter zugleich. Suleiman ist beiden Eltern in gleicher, zärtlicher, zuweilen auch ängstlicher Weise zugetan.

Es gibt die Freunde des Vaters, und auch Suleiman hat gute Freunde, besonders Karim, der ihm wie ein Bruder so nahe steht.

Was so idyllisch und exotisch beginnt, setzt sich fort als kommendes Unheil, das mit dem Regime unter Gaddafi das Leben in Libyen bedrohlich werden lässt, und das Land in eine Diktatur verwandelt. Noch gibt es Widerständler, die zum Boykott aufrufen.
Der Vater von Suleiman scheint in den Widerstand verwickelt zu sein. Auch andere gute Freunde der Familie sind betroffen.
Da Suleiman in der Ichform berichtet, wirkt das Tun und Treiben, das sich um ihn herum abspielt, unheimlich, da er vieles nicht versteht.

Die Ereignisse spitzen sich dramatisch zu. Menschen verschwinden und kehren nicht zurück. Der Vater wird eines Tages schwer verletzt ins Haus zurück gebracht. Auch Suleiman geht zuletzt ohne die Eltern auf eine Reise nach Ägypten, ohne zu wissen, was ihn dort erwartet.

Wie menschliche Schicksale durch politische Verstrickungen enden können, das ist das Thema dieses Buches.
Es ist fein geschrieben und voller Poesie.
Dass es daneben eine Vielzahl von Geschichten über das Leben und die Menschen in Tripolis gibt, über Freundschaften und Feindschaften; dass kleine Jungs, wenn sie alleine gelassen werden in einer unheimlichen und verschwiegenen Erwachsenenwelt ungeahnten Ängsten ausgesetzt sind, das alles macht den Roman zu einem lebendigen und spannenden Buch. Es ist eine weise, traurige und sehr menschliche Geschichte, die ich sehr empfehlen kann.

Hisham Matar
Im Land der Männer
Leben unter Gewalt und Terror
ISBN:3630872441
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Im letzten Sommer

Im letzten Sommer

Dieser seltsame kleine Roman von dem norwegischen Schriftsteller N. F. Dahl gibt einige Rätsel auf.
In einem ruhigen, gleichmäßig dahin fließenden Erzählstrom erfahren wir von dem Icherzähler seine Geschichte, die kurze Geschichte seiner zweiten Ehe.
Er befindet sich zu Beginn der Erzählung in einem Haus, das er ausräumen und verkaufen will. Es ist an der wilden und romantischen Küste Norwegens nahe an einem hübschen See gelegen.
Seine Gedanken schweifen zurück zum letzten Sommer, den er mit seiner Frau Siri hier verbracht hat, so wie die vorherigen Sommer auch.
Die Gegend ist wunderschöne. Die Sommer sind heiß und hell. Ständiger Begleiter der beiden ist der gemeinsame Hund Wuschel.
Es gibt schon eine Tochter von Siri aus erster Ehe, 21 Jahre alt.
Bei einem Telefonat mit ihr verspürt man die ersten Anzeichen von Eifersucht bei unserem Hauptprotagonisten.
Sie leben die Sommer glücklich hier draußen, und sie lieben sich. Sie mögen die Einsamkeit, gehen baden und wandern. Das Leben ist friedlich und ungetrübt bis sie eines Tages einem gut aussehenden Fremden im Wald begegnen. Plötzlich ist alles anders.
Im Icherzähler wächst der Verdacht, dass Siri nicht mehr so offen ist wie bisher. Das gemeinsame Gefühl der Nähe geht verloren. Er wird misstrauisch, spürt ihr nach und wird zusehends unglücklicher.
Er sucht nach Beweisen der Untreue. Ihre Beziehung wechselt zwischen Feindseligkeit und neuer Suche nach Nähe.
Eine sich abzeichnende Fehlgeburt bei der schon über vierzigjährigen Siri stört die bisher so beglückende Beziehung und bringt beide zum Tiefpunkt ihrer Ehe.

Es bleibt dem Leser überlassen, aus diesem sich zuspitzenden Drama der Eifersucht die eigenen Schlüsse zu ziehen.
F. Dahl versteht es gut, eine Atmosphäre der Entfremdung so zu vermitteln, so dass der Leser mitdenken und mitfühlen kann. Wem die Sympathien am Ende gelten, vielleicht sogar beiden, darf jeder Leser für sich entscheiden.
Das Buch ist hübsch aufgemacht und liest sich leicht und schnell.

Nils Fredrik Dahl
Im letzten Sommer
Feinfühliges Eifersuchtsdrama
ISBN:3462037188
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Snack Daddys abenteuerliche Reise

Snack Daddys abenteuerliche Reise

Eine so umwerfende, witzige, satirische und humorvoll-skurrile Geschichte hat es wohl lange nicht mehr auf dem Büchermarkt gegeben!
Die Geschichte beginnt Anfang der achtziger Jahre und endet ca 2003. Einmal sind wir in New York und dann wieder in Leningrad und an anderen Orten.
Snack Daddy (Mischa) Vaingart, 31 Jahre alt, ist gebürtiger Russe, Jude, Faulpelz und zudem noch reich.

In New York von emigrierten russischen Eltern geboren, verschlägt ihn das Schicksal zurück nach Leningrad, wo er mit seinen Freunden in den Tag hinein lebt, teils der Hauptfigur Idiot in dem Roman von Dostojewski ähnlich, und teils eine moderne Form von Oblomow nach der von Gontscharow geschaffenen Figur des ewig antriebsarmen Faulpelzes.

Snack Daddy selbst hat eine barocke, fette und unansehnliche Figur, ist voller Sehnsucht nach Liebe und Heimat, die ihn umtreibt, und die er weder in Leningrad noch in New York wirklich findet. In Lenigrad muß er verweilen, weil sein Vater in den USA wegen eines Verbrechens gesucht wird, und er daher kein Visum für eine Rückkehr in die USA bekommen kann.
Sein Vater wird in Leningrad ermordet, weil er in krumme Geldgeschäfte verwickelt war.
Über Absurdistan, einer Fantasierepublik am Kaspischen Meer, versucht Mischa schließlich vermittels eines belgischen Visums aus der östlichen Region zu entkommen.
Bürgerkriegsverhältnisse dort und verwickelte Freundschafts -und Liebesgeschichten überall beleben die Szenen des alltäglichen Lebens in jeder Zeile der Geschichte, die drastisch, lakonisch und voller Komik ist.

Politische Verwicklungen, die unsere heutige Zeit karikieren, Russland und Amerika als Gegenpole, das Ganoventum und die Geldmacher hier wie dort, alles wird in den farbigsten Mustern ausgemalt.

Wie die Orte beschrieben werden: das alte, schöne aber auch in seiner Bausubstanz verkommene Leningrad, das wilde, großspurige, moderne und mit Wolkenkratzern bestückte New York, das ist einmalig, rührend und hinreißend.

Der Einfallsreichtum der wortgewaltigen Beschreibungen des Gary Shteyngart ist berückend. Sein Roman lebt auch in der Tradition eines I.B. Singer oder Meir Shalevs, die mit feinem jüdischem Humor das Leben mit einem Hauch Ironie ansehen und alles nicht zu ernst nehmen.
Wer diese Art Humor und Literatur liebt, der sollte sich diesen Roman auf keinen Fall entgehen lassen!

Gary Shteyngart
Snack Daddys abenteuerliche Reise
Humorvolle Groteske und literarisch politsche Satire
ISBN:3827006619
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