Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht
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In diesem Buch befasst sich Florin Illies mit der Emigration der Familie Mann nach der Machtübernahme der Nazis 1933 aus Deutschland.
Er erzählt in bekannter Manier, wie es Thomas Mann in dieser Zeit erging.
In Deutschland folgte nach der Machtergreifung durch die Nazis eine unvorstellbare Vertreibung aller Intellektuellen, Künstler, Dichter und Maler, die nicht systemkonform dachten.
Wie soll man verstehen, dass man plötzlich in sein wohl geordnetes Zuhause in München nach ausgedehnter Lesereise und Urlaub nicht mehr zurückkehren kann?
Thomas Mann weilte mit seiner Frau zur Erholung in Arosa, als seine ältesten Kinder Klaus und Erika dringend vor einer Rückkehr nach Deutschland warnten. Sie drangsalieren die Eltern geradezu, von einer Heimreise abzusehen. Am Ende lässt sich der Vater überreden.
Durch die Worte von Illies bekommt man eine Vorstellung davon, wie schmerzlich der Verlust seiner häuslichen Umgebung und der eingeübten Tagesabläufe für Thomas Mann wurde.
Er verliert seine Orientierung und wird kränklich. Seine Frau Katia tut alles, um ihm Halt und Sicherheit zu bieten.
Nach vielem Hin- und Her findet sich für den Sommer 1933 ein Domizil in Sanary an der französischen Mittelmeerküste. Die Kinder und besonders Golo, der sich in der Familie neben Monika als Außenseiter empfindet, leisten großartige Hilfe.
Golo kann einen Teil des Geldes von Konten des Vaters ins Ausland retten und, was noch wichtiger ist: es gelingt ihm auf abenteuerlichen Wegen, die Tagebücher von Thomas Mann zu sichern!
Dieser hat schlaflose Nächte und Schweißausbrüche, wenn er daran denkt, was passieren könnte, wenn die Tagebücher in die falschen Hände gerieten. Seine ganze äußere Integrität stände auf dem Spiel.
In Sanary finden sich bekannte Schriftsteller ein: natürlich der Bruder Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Aldous Huxley, Brecht, Arnold Zweig und viele andere mehr.
Thomas Mann schreibt an seinem Josephsroman, kommt aber bei der Hitze nicht recht weiter.
Außerdem gibt es lange Diskussionen, ob er den Roman bei Bermann Fischer in Deutschland erscheinen lassen soll. Die älteren Kinder raten wieder ab, denn sie sehen keine Zukunft in Deutschland. Bermann Fischers Eigeninteresse ist eklatant, seinen Verlag als Jude mit zahlreihen jüdischen Autoren, die nicht mehr erscheinen können, zu retten.
Viel Raum in der Erzählung nehmen die Kinder von Thomas und Katia ein. Klaus entdeckt, dass seine Idole, der Dirigent Knappertsbusch und der Dichter Gottfried Benn, die Naziideologie teilen. Er ist tief enttäuscht. Zu dieser Zeit lebt er in Holland, hat verschiedene Lieben, ist unglücklich und drogensüchtig. Monika geht ganz unter. Niemand interessiert sich wirklich für sie. Und Thomas Mann ist der Melancholie anheimgefallen.
Die ganze Gesellschaft in Sanary ähnelt in Moral und Verfall den Gestalten, die Florian Illies schon in seinem Roman „Liebe in Zeiten des Hasses“ beschrieben hat. Die Dichter haben neben ihren Ehefrauen immer auch Geliebte, meistens in Gestalt ihrer Sekretärinnen. Es gibt Eifersucht und Dramen aller Art.
Illies versteht es hervorragend, Stimmungen und Befindlichkeiten einzufangen und sie mit den richtigen Worten wiederzugeben. Man fühlt sich unweigerlich in die warme Sonne versetzt, hört das Rauschen des Meeres, nimmt den Geruch von Kaffee wahr, sieht den Sonnenuntergang und danach den Sternenhimmel.
Abendliche Einladungen erleichtern die Heimatlosigkeit. Doch Thomas ist kein Partyheld.
Natürlich wird wie immer reichlich dem Alkohol zugesprochen. Einige Alkoholiker finden sich unter den Gästen. Nelly, Heinrichs unsägliche Geliebte und bald seine Ehefrau, allseits ihrer Gewöhnlichkeit wegen verachtet, ist ständig von Alkohol umnebelt und benimmt sich meistens daneben.
Alle Mitglieder der Familie Mann hängen finanziell am Tropf von Thomas Manns Vermögen.
Im September des Jahres 1933 steht erneut ein Umzug an: Erika hat in Zürich eine Villa für die Eltern gemietet.
Thomas Mann scheint ein rechter Tyrann gewesen zu sein. Nie kann man es ihm recht machen: wenn z. B. bei dem Abreisetermin seine Mittagsruhe nicht berücksichtigt wird. Denkwürdig waren auch die Mahlzeiten: die Kinder fürchteten die Stille beim Essen und den Anspruch auf gehaltvolle Unterhaltungen. Nur wenn Erika oder Klaus da waren, ging es amüsanter zu. Die Kleineren, Michael und Elisabeth, auch Golo, von Monika ganz zu schweigen, waren verstört.
Golo und Monika fühlen sich gar nicht wohl in der Familie, und Klaus geht schon länger eigener Wege.
Mit dem Umzug nach Zürich endet die erste Episode der Emigration. Es folgen viele weitere Stationen, wie man weiß.
Die Schattierungen der Charaktere einzelner Mitglieder der Familie werden von Illies hervorragend herausgearbeitet.
In den zahlreichen Werken über die Familie Mann gibt es immer Neues zu erfahren.
Als sei die Geschichte dieser Ausnahmefamilie des 20. Jahrhunderts nie zu Ende erzählt!
Jede einzelne Studie bietet neue Aspekte. Florian Illies ist einer der Meister im Entdecken neuer Fakten.
Florian Illies
Wenn die Sonne untergeht
336 Seiten, gebunden
S. FISCHER, 3. Auflage, Oktober 2025
ISBN-10: 3103971923
ISBN-13: 978-3103971927
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