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Kategorie: Belletristik

Stewart O’Nan: Die Chance

Stewart O’Nan: Die Chance

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Ehe auf Abwegen…

Unheilschwanger beginnt die Geschichte von Marion und Art Fowler.

Sie sind auf dem Weg zu den Niagarafällen in Wiederholung ihrer Hochzeitsreise vor dreißig Jahren. Bald schon merkt man, dass es um ihre Ehe nicht gut steht. Sie sind pleite und wollen sich einen letzten glücklichen Ausflug zusammen gönnen.

Unbeholfen versucht Art, um seine Frau zu werben, denn er war ihr nicht immer treu – sie auch ihm nicht, wie wir bald hören werden. Das hat Blessuren hinterlassen.

Dieser Abend in einem angesehenen Hotel verspricht wie die Ehe zur Pleite zu werden. Ihr letztes Geld wollen sie auf der Suche nach dem Glück verspielen. Wie wird das Abenteuer ausgehen?

Die Spannung zwischen den Eheleuten ist zum Greifen nahe. Beide haben ihre Verfassung nach dreißig Jahren Ehe satt. Wie ein unsichtbares Band zieht es sie von einander weg und wieder zusammen. Sie feiern, trinken, ergötzen sich am Schauspiel der Niagarafälle und erleben ihre Nähe und Distanz mit wehmütigen und kritischen Blicken. Kann Ehe so enden?

O’Nan ist einer dieser wunderbaren amerikanischen Erzähler, der seinen Figuren auf unnachahmlich Weise Leben einhaucht, so dass man sich mitten in ihrer Wirklichkeit als Teilnehmer fühlt.

Ohne Pause sieht man sich dem Sog der Geschichte verfallen, in der es um verlorenes und neu zu entdeckendes Glück, um Vergangenheit, Gegenwart und die Zukunft geht. Unauffällig führt uns Stewart O’Nan hinein in das Seelenleben seiner Figuren. Sie sehen sich ihren schwankenden Gefühlen ausgesetzt. Ihr Verhältnis wirkt zerbrechlich und nur noch von dünnen Stricken gehalten. Ob sie einen Neubeginn schaffen werden?

Der Leser kann sich ganz dem Paar widmen, da andere Figuren nur sehr am Rande mitwirken. Es ist ein Zwiegespräch mit unterschiedlichem Tenor. Tiefenscharf und einnehmend zeigt uns der Autor die innere Blöße und die Skrupel der beiden, die außerdem den eigenen Fantasien ausgeliefert sind.

O’Nan ist ein angesehener Autor. Seine Themen umkreisen das Innere seiner Figuren und liefern lebensnahe Eindrücke. Das gibt seinen Geschichten Glaubwürdigkeit und lässt einen tief eintauchen in das Geschehen. Sehr lesenswert!

Stewart O’Nan
Die Chance
224 Seiten, gebunden
Rowohlt, Juli 2014
ISBN-10: 3498050427
ISBN-13: 978-3498050429
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Jean Luc Seigle: Der Gedanke an das Glück und an das Ende

Jean Luc Seigle: Der Gedanke an das Glück und an das Ende

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In diesem Roman geht es um Erinnern und Durchhalten.

Dem Leser wird ein Blick in eine Familiengeschichte in Frankreich im Jahr 1961 gestattet. Die Familie Chassaing erwartet den ersten Fernseher im Dorf! Alle werden sich um das Gerät versammeln, um eine Reportage über die Soldaten im Algerienkrieg zu sehen. Der älteste Sohn von Suzanne und Albert ist als Soldat in diesem Krieg. Bei Albert weckt die Reportage Erinnerungen an seine eigene Kriegsgeschichte im Zweiten Weltkrieg.

Henri ist Suzannes Lieblingssohn, und er soll in dieser Sendung zu sehen sein. Das Paar hat noch einen jüngeren Sohn, der sich an der Grenze zur Pubertät befindet. Er ist ein Büchernarr und Einzelgänger.

Die Familie lebt in einem Industriegebiet. Das Land wurde früher von Bauern bewirtschaftet. Albert geht seiner Arbeit in einer Reifenfabrik nach, und Suzanne führt den Haushalt und kümmert sich um Alberts alte und demenzkranke Mutter. Freudige Ereignisse sind rar. Das Feuer in der Ehe von Suzanne und Albert ist schon lange erloschen. Suzanne ist hübsch und lebenslustig und verliebt sich in einen anderen.

In zahlreichen Szenen aus dem Alltag der Familie kristallisiert sich ihr tägliches Leben heraus. Albert findet mit seinem Sohn Gilles Kontakt zu dem pensionierten Lehrer Antoine, der in der Nachbarschaft wohnt und dem Jungen die Bücherwelt erschließt. Vielleicht kann er ihm auch bei seiner Rechtschreibschwäche helfen!

Nachdenklich und tiefschürfend geht Jean-Luc Seigle den Gedanken der Protagonisten nach, und man erfährt, wie es innerlich um sie bestellt ist. Der intime Umgang mit dem Körper seiner Mutter löst bei Albert eine besondere Traurigkeit aus“ sie erlaubte für den Bruchteil einer Sekunde den Schleier zu zerreißen, hinter dem sich eine Wahrheit versteckt, die uns zwingt, die kleine Welt um uns herum mit einem schonungslosen Blick zu betrachten“.

Alberts Traurigkeit überschattet das Ehe- und Familienleben. Er hat im Zweiten Weltkrieg viel gelitten. Seine Erfahrungen verdunkeln sein gesamtes Leben. Häufig denkt er an das „Schlussmachen“, und man muss besorgt sein um diesen Mann.

Es geht um das Glück und um das Ende derer, die im Leben schwer Fuss fassen.

Jean-Luc Seigle hat einen wunderbaren, leicht melancholischen Familienroman geschrieben. Das Ende überrascht, und war wohl ursprünglich nicht diesem Roman zugeordnet. Es verdeutlicht noch einmal den Zeitenwandel im Rückblick auf einen Krieg, den die Franzosen nicht gewinnen konnten. Das Trauma des Verlierens bleibt bei jenen, die diesen Krieg überlebt haben.

Jean Luc Seigle
Der Gedanke an das Glück und an das Ende
224 Seiten, gebunden
C.H.Beck, 2014
ISBN-10: 3406667554
ISBN-13: 978-3406667558
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Marie Velden: Sommer in Sepia

Marie Velden: Sommer in Sepia

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Liebe, Glück und Leid!

Dieser leicht beschwingte und zugleich melancholische Ehe- und Liebesroman lässt keine Wünsche offen, was die Gültigkeit der beschriebenen Gefühle anbelangt.

Thomas und Veronika haben die besten Jahre ihrer Ehe schon hinter sich. Beide sind Mitte vierzig mit Haus und Garten, Sohn und Tochter, die sich beide auf dem Absprung aus dem Elternhaus befinden. Die Zeiten, “in deren Glücksgehalt das Herz erwärmt“, wenn denn die Kinder sich noch rein und unschuldig ganz in die Geborgenheit ihrer elterlichen Obhut befinden, sind vorbei. Die Phasen elterlichen Glücks „rann einem wie Sand durch die Finger. Nüchtern betrachtet war es mit dem ersten Schultag vorbei.“ Wie wahr!

Nun, was macht diesen Roman so lesenswert?

Es ist die Mischung aus Gegenwart und Vergangenheit. Aus der innigen Liebe der ersten Jahre ersprießt mit der Zeit Gewöhnung, Langeweile und Überdruss. Thomas müsste wissen, was ihnen da geschieht, denn er ist Therapeut in eigener Praxis. Doch wie immer können Therapeuten sich selten selber aus dem Geflecht ihrer wirren Gefühlswelten befreien! Was Wunder, dass ihm in einem Baumarkt plötzlich im Angesicht von Florentine, einer Floristin, die Augen übergehen, und er sich heftig in sie verliebt!

In der Folge erleben wir die Protagonisten in ihren Ambivalenzen als wahr und betroffen. Eine Entwicklungsgeschichte nimmt ihren Lauf, in der es um Liebe, Glück, Vergänglichkeit und die Bewältigung von unerwarteten Schicksalsschlägen geht. Die Erzählung rührt an Gefühle, die nicht ganz ohne sentimentale Passagen auskommt.

Begleitet wird die Erzählung von der Musik von Michael Jackson, der 2009 unerwartet verstarb! Die achtziger Jahre erfüllten die Diskos mit seiner Musik, und Thomas erinnert sich wehmütig, wie gut und schön sie es früher mit einander hatten!

Was am Ende bleibt? Man lese und staune, wie die Wege des Menschen in ganz unterschiedlichen Formen verlaufen!

Marie Velden
Sommer in Sepia
344 Seiten
Deutscher Taschenbuch Verlag, Juli 2014
ISBN-10: 3423215186
ISBN-13: 978-3423215183
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Rax Rinnekangas: Der Mond flieht

Rax Rinnekangas: Der Mond flieht

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Sommer, Sonne und das Grauen.

Wenn man liest, dass die vorliegende Geschichte auch als „Sommergeschichte“ bezeichnet wird, könnte man zu falschen Schlüssen kommen. Es ist eine Sommergeschichte: allerdings eine der besonderen Art.

Hoch oben im Norden Finnlands lebt eine kleine Gemeinde bigotter und spartanisch orientierter Menschen. Lauri verbringt dort seine Sommerferien bei seinem Onkel und der Tante auf dem Hof Latvala. Dort fühlt er sich im Wald und Feld und am Fluss wie zu Hause.

Sein Cousin Leo und die Cousine Sonja sind eine eingeschworene Zweiergemeinschaft, in die sie Lauri bald mit einbeziehen.

Nach einer langen Einleitung, in der man viel von der herben und trüb-frommen Lebensweise der Bewohner dieser nördlichen Gefilde erfährt, nähert man sich dem eigentlichen Gegenstand der Erzählung: drei pubertierenden Jugendliche im Alter von 13 – 14 Jahren. Sie öden sich in der langweiligen Gegenwart und bauen sich eine eigene fantastische Welt. In ihr spukt es von verschwundenen Seelen und der Freiheit des Fliegens und des Geistes. Sie erklimmen eine sehr hohe Fichte und simulieren sich eine himmlische Welt, in der sie frei und ungebunden ihr eigenes Leben gestalten können. Eingebunden sind die Ereignisse in das Flimmern sommerlicher Hitze, Erntewagen, Regen und Sonnenschein.

In einer Mischung aus Fantasie und realen Vorstellungen versteigen sich die drei Jugendlichen Sonja, Leo und Lauri zu sexuellen Handlungen, die sie, angeführt von Sonja, verwirrt und erschreckt. Heimlichkeiten erhöhen noch den Genuss des Verbotenen.

Onkel und Tante sind des Sonntags im Gottesdienst und ahnen nichts von der geheimen Welt der Kinder.

Man wird nach und nach in den Sog einer unheimlichen Geschichte hineingezogen, in der sich die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen. Archaische Denkweisen sind Teil der bäuerlichen Einwohner in der Region, in deren Tagesablauf strenge Lebensregeln gelten.

Die Dramaturgie der Geschichte ist perfekt in der Steigerung einer Handlung, die immer dramatischer und düsterer anmutet.

Die einzelnen Charaktere der Erwachsenen sind einzigartig in ihrer Verbohrtheit und Unzugänglichkeit. Die Atmosphäre von Schuld und Sühne gekoppelt an die Unbeschwertheit einer nach Identität suchenden Jugend ist gekonnt eingefangen.

Rax Rinnekangas ist ein begnadeter Erzähler, Filmemacher und Künstler, dem man die Geschichte als wahre Begebenheit abnehmen könnte.

Dramatisch, düster und faszinierend sind seine Figuren gezeichnet.

Dass sich die Geschichte zu einem Horror ausweitet, tut der literarischen Qualität keinen Abbruch. Ein spannendes und abstruses Szenario tut sich am Ende auf!

Rax Rinnekangas
Der Mond flieht
160 Seiten
Graf Verlag, Juni 2014
ISBN-10: 3862200345
ISBN-13: 978-3862200344
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Jessica Keener: Schwimmen in der Nacht

Jessica Keener: Schwimmen in der Nacht

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Scheinbar heile Welt…
…doch leider ist das eine Täuschung!

In einer Vorstadt von Boston ist Sarah Kunitz in einer vornehmen jüdischen Familie aufgewachsen. Ihr Vater war Literaturprofessor, die Mutter den schönen Künsten zugeneigt. Sarah lebt heute mit ihrem Mann und Kindern in Boston, als sie eines Nachts durch die Mail eines ehemaligen Nachbarkindes in ihren Erinnerungen zu ihrem Leben in den siebziger Jahren von damals findet.

Das vergangene Familienleben mit Eltern und Brüdern kehrt noch einmal zu ihr zurück.

In den siebziger Jahren war sie 15 Jahre alt. Der Vater hatte unbeherrschte Wutanfälle, und die Mutter, eine ätherische etwas weltferne Schönheit, widmete sich gerne dem Sommer, den Rosen und ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen, um ihrer Depressionen Herr zu werden. Man beschäftigte Dienstpersonal und gab Gesellschaften. Es wurde viel getrunken. Alles schien so sonnig und schön. Doch im Elternhaus herrschte ein unterschwellig angespanntes Klima zwischen den Zornausbrüche des Vaters und den ständigen Streitereien der Eltern untereinander. Unter diesen Bedingungen verlief auch die Erziehung der Kinder nicht reibungslos. Die Eltern schienen allen nicht so richtig gewachsen.

Als die Mutter bei einem Autounfall ums Leben kommt, müssen die vier heranwachsenden Kinder ihr Leben selber in die Hand nehmen.

Eine Familiengeschichte von seltener Empfindsamkeit und destruktiven Handlungen entfaltet sich, in der jedes Kind einen eigenen Weg nimmt. Peter flieht schon bald aus dem nach dem Tod der Mutter verwaisten Elternhaus. Zurück bleiben Sarah und die beiden jüngeren Brüder. Sie alle haben eigenwillige und ausgeprägte Charaktere, die in ihrer Verlorenheit anrührend sind. Sarah erlebt die erste große Liebe und wird Sängerin.

In diesem Roman bestimmen Kummer und Leid, Einsamkeit und Verlassenheit das Familienklima. Doch bietet der Alltag mit Freunden auch berührende Momente.

Mit zartem Gespür für Stimmungen und Situationsaktualitäten vermittelt Jessica Keener in ihrer poetischen Sprache ein Bild zwischen Aufruhr, Verzweiflung und Zukunftsvisionen. Der entwicklungsbedingte Aufruhr findet keinen klärenden Widerspruch.

Stimmungsschwankungen sind den Jahreszeiten angepasst. Jessica Keener mit ihrer feinen und differenzierten Sprachkraft vermittelt den Glanz und Niedergang einer Mittelstandsfamilie. Sie bietet Einblicke in das typisch amerikanische Gesellschaftsleben mit allen Einschränkungen und Defiziten, die das Leben der Menschen hier wie dort ausmacht.

Die Autorin hat 18 Jahre an dem Roman gearbeitet. Er ist ihr wohl gelungen.

Jessica Keener
Schwimmen in der Nacht
335 Seiten, gebunden
C.H.Beck, Januar 2014
ISBN-10: 340665939X
ISBN-13: 978-3406659393
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A. M. Homes: Auf dass uns vergeben werde

A. M. Homes: Auf dass uns vergeben werde

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Auf dass uns vergeben werde… Nun ja: was? Das ist hier die Frage!

Beginnt man den Text des vorliegenden Romans zu lesen, ist man schon mitten drin in einer sehr skurrilen Familiengeschichte.

George und Harry sind zwei ungleiche Brüder: der eine ist erfolgreicher TV Produzent, der andere Historiker. Harry schreibt schon lange an einem Buch über Nixon, das aber nie fertig zu werden scheint. George lebt mit Frau und zwei Kindern in einem Haus nahe New York. Nachdem George einen unverschuldeten Unfall gebaut hat, bei dem die Eltern eines Jungen ums Leben gekommen sind, gerät er in einen psychischen Ausnahmezustand. Als dessen Folge erschlägt er seine Frau Jane, die ihn mit Harry betrogen hat. George landet in der Psychiatrie. Nat und Ashley, die Kinder von George und Jane, müssen ab sofort von ihrem Onkel Harry als deren Vormund versorgt werden. Harrys Frau Claire, eine erfolgreiche amerikanisch- chinesische Geschäftsfrau, lässt sich von ihm scheiden.

Harry kümmert sich nach den Anfangsturbulenzen um die Kinder und die Haustiere seines Bruders. Er bleibt der Hauptakteur in einer Geschichte, die von immer neuen überraschenden Ereignissen überlagert wird. Nachdem er seinen Job als Lehrer an der Uni verloren hat, scheint er ein unruhig Wandernder zu sein, der in seiner Unrast mit anderen Frauen anbändelt und in höchst peinliche Situationen mit diesen gerät.

So weit zum Tenor der Geschichte: Mord, Totschlag, Scheidung, Tod und jede Menge schräger Sexgeschichten.

Der Roman zeichnet einen Alltag auf, der sehr ungewöhnlich ist. Die Dialoge sind lakonisch, frech, kurz und passend. Es wird wie überall in amerikanischen Romanen der Gegenwart viel getrunken. Zwischen den Brüdern gab es eine Rivalität, die den einen zum Sieger und den anderen zum Verlierer bestimmte.

So zügig und vielversprechend die Geschichte beginnt, so sehr braucht man einen langen Atem, um bei der Stange zu bleiben. Sind doch die uferlosen Begegnungen zwischen den handelnden Personen äußerst breit angelegt und nicht unbedingt Spannung fördernd.

Skurril und aberwitzig werden die Zwischenfälle beschrieben, die dem Roman Würze geben sollen. Harrys Schlaganfall gehört ebenso dazu, wie Besuche im Internat bei Nat oder in der Psychiatrie bei George. Immer neue Ereignisse weisen zwar einen gemeinsamen Tenor auf, doch ausufernde Dialoge und die von ständig neuen Ideen aufgeblähte Geschichte bietet am Ende zu viel des Guten.

Man bleibt nach der Lektüre etwas ratlos zurück und fragt sich, warum dieser in Ansätzen so gut konzipierte Roman sich so verflüchtigen konnte.

A.M. Homes
Auf dass uns vergeben werde
672 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, März 2014
ISBN-10: 3462046101
ISBN-13: 978-3462046106
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Anna Katharina Fröhlich: Der schöne Gast

Anna Katharina Fröhlich: Der schöne Gast

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Bilder zwischen Vergangenheit und Zukunft…

Die junge Icherzählerin in diesem Roman bewegt sich gerne in schönen Gärten und bewundert die unendliche Vielfalt der Natur.

Mit überschwänglichen Worten erzählt sie von ihrem Leben, das sie zurück in den Garten ihres Vaters führte.

Unsere Heldin ergeht sich beobachtend in einer Welt aus Vergangenheit, Träumerei und Müßiggang. In ihrem Castello, in dem sie an einem See in Italien mit einem alten indischen Diener lebt, igelt sie sich ein.

Wir befinden uns in der Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, doch fast weist die Erzählweise Züge des 19. Jahrhunderts auf.

Die alten Steinfiguren im Garten einer Ausstellung in einer benachbarten Villa, die Wasserspiele und im Kontrast dazu das Ambiente mit skurrilen Figuren aus heruntergekommenem Adel und sonstigen Müßiggängern mutet dekadent an. Tagsüber arbeitet die Protagonistin im Garten, und am Abend liest sie wie ihr Vater in seiner ausgedehnten Bibliothek mit den bekannten Werken der Weltliteratur und weiß auch bei passende Gelegenheit in schönster Weise daraus zu zitieren.

Doch dann ändert sich ihr Leben!

Ein kroatischer Dichter meldet sich telefonisch zu einem Besuch bei ihr an. Diesem Dichter verfällt sie in unerklärlicher Weise ganz und gar.

Er ist ein Blender und Gernegroß, der ihr zunächst den Hof macht, um sie dann zu erniedrigen und zu demütigen. Einzig seine Schönheit zieht sie derartig in seinen Bann, dass sie nicht von ihm lassen kann.

Immer wieder ergeht sich die Erzählerin mit wahren Wortkaskaden in Bildern, die aus ferner Vergangenheit zu stammen scheinen, um in der Gegenwart zu enden. Proust wird erwähnt, und in der Tat widmet die Autorin Anna Fröhlich der Gemüts- und Gefühlslage der jungen Dame viel Aufmerksamkeit.

Der ruhige Erzählstrom, der Kontrast zwischen gestern und heute mit der plüschig zufriedenen Innenarchitektur einerseits und dem Internet andererseits bildet einen reizvollen Widerspruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das fast masochistische Bedürfnis, dem schönen Gast zu gefallen, ist hingegen ein schwer zu begreifender Bruch im Leben der soliden und gediegenen jungen Frau.

Die poetische Sprache mit der unglaublichen Intensität an Wortvielfalt ist mitreißend aber zuweilen beinahe etwas unerträglich. Anna Fröhlich bleibt die ganze Zeit bei ihrem ästhetisierenden Erzählstil. Dass ihr das pure Fabulieren und Ausmalen aller Details in Kleidung, Lebensstil und Interieur liegt, lässt sich unschwer ausmachen. Doch auch die Gefühlswallungen aller beteiligten Personen nehmen breiten Raum ein.

Der Inhalt ist kurz gefasst. Es geht um Schein und Sein, um Lüge, Trug, Leidenschaft und Liebe. Man lese und staune, wie sich hier die Erzählkunst vergangener Jahrhunderte mit dem Heute mischt.

Man kann den Roman gerne empfehlen.

Anna Katharina Fröhlich
Der schöne Gast
240 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, Februar 2014
ISBN-10: 3446245227
ISBN-13: 978-3446245228
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Chimanda Ngozi Adichie: Americanah

Chimanda Ngozi Adichie: Americanah

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Leben und Wachsen in unterschiedlichen Zivilisationen…

Mit dem Roman „Americanah“ von Ch. Adichie findet erneut nach Taiye Selasi und Ayana Mathis eine farbige Schriftstellerin den Weg in die Öffentlichkeit. Er wird Furore machen!

Ch. Adichie stammt aus Nigeria und hier beginnt auch ihre Erzählung von Ifemelu und Obinze, einem Paar zu Beginn ihres Studiums in Nsukka und Ibadan. Die Ereignisse beginnen um das Jahr 1990.

Adichie beschreibt das Leben einer gebildeten Schicht in Lagos/Nigeria. Fröhlich und heiter geht es da zu. Doch die Dozenten an den Universitäten streiken, denn die Arbeitsbedingungen und das Geld sind ständiger Anlass für Konflikte. Der Trend der besser gestellten Familien geht dahin, ihre Kinder in Amerika studieren zu lassen. Das aber kostet Geld!

Ifemelu schafft den Sprung nach Amerika. Dort muss sie sich als Kindermädchen, Kellnerin oder mit anderweitigen Dienstleistungen durchbringen, denn ihr Stipendium würde für das tägliche Leben nicht ausreichen.

Für die Liebenden schien die Zukunft gesichert, wenn sie erst ihr Studium beendet hätten. Doch es kommt alles anders!

Die Liebe zwischen Ifemelu und Obinze bildet den Tenor in einem Werk, das allumfassend Rassenproblematik, Leben in Nigeria, Amerika und England umfasst. Die Liebe zwischen den beiden ist tief und sieht sich zahlreichen Anfechtungen ausgesetzt. Um sie gestaltet sich ein Gesellschaftsbild, das aufschlussreiche Einblicke in die Fragen von Bildung, Aufstieg und Leben im Westen wie in der dritten Welt bietet.

Menschen schwarzer Hautfarbe sind in Afrika Gleiche unter Gleichen in Amerika hingegen mehrheitlich Nachfahren von Sklaven. Das alleine schon erzeugt eine je eigene Identitätsbildung.

Ifemelu verliert durch eigene Schuld den Kontakt zu Obinze, der seinen Weg über England zurück nach Lagos in Nigeria nimmt und nach Jahren als erfolgreicher Geschäftsmann dort arbeitet. Auch Infemelu kehrt aus Amerika zurück in die Heimat, wo man diese Rückkehrer „Americanah“ nennt!

Atemlos liest man sich durch die Seiten dieses opulenten Werks, das immer neue Einblicke in die Lebensstrategien einzelner Protagonisten gestattet.

Die Autorin ist eine blendende Erzählerin. Ihre Dialoge sind eindringlich und facettenreich. Es entsteht ein emphatisches Bild verschiedener in Afrika oder Amerika lebender Menschen schwarzer oder auch weißer Hautfarbe. Die Kinder aus den gebildeten Schichten farbiger Herkunft müssen sich in Amerika der Hautfarbe wegen einem schwierigen Verfahren von Anpassung, Unterwerfung und eigenem Durchsetzungsvermögen stellen. Yale, Princeton und Harvard als Eliteuniversitäten sind die Stationen, in denen sich Afrikaner und Afroamerikaner mit besonderer Begabung ihrem Studium widmen. Der Abschluss an diesen Universitäten bietet zwar ungeahnten Möglichkeiten des Aufstiegs; doch in der Realität sieht das Leben der Studenten zuweilen sehr dramatisch aus. In ihren Studentenjobs sehen sie sich als Toilettenputzer oder müssen als Escortmädchen arbeiten, was häufig mit unerträglichen Avancen der Auftragsgeber verbunden ist. Dass dabei die Würde Schaden nehmen kann, ist eine der Ursachen, die zu Identitätskrisen und Enttäuschungen mit lang anhaltenden Folgen kommen mag.

Voller Enthusiasmus starten Adichies Romanfiguren ins Leben, bis sie zuletzt mit den Einschränkungen nicht erfüllbarer Liebeserlebnisse oder Lebenspläne zurecht kommen müssen

Ein vielfarbiges Gesellschaftspanorama und nachdenkenswerte Eindrücke beleben eine Geschichte, die gesellschaftspolitische Aspekte mit dem ganz alltäglichen Leben verbindet. Nebenbei ist der Roman ein hinreißender Liebesroman: “Er nahm auf dem Tisch ihre Hand in seine, und zwischen ihnen wuchs eine Stille, eine uralte Stille, die sie beide kannten. Sie war in dieser Stille, und sie war in Sicherheit.“

Chimanda Ngozi Adichie
Americanah
608 Seiten, gebunden
S. FISCHER, April 2014
ISBN-10: 3100006267
ISBN-13: 978-3100006264
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Ayana Mathis: Zwölf Leben

Ayana Mathis: Zwölf Leben

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Vom vergeblichem Aufwärtsstreben und Niedergang…

Mit dem hier vorliegenden Roman gilt es, eine begabte amerikanische Erzählerin zu entdecken!

Die Geschichte handelt von einer farbigen Familie, die sich aus bitterer Armut aus den Südstaaten der USA in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Norden begibt.

Aus Georgia zieht es Hattie mit Mutter und zwei Schwestern nach Philadelphia. Hattie ist erst 15 Jahre alt, und die Jahreszahl 1925 steht über dem ersten Kapitel. Die Zeit des großen Aufbruchs farbiger Afroamerikaner aus dem Süden der USA in die Nordstaaten von Amerika war in vollem Gange. Dort im Norden hoffte man auf bessere Lebensbedingungen. Die Bürgerrechtsbewegung mit dem Ziel der Gleichstellung von Farbigen zog sich von 1910 bis 1970 hin und ist bis heute im Land der großen Freiheit nicht überall gelungen.

In Philadelphia beginnt Hattie ihr Leben als Familienmutter mit zahlreichen Kindern.

Doch das Glück ist ihr nicht hold. Ihre ersten beiden Kinder, ein Zwillingspärchen mit den hoffnungsvollen Namen Philadelphia und Jubilee, sterben an einer Lungenentzündung. Ihre weiteren Kinder gehen nach Jahren der Armut in die Welt, um ihr Glück zu versuchen. Hattie bleibt als immer währender Hort der Stärke für alle zurück. Liebe und Zärtlichkeit waren nicht ihre besten Seiten. Dazu musste sie sich zu sehr plagen, um alle zu kleiden und zu ernähren.

Die Geschichten ihrer Kinder sind voller Widersprüche. Ihre Lebenskreise ziehen sich durch das ganze 20. Jahrhundert und bieten ein Stück amerikanischer Zeitgeschichte, die aufschlussreich ist.

Wenn auch das Unglück überwiegt, so ist die Darstellung von Ayana Mathis’ atmosphärischen Geschichten so geartet, dass man sich mit den Menschen verbunden fühlt und an ihren Schicksalen Anteil nimmt. In weitem Bogen umspannt die Autorin von den frühen bis zu den späten Lebensjahren das Ergehen von Hattie mit ihren Sorgen und gelegentlichem Versagen, von ihrem Mann, ihren Kindern und ihrem einzigen Liebhaber.

Farbig und belebend sind die Schilderungen der Milieus, in denen die Kinder ihr Leben gestalten. Man spürt die Kälte im Winter und die Hitze im Sommer. Und man erfährt einiges über die Lage der Schwarzen, die noch lange nicht rosig aussieht. Arbeitslosigkeit, Trunksucht und die Spielleidenschaft der Männer lassen in zahlreichen Familien ihre Mitglieder auf der Strecke. Die Liebe zwischen Hattie und ihrem Mann August verliert sich in Küchendunst, im Hunger und in der Not der Kinder. Hattie sieht die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage, und alle Ausweichmanöver misslingen. Sie bleibt stolz und unbeugsam in den wenigen glücklichen Augenblicken und im Unglück. Doch sie kann auch böse, bitter und zornig sein.

Ayana Mathis zeigt herausragendes Erzähltalent bei den Schilderungen dieses großen Familienromans.

Ihre Figuren sind aus Fleisch und Blut. Man kann sie spüren mit allen ihren Emotionen und auf ihren verwinkelten Lebenswegen.

Ayana Mathis wird in der Nachfolge von Toni Morrison gehandelt, die 1993 als einzige Amerikanerin in langen Jahren den Literaturnobelpreis erhalten hat. Ayana Mathis neuer Roman ist ein absolutes Muss für die Freunde gehobener Literaturgattungen.

Ayana Mathis
Zwölf Leben
368 Seiten, gebunden
Deutscher Taschenbuch Verlag, Mai 2014
ISBN-10: 342328028X
ISBN-13: 978-3423280280
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Der Körper meines Lebens

Der Körper meines Lebens

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Des Lebens Fülle!

In einer seltenen Erzählform berichtet Daniel Pennac vom Leben seines Helden, der seine körperlichen Entwicklungen zum Leitmotiv aller seiner Erinnerungen macht. Seine Eintragungen beginnen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg im Alter von 12 Jahren und enden mit seinem 87. Lebensjahr.

Wie muss man sich das vorstellen?

Jahr und Tag und Alter bilden die jeweilige Überschrift zu den Aufzeichnungen.

Erstaunlich genug gibt es zahlreiche körperliche Erfahrungen, die dem Erzähler erwähnenswert erscheinen. Angefangen von den Gerüchen, den Ausscheidungen, den immer wieder assoziierten Erinnerungen an die erste Kinderfrau bis hin zu den körperlichen Ertüchtigungen im Jungenalter lassen sich viele Geschichten erzählen. Natürlich gehören erste Sexgelüste und die ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht zu den erinnerungsträchtigsten Geschichten.

Hormone steuern unser Verhalten und tragen zu unserer Charakterentwicklung bei. Erst mit diesem Roman wird einem so recht bewusst, welche Bedeutung dem Körper und der körperlichen Entwicklung beim Verfassen von Lebenserinnerungen zukommen kann. Poetisch, sensibel und feinfühlig, zuweilen allerdings auch drastisch bis deftig erleben wir einen Mann, der sich seiner Ängste nicht schämt und der ein feines Gespür für die Wechselwirkung zwischen den Funktionen von Körper und Geist hat. Erste Lieben, schließlich die Frau fürs Leben und die Geburten seiner Kinder und Kindeskinder bieten einen ebenso intimen Blick in die Seele unseres Helden wie körperliche Leiden, die ihn plagen. Er scheut nicht die Fäkaliensprache und die narzisstischen Genüsse, die auch von diesen Ausscheidungen ausgehen können. Als schönstes Beispiel dafür gilt die Geschichte von den Blähungen, die einem beim Verdrängen in den Himmel katapultieren könnten und beim Entweichung zur Bruchlandung führen würden.

„Ich sagte ihnen, zurückgehaltene Winde könnten der Gesundheit schaden. Warum? Weil, wenn wir unseren Körper sich mit Gas füllen lassen, Kinder, also dann steigen wir hoch in die Luft, wie ein Ballon. Darum!“ S. 427

Das Lebensbild ist komplett und eindringlich in seiner Ausdruckskraft. Tiefschürfend und einfühlsam, liebevoll, zärtlich und hintergründig erzählt uns Pennac von den Wechselfällen des Lebens und seinen Folgen; vom Aufwachsen, Älterwerden und dem Tod, von der Liebe, der Hoffnung und der Vergänglichkeit: alles zusammen macht unseren Lebenszyklus aus.

Überraschend für den Leser bleibt bei allen deftigen Beschreibungen der Eindruck einer gewissen Vornehmheit im Denken. Zuweilen meint man: muss das alles so ausgesprochen werden? Und dann merkt man: ja, das muss so ausgesprochen werden. Denn hier geht es um Körper und Geist, und das Eine ist ohne das Andere nicht denkbar. Vom Beginn bis zum Ende unseres Lebens sind wir mit unserer Körperlichkeit befasst. Sie kann uns höchstes Glück, Freude, Schmerz und Leiden bescheren.

Zuletzt bekommt man der Eindruck, dass der Autor Gefühle und Wahrnehmungen in unnachahmlicher Weise thematisiert hat. In der Tat ist da eine Spur zu Proust zu ahnen.

Daniel Pennac lebt in Paris, wo er sich der Schriftstellerei widmet und schöngeistigen Beschäftigungen nachgeht.

Daniel Pennac
Der Körper meines Lebens
448 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, April 2014
ISBN-10: 3462046195
ISBN-13: 978-3462046199
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