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Kategorie: Belletristik

Thommie Bayer: Die kurzen und die langen Jahre

Thommie Bayer: Die kurzen und die langen Jahre

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Simon und Sylvie lernten sich im Jahr 1974 über zwei Todesfälle kennen: Simons Vater wurde eines Tages ermordet und zu gleicher Zeit auch Sylvies Mann Konrad. Wie konnte es dazu kommen?

Simon lebt in Konstanz und Sylvie in Lindau am Bodensee. Simon ist gerade 22 Jahre alt, Sylvie ist acht Jahre älter. Er verliebt sich sehr in diese ältere Gefährtin, die ihm eine echte Gefährtin nicht sein will!

Die beiden bleiben die ganze Zeit im Mittelpunkt der Geschichte. Sie fühlen sich auf subtile Weise von einander angezogen.

Der Bogen der Geschichte aber ist weit gespannt von 1964 bis zum Jahr 2014. Er bietet zahlreiche unerwartete Überraschungen.

Als Klavierstimmer schlägt sich Simon durchs Leben und hilft zwischendrin in einer Musikalienhandlung aus. Dort trifft er seinen guten Freund Manni, der eine Band hat. Auch Knut gehört zu der Clique und Anke und ihre Schwester. Man lebt und feiert zusammen und freut sich der gegenseitigen Zuneigung. Freundschaften entstehen, und Liebesbeziehungen bringen Freude oder auch Trauer.

Insgesamt ist es eine freudvolle Jugend mit allen Spielarten, die das Alter so mit sich bringt.

Simon wartet und sehnt sich nach Sylvie, und sie bleibt ihm eng verbunden; doch wirklich nahe kommen sie sich vor allem in ihren Briefen. Hier öffnet Sylvie ihr Herz, und Simon wartet sehnsüchtig auf diese Briefe.

Mit feiner Ironie und in sanften Farben malt Thommie Bayer das Leben in den Siebzigern in Deutschland. Die Jahre brachten politischen Aufruhr und die RAF, die mit ihrer Killermentalität die Republik erschütterte. Das sind die äußeren Umstände, in denen die Handlung angesiedelt ist. Im Inneren geht es um das alte Lied von Liebe, Treue, Abschied und Schmerz.

Spannend, einfühlsam und gelegentlich melancholisch berichtet Thommie Bayer von der Beziehung der beiden Hauptprotagonisten. Sie umkreisen sich und verlieren sich, nähern sich erneut und bleiben doch in einer sicheren Distanz zu einander. Dass sich hinter allem Geschehen noch ein Kriminalfall verbirgt, dass Kindergeburten und unerwartete Todesfälle eine geheime Dramatik entfalten, gibt der ganzen Geschichte einen besonderen Anstrich.

Thommie Bayer schreibt einen sanften Stil, hinter dem man diese Dramatik zunächst nicht vermutet. Es ist eine gelungene Geschichte: abenteuerlich, anspruchsvoll und faszinierend. Man sollte sich diesen Autor merken!

Thommie Bayer
Die kurzen und die langen Jahre
208 Seiten, gebunden
Piper, März 2014
ISBN-10: 3492054811
ISBN-13: 978-3492054812
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Peter May: Beim Leben meines Bruders

Peter May: Beim Leben meines Bruders

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Dass der Leichenfund im Torfmoor von Lewis nichts für die Archäologen ist, findet Professor Colin Mulgrew schnell heraus, trägt dieser doch ein Elvis-Tatoo. Auch wie der junge Mann gestorben ist, hat der Pathologe bald rekonstruiert. Es war Mord. Detective Sergeant George Gunn ist vom Ergebnis der DNA-Analyse überrascht. Es beweist, dass ein Ortsansässiger verwandt ist mit dem Toten.

Fin Macleod ist nach seiner Scheidung zurückgekehrt auf die Insel. Aus dem Polizeidienst ist er ausgeschieden. Es kommt zu einem Wiedersehen mit Marsaili, seiner Jugendliebe, die statt ihn damals einen anderen geheiratet hat. Ihr Sohn Fionnlagh, der wie sich herausgestellt hat, auch sein Sohn ist, ist gerade Papa geworden. Viel zu jung und ohne abgeschlossene Schulausbildung ist er dem Vater Donnas allerdings ein Dorn im Auge. In diesen Konflikt mischt sich Fin ein.

Tormod Macdonalds Verwandschaftsverhältnis zu dem Toten aus dem Moor wird sich nur schwer aufklären lassen. Marsailis Vater leidet an Demenz. Doch weil er als Mordverdächtiger gilt, wollen George Gunn und Fin Macleod versuchen herauszufinden, was Ende der 50er Jahre geschah. Der alte Mann kann sich an lange zurückliegende Ereignisse noch gut erinnern. Doch was er ab und an sagt, was ihm in den Sinn kommt, klingt diffus. Denn niemand weiß, dass er einen Bruder hatte, mit dem er nach dem Tod der Mutter in ein Waisenhaus kam.

Es ist eine überaus tragische Geschichte, die hier erzählt wird. Der alte Mann, der für Aufklärung sorgen könnte, kann es nicht mehr, auch wenn er aufgrund seiner Demenz in der Vergangenheit lebt. Niemand ahnt, dass seine Identität gestohlen ist, weil es sein musste, weil es keinen anderen Ausweg gab.

Dennoch wird nach und nach der alte Mordfall aufgerollt. Das ist insbesondere Fin Macleod, der die Krankheit kennt und es versteht, besser hinzuhören als andere. So kommt er der Wahrheit immer näher. Einer gefährlichen Wahrheit, das ahnt er bald. Und auch für den Leser wird diese unterschwellige Gefahr spürbar gemacht. Fin Macleod ist ein sensibler Ermittler, er vorverurteilt nicht und das beeindruckt sehr. Der Fall um Familienbande, um Rache und wieder Rache scheint kein Ende nehmen zu wollen. Die Spannung steigt ins Unermessliche und wird von Emotionen und Schicksalhaftem getragen in eine ungewisse Zukunft.

Rezension von Heike Rau

Peter May
Beim Leben meines Bruders
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
336 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag
ISBN-10: 3552056718
ISBN-13: 978-3552056718
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Sarah Butler: Alice, wie Daniel sie sah

Sarah Butler: Alice, wie Daniel sie sah

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!Daniel ist ein Landstreicher. Immer ist er auf der Suche nach Dingen, die andere weggeschmissen haben. Wichtig sind die Farben, denn die haben eine Bedeutung für ihn. Lässt sich doch damit der Name seiner Tochter bilden. Einer Tochter, die er nicht kennt und die längst erwachsen ist. Alice. Sie ist genauso ruhelos wie ihr Vater, von dem sie nichts weiß. Sie unternimmt lange Reisen und hält sich nie lange an einem Ort auf. Sie kehrt zurück, als ihr Vater stirbt. Also der Mann, den sie für ihren Vater hält.

Daniel sieht die Beerdigung als Gelegenheit, seiner Tochter zu begegnen. So geht er hin. Doch wie soll er Alice gegenüber treten? Wie soll er sich verhalten? Was könnte er sagen? Er sieht ungepflegt aus mit den abgetragenen und schmutzigen Klamotten, mit den Bartstoppel und dem fettigen Haar.

Er bastelt für Alice aus den Dingen, die er findet und die in den Farben ihren Namen widerspiegeln kleine Kunstwerke und positioniert sie am Elternhaus, so dass Alice sie finden muss. Alice ahnt, dass der Mann etwas zu tun haben muss mit ihrer Mutter und dass er ihr etwas sagen will. Doch Daniel will seine Tochter nicht verunsichern. Beide finden schließlich einen Weg sich zu verständigen, wo Worte zu viel Schaden anrichten könnten.

Die Geschichte um Alice und ihren liebevollen Vater ist sehr emotional geschrieben. Es geht um Gefühle, Lebenswege, Fehlentscheidungen, Hoffnungen und das Leben im Allgemeinen. Der Tragik der schwierigen Familienkonstellation wird viel Platz eingeräumt.

Es ist schwierig, sich auf diese Buch einzulassen. Es hat eine ungeahnte Schwere. Und die Geschichte ist auch nicht leicht nachzuvollziehen. Es ergeben sich viele Fragen, die aber letztendlich offen bleiben. Die Hauptpersonen, Alice und Daniel, sind vom Charakter äußerst schwierig. Es ist kaum möglich, sich in die beiden hineinzuversetzen, sosehr man es auch versucht. Und doch wird man von der Geschichte gefangengenommen.

Rezension von Heike Rau

Sarah Butler
Alice, wie Daniel sie sah
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
320 Seiten, Klappenbroschur
Droemer Verlag
ISBN-10: 3426514095
ISBN-13: 978-3426514092
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René Laporte: Hotel Solitude

René Laporte: Hotel Solitude

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Leben zwischen Traum und harter Wirklichkeit.

1942 begegnen sich in einem abgelegenen Hotel auf einer Anhöhe hoch über dem Glanz der mondänen Stadt Monte Carlo ein Monsieur Jérome Bourdaine und ein jüngeres Ehepaar. Die wunderschöne Frau des etwas geckenhaften Ehemanns hat es Jérome angetan. Der Ehemann erscheint des Abends spät und geht schon früh am Tag seinen Geschäften nach.

In Europa haben wir Krieg, und fernab des Kriegsgetümmels hält hier ein altes Ehepaar das Hotel Solitude in Betrieb. Die Gäste bleiben in Folge des Krieges schon lange aus. Der Glanz vergangener Zeiten liegt auf den Möbeln und dem Anwesen mit seinen herrlichen Ausblicken auf die umgebende Natur.

René Laporte, 1905 -1954, gestaltet seine Geschichte als eine, die zwischen Traum und Wirklichkeit schwankt. Nebulöse Gestalten aus den Zeiten der belle Époque bevölkern in Jéromes Fantasie eines Abends den Speisesaal, und er wirbt unerschrocken und zielstrebig um die schöne Frau.

Glück und Unglück, Heimatlosigkeit und Geborgenheit spielen in die Erzählung hinein und zeigen die Zeitgenossen im Jahr 1942 auf der Flucht und auf der Suche zugleich. Wie immer geht es auch um die ganz große Liebe. Zoya, wie die schöne Frau heißt, hat schon viel erlebt und weiß um die Tücken der Liebe. Jérome hingegen will erobern um jeden Preis und um der Illusion willen, dass doch alles gut werden möge.

Das Buch gilt als Wiederentdeckung eines literarischen Juwels, und das ist dieser kleine dichte und poetische Roman auch wirklich. Nostalgisch, vergänglich und mit dem Hauch einer versunkenen Welt versehen wird man in der Geschichte noch einmal zurück in das Jahr 1942 geführt, als die Welt im Krieg unterzugehen drohte und es nur wenige gab, die sich dem allgemeinen Untergang entziehen konnten.

René Laporte engagierte sich während des Zweiten Weltkriegs im französischen Widerstadt.

Der Roman des früh verstorbenen Autors erscheint hier zum ersten Mal auf Deutsch.

René Laporte
Hotel Solitude
120 Seiten, gebunden
Deutscher Taschenbuch Verlag, März 2014
ISBN-10: 3423260033
ISBN-13: 978-3423260039
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Gewinnspiel zum Kinostart von “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand”

Gewinnspiel zum Kinostart von “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand”

Gewinnspiel zum Kinostart am 20.03.2014
Allan Karlsson hat Geburtstag. Er wird 100 Jahre alt. Eigentlich ein Grund zu feiern. Doch während sich der Bürgermeister und die lokale Presse auf das große Spektakel vorbereiten, hat der Hundertjährige ganz andere Pläne: er verschwindet einfach – und schon bald steht ganz Schweden wegen seiner Flucht auf dem Kopf. Doch mit solchen Dingen hat Allan seine Erfahrung, er hat schließlich in jungen Jahren die ganze Welt durcheinander gebracht.

Jonas Jonasson erzählt in seinem Bestseller von einer urkomischen Flucht und zugleich die irrwitzige Lebensgeschichte eines eigensinnigen Mannes, der sich zwar nicht für Politik interessiert, aber trotzdem irgendwie immer in die großen historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts verwickelt war. Mehr zum Film: http://www.derhundertjaehrige-film.de/

Gewinnspiel zum Film „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“

Mitmachen und gewinnen! Pünktlich zum Kinostart von “Der Hundertjährige…” verlosen wir drei Filmpakete bestehend aus einem Filmplakat und einem Buch zum Film vom btb-Verlag. Wer gewinnen möchte, teile / veröffentliche diesen Beitrag hier als Link auf Facebook / Twitter oder Google+ und schreibe einen kleinen Beitrag, warum er gewinnen möchte, hier in den Kommentaren. Einsendeschluss ist der 31.03.2014!

Trailer vom Kinofilm „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“

John Banville: Im Licht der Vergangenheit

John Banville: Im Licht der Vergangenheit

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Wie in seinen früheren Romanen sind es wieder Themen von Liebe, Schmerz, Abschied und Tod, die den Autor John Banville in seinem neuen Roman umtreiben!

Sein Held Alex Cleave ist ein älterer Schauspieler mit nur noch seltenen  Engagements, als ihn unverhofft ein Angebot für eine neue Rolle erreicht.

Er lebt mit seiner Frau Lydia in einer leidenschaftslosen Beziehung, die durch den Tod der gemeinsamen Tochter Cass noch beschwert ist. Er kann es nicht verstehen, warum diese vor zehn Jahren für immer aus ihrem Leben geschieden ist. Die Trauer der beiden Eheleute über den nie verwundenen Tod der Tochter ist groß.

Doch mit der neuen Rolle über den Kritiker Axel Vander stellen sich bei Cleave Erinnerungen ein, Erinnerungen an seine erste Liebe ausgerechnet mit der Mutter seines besten Freundes! In langen Passagen erinnert er sich an die glückseligen Stunden mit der 35 Jahre alten Mutter von Bill. Mit diesen Erinnerungen scheint er der bedrückenden Gegenwart entkommen zu können.

In einem lange dahin mäandernden Geschehen spielt Alex eine Filmrolle, erlebt seine Mitstreiter in ihren Rollen und Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich. Der Tod seiner Tochter harrt für Alex Cleave der Aufklärung, und die Rolle des Kritikers Axel Vander hat mehr mit seinem vergangenen Leben zu tun, als er ahnt.

In poetischen Bildern mit zahlreichen erinnerungsträchtigen Erscheinungen nähert sich John Banville dem „Licht der Vergangenheit“ seines Hauptprotagonisten. Es zeigt sich am Ende, wie sehr wir uns in den Abläufen der Vergangenheit täuschen können. Die Realität und das Erinnerte sind nicht immer konform.

Man folgt den Spuren seiner Erfahrungen, die uns vom Glück über das Unglück bis zu seinem Lebensanfang zurückführen.

Ein rührender, liebenswerter, leicht und schwebend daher kommender Erzähler beglückt uns erneut mit den einfallsreichen und verschlungenen Entwicklungen seiner Protagonisten. Dieses Buch liest sich ruhig und gibt besonnen Auskunft über die Beziehungssonderbarkeiten seiner Figuren. Schicksale ereignen sich häufig, ohne dass man ihnen ausweichen könnte.

John Banville
Im Licht der Vergangenheit
336 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2014
ISBN-10: 3462045954
ISBN-13: 978-3462045956
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Saita Shah: Ziemlich nah am Glück

Saita Shah: Ziemlich nah am Glück

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Leben mit Behinderung.

Es ist eine Sache, sich ein Kind zu wünschen und eine andere, ein behindertes Kind innerlich anzunehmen. So geht es Anna und Tobias: nach lange ersehntem Kinderwunsch stellte sich Freya ein.
Die kleine heiß ersehnte Tochter wirkt süß und zart, als man den Eltern eröffnet, dass dieses Kind mit schwerem Hirnschaden geboren wurde. Es wird viele Einschränkungen in der Entwicklung geben, und mit Sicherheit wird Freya ein schwer behindertes Kind bleiben.

Was tun? Ausgesetzt ihren irrlichternden Gefühlen können die Eltern keinen eindeutigen Standpunkt entwickeln. Tobias mehr noch als Anna wollen über all’ diesen Schwierigkeiten sich selber nicht verlieren. Doch ein schwerer Weg liegt vor ihnen. Sie wagen den Schritt nach Frankreich ins Languedoc. Es ist die einzig erschwingliche Gegend für sie, die karg und unwirtlich wirkt. Anna und ihr Mann erwerben ein herunter gekommenes Anwesen in der Hoffnung, hier ein neues Leben zu beginnen. Freya kommt mit!

Sehr einfühlsam und plausibel lässt uns die Autorin an den Wirrnissen der Gefühle und Ambivalenzen ihrer Protagonisten teilnehmen. Wie soll man sich wohlfühlen mit einem Kind, das keine normale Kontaktaufnahme ermöglicht? Wie wird die zukünftige Entwicklung auf die Eltern rückwirken? Freya hat Krampfanfälle und Erstickungsnöte und bedarf der Intensivpflege.

Anna und Tobias gehen durch tiefe Täler der Entfremdung zwischen sich und dem Kind. In Frankreich an ihrem bäuerlichen Ort im Languedoc finden sie Kontakte zu Menschen, die ihnen Hilfe und Rat in alltäglichen Lebensfragen anbieten. Die Gegend mit ihren eigenbrötlerischen Menschen umgibt die Geschichte mit dem besonderen Reiz des Außergewöhnlichen.

Saira Shah hat einen afghanischen Vater und eine indische Mutter und wuchs in England auf. Mit einem Dokumentarfilm über Afghanistan hat sie 2001 Aufsehen erregt und einen angesehenen Preis dafür gewonnen. Sie vermag sich gut in die Mentalitäten verschiedener Kulturen und Herkommen hinein zu versetzen.
So gelingt ihr auch mit diesem, ihrem ersten Roman, Einblicke in unterschiedliche Befindlichkeiten mit deren Folgen für die Menschen. Man liest das Buch angerührt und mit anhaltender Aufmerksamkeit.

Saita Shah
Ziemlich nah am Glück
384 Seiten, broschiert
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2014
ISBN-10: 3462045628
ISBN-13: 978-3462045628
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Andrew Motion: Silver – Rückkehr zur Schatzinsel

Andrew Motion: Silver – Rückkehr zur Schatzinsel

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Die Geschichten, die der Vater zu erzählen hat, sind spannend. Aber die Abenteuer auf hoher See sind Vergangenheit, auch wenn drei Männer auf der Schatzinsel zurückgeblieben sind und auch Teile des Schatzes.
Die Führung des Wirtshauses „Hispaniola“ verlangt Vater und Sohn einiges ab. Der junge Jim Hawkins tut, was sein Vater ihm sagt.
Eines Tages wird die Eintönigkeit durch ein junges Mädchen mit eigenwilligen Plänen gestört. Natty ist die Tochter von John Silver. Sie und Jim haben also Abenteurer als Väter. Es ist spannend für Jim, nun auch John Silver kennen zu lernen, auch wenn eine Absicht dahinter steckt.
Es soll noch einmal eine Schatzsuche stattfinden. John Silver ist dafür zu alt, seine Tochter wird ihn vertreten, so der Plan. Doch die Karte, die den Weg zeigt, ist im Besitz von Jims Vater, die diese auf keinen Fall auf Nachfrage herausgeben wird. So soll es Jims Aufgabe sein, die Karte zu beschaffen.
Die Abenteuerlust packt nun auch den jungen Jim. Ein Schiff mit Besatzung ist längst organisiert. Es liegt also nur an ihm, ob die Reise stattfinden wird.

Es ist, als würde man nicht einfach nur lesen, sondern beobachten. Die schöne Sprache, derer sich der Autor bedient, gefällt von Anfang an. Als Leser wird man hineingezogen in ein Abenteuer, das allerdings bald ganz anders verläuft, als vom Kapitän und seiner Mannschafft erhofft. Es wird ausgesprochen spannend.
Ganz nebenbei scheint sich eine Liebesgeschichte zwischen Natty und Jim zu entwickeln. Die allerding erst einmal unterdrückt werden muss, weil Natty sich auf dem Schiff als Junge ausgeben muss.
Natty und Jim wollen nicht so sein wie ihre Väter und treten doch in ihre Fußstapfen. Es geht also um Träume, Wertvorstellungen und ums Erwachsenwerden. Das alles versinkt jedoch bald im Chaos. Denn was die Reisenden auf der Insel erwartet, verkündet Unheil. Es muss Stellung bezogen werden. Aber auch hier entwickelt sich bald ein Selbstlauf, der kaum freie Entscheidungen zulässt, als Natty einen waghalsigen Plan umzusetzen versucht, der scheitert. Aus dem Abenteuer wird ein Kampf um Leben und Tod, der sehr emotional vom Autor beschrieben wird, sodass man als Leser regelrecht mitfiebert und sich beizeiten fragt, ob diese Geschichte gut ausgehen kann. Das Ganze spielt in einer Kulisse, die nicht besser beschrieben sein könnte.

Der bekannte Klassiker lebt hier wieder auf. Es ist eine überzeugende Fortsetzung, kann aber auch gut als eigenständige Geschichte gelesen werden.

Rezension von Heike Rau

Andrew Motion
Silver – Rückkehr zur Schatzinsel
Aus dem Englischen von Klaus Modick
480 Seiten, gebunden
Mareverlag
ISBN-10: 3866481888
ISBN-13: 978-3866481886
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Thomas Klugkist: Hanna und Sebastian

Thomas Klugkist: Hanna und Sebastian

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Eine Liebesgeschichte, differenziert, knallbunt, ausschweifend und sehr intelligent!

Thomas Klugkist hat in der Form eines Briefromans einen  Liebesroman geschrieben, in dem er Gedanken zu Nähe und Distanz in Paarbeziehungen und zu innerer und äußerer Freiheit zwischen Liebenden abhandelt. Nichts Denkbares bleibt ausgespart in der Offenheit, mit der sich die Liebenden, und als solche zeigen sie sich in ihren Briefen, einander mitteilen.

Hanna und Sebastian, die sich noch aus der Schule kennen, haben 2000 ein wunderschönes Wochenende zu zweit in Rom verbracht. Sie sind Ende zwanzig und mögen sich sehr! Er ist Rundfunkredakteur in Berlin und sie Ärztin in der pathologischen Abteilung einer Klinik in München.

Basierend auf dem Treffen in Rom beginnen sie einen lebhaften Briefwechsel. Auf hohem Niveau tauschen sie tiefsinnig, hoch reflektiert und im Wechsel zwischen ernsten und leichten Themen ihre Gedanken aus. Da geht es um die Arbeit, ihre Familien, ihre jeweiligen inneren Befindlichkeiten, ihre Liebhaber und Liebhaberinnen und die richtige Lebensform. Doch ein Wiedersehen ist erst in zehn Jahren geplant!

Der Briefwechsel umfasst folglich mit Unterbrechungen 10 Jahre.

In diesen Jahren passiert viel!

Das Paar nähert sich mit ihren freimütigen Bekenntnissen über ein erträgliches Maß hinaus und überschreitet damit Grenzen. Die Akzeptanz dieser Offenheit scheint nur in der räumlichen Distanz möglich. Hanna erzählt über ihre Affären, die nach einigen Jahren und heftigen Turbulenzen sehr ausschweifend werden. Sebastian berichtet im Gegenzug von seinen erotischen Erlebnissen.

Die subtile Erzählform, in der sich beide immer näher kennen lernen, zeugt von hoher Bildung, tiefer Empfindungsfähigkeit und eloquenter Sprachgewandtheit. In ihren Briefen, Mails und SMS’ spürt man eine dauerhaft unterschwellige erotische Anziehung. Ihre Freiheit, die ihnen die Entfernung bietet, ist einerseits prickelnd und andererseits störend. Sie wollen mehr und bleiben doch in ihrem Schwebezustand zwischen Nähe und räumlicher Distanz. Dass es sich um eine symbiotische Beziehung handelt, wird schon bald überaus deutlich.

Doch gibt es eine stärkere Nähe, als die aus der selbst gewählten Distanz?

Mit atemloser Spannung folgt man den Geschehnissen im Leben der beiden. Sie leben jeder auf eigene Weise ihre Wünsche und Möglichkeiten aus.

Thomas Klugkist nimmt seine Leser mit in den Umkreis der Generation der achtziger und neunziger Jahre und bis in das Jahr 2010 hinein. Wie das alles enden wird?

Klugkists Protagonisten sind empfindsam, nachdenklich und selbstkritisch. Es gibt Tragödien, wie in vielen Familien, und es gibt die bodenständigen und klaren Charaktere, denen das Leben nichts anzuhaben scheint. Die Dialogform macht den Roman zu einem fast realistischen Zeitdokument. Klugkist ist ein scharfer Denker, der in seiner Geschichte literarisches und philosophisches Gedankengut verpackt und psychologische Folgerungen anklingen lässt.

Das Lesevergnügen mit Anstößen zum Nachdenken ist unvergleichlich und lässt den Leser bis zuletzt nicht los.

Thomas Klugkist
Hanna und Sebastian
432 Seiten, gebunden
C.H.Beck, Januar 2014
ISBN-10: 3406659608
ISBN-13: 978-3406659607
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Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

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Poesie und Leben!

Tsukuru Tazaki ist ein nachdenklicher junger Mensch. In einer wohlhabenden Familie in der Stadt Nagoya in Japan aufgewachsen hat er die Schule besucht, Freunde gewonnen und ist danach zum Studium nach Tokio gegangen. Er gehörte zu einer sich nahestehenden Clique von drei Jungen und zwei Mädchen. Doch unerwartet und vollkommen unverständlich für ihn brach der Kontakt zu den vier anderen ab, als er zu den Semesterferien nach Hause fuhr. Die unerklärliche Trennung setzte ihm arg zu. Er magerte ab, veränderte sein Aussehen und wurde regelrecht depressiv. Nach Jahren entwickelt er eine zögerlich beginnende Freundschaft zu Sara, die seine Traurigkeit spürt und ihn auf die Suche nach den Ursachen für die Trennung schickt. Er ist mittlerweile 36 Jahre alt geworden.

Liszts Klavierstück  „Années de pèlerinage“ innitiiert dabei die Stimmung, in der sich unser Held befindet: traurig, melancholisch und von Todessehnsucht erfüllt.

Man fühlt sich unmittelbar angesprochen, wenn Tsukuru eine neue Bekanntschaft macht und sich in Gesprächen über das Sein und das Wesen seiner menschlichen Beziehungen auslässt.

Im Laufe der Zeit tastet er sich zaghaft an neue Beziehungen heran. Die Vergänglichkeit seiner tiefen, treuen und verlorenen Gemeinschaft der Jugendzeit bleibt dabei immer präsent. Der Roman entfaltet eine Dynamik, die an eine japanische Papierblume erinnert: Immer neue Geschichten einzelner Personen fügen sich in die Handlung ein behalten aber ihren Zugang zu dem Hauptprotagonisten Tsukuru Tazaki. Auf der Suche nach seinen vergangenen Freundschaften tritt eine geheimnisvoll merkwürdige Kriminalgeschichte zutage. Sie steigert die Spannung und treibt immer neue  Blüten.

Dass Tsukuru kein starkes Selbstwertgefühl hat, ist die eine Seite seines Charakters. Die andere aber zeigt ihn als der Poesie zugänglich mit feinem Gespür für Musik und die Schönheiten der Natur. Man ist voller Mitgefühl und spürt der Kälte nach, die ein Mensch erlebt, wenn er gute Freunde aus dunklen Gründen verliert.

Sensibilität und feines Gespür für andere zeichnet Haruki Murakamis Figuren aus. Es sind empfindsame Seelen, denen das Leben und Zusammenleben mit anderen nicht immer leicht fällt. Tsukuru Tazaki empfindet sich im Gegensatz zu seinen Freunden als farblos und nicht liebenswert. Doch was erwartet er vom Leben? Unterliegt er nicht Erwartungen und Fantasien, die übertrieben sind?

Murakami besitzt die Gabe, Naturschönheiten so zu beschreiben, dass man den Gesang der Vögel, den Duft der Blumen und die Schönheit der Bäume zu spüren meint.

Wie immer bei Haruki Murakami sind seine Figuren ungewöhnlich in ihrer Lebensart, feinfühlig und tiefsinnig auf der Suche nach dem wahren Selbst und der Vergangenheit. Eine wunderschöne, liebenswerte und inhaltsreiche Erzählung erwartet den Leser bei der Lektüre!

Haruki Murakami
Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
350 Seiten, gebunden
Dumont Buchverlag, Januar 2014
ISBN-10: 3832197486
ISBN-13: 978-3832197483
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