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Kategorie: Belletristik

John Williams: Stoner

John Williams: Stoner

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Die Geschichte von einem einsamen Mann.

Stoner ist der eigenwillige Sohn eines armen Farmerehepaars aus Missouri.
Arm geboren und aufgewachsen und gewöhnt an harte Arbeit verschlägt es den aufgeweckten Jungen an die Columbia Universität Missouri.
Er kam mit dem Anliegen, Agrarwissenschaften zu studieren, doch erlebt er in der Literatur seine eigentliche Offenbarung. Geschätzt und gefördert von einem seiner Professoren bringt er es nach vier Jahren zum Literaturdozenten und folgt seiner eigentlichen Berufung. Im Klappentext heißt es: der Roman handelt „von der Liebe und von der Liebe zur Poesie und zur Literatur“.

In der Tat ist Stoner ein begeisterter Literaturprofessor, dessen ganze Leidenschaft seiner Wissenschaft gehört. Doch sein Leben wird auch von zahlreichen Missgeschicken mit bestimmt.
Da ist zum einen seine Ehe mit Edith, die sich als kalt, oberflächlich und lieblos entpuppt. Später sind es die Missgunst und Intrigen an der Universität, die ihm das Leben versauern. Gute Freunde aber hat er auch.

Die Handlung schreitet flott voran. Zielstrebig und knapp erzählt John Williams die Geschichte vom Leben seines Helden, das sich über fast fünfzig Jahre erstreckt.

1914 melden sich Freunde von ihm zum Militär und zur Teilnahme am ersten Weltkrieg, wo er einen seiner guten Freunde verliert.

Die Erzählung wirkt in ihrer Diktion klar und entschlossen, so wie der Held der Geschichte entschlossen ist, sein Glück zu machen  Er fällt gar nicht besonders auf oder besitzt etwa ein besonderes Charisma. Allzu schnell hält er um die Hand der hübschen Edith an.
Dass sie nicht die Richtige für ihn ist, wird mit kurzen und unumstößlichen Sätzen deutlich. Edith wünscht sich ein Kind, für das sie sich dann aber wenig zu interessieren scheint. Der Tochter Grace gilt die ganze Liebe ihres Vaters, bis Edith neben zahlreichen anderen Gemeinheiten auch diese Beziehung zu unterlaufen versteht.

Das Leben von Stoner, der so zuversichtlich Karriere als Literaturprofessor macht, bleibt auf lange Strecken ein Fiasko. Er ist ein Mensch, mit dem man intensiv mit fühlt. Es sind die Konkurrenten an der Universität, denen er ebenso hilflos ausgesetzt ist wie den Widrigkeiten mit seiner eigenen Frau. Dass man so intensiv an seinem Geschick und seinen Niederlagen teilnimmt, lässt darauf schließen, dass in jedem Leben zuweilen Mißerfolge und Kränkungen zu verkraften sind. Hierzu nochmals ein Zitat aus dem Klappentext: “Es ist ein Roman darüber, was es heißt, ein Mensch zu sein“.

Man kann sich dem Sog dieser Geschichte kaum entziehen und folgt atemlos ihrem Fortgang.

John Williams ist erst heute wieder entdeckt worden, nachdem sein 1967 erstmals veröffentlichter Roman lange Jahre in Vergessenheit geraten war. Ein wahres Glück für den Leser!

John Williams
Stoner
352 Seiten, gebunden
Deutscher Taschenbuch Verlag, September 2013
ISBN-10: 3423280158
ISBN-13: 978-3423280150
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Thomas C. Boyle: San Miguel

Thomas C. Boyle: San Miguel

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Der amerikanische Bestsellerautor T. C. Boyle hat sich mit diesem Roman der Geschichte zweier Familien angenommen, die auf der kleinen Pazifikinsel San Miguel vor der kalifornischen Küste lebten. Aufmerksam geworden auf diese Geschichte ist er während seiner Recherchen zu dem vorhergehenden Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“. Mit den beiden nacherzählten Familiengeschichten, die in unterschiedlichen Epochen spielen, die erste im 19. Jahrhundert und die zweite 50 Jahre später im 20. Jahrhundert, nimmt sich Boyle dem Phänomen des immer weiter nach Westen strebenden Pioniers an. Wir finden den über 400 Seiten starken Roman in drei Teile untergliedert vor. Die ersten beiden Teile, die um 1880 spielen, sind der Familie Waters gewidmet. Der dritte Teil rückt dann in die Zeit ab 1930 vor, ragt bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein und erzählt die Geschichte der Familie Lester. Die kleine Kanalinsel, auf die die beiden Familien ziehen, ist geprägt von kargem Land. Kaum Vegetation ist lediglich Schafzucht in diesem minimalistischen Lebensraum möglich. Der Autor stellt zu Recht die Frage, was bewegte diese Menschen, auf diese Insel zu ziehen. Während Marantha Waters und ihre Tochter Edith nur dem Ruf von Maranthas Ehemann folgen und das Gefühl haben, auf der Insel wie in einem Gefängnis zu leben, geht Elise Lester mit ihrem Mann aus freien Stücken auf die Insel und lebt sehr gerne auf dieser Insel.

Beide Familien haben tatsächlich existiert und es liegen Dokumente über deren Leben auf der Insel vor. Das besondere Verdienst Boyles ist es, die real existierenden Familien in eine fiktive Handlung eingebettet zu haben, um sie plastischer vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen zu lassen. Erst durch die Handlungen und Dialoge, wie sie nur in einem fiktiven Roman, zudem von einem wortgewandten Schriftsteller wie T. C. Boyle und seinem präzise und ebenso wortgewandten Übersetzer Dirk van Gunsteren machen die Verhältnisse und das Leben auf dieser Insel spürbar. Auch die Herausarbeitung von Figuren, wie sie vom Schriftsteller bezeichnet werden, sind nur in einer fiktiven Geschichte möglich. Dies macht die Charakterstudien der beiden Familien äußerst lesenswert.

Wer mit dem Roman jedoch ein spannendes Abenteuer wie „Drop City“ oder „Amerika“ erwartet, der wird enttäuscht werden. Harte Auseinandersetzungen und Konflikte zwischen zwei Menschengruppen stehen nicht im Vordergrund. Wohl aber eben solch harte Konflikte zwischen den Bewohnern dieser Insel und den Naturgewalten. Diese brechen herein in Form von Stürmen, in Form des Zweiten Weltkrieges, in Form von Krankheiten. Mit San Miguel kann man sich einlassen auf einen eine historische Fiktion. Es besticht durch die vom Autor gewohnten präzisen Charakterstudien und detailreichen Beschreibungen der Landschaft, die Heimat des Inselfuchses ist, der nur auf dieser und fünf anderen kleinen Kanalinsel lebt.

Obwohl das Leben auf dieser Insel einem Abenteuer gleicht, ist der Roman kein Abenteuerbuch und man muss sich auf den Inhalt einlassen. Nichtsdestotrotz ist es hervorragend geschrieben und hat meine volle Punktzahl verdient. Ich freue mich auf ein Treffen mit dem Autor, wenn er in den nächsten Wochen durch Deutschland lesetourt.

Boyle, Thomas Coraghessan
San Miguel
Hanser, München
ISBN 9783446243231

© Detlef Knut, Düsseldorf 2013
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Uwe Timm: Vogelweide

Uwe Timm: Vogelweide

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Von Liebe, Begehren und ihrem Vergehen.

Auf einer einsamen Insel in der Elbmündung lebt für einige Monate der Vogelkundler Eschenbach. Was hat ihn hier her getrieben? Nur seltene Besucher kreuzen zuweilen auf, darunter Freunde und Freundinnen aus seinem vergangenen Berufs- und Gesellschaftsleben in Berlin. In assoziativen Motiven hält der Erzähler Rückschau auf sein Leben, das von zahlreichen Höhen und Tiefen gekennzeichnet war. Da findet man sich bei Galeristen, auf Partys und in Restaurants wieder, wo man zu seinen „besseren“ Zeit ein- und ausging. Er hatte zusammen mit seinem Freund Fred ein gut gehendes Unternehmen, das den Zeitläufen am Ende nicht standhalten konnte und Pleite ging. Es blieb auch nicht aus, dass sich in ihren Kreisen Amouren entwickelten, Ehen zerbrachen und zusammen mit diesen Hoffnungs- und Zukunftsträume zerfielen. Der ehemalige IT Fachmann Eschenbach, das schöne Ehepaar Ewald und Anna und Eschenbachs ehemalige Freundin Selma sind die Protagonisten, deren Geschicke hier abgehandelt werden. In langen und teilweise schwerblütigen Betrachtungen ergeht sich Eschenbach in seinen Erinnerungen. Er ist nun alt, und Leidenschaften und die Liebe sind Geschichte. Doch die Geister der Vergangenheit holen ihn ab und zu mit allen damit verbundenen Gefühlen ein, um dann langsam zu verlöschen.

Melancholisch und versonnen ist auch der Abschiedsbesuch von Anna auf der einsamen Insel bei Eschenbach. Jugendliches Begehren brachte früher ihre Lebensläufe durcheinander. Heute ist das vorbei, und die beiden können gelöst über ihr vergangenes Leben sinnieren. Man geht den Stimmungen der Natur nach, spürt den Wind und hört das Vogelgezwitscher. Uwe Timm gibt den sich wandelnden Gefühlen mit seiner Stimme einen eigenen Klang zwischen Trauer, Resignation und Versöhnung.

Uwe Timm ist der Meister der leisen Töne, die er auch in seinem neuen Roman anklingen lässt. Mit Reflexionen ganz eigener Art geht er den Lebensspuren seiner Hauptfiguren nach. Zuweilen wirken die Geschichten verträumt, abgeklärt und schon fast verarbeitet in ihrer jeweiligen Problematik.

Unnachahmlich fein und sensibel ist die Sprache, mit der Uwe Timm uns am Wandel der Zeiten teilnehmen lässt. Er ist einer der großen deutschen Erzähler, auf dessen neue Romane man neugierig wartet.

Uwe Timm
Vogelweide
336 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, August 2013
ISBN-10: 3462045717
ISBN-13: 978-3462045710
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Peter Stamm: Nacht ist der Tag

Peter Stamm: Nacht ist der Tag

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Spuren der Erschütterung und des Neubeginns.

Gillian erwacht auf einer Krankenstation und hat nur vage Vorstellungen davon, was mit ihr passiert ist. Nach und nach erst kehren die Ereignisse zurück, die sie hier her geführt haben.

Sie ist eine schöne und erfolgreiche Fernsehmoderatorin. Matthias, ihr Mann, ist ebenfalls im Kulturwesen tätig.

Was hat zu dem Autounfall geführt, der Matthias das Leben kostete und Gillian die Schönheit?

In langen Phasen der Erinnerungen bildet sich das Leben eines Paares heraus, das nach einigen Ehejahren in gegenseitigem Missverstehen und kleinlichen Streitereien lebte. Eifersucht und Überdruss haben sie einander entfremdet. So blieb es nicht aus, das Gillian ganz neugierig auf den Malerfotografen Hubert blickt. Dieser pflegt Aktporträts nach Fotografien zu fertigen. Auch Gillian konnte der Versuchung nicht widerstehen, seinen künstlerischen Bestrebungen mit Fotos ihrer Person zu dienen, die zu den Irritationen in ihrer Ehe beitrugen.

Peter Stamm erzählt subtil und nähert sich seinem Sujet still und schleichend. Neugierig folgt der Leser den Andeutungen, aus denen sich das Schicksal der beiden Hauptprotagonisten heraus kristallisiert. Er sucht gleichsam Spuren, mit denen er die Lebenswege seiner Protagonisten erforscht.

Auf diese Weise entsteht gewissermaßen eine Symbiose zwischen dem Autor und seinem Werk, die auch den Leser mit einschließt. Wenn auch jedes Schicksal seine eigene Dynamik aufweist, so erkennt man gelegentlich in groben Zügen wieder, was sich alltäglich im Leben von Paaren, die langsam in die Jahre kommen, abspielt. Ewige Harmonie und Dauerglück gibt es nicht. Dass Lebensschicksale aber plötzlich aus dem Ruder laufen, und der eine von zweien ohne Klärung von Missverständnissen zurück bleibt, ist nicht die Regel. Endet eine Beziehung auf diese Weise, hat es der übrig Geblieben besonders schwer. Gillian trägt ihr Schicksal und versucht, wieder in die Bahn zu kommen. Es ist ein langer Weg, den sie beschreiten muss!

Der erste Teil der Erzählung scheint mir gelungen. Im zweiten Teil zeigen sich für meine Begriffe Ermüdungserscheinungen, die auf lange Sicht der Geschichte die Stringens raubt, die den Beginn der Erzählung auszeichnet.

Der neue Roman von Peter Stamm ist dennoch eine interessante Lektüre.

Peter Stamm
Nacht ist der Tag
256 Seiten, gebunden
S. FISCHER, Juli 2013
ISBN-10: 3100751345
ISBN-13: 978-3100751348
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Hans Pleschinski: Königsallee

Hans Pleschinski: Königsallee

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Lebensbilder aus einer fernen Vergangenheit.

Mit prickelnder Eleganz beschreibt Hans Pleschinski das Wiedersehen alter Freunde  in dem großbürgerlichen Hotel Breidenbacher Hof in Düsseldorf. Hier treffen die Künstler Thomas Mann und Hans Heuser im Jahr 1954 zusammen. Das Leben in Deutschland beginnt sich gerade neu zu konstituieren, denn überall sind die Überreste des verheerenden Zweiten Weltkriegs noch zu sehen.

Das erste Zusammentreffen der beiden Künstler datiert aus dem Jahr 1927, als Thomas Mann hingerissen von dem schönen jungen Mann seine Augen nicht von ihm lassen konnte. In dem  Roman „Der junge Joseph“ hat Thomas Mann ihm ein Denkmal gesetzt. Doch wie wird das heutige Treffen verlaufen?

Klaus und Erika Mann, Katia und die berühmte Familie bestimmen den Erzählteil, in dem es auch um die Nachkriegsjahre geht und das Leben der Menschen, die einen Neuanfang wagen. Erika ist eifrig bemüht, das Zusammentreffen des ehemaligen Jünglings Klaus Heuser mit ihrem Vater zu verhindern.

In einem recht trockenen Stil wird hier das Nachkriegsleben noch einmal herbei gezaubert. Golo Mann, der Dichter George und zahlreiche Zeitgenossen spielen eine Rolle beim Eintauchen in die Atmosphäre des Jahres 1954.

Hans Pleschinski bevorzugt eine Erzählweise, die zwischen Traum und Wirklichkeit und zwischen Fiktion und realen Begebenheiten pendelt. Man muss sich einlesen, um zu begreifen, dass hier ein berühmter Dichter, Nobelpreiträger dazu, in das Deutschland heimkehrt, aus dem er einst verjagt wurde. Er will aus seinem Roman „Felix Krull“ lesen, doch der betagte Schriftsteller hat Stimmprobleme. Erika wundert sich über die zeitgleiche Anwesenheit des ehemaligen Liebesobjekts ihres Vaters Heuser im selben Hotel hier und heute. Was will er hier in Deutschland? Heuser ist mit seinem farbigen Freund, Anwar, einem Indonesier, unterwegs. Als Erika ihn begrüßt, meint man ihre rauchige, heisere Stimme zu hören. Sie spielt auf die Vergangenheit an: ihren Aufbruch mit Bruder Klaus nach Amerika. Klaus ist ja längst tot, gestorben an Lebensüberdruss und einer Sucht, von der er nicht lassen konnte. So begegnen einem Streiflichter aus dem Leben aller Protagonisten, teils dem echten Leben entlehnt, und teils der phantasievollen Ausmalung des Autors zu verdanken.

Man liest das Buch mit Vergnügen und Interesse.

Hans Pleschinski
Königsallee
393 Seiten, gebunden
Beck, Juli 2013
ISBN-10: 3406653871
ISBN-13: 978-3406653872
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Johanna Marthens: London Calling – Der lange Weg zum Ruhm

Johanna Marthens: London Calling – Der lange Weg zum Ruhm

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Susanne Pagels, genannt Suzie, hatte bereits als Kind den Bolzplatz geliebt. Sie wollte nie etwas anderes machen, als Fußball zu spielen. Da wundert es nicht, dass sie nach wie vor engagiert im Frauenfußball ist. Sie spielt beim 2. FFC Turbine Potsdam. Die Fußballwelt, besonders die des Frauenfußballs, ist ihr Leben. Ihr größter Wunsch ist es, in der Frauenfußballnationalmannschaft zu spielen. Sie kennt bereits viele Spielerinnen aus der Nationalmannschaft, weil sie mit diesen gelegentlich zusammen trainiert und sozusagen als Sparringspartner mit ihnen Fußball spielt. Doch dann passiert ein Unglück. Die Nationalspielerin Tanja Klemme fällt wegen Krankheit aus. Es sind nur noch wenige Wochen bis zu den Olympischen Spielen. Tanja Klemme wird bis dahin nicht wieder fit sein. Doch es ist genau diese Fußballerin, die Suzie als Ersatz für sich bei der Fußballbundestrainerin Silvana Gier empfiehlt. Die Bundestrainerin macht sich schlau, spricht mit Suzies Trainer bei Turbine Potsdam und schaut sich einige Videos zum spielerischen Können von Suzie an. Suzie erhält tatsächlich die einmalige Chance, bei den Olympischen Spielen in Großbritannien im Team der Frauenfußballnationalmannschaft dabei zu sein. Suzie kann es nicht glauben, dass ihr so viel Glück widerfährt. Obwohl es auf den Unglück einer anderen Spielerin passiert. Aber die Olympischen Spiele werden alles andere als ein schönes Urlaubserlebnis für Suzie. Ihr spielerisches Können steht außer Frage, doch lastet ein ungemeiner Druck auf ihr. Sie möchte es allen beweisen. War sie bei Turbine Potsdam der Star, so ist sie in der Nationalmannschaft ein unbeschriebenes Blatt, selbst wenn einige Spielerinnen sie bereits kennen.

Der Autorin ist es hervorragend gelungen, den Weg in die Nationalmannschaft auf spannende und unterhaltsame Weise zu beschreiben. Im Roman wird mit vielen Höhepunkten und Rückschlägen gearbeitet, so wie es einer Nationalmannschaft bei einem solch großen Wettbewerb passieren kann. Bei einer Weltmeisterschaft oder bei den Olympischen Spielen ist das erringen der Meisterschaft nicht einfach ein bequemer Durchgang. Der Weg ist steinig und eine Mannschaft muss mit vielen Unwägbarkeiten rechnen. Diese Unwägbarkeiten wurden hervorragend als Spannungsmomente in die Handlung eingearbeitet. Der Leser fiebert nicht nur mit Suzie mit, sondern er fiebert auch mit der Mannschaft um den Titel des Olympiasiegers mit. Höchst emotional werden von Johanna Marthens viele Momente auf dem Weg in die vollwertige Mitgliedschaft der Nationalmannschaft beschrieben. Sehr authentisch werden Spielstrategien, Taktiken, Presseinterviews und Pressestatements an den Leser überbracht. Der hat zwangsläufig den Eindruck, die Autorin dieses Romans wisse ganz genau, wovon sie erzählt. Ein kleines Schmunzeln kann sich über das Gesicht des Lesers ausbreiten, wenn er den einen oder anderen Namen, der im Roman handelnden Figuren, liest. Ob es sich dabei nun um die fiktive Topspielerin Birgit Prinzen oder den fiktiven Fernsehmoderator Josef Clay Gerner handelt, der Leser weiß, wer gemeint ist.

Ein Roman, der definitiv für Fußballfans gemacht wurde, aufgrund seiner spannenden Unterhaltung aber nicht nur für diese Zielgruppe. Vielleicht mögen sich viele weibliche Leserinnen besonders angesprochen fühlen, aber dem muss nicht unbedingt so sein. Die passende Sommerlektüre, zumal unsere Damen momentan doch wieder spielen. Mir hat die Lektüre außerordentlich viel Spaß gemacht. Ich vergebe dafür fast alle Punkte.

Marthens, Johanna
London Calling – Der lange Weg zum Ruhm
Ebook
Netnovela Verlag
ASIN: B00BXP5W6I

© Detlef Knut, Düsseldorf 2013

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Patti Callahan Henry: Die schwere des Lichts

Patti Callahan Henry: Die schwere des Lichts

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Ellie Calvin ist 47 als sie ihn zur Beerdigung ihrer Mutter wiedersieht. Hutch O’Brien ist ihre Jugendliebe. Über die Trennung ist sie nie hinweggekommen. Sie hat einen anderen geheiratet, Rusty, und mit ihm eine Tochter bekommen. Doch die Gefühle für Hutch sind nicht erloschen. Aber auch er ist an eine andere vergeben.

Ellie kümmert sich um den Nachlass ihrer Mutter. Auch die verschlossenen Schublade sieht sie sich an, weil ihr Vater sie darum gebeten. Sie findet hier das Tagebuch ihrer Mutter. Es gibt nur einen Eintrag pro Lebensjahr, der aber sehr ausführlich gehalten ist.

Ausgerechnet Hutch O’Brien hat im Rahmen einer Ausstellung mit Ellies Mutter zusammengearbeitet und möchte diese Arbeit nach ihrem Tod zu Ende führen. Er bittet Ellie um ihre Hilfe, denn es gibt Lücken in ihrem Lebenslauf, die er füllen möchte.

Durch das Tagebuch erfährt Ellie von einem Mann, denn ihre Mutter vor ihrer Geburt über alles geliebt haben muss. Nie wird sein Name genannt. Und auch andere Dinge, von denen sie nichts geahnt hatte, werden nun offenbar. Ihre Mutter hatte viele Geheimnisse.

Es geht um die Liebe im Buch. Vor allem um die unerfüllte. Es geht um Entscheidungen, die einst getroffen wurden und die im Rückblick bereut werden. Ellie fühlt sich in der unglücklichen Liebe mit Rusty gefangen, ohne das direkt an etwas festmachen zu können. Er ist kein schlechter Kerl, aber eben sehr berechnend. Ihre wahre Liebe ist Hutch. Nun versucht sie die Jahre aufzuarbeiten und herauszufinden, was sie wirklich will. Dieser Prozess wird im Buch dargestellt.

Allerdings fällt es recht schwer, Ellie hier zu folgen, die sich doch sehr in ihr Gefühlschaos zu verstricken scheint. Sie scheint zu egoistisch, zu sehr auf sich selbst bedacht und auch zu naiv für ihr Alter. Diese Oberflächlichkeit wird verstärkt durch weitere Charaktere ohne wirkliche Tiefe und Dialoge, die nicht wirklich aussagekräftig sind. Dazu kommt, dass die Geschichte vorhersehbar ist und das nimmt leider viel Spannung weg.

Rezension von Heike Rau

Patti Callahan Henry
Die schwere des Lichts
Aus dem Amerikanischen von Karen Sanden
313 Seiten, broschiert
Aufbau Taschenbuch
ISBN-10: 3746629551
ISBN-13: 978-3746629551
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David Foenkinos: Zum Glück Pauline

David Foenkinos: Zum Glück Pauline

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Leben ist Glückssache!

Der Icherzähler dieses hinreißenden Romans befindet sich in keiner guten Lage. Er lebt mit seiner Frau in Paris zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Unerträgliche Rückenschmerzen plagen ihn und führen zu den wildesten Fantasien über die möglichen Ursachen. Seine Frau Élise und er sind zwanzig Jahre verheiratet und um die vierzig Jahre alt. Die Tochter ist kürzlich mit einem Freund zusammengezogen, und der Sohn, noch nicht einmal 18 Jahre alt, zieht ein Studium in den USA dem weiteren Verbleib im Elternhaus vor. Die Eltern sind geschockt über den Zustand des unwiederbringlichen Alleinseins. Darüber helfen die Freunde Édouard und Sylvie auch nicht hinweg.

Der Icherzähler reflektiert unermüdlich seine Lage, die darauf schließen lässt, dass er hochgradig hypochondrisch und depressiv ist. Zu allem Übel hat er seinen Job als Architekt gerade verloren. Die Einsicht, wie es mit der Liebe zwischen ihm und Élise steht, macht ihn auch nicht gerade froh. “Manchmal, wenn ich mit ihr zwischen den Blumen umherspazierte, überkam uns die Vergangenheit. Dann gingen wir hinauf ins Schlafzimmer und waren für zwanzig Minuten noch mal zwanzig. Diese Momente waren unendlich kostbar.“ Wie sie ihm aus dem Fenster nachwinkt, oder wie sie beide, ihrer Jugend gedenkend, noch einmal kurz die Liebe erleben, das ist meisterhaft in der Beobachtung und Darstellung.
Hier kehrt einer sein Inneres nach außen, und dem Leser werden Zustände vor Augen geführt, die man gut nachempfinden kann. Verlustängste, Zukunftssorgen, Einsamkeit und Verlorenheit kennzeichnen einen Mann, der mit einem sensiblen Gespür für das, was kommen mag, ausgestattet ist. Es kommt schließlich so viel zusammen, dass er wirklich am Leben verzweifeln könnte! Doch dann begegnet ihm Pauline…

Mit ausnehmender Feinsinnigkeit erweckt David Foenkinos seine Helden zum Leben. Man denkt unwillkürlich an Italo Svevo oder Marcel Proust, die zu dem vorliegenden Werk Pate gestanden haben könnten. Sie beschreiben ebenfalls neurotische Menschen mit ihren Selbstzweifeln, Grübeleien, nostalgischen Erinnerungen an die Kindheit und mit der immer gleichen Unsicherheit beim Leiden am Leben. David Foenkinos, Jahrgang 1974, ist jedoch ein Autor ganz eigener Prägung. Er findet genau die passenden Worte für die wechselnden Gefühle und Stimmungslagen, denen sich der Icherzähler ausgeliefert sieht. Die beschriebenen Rückenschmerzen ziehen sich in ihrer Befindlichkeit durch den ganzen Roman und sind Synonym für das allgemeine Elend, in dem der Held steckt. Die Ängste vor den zahlreichen Untersuchungen und der anstehenden Diagnose für seine Beschwerden wachsen sich zur allgemeinen Panik über seinen Gesundheitszustand aus. Bald erweist es sich, dass die Rückenschmerzen psychosomatischen Ursprungs sind.
Wir erleben nun mit, wie gleichsam in einer Art Metamorphose aus dem ängstlichen, zaghaften und zwanghaften Mann ein befreiter Mensch wird, der seine neuen Freiheiten zu nutzen weiß.

Foenkinos Erzählung pendelt zwischen Ernst, Nostalgie, Melancholie und Ironie. Er übertreibt gelegentlich, so dass die Traurigkeit, mit der unser Held seinen von Angst besetzten Netzen der Einbildung und Vergangenheit zu entkommen trachtet, herabgemildert wird. Damit bietet er die nötige Distanz, um die ganze Geschichte mit einem Hauch menschlich absurden Verhaltens zu würzen. Man trifft dieses ja in der Realität tatsächlich häufig an!

Wieder einmal ein gelungener Roman von dem hoch geehrten Autor David Foenkinos!

David Foenkinos
Zum Glück Pauline
411 Seiten, broschiert
Beck, Juli 2013
ISBN-10: 3406654207
ISBN-13: 978-3406654206
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Sarah Moss: Schlaflos

Sarah Moss: Schlaflos

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Das Haus liegt einsam auf einer Insel im Westen Schottlands. Anna Bennet lebt mit ihrem Mann Giles Cassingham und den Kindern für einige Zeit hier. Während Giles, der Ornithologe ist, die Papageientaucher beobachtet, versucht Anna ein Buch zu schreiben, das sie als Historikerin beruflich weiterbringen soll.

Doch Anna ist zeitlich zu sehr eingeschränkt. Die Kinder, der zweijährige Timothy und der siebenjährige Raphael, lassen ihr nur sehr wenig Zeit zum Arbeiten. Und Gils geht seine Forschungsarbeit über alles. Er ist kaum im Hause. Dazu kommt der Schlafmangel, der Anna fast verzweifeln lässt, denn Timothy schläft keine Nacht durch. Austausch mit anderen Müttern findet nicht statt. Kindergarten und Schule stehen nicht zur Verfügung. Es ist einsam auf der Insel.

Als die Familie im Garten Apfelbäume pflanzen will, stößt sie auf die sterblichen Überreste eines Babys. Die Polizei wird informiert. Der Verdacht steht im Raum, dass die Familie Cassingham damit etwas zu tun hat. So beginnt Anna eine weitere Forschungsarbeit, die Generationen der Familie ihres Mannes betreffend, die hier in Colsay House gelebt haben.

Für Anna ist es nicht einfach, Familie und Beruf zu verbinden. Ihre Hoffnungen und Wünsche für die Gegenwart und die Zukunft schlagen sich in der Geschichte nieder. Gedanken, die wohl alle Mütter betreffen, bilden das Fundament. Dem gegenüber wird die wissenschaftliche Arbeit gestellt, die Anna leistet. Sie erforscht unter welchen Bedingungen Kinder im 18. Jahrhundert lebten. Dazu kommt dann das Stück Familiengeschichte, dass sie aufarbeitet. Und so werden die Generationen bis in die Gegenwart verbunden.

Vielleicht ist es das, was Anna dazu bringt, ihre Zeit auf Colsay dann noch etwas leichter zu nehmen. Es ist vor allem auch die entstehende Selbstironie, die sie weiterbringt. Das fasst die Autorin sehr gut in Worte. Und auch, dass die Zeit vergänglich ist, sich Dinge ändern, wenn man offen für Neues ist, wird vermittelt.

Die Autorin hat einen fesselnden Schreibstil. Das Buch gefällt, weil es mit Verstand, Feingefühl und Wärme geschrieben ist.

Rezension von Heike Rau

Sarah Moss
Schlaflos
Aus dem Englischen von Nicole Seifert
596 Seiten, gebunden
Mareverlag
ISBN-10: 3866481772
ISBN-13: 978-3866481770
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Richard Russo: Diese alte Sehnsucht

Richard Russo: Diese alte Sehnsucht

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Familienleben und anderes…

Wieder kann man mit diesem Roman einen hervorragenden amerikanischen Schriftsteller entdecken. Richard Russo gilt als herausragendes Erzähltalent, und den Beweis liefert er mit seinem Roman über ein Ehepaar im Kontext zu ihren Herkunftsfamilien.

Griffin und Joy sind die Hauptprotagonisten, deren Ehe und Familienleben sich Prüfungen aller Art ausgesetzt sieht.

Griffin ist ein glückloser Drehbuchbuchautor und Professor an einem kleineren College im mittleren Westen der USA. Cape Cod ist Ort heimlicher Sehnsüchte und Ferienerinnerungen von Griffin, der sogar ein Drehbuch nach der frühen Ferienbegegnung mit der Familie Brown schreiben will.

Jetzt ist er Mitte fünfzig und hat den undankbaren Auftrag seiner Eltern, ihre Asche ins Meer zu streuen! Aber nicht zu nah beieinander!

Während der ganzen Erzählung drehen sich Griffins Gedanken um die Liebe zwischen Eltern, Kind, Geliebter und Ehefrau.

Joy entstammt einer wohl angesehenen Ehe mit zahlreichen Geschwistern. Die Ehe ihrer Eltern war glücklich, – aber war sie das wirklich?

Griffin hingegen hatte Professoreneltern, die sich trennten als er älter wurde. Er weiß nie, ob sie sich nicht seinetwegen scheiden ließen, denn Kinder mochten sie gar nicht so gerne. Er wuchs ohne Geschwister aber mit umso mehr Sehnsucht nach Gesellschaft Gleichaltriger auf.

Bildet die Erinnerung an frühere Jahre einen Teil der Erzählung, so ereignen sich später slapstickgleich mehr oder weniger verunglückte Familientreffen bei diversen Hochzeiten. Bei den zu überwindenden Schwierigkeiten spielen zukünftige Schwiegereltern keine geringe Rolle. Die Ehe von Griffin und Joy ist zu Beginn sehr glücklich. Nach Jahren aber zeigen sich Abnutzungserscheinungen. Innerhalb eines Jahres nimmt die Ehe der beiden schließlich ernsthaften Schaden, denn über dreißig Jahre Eheleben haben ihre Spuren hinterlassen.

Glück kann fließend in Enttäuschung übergehen.

In teils melancholischen und teils naiv abwartenden Betrachtungen bietet Griffin mit seinen Reflexionen Einblicke in Familienleben, wie man sie überall auf der Welt antreffen kann. Durch die Komik neben der Tragik mit amüsanten und witzig vorgetragenen Bildern aus dem Leben von Joy und Griffin zeigt sich, dass Eheleben glücklich und entsagungsvoll sein kann, einmal für den einen und ein anderes Mal für den anderen zweier Partner. Melancholie, Nachdenklichkeit, Humor und Liebe zählen in diesem Buch. Man liest es angeregt und mit Gewinn.

Richard Russo weiß zu unterhalten, ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Bis zuletzt bleibt man in Erwartung der Wechselfälle des Lebens für dieses eindrucksvolle Paar und hofft, dass alles gut enden möge!

Richard Russo
Diese alte Sehnsucht
348 Seiten, broschiert
Dumont Buchverlag, Februar 2012
ISBN-10: 3832161848
ISBN-13: 978-3832161842
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