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Kategorie: Belletristik

Pierre Bost: Ein Sonntag auf dem Lande

Pierre Bost: Ein Sonntag auf dem Lande

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Liebenswertes Landleben.

Monsieur Ladmiral lebt ein ruhiges und beschauliches Leben auf dem Lande nicht weit von Paris entfernt.

Seine Haushälterin Mercédès hält alles so weit in Ordnung. Der Alte ist schon ein wenig schrullig, und man meint, ihn vor sich hinknurren zu hören. Zuerst hält man ihn für einen kleinen Angestellten, der seinen Lebensabend genießt. Doch weit gefehlt davon ist er ein passabler Maler, nicht besonders ambitioniert aber mit nicht geringen Auszeichnungen versehen. Er lebt ein glückliches Leben.

Jeden Sonntag kommt sein Sohn Gonzague, auch Edouard genannt, mit Frau und drei Kindern zu Besuch. Auch dieser hat sich an der Malerei versucht, ist jedoch daran gescheitert,–zum Glück für Monsieur Ladmiral, der die Kunst als sein Metier betrachtet. Dass Edouard Kaufmann wurde, passt aber auch nicht so recht in das Weltbild seines Vaters. „Ins Büro gehen war für Monsieur Ladmiral ein Zeichen von Knechtschaft und Armseligkeit“.  Gonzague lässt keine Anzeichen von Weltläufigkeit erkennen und ist mit sich und dem Dasein im Kolonialwarenhandel zufrieden.

Dieser Sohn, dessen drei Kinder und die Schwiegertochter sind eher ein Ärgernis als eine Freude für Monsieur Ladmiral. Gonzague ist zu geflissentlich, die Schwiegertochter nervig und die drei Kinder sind ganz nett werden aber ständig zur Ordnung gerufen.

Erst als Irène, die Tochter des Hauses, zur Tür hereinschneit, wird der alte Herr munter. Sie ist so ganz das Gegenteil von der spießigen und anbiedernden Sohnesfamilie. Ein frischer Wind scheint mit ihr aufzukommen, denn sie ist offen, zu Scherzen aufgelegt und einfach eine große Freude für ihren Vater. Er weiß nicht viel von ihr, kann sich nur vorstellen, dass sie ein sehr anderes Leben lebt, als er es gewohnt war. Ob sie ein wenig damit seine eigenen verdrängten Träume auslebt? Zwischen Bruder und Schwester steht es nicht gerade zum Besten.

Der 1945 zum ersten Mal veröffentlichte Roman von Pierre Bost ist ein poetisches und ruhiges kleines Meisterwerk, in dem der Provinzalltag seine Urständ feiert. Wie ein impressionistisches Bild mutet einen die Erzählung an. Pointillistisch dahin getupft erstrahlen die ländlichen Farben, an denen der alte Maler seine Freude hat. Landluft, Mittagsruhe und die ewig gleichen Gespräche zu jedem Sonntagsbesuch sind einerseits Ritual andererseits aber auch Anlass für Ärgernisse. Monsieur Ladmiral ist schon lange Witwer und liebt die freundliche und malerische Kulisse seines Landlebens. Da bieten die Sonntagbesucher zwar Abwechslung und sind doch zugleich auch ein wenig störend.

Pierre Bost hat diesen Roman zwischen den beiden Weltkriegen verfasst. Es weht noch der Zauber der untergegangenen guten alten Zeit durch seine Zeilen, ohne dass sich zukünftiges Ungemach schon am Horizont zeigt.

In der Übersetzung von Rainer Moritz und in der feinen in Leinen gebundenen Aufmachung liegt hiermit ein wunderschöner kleiner Roman aus dem Dörlemann Verlag vor, der Herz und Sinne erfreut.

Pierre Bost
Ein Sonntag auf dem Lande
160 Seiten, gebunden
Dörlemann, 14. Februar 2013
ISBN-10: 3908777852
ISBN-13: 978-3908777854
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René Freund: Liebe unter Fischen

René Freund: Liebe unter Fischen

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Einen Autor, der nicht mehr schreibt, kann sich die Berliner Verlegerin Susanne Beckmann nicht leisten. Das Fortbestehen ihres Verlages hängt davon ab, ob eine neues Buch des erfolgreichen Lyrikers Alfred Firneis auf dem Weg gebracht werden kann. Aber Firneis hängt durch. Er hat sich aufgegeben. Burnout oder so.

Susanne Beckmann hält einen Tapetenwechsel für angebracht. Ihre Hütte am Elbsee am Nordrand wäre dafür wie geschaffen. Als sich auch noch Herzprobleme bei Firneis bemerkbar machen und seine Ärztin ihm ebenfalls rät, eine Auszeit zu nehmen, stimmt er schließlich zu, für eine Weile Berlin zu verlassen und sich in die Einöde zu begeben.

Die Hütte liegt abgelegen, hat keinen Strom und keine Wasser. Das Handy funktioniert nicht. Hier möchte Firneis nicht bleiben. Doch der Rückweg wird ihm kurzerhand von einem Sturzbach abgeschnitten, der nach einem Unwetter einen Teil der Straße mitreißt. Schlagartig ist Firneis auf Entzug. Zigaretten und Alkohol lassen sich nicht beschafften. Ein Fluchtversuch geht in die Hose, weil er in einer Felswand hängen bleibt und es nicht mehr vor oder zurück geht. Der junge Revierförster rettet ihm das Leben. Und auf einmal stellt Firneis fest, dass er froh ist, noch am Leben zu sein. Sein Lebensmut kehrt zurück. Aber bedeutet das auch, dass er wieder schreiben wird?

Die Verlegerin hat einen interessanten Plan eingefädelt, um Firneis wieder zum Dichten zu bringen. Im späteren Verlauf der Geschichte wird auch noch eine Frau eine Rolle spielen, eine bezahlte Schauspielerin. Susanne Beckmann hat nicht vorrausehen können, dass Firneis sich in sie verliebt. Und so wird eine Komödie daraus. René Freud betrachtet die Geschehnisse mit sehr viel Humor und Augenzwinkern. Das Ganze ist ein bisschen verrückt, geprägt von Klischees, aber es geht vordergründig schon um die wichtigen Dinge im Leben.

Bis zum Schluss hält der Autor allerdings nicht durch. Der Schreibstil ändert sich und die Geschichte verliert zunehmend an Tiefgang. Die Figuren flachen, was ihre Charaktereigenschaften betrifft, ab. Das Ende ist dann nicht mehr so originell, sondern sehr vorhersehbar. Eine vergnügliche Lektüre bleibt das Buch aber trotzdem.

Rezension von Heike Rau

René Freund
Liebe unter Fischen
208 Seiten, gebunden
Deuticke im Paul Zsolnay Verlag
ISBN-10: 3552062092
ISBN-13: 978-3552062092
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Nick Dybek: Der Himmel über Greene Harbor

Nick Dybek: Der Himmel über Greene Harbor

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Als John Gaunt, der Besitzer von Loyalty Fishing, dem größten Fischereiunternehmen der Gegend verstirbt, wird das Schicksal der Krabbenfischer und ihrer Familien ungewiss. Denn Erbe ist John Gaunts Sohn Richard, der jedoch kein Interesse daran hat, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er ist ein wenig heimatverbundener Außenseiter und hat kein Ohr für die Nöte der Familien. Es ist also ungewiss, ob die Kutter zur nächsten Fangsaison wieder hinausfahren werden.

Der vierzehnjährige Cal erlebt hautnah mit, wie die Menschen in der kleinen Stadt, die alle vom Fischfang leben, in eine Existenzkrise geraten, genau wie seine eigene Familie, denn sein Vater ist ebenfalls Fischer. Weil sie keine Chance haben, Richard Gaunt umzustimmen, schmieden die Fischer einen perfiden Plan. Cal ist interessiert an dem, was vorgeht und so erlauscht er das Vorhaben. Er kann nicht fassen, dass die Fischer daran denken, Richard Gaunt aus dem Weg zu räumen.

Die Menschen auf Loyalty Island sind ehrlich und anständig. Sie führen eine entbehrungsreiches Leben und sind harte Arbeit gewöhnt. Als ihre Existenz bedroht wird, geraten sie in eine Ausnahmesituation und dies spielt der Autor durch. Er zeigt, wozu Menschen fähig sind, wenn sich kein Weg auftut, das Problem auf anständige Weise zu lösen und sie meinen, keine andere Wahl zu haben. Unmoralisches Handeln wird dann scheinbar geduldet. Aber wird auch der Tod eines Menschen in Kauf genommen?

Cal weiß in seinem tiefsten Inneren sehr wohl, dass die Erwachsenen falsch handeln. Sein innerer Zwiespalt wird sehr gut dargestellt. Denn andererseits hat sich ein Heranwachsenden den Eltern und anderen Erwachsenen nicht entgegenzustellen. So versucht er, so gut es geht, mit der Situation umzugehen.
Als Leser wird man zum Beobachter und muss zusehen, wie die Situation sich verschärft. Nicht alles ist planbar oder vorauszusehen, sondern vielmehr ab einem bestimmten Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, dem Selbstlauf überlassen. Das macht das Buch spannend und das Ende unvorhersehbar.

Rezension von Heike Rau

Nick Dybek
Der Himmel über Greene Harbor
Aus dem Amerikanischen von Frank Fingerhuth
320 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3866481608
ISBN-13: 978-3866481602
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Mathias Nolte: Miss Bohemia

Mathias Nolte: Miss Bohemia

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Lukas Moskowicz liest es, in einer Bar sitzend, in der „New York Times“. Sein Schriftstellerkollege Philipp Bach ist tot. Vielleicht war es Selbstmord oder auch der Alkohol. Man weiß es nicht. Der Autor war kein Freund von Lukas, auch wenn beide sich oft begegnet sind. Auf dem Foto in der Zeitung entdeckt er Tara. Dass sie zur Trauergesellschaft gehörte, überrascht ihn. Und es weckt Erinnerungen. Bach brachte sie damals mit, als er Lukas mit einem Besuch auf Big Pine Key überfiel. Lukas war sofort fasziniert von der jungen, lebenslustigen und vor allem unkonventionellen und schamlosen Frau. Sie wurde auch seine Geliebte, weil sie es wollte. Eine Wahl hat sie ihm nicht gelassen.

Lukas setzt sich mit der Verfasserin des Artikels in Verbindung. Gretchen Rappaport kannte Bach gut. Sie war sogar eine Zeit mit ihm zusammen gewesen. Sie weiß alles über ihn. Im Gegensatz zu Lukas, der Bach als Autor für nur mäßig erfolgreich hält, wobei dessen Buch „Miss Bohemia“ ihn sehr beeindruckt hat. Die Heldin des Buches erinnert ihn an Tara.
Lukas möchte das Rätsel lösen, das Bach ihm mit seinem mysteriösen Tod aufgegeben hat. Dass es Geheimnisse gibt, ist offensichtlich. Und Tara weiß darüber Bescheid. Sie arbeitet in Berlin an einem Buch, dessen Ursprünge für Lukas im Dunkeln liegen.

Es ist faszinierend zu lesen, wie es einer jungen Frau gelingt, Macht über gleich zwei Männer auszuüben und sie zu manipulieren. Mit ihren Lügen reißt sie rücksichtslos alles nieder. Mit der Trennung, allerdings von Tara erzwungen, gewinnt Lukas sein Leben zurück. Aber nur, bis er ihr wieder begegnet. Dies alles ist beeindruckend erzählt. Die Geschichte ist ausgefeilt bis ins letzte Detail. Dabei sind die Figuren perfekt ausgearbeitet. Lebendige Schauplätze bieten einen guten Rahmen.

Die Macht der Erinnerungen, um die sich alles dreht, spielt eine große Rolle. Begegnungen sind es, die alles auf den Kopf stellen können. Lukas Moskowicz bekommt das zu spüren. Man könnte sagen, er rennt sehenden Auges ins Messer, weil für ihn kein Weg an Tara vorbeizuführend scheint. Dieser ganze Zwiespalt ist sehr gut nachvollziehbar dargestellt. Dem Autor ist nicht Zwischenmenschliches fremd. Man ist sehr gespannt, wie das am Ende aufgelöst wird. Hier überrascht der Autor noch einmal.

Rezension von Heike Rau

Mathias Nolte
Miss Bohemia
288 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552062106
ISBN-13: 978-3552062108
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Alix Ohlin: In einer anderen Haut

Alix Ohlin: In einer anderen Haut

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Wohin die Liebe führt…

Menschliche Beziehungen sind fragil, gelegentlich zerstörerisch und häufig abenteuerlich.
Darüber zu lesen kann ebenfalls zu einem Abenteuer werden.
Alix Ohlin entführt uns mit ihrem jetzt auf Deutsch erschienen Roman auf das Spielfeld menschlicher Irrungen und Wirrungen.

Grace, eine kanadische Therapeutin in Montreal, hat sich in einen zurückgenommenen und fast abweisenden Mann verliebt, den sie nach einem untrüglich als Selbstmord zu definierenden Unfall im Schnee gefunden hat. Warum kann sie nicht von ihm lassen?

Als Therapeutin hat sie mit der sechzehnjährigen sich selbst verletzenden Anne ein Desaster erlebt. Diese, Tochter wohl bestallter Akademikereltern, brennt schließlich durch, beendet die Beziehungen zu ihren Eltern ganz und schlägt sich als mittelmäßige Schauspielerin in New York durchs Leben.

Mitch, der Exmann von Grace, ist ebenfalls dabei, sein Leben in eine neue Form zu zwingen. Sehr erfolgreich ist er dabei nicht!

Der Roman von Alix Ohlin erzählt in einer klaren Sprache von den Verirrungen, denen wir Menschen gelegentlich erliegen können.

Da sieht einer sein Gegenüber in einem imaginierten Glanz und Licht und verkennt, wie der andere wirklich ist. Tiefenpsychologisch schlüssig und genau hat Alix Ohlin ihre Figuren angelegt. Es scheint keine einfache Wahrheit zu geben stattdessen aber zahlreiche Fehlinterpretationen über das Verhalten des jeweiligen Partners.

Übersichtlich und klar verläuft die Handlung und löst gerade mit den an sich selbst irre werdenden Protagonisten eine starke Spannung beim Lesen aus. Mosaiksteinchen gleich setzen sich die Lebensstationen der einzelnen Figuren zusammen, und man erlebt, wie nahe Unglück und Glück beieinander liegen.

In der Psychoszene findet man häufig den Begriff des „Helfersyndroms“, der für eine Aufwertung des eigenen Selbst herhalten muss. In der Regel beruht diese Haltung jedoch eher auf dem abgewehrten Gegenteil: einem Mangel an Selbstwertgefühl.Dieses Helfersyndrom wird in zahlreichen Variationen hier durchgespielt.

Mitch, Grace, Anne und Tug, der im Schnee gefundene unbekannte Fremde, suchen offensichtlich nach Liebe, Nähe und Zuwendung, ohne sich wirklich auf diese ersehnte Nähe einlassen zu können. Jeder bemüht sich um eine verlässliche Spur für den eigenen Lebensweg und taumelt von einem Abenteuer oder Beziehungsversuch zum nächsten. Ortswechsel in entlegene Weltgegenden wie die Arktis oder Afrika geben der ganzen Geschichte den notwendigen äußeren Rahmen, in dem sich die allgemeine Rat – und Rastlosigkeit manifestiert.

Alix Ohlin hat einen spannenden Psychoroman geschrieben, in dem sie die Befindlichkeiten ihrer Figuren mit tiefenpsychologischen Blicken auslotet. Die Widersprüche im Handeln, das Unglück der einzelnen und der Kampf um Autonomie und Stärke geben dem Roman einen unverwechselbaren Anstrich. Auch so ist das Leben! Alix Ohlin hat es erfasst!

In der Übersetzung von Sky Nonhoff wird hiermit auch für das deutsche Lesepublikum ein bemerkenswerter Roman der kanadischen Schriftstellerin Alix Ohlin zugänglich gemacht.

Alix Ohlin
In einer anderen Haut
349 Seiten, gebunden
Beck, Januar 2013
ISBN-10: 3406647030
ISBN-13: 978-3406647031
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Jonathan Franzen: Weiter weg

Jonathan Franzen: Weiter weg

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Jonathan Franzen hat die wunderbare Gabe, in seinen Romanen und Schriften Herz und Verstand sprechen zu lassen!

So auch in seinem neuen Buch mit Essays, in denen er über menschliche Beziehungen, Selbsterkenntnis und Weisheit zu uns spricht.

Der erste Essay beginnt mit einer Rede vor Absolventen des Kenyon College im Mai 2011 mit Anregungen, das Leben aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Eine ähnliche Rede vor Absolventen des Colleges hat sein enger verstorbener Freund David Foster Wallace im Jahr 2005 unter dem Titel „Das hier ist Wasser“ gehalten.

Franzens Essays handeln von der Liebe zu Eltern, Geschwistern, Freunden und zwischen Paaren. Er berichtet z.B., wie die neuen Techniken und seine Liebe zur Einsamkeit und Natur bei ihm ein heilloses Durcheinander ausgelöst haben. Geräte zur virtuellen Nutzung machen nach seiner Meinung süchtig und lassen das emotionale Wachstum veröden, ohne dass er sie deshalb ganz verteufeln würde. Selbstliebe und Selbsterkenntnis sind die eine Seite, die auf Technik beruhende Fremdheit und der Verlust des Ichs die andere.

Seine Worte und sein Fazit über Toleranz gegenüber den Mitmenschen zum Ende des ersten Artikels wirken tröstlich, einsichtig und human zugleich.

In einem weiteren Essay weiß er über Einsamkeit und Selbstfindung in der abgelegenen Natur zu berichten. Er nimmt harte äußere Bedingungen in Kauf, um nach Monaten, die er auf Lesereisen verbracht hat, eine Auszeit zu nehmen. Dabei erfreut ihn die Beobachtung der Vögel, die seiner ausgedehnten Liebe zu dem fliegenden Getier geschuldet ist. Das Leben von Robinson Crusoe, das er zur Lektüre dabei hat, veranlasst ihn, sein eigenes Leben im Kontext von Natur und Zivilisation zu überdenken.

In den weiteren Artikeln geht es um Freunde, Bücher, Naturschutz und zahlreiche andere Themen, die ihn immer wieder beschäftigen.

Mit wachem Geist und aufmerksamen Blicken durchleuchtet er sein eigenes Verhalten und das der anderen. Sicher kommt ihm dabei sein Wissen um die Kritische Theorie von Max Horkheimer und T.W. Adorno zugute.

Die Aufzeichnungen Jonathan Franzens erinnern an Selbstgespräche oder Dialoge, und man liest sie mit höchstem Interesse und persönlichem Gewinn. Sie sind witzig, geistreich, selbstkritisch, sarkastisch und auf jeden Fall immer wieder mitreißend. Es geht um die Natur, das Leben als Schriftsteller, die Einschätzung bestimmter Literaturgattungen, Freunde und um Beziehungen zwischen Menschen. Man versteht durch seine Schriften, was „Leben“ heißt.

Was Jonathan Franzen von zahlreichen Schriftstellern zu erzählen weiß, den geschätzten und weniger geschätzten, macht zuweilen Schmunzeln und zeigt eine umfassende Kenntnis seiner literarischen Vorlieben. Franzens Bildung gekoppelt an seine Redegewandtheit machen die Aufsätze zu einer anregenden, nachdenkenswertes und für mich auch vergnüglichen Lektüre mit Wiedererkennungswert.

Jonathan Franzen
Weiter weg
368 Seiten, gebunden
Rowohlt Verlag
ISBN-10: 349802132X
ISBN-13: 978-3498021320
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Robert Seethaler: Der Trafikant

Robert Seethaler: Der Trafikant

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Wien zu Ende des Jahres 1937. Der siebzehnjährige Franz Huchel ist von seiner Mutter nach Wien geschickt worden, wo er sich beim Zeitungshändler Otto Trsnjek vom Gesellen zum Trafikant ausbilden soll. Er ist am Attersee im Salzkammergut in einfachen Verhältnissen groß geworden. Dort war die freie Natur, die Vögel und der See sein Zuhause. Hier in Wien überwältigt ihn die große Stadt mit ihren Menschen und Sehenswürdigkeiten. Im Zeitungsladen macht er die Bekanntschaft von Prof. Dr. Sigmund Freud, der ihn stark beeindruckt. Freud ist der berühmte Seelendoktor, der von zahlreichen Patienten aus aller Welt konsultiert wird. Da unser Franz sich so sehr nach Liebe sehnt, ermutigt ihn der Doktor, erste Versuche in diese Richtung zu wagen. Schon der überraschende Gedankenaustausch mit Sigmund Freud gerät zu Franzls Glück.

In Wien erlebt Franz dann aber auch sein erstes Liebesglück- und Unglück! Und er lernt im Austausch mit dem Professor, wie das Beisammensein Menschen prägt, fördert oder auch schadet.

Franz ist naiv und unbedarft und hört im Zusammenhang mit Freud zum ersten Mal den Begriff „Jud“, mit dem der grassierende Antisemitismus seine Ausrucksform findet. Die braunen Horden machen sich breit und schüchtern ihre Opfer mit brutalen Methoden ein.

Die ungleiche und ungewöhnliche Freundschaft zwischen Professor Freud und Franz Huchel nimmt zugleich ihren Lauf. Sie könnte gegensätzlicher nicht sein. Zart, klug und weise tauscht der Junge mit dem alternden Professor Gedanken aus über das Glück, die Liebe, die großen und kleinen Katastrophen, und Franz hat Mitleid mit dem alten Mann. „Das Altwerden ist doch eigentlich ein einziges Elend, dachte Franz wehmütig und gleichzeitig ein bisschen wütend. Was nützt die ganze Gescheitheit, wenn einen die Zeit doch irgendwann erwischte?“

Die Freundschaft zwischen den ungleichen Partnern bezaubern mit einfachen Aussagen darüber, was sich in der „Psychoanalyse“ abspielt.

In ihr zeigen sich die Tiefe und Ernsthaftigkeit des Austauschs zwischen Schüler und Gelehrtem.

Mit seinen feinen Schilderungen bringt uns Seethaler die Natur und Menschen näher und zeigt, dass Klugheit nicht ans Studieren geknüpft sein muss. Es geht eher darum, natürliche Lebensweisheiten zu erkennen und in sich aufzunehmen. Diese Erkenntnis mag der Gewinn sein, den der Professor aus dem Umgang mit dem einfachen Jungen zieht.

In seiner seltsam deftigen und altmodischen Sprache erzählt Robert Seethaler seine Geschichte über den Trafikanten. Wir kennen die Sprache aus „Die weiteren Aussichten“, in denen Seethaler ebenfalls das Leben der kleinen Leute zum Thema genommen hat. Hier wird es die braune Flut sein, die in Gestalt der Nazis Menschen und Städte vergiftet.

Die Grundmelodie der Geschichte steigert sich von heiter über gelegentlich belustigend bis zuweilen melancholisch und zuletzt ernst und traurig und behält im Tenor eine gewisse Zärtlichkeit.

Ein wunderbarer, einprägsamer und beeindruckender Roman ist dem Robert Seethaler erneut gelungen.

Robert Seethaler
Der Trafikant
256 Seiten, gebunden
Kein & Aber, 3. Auflage, September 2012
ISBN-10: 303695645X
ISBN-13: 978-3036956459
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Colm Toibin: Brooklyn

Colm Toibin: Brooklyn

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In Irland herrschte in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Armut und Not. Viele Iren zog es daher nach Amerika, um dort ihr Glück zu versuchen. Rose Lacey wünscht ihrer Schwester ein besseres Leben und sorgt dafür, dass diese mit etwa zwanzig Jahren aus Irland nach Amerika auswandert.

Nach einer abenteuerlichen Überfahrt landet Eilis in New York, wo ihr der irische Priester Father Flood bei der Suche nach Arbeit und Unterkunft behilflich ist. Sie findet eine Anstellung als Verkäuferin in einem Kaufhaus und landet in der Pension von Mrs. Kehoe. Dort leben schon einige Mädchen unter deren strengem Reglement. Das Leben für Eilis ist einfach, kärglich und bedürfnislos. Sie muss sich schwer anstrengen, um immer pünktlich, fleißig und gewissenhaft allen an sie gestellten Anforderungen gerecht zu werden.

In der ersten Zeit plagt sie das Heimweh, und die Sehnsucht nach ihrer Familie ist groß. Doch Eilis ist ehrgeizig und strebsam, und so gelingt ihr eines Tages der Zugang zu einem Fortbildungslehrgang für Buchführung und Handelsrecht. Ihre Prüfungen besteht sie glänzend.

Sehr allmählich fasst sie Fuß in der für sie so fremden Welt und lernt einen rührend anhänglichen und liebevollen Freund kennen.

Colm Tóibín findet den richtigen Ton und trifft den Stil, um zu vermitteln, wie es mit dem Leben in der Fremde denn so aussieht. Nicht besonders fröhlich scheint es da zuzugehen. Doch fleißig und anständig gelingt Eilis die Eingewöhnung in die für sie so fremde Welt. Die Epoche der Einwanderungen in Amerika birgt Gefahren und Hürden, die es zu nehmen gilt. Man spürt die Sehnsucht nach Heimat und die Anstrengung, sich neuen Lebensregeln zu stellen und sich einen Platz in der Gesellschaft zu erarbeiten. In Gestalt von Eilis wird die Diskrepanz zwischen alter und neuer Welt durchaus verstehbar. Liebevoll ausgestaltete Szenen belegen die tastenden Versuche, ein eigenes Leben zu beginnen und die Fäden zur alten Welt nicht ganz zu verlieren. Fremdheit, Distanz und Nähe, Anstand und Fleiß bieten die Grundlage, auf der sich der Wechsel von der alten zur neuen Welt gestaltet. Das bleibt nicht ohne Schmerzen, Verluste und Enttäuschungen. Eilis zeigt uns den inneren Kampf, mit dem sie sich aus der fernen Provinz in den Schmelztiegel unterschiedlicher Nationalitäten in Brooklyn begibt.

Sie meistert ihr Geschick, indem sie trotz diverser Anfechtungen ihren Weg geht.

Einfühlsam und tiefenscharf bietet uns Colm Tóibín in seiner Erzählung einen Eindruck von den Gefahren für Leib und Seele und von den Anstrengungen beim Wechsel zwischen verschiedenen Identitäten. Brooklyn ist ein Hexenkessel mit unterschiedlichsten Bevölkerungsanteilen und den entsprechenden Landessprachen. Hier trifft sich Freund und Feind und es gilt, die richtigen Partner fürs Leben zu finden. Diese Atmosphäre fängt Colm Tóibín hervorragend ein.

Der Leser folgt gebannt der Erzählung, die zu Herzen geht. Mut, Zuversicht und ein starker Charakter sind die Voraussetzungen, unter denen sich das Schicksal von Eilis entwickelt. An ihrem Schicksal nimmt man bis zum guten Schluss lebhaft Anteil.

Giovanni und Ditte Bandini krönen die Erzählung mit ihrer gelungenen Übersetzung.

Colm Toibin
Brooklyn
304 Seiten, broschiert
Deutscher Taschenbuch Verlag, Dezember 2012
ISBN-10: 3423141727
ISBN-13: 978-3423141727
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Julian Barnes: Unbefugtes Betreten

Julian Barnes: Unbefugtes Betreten

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Wahre Geschichten aus dem richtigen Leben…

Zahlreiche Episoden bilden den Plot zu diesen Erzählungen, die in sich abgeschlossene kleine Lebensgeschichten enthalten.

Da ist Vernon, der Immobilienmakler, dessen Leben durch Scheidung und Arbeit und gelegentliche Treffen mit seinen beiden Kindern gekennzeichnet ist. Mehr zufällig verliebt er sich in eine Kellnerin,–oder ist es nur ein Verlegenheitstreffen, weil er keine anderen Menschen kennt? Die Frau seiner Wahl hat eigene Geheimnisse, die er erst im Nachhinein ergründen kann.

Und dann kommen Phil und Joanna: sie haben eine nette Gesellschaft und man kommt von einem Thema zum anderen. Die Gespräche kreisen um Politik, Obama, die Clintons, Reagans und noch anderes mehr. Doch dann dreht sich alles ums Rauchen und seine Auswirkungen und um die Lügen der Entwöhnung und die Beharrlichkeit einiger, das Rauchen doch nicht aufzugeben.

Eine gesellige Plauderrunde vermag einen ganzen Kosmos an Themen zu mobilisieren. Hier erfahren wir sehr reale Alltagsgeschichten, wie sie jedem von uns begegnen könnten.

Die beiden Freundinnen Jane und Alice tauschen sich über Gott und die Welt und die eigenen Liebeserlebnisse aus.

Julian Barnes findet Worte, mit denen er realitätsnah seine Figuren agieren lässt. Seine Episoden machen jede Geschichte zu einer Einmaligkeit, so wie das Leben eines jeden Menschen in der Einmaligkeit besteht. Jeder von uns könnte die Personen kennen und über die Vergeblichkeit der Kümmernisse und Freuden nachsinnen…

Die Erzählungen des Autors zeigen einmal mehr, dass er ein Meister des Wortes ist, der zudem Tatsachen und Empfindungen punktgenau zu verbinden weiß. Seine Sprache alleine ist schon ein Genuss, und man mag keines seiner Worte missen.

Ich bin kein Liebhaber von Kurzgeschichten. Doch hier mache ich die große Ausnahme wie auch bei Alice Munro oder Raymond Carver.

Die wahrhaft großen Erzähler können noch aus den einfachsten Begebenheit Geschichten erfinden, die uns fesseln und bezaubern.

Unbefugtes Betreten? Das ist das Geheimnis dieser Geschichten: man scheint ein Lauscher beim Zuhören von persönlichen Gesprächen zu sein. Doch gönnt uns Julian Barnes die Beteiligung am Privaten!

Julian Barnes
Unbefugtes Betreten
304 Seiten, gebunden
Kiepenheuer& Witsch, 4.auflage, August 2012
ISBN-10: 346204480X
ISBN-13: 978-3462044805

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Vladimir Jabotinsky: Die Fünf

Vladimir Jabotinsky: Die Fünf

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Aufstieg und Niedergang einer jüdischen Familie im alten Odessa um 1905.

Vladimir Jabotinsky hat sich in seinen Erinnerungen in die Stadt Odessa zu Beginn des 20. Jahrhunderts begeben.
Dort, in der Vielvölkerstadt, lernte er die Familie Milgrom kennen.
Die fünf Kinder der jüdischen Familie bilden die Rahmenhandlung zu einer Geschichte, in der es um Judentum, Assimilation, Gesellschaftsleben und Aufruhr geht.

Marussja, Marko und Lika, die Rebellische, Serjosha und Torik sind die handelnden Personen. Über allen wacht ihre Mutter Anna Michailowna Milgrom. Der Autor begegnet Mutter und Tochter Marusscha zum ersten Mal im Theater und danach immer wieder bei diversen Geselligkeiten.

Es fällt nicht ganz leicht, dem Handlungsstrang zu folgen. Die Stadt Odessa ist zu Anfang des 20. Jahrhunderts eine lebendige Metropole, in der sich die Welt im Kleinen spiegelt. Geschichtlich gehörte Odessa zuerst zum Osmanischem Reich, danach vorübergehend zu Österreich-Ungarn und ab 1922 zur Sowjetunion.

Die Schulstreiche der Kinder der Familie Milgrom, erste Annäherungen an die schon ältere Marussja und die politisch aufsässige Lika bieten Stoff, um über jeden einzelnen von ihnen zu berichten. Anna Michailowna ist die liberale, gütige jüdische Mutter, eine junge Mutter dazu, die ihren Kindern mit Aufmerksamkeit zur Seite steht.

In der „Literaturka“ versammeln sich Anhänger mit aufsässigem Gedankengut. Hier herrscht das freie Wort und Gedankenfreiheit, und der Autor wundert sich selbst, dass die Obrigkeit diesen keinen Einhalt gebot. „Tschechows Wehmut wurde als Protest gegen die herrschende Ordnung und Dynastie verstanden, Gorkis erfundene Barfüßer bis hin zu Malwa als Barrikadenruf; wie und warum, könnte ich jetzt nicht mehr erklären, aber so war es.“
In diesem Ton geht die Geschichte voran, bezieht sich auf Zusammenkünfte, auf die herrschende Stimmung in der Stadt mit ihrer Vielfalt kultureller Möglichkeiten.

Vladimir Jabotinsky ist in Gestalt eines Journalisten immer dabei, wenn es Neuigkeiten in der Familie zu erzählen oder zu erleben gibt. Dass er darüber hinaus dem Bild Odessas, ihrer ausnehmend anspruchsvollen und von zahlreichen Einflüssen geprägten Architektur und der mit Akazien gesäumten Steilküste zum Schwarzen Meer hin gedenkt, geben seiner Erzählung den äußeren Anstrich, von dem man sogleich neugierig auf die Ereignisse blickt.

Man erlebt die Familie umsäumt von den politischen Geschehnissen, die einzelne Familienmitglieder der Familie entfremden. Was aus ihnen allen geworden ist, nimmt breiten Raum ein und schlägt den Leser in Bann. Zwischen Faulenzerei und Aufruhr, zwischen Schicksalsschlägen und Verlust betrachtet man Aufstieg und Niedergang einer Familie, die symptomatisch für das aufstrebende Bürgertum und seinen Fall war.

Der Journalist und Zionist Vladimir Jabotinsky (1880 -1940)  galt zu seiner Zeit als politisch engagierter Kopf, der den Staat Israel in den Grenzen des biblischen Palästinas forderte. Er war zugleich Schriftsteller und Politiker. Seine Prosa ist durchsetzt mit poetischen Bildern und bietet Einblicke in die Welt des jüdischen Odessas mit allen ihren Möglichkeiten zur Entfaltung einer differenzierten, kultivierten und aufgeschlossenen Geisteshaltung der Bewohner. Es sind diese Merkmale, die das kaufmännische Großbürgertum ausmachten.

Die äußere Aufmachung des Buches ist edel und anspruchsvoll und erscheint in der Übersetzung von Ganna-Maria Braungardt und Jekatherina Lebedewa.

Vladimir Jabotinsky
Die Fünf
350 Seiten, gebunden
AB – Die Andere Bibliothek, Dezember 2012
ISBN-10: 3847703366
ISBN-13: 978-3847703365
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