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Kategorie: Belletristik

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

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Liebe und Tod als unversöhnliche Gegenpole.

Der Icherzähler und Held der vorliegenden Geschichte lebt als russischer Emigrant Ende der zwanziger Jahre in Paris. Er ist Journalist. Mit unverhohlener Gewalt plagen ihn Erinnerungen an einen Mord, den er als Weißgardist im Russland der Revolutionsjahre begangen hat. In der Gestalt einer Erzählung meint er, den von ihm Ermordeten wieder zu erkennen.

Mit feinem Strich und äußerst delikat beginnt eine Geschichte, in der es um Mord und Totschlag, um Liebe, Schuld, um Tod und Auferstehung geht.
Man wird nicht müde, der Erzählung zu folgen, die sich mit zarten Details über die moralischen Skrupel des Icherzählers auslässt.

Er war jung, vielleicht 14 oder 15, als er dem Gegner in einem Waldstück in Südrussland auf Erkundungstour begegnete. Um selbst dem Tod zu entgehen, hat er aus Notwehr zuerst geschossen. Dass der Getroffene den Angriff überlebt haben könnte, war ihm nie in den Sinn gekommen.
Doch er findet 15 Jahre später im Exil in Paris die Erzählung „I’ll Come Tomorrow“ von Alexander Wolf. In ihr werden die Ereignisse von damals so detailgenau beschrieben, dass unser Held nicht umhin kann, den von ihm vermeintlich Ermordeten in ihnen wieder zu erkennen.
Nun beginnt eine intensive Suche nach Alexander Wolf. Doch ist er ein Phantom oder ein lebender Schriftsteller?
Man wird sehen.

Fein ziseliert und konstruiert erlebt man die Geschichte die ganze Zeit als verwirrend, mysteriös und schemenhaft. Eine unergründliche Düsternis überschattet das Werk. Die dramatische Liebe zu Jelena verwirrt den LeserIn ebenso, wie vielfältige andere Begegnungen mit Exilrussen. Paris war zur damaligen Zeit das Auffangbecken für zahlreiche russische Emigranten, die nach der Revolution in ihrer Heimat nicht mehr bleiben konnten. Doch geht es hier um die innere Erkundung der jeweiligen seelischen Befindlichkeiten und nicht etwa um die politischen Verhältnisse. Erstere sind faszinierend und stimmen zuweilen sprachlos. Eine Erzählstrang greift unerklärlich in den nächsten, so dass man eifrig am Ball bleiben muss, um den Faden nicht zu verlieren.

Gaito Gasdanow ist ein spät wieder entdeckter russischer Schriftsteller, dessen kleine Novelle bereits 1947 zum ersten Mal aufgelegt worden ist. Jetzt ist sie in der Übersetzung von Rosemarie Tietze auf Deutsch erschienen. Die Kritiken zu seinem Werk ergehen sich in höchstem Lob. Zu Recht, wie ich finde!

Gaito Gasdanow
Das Phantom des Alexander Wolf
Kindle Edition
Seitenzahl des Buches: 133 Seiten
Carl Hanser Verlag, August 2012
ISBN-10: 3446238530
ISBN-13: 978-3446238534
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Tatiana de Rosnay: Das Haus der Madame Rose

Tatiana de Rosnay: Das Haus der Madame Rose

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Trostreich-wehmütige Erinnerungen…

In einem alten Haus im Distrikt „St. Germain“ in der Rue Childebert in Paris lebt 1868 einzig und alleine die alte Dame Rose. Die übrigen Häuser sind abgerissen worden und nun soll auch ihres der neuen Stadtplanung weichen. Dabei ist das Haus schon Jahre in Familienbesitz, und Rose will sich nicht davon trennen. Sie hat sich im Keller ihres Hauses verschanzt. Wütend auf die Obrigkeit, den Präfekten von Paris und den Kaiser Louis Napoléon Bonaparte, die städtebauliche Veränderungen planen, spricht sie in einem langen Brief zu ihrem geliebten Ehemann Armand, der schon seit zehn Jahren tot ist. Vor uns tut sich ihr vergangenes Glück noch einmal auf. Sie gedenkt der ersten Jahre ihrer Ehe, ihrer Eltern und sie gedenkt ihrer Kinder.

Rose war ein hübsches und zartes Mädchen, als sie ihrem sechs Jahre älteren Ehemann begegnete. Sie hatten eine große Liebe miteinander, die durch die frühe Demenzerkrankung des Ehemannes schon bald Einschränkungen erfuhr. In allen bunten Farben ihrer Fantasie erscheint das Leben vor seinem Tod als eine glorreiche und innige Zeit. Dass sie mit ihrer Tochter Violette nicht konnte, nimmt sie als unerklärliches Schicksal hin. Dass aber ihr kleiner Sohn mit zehn Jahren an der Cholera starb, hat sie nie verwinden können.

Heute ist sie versponnen in ihre Vergangenheit, in ihren Beziehungen zu ihren Nachbarn und dem alten Lumpenhändler Gilberte, der ihr zuweilen etwas Essen zukommen lässt.
Zu ihrer Unterhaltung hat sie außerdem die Blumenverkäuferin Allexandrine und den Buchhändler in ihrer Straße, der sie mit aktueller Literatur vertraut macht. Sie weiß von diesen ihr lieben Menschen humorvoll und innig zu berichten. Falls ihr Mann ihr zuhören könnte, so wäre er immer auf dem Laufenden!

Es ist die Zärtlichkeit, die Sehnsucht und die Liebe, die Madam Rose beflügelt, alles zu Papier zu bringen. Ihre Liebe zu Armand begleitet Rose durch alle ihre Tage, und sie lebt in ihrem Geist ganz mit ihm. Auch ihre ehemaligen Nachbarn, Kinderfrauen und Hausmädchen sind ihr ganz nahe!

Das Paris in der Mitte des 19.Jahrunderts ersteht vor unseren Augen und man nimmt lebhaft Anteil an Veränderungen, die das Leben aller Bewohner jener Strasse berührte. Das gab es also schon damals: Verlust von Häusern durch städtebauliche Neugestaltungen und Widerstände dagegen.

Tatiana de Rosnay besitzt die wunderbare Gabe, aus Vergangenheit Gegenwart entstehen zu lassen. Man erlebt die Feste, Hochzeiten, Geburt und Tod, als geschähen sie gerade jetzt. Leicht und locker, ja fast verschmitzt, berichtet Rose von ihren Erlebnissen, und man meint gerade, neben ihr zu stehen und alles mit eigenen Augen zu betrachten. Wie in einem Puzzle fügt sich eins ins andere und man bleibt ständig dabei!

Eine schöne, gemütvolle und bemerkenswert realistische Darstellung und Erzählung für stille Tage ist der Autorin Tatiana de Rosnay mit ihrem Roman gelungen.

Tatiana de Rosnay
Das Haus der Madame Rose
240 Seiten, gebunden
Bloomsbury Berlin, September 2011
ISBN-10: 3827010330
ISBN-13: 978-3827010339
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Marilynne Robinson: Haus ohne Halt

Marilynne Robinson: Haus ohne Halt

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Leben im Nirgendwo…

Ein wenig kantig und rau beschrieben erleben wir in diesem Buch den Gegenentwurf zu den Romanfiguren der Ostküstenschriftsteller, deren Helden in ihren Geschichten gebildet, männlich und „gesellschaftlich maßgebend“ sind. So wird es in einem Nachwort der Herausgeberin Karen Nölle geäußert.

Hier geht es vorwiegend um Frauen, die unsere Erzählung bevölkern.
Marilynne Robinsons Titelfigur und Icherzählerin Ruth lebt mit ihrer Schwester Lucille Mitte der fünfziger Jahre in einem Westküstenort in den Rocky Mountains an einem großen See. Dort herrschen Naturgewalten in Form von Stürmen, Überschwemmungen und anhaltender Kälte. Nach dem frühen und spektakulären Verlust der Eltern kümmert sich Großmutter Sylvia Foster um die beiden Mädchen. Als auch Sylvias Leben zu Ende geht, erscheint Tante Sylvie, die den Mädchen Halt bieten soll.
Das aber ist fast unmöglich! Ist doch Sylvie selbst eine haltlose und ungefestigte Persönlichkeit.

Marilynne Robinson entwickelt die Charaktere ihrer Figuren subtil, feinfühlig und zugleich schroff. Schon der verstorbene Großvater der Mädchen war ein Eigenbrötler; um wie viel stärker motiviert zieht es seine drei Töchter fort in eine Welt, die sie sich vor allem aus Träumen zusammen gereimt haben.

Einige Todesfälle in der Familie sind ungewöhnlich. Die Mutter der Mädchen fährt mit ihrem Auto in den See, nachdem sie letztere bei der Großmutter abgesetzt hat. Auch der Großvater ist bei einem Eisenbahnunglück im See versunken. Das Haus, in dem alle ihren Halt suchen, ist windig, der Nässe ausgesetzt und ärmlich.

In diesem Klima kann man von einer normalen Erziehung der beiden Mädchen nicht sprechen. Sie schwänzen die Schule, gehen ihrer Wege und suchen Halt aneinander.
Als Eigenbrötler entpuppen sich auch die Tante und eines der Mädchen nachhaltig.

Ruth tritt in die Fußstapfen von Sylvie, die mehr und mehr das Haus im Unrat verkommen lässt, während Lucille einen normalen Lebensalltag mit der liebevollen Fürsorge einer mütterlichen Person bevorzugen würde. Sylvie ist eine Vagabundin, die nirgendwo Ordnung oder Struktur in ihr Leben bringen kann.

Mit herrlichen Naturbeschreibungen weckt Marilynne Robinson unsere Sehnsucht, selbst auf einem Stein am Ufer des Sees zu sitzen und den Barschen beim Schwimmen zuzuschauen. „Wenn die Abende kamen, waren sie kühl, weil die Berge so lange Schatten über das Land und den See warfen.“

Doch die Idylle trügt. Sehr allmählich leben sich die Schwestern über ihre unterschiedlichen Lebensauffassungen auseinander.
Das Haus vermüllt, und die Spuren der drei Heldinnen verlieren sich im Nirgendwo.
Dass es sich auch als Vagabund leben lässt, ist wahr. Doch wie wohl sich die eine oder andere dabei fühlt bleibt ungewiss.
Lucille zieht sich aus dem Chaotenleben zurück und bleibt für ihre Schwester und Tante verschollen.

Ratlos wie Ruth muss der Leser zuletzt Abschied nehmen von dem Schicksal der allseits verwaisten Personen, die keinen Halt gefunden haben – nicht in dem Haus und nicht im Leben!

Marilynne Robinson
Haus ohne Halt
256 Seiten, gebunden
edition fünf, August 2012
ISBN-10: 3942374234
ISBN-13: 978-3942374231
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Robin Sharma: Die geheimen Briefe des Mönchs der seinen Ferrari verkaufte

Robin Sharma: Die geheimen Briefe des Mönchs der seinen Ferrari verkaufte

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Jonathan Landry lebt getrennt von seiner Frau, die er eigentlich über alles liebt. Er hat einen Sohn, ist aber kein guter Vater. Er hat nicht genügend Zeit, weil seine Arbeit als Elektroingenieur ihn völlig einnimmt und stresst. Aber er ist nicht bereit, etwas zu ändern. Er ist gefangen in einem enttäuschenden Leben.
Jonathans Mutter macht sich Sorgen. Und so schmiedet sie einen Plan, um ihrem Sohn zu helfen. Sie bringt ihn mit ihrem Cousin zusammen, der Jonathan dann in geheimnisvoller Art um die Erfüllung einer Aufgabe bittet. Julien gibt vor, jemandem helfen zu müssen, doch dafür braucht er die Talismane, die über die ganze Welt verstreut sind, sich in der Obhut von Hütern befinden und die nicht über einen Paketdienst geschickt werden können.

Trotz aller Zweifel und Bedenken lässt Jonathan sich auf diese unglaubliche Geschichte ein. Er reist von Kontinent zu Kontinent, Land zu Land und Stadt zu Stadt um die Talismane einzusammeln. Dabei begegnen ihm interessante Menschen, die seine Einstellung zum Leben und zu sich selbst ändern.

Es ist ein Buch, für das man Zeit braucht. Es steckt voller Lebensweisheiten, die in die Geschichte, die Jonathan Landry erlebt, eingewoben sind. Wer unzufrieden ist mit seinem Leben, findet reichlich Stoff zum Nachdenken. Es geht darum, zu erkennen, was wichtig ist im Leben und wie man es schafft, Zufriedenheit zu erlangen. Jonathan gewinnt Erkenntnisse und Einsichten auf seiner Reise, das eigene Selbst betreffend. Nur kommt das alles ein wenig seltsam rüber. Es ist fast nicht zu glauben, dass ausgerecht Jonathan, der ein intelligenter und gebildeter Mann ist, derart Nachhilfe in Lebensführung braucht.

Das Buch ist verständlich und in schon zu einfachen Worten geschrieben. Dadurch scheint es, als halte der Autor seine Leser für sehr unbedarft. Das schlägt sich im Schreibstil nieder, der wenig ansprechend ist. Wirklich neu sind die im Buch dargestellten Lebendweisheiten auch nicht gerade.
Das Buch ist daher eher für Menschen geeignet, die sich erstmalig mit dem Thema Selbstfindung beschäftigen.

Rezension von Heike Rau

Robin Sharma
Die geheimen Briefe des Mönchs der seinen Ferrari verkaufte
Aus dem Englischen von Hans Freundl
288 Seiten, gebunden
Pattloch Verlag
ISBN-10: 3629130070
ISBN-13: 978-3629130075
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Edward Lewis Wallant: Mr Moonbloom

Edward Lewis Wallant: Mr Moonbloom

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Mikrokosmos einer engen Gemeinschaft

In gemächlichem Ton und mit prägnanten Eindrücken wartet der vorliegende nachgelassene Roman von Edward Lewis Wallant auf.

Norman Moonbloom ist der Mieteintreiber für seinen wohlhabenden Bruder Irwin. Jede Wohnung, in die er hineinschaut, bietet unterschiedliche Lebensläufe, Gewohnheiten und Lebensstandards.

In den recht verkommenen Wohnblocks in Manhattan lauert so manch‘ bedauernswerte Kreatur auf den Mieteintreiber, dem sie mit ihren Lebensgeschichten Mitleid abzuluchsen versuchen. Da wird getrunken und gelitten; Erinnerungen aus dem KZ treiben den einen um, während die anderen sich mühselig durchs Leben schlagen. „Karloffs Dauerwut schien ein wenig zerfasert;“ und „Mit seiner mächtigen gebeugten Gestalt hatten seine ( Kratz‘) Bewegungen die furchteinflößende Erhabenheit eines verletzten Elefanten“. In dieser Weise und so fort beschreibt Norman seine Eindrücke der zahlreichen verkrachten Existenzen, die Irwins Mietshäuser bevölkern. Er nimmt einen jeden ernst und versucht dennoch, seine Arbeit zu vollbringen. Dass einem bei so viel Armut und Einsamkeit nicht gerade froh zumute ist, beweist Norman mit einer müde resignierten Lebenshaltung. Doch auch er ist ein Einsamer, dem man etwas mehr Lebensmut und Zuversicht wünschen würde. Er aber bleibt der ärmliche Versager und ein vom Glück Benachteiligter. Sein Bruder ist der „Macher“, der den kleinen Bruder mit Verachtung und Schikane behandelt. Der ganze Roman endet mit einer fast surrealen Szene, die dem makabren Ganzen die Krone aufsetzt. Hier haben wir es wirklich mit einem bedauernswerten Individuum zu tun, dessen Leben sich in den Niederungen menschlichen Seins verirrt zu haben scheint.

E.L.Wallant zeigt in seinem vorliegenden Roman, wie in jeder Wohnung und in jedem Leben eine ganze eigene Welt an Empfindungen aus Kreuz und Leid zu finden ist. Norman hat ein Ohr für jeden. Doch ist die Last des Lebens schon für ihn selber schwer. Um wie viel schwerer wiegt die zusätzliche Last so vieler anderer Schicksale, denen er die Miete für die ärmlichen Wohnungen abverlangen muss. Minutiös wird aus jedem Leben ein Roman, wenn man denn die Geduld und Sensibilität aufbringt, sich für das Schicksal jedes einzelnen zu interessieren!

Der Autor ist ein früh Vollendeter. Schon mit 36 Jahren verstarb der 1926 geborene Schriftsteller an einem Hirnschlag und hinterließ nur wenige Romane. Er wird in einem Atem genannt mit Saul Bellow, Philip Roth und Norman Mailer. Der vorliegende Roman wurde erst nach seinem Tod 1963 erstmals veröffentlicht. Dem Berlin Verlag gebührt das Verdienst, den Roman in der Übersetzung von Barbara Schaden vorzustellen.

Noch eine Anmerkung sei hier gestattet: es gibt Bücher, die als eBook gut zu lesen sind. Es gibt aber Bücher, die unbedingt als gebundene Ausgabe gelesen werden müssten. Dieses Buch gehört dazu, weil nur diese Form der altmodischen und detaillierten Erzählweise und dem literarischen Wert des gelungenen Werks gerecht wird.

Edward Lewis Wallant
Mr Moonbloom
288 Seiten, gebunden
Berlin Verlag, Oktober 2012
ISBN-10: 382700974X
ISBN-13: 978-3827009746
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Tom Gamble: Tal der Hoffnung – Eine Marokko-Saga

Tom Gamble: Tal der Hoffnung – Eine Marokko-Saga

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Es ist ein interessanter Auftrag. Vor allem erlaubt er Harry Summerfield finanzielle abgesichert zu sein und somit in Marrakesch bleiben zu können. Für den Kaufmann Abrach solle er Liebesbriefe verfassen, die an eine fremde junge Frau gerichtet sind, deren Vater der Verwaltungsleiter ist und der damit über politische Macht in der Kolonie verfügt.

Als Summerfield ein erstes Antwortschreiben von Jeanne Lefévre in Händen hält, ist er betroffen. Viel zu viel Herzblut hat er in die Angelegenheit gesteckt und Jeanne tatsächlich mit seinen Briefen bezaubert. Zwar hat er nur im Auftrag Abrachs gehandelt, dennoch ist nun auch die Sehnsucht in ihm geweckt.

Summerfield lernt Jeanne auf einem Empfang kennen, zu dem sein Freund Jim Wilding ihn als Gast mitnimmt. Er offenbart sich ihr und erzählt ihr von dem Auftraggeber. Auch sie hat sich längst in den Briefeschreiber und damit in Summerfield verliebt. Später stellt sich heraus, dass Abrach ohnehin ganz andere Absichten hat. Er will an ihren Vater herankommen und ihn für ein früher verübtes Verbrechen zur Verantwortung ziehen.

Für die beiden jungen Menschen scheint die Zukunft dennoch verbaut. Jeannes Eltern würden einer Verbindung nie zustimmen. Als Sommerfield entführt wird,
schwindet jede Hoffnung auf ein Wiedersehen. So verliebt sich Jeanne in Jim Wilding, den besten Freund Sommerfields.

Das Buch beginnt sehr spannend. Der mysteriöse Kaufmann Abrach scheint die Fäden in der Hand zu halten. Seine Beweggründe, sich in Jeanne verliebt zu haben, will man ihm von Anfang an nicht abnehmen. Tatsächlich nimmt das Unheil seinen Lauf, als Summerfield selbst sich in Jeanne verliebt. Die beiden jungen Menschen sind zutiefst romantisch veranlagt. Aber zu retten ist die Liebe nicht, auch weil Summerfield viel zu leichtgläubig ist.

Es ist interessant zu sehen, wie die Geschichte weiter verläuft. Der Autor erzählt in einer einfachen Sprache, aber auf eine unterhaltsame Art und Weise. Dennoch sind einige Längen, die das Buch hat, nicht zu übersehen. Auch wirken Jeanne Lefévre und Harry Summerfield zu naiv und oberflächlich.

Beeindruckend ist die Kulisse, vor der die Geschichte spielt. Der Autor verliert sich gern in Details und schafft damit einzigartige Szenen vor den Augen des Lesers, die sehr lebendig erscheinen.

Rezension von Heike Rau

Tom Gamble
Tal der Hoffnung – Eine Marokko-Saga
Aus dem Englischen von Yasemin Dincer
Aufbau Taschenbuch
ISBN-10: 3746628652
ISBN-13: 978-3746628653
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Emily Perkins: Die Forrests – Roman einer Familie

Emily Perkins: Die Forrests – Roman einer Familie

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Insgesamt haben die Forrests vier Kinder. Dorothy, Evelyn, Michael und Ruth. Daniel kam in schwierigen Zeiten in die Familie, als Freund Michaels. Die Kinder wachsen ohne Erziehung auf. Sie werden von alleine groß, fühlen sich frei in ihrer Wahlheimat Neuseeland, bis Geldsorgen alles kaputt machen. Als die Eltern Frank und Lee zurück nach Amerika gehen, nehmen sie nur die Jüngste mit.
Dorothy, Evelyn und Michael und natürlich auch Daniel bleiben und beginnen ihr eigenes Leben und überlassen alles dem Selbstlauf. Dorothy und Evelyn sind einander verbunden, aber erst als Evelyn nach einem Unfall und daran anschließender Krankheit verstirbt, beginnt Dorothy, die mittlerweile verheiratet ist und vier Kinder hat, ihr Tun zu hinterfragen.

Das Buch wird von einer traurigen Stimmung getragen. Inhaltlich ist es undurchdringlich und schwer zu erfassen. Die Vergangenheit drückt auf die Gegenwart, die auch nicht besser ist. Unschöne Erinnerungen sind stets präsent, schöne werden davon plattgewalzt. Man begegnet einem Durcheinander von Menschen, vor allem unglücklichen, die alle irgendwie zusammengehören und aus dem Dorothy erst zum Ende des Buches hin als roter Faden hervorgeht. Sie ist die einzige Person, der man ein wenig näher kommt, leider ohne sie zu verstehen.

Das Buch ist zutiefst deprimierend. Die Autorin unterstreicht diese hoffnungslos wirkende Stimmung mit ihrem Schreibstil. Dennoch bleibt es in den Gedanken hängen, setzt sich dort regelrecht fest. Es hat etwas Intensives, etwas Erschütterndes, das man nicht so schnell vergessen kann, auch wenn das eher unangenehm ist. Es ist die tiefe Traurigkeit, die sich einfach nicht abschütteln lässt. Das Buch ist nicht spannend, es gibt keinen Spannungsbogen oder ähnliches, nicht ergreifend und hat trotzdem etwas Fesselndes. Es ist verstörend, dass die Autorin mit ihrem Buch solche zwiespältigen Gefühle hervorrufen kann.

Rezension von Heike Rau

Emily Perkins
Die Forrests – Roman einer Familie
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
400 Seiten, gebunden
Berlin Verlag
ISBN-10: 3827010764
ISBN-13: 978-3827010766
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Julie Otsuka: Wovon wir träumten

Julie Otsuka: Wovon wir träumten

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Enttäuschung und Frust gekleidet in feinste Poesie.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts emigrierten Japaner mit der Hoffnung auf eine angenehme Existenz nach Amerika. Ihnen folgten Frauen, die man aus der Ferne mit ihnen verheiratet hatte. Sie stammten aus ärmlichen Verhältnissen und in ihren Träumen nahmen sie ein Leben vorweg, das so nie Wirklichkeit werden konnte. Voller Hoffnungen und Erwartungen gingen sie auf die große Reise und träumten von dem großen Glück. Wie groß ist die Enttäuschung, als sie erkennen müssen, wie entbehrungsreich und armselig ihre Existenz dort sein würde!

Ein schreckliches Kapitel befasst sich mit den ersten sexuellen Erfahrungen, die schockierend und erniedrigend die Frauen zu Lustobjekten ihrer Männer machen. Am Tag wartet harte Arbeit und endlose Eintönigkeit auf die so hoffnungsfroh angereisten Frauen. Vorbei ist die liebevolle Zuwendung der Familie zu Hause, und vorbei sind alle Träume, mit denen die teils sehr jungen Frauen und Mädchen in dem fremden Land angekommen sind.

Der Überfall der Japanischen Armee auf Pearl Harbor während des Zweiten Weltkriegs tut ein Übriges, um Japaner und Japanerinnen für lange Zeit aus der Gesellschaft auszuschließen.

Julie Otsuka hat eine ganz eigene Sprache, mit der sie sich dem Leben dieser Frauen nähert. Sie spricht in der Wirform und zeigt in ihren kurzen Sätzen, wie unterschiedlich doch die Erfahrungen der Einzelnen waren. Die einen sind fröhlich, den anderen ist bange zumute. Trübsal und Verzweiflung sind vorherrschende Elemente in ihrem Gefühlsstau und Enttäuschung hält sich die Waage mit fatalistischem Gehorsam.

Man nimmt die Sprache betroffen wahr, denn sie ist wie eine vorausschauende Vision, in der sie alle gefangen sein werden. Nicht nur die Erwartung auf ein gutes Auskommen wird enttäuscht, auch die Hoffnung auf liebende Männer geht unter, als sie sich mit den Begierden und Rücksichtslosigkeiten ihrer unbekannten Ehemänner konfrontiert sehen. Arbeiten bis zum Umfallen bleibt danach die Devise.

Die feine Sprache und die Diktion des Ausdrucks sind differenziert und einfühlsam in der Widergabe dessen, was den so bereitwillig in die Fremde gereisten Frauen nun geschieht. Es ist ein aufrüttelndes und anspruchsvolles kleines Werk, mit dem sich der Fokus auf die unerwarteten Erlebnisse von jenen Japanern und Japanerinnen richtet, die einstmals mit großen Erwartungen in das ihnen so fremde Land emigriert sind.

Julie Otsuka hat ebenfalls japanische Wurzeln. Sie lebt in New York und gewann 2012 für diesen Roman den PEN/ Faulkner Award.

Julie Otsuka
Wovon wir träumten
160 Seiten, gebunden
Mareverlag, 4. Auflage, Juli 2012
ISBN-10: 3866481799
ISBN-13: 978-3866481794
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Richard Ford: Kanada

Richard Ford: Kanada

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Als Bev Parsons die Air Force verlässt, ist nicht mehr genug Geld für den Lebensunterhalt der Familie da, die in Great Falls/Montana lebt. Merken sollen das weder seine Frau, noch die Zwillinge Berner und Dell.
Doch Dell ist mit seinen fünfzehn Jahren ein guter Beobachter. Er merkt, dass etwas geschieht, dass die Stimmung sich wandelt und sein Vater sich verändert.
Dass der Vater einen Banküberfall plant und die Mutter da mit hineinzieht, ahnt er nicht. Selbst als es dann geschehen ist, ist die Sache immer noch unglaublich und nicht nachvollziehbar.

Dell Parsons nähert sich im Rückblick den Geschehnissen an. Fünfzig Jahre sind vergangen und die Erinnerung ist immer noch wach. Einen anderen Blickwinkel bietet die Chronik seiner Mutter, die diese kurz vor ihrem Selbstmord im Gefängnis verfasst und die ihm seine Schwester Berner erst sehr spät ausgehändigt hat.

Mit fünfzehn stehen die beiden Jugendlichen völlig allein da. Berner reißt aus, um dem Zugriff des Jugendamtes zu entgehen, während Dell von einer Freundin der Mutter nach Kanada gebracht wird. Der Bruder dieser Freundin, Arthur Remlinger, betreibt ein einsam gelegenes Hotel in Fort Royal/Saskatchewan. Und hier gerät Dell in das nächste Verbrechen. Diesmal ist es Mord.

Dell ist als Figur unglaublich gut herausgearbeitet. Der Autor lässt ihn aus der Ich-Perspektive die Geschichte erzählen. Die gute Beobachtungsgabe, über die Dell verfügt, verleiht dem Roman eine ungeheure Tiefe. Die Geschehnisse werden von ihm schonungslos und ehrlich wirkend rekonstruiert und analysiert. Das ist sehr beeindruckend.

Das ausgesprochen gut geschriebene Buch endet in der Gegenwart. Der Leser erfährt also zum Schluss, wie sich Dells weiterer Lebensweg gestaltet hat. Dennoch, es liegt Wehmut über der Geschichte. Sich zu erinnern, ist ein Prozess, der auch alte Wunden wieder aufreißen lässt.

Rezension von Heike Rau

Richard Ford
Kanada
Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert
464 Seiten, gebunden
Hanser Berlin
ISBN-10: 3446240268
ISBN-13: 978-3446240261
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Suzanne Joinson: Kashgar oder Mit dem Fahrrad durch die Wüste

Suzanne Joinson: Kashgar oder Mit dem Fahrrad durch die Wüste

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Der Name sagt Frieda Blakeman nichts. Sie hat keine Ahnung wer Irene Guy ist. Aber offenbar ist Frieda deren nächste Angehörige, der nun nach dem Tod der alten Frau die Aufgabe zukommt, die Wohnung aufzulösen. Da Frieda nicht in London sondern auf Reisen war, konnte sie nicht einmal an der Beerdigung teilnehmen.

Die Wohnung von Irene Guy ist vollgestellt, aber doch auch gemütlich. Frieda sucht nach einem Hinweis, der ihr verrät, wer Irene war. Sie findet jedoch keine Antwort, aber eine Eule, die sie mit nach Hause nimmt. Leider entwischt das Tier bei erster Gelegenheit aus seinem Käfig und fliegt hinaus in den Treppenflur.

Der Araber Tayeb, der letzte Nacht wie ein Obdachloser im Hausflur übernachtet hat, ist wieder da, weil er etwas verloren hat. Er hilft ihr, die Eule wieder einzufangen. Nach dem beide sich ein wenig kennengelernt haben, bietet Frieda ihm an, erst mal in der Wohnung Irenes unterzukommen und dafür bei der Räumung zu helfen. Fünf Tage hat sie dafür noch Zeit.
Die beiden finden eine Kamera aus den 20er Jahren und eine kleine tragbare Druckerpresse. Irene Guy muss eine Forschungsreisende gewesen sein.
Als ein Foto von Friedas Mutter gefunden wird, wird klar, dass doch ein familiärer Zusammenhang bestehen muss. Und tatsächlich findet sich auch noch ein Tagebuch. Evangeline English berichtet hier von einer Reise nach Kashgar. Zurück kam sie nach England mit einem Baby, der kleinen Irene.

Vergangenheit und Gegenwart werden in diesem Buch miteinander verknüpft. Denn parallel zur Geschichte Frieda Blakemans kann man das Tagebuch von Evangeline English lesen, das einmal ein Reiseführer werden sollte. Während Evangeline nur vorgibt, eine Missionarin zu sein, um London entfliehen zu können, folgen ihre Schwester Elisabeth und deren Freundin Millicent dieser Berufung mit Nachdruck. Als sie einem jungen Mädchen bei der Geburt ihres Babys helfen, bringt dass die Frauen in ungeahnte Schwierigkeiten.

Das Buch ist ausgesprochen spannend zu lesen. Die Autorin erweist sich als gute Erzählerin, dies es versteht, den Leser in den Bann ihrer Geschichte zu ziehen. Zunächst steht man vor einem Rätsel. Was haben Frieda und Irene miteinander zu tun? Doch nach und nach wird zwischen der Vergangenheit in Kashgar und der Gegenwart in London ein Bogen gespannt. Das führt Frieda bis zu ihren Wurzeln zurück und lässt sie ein Stück weit erkennen, wer sie ist.

Es ist ein schönes Buch, das sich leicht liest. Obwohl die Autorin sehr wortreich, ausdrucksstark, bildreich und manchmal sogar sehr ausschweifend, was hier gut passt, erzählt, hat man den Eindruck, nicht genug zu bekommen von dieser Lektüre. Es ist interessant zu lesen, welchen weitreichenden Einfluss Begegnungen und Entscheidungen auf die Zukunft haben.

Rezension von Heike Rau

Suzanne Joinson
Kashgar oder Mit dem Fahrrad durch die Wüste
Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer
272 Seiten, gebunden
Bloomsbury Verlag, Berlin
ISBN-10: 3827010888
ISBN-13: 978-3827010889
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