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Kategorie: Belletristik

Franz Rettenböck: Bollmann schreibt

Franz Rettenböck: Bollmann schreibt

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Ein vorlauter Rabe ist es, der das Leben von Herrn Kowalski ändert. Mit dem einen unverschämten Wort, das der Vogel sagt, bringt er dessen Lebenskonzept ins Wanken. Kowalski bastelt sich eine Depression und steigt damit auf ärztlichen Rat in den vorzeitigen Ruhestand ein. Doch die Hände in den Schoß legen, will der ehemalige Finanzbeamte nicht. Er beschließt, sich schriftstellerisch zu betätigen. Von seinen Fähigkeiten in dieser Hinsicht ist er überzeugt. Also beginnt er, sich in der Szene herumzutreiben, beteiligt sich an Literaturforen und Lesungen. So langweilig wie sein ehemaliger Kollege Dinglechner will er aber nicht werden. Und trotzdem wird Dinglechner bald darauf literarisch verwurstet. Aus ihm wird Kowalskis Figur Claus Bollmann. Dieser soll auch Schriftsteller werden wollen. Bollmann erfindet die Figur des Roman Schreiber und dieser hat ebenfalls schriftstellerische Ambitionen.

Hatten wir das nicht schon mal? Geht es jetzt immer so weiter? Schreibt ein Autor über einen Autor, der über einen Autor schreibt? So einfach ist es dann doch nicht. Denn nicht jedem liegt die schriftstellerische Arbeit. Bollmann tut sich schwer, auch nur einen vernünftigen Satz zu Papier zu bringen. Trotzdem lässt Kowalski Bollmann leben. Er ist ihm zu ähnlich. Autobiografisches wird immer mehr eingebracht. Man hat als Leser den Eindruck, beide Männer verschmelzen miteinander. Kowalski betrachte sein Leben neu. Geht zurück in der Zeit, sucht nach Stoff. Er hält sich an die Geschichten, die das Leben schreibt und drückt sie Bollmann auf. Doch der hat bald die Nase voll davon, sich sein Leben vorschreiben zu lassen. Er beginnt eigene Wege zu gehen und treibt damit Kowalski in den Wahnsinn.

Wen wundert es, das die Geschichte beginnt, in ihren Grundfesten zu wanken? Immer mehr verstrickt sich Kowalski in seine Ideen. Er beißt sich so fest, das bald nicht einmal mehr seine Frau hier mitziehen will. Aber Kowalski weiß, Bollmanns Leben hängt von ihm ab. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen immer mehr. Es ist interessant für den Leser, diesen Prozess zu beobachten.
Schreiben kann süchtig machen, ob man nun gut ist oder nicht. Als Hobbyschriftsteller kann man die Warnungen kaum übergehen. Das Schreiben kann das Leben verändern. Wer sich berufen fühlt, sollte sich also wappnen. Und das Buch lesen! Dieser schräge Blick auf den Hobby-Literaturbetrieb ist sehr amüsant.

Rezension von Heike Rau

Franz Rettenböck
Bollmann schreibt
214 Seiten, gebunden
Skalding Verlag
ISBN-10: 3940695033
ISBN-13: 978-3940695031

Paul Torday: Charlie Summers

Paul Torday: Charlie Summers

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Charlie Summers ist ein Hochstapler!

Mit Unverfrorenheit und Chuzpe nähert er sich in Frankreich zwei englischen Freunden, die dort zum Urlaub und Golfspielen verabredet waren.

Hector Chetwode- Talbot, genannt Eck, und sein Freund Henry Newark sind einigermaßen überrascht, als sich der schmuddelig aussehende Charlie Summers aufdringlich an ihre Fersen heftet.

Zurück in England nimmt Summers die Gelegenheit wahr, um einer leicht dahingesagten und nicht ernst gemeinte Einladung auf das Gut von Lord Newark zu folgen. Er nistet sich bald darauf in dem kleinen unansehnlichen Ort Stanton St.Mary in der Nähe von Stanton Hall ein, um von dort aus seine dubiosen Geschäfte mit angeblich aus Japan stammendem Hundefutter zu starten.

Inzwischen geht Eck seinen ebenfalls undurchsichtigen Geschäften mit Hedgefonds nach. Nachdem er die Armee verlassen hatte, war ihm ein Freund behilflich, ins Finanzgeschäft einzusteigen.

Was Summers im Kleinen tut, das veranstaltet Eck in großem Stil: er schafft mit seinen Beziehungen die Kontakte zu potenziellen Großanlegern. Nach und nach dämmert ihm, dass er bei Geschäftskontakten behilflich ist, die zu kriminellen Machenschaften bei der Anlage großer Summen führen.

Bankencrash und Finanzblasen, Freundschaften, Verrat an ihnen, die Liebe und unsaubere Geschäfte vereint Paul Torday zu einem spannenden Gesellschaftsbild, in dem Al Qaida und die Wirtschaftskrise von Ferne drohen und in dem sich der luderige Zeitgeist des 21. Jahrhunderts spiegelt.

Der Autor ist ein famoser Erzähler. Mit Witz, trockenem Humor und ironischen Betrachtungen nimmt er sich aktuellen Themen der Zeit an. Die Generosität der guten englischen Gesellschaft erfährt bei allem finanziellen Desaster Würdigung. Paul Torday legt in seinen Erzählungen den Finger auf Wunden gesellschaftlichen Wildwuchses und überzieht und karikiert damit aktuelle Zeitströmungen.

Nach seinem Roman „ Lachsfischen im  Jemen“ ist ihm erneut ein humorvoll und spannend  geschriebener Roman gelungen!

Paul Torday 
Charlie Summers
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Berlin Verlag
ISBN-10: 3827008832
ISBN-13: 978-3827008831

Kristof Magnusson: Das war ich nicht

Kristof Magnusson: Das war ich nicht

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Drei Protagonisten und drei Schicksale.

Meike aus Hamburg übersetzt Arbeiten für einen Schriftsteller, der in USA lebt. Leider ist er nicht aufzufinden!
Pech für sie, die gerade ein Häuschen in der Nähe von Hamburg  bezogen hat und ohne Geldverdienst übel dran ist!

Mit einem flotten Plot beginnt die Geschichte, in die drei Protagonisten mit unterschiedlichen Zielsetzungen verwickelt sind.

Meike fliegt eines Tages nach Chicago, um den flüchtigen Schriftsteller zu suchen und zur Arbeit anzuhalten. Er hat schließlich versprochen, einen Jahrhundertroman zu verfassen!

In einem Kaffee stößt Meike auf den Banker Jasper Lüdemann aus Bochum, den es nach Chicago verschlagen hat, und der gerade nach der Frau fürs Leben Ausschau hält. Er verliebt sich in sie und versucht Annäherungen, die nicht so recht gelingen wollen.

Zu guter letzt erscheint auch Henry LaMarck noch, der Schriftsteller, ein leicht verrückter Typ, der seinerseits den smarten Banker für sich als Liebhaber gewinnen will. Dieser aber hegt andere Ambitionen: er will den Schriftsteller als potentiellen Kunden werben, denn Jasper Lüdemann ist Börsenhändler. Er brennt vor Arbeitseifer und Erfolgswahn. Dass ihm beim Jonglieren mit den Millionen Fehler unterlaufen, die seine ganze Existenz  ins Schleudern bringen, ist nur ein Teil der Geschichte. Der andere Teil befasst sich mit der Täuschung und der Freude des Autors am Spiel mit seinen Figuren. So spazieren die Gestalten durch seinen Roman, einer nach dem anderen in der Ichform referierend, und erleben aufgeregt, wie ihnen ihr Leben zu entgleiten droht. Einzig der Schriftsteller geht zielstrebig auf sein Ziel los: er will nicht mehr schreiben sondern in Rente gehen.

Die Verknüpfung der drei Schicksale erfolgt kongruent und zeigt eine Mischung aus Komödie, Krimi und ganz gewöhnlicher Alltagsgeschichte. Gut konzipiert nimmt Kristof Magnusson den Bankenalltag auf die Schippe, in dem alles möglich und unmöglich ist, und der Crash, wie heute ja bekannt, allenthalben vorprogrammiert ist. Den Schriftsteller zeigt er in seiner Erfindungsnot, und Meike ist eine Mischung aus frustrierten Liebesnöten, Emanze und zielstrebiger Erfolgsfrau. Nach farbigen und vielschichtigen Verwicklungen folgen für alle freudige Überraschungen und Kristof Magnusson kann sich beruhigt zurücklehnen in der Gewissheit, dass es seinen Helden in Zukunft gut gehen wird.

Eine heiter-satirische Komödie ist ihm mit seinem Roman gelungen!

Kristof Magnusson
Das war ich nicht
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Kunstmann
ISBN-10: 3888975824
ISBN-13: 978-3888975820

Dan Simmons: Drood

Dan Simmons: Drood

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Am 9. Juni 1865 geschieht das Zugunglück. Charles Dickens und seine Reisegefährtinnen überleben, während viele andere sterben. Fortan hat Dickens bei jeder Zugfahrt Probleme, seine Angst im Zaum zu halten. Und noch etwas setzt ihm zu: Die seltsame Gestalt im schwarzen Umhang, der er an der Unfallstelle begegnet ist. Man könnte den Mann für den Tod selbst halten, auch wenn Dickens ihn lieber für einen Leichenbestatter hält.
Willkie Collins erlebt Dickens nach dem Unglück vom Staplehurst erschreckend gealtert. Dickens hat sogar die Stimme eines anderen. Damit erzählt er ihm von dem merkwürdigen Mann, genannt Drood. Dickens will Drood aufspüren und seine Geschichte erfahren. Der Schriftsteller glaubt, hier den Stoff für eine Geschichte zu finden. Er spannt den ehemaligen Inspector Field für seine Zwecke ein, der ihm Detective Hatchery zur Verfügung stellt. Beide sind in Rente, bzw. beurlaubt von der Polizeiarbeit und arbeiten als Privatermittler.
Drood muss als blinder Passagier unterwegs gewesen sein. Alles deutet darauf hin, dass er in einem Sarg mit dem Zug gereist ist. Die Spuren führen in die Unterstadt. Und so steigen Dickens, Collins und Hatchery hinab in die Katakomben. Collins, dem die Zustände im unterirdischen London ungemein zusetzen, bleibt schließlich zurück, während Dickens seine Spurensuche fortsetzt. Er kommt tatsächlich mit einer Geschichte zurück, die er weiterverfolgen und später niederschreiben, aber nie vollenden wird und die auch Collins Leben fortan beschäftigen soll.

Collins erzählt die Geschichte aus seiner Sicht. Er hält sich für einen brillanten Autor, auch wenn er sicher nicht an Dickens heranreicht, der sein Freund und Mentor ist. Und doch sind die beiden auch Konkurrenten, was im Verlauf der Geschichte immer mehr zum Tragen kommt. Collins kommt im Grunde mit dem normalen Leben schon nicht klar. Er meistert den Alltag nur mit Laudanum, von dem er immer größere Mengen braucht. Es beflügelt auch seine Fantasie. Die Geschichte Droods setzt ihm immer mehr zu, er ist besessen davon. Und Dickens fördert dies noch, statt seinen Freund hier zu bremsen.

Das Buch ist über mehrere hundert Seiten ausgesprochen spannend. Es ist das Mysteriöse, was fesselt. Die Handlung erscheint perfekt geführt. Doch später weiß man nicht mehr, woran man ist. Wahrheit und Fantasie, aus dem Laudanum-Rausch heraus entstanden, vermischen sich immer mehr. Collins wird zu einem Erzähler, den man nicht mehr ernst nehmen kann. So ist es Dan Simmons auch nicht gelungen, für ein zufriedenstellendes Ende des Buches zu sorgen, auch wenn das Geheimnis um Edwin Drodd gelüftet scheint. Ob in Charles Dickens Sinne, sei dahingestellt.

Der Schreibstil des Autors gefällt gut. Er ist vom Bemühen um ausgesuchte Höflichkeit, selbst in haltlosen Situationen zu wahren, geprägt. Unter Gentlemen dieser Zeit war das so üblich und kommt besonders in den Dialogen zur Geltung. Allerdings bremsen lange Schachtelsätze, der sehr ausschweifend erzählten Geschichte, den Lesefluss ein wenig.
Das Handlung begeistert also schon. Und wenn die Geschichte im letzten Drittel des Buches einen anderen Verlauf genommen hätte, könnte man es uneingeschränkt weiterempfehlen. So aber, wird es nicht jedermanns Sache sein.

Rezension von Heike Rau

Dan Simmons
Drood
Übersetzt von Friedrich Mader
976 Seiten, gebunden
Wilhelm Heyne Verlag
ISBN-10: 345326598X
ISBN-13: 978-3453265981

Steven Millhauser: Martin Dressler

Steven Millhauser: Martin Dressler

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Von kleinsten Anfängen zu einem Mammutprojekt!

Der amerikanische Traum erfüllte sich für so manchen Bürger in Amerika aus kleinsten Anfängen, wenn sie es im 19. Jahrhundert vom Tellerwäscher zum Millionär brachten. Geschichten darüber bilden Legenden.

Steven Millhauser hat mit seinem Roman um den Aufsteiger Martin Dressler ein vergleichbares Schicksal nachvollzogen. Nicht vom Tellerwäscher sondern aus dem Tabakladen seines aus Deutschland nach New York eingewanderten Vaters steigt der Held der Geschichte zunächst zum Pagen und dann zum Privatsekretär des Hotelbesitzers vom Vanderlyn-Hotel auf.

Nüchtern, dröge und dennoch anschaulich wird sein zielstrebiger Weg aufgezeichnet. Es geht vorwiegend um Erfolg und Aufstieg in diesem Roman. Arbeit heißt die Devise für Martin Dressler, der einen Schritt vor den anderen tut, um weiter zu kommen. Private Freuden holte er sich mit dem Älterwerden im Freudenhaus, zu dessen Besuch ihn ein Freund ermuntert.

Die Atmosphäre in New York um das Jahr 1900 ist gekonnt eingefangen. Noch ist New York eine langsam zu Größe und Wachstum aufsteigende Metropole, als Martin Dressler seinen von Fleiß und Arbeit geprägten Lebensweg steil aufwärts geht. Ideenreichtum, Phantasie, Beziehungen und eine gute Portion Glück bereiten ihm den Weg, der typisch für die Neue Welt ist. Hier konnte man sein Glück machen, wenn man die Chancen nutzte und zum rechten Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen traf.

Martin wird älter, und über lange Zeit macht er sich zum gelegentlichen Begleiter dreier Damen aus Boston, die nach dem Tod des Ehemannes und Vaters in einem gut beleumundeten Hotel in New York Quartier genommen hatten. Man wohnte dort entspannt und in Kontakt mit anderen Gästen, zu denen auch der aufstrebende Kaffeehausbesitzer Martin Dressler gehört. Mit Spannung und Ungeduld wartet man darauf, dass er sich ihnen „erklärt“ und um eine der Töchter wirbt.

Leider müssen die Leser sich gedulden, denn zunächst baut Martin weiter an dem Imperium einer Restaurantkette. Neben dem Reichtum geht es ihm vor allem um die großartige Aufgabe: immer neue Ideen und Einfälle für immer neue Projekte zu entwicklen. Endlich heiratet er Caroline, die kühle und phlegmatische Tochter der Vernons, die ihm fremd bleibt und frustrierende Reaktionen bei ihm auslöst.

Die Atmosphäre des in jenen Jahren noch langsamen wirtschaftlichen Fortschritts in Amerika ist gut und realitätsnah wiedergegeben. Leben, Wohnen und Arbeiten sind die drei Hauptmerkmale, mit denen Millhauser uns in das Fin de Siècle Amerikas zurückführt. Gemächlich entwickelt der Autor seine Figuren und lässt sie in ihrer Umgebung agieren, wie es den damaligen Geflogenheiten entsprach. Mit Muße sollte man sich seinen Ausführungen überlassen, die das Aufsteigerleben und das Scheitern seines Helden mit ausführlicher Geduld und Feinheit ausmalt.

Steven Millhauser erhielt für dieses Werk 1997 den Pulitzer-Preis, – ob zu Recht, wird in einzelnen Rezensionen bezweifelt.

Mir hat das Buch gefallen.

Steven Millhauser
Martin Dressler
Broschiert: 287 Seiten
Verlag: BvT Berliner Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3833306211
ISBN-13: 978-3833306211

Jorge Bucay: Zähl auf mich

Jorge Bucay: Zähl auf mich

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Die Frage nach dem Glück stellt sich in einem bestimmten Alter erst. Zuvor lebt man fraglos glücklich und unbeschwert in den Tag hinein.

Auf der Suche nach dem Glück erlebt man Demian aus Argentinien, der im Rückblick noch einmal die eine oder andere Begebenheit aus seinem Leben vorbeiziehen sieht. Bis vor kurzem war er noch verheiratet; einerseits erfreut, dem Joch der Ehe und seiner bestimmenden Ehefrau entkommen zu sein, will sich so recht doch keine Zufriedenheit bei ihm einstellen.

Er ist vierzig  Jahre alt, und da stellen sich schon einmal die existenziellen Fragen nach dem richtigen Leben. Nach einem verstauchten Knöchel muss er nun auch noch drei Wochen seiner Arbeit und Lehrtätigkeit als Nephrologe fernbleiben. Das bringt ihn vollends ins Grübeln!

Wo ist eigentlich sein alter Therapeut, den er den „ Dicken“ nennt, geblieben?

Auf den Spuren seines Lebens folgt man Demian, dem unruhigen, spontanen, dem freundlichen und liebenswerten Helden aus Buenos Aires, um zu sehen, wie er sein Glück herbeiführen will!

Es geht in dem Roman um die Grübeleien und Unsicherheiten eines Mannes, der sich verloren zu haben glaubt und alles tut, um seine Linie wieder zu finden. Der Dicke, sein Therapeut mit dem beziehungsreichen und vom Autoren ausgeliehenen Vornamen Jorge, sorgt in langen Gesprächen und an Parabeln und Märchenfiguren reichen Beispielen dafür, dass Demian wieder in die richtige Spur zurück findet. Sehr gut kann man sich in Demian hineinfühlen, der alles hinterfragt und voller Misstrauen ist und im Wechsel damit von strahlender Euphorie getragen auf ein neues Glück in der Person von Paula setzt. Diese scheint ihn trickreich um den Finger zu wickeln und lässt ihn ganz und gar im Ungewissen über ihre wahren Ziele.

Von zärtlichen Neigungen, warmherzigen Beziehungen, von Müttern, Vätern, Brüdern und Geliebten handelt die Geschichte. Sie bietet ein Abbild unserer Welt, in der wirklich nichts von Dauer und alles fragil und brüchig zu sein scheint. Therapeuten sind am Ende die wirklichen Lebensretter. Sie geben den Strauchelnden mit ihren tröstenden und sinnigen Geschichten Halt, und man darf auf sie zählen!

Jorge Bucay ist Psycho-und Gestalttherapeut, und man darf sicher sein, dass seine Geschichten der Wirklichkeit  abgeschaut sind. Von großer Weisheit und der Liebe zum Menschen getragen sind seine Figuren lebensnah und tröstlich in ihrer ganzen Unzulänglichkeit. Bucay gibt den Verlassenen, den Trauernden und den Liebespaaren Hoffnung, in dem er sie auf die Ambivalenz von Treue und auf das Recht auf Unvollkommenheit hinweist.

Ein liebevoll entwickelter und gütiger Romanheld erwartet den Leser in Gestalt des „ Dicken“, der unvergessen bleibt.

Jorge Bucay
Zähl auf mich
Gebundene Ausgabe: 300 Seiten
Verlag: Ammann, August 2009
ISBN-10: 3250601349
ISBN-13: 978-3250601340

Jean-Jacques Sempé: Das Geheimnis des Fahrradhändlers

Jean-Jacques Sempé: Das Geheimnis des Fahrradhändlers

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Ein Autor und seine menschenfreundlichen Betrachtungen.

Sempé, der unvergleichliche französische Zeichner und Menschenkenner, hat sich mit seiner kleinen Geschichte von dem Fahrradhändler Paul Tamburin erneut in die Herzen der Menschen geschrieben.

Versteht er doch etwas von den Nöten und Freuden des Lebens!

Paul Tamburin lebt in der französischen Provinz im Städtchen Saint-Céron. Dort gibt es einige Bürger, deren Handelsgüter sich mit ihrem Sein eng verbinden. Herr Zwiesel, der Optiker, und Aloisius Pfaundler, der Fleischer, werden mit den Brillen und dem Landschinken in einem Namen genannt. Auch Paul Tamburins Fahrräder heißen schließlich nur noch„ Tamburin“,–man weiß, was damit gemeint ist! Leider hat Paul Tamburin eine bedauerliche Schwäche: er kann gar nicht Fahrrad fahren. Die Unfähigkeit, das Gleichgewicht halten zu können, lässt Sempé  in dem ernst- grüblerischen Satz symbolisieren, mit der Paul sich eine Liebste herbeisehnt, „ Und manchmal überkam ihn die Versuchung, die jeden Komiker von Zeit zu Zeit überkommt: zu zeigen, dass er eine Seele hat und ein Herz, und dass dies Herz Geheimnisse umschließt, die es mit einem anderen Herzen teilen möchte.“

Aus seiner Geschichte über das Leben im Kleinen und Großen entwickelt Sempé die leicht melancholische bis heitere Lebensgeschichte einer ganzen Stadt und besonders die des Paul Tamburin. Freundschaft und Liebe, Heirat und gemächlicher Alltag: sie untermauern ein friedliches Leben, das doch im Kleinen seine besonderen Freuden und Misslichkeiten aufweist. Voller Herz und Wärme gibt Sempé seinen Protagonisten Stimme und Stift, zeichnet und spricht in ihrem Geiste und Gemüt und zeigt uns liebevoll den Menschen mit seinen Wünschen, seinem Versagen und seinen Schwächen und Stärken. Er ist ein Menschenfreund, der mit seinem Werk die Herzen seiner Leser erwärmt! Patrick Süskind ist sein Freund und hervorragender Übersetzer, der schon wie in der Geschichte von „ Herrn Sommer“ mit ihm zusammen erneut brilliert.

Jean-Jacques Sempe
Das Geheimnis des Fahrradhändlers
Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN-10: 325706473X
ISBN-13: 978-3257064735

Toni Jordan: Tausend kleine Schritte

Toni Jordan: Tausend kleine Schritte

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Leben mit Zwängen und man selber bleiben: eine einmalige Lebensgeschichte.

Grace kann nicht anders: sie muss die tausend kleinen Schritte zählen, mit denen sie den Alltag bewältigt.

Inzwischen steht sie ohne Arbeit da, denn die Schule erwartete, dass sie Kinder unterrichtet und wollte nicht akzeptieren, dass diese ihrem Zählzwang unterworfen werden.

Mit einer Zwangsneurose zu leben ist bedrückend für den Neurotiker ebenso wie für die Menschen in seiner Umgebung.

Grace Lisa Vandenburg ist seit ihrem 8. Klebensjahr besessen von Zahlen ganz wie ihr Vorbild Nikola Tesla, der große Erfinder, Magier und Zahlenkünstler des 19. Jahrhunderts. Sie zählt alles, was dafür in Betracht kommt: Minuten und Stunden in der Abfolge ihrer regelmäßigen Verrichtungen, Schritte, Einkaufsgegenstände, die Borsten ihrer Zahnbürsten, die auch in der geliebten Zahl 10 vorhanden sein müssen, ihr Zahlen-  und Zählbedürfnis  ist beängstigend. Mit ihren 35 Jahren steht die Lehrerin dann plötzlich an einem Wendepunkt: sie hat Seamus Joseph O’Reilly in einem Kaffee kennen gelernt. Er wird ihr erster Liebhaber seit Jahren und sie ist so fasziniert, das ihr das Zählen sogar entfällt!

In ihrem Roman „Tausend kleine Schritte“ entblättert die Autorin Toni Jordan peu á peu die Zwangshandlungen einer früh geschädigten Person. Indem sie nur die Protagonistin mit ihrem umfangreichen Zahlenwerk sprechen lässt, bekommt man einen unmittelbaren Eindruck von einer Krankheit, die in vielerlei Gestalt den Menschen befallen kann. Ob Waschzwang oder Zählzwang; die Gedanken sind bedrängend und lassen den Kranken nie los, so dass alles andere Denken blockiert ist.

Seamus aber ist klug; er erkennt die Krankheit schon bald, und da er Grace lustig, hübsch und sexy findet, beginnt er, sich Gedanken über Hilfen für sie zu machen. In einer anrührenden und zauberhaften Liebesgeschichte wird man Zeuge einer versuchten Heilung, die ans Herz rührt und in hinreißenden Liebesszenen ihre Höhepunkte sucht und findet.

Toni Jordan hat einen wunderbaren und mitreißenden Roman geschrieben, klar und unumwunden, in dem es um den ganz normalen Alltag geht, um Zahlenlust und Zwangshandlungen, um Liebe, Lust und das reiche Leben. Wir können es nur dann als reich wahrnehmen, wenn wir es mit allen seinen Tücken und Widrigkeiten zu würdigen und zu schätzen wissen. Der allenthalben zutage tretende Humor schaut um die Ecken und zeigt uns, dass auch die ernste Lage einer Zwangskrankheit von der heiteren Seite zu nehmen ist.

Der  mit hohem Preisen in Australien ausgezeichnete Debütroman von Toni Jordan tritt seine Reise um die Welt in vielen Sprachen an.

Toni Jordan
Tausend kleine Schritte
Gebundene Ausgabe: 270 Seiten
Verlag: Piper (September 2009)
ISBN-10: 3492052223
ISBN-13: 978-3492052221

Wallace Stegner: Die Nacht des Kiebitz

Wallace Stegner: Die Nacht des Kiebitz

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Subtile Ehegeschichte und Rückschau auf ein langes Leben.

Das Alter bedeutet nicht für jeden nur Spaß und Freude!

Da gibt es die kleinen Wehwehchen überall, und der Körper will nicht mehr so wie einst. Wallace Stegner weiß lebendig davon zu berichten. Sein alter ego ist Joe Allston, ein pensionierter 69 jähriger Literaturagent, der mit seiner Frau Ruth den Lebensabend im geruhsamen Kalifornien verbringt. Er führte alle die Jahre eine gute Ehe mit ihr und ist seiner Frau stets treu gewesen. Ein kleines Geheimnis blieb lange unentdeckt, bis Joe seine Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 1954 wiederfindet. Auf der Reise in die Vergangenheit entdeckt man eine fast kriminelle Familiengeschichte, die es in sich hat.

Sein Berufsleben hat Joe in der anregenden und kulturell lebendigen Stadt New York verbracht. Jetzt bestimmen die Gartenarbeit und gelegentliche Geselligkeiten sein Leben.    Aber ist Joe wirklich zufrieden?

Sein italienischer Freund Césare ist entsetzt über die Abgeschiedenheit seines jetzigen Lebens und den Mangel an abwechslungsreicher Unterhaltung hier im friedlichen Umfeld seiner neuen kalifornischen Heimat.

Mit Witz, Ironie und einer guten Portion Sarkasmus bei gleichzeitiger Empfindsamkeit erzählt Joe Allston über seine kleinen Maläsen, über seine lange Ehe mit Ruth und über ihre eingeübten Gewohnheiten, die sehr originell beschrieben sind. Sie witzeln und kennen die Eigenarten des anderen. Gemütlich ist es allemal, wenn sie zusammen sitzen und Musik hören oder fernsehen. Seine Freunde sind ebenfalls alt, und er sieht, wie der eine oder andere schon scheiden muss. Die alltägliche Gegenwart ist absolut witzig und treffend gezeichnet. Gespräche über den Gartenzaun erzeugen eine sehr persönliche Atmosphäre. „ Der Wind rüttelt sanft, doch energisch am Haus. Man hörte den Regen gegen die Scheiben prasseln. Nichts konnte mehr Geborgenheit bieten als das. Und nichts ist so vergänglich.“

Depressionen überfallen ihn heute zuweilen, wenn er die Kürze der Zeit bedenkt, die seine Altersperspektive ihm gewährt.

Die Tagebücher, aus denen er Ruth eines Abends vorliest, führen die beiden zurück nach Dänemark, wo sich Joe im Jahr 1954 auf Spurensuche nach seinen Vorfahren begeben hatte. Hier beschreibt er ein mit reisendes Paar  als  “ fromm, kleinkariert, strikt gegen Rauchen, Trinken, Kartenspiel, Kino, Bücher, Sprachen, Denken.“ Spießbürger par excellence!

Die Abenteuer in Dänemark wirken fast wie eine eigene eingeschobene Geschichte, die nur mittelbar mit seinem Lebensbericht in Verbindung steht. Das Bild rundet sich und man beobachtet Joe Allston beim Nachdenken und Sinnieren. Geheimnisse werden aufgedeckt, die seiner Geschichte eine spannende Wende geben.

Wallace Stegners Werke handeln vom einfachen Leben, von Freude, Leid und der Vergänglichkeit. Sehr nahe kommt man seinen Empfindungen, denn er schreibt seine Romane wie Berichte an einen guten Freund. So fühlt man sich heimisch bei der Lektüre und meint, man könnte auch zu seinen Gästen zählen. Dieser Autor bietet Geschichten an, in denen es wie im wirklichen Leben zugeht: fröhlich, traurig, ehrlich, aufrichtig und nicht zuletzt oft versöhnlich.

Der Autor Wallace Stegner, 1909 -1993, gehört zu den wichtigsten amerikanischen Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts. Er wurde mit dem National Book Award 1977 ausgezeichnet.

Wallace Stegner  
Die Nacht des Kiebitz
Taschenbuch: 280 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3423247460
ISBN-13: 978-3423247467

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens

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Trauer, Krieg und eine außergewöhnliche Lebensgeschichte!

In Rom, der von ihm sehr geliebten Stadt, gelingt es dem Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil, noch einmal die Geschichte seiner Kindheit zu erinnern. Er beschreibt diese von einer ungeheuren Familienkatastrophe überschattete Kindheit beredt, sensibel und von magischen Eindrücken durchzogen.

Es ist die Geschichte eines stummen Jungen, der in enger Symbiose mit Mutter und Vater aufwächst.

Wie war es dazu gekommen?

Der Krieg hatte den Eltern tiefe Narben geschlagen. Vor Kummer um den frühen Verlust ihrer ersten Kinder im zweiten Weltkrieg hatte die Mutter ihre Sprache verloren. Als einige Jahre nach dem Krieg ein letzter Sohn geboren wurde, der nunmehr das einzige Kind seiner Eltern blieb, konnte weder die Mutter noch der Junge sprechen.

H.-J. Ortheil beschreibt das Aufwachsen wie einen stummen Traum: Glück ist es, mit der Mutter zu sein, den Vater nach Hause kommen zu hören, die Natur zu beobachten und sich versonnen am Rande der Gesellschaft zu bewegen. Es scheint, als seien mangels der Sprachfähigkeit seine übrigen Sinne besonders wach. Ortheil erzählt von dem hoch sensiblen und tief mit der Mutter verbundenen Jungen, der sie in unsichtbaren Gefahren wähnt. Er erlebt die Eltern in enger Zugehörigkeit und Liebe, und er erfährt erste unbekannte Schikanen in der Schule, die sein Leben bedrängen.

Als eines Tages ein Klavier ins Haus kommt, empfindet er ungeahntes Glück: Musik zu hören wird zum außergewöhnlichen Ereignis.

Mit einem entschlossenen Kraftakt beschließt der Vater eines Tages, ohne die Mutter mit dem Jungen aufs Land zu fahren. Dort auf dem  heimischen Bauernhof, der zur Familie des Vaters gehört, mit vielen Onkeln und Tanten, mit geregeltem Arbeitsablauf, festen Mahlzeiten und langen Spaziergängen mit dem Vater vollzieht sich die erhoffte und unerwartete Wende: der Junge blüht auf, kräftigt sich an Leib und Seele, lernt schreiben und lesen und zuletzt auch das Sprechen. Wie sich sein weiteres Leben entwickelt, ist von ebenso besonderer Eigenart wie seine frühe Kindheit

In feiner Manier, ganz aus den Augen eines verstörten Kindes, berichtet Ortheil seine Erlebnisse als Kind und die Folgen, die das jahrelange Schweigen für sein Aufwachsen hatte. Man wir zum Zeugen einer „ Sprachwerdung“, die von ungewöhnlichem Ausdruck ist. Kaum vorstellbar sind die Entwicklungen, die im Zeitraffertempo in wenigen Wochen auf dem Land stattfinden.

Der Junge entwickelt allmählich einen zaghaften eigenen Willen, mit dem er seinen weiteren Lebensweg beschreitet. Musik und Literatur bestimmen sein weiteres Leben.

Freude, Glück und Enttäuschung aber liegen immer weiter nahe beieinander.

Der Autor hat seine eigene Kindheitsgeschichte zu einem fiktiven Roman verfremdet. Sein harmonischer Charakter scheint das Ergebnis des besonders einfühlsamen und pädagogisch befähigten Vaters zu sein. Beiden Eltern zollt der Autor in seinem Buch Respekt und Anerkennung, ohne die kritischen Phasen seiner Entwicklung zu verschweigen. Seine Geschichte hat er in einen Strom poetischer Worten gekleidet, mit dem man ganz nah an sein inneres Erwachen herangeführt wird. Der ruhige Erzählstrom entspricht den sich langsam entfaltenden Möglichkeiten des heranwachsenden Jungen. Er ergeht sich nicht in tiefenpsychologischen Deutungen und verrät dennoch Gründe und Ursprünge einer außergewöhnlichen seelischen Entwicklungsgeschichte. Diese seltene Form der Biographie ist höchst beeindruckend!

Hanns-Josef Ortheil
Die Erfindung des Lebens
Gebundene Ausgabe: 592 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN-10: 3630872964
ISBN-13: 978-3630872964