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Kategorie: Belletristik

Lothar Eichler: Lady Bonaparte

Lothar Eichler: Lady Bonaparte

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Jasmin, einzige Tochter eines reichen Verlegers, hat die Schule absolviert und verlässt mit achtzehn Jahren das Internat, um von nun an ihr Leben selbst in den Griff zu nehmen. Stoff genug für einen Konflickt mit ihren Eltern.

Sie denkt sehr viel über sich und das Leben nach, sie fragt sich dabei, ob das, was ihr Vater mit dem Verlag an familiärer Sicherheit und familiärem Reichtum geschaffen hat, etwas ist, was ihr ebensolche Zufriedenheit gewähren kann. Doch sie stellt fest, dass sie nicht von dem Geld ihres Vaters leben möchte. Sie möchte von dem leben können, was sie selbst geschaffen hat. Obwohl ihr Vater versucht, ihr alle Wege zu ebnen, alle Probleme von ihr abzuwenden, ihr ein Praktikum im Verlag anbietet, sie einen Auftrag in Paris erledigen lässt, entscheidet sie sich gegen den Willen ihrer Eltern, insbesondere ihres Vaters. Zweifelsohne hat er vor, Jasmin später einmal in seine Fußstapfen als Leiterin des Verlages treten zu lassen. Sie lässt ihn aber abblitzen, will sich selbst ausprobieren, will lernen, wie das ist, wenn man den ganzen Tag arbeiten muss und abends todmüde nach Hause kommt. Sie will ihr eigenes Leben führen, zumindest zunächst, denn sie schließt nicht aus, irgendwann einmal wieder unter die Fittiche ihres Vaters zu kriechen. Um sich aber selbst dafür entscheiden zu können, muss sie die andere Seite des Lebens zunächst kennen lernen. Also stürzt sie sich in das Leben. Sie entscheidet sich für ein Studium der Germanistik, weil sie darin verschiedene Möglichkeiten sieht, später einen Beruf auszuüben. Neben dem Studium beginnt sie in einem Restaurant zu kellnern und stellt fest, dass sie sich davon eine kleine Wohnung leisten und den bescheidenen Lebensunterhalt bestreiten kann. Bei all ihren Schritten wird sie von einem Freund begleitet, der von ihren Eltern komplett ignoriert wird. Über ihre Kellnerei und selbst ihr Studium rümpft ihr Vater nur die Nase. Mit einem Auftrag für Paris versucht er, seine Tochter wieder näher an sich zu ziehen. Er stellt einen Mann im Verlag ein, der als sein engster Assistent tätig wird, und hofft, dass Jasmin und sein Verteter einmal ein Paar werden würden. Obwohl Jasmin einige Male mit ihm ausgeht und sich sehr gut mit ihm anfreundet gibt sie ihm dennoch deutlich zu verstehen, dass aus ihrer Freundschaft keinesfalls mehr werden könne, denn schließlich wäre er von ihrem Vater ausgesucht. Dafür lernt Jasmin Jean kennen, der bald nicht mehr von ihrer Seite weicht. Auch er wird von ihren Eltern ignoriert. Er steht loyal zu ihr, aus Freundschaft wird Liebe. Nach vier Semestern Studium bricht Jasmin dieses ab, um nicht nur nebenbei, sondern Vollzeit arbeiten zu können. Aus ihrer Tätigkeit als Kellnerin heraus gewinnt sie einen engen Freundeskreis. Sie möchte mehr erreichen und mehr ausprobieren und beschließt, mit ihren Freundinnen und Freunden ein Literaturcafé aufzubauen. Jean hält fest zu ihr und unterstützt sie in ihrem Vorhaben. Jasmin denkt weit vorraus, wünscht sich eine Heirat mit Jean und Kinder, die nicht so aufwachsen sollen, wie sie aufgewachsen ist.

Dieser Roman, der in das Leben und die Gedankenwelt einer jungen Frau von der Zeit des Schulabschlusses bis kurz nach der Geburt des ersten Kindes in einer intakten Familie eintaucht, ist eine mitreißende Charakterstudie. Der Autor zeigt sehr großes psychologisches Einfühlungsvermögen und stellt in überzeugender Weise die Identitätsfindung einer jungen Frau dar. Es zeugt von detailreichem Wissen, was in den Köpfen junger Frauen vor sich geht. Faszinierend sind immer wieder die Schlussfolgerungen, die die Protagonistin aus ihren eigenen Gedanken zieht und die Realitätsnähe zum heutigen Tagesgeschehen. Mit einfachen Worten gelingt es dem Autor, dem Leser die Welt nach dem Schulabschluss vorzustellen, er bringt ihn in die Welt der Cafés, die der Studenten, die der Verlage, selbst ein kleines Stück Pariser Lebensgefühl.

Wünschenswert wäre allerdings, der Leser hätte feste Punkte zum Ausruhen während der Lektüre. Ohne Kapitel und ohne besondere Absatzmarkierungen, z.B. eine Leerzeile zwischen den Absätzen, geht der packende Roman von der ersten bis zur letzen Seite in einem Atemzug durch. Obwohl er sich durchaus in unterschiedliche Kapitel gliedern ließe und eine Absatzmarke angebracht wäre, wenn zwischen zwei aufeinanderfolgenden Absätzen beispielsweise einige Monate ins Land gegangen sind.

Buchtitel und Titelbild mögen verwirren, glaubt man doch, einen Historienroman in Händen zu halten. Bis klar wird, warum dieser Titel gewählt wurde. Schade nur, dass er, abgesehen von der einmaligen Erklärung im Rahmen der Handlung, keine weitere Erwähnung erfährt.

Jedoch trotz aller Kritik ein höchst spannendes und interessantes Buch, welches nicht nur für junge Frauen lesenswert ist.

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Lothar Eichler
Lady Bonaparte
Roman, 274 Seiten, Softcoverausgabe
Centrum Verlag, Bad Schwartau
ISBN: 978-3-86672-983-4
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2009

Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent

Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent

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Schöne, traurige und arglistige neue Welt!

Darius Kopp ist ein Technikfreak.

Er ist Informatiker und vertritt als einziger auf dem Kontinent eine amerikanische Firma für kabellose Netzwerke. Er ist Deutscher und Ossi, eine Kombination, die ihn nicht gerade zu einem Liebling unter den ausländischen Kollegen macht. Als ihm ein englischer Chef vor die Nase gesetzt wird, ist er ganz schön ärgerlich. Er wird dazu verdammt, ausstehende Gelder von Kunden einzutreiben, eine Arbeit, für die er sich bisher nicht zuständig fühlte. Ein Armenier bringt ihm einen Koffer voll Geld, weniger, als er der Firma schuldet, aber immerhin… Nun weiß Kopp nicht, wie und wo er das Geld unterbringen soll. Niemand von seiner Firma ist zu erreichen, weder per Telefon noch per E-Mail.

Irgendwie bekommt Darius Kopp so recht nicht mit, dass wir uns alle mitten in einer globalen Krise befinden. Seine Frau ist eine zarte Seele, die ihren Träumen von einem besseren Leben nachhängt. Er seinerseits isst, und isst, und isst und wird immer dicker,–Ausdruck seines unbewussten Frusts?

Ein Wochenende verbringt er mit seiner Frau Flora im Wochenendhaus einer Freundin. Sie liebt den Wald und das Wasser, die Stille und die Geräusche der Natur. Er ist eher hilflos ohne Telefon, Fernsehen und seinen Laptop. Er verkörpert ganz die neue Zeit und kann mit der Stille der Nacht und der Natur nichts anfangen. Spannungen zwischen ihm und Flora treten unmerklich in den Fokus.

Eine Woche im Leben des Darius Kopp zeigen ihn als an sich selber irre werdenden, die Realität verleugnenden, seine Frau liebenden und zwischen seinem beruflichen Chaos und der wahren Geschäftswelt hin und her irrenden Zeitgenossen, der sich an das klammert, was ist. Die Wirklichkeit ist ihm zuwider, und so träumt er sich weiter in die Rolle des erfolgreichen und  geliebten Mannes,–dabei ist seine Frau Flora drauf und dran, ihn zu verlassen.

Der Roman verkörpert Zeitgeschichte, wie sie besser nicht dargestellt werden kann. Gibt es doch diese Abhängigkeiten und Unwägbarkeiten in der Welt der Manager und Erfolgreichen, die zu Opfern ihrer eigenen Vorstellungswelt werden und nicht fassen können, dass alles ganz anders ist.

Nicht jeder wird sich in den Lebenskonflikt des Protagonisten einfühlen können, doch fängt Terézia Mora  die Welt ein, wie sie sich für viele Vierzigjährige heute darstellt.

Ein aufwühlender und bemerkenswerter Roman ist der erfolgreichen Autorin Terézia Mora mit ihrem neuen Roman gelungen.

Terézia Mora 
Der einzige Mann auf dem Kontinent
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN-10: 3630872719
ISBN-13: 978-3630872711

Alai: Ferne Quellen

Alai: Ferne Quellen

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Der kleine Junge geht gern zu Gongba dem Pferdehirten. Genau wie er möchte er gerne allein in den Bergen leben. Doch Gongba ist dazu gezwungen. Sein Gesicht ist entstellt. Gongba träumt davon, zu den heißen Quellen zu reisen. Sie versprechen Heilung. Der Junge hört die Geschichten über die Quellen, die im Grasland jenseits der Berge liegen und sein Fernweh bekommt ein Ziel. Dort bei den heißen Quellen könnte er seine Schüchternheit ablegen. Die Zeiten haben sich jedoch geändert. Wer weiß, ob der Junge es unter diesen Umständen jemals zu den Quellen schafft.
Der Junge besucht die Grundschule und träumt davon, das rote Halstuch der Pioniere tragen zu dürfen. Darum zu bitten, wagt er jedoch nicht. Ein Versuch vor den Augen des Leiters der Arbeitsgruppe scheitert kläglich.
Als der Pferdehirte stirbt, werden die Pferde abtransportiert. Sie sollen fortan den sozialistischen Aufbau unterstützen und Äcker pflügen. Der Junge versteht, auch er muss fort, genau wie die Pferde.
Zehn Jahre später arbeitet er als Fotograf und füllt die Propagandaschaukästen mit Bildmaterial über den Wandel der Zeit und den damit verbundenen gesellschaftlichen Fortschritt. Es ist eine Arbeit mit künstlerischem Anspruch.
Von den Quellen träumt er immer noch. Sie sind nun nicht mehr unerreichbar. Doch ob Traum und Wirklichkeit zusammenpassen, muss sich erst noch zeigen.

Die fernen Quellen stehen als Sinnbild für den Traum von einem freien Leben. Denn dieses wurde den Menschen genommen. Traditionen können nicht mehr gelebt werden. Das Dorf ist nun eine Volkskommune.
Erzählt wird ein Stück einer Lebensgeschichte, das sehr traurig anklingt. Der Junge scheint seine Einsamkeit nicht loswerden zu können, auch als Erwachsener nicht. Das zeigt, dass man die Vergangenheit nicht einfach abstreifen kann. Von dem Kind, das man einst war, geht nichts verloren, auch wenn man sich weiterentwickelt. Allerdings ist diese Entwicklung nun mehr nur noch in streng gezogenen Grenzen möglich. Einen dementsprechenden schwermütigen Eindruck macht die Atmosphäre, die im Buch herrscht.
Das Buch gibt viel Stoff zum Nachdenken her. Viele Fragen bleiben offen. Man hat das Gefühl, ein sehr persönlich wirkendes Buch in den Händen zu halten. Einmal, im Verlauf der Geschichte, wird die Hauptperson dann auch mit Alai angesprochen.
Dennoch wirken die Charaktere etwas oberflächlich dargestellt. Die Geschichte plätschert so dahin, ohne Höhen und Tiefen. Nichts ist so recht greifbar.
Der Autor sorgt dafür, dass man sich keine Illusionen macht. So manche Suche nach dem Glück dauert eben ewig.

Rezension von Heike Rau

Alai
Ferne Quellen
Aus dem Chinesischen von Marc Hermann
153 Seiten, gebunden
Unionsverlag
ISBN-10: 3293004059
ISBN-13: 978-3293004054

Ceridwen Dovey: Der Koch, der Maler und der Barbier

Ceridwen Dovey: Der Koch, der Maler und der Barbier


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Über Rebellionen, das Leben mit dem Putsch und die Lebensumstände in Ländern mit Diktaturen.

In ihrem Debütroman erzählt Ceridwen Dovey  wie es in Diktaturen zugehen kann, und welche irrwitzigen Auswirkungen ständige politische Richtungswechsel mit sich bringen.

Hier findet in einem unbekannten südamerikanischen Staat wie so häufig wieder einmal ein Putsch statt. Der Koch, der Maler und der Barbier des Präsidenten werden auf seine Sommerresidenz verbracht, wo sie nunmehr den neuen Kommandanten bedienen sollen.

Einer nach dem anderen kommen im Wechsel zu Wort, und jeder erzählt die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel.

Jeder hatte ein anderes Motiv, das zum Dienst am Präsidenten geführt hat. Der eine will seinen Bruder rächen, der andere hat eine geliebte Frau, die ihm verloren scheint,–und was will die Tochter des Kochs mit der neuen Regierung?

Fast jeder gerät in den  Verdacht der Korruption oder zeigt sich mit wechselnder Dienerschaft als Verräter.

Angedeutet, hingetupft und einmal näher dann wieder fern im Blick des Fokus entsteht das Bild einer verlorenen Gesellschaft, in der keiner dem anderen traut. Brüder werden zu Verrätern, Mütter bevorzugen einen Sohn vor dem anderen, und Frauen können keine rechte Treue halten. Unheimlich, verzweifelt und geheimnisumwittert vollziehen sich Wandlungen, die nach und nach alle mit in den Abgrund zu reißen drohen.

Sehen die Folgen, die Verrohungen und die Lebensbedingungen unter Diktaturen so aus?

Auf dem südamerikanischen Kontinent haben fast alle Staaten mit den heftigsten politischen Rebellionen und wechselnden Tyranneien zu kämpfen. Einen kleinen Eindruck davon vermittelt diese Studie, die eindringlich von unheimlichen Praktiken, Angst und Frucht durchsetzt ist. Die Berufung des Barbiers, des Malers und des Kochs bieten allen dreien Möglichkeiten zum Mord oder zur Gefolgschaft. Wie werden sie entscheiden?

Geschickt und aufmerksam leitet die Autorin das Interesse in verschiedene Richtungen, so dass der Leser verunsichert nach dem Platz sucht, wo er seine Parteilichkeit hinlenken könnte.

Er findet diesen Platz nicht. Symbolisch spiegelt er damit wieder, was die Menschen in der Region umtreibt.

Der Debütroman der jungen Ceridwen Dovey ist gelungen, und zahlreiche Preise winkten ihr. Sie erhielt schließlich  den Sunday Times Fiction Prize 2008.

Ceridwen Dovey
Der Koch, der Maler und der Barbier
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN-10: 363087309X
ISBN-13: 978-3630873091

J.M.G. Le Clézio: Lied vom Hunger

J.M.G. Le Clézio: Lied vom Hunger

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Kriegsschicksale in Frankreich: eine Familienstudie.

Vor dem zweiten Weltkrieg versammelten sich in Paris zahlreiche russische Adeligen, die nach der Revolution von 1917 ihre russische Heimat verlassen mussten. Mitte der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts wohnt auch Ethel mit ihren Eltern, die aus Mauritius stammen, in der Stadt.

Ethel freundet sich mit Xenia an, einer russischen Fürstentochter, die schon etwas älter, leicht raffiniert und ein wenig berechnend ist. Doch Ethel bewundert sie, weil sie zu Hause unter den Spannungen zwischen ihrem leichfertigen Vater und der streitenden Mutter leidet. Sie hätte so gerne ein Geschwisterkind und sucht in Xenia einen Ersatz dafür.

Ein in jungen Jahren von einem Onkel ererbtes  größeres Vermögen bringt Ethels Vater Alexandre als Vormund an sich. Er bringt alles Geld dann auch ganz schnell durch, so dass die Familie sehr bald dank der unseriösen Geschäftspraktiken des Vaters mittellos dasteht.

Früh schon taucht Laurent Feld im Kreise geselliger Abende bei Ethels Eltern auf. Ethel mag ihn, vertraut ihm und wünschte sich aufs sehnlichste einen Bruder wie ihn! Wie sich das Schicksal der beiden erfüllen wird, das erfahren wir später!

Durchsichtig und leicht spinnt Clézio seine Geschichte aus, in der es um Flüchtlinge in Paris, um Reichtum, Armut, um Rivalität, große Geselligkeiten und amouröse Abenteuer geht.

Die Atmosphäre der Vorkriegs – und Kriegszeit bestimmt die Gefühlslage in den Familien. Dass Alexandre ein schwadronierender Angeber ist, der seine Frau betrügt und die Familie in den Ruin führt, zeigt die eine Seite des damaligen Lebens. Die andere zeigt eine entschlossene junge Frau, die das Schicksal der Familie in die Hand nimmt und den traurigen Niedergang zu Ende führen muss. Die Familie hungert im Süden Frankreichs dem Kriegsende entgegen.

Ethel ist die Heldin dieses Stücks Zeitgeschichte, in der durch den Krieg und familiäre Umstände ihr Glück und ihre Zukunft nur noch durch eigene Kraft zu bewältigen sein wird. Ethel beeindruckt durch ihre sensible und scharfe Beobachtungsgabe, mit der sie ihr persönliches Unglück realisiert. Fein gezeichnet erlebt man eine dekadente Gesellschaft, die in den letzten Zügen liegt. Dass Esther ihr Leben und das ihrer Familie zu meistern versteht, bildet den Plot der Geschichte. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes ihre „eigene Schmiedin des Glücks!“

Die Naziherrschaft und die Judenverfolgung in Frankreich sind Themen, denen sich Clézio schon in anderen Werken( Fliehender Stern) angenommen hat.

Nachvollziehbar, lebhaft und glaubwürdig zeigt Clézio  als Meister der Poesie erneut, dass er den Nobelpreis 2008 verdient hat!

J.M.G. Le Clézio
Das Lied vom Hunger
Gebundene Ausgabe: 217 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462041363
ISBN-13: 978-3462041361

Erich Kästner: Als ich ein kleiner Junge war

Erich Kästner: Als ich ein kleiner Junge war

Erinnerungen und Bilder aus einer anderen Zeit……

Erich Kästner hat in diesem Büchlein in einer liebevollen Aufzeichnung die Schilderung seiner frühen Kindheit und Jugend  festgehalten. Er ist 1899 geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf.

Der Vater konnte als Sattlermeister nur mühsam alleine das Auskommen für die Familie sichern. Seine Mutter trug mit harter Arbeit zum Lebensunterhalt bei: zuerst als Putzmacherin und später als Friseurin. Als einziges und sehr geliebtes Kind fühlte sich Erich geborgen und behütet im Kreise einer großen und weitläufigen Familie mit vielen Onkeln und Tanten, in der es schon einmal krachte. Man blieb sich aber über alle Zeiten hinweg gewogen nach dem Motto „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.“

Damals gab es keineswegs soziale Hilfen wie heute, die einen gewissen Lebensstandard garantierten, sondern jeder sah zu, wie er auf eigene Faust den Lebensunterhalt sichern konnte.
Alleine das Vorbild seiner fleißigen Eltern, die man nach damaligen Maßstäben wohl als „rechtschaffen“ bezeichnen würde, gab dem Jungen Halt, Sicherheit und das Gefühl der Geborgenheit. In liebevollen Worten, anerkennend, schlicht und selbstverständlich entsteht das Bild einer geordneten Welt, in der feste Bindungen zur Sicherheit des Lebens beitrugen. Die äußeren Umstände wie Krieg und Not brachten zwar Schmerzen und Entsagungen, doch konnten sie der innerlich übersichtlichen Welt nichts anhaben.

Kästner spricht den Leser in seiner Erzählung unmittelbar an, so als sei er sich dessen Einverständnisses sicher. Das mag den Eindruck erwecken, als spräche er zu Kindern. Diese aber würden sicher mit dem Text wenig anfangen können; ist er doch ein wenig naiv und nostalgisch. Unsere technisch orientierten und befähigten Kinder, deren Welt rasant und schnell verläuft, und die einem Harry Potter mit seinen Mysterienabenteuern hinterherlaufen, könnten wohl kaum nachvollziehen, um wie viel langsamer, gemächlicher und entbehrungsreicher die Welt vor hundert Jahren aussah. Auch die Dankbarkeit für Kleinigkeiten und die Aufopferung der Mutter würde wohl heute kaum gewürdigt. Wird doch gegenwärtig alles für selbstverständlich genommen, und die Vielfalt der Angebote unserer lieben Kleinen könnte sich mit den einfachen Zinnsoldaten eines Erich Kästners wohl kaum begnügen.

Wir leben in einer anderen Zeit, und so werden vor allem die Älteren unter den Lesern ein Stück Vergangenheit wieder finden, sei es aus eigenem Erleben, Erzählungen oder Aufzeichnungen der Ahnen.

Erich Kästner
Als ich ein kleiner Junge war
Taschenbuch: 208 Seite
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3423130865
ISBN-13: 978-3423130868
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Jeremy Page: Tagebuch eines ungelebten Lebens

Jeremy Page: Tagebuch eines ungelebten Lebens

Für Guy hat das Leben keinen Sinn mehr. Sein kleine Tochter lebt nicht mehr. Daraufhin haben seine Frau und er sich getrennt. Guy hat sich zurückgezogen auf sein Boot, ein altes holländisches Frachtschiff. In dieser Einsamkeit setzt er das Familienleben in einem Tagebuch fort. Jeden Tag schreibt er, als wäre seine Tochter noch am Leben und seine Frau bei ihm. Doch nicht nur er sucht auf dem Wasser Ruhe, Geborgenheit und Schutz. So lernt er Marta und ihre erwachsene Tochter kennen. Ihre Probleme beginnt er, an sich heran zu lassen. Er muss dafür ein Stück weit seine Traumwelt verlassen und in die Realität finden.
Das hat Folgen. Die Tagebuchwelt verändert sich, beginnt ein Eigenleben. Der Ton ändert sich. Die kleine Familie bekommt Probleme. Guy fühlt sich bald weder in seinen Gedanken, noch in der Realität wohl. Der Druck wird so groß, dass er bald keinen Ausweg mehr weiß.

Es ist beängstigend zu sehen, wie Guy in einer Trauerphase versinkt, die nicht enden will. Traum und Wirklichkeit vermischen sich. Nur so ist das Leben überhaupt noch auszuhalten. Oder auch nicht. Man macht sich Sorgen um Guy, der immer wieder mit lebensgefährlichen Aktionen den Tod herausfordert.
Die Atmosphäre im Buch, von Trauer und Trostlosigkeit getragen, dürfte so manchen Leser überfordern.
Der Autor findet Worte für ein Schicksal, das beeindruckt und zu Herzen geht. Gefühle werden nachvollziehbar deutlich. Gefühle, die man eigentlich niemals spüren will.
So gut das Buch auch geschrieben ist, es macht unendlich traurig. Am Ende möchte man einen Stift zur Hand nehmen und fortsetzten, was offen endet. Man möchte dem Ganzen irgendetwas Positives geben. Aber irgendwie ist alle Hoffnung dahin.

Rezension von Heike Rau

Jeremy Page
Tagebuch eines ungelebten Lebens
Übersetzt von Andreas Gressmann
416 Seiten, gebunden
Mare Verlag
ISBN-10: 3866481136
ISBN-13: 978-3866481138
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Gerard Donovan: Winter in Maine

Gerard Donovan: Winter in Maine

Zuweilen sind es erste Sätze, die einen Leser in Bann schlagen und sofort Neugierde wecken, weiter zu lesen.
Diese Erfahrung verbindet sich für mich mit dem „ Winter in Maine.“

Ruhe, Geruch nach Wald und Holz, Stille und das Knacken der Äste, dazu das prasselnde Feuer im Ofen: hier fühlt man sich wohl, hier möchte man sein! In der Hütte an den Wänden stehen  Bücherregale mit zahlreichen Büchern, erste und seltene Ausgaben sind darunter.

Julius Winsome, ein Mann von 51 Jahren, sitzt in seiner Hütte  hoch oben im Wald nahe der kanadischen Grenze am Feuer und liest. Dann peitscht ein Schuss nicht weit entfernt. Wer könnte da geschossen haben?
Nach kurzer Zeit vermisst der Mann seinen Hund  Hobbes. Es dauert nicht so lange, da findet er ihn angeschossen nicht weit von der Hütte entfernt. Der Tod des Hundes verändert sein Leben und trifft ihn tief.

Er ist ein einsamer Mann, der in Verehrung für und mit seinem Vater lange Jahre zusammen hier in der einsamen Hütte im Wald  gelebt hat. Mit Sätzen wie diesen: „ er war ein freundlicher Mensch, „ und „ solche Menschen gibt es nicht oft “ bis zu dieser besonders charakteristischen Bemerkung „von ihm lernte ich auch, wie man still ist,“ kann man sich ein Bild von Vater und Sohn machen.

Was so still und freundlich beginnt, wandelt sich allmählich in eine zuerst beschauliche und zuletzt gefährliche Lebensgeschichte. Der große Shakespeare begleitet mit seinen Worten und Werken das Leben von Julius Winsome, den nach dem Verlust seines Hundes eine stete Unruhe treibt, der Boshaftigkeit des Menschen auf die Spur zu kommen.

Philosophisch und weise sucht er nach der Fährte des Hundemörders. Er begegnet seiner erneut seiner einzigen Gefährtin, die ihn vorübergehend vor einigen Jahren aus seiner Einsamkeit beglückend erlöst hatte. Schon bald aber kam sie nicht mehr und überließ ihn wieder seinem Leben in der Abgeschiedenheit.

Löst die Ruhe und Stille und der verschneite Wald eher poetische und besinnliche Gedanken aus, so treibt eine unausgesprochene Spannung den Leser in Gedanken zu dem trauernden Mann, der auf Rache am Tod seines Hundes sinnt.
Das Böse und das Gute stehen sich gegenüber. Die anhängliche, arglose Kreatur und der nachdenklich- mitleidige Held bilden eine Einheit, die in Spannung zur Gnadenlosigkeit und Unmenschlichkeit in Gestalt eines plumpen und bedenkenlosen Polizisten steht.
Man ist berührt und steht dem Widerspruch zwischen sensibler Beobachtung und grausamer Handlung ratlos gegenüber.

Das Ende der Geschichte entspricht der Intention des Romans, in dem es um Einsamkeit, Sehnsucht nach Gemeinschaft und Liebe, Verlust, Güte, Verzeihen und die dem Menschen innewohnende Aggression geht. Eine ungewöhnliche  und widersprüchliche Geschichte bringt den Leser ganz nahe an die existenziellen Gefühle des Menschen und stimmt nachdenklich, anregend, traurig und wütend.

Gerard Donovan ist ein Meister der überzeugenden Erzählkunst, der sich in die Herzen der Leser hineinschreibt, weil man sich seiner menschlichen Wärme und Anteilnahme nicht entziehen kann.

Gerard Donovan
Winter in Maine
Gebunden 208 S.
Luchterhand
ISBN-10: 3630872727
ISBN-13: 978-3630872728
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Manil Suri: Shiva

Manil Suri: Shiva

Indien, das Land der Geheimnisse, der politischen Unruhen und der auseinander driftenden Interessengruppen bietet den Plot zu vorliegenden Roman von Manil Suri.
Tief in die Sitten und Gebräuche indischen Lebens führt uns der Autor hinter die Kulissen eines Landes, das auch heute noch für uns fremdartig und von ungeheuren sozialen Unterschieden gezeichnet ist.
In den einfachen Hütten und Häusern der Armen gibt es kaum Strom oder fließendes Wasser, während die besser gestellten Bürger mit Klimaanlagen und westlichem Komfort leben können.
Als Meera sich in den Liebhaber ihrer Schwester Roopa verliebt, die längst eine bessere Partie für sich im Auge hat, weiß sie nicht, auf was für ein Leben sie sich einlassen wird.
Der Vater der beiden Mädchen, ein gebildeter Verleger, wurde schon als Kind mit einem Mädchen verheiratet, das weder lesen noch schreiben kann. Er ist ein guter Vater, der nur das Beste für seine Kinder will. Mit Entsetzen nimmt er zur Kenntnis, dass sich Meera mit dem kommenden Schlagersänger Dev eingelassen hat. Ausgestattet mit einer für die armselige Schwiegerfamilie hervorragenden Aussteuer, kann diese sich nur freuen über das neue Familienmitglied. Erst nach der Hochzeit mit dem hübschen und verwöhnten Söhnchen aus armem Hause ahnt Meera, welche Entbehrungen sie in der neuen Familie auf sich nehmen muss.

Mit Dev durchlebt sie schwere Zeiten, denn er ist unzufrieden in einem unter geordneten Beruf und träumt von seiner Sängerkarriere. Meeras Vater schmiedet den Plan, seine Tochter studieren zu lassen. Trickreich und unter schweren Opfern für seine Tochter kommt er seinem Ziel langsam näher.

Meera geht mit Dev nach Bombay, wo der Vater Studium und Wohnung bezahlt und dem Schwiegersohn bei der Verwirklichung seiner Sängerkarriere behilflich ist.
Meera schlägt sich schlecht und recht durch. Sie versucht Dev eine gute Frau zu sein, ist ihm willfährig, doch es zeigt sich, dass er von schwachem und labilem Charakter ist.

Einblicke in die beiden unterschiedlichen Familien zeigen das soziale und das Bildungsgefälle in dem übervölkerten Staat.

In seinem groß angelegten Indienroman lernt man die Zeiten nach der Unabhängigkeitserklärung von 1955 kennen. Unruhen zwischen Moslems und Hindus teilen in Geiste und Mentalität die Familien. Meeras gebildeter Vater ist liberal und offen, Devs Familie, die einen Bahnwärter zum Familienoberhaupt hat, ist eng im Denken und hängt der Organisation der Hindus an, die den Moslems feindlich gesinnt sind.
Die Auswirkungen der Schichtunterschiede sind beträchtlich. Sowohl die Lebensform, die Denkweise als auch das Miteinander der Familienmitglieder ist durch auffallende Unterschiede gekennzeichnet. Meera geht einen mühsamen Weg zwischen Tradition und Moderne.
Der Autor bietet Einblicke in das Innere des Landes und seiner Bevölkerung und in Konflikte, die sich aus Bildungsunterschieden, Armut, Hoffnungslosigkeit, Lethargie und dem Lebensstandard einzelner Bevorzugter ergeben. Meera ist die zentrale Figur, auf die sich die Potenziale aller Möglichkeiten konszentrieren. In ihrer Figur sieht man sich mit den Widersprüchen konfrontiert, die sowohl die politische, traditionelle und mit den Gegenwartslösungen befasste Realität für jeden Beteiligten bedeutet.

Ein unfassendes Bild indischer Wirklichkeit ist entstanden, das verwirrend, glaubwürdig und folgerichtig in der Darstellung und spannend zu lesen ist.

Manil Suri
Shiva
Gebundene Ausgabe: 496 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag (24. August 2009)
ISBN-10: 3630872891
ISBN-13: 978-3630872896
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Elisabeth von Arnim: Verzauberter April

Elisabeth von Arnim: Verzauberter April

Vier Damen unterschiedlicher Herkunft aus England machen sich Mitte der zwanziger Jahre auf, um einen ungestörten Urlaub in der Toskana zu verbringen. Ihrer Ehen überdrüssig, voller Sehnsucht, den Alltagstrott einmal hinter sich zu lassen, gestatten sich zwei von ihnen, verwegen auf eigene Faust sich diesen Urlaub zu gönnen.
Zuerst sind es nur zwei, die sich verabreden, ein Castello unweit von Genua mit Blick auf das Meer zu mieten. Als die Miete ihnen zu hoch erscheint, gewinnen sie noch zwei weitere Damen zu ihrem Plan dazu.

Abenteuerlich und wirklich zuweilen etwas irritiert über den eigenen Mut, gehen sie die Reise an. Das adlige Fräulein Caroline und die alte Frau Fisher sind die neu hinzu gewonnenen Partnerinnen dieser ungewöhnlichen Reise.
Was es an Zauber zu bewundern gibt,–sie geben sich gerne und aufgeschlossen dem Anreiz der malerischen und bunten Landschaft mit den fremden Blumen und Früchtedüften hin.

Allerdings zeigt sich alsbald, dass sich Hierarchien wie überall entwickeln, und dass ohne Aufsicht des Personals der tägliche Arbeitsablauf nicht gelingen will. Jede denkt, die andere soll es richten, und so entsteht ein gruppendynamischer Prozess, der es in sich hat.

Fein und detailliert beobachtet die Autorin die Eigenarten der einen wie der anderen. Sie weiß genau zu berichten, was in den Köpfen der einzelnen vor sich geht. Wie da gerangelt und innerlich gestritten wird, und wie eine jede versucht, die andere zu übertrumpfen oder zu unterjochen….
Jede hat ihr Schicksal, sei es mit einem ungeliebten Mann, sei es ohne einen Gemahl, oder bei der hübschesten, jüngsten und adeligen unter den vieren in Erwartung einer Zukunft mit Familie!
Man erlebt einen wirklich zauberhaften April in Italien mit dem blauen Meer, einem herrlichen Ambiente, liebevollem Dienstpersonal und einer schrulligen Mrs. Fisher, die sich zur Obergouvernante über alle anderen erhebt.
Es ist ein Lust, das kleine Büchlein zu lesen, das in das England der zwanziger Jahre entführt, bürgerliche Konventionen berührt und vier ganz verschieden geartete Charaktere in Gestalt der vier Damen lebendig werden lässt.

Elisabeth von Arnim Verzauberter April
Broschiert 273 S.
Insel Verlag
ISBN-10: 345834957X
ISBN-13: 978-3458349570