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Kategorie: Biografie

Peter Härtling: Verdi

Peter Härtling: Verdi

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Lebensbild des Giuseppe Verdi auf der Höhe seines Ruhms und seiner Größe.

Mit dem Leben des alternden Verdis, der bereits zu Ruhm und Ansehen gelangt ist, beginnt der neue Roman von Peter Härtling über den Komponisten und bekannten Musiker Giuseppe Verdi.

Dieser besitzt zu dieser Zeit um 1870 mehrere Wohnsitze, eine ihn liebevoll umsorgende Frau, und er macht sich gerade an die Komposition zu einem ersten Streichquartett.

Wir erleben ihn knurrig, leicht unzufrieden und ebenso leicht despotisch. Kritik gegenüber ist er hoch empfindlich. Er komponiert und arbeitet, trifft sich mit Sängerinnen und Sängern und lebt ein ausgefülltes Leben. Voller Unrast und Unruhe reist er von einem Wohnsitz zum nächsten und ist auch von seiner Frau nicht zur Ruhe zubringen.

Als ihn 1883 die Nachricht vom Tod Richard Wagners erreicht, ist er getroffen, wenn er auch dessen musikalisches Werk nicht schätzte.

Doch gerade schwingt er selber sich zu neuen ungeahnten Erfolgen auf: Otello und Falstaff stehen vor den Erstaufführungen. Auch ein Requiem zu Ehren des verstorbenen Dichters Alessandro Manzoni bringen ihm Ruhm und Ehre ein.

Peter Härtlings bedient sich in seinem neuen Roman einer abgeklärten und behäbigen Erzählweise.

Detailversessen beschreibt er die damalige Musikszene in Mailand, Berlin und London. Sänger und Librettisten buhlen um seine Gunst, doch auch die Neider sind nicht fern.

Für den Musikkenner enthält der Roman atmosphärisch dichte Partien. Der ganze Roman entspricht in den Kapiteln einer groß angelegten Fuge.

Härtling ist ein ausgewiesener Musikkenner. In seinen früheren Romanen hat er sowohl Schumann als auch Schubert und Fanny Mendelssohn Denkmäler gesetzt. Unübertroffen bleibt für mich sein Roman über Hölderlin, der mich zu seinem Lesefan gemacht hat.

Dieser letzte Roman erscheint mir ein wenig zu ausufernd. Es gibt u.a. musiktheoretische Anmerkungen, die eine gewisse Fachkenntnis voraussetzen. Im letzten Teil über den Tod und das Sterben findet man feinfühlige poetische Ausführungen. Hier zeigt sich Härtlings Fähigkeit, in unübertroffener Weise Stimmungen und Zeitbilder herauf zu beschwören.

Für Verdifans ist die Lektüre gewiss eine lebendige Quelle der Freude und Information.

Peter Härtling
Verdi
224 Seiten, gebundn
Kiepenheuer&Witsch, August 2015
ISBN-10: 3462048082
ISBN-13: 978-3462048087
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Alfred Neven DuMont: Mein Leben

Alfred Neven DuMont: Mein Leben

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Lebensstationen eines einflussreichen Zeitungsmagnaten.

Alfred Neven DuMont (1927-2015) war einer der bekanntesten Deutschen Zeitungsverleger in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Jetzt liegt seine Autobiographie vor, in der er uns aufschlussreiche Einblicke in sein Leben gewährt.

Aufgewachsen ist er in einem gebildeten und gut situierten bürgerlichen Elternhaus. Die Mutter wird als bezaubernde Erscheinung beschrieben. Sie ist die Tochter des als „Malerfürst“ bekannten Malers Franz von Lenbach, der in München ein stattliches Palais bewohnte.

Während die frühen Jungendjahre mit Kindermädchen, Dienstboten und Hilfskräften aller Art ein anschauliches Bild über das Kölner Großbürgertum vermittelt, beginnt mit dem Zweiten Weltkrieg 1939 ein unruhiges Dasein für den heranwachsenden Alfred. Geliebt, beschützt und verwöhnt nimmt er aber die Unbilden des Krieges mit Leichtigkeit und Neugier auf sich. Starnberg und München bieten Abwechslung und Natureindrücke, von denen er beredt zu erzählen weiß. Dank freundschaftlicher Warnungen und Hilfen entging er der Einberufung, als die letzten Kriegstage angebrochen waren.

Mit dem Kriegsende 1945 versucht er sich zunächst als Schauspieler in München. Er tummelt sich in Theaterkreisen und genießt beachtliche Erfolge.

Die Autobiographie zeichnet sich durch einen leichten Ton und frischen Lebensmut aus. Selbst eine kurze Zeit der Niedergeschlagenheit überwindet Neven DuMont, um sich danach erneut mit Tatendrang ins Leben zu stürzen.

Immer wieder spürt man das wohlwollende Elternhaus im Hintergrund und die weitreichenden Verbindungen der Eltern als sicheren Boden, auf den er bauen konnte. Doch entwickelte er sich selber zu einer souveränen und starken Persönlichkeit mit eigenen Vorstellungen und Ambitionen.

Die Verlegerkarriere im traditionsreichen Familienunternehmen wird schließlich zu seiner Berufung.

Der blendend aussehende Mann voller Elan und Ideen für eine Steigerung der Auflagen des Kölner Stadt-Anzeigers weitete sein Unternehmen zu einer umfangreichen Mediengruppe mit Buchverlag aus.

Unter den westdeutschen Zeitungsverlegern spielte er eine herausragende Rolle und wurde im Laufe seines Lebens mit hohen Auszeichnungen und Preisen geehrt.

Seine Betrachtungen und Erfahrungen sind die Basis dieser Erinnerungen. Vom Privaten geht es in das Berufliche, doch er bleibt stets diskret. Er war im wahrsten Sinne des Wortes ein „Herr“ und lebte kein gewöhnliches Leben. Da er Gott und die Welt kannte,   verkehrte er in den besten Kreisen mit Zugang zu einflußreichen politischen Persönlichkeiten.

Die mit Verve beschriebenen Lebensstationen machen die Lektüre zu einem wirklichen Lesevergnügen. Daneben bieten die Aufzeichnungen ein authentisches Zeitdokument von einigem Rang über die Nachkriegszeit bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit ihren politischen Verwerfungen.

Man verlässt dieses aufregende Leben zu Ende der Lektüre nur ungern.

Im Anhang gibt eine Zeittafel Auskunft über die Lebensstationen.

Man kann die Lektüre uneingeschränkt empfehlen.

Alfred Neven DuMont
Mein Leben
400 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, August 2015
ISBN-10: 3832198083
ISBN-13: 978-3832198084
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Sabriye Tenberken: Die Traumwerkstatt von Kerala

Sabriye Tenberken: Die Traumwerkstatt von Kerala

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Die Welt verändern und Impulse dafür geben: das ist das Thema, und das ist die Geschichte, von der man hier hören kann.

Sabriye Tenberken ist mit 12 Jahren erblindet. Dank ungeheuer positiver Erziehungseinflüsse und einer selten optimistischen Lebenshaltung hat sie es ganz weit gebracht. Nicht nach unserem herkömmlichen Sinne ist sie erfolgreich; sie ist Entwicklungshelferin von einer besonderen Art.

Nach einer guten Ausbildung und einem Studium der Tibetologie, Soziologie und Philosophie, brach sie alleine nach Tibet auf. Dort schaute sie sich um, traf ihren Lebenspartner Paul Kronenberg und gründete mit ihm die erste Blindenschule der Region.

Welche Hürden es zu überwinden galt, wie man Zugang zu den Menschen fand und Überzeugungsarbeit leistete, dass blinde Menschen nicht gleich blöde Menschen sind, das kann man sich im gewöhnlichen Leben unserer Regionen kaum vorstellen.

Die beiden Aufbauhelfer leisten Unvorstellbares und bleiben beseelt davon, dass man auf diesem Weg noch weiter fortschreiten kann.

So gründeten sie eine Traumwerkstatt in Kerala/Indien. Dorthin kommen außergewöhnliche Menschen mit Behinderungen aus aller Welt, deren Visionen von neuen Projekten Erfolg zu versprechen scheinen. Hier lernen sie gemeinsam, wie man bei dieser Aufbauarbeit vorgeht.

Im Anhang sind die Namen und Länder aufgeführt, in denen schon Projekte aus der Werkstatt von Kerala hervorgegangen sind.

Sabriye Tenberken berichtet spontan und ohne Schönfärberei von ihren Anfangsschwierigkeiten, auch von Rückschlägen, immer aber getragen von der zuversichtlichen Hoffnung auf eine Veränderung der Welt. Sie ist weder naiv noch unrealistisch. Die sachliche und konkrete Berichterstattung macht das Buch zu einem Erlebnis. Wie charakterstark und selbstbestimmt muss ein Mensch sein, der trotz Behinderung sich an diese teilweise waghalsigen Projekte wagt?

Sie hat gelernt, mit der Nase und den Ohren ihre Einschränkung der Sehkraft zu kompensieren. Sie wirkt nie unsicher oder zaghaft. Stattdessen ist sie stabil und bestimmt in ihrem Vorgehen. Man merkt, dass manche ihrer Vorhaben fast unrealisierbar erscheinen.

Diese junge Frau besitzt eine außerordentliche visionäre Kraft. Sie packt etwas an, und es gelingt ihr. Gemeinsam mit ihrem Partner Paul Kronenberg hat sie fast Berge versetzt, und sie wird es weiter tun. Bewundernswert!

Ihr sind schon zahlreiche Ehrungen aufgrund ihrer Verdienste zuteil geworden.

Sabriye Tenberken
Die Traumwerkstatt von Kerala
288 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, September 2015
ISBN-10: 3462047175
ISBN-13: 978-3462047172
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David Foenkinos: Charlotte

David Foenkinos: Charlotte

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Biographie

Der wunderbare Erzähler David Foenkinos hat sich der Biographie einer ungewöhnlichen Frau genähert. Er ist fasziniert von einer Künstlerin, die durch die Nazis umgebracht wurde und in wunderbaren expressionistischen Bildern die Geschichte ihres Lebens hinterlassen hat. Auf dem Umschlagsbild sieht man das Selbstporträt der Künstlerin: skeptisch, trotzig und abwartend!

Charlotte Salomon, geb. 1917, war Zeichnerin und Malerin und hat ihr besonderes Talent für die Malerei nur kurz feiern können. Sie war Jüdin und musste eine lange Flucht mit Verlusten überstehen, als die Judenverfolgung in Deutschland mit ihren Auswüchsen ihren Anfang nahm.

Doch wie begann das alles?

David Foenkinos berichtet über seine Entdeckung der Malerin und der Suche nach ihren Wurzeln. Er ist begeistert von ihr und verwendet in seinem vorliegenden Roman die Form der klaren Erzählung im Wechsel mit seinen eigenen Forschungen nach ihrem Werdegang. Ohne hier alles vorwegzunehmen, kann man sagen, dass auf ihrer Familie ein schweres Schicksal lastete. Zahlreiche Suizide haben in ungewöhnlicher Weise einzelne Familienmitglieder aus dem Leben gerissen.

Charlotte erfährt erst spät, wie ihre Mutter gestorben ist und besuchte in frühester Kindheit schon das Grab der Schwester ihrer Mutter, die ihren Namen trug. Die Mutter starb 1926 ebenfalls durch Suizid.

Die Künstlerin wirkte wie ein erschrockener Mensch, der sich schon in frühester Kindheit tragischen Familienereignissen ausgesetzt sah, ohne diese zu verstehen. Sie machten sie einsam und ließen sie früh schon zum Zeichenstift greifen.

Der Vater hatte 1930 in zweiter Ehe eine bekannte Konzertsängerin geehelicht, die von Charlotte sehr akzeptiert wurde. Man führte in Berlin Charlottenburg ein großbürgerliches Leben. Bekannte jüdische Künstler, Wissenschaftler und Größen aus Forschung und Lehre verkehrten in dem geselligen Haus.

Nach Hitlers Machtergreifung 1933 wurde das Leben für Juden jedoch ungeheuer schwer. Jeder kennt die Folgen.

Charlotte gelingt dank ihrer außergewöhnlichen Begabung und Befürwortung durch einen Kunstlehrer zunächst noch die Aufnahme in die Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst. Doch auch das Glück dieser Tage endete durch die politischen Ereignisse.

Foenkinos hat eine Gabe, klar und nüchtern und doch ansprechend zu erzählen. Er beschreibt detailgenau, wie er für dieses Sujet zu eben dieser Erzählweise fand. Die knappen und kurzen Sätze ergeben ein ungeschöntes aber wahrheitsgetreues Bild der Künstlerin. Jeder Satz beginnt auf einer neuen Zeile, als solle ihm damit Nachdruck verliehen werden.

Durch die Erzählweise in dieser besonderen Form, in der das Leben von Charlotte Salomon noch einmal heraufbeschworen wird, erfährt man von einer Ausnahmekünstlerin mit ihrer besonderen Ausstrahlung.

Obwohl sie innerlich einsam war, besaß sie doch enorme seelische Kräfte. Eine kurze Liebesaffäre mit dem Gesangslehrer ihrer Stiefmutter ließ sie nie mehr los. Die Geschicke der Zeit im dritten Reich führten sie auf einem langen Weg über Frankreich und das Lager Gurs nach Südfrankreich, wo sie für einige Zeit sicher war.

Ihre Lebensgeschichte hat sie in einer Zeichenmappe mit dem Titel „Leben? Oder Theater?“ mit Bildern und Texten als Vermächtnis hinterlassen. In zahlreiche Ausstellungen waren ihre Bilder seither immer wieder zu betrachten. David Foenkinos ließen sie nie mehr los!

Man bleibt fasziniert und vertieft sich mit anhaltendem Interesse in die Geschichte dieser feinen, sensiblen und tief fühlenden Künstlerin, die wie so viele andere am Ende den Tod im KZ fand.

Foenkinos hat ihr mit seiner fabelhaften Erzählweise in der Übersetzung von Christian Kolb Ausdruck und Leben verliehen.

David Foenkinos
Charlotte
240 Seiten, gebunden
Deutsche Verlags-Anstalt, August 2015
ISBN-10: 3421047081
ISBN-13: 978-3421047083
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Philippe Pozzo di Borgo: Ich und Du

Philippe Pozzo di Borgo: Ich und Du

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Schicksal meistern lernen…

Dieses neue Buch von Philippe Pozzo di Borgo nimmt einen von der ersten Zeile an gefangen.

Er hat ein ungewöhnliches Schicksal.

Nach der Lähmung von den Schultern abwärts durch einen Gleitschirmabsturz und nach dem Krebstod seiner Frau, als er ca 43 Jahre alt war, hat Philippe Pozzo di Borgo wohl so ziemlich alles an schwerem Leid ertragen müssen, was man als Mensch nur fassen kann. Zu Monate langen Krankenhausaufenthalten verdammt hat er, der aus einer wohlhabenden Familie stammt, viel Zeit zum Nachdenken und Reflektieren.

Jenseits des öffentlichen Hypes um den Autor, der mit seinem Buch und Film „Ziemlich beste Freunde“ seit einigen Jahren Furore macht, spricht hier derselbe Mensch über seine Selbsteinsichten gepaart mit zuweilen herber Selbstkritik. Die geäußerten Gedanken sind offen, ehrlich und aufrichtig.

Pozzo di Borgo hat offensichtlich seine Hybris und Eitelkeiten abgelegt und ist durch leidvolle Erfahrung zu einer inneren Haltung gelangt, die ihn wach und lebendig im Geiste zu immer tieferen Einsichten führt. Es geht ihm um Toleranz und Respekt dem Nächsten gegenüber, um eine Horizonterweiterung im Denken und darum, Mitmenschen in ihrer je eigenen Art gelten zu lassen. Seine These heißt: aus Ich und Du soll Wir werden in gegenseitiger Toleranz, Akzeptanz, Wohlwollen und Anerkennung.

Der Text ist selbstverständlich und klar im Ausdruck, so dass man keinerlei Eitelkeiten oder gar Eiferertum entdecken könnte.

Wenn das Leid gar zu groß wird, beschreibt er, wie er dann im „Augenblick“ zu leben beginnt. „Es mag prätentiös klingen, aber ich betrete dann die „Zeit“.( S 42)

Der Autor lässt mit dieser Niederschrift andere an seinen Einsichten teilhaben. Sympathisch, mit einem Schuss Ironie und Humor, hat di Borgo seine Entwicklungsgeschichte beschrieben, die ganz einfach neugierig macht. Neugierig auf einen Menschen, dessen Kräfte schier unerschöpflich zu sein scheinen, und der immer neue Stadien und Hürden des Lebens bewältigt.

Eingeflochtene kurze biographische Einschübe erweitern den Blick auf eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Sie mag wahrlich Trost und Vorbild für andere Betroffene sein.

Festhalten muss man, dass Pozzo di Borgo eine visionäre Vorstellung über das menschliche Miteinander hegt, die sich nur schwer verallgemeinern lässt. Zu groß sind die Diskrepanzen der menschlichen Spezies zwischen Herkunft, Bildung, Begabung, Chancen und Wohlstand.

Man kann jedoch von seinem Weg durchaus für das eigene Wachsen und Gedeihen profitieren.

Für die Nachdenklichen unter den Lesern ist die Lektüre überaus lehrreich und anregend.

Philippe Pozzo di Borgo
Ich und Du
152 Seiten, gebundn
Hanser Berlin, August 2015
ISBN-10: 3446249451
ISBN-13: 978-3446249455
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Helen Mcdonald: H wie Habicht

Helen Mcdonald: H wie Habicht

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Falknerin zu werden, war schon immer das Ziel von Helen McDonald. Schon als sie noch ein Kind war, nahm dieses Vorhaben Gestalt an. Ihr Vater ermutigte und unterstützte sie. Und so ging Helen ihren Weg. 2007 starb der Vater plötzlich. Helen gerät in eine tiefe Krise. Immer weiter zieht sie sich zurück. Beschließt dann aber, sich ein Habicht-Weibchen zu kaufen. Es wird ein anderer, als der ursprünglich zum Kauf stehende Vogel, weil es Faszination auf den ersten Blick ist. Sie nennt ihren Habicht Mabel. Die Abtragung geht langsam vonstatten. Aber Helen stellt sich dieser äußerst schwierigen Aufgabe.

Orientierung gibt ihr T. H. White mit seinem Buch „The Goshawk“. Die Zeit, die zwischen der Erscheinung dieses Buches im Jahre 1951 und der Gegenwart liegt, ist lang. Die Fehler, die man heute machen kann, sind dieselben wie damals. Helen will sie nicht wiederholen und arbeitet hart, mit Geduld und Zuversicht. Aber auch mit Besorgnis und Zweifeln. Bald hat sie erste Erfolge zu verzeichnen, aber immer sind auch Rückschläge hinzunehmen.

So konzentriert Helen auch arbeitet, die Zurückgezogenheit lähmt sie in allen anderen Bereichen. Doch sie braucht diese Zeit, um zu trauern und um sich zu erinnern. Die Natur und die Wildheit des Habichts helfen ihr, die Bodenhaftung nicht gänzlich zu verlieren. Letztendlich kann ein wildes Tier aber kein Gefährte sein. Doch die Realität muss warten.

Es ist ein autobiographisches Buch, das berührt. Helens Trauer scheint so unbezähmbar wie der Habicht. Das als Leser nachvollziehen zu dürfen, heißt, über das Leben nachzudenken und über den Tod. Es heißt, sich der Mediation der Autorin anzuschließen.

Es ist nicht so, dass mir das Buch durchweg gefallen hat. Es ist eine traurige und auch sehr persönliche Geschichte. Manche Zusammenhänge haben sich mir nicht offenbart. Trauer und Schmerz mit der Zähmung eines wilden Habichts zu verarbeiten, ist einfach für mich schwer nachvollziehbar. Manchmal konnte ich mich darauf einlassen, manchmal nicht. Aber wie auch immer: Es ist der Weg von Helen McDonald gewesen und für sie war es der richtige.

Rezension von Heike Rau

Helen Mcdonald
H wie Habicht
Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer
416 Seiten, gebunden
Allegria Verlag
ISBN-10: 3793422984
ISBN-13: 978-3793422983
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Verena Lueken: Alles zählt

Verena Lueken: Alles zählt

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Schicksale…

Wunderbar eingängig und sehr flott in der Diktion beginnt der neue Roman von Verena Lueken über eine Frau und ihre Geschichte.

Sie kommt aus Frankfurt/M nach New York, es mag im Jahr 2013 sein, und lebt für einen Sommer in der Wohnung von Freunden. Mit wenigen Worten verdichtet sich das Leben in der heißen, lauten, wilden und multikulturellen Stadt, in der in der Hitze des Abends Jazzklänge zum Tanzen verleiten, und die Menschen in einem fremdartigen Völkergemisch ihren Freuden, Nöten und allerlei sonstigen Tätigkeiten nachgehen.

Doch die Erzählerin ist krank. Sie wird eine schwere Operation erleiden müssen und sich den Fragen von Tod und Leben gegenübersehen.

Die Erzählung setzt sich schmissig fort und lässt in ihrem Tempo nicht nach. Erinnerungen an frühere Lebenszeiten und Erinnerungen an eine bewunderte Mutter und deren Lebenspartner wechseln ab mit den wachen Gedankenspielen darüber, welche Lebensphasen, Ziele und Gewohnheiten dem Leben inne wohnen.

Atmosphärisch dicht und im Erzählstrang nachdenklich erlebt man Reflexionen, Zweifel und kritische Lebensbetrachtungen einer Protagonistin, die es nicht leicht mit ihrer schweren Krankheit hat. Ihre nüchterne Betrachtungsweise und die klaren Ansagen zum eigenen Befinden werden sachlich vorgetragen. Erzählung reiht sich an Erzählung, in diesem Falle Erinnerungen und tägliche Begegnungen, ohne dass zwischen den einzelnen Episoden Brüche entstehen. Das erweckt den Eindruck einer flüssig fortschreitenden Geschichte.

Verena Lueken schreibt einen poetischen Stil, in dem das Leben in seiner ganzen Bandbreite Platz findet. Sie kann mit wenigen Worten Stimmungen, Ängste und Nöte einfangen, ohne je aufdringlich zu werden. Man fühlt sich berührt und liest mit großer Aufmerksamkeit, wie die namenlose Frau in dieser Erzählung ihr Leben zu meistern versucht.

Verena Lueken
Alles zählt
208 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, August 2015
ISBN-10: 3462047973
ISBN-13: 978-3462047974
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Hugues De Montalembert: Der Sinn des Lebens ist das Leben

Hugues De Montalembert: Der Sinn des Lebens ist das Leben

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Mut und Kraft zum Leben!

„Ich glaube, solange man morgens voller Hoffnung aufwacht, ist man guter Verfassung. Wenn man morgens aufwacht und sich am liebsten nur auf die andere Seite drehen will, um weiterzuschlafen, ist man in großer Gefahr. Und manchmal passiert das auch mir“.

Mit diesen klaren Worten beendet ein Mann seine Lebensgeschichte, die ihm ein unwahrscheinliches Lebensschicksal aufgebürdet hatte.

Der Autor ist nach einem Überfall in New York und einer damit einhergehenden Säureattacke innerhalb weniger Stunden vollständig erblindet. Dieses Schicksal erleidet ein Mann, der sich als Maler und Filmemacher verstand. Kann man sich vorstellen, was das bedeutet?

Hugues De Montalembert muss sich innerhalb kürzester Zeit auf ein Leben als Blinder einstellen. Wie er dieses Schicksal meistert und sich bemüht, seine alte Unabhängigkeit wieder zu erlangen, das beschreibt er in seinem vorliegenden Buch. Denn der Gedanke an den Verlust der Autonomie und die Vorstellung, fortan in seinem eigenen Käfig gefangen zu sein, bewegt ihn von der ersten Sekunde der Wahrheit an.

In zahlreichen eindrucksvollen Szenen beschreibt er, wie er sich ins Leben zurückkämpft. Er erkennt den Weg, wie er wieder zur Selbständigkeit zurückfinden kann.

An vielen Beispielen führt er auf, was man als Blinder nicht machen soll, um in der Abseitsfalle steckenzubleiben. Die Menschen anschauen und sich verhalten wie ein Sehender ist eine seiner zentralen Erkenntnisse, die ihn zuletzt zur Weisheit führten.

Als Reisender hatte er bisher sein Leben gestaltet. Sollte das unwiderruflich vorbei sein?

Wir erleben einen Mann, der sich ganz konkret zu einem Wissenden macht über das, was möglich, und das, was unmöglich sein könnte. Am Ende wird er feststellen und wir mit ihm, dass fast nichts unmöglich ist. Er wird sogar ein Ballett als Choreograph leiten!

Dieses kleine Büchlein ist ein weiser Lebensführer durch das Leben, wenn man die Möglichkeiten denn nur zu fassen weiß!

Lehrreich und erfahrungssatt schließt das Buch, das man jedem Verzagenden nur als Lektüre empfehlen kann!

Hugues De Montalembert
Der Sinn des Lebens ist das Leben
128 Seiten, broschiert
DuMont Buchverlag, Juni 2015
ISBN-10: 3832163247
ISBN-13: 978-3832163242
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Oliver Sacks: On The Move Mein Leben

Oliver Sacks: On The Move Mein Leben

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Abenteuer Gesundheit…

Als berühmtester Neurologe der Welt wird Dr. Oliver Sacks ausgewiesen!
Sein Buch „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ machte ebenso Furore wie das Buch mit dem Titel „Zeit des Erwachsens“, nach dem ein gleichnamiger Film entstanden ist.

Was macht uns als Leser so neugierig auf die Autobiographie?

Es sind u.a. die Fallgeschichten, mit denen er in seinen Büchern Furore gemacht hat. Wie war dieser Mensch mit seiner intensiven Affinität zu den ihm anvertrauten Patienten?

Er war offensichtlich von einer tiefen menschlichen Verständnisfähigkeit für die körperlichen Malaisen seiner Patienten.
Anomalien im Verhalten beruhen nach seinen Ausführungen auf einer Fehlsteuerung im Gehirn, Schädigungen der Hirnzellen oder auch seltenen Stoffwechselstörungen oder fehlgeleiteten Ausschüttungen wichtiger Botenstoffe im Gehirn, die für das Zusammenspiel von Körper und Geist vonnöten sind.

Nach einem Studium der Medizin in England ging er nach Amerika, wo er an verschiedenen Kliniken, zuletzt in New York, gearbeitet hat.
Mittlerweile ist er 81 Jahre alt und berichtet hier von seinem Leben, das von Wechseln, Krisen, Erfolgen und Neugier getragen war.

Seine Erfahrungen auf dem Gebiet der Medizin und Menschenkunde sind aufregend. Privat hatte er einige wenige sehr enge Liebesbeziehungen zu Männern. In einer kritischen Phase seines Lebens war er schwer drogensüchtig. Das Motorradfahren war ihm früh im Leben schon Lebenselixier, dem er sich mit Leidenschaft überließ.
Hohe Intelligenz und Kreativität zeichnen seinen Berufsweg aus.

Durch seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen gewann er Achtung und Ansehen, musste allerdings auch die unangenehmen Begleiterscheinungen von Neid und Missgunst erleben.

In seinem Buch über seinen Werdegang erlebt man einen sehr offenen und äußerst ehrlichen Burschen, der mit vielerlei eigenen Entwicklungsproblemen zu kämpfen hatte. Sein Buch ist detailreich, zuweilen sehr auf seine medizinischen Forschungen und Erfolge ausgerichtet, doch immer von einer tiefen Anhänglichkeit und Würde getragen, mit denen er nächsten Angehörigen, Mitarbeitern und guten Freundinnen und Freunden zugetan war.

Seine unterschiedlichen Charaktereigenschaften zeigen ihn in seinen menschlichen Bezügen liebevoll und treu. Eigene Konflikte werden souverän von ihm thematisiert. Sie lassen ihn sehr sympathisch erscheinen. Er stellt bewusst heraus, dass ihm nichts Menschliches fremd ist. Seine Persönlichkeit befähigt ihn offensichtlich in besonderer Weise, Menschen mit diversen Krankheitssymptomen gerecht zu werden.

Die Autobiographie liest sich spannend und anregend. Man ist beeindruckt von einem Menschen, der mit Kraft, Liebe und Engagement seiner Berufung als Neurologe und Schriftsteller nachgekommen ist. Sehr lesenswert!

Oliver Sacks

On The Move Mein Leben
Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
Rowohlt, Mai 2015
ISBN-10: 3498064339
ISBN-13: 978-3498064334
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Ram Oren: Gertrudas Versprechen

Ram Oren: Gertrudas Versprechen

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Dieser Bericht stützt sich auf eine wahre Begebenheit.

Er handelt von der Nazizeit, von Bedrängnis und aufkommende Verfolgung bis hin zu Flucht und Vernichtung aller menschlichen Würde und des jüdischen Lebens.

Gertruda hat nach einigen schweren Enttäuschungen in ihrem Leben eine Stelle als Kinderfrau bei einer sehr reichen polnisch-jüdischen Familie angenommen. Sie selber ist katholisch. Michael ist das einzige Kind der Familie, heiß ersehnt und fürstlich umgeben von Reichtum, Fürsorge und der Liebe seiner Eltern. Er ist ein reizendes Kind, für das Gertruda von Beginn an eine tiefe Zuneigung hegt.

Als die Nazis in Deutschland an die Macht kommen, mehren sich die Anzeichen, die auf schwere Verfolgungen bis hin zu Folter, Tod und Vernichtung aller Juden hinweisen. Der Millionär Jakob Stolowitzky und seine Frau Lydia können lange nicht glauben, das da in Deutschland passiert.

Parallel zu dieser Geschichte gibt es in Deutschland Karl Rink mit seiner jüdischen Frau Mira und Tochter Helga. Karl hat während der Arbeitslosigkeit Aufnahme in die SS gesucht und gefunden. Auch er will nicht glauben, dass die angekündigten Exzesse Hitlers und seiner Nazibonzen zum Erfolg führen könnten, bis es so aussieht, als wäre es zu spät für Frau und Kind, dieser Hölle zu entkommen.

Ram Oren hat eine dramatische Geschichte zu erzählen. Ihm gelingt es, die Verdichtung von guten und friedlichen Zeiten und großem Glück hin zu der Zeit des Terrors, der Angst und schlimmster Verfolgung mit klugen und ausgewählten Beschreibungen herauf zu beschwören. Man fühlt sich ganz dicht am Geschehen, fürchtet sich und freut sich, je nach Schilderung, mit den Protagonisten. Wenn Dichtung und Wahrheit hier dicht beieinander liegen, so ist das Stilmittel der Dichtung durchaus erlaubt, um die schauerliche Zeit des Nationalsozialismus hautnah vor Augen zu führen. Der Erzählstrang führt gelegentlich alle erwähnten Personen zusammen.

Alles überragend wird hier auch die Geschichte einer Mutterliebe und einer Treue erzählt, wie sie ihresgleichen sucht.

Wie man das aus zahlreichen Erzählungen und vielen Biographien kennt, war die Hitlerzeit das Schlimmste, was in einem aufgeklärten christlichen Land geschehen konnte. Ram Oren besticht durch die Macht seiner Erzählkunst, mit der er die Geschichte so erzählt, dass man meint, man sei dabei gewesen. Unvorstellbare Strapazen, Ängste und Zufälle bestimmen das Geschehen, das in seiner Dramatik kaum zu überbieten ist. Man lese das Buch und erfahre erneut, wie die Barbarei in unserem Land Platz gefunden hatte.

Ram Oren
Gertrudas Versprechen
352 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, Mai 2015
ISBN-10: 3832163336
ISBN-13: 978-3832163334
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