Kleiner Bruder zu verkaufen

Kleiner Bruder zu verkaufen

Als Lisas Bruder noch ein Baby war, war er einfach nur klein und süß. Nun ist, so findet sie, ein Monster aus ihm geworden. Er hat ihre Puppe kaputt gemacht, ihren Turm umstoßen, ihren Knetfiguren die Köpfe abgebissen und ihre Zeichnungen zerrissen. Das geht an die Nerven! Mama meint, er ist eben noch klein, was wohl heißen soll, dass sie Verständnis aufbringen muss.

Aber Lisa möchte ihren Bruder lieber loswerden. Allerdings passt er nicht in einen Briefkasten und für den Mülleimer ist er auch zu groß. Also setzt sie ihn vor die Tür und stellt ein Schild dazu: „ZU VERKAUFEN“. Benno kann gar nicht verstehen, dass Lisa den Kleinen verkaufen will. Er nimmt ihn gern, hat er sich doch schon immer einen kleinen Bruder gewünscht.

Lisa kann nun endlich nach Herzenslust spielen. Kein kleiner Bruder stört. Doch abends als sie allein in der Badewanne sitzt, muss sie an den Kleinen denken. Mit ihm zu kuscheln, fehlt ihr. Sie hält die Sehnsucht bald gar nicht mehr aus. Lisa will ihren Bruder zurück.

Das Buch ist für große Schwestern, die auch einen kleinen Monster-Bruder zu Hause haben, bestens geeignet. Bei allem Ärger überwiegt doch die Liebe zum Geschwisterchen, nur muss man sich das erst einmal eingestehen. Was Lisa da mit ihrem Bruder tut, um ihn loszuwerden, ist stark übertrieben. Und sicher wird jede große Schwester ganz empört sein, wenn sie sieht, wie Lisa ihren Bruder versucht, kopfüber in den Mülleimer zu befördern. Die Bilder sprechen also eine deutliche Sprache. Folgerichtig sind die Texte auf das Wesentliche beschränkt.

Rezension von Heike Rau

Marian De Smet / Marja Meijer
Kleiner Bruder zu verkaufen
28 Seiten, gebunden, durchgehend illustriert
ab fünf Jahren
Lappan Verlag, Oldenburg
ISBN: 978-3830311294
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Skulduggery Pleasant: Der Gentleman mit der Feuerhand

Skulduggery Pleasant: Der Gentleman mit der Feuerhand

Zur Eröffnung von Onkel Gordons Testament hat sich auch ein Fremder angesagt. Dementsprechend neugierig ist die Familie auf Mr. Skulduggery Pleasant, der angeblich Freund und Berater des Verstorbenen war. Tatsächlich ist er eine auffallende Persönlichkeit mit Schal, Handschuhen, Sonnenbrille und wildem Kraushaar. Irgendetwas stimmt mit ihm nicht. Die Testamentseröffnung lässt aber keinen Raum für Spekulationen.
Zur Überraschung aller Anwesenden wird Stephanie, eine Nichte Gordons, zur Haupterbin erklärt. Sie selbst kann es nicht fassen.

Als die Gelegenheit günstig ist, erkundet Stephanie den geerbten Landsitz ihres Onkels. Weil die Straße bei der Brücke überflutet ist, muss sie allerdings länger hier aushalten, als geplant. Gegen Mitternacht erhält sie einen merkwürdigen Anruf. Sie will den Fremden abwimmeln, doch der denkt gar nicht daran, taucht wenig später an der Tür auf und setzt seine Bedrohungen fort. Mit Gewalt verschafft er sich schließlich Zutritt. Doch gerade, als er Stephanie an den Kragen geht, stürmt Skulduggery Pleasant herein und zeigt sich als Retter in der Not. Er schlägt den Fremden in die Flucht.
Skulduggery ist eigentlich selbst ein Fremder für Stephanie. Und – er ist ein Skelett. Sein Aussehen schuldet er dem Umstand, dass es bei einer Zauberei einen Unfall gegeben hat. Nun arbeitet er als Detektiv und lüftet Geheimnisse.

Stephanie fasst Zutrauen zu Skulduggery, denn er ist ein wahrer Gentlemen. Auch sie hat Interesse daran, den Einbrecher ausfindig zu machen, um in Erfahrung zu bringen, was er im Haus wollte. Bald stellt sich heraus, dass es Nefaran Sepenine war. Der Alchemist gehört zu den ganz Bösen. Er ist auf der Suche nach einem Zepter, das ihm ungeahnte Macht verleihen soll. Nun wird auch klar, dass Onkel Gordon möglicherweise nicht auf natürlichem Wege ums Leben kam. An dem angeblich erlittenen Herzinfarkt kommen Zweifel auf. Stephanie will zusammen mit Skulduggery herausfinden, was wirklich geschehen ist.

Man merkt es schon nach den ersten Zeilen. Der Autor hat einen ganz wunderbaren Schreibstil: leicht lesbar und fesselnd. Auch die Helden des Buches sind etwas ganz Besonderes. Skulduggery Pleasant ist ein Skelett. Er ist ein außergewöhnlich Typ, ein Gentlemen, aber auch ein Draufgänger, ausgestattet mit magischen Fähigkeiten. Man könnte sich in ihn verlieben, wenn er doch nur ein wenig Speck auf den Rippen hätte.
Stephanie steht ihm in nichts nach. Sie ist ihm gewachsen durch ihre Frechheit, ihren Mut und ihr loses Mundwerk. Die beiden geben ein tolles Team ab, haben es aber mit einem Widersacher zu tun, der für viele teuflische Überraschungen gut ist.
Die Geschichte gefällt. Es ist im weitesten Sinne ein Spuk- und Geisterkrimi der etwas anderen Art. Denn Magie spielt in diesem Buch eine große Rolle. So wird der Leser immer wieder mit Szenen, die alles andere als langweilig sind, begeistert. Richtig rasant geht es zeitweise zu, wenn es mit unlauteren Mitteln in den Kampf geht, und sich als unsterblich erweist, was längst platt gemacht ist.
In diesem Buch scheint alles möglich. Der Autor greift in die Vollen und schöpft seine Fantasie voll aus. Es ist, als liefe ein Film vor dem inneren Auge ab, so präzise und bildhaft ist alles beschrieben.

Rezension von Heike Rau

Derek Landy
Skulduggery Pleasant
Der Gentleman mit der Feuerhand
Aus dem Englischen von Ursula Höfker
344 Seiten, gebunden
Loewe Verlag
ISBN: : 978-3785559222
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Bis es wieder hell ist

Bis es wieder hell ist

Maarten wirkt ein klein wenig zerstreut. Das ist normal im Alter. Sein Gedächtnis war eigentlich schon immer schlecht. Dafür sind die Erinnerungen an die Vergangenheit klar wie nie. Manchmal vermischt sie sich mit der Gegenwart.

Immer wieder wird Maarten von seiner Frau Vera ermahnt. Aber den Alltag zu bewältigen, ist nun mal keine leichte Sache, wenn man so viele Lebensjahre auf dem Buckel hat. Der Tag gerät immer mal wieder ein wenig durcheinander. Alltägliche Verrichtungen werden fremd. Das Übliche im Alter.

Die Vergangenheit wird zur Gegenwart. In Gedanken sind längst Verstorbene wieder am Leben. Maarten weiß nicht mehr, ob es Tag oder Nacht ist. Er geht spazieren und vergisst die Zeit. Vera geht zu Dr. Eardly.

Maarten kann nicht mehr allein zu Hause bleiben. Vera kann nicht abschätzen, was ihm in den Sinn kommt. Dabei sieht sie ihm gar nichts an. Und doch wird er ihr immer fremder.

Der Autor hat den Versuch gewagt, sich in einen Alzheimer-Kranken hineinzuversetzen. Er schildert wie Maarten von der Krankheit vereinnahmt wird, wie sein Leben rückwärst läuft, bis er praktisch wieder zum Kind, das rundherum versorgt werden muss, wird.
Das Besondere des Buches ist die Perspektive. Der Ich-Erzähler ist der Kranke selbst, dem nach anfänglicher Verwunderung bald nicht mehr klar ist, dass er überhaupt erkrankt ist.
Kein Mensch weiß, was bei Alzheimer in einem Menschen vorgeht. Aber man kann der Vorstellung des Autors gut folgen.
Das Buch macht betroffen. Es hat Tiefgang und berührt stark. Es weckt Verständnis für diese Krankheit, die auch Angehörige in tiefe Verzweiflung stürzt.
So zu schreiben, wie Bernlef es tut, ist eine Meisterleistung. Es erfordert Einfühlungsvermögen ungeahnten Ausmaßes. Dem Autor gelingt zu beschreiben, was eigentlich unbeschreiblich ist.

Rezension von Heike Rau

Bernlef
Bis es wieder hell ist
Aus dem Niederländischen von Maria Csollány
164 Seiten, gebunden
Nagel & Kimche
ISBN: 978-3312003952
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Im Fluss

Im Fluss

Mia ist in sich gekehrt und verschlossen. Sie hat ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten, von dem niemand weiß. Es könnte ein Neuanfang sein, der Umzug in das einsam gelegen Dorf am Fluss, auch wenn Mia eigentlich gar nicht umziehen wollte. Gefühle kann man nicht lange unterdrücken, so verliebt Mia sich in Alexander, der mit seinem Bruder, seiner Oma und dem Vater nebenan wohnt. Die Mutter hat ihre Kinder und ihren Mann vor Jahren verlassen.
Auch der Bruder, Jan, verliebt sich in Mia. Doch seine Freundin Alina klammert sich an ihn, will ihn nicht freigeben.

Die Familie der beiden Brüder umgibt ein dunkles Geheimnis. Das bekommt Mia zu spüren. Seltsame Dinge geschehen, die sich niemand erklären kann. Mia sollte sich raushalten als Zugezogene, als Fremde im Dorf. Doch sie ist neugierig, will wissen was vorgeht und wer ihr das Leben schwer macht. Damit schafft sie eine gefährliche Situation.

Die Autorin schildert die Geschichte aus drei Perspektiven. Hintereinander kommen Mia, Alexander und Jan zu Wort. Schon das ist eine Besonderheit des Romans. Der Leser weiß mehr, als die Hauptpersonen des Buches für sich genommen. Das Buch ist ohnehin anders als andere. Man spürt es zwischen den Zeilen, diese melancholisch-unheimliche Stimmung, die die Geschichte prägt und so fesselnd macht. Es ist das dunkle Geheimnis, das die Geschichte beeinflusst und das es zu entschlüsseln gilt.

Ab einem bestimmten Punkt ist die Geschichte vorhersehbar. Aber das macht nichts. Leider leidet die Glaubwürdigkeit, die Wahrhaftigkeit der Geschichte dann doch etwas, als man weiß, was das Geheimnis ist, denn im Grunde ist es nicht erklärbar. Psychologie und die Macht der Fantasie spielen entscheidende Rollen.

Das Buch lebt von den Stimmungen, die die Autorin mit ihre wunderbaren Schreibweise geschaffen hat. Damit ist das Buch sehr fesselnd und ungeheuer spannend geschrieben. Die Geschichte wird lange im Gedächtnis bleiben.

Rezension von Heike Rau

Marlene Röder
Im Fluss
252 Seiten, gebunden
Ravensburger Buchverlag
ISBN: 978-3473352777
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Katzen!

Katzen!

Katzen sind als Haustiere sehr beliebt. Es ist besonders ihr eigenwilliger Charakter, der so fasziniert. Erwägt man die Anschaffung einer Katze, will man sich natürlich genau über die kleinen Raubtiere informieren. Das vorliegende Buch ist eine gute Grundlage dafür.
Die Autoren beschreiben zunächst die Herkunft der Katze, berichten über ihre faszinierenden Fähigkeiten, beschreiben, wie Katzen sind und zeigen die Vielfalt der Rassen. Erklärt wird ganz genau, auf was der zukünftige Katzenhalter sich einlässt, welche Bedürfnisse Katzen haben und welche Anforderung erfüllt werden müssen.

Ist der neue Mitbewohner, ob nun direkt vom Züchter oder auch aus dem Tierheim, erst einmal zu Hause angekommen, gilt es sich mit ihm anzufreunden. Die Autoren zeigen auf, wie Katzen sich eingewöhnen und wie man dabei helfen kann. Dazu ist es nötig, das Tier zu verstehen, seine Lautäußerungen und seine Körpersprache deuten zu lernen, damit das Miteinander gut klappt. Entscheidungshilfe gibt es auch bei der Wahl, ob die Katze eine Wohnungskatze oder ein Freigänger werden soll. Hier gibt es auch sehr schöne Tipps für die Einrichtung eines abgegrenzten Gartens oder Balkons.

Die Beschäftigung mit der Katze nimmt natürlich viel Zeit ein. Spielen ist wichtig für die Katze, die ihren Jagdtrieb ausleben möchte. Wer will, kann seiner Katze ein tolles Spielparadies mit vielen Klettermöglichkeiten in der Wohnung einrichten. Natürlich wird der Leser auch in Sachen Futter ausführlich beraten. Neben grundsätzlichen Informationen werden im Buch sogar Kochrezepte vorgeschlagen.

Der Informationsgehalt des Buches ist sehr hoch. Nach grundsätzlichen Erklärungen ist noch lange nicht Schluss. Egal ob die Katze krank ist oder durch ihr Verhalten auffällt oder es sonst irgendwelche Probleme gibt. Die Autoren haken diese Dinge Punkt für Punkt ab. Die Texte sind wunderbar zu lesen. Außerdem ist das Buch sehr gut durchstrukturiert. Es gibt ein Register, so dass man auch mal schnell etwas nachschlagen kann. Die Texte sind mit vielen Katzenbildern illustriert. Sie sind aber nicht nur schmückendes Beiwerk. Man kann hier sehr viel über das Verhalten von Katzen ablesen. Sehr gut gefallen haben auch die Kinderseiten. Kinder werden angeregt sich aktiv um das Haustier mit zu kümmern. Es werden tolle Spiele vorgeschlagen und es wird gezeigt, wie Katzenspielzeug gebastelt werden kann.

Rezension von Heike Rau

Eva-Maria Götz, Birgit Gollmann, Anna Laukner:
Katzen!
Alles über Katzen-Charaktere, Wohngefühl und
Gourmet-Menüs
192 Seiten, broschiert, 190 Farbfotos
Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart
ISBN 978-3-8001-5489-0
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Matthias Sodtke / Steffen Butz: Chaos im Kinderzimmer

Matthias Sodtke / Steffen Butz: Chaos im Kinderzimmer

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Der Bärenvater kann es nicht fassen. Im Kinderzimmer seines Sohne sieht es aus, als hätten fünf wilde Affen eine Party gefeiert. Alles ist mit Spielzeug aller Art vollgebaut. Der Boden ist fast nicht mehr zu sehen. Sofort fordert er seinen Sohn Ole auf, das Chaos zu beseitigen. Wenn der Vater in diesem Ton mit Ole spricht, dass weiß der Bärensohn, dann ist es ernst. Trotzdem widerspricht er. Er sagt ihm, dass das Kinderzimmer ein Dinosaurier-Urwald ist. Und dieser kann nicht aufgeräumt aussehen. Das macht Vater Brumm sprachlos. Der Sohn hat nämlich recht. In einem Dinosaurier-Urwald kann es nicht zugehen, wie in einem gepflegten Stadtpark. Aber manchmal ist Ordnung unumgänglich. Der Bärenvater regt seinen Sohn zum Nachdenken an. Ole soll sich einmal vorstellen, welchen Eindruck eine unordentliche Zeitung auf ihn machen würde, wo alle Artikel kreuz und quer durcheinanderwirbeln. Ole gibt seinem Vater recht, aber schon hat auch er ein neues Beispiel parat, was für die Unordnung spricht. Der Bärenvater soll sich vorstellen, wie der Nachthimmel aussähe, wenn der Mond seine Sterne am Himmel alle aufräumen würde.

In diesem Buch liefern sich Vater und Sohn einen Schlagabtausch, der einmal für und dann wieder gegen das Halten von Ordnung spricht. Kleine Kinder können so lernen, wann Ordnung oder Unordnung sinnvoll sind und wann unmöglich. Sicher fallen den Kindern, für die dieses Buch gedacht ist, noch mehr Beispiele ein.
Die Geschichte bietet sich als Gesprächsgrundlage für Kinder und deren Eltern an. Und vielleicht kommt tatsächlich das ein oder andere Kind zu der Einsicht, dass es sein Kinderzimmer aufräumen muss. Ole tut es zum Schluss schließlich auch und der Vater hilft.
Das Buch ist durchgehend illustriert. Alle Vorstellungen über Ordnung und Unordnung von Vater und Sohn wurden zu spannenden Bildern verarbeitet, die farbenfroh und detailreich sind. Besonders die Mimik der beiden Bären spricht für sich!

Rezension von Heike Rau

Matthias Sodtke / Steffen Butz
Chaos im Kinderzimmer
30 Seiten, gebunden, durchgehend illustriert
ab 5 Jahren
Lappan Verlag, Oldenburg
ISBN: 978-3830311256
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Das Schweigen

Das Schweigen

Jan Costin Wagner Das Schweigen Eichborn Verlag
ISBN 3821807571

Wir befinden uns in einem kleinen Ort in Finnland.
Ein Mord ist geschehen.
Die Tat liegt 33 zurück und nun scheint sie sich identisch wiederholt zu haben. Den Mörder von damals hat man nie gefunden.
Ein Mädchen ist auf dem Weg zum Sportunterricht verschwunden. Man findet ihr Fahrrad, die Sporttasche und Blutspuren.
Wie jeder gute Krimi beginnt auch dieser mit Mord, Ermittlungen und einer Vielzahl betroffener Personen.
Das beeindruckende Geheimnis um den Täter geht in eine spannende Erzählung über.
Indizien weisen auf einen Mordfall hin, die Leiche des Mädchens ist noch nicht gefunden.
Kimmo Joentaa, Kommissar aus dem Vorgängerroman Eismond, rotiert, um zu schnellen Ergebnissen bei den Ermittlungen zu kommen. Ketola, ein gerade pensionierter Kommissar, der vor 33 Jahren bei der Suche nach dem Mörder an der 13 jährigen Pia Lehtinen beteiligt war, wird noch einmal eingeschaltet, um bei der Aufklärung dieser Wiederholungstat mit zu helfen.

Dabei lernen wir die Familien der Opfer beobachten,
ahnen, wer der mögliche Täter sein könnte und dürfen raten, wie dieses Verbrechen zustande gekommen sein mag.

Die einzelnen Szenen in den Familien, auf dem Kommissariat und bei der Suche im Archiv zum weit zurückliegenden Mord bestimmen das Klima, in dem der Roman geschrieben ist.

Dabei gelingt es Costin Wagner, dem gefeierten Star eines neuen Genres von Kriminalromanen, psychologisch ausgefeilte Szenen still und überzeugend zu inszenieren.
Ängste, Hoffnungen, Verzweiflung und das Gefühl des Versagens und der Schuld sind die Stimmungsträger dieses Buches. Dazu die Schicksale der Hauptkommissare, deren persönliche Lebenserfahrungen sie im Ertragen von Schmerz und Kummer für die tragischen Seiten des Lebens sensibilisiert hat.
Jeder trägt schwer am eigenen Versagen, keiner ist frei und unbeschwert im Genießen des Augenblicks. Nur in dem Ferienhaus der Familie des Immobilienmaklers Korvensuo mit seinen fröhlichen Kindern und seiner netten Frau Marjatta scheint es ausgeglichen, freundlich und bürgerlich – friedlich zuzugehen. Er spielt einen besonderen Part in diesem Drama.

Fein modelliert werden die kleinsten Regungen registriert, die sich im Zusammenspiel der Menschen ergeben.
Ob es der psychisch kranke Sohn von Ketola ist, die unbeschwerte Party bei der Familie des Immobilienmaklers, bei dessen Regungen und Empfindungen man erschauern möchte,–ist er womöglich in die Morde verwickelt?—oder die vage Hoffnung von Eltern, die noch nicht wahrhaben wollen, dass der Tod der Tochter wahrscheinlich ist.
Mit feinsten Affekten haben wir es hier zu tun.
Grandios lässt der Autor seine Figuren sich umkreisen je nach Verfassung in Verzweiflung, Wut, Hoffnung, mal ein wenig näher an der Wahrheit, dann wieder tief im Dunkeln tappend.

Die Erzählung steuert dramatisch auf das Ende zu, während der Leser unruhig wartet, dass sich ihm endlich die Wahrheit offenbart!

Das raffinierte Zusammenspiel der Figuren macht den Roman zu einem Ereignis! Menschliche Abgründe tun sich auf und
in der Lösung der Geschichte offenbart sich die Frage nach Schuld und Sühne.
Jan Costin Wagner hat für seine ersten beiden Krimis Preise eingesammelt. Mit diesem Roman wird er seinen Erfolg festigen und weit über Deutschland hinaus zu Ruhm gelangen!

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Goodbye Istanbul

Goodbye Istanbul

Esmahan Aykol Goodbye Istanbul
Diogenes ISBN 3257065698

Die junge Türkin Ece hat eines Tages genug von ihrem Leben in Istanbul!
Sie verlässt die Stadt und fährt nach London.

Hinter sich lässt sie einen Vater, der nach einem Unfall und Verlust eines Armes die ganze Familie tyrannisiert und eine unzufriedene Mutter, die nicht glauben kann, dass die Tochter ein Studium ins Auge fasst.
Tamer, den sie liebt und mit dem sie eine Liaison hat, bleibt allen Beteuerungen zuwider verheiratet, so dass sie keine Zukunftsaussichten mit ihm sieht.
Am schwersten aber wiegt der Verlust des Großvaters: mit ihm fühlte sie sich eng verbunden. Er hinterließ ihr, ohne dass die übrige Verwandtschaft davon wusste, ein beträchtliches Vermögen, mit dem sie einst ihr Leben selbständig in die Hand nehmen soll.

Esmahan Aykol entwirft das Bild einer modernen Stadt Istanbul, in der Frauen studieren und ein freizügiges Leben im Geheimen leben konnten.

In London aber sieht die Welt nicht besonders rosig für Ece aus. Nun lernt sie die Tücken des Andersseins kennen.
Als Türkin hat sie geringe Chancen, in eine gehobene Berufsanstellung zu kommen.
So wird sie erstmal Tellerwäscherin in einem coffee-shop.
Ece trifft eine Reihe von Landsleuten, die aus den verschiedensten Gründen ihr Land verlassen haben. Dabei offenbaren sich ihre Nöte und Armut, die sie bedenklich stimmen. Was ist aus den rosigen Vorstellungen geworden, mit denen sie in den Westen aufgebrochen war?

Die Autorin bringt mit dieser Erzählung eine interessante Gegenüberstellung des Lebens in der Türkei und der großen, in demokratischen und konservativen Traditionen verhafteten Metropole Londons ins Spiel. In dieser Stadt bleiben Fremde fast immer Fremde ohne besondere soziale Aufstiegschancen.

Wenn es zu schlimm kommt, dann erinnert sich Ece des Großvaters, und da wird ihr warm ums Herz.
Sie weiß ihrer Cousine Aylin viele schöne Geschichten zu erzählen, die ihr der Großvater, ein angesehener Silberschmied, überliefert hat.

Die Legende von Vostan scheint direkt der biblischen Geschichte von Jakob und Rahel zu entsprechen. Man vernimmt mit Erstaunen, dass die uralten Geschichten unterschiedlicher Völker und Religionen Ähnlichkeiten aufweisen.
Mit den Erzählungen Eces wird die Türkei als ein orientalisches Land ins Bild gerückt, das im krassen Gegensatz zu dem modernen London steht.

Wie Aykol ihre Themen angeht, das geht zu Herzen. Die eigenwillige und trotzige, zugleich liebevolle Heldin wirkt sehr präsent. Man stellt sich eine starke Persönlichkeit vor, die ihr Glück und das Vergessen in der Fremde sucht. Die Bemühungen, Erinnerung und Vergessen in ein adäquates Verhältnis zu bringen, zeigt die Willenskraft und Intelligenz der Protagonistin. Reflektiert und klug sucht sie ihren Weg.
Die Gegenwart wird von der Vergangenheit und einer innerlich erwärmenden Beziehung zwischen Großvater und Enkelin überblendet.

Der Bogen ist weit gespannt: von Istanbul, seiner Geschichte und dem Leben dort nach London, wo die Integration von Fremden schier unmöglich erscheint. Ausländer bleiben unter sich und bilden einen eigenen Kosmos in der Stadt.
Europa und der Orient sind im Format dieser Erzählung lebhaft als Gegensätze auszumachen

Aykol präsentiert eine starke Erzählung, in der die Charaktere mit markanten Eigenschaften in Erscheinung treten.
Schicksale dieser Art bilden nicht die Ausnahme in unserer Zeit. Man sollte das Buch lesen!

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Die Frau im Mond

Die Frau im Mond


Mit dem zweiten Roman der Autorin des Romans “ So lange der Haifisch schläft“ hat Milena Aus erneut eine kleine und feine Erzählung vorgelegt.

Die Geschichte spielt in Sardinien. Aus ruhigen und zarten Anfängen wird außergewöhnliches kleines Werk.

In einer Hommage an ihre Großmutter erzählt die Enkelin als Erzählerin ihre Geschichte.

Auf Sardinien scheinen die Uhren stehen geblieben zu sein.

Das junge Mädchen, das die Großmutter einst war, hat Pech in der Liebe. Alle möglichen Kandidaten laufen immer wieder davon. Ob es daran liegen mag, dass sie ihnen Liebesbriefe und erfundene Geschichten schreibt?
Von ihrer Familie wird sie als leicht verrückt eingeschätzt und auch so behandelt.
1943 kommt ein Witwer auf der Flucht vor dem Krieg auf die Insel und als Untermieter zu den Eltern.
Sehr schnell macht er der jungen Frau, die schon nicht mehr ganz jung ist, einen Heiratsantrag. Aber sie liebt ihn nicht!
Als sich heraus stellt, dass auch er sie nicht liebt, lassen sich beide auf eine Ehe ein, die mehr brüderlich-schwesterlich angelegt ist als etwa auf die große Liebe. Er erledigt seine Bedürfnisse in einem Bordell.
Als sie ihn eines Tages beim Rauchen einer Pfeife beobachtet, macht sie ihm den Vorschlag, das Geld für das Bordell zu sparen, denn sie könne für seine Bedürfnisse statt der Huren deren Aufgaben übernehmen.
So entwickelt sich ein sonderbares Verhältnis, das auf rationaler Ebene alle wichtigen Funktionen erfüllt. Nur die Liebe bleibt auf der Strecke!
Unsere liebenswerte Heldin sucht in ihren Träumen weiterhin nach der einzigen und wahren Liebe!

Sie sollte ihr 1950 bei einem Kuraufenthalt begegnen.

Der Reduce, wie sie ihn nennt, ist ein versehrter Kriegsheld.
Als sie ihn sieht, ist es um sie geschehen. Er und kein anderer vermag ihre Liebe zu wecken!

Neun Monate nach dieser Begegnung kommt der Vater der Erzählerin zur Welt und entwickelt sich zu einem angesehenen Pianisten.
Nach einem Sprung in die Zukunft ist die Erzählerin, Tochter des Pianisten und einer Flötistin, ihrer Großmutter in inniger Liebe verbunden. Sie beobachtet und erzählt, wie sich alles weitere zugetragen hat.

So Geschichte wirkt mit ihren simplen Sätzen naiv und einfach. Sie ist mit ungewöhnlichen Gedanken und Einfallsreichtum ausgestattet.
Wie die Ehe auf einer Ebene fremd und scheu, auf der anderen handfest und sexuell praktisch vollzogen wird, das ist schon bemerkenswert!
Die Großmutter schreibt verschämt Gedichte. Niemand als der Liebaber und die Enkelin dürfen davon Kenntnis nehmen.
Wie sich aber die Liebe zwischen dem Reduce und ihr abspielt, das ist ein Zauberwerk. Die Musik, die sie durch ihn kennen und lieben gelernt hat, bleibt ihr Geheimnis. Sie erreicht aber, dass sie im Sohn ihren Widerklang findet.

Das italienische Leben, die knorrigen und fest gefügten Formen sardischen Familienlebens werden in liebevollen und poetischen Worten erzählt.
Die große Liebe, der die Hauptfigur anhängt, und die in der Figur des Reduce verkörpert wird, ist von einer solchen Innigkeit und Sehnsucht, dass man ganz mitfühlt und sehr gut versteht, wie im alltäglichen Leben alle Träume zerplatzen.

Das Leben spielt verrückt, und verrückt sind zuweilen auch die fantasiebegabten Menschen. Skurril, phantastisch und eigenwillig ist die Konstruktion des kleinen Romans.
Hinter dem schmalen Band vermutet man zunächst keine so amüsante und gut angelegte Lebensgeschichte.

Man lasse sich überraschen von dem Reiz der Erzählung und von dem sehr überraschenden Ende!

Mit dem letzten Satz der Geschichte möchte man Milena Agus zurufen: schreiben Sie weiter!

Milena Agus
Die Frau im Mond
Eine sardische Familinegeschichte
ISBN:3455400779
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Ich räum nicht auf!, sagt der kleine Fuchs

Ich räum nicht auf!, sagt der kleine Fuchs

Eigentlich wollte der kleine Fuchs mit Zottel und Daxi im Baumhaus spielen. Aber draußen regnet es. Also geht der Kleine in seine Spielecke, um zu malen. Die Farbstifte kann er jedoch nicht finden. Mama Fuchs weiß auch nicht, wo sie sind und rät, danach zu suchen. Aber das macht der kleine Fuchs gar nicht gerne. Mama Fuchs findet die Farbstifte unter dem Bett. Damit sie das nächste Mal nicht wieder unauffindbar sind, rät sie ihrem Kind, diese nach Gebrauch aufzuräumen. Der kleine Fuchs scheint das nicht gehört zu haben. Nach dem Malen spielt er mit der Eisenbahn, belädt sie und lädt wieder ab. Bald liegt überall etwas herum. Als Mama Fuchs versehentlich auf ein Spielzeug tritt, ist seine Empörung groß. Dabei hat der kleine Fuchs doch selbst alles liegen lassen.
Erst nach Aufforderung durch die Eltern und deren Mithilfe räumt der kleine Fuchs auf. Und das auch nur, weil er mit Zottel und Daxi nun, nachdem es aufgehört hat zu regnen, zum Baumhaus will. Das Einweihungsfest muss vorbereitet werden. Die Feier wird ein voller Erfolg. Nur hinterher will wieder keiner aufräumen.

Das Unordnung im Leben eher hinderlich ist, wird im Buch auf eine sehr anschauliche Art und Weise gezeigt. Dabei muss man aus dem Aufräumen gar keine große Sache machen. In die kleine Geschichte sind Tipps eingebaut, die Kindern das Aufräumen erleichtern. Gut geht es, wenn man große Kisten für oft verwendetes Spielzeug bereitlegt und die Eltern helfen. Gemeinsam, ob nun mit den Eltern oder den Spielfreunden, geht es zudem schneller und macht sogar Spaß. Zudem erspart es zeitaufwändiges Suchen. Was beim kleinen Fuchs klappt, sollte auch bei Kindergartenkindern klappen. Die kleine Geschichte verhilft schnell zu mehr Einsicht.
Kleine Kinder werden das Buch mögen. Es ist ganz wunderbar illustriert und mit dem kleinen Fuchs können sie sich identifizieren.
Die kleine Geschichte ist von angenehmer Länge und lässt sich gut vorlesen. Da die Bilder sehr aussagekräftig sind, können Kinder das Buch aber auch gut alleine ansehen. Es macht Spaß, die Geschichte zu verfolgen und die vielen Details zu entdecken.

Rezension von Heike Rau

Christine Georg / Manfred Mai
Ich räum nicht auf!, sagt der kleine Fuchs
30 Seiten, gebunden, durchgehend illustriert
Ravensburger Buchverlag
ISBN: 978-3473323654
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