Steinbachs großer Tier- und Pflanzenführer

Steinbachs großer Tier- und Pflanzenführer

Naturfreunde werden sich über dieses Buch freuen. Mit über 850 vorgestellten Tierarten und 880 Pflanzen- und Pilzporträts ist es sehr umfangreich. Es zeigt einen repräsentativen Querschnitt der im mitteleuropäischen Raum vorkommenden Tier- und Pflanzenarten.

Das Kapitel „Tiere“ ist unterteilt in die Abschnitte Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien, Süßwasserfische, Meeresfische, Stachelhäuter, Insekten, Tausendfüßer, Spinnentiere, Krebstiere, Weichtiere, Würmer und Schwämme, Nesseltiere, Moostierchen, Rippenquallen. Die einzelnen Kapitel haben farbig unterschiedliche Randleisten. Den einzelnen Kurzporträts steht jeweils eine Seite mit Fotos gegenüber. Oft kommen noch ergänzende Zeichnungen hinzu. Die Texte sind kurz gehalten, aber sehr aussagekräftig. Dargestellt werden Merkmale und Verbreitung der Tiere. Besonders interessant ist die Rubrik „Wissenswertes“ mit zusätzlichen zusammenfassenden Informationen.

Das Kapitel „Pflanzen und Pilze“ ist unterteilt in die Abschnitte Bäume, Sträucher, Wildblumen (sortiert nach Blütenfarben und daher sehr übersichtlich und leicht zu finden), Gräser, Farne, Moose, Flechten und Pilze. Die farbigen Abgrenzungen sind ebenfalls vorhanden. Auch hier gibt es neben den Porträts, aussagekräftige Fotos und teilweise ergänzende Detailzeichnungen. In den Porträts werden Merkmale, Standorte und Verbreitungsgebiete erklärt. Zusätzlich gibt es auch hier eine Rubrik mit Wissenswertem.

Im vorderen Teil des Buches findet man zusammenfassende Informationen über die heimische Tierwelt und Zeichnungen mit Beschriftungen zu den Körperteilen der verschiedenen Tierarten. Auch über die Pflanzen und Pilze gibt es Erläuterungen mit beschrifteten Zeichnungen zum Bau und Beschreibungen von Musterpflanzen. Fachbegriffe werden noch einmal gesondert erklärt.

Das Buch eignet sich gut zum Bestimmen von Tieren und Pflanzen, vor allem, da es inhaltlich wirklich überzeugend ist. Mit nur einem Buch kann man sich einen guten Überblick über die heimische Tier- und Pflanzenwelt verschaffen. Aber nicht nur für Naturfreunde, ob nun Wanderer, Spaziergänger oder Hobbygärtner, ist das Buch empfehlenswert. Auch Schüler können es sicher gut für den Unterricht nutzen. Es macht aber auch Spaß, einfach nur darin zu blättern, die erstklassigen Fotos zu betrachten und die Informationen dazu zu lesen. Trotz des beachtlichen Umfangs mit 895 Seiten ist der Tier- und Pflanzenführer überraschend handlich und ausgesprochen stabil. Das Buch dürfte eigentlich in keinem Bücherregal fehlen.

Rezension von Heike Rau

Steinbachs großer Tier- und Pflanzenführer
895 Seiten, über 2000 Farbfotos und 600 Detailzeichnungen
Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart
ISBN: 3-8001-4465-4
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Wir Wettermacher

Wir Wettermacher

Es sind längst keine Launen der Natur mehr. Verheerende Hurrikans, abschmelzende Gletscher und aussterbende Tier- und Pflanzenarten zeigen den Klimawandel an. Für den Menschen ist es schwer auszumachen, was sich auf natürlichen Wege entwickelt hat und was er davon durch sein Verhalten oder seiner Ignoranz gegenüber der Natur selbst zu verantworten hat.

Der Naturforscher und Klimahistoriker Tim Flannery erläutert in seinem Buch wie der Mensch das Wetter beeinflusst. Dazu hat er wissenschaftliche Daten und Fakten zusammengetragen und erklärt diese im Zusammenhang. Er zeigt auf, was jeder einzelne von uns beitragen kann, um die drohende Klimakatastrophe aufzuhalten.

Im Buch kann man nachlesen, was genau das Klima verändert. Der Autor präsentiert die neuesten Forschungsergebnisse auf eine sehr anschauliche Art und Weise und vor allem sehr gut verständlich. Man kommt fast ganz ohne Wörterbuch aus. Er macht aufmerksam auf von uns selbst geschaffene Umweltprobleme, analysiert unsere Situation hinsichtlich der Klimaveränderung und warnt vor bevorstehenden Ereignissen wie Wetterextreme, die eintreten könnten, sollte sich nichts ändern. Denn eins wird sehr deutlich gemacht: Das Erdklima wird sich nicht von selbst stabilisieren.

Der Autor regt mit seinem Buch zum gründlichen Nachdenken an. Er spricht den Leser sehr oft direkt an, überschüttet ihn mit Fakten und macht damit seine Botschaft sehr deutlich: Wir alle müssen dafür sorgen, dass der Kohlendioxid-Ausstoß deutlich verringert wird. So manchem Leser könnte es bei der Lektüre des Buches unbehaglich werden. Unschuldige gibt es keine und der Autor wird nicht müde, den Ernst der Lage offensichtlich zu machen. Er rüttelt den Leser sehr nachhaltig wach. Vielleicht entsteht deshalb auch der Eindruck, dass das Kapitel, wo jedem Leser erklärt wird, was er selbst tun kann, um gegenzusteuern, unglaublich kurz ist. Aber wie auch immer, dieses Buch sollte jeder lesen, denn es gibt niemanden, der sich hier aus der Verantwortung stehlen kann. Noch ist es nicht zu spät.

Über den Autor:
Tim Flannery wurde 1956 in Melbourne geboren, ist Professor für Zoologie, Direktor des South Australian Museums in Adelaide und Autor zahlreicher Bücher, lebt als Wissenschaftler, Forscher und Umweltschützer in Australien.

Rezension von Heike Rau

Tim Flannery
Wir Wettermacher
Wie die Menschen das Klima verändern und was das für unser Leben auf der Erde bedeutet
Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Drenckhahn, Präsident WWF
Aus dem Englischen von Hartmut Schickert
338 Seiten, gebunden
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
ISBN: 3-10-021109-X
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Man gönnt sich ja sonst nichts …

Man gönnt sich ja sonst nichts …

Die Idee von Ulrike Jonack, dem Leser vor dem Vorwort erst einmal eine Praline zu reichen (Titelgeschichte), fand ich überaus gelungen. Achim Hildebrandts Appetithappen wird dem Leser in bleibender Erinnerung bleiben. (Das doppelte „bleiben“ soll diesen Eindruck noch verstärken)

Und nach den Begleitworten ging‘s dann auch munter weiter.
Wer bei dem Slogan drei …zwei … eins … Meins! daran denkt, dass er unbedingt noch eine Bewertung abzugeben hat, wird sich an Bernd Hutschenreuthers „Erde ersteigert“ ganz gewiss erfreuen. In der Kürze liegt die Würze.

Im Anschluss Anna Rinn-Schads „Eine Woche ohne Stimme“ folgen zu lassen, war eine gute Entscheidung. Die Abwechslung macht’s. „Eine Woche ohne Stimme“ muss gerade für eine Frau eine furchtbare Vorstellung sein. So kann man sich die sympathische Protagonistin gut vorstellen und leidet gerne ein wenig mit ihr. Anna Rinn-Schad entführt den Leser in eine sorgsam „geplante“ Welt. Der Leser wird hier zum stillen Beobachter. Durch die Bilderflut nimmt man die Umwelt spürbar war. Nach dieser schönen Geschichte gleich weiterzulesen, wäre verkehrt. Man sollte sich eine Verschnaufpause gönnen und die Landschaften, die einem die Autorin mit dem Overhead ins Brain projiziert, erst einmal auf sich wirken lassen.

Danach aber auf, zu Volker Hagelsteins „Der Defekt“. Es lohnt sich.
Wenn Sie schon immer einmal wissen wollten, wie’s in der Zukunft in ihrer Küche zugeht, aber sich bisher nicht zu fragen getrauten. Hier steht’s! Nur soviel. In dieser Küche sind nicht nur die Gerichte köstlich. Die Küche selbst ist’s.

Vom Titel her könnte Wolfgang Sendners „Jimmy verdaut Welt“ zum Thema Küche passen. Doch sollte man sich nicht täuschen lassen. Den Charakter der Story würde ich eher als „punkig“ bezeichnen. Weshalb? Das lässt sich ab Seite 37 nachschlagen.

Ach, und da wir gerade beim Thema Musik sind. Dass Science-Fiction auch rockig klingen kann, beweist Edgar Güttges „Die E-Saite des Rickenbacker“.
Obwohl Fugalee Page nicht mit dem Gitarrenhexer von Led Zeppelin verwandt ist, weiß er sich doch an ordentlicher Beschallung zu erfreuen. So lasset uns zum himmlischen Plektrum greifen, und die schwarzen Löcher als Lautsprecher missbrauchen. Yeah!

„Vater werden ist nicht schwer“. Dass dieser Spruch in den Weiten des Weltraums nur bedingt zutrifft, lässt uns Ralf Steinberg hautnah miterleben. Selten hat man so Vergnügliches über diverse Möglichkeiten der Vereinigung gelesen. Am Ende gelangt man zu der Überzeugung: Die Phantasie des Autors muss schwerelos sein.

Nun folgte Susanne Jaja mit „Vielen Dank für die Blumen“.
Köstlich! Nachdem ich diese Story gelesen hatte, kam mir das Bild eines Showmasters in den Sinn. Da werde ich doch auch einmal wagemutig. Wetten dass …? Ich wette mit Ihnen, wenn die ewig gutgelaunte „Blondlocke“ in der nächsten Samstagabendshow, seinen weiblichen Gästen einen Blumenstrauß zuwirft, werden Sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen können. Vorausgesetzt, Sie haben Susanne Jajas Geschichte gelesen.

Dann legt die Herausgeberin selber Hand an, und lädt uns zur „Kartoffelernte“ ein. Bei der Kartoffel bin ich ja immer recht froh, dass hier die Äpfel aus der Erde, und nicht vom Pferd stammen. So wissen auch die Weganener, eine ordentliche Knolle durchaus zu schätzen. Kein Wunder, bei den Rezepten, die „jon“ uns auftischt. Da läuft einem das Wasser im Munde zusammen. Leider liegt auch hier die Tücke im Detail. Also Vorsicht! Andere Welten, andere Sitten.

Achim Hildebrand, die Zweite: „Tausend Banner im Sand“. Es soll ja Menschen geben, die im Urlaub in aller Herrgottsfrühe zum Pool watscheln, um mit einem Badetuch die Liege in Beschlag zu nehmen. Ob der innere Zwang, seinen bescheidenen Claim abzustecken, auch anderen Völkern bekannt sein mag?

Zur nächsten Geschichte soll dieser Hinweis folgen: Lassen Sie erst einmal das Wasser einlaufen, und gönnen Sie sich diese Art von Wellness. Doch kann es Ihnen passieren, dass das Badewasser um einige Grade kälter geworden ist, nachdem Sie Lutz Schafstädts „Expedition“ gelesen haben.

Wer hat nicht schon an einem Lagerfeuer gesessen, und sich von dem seltsamen Spiel der Flammen verzaubern lassen. Wie hypnotisiert sitzt man davor, und alles, was man in diesem Zustand verbal so von sich gibt, klingt irgendwie philosophisch. In diese wunderbare Stimmung wird Sie Ralf Steinbergs „Die Flammen von Flammarion“ versetzen.

Noch ganz in pyromanischer Melancholie versunken, stoßen Sie auf Frank Lehmanns „Blinddate auf Titan“. Bereits im Zeitalter von internationalen Ehevermittlungen angekommen, ist es interessant zu beobachten, was dies für zukünftige Stilblüten auf dem Saturnmond treiben könnte. Sozialer Aufstieg entscheidet über die ehrlich gemeinte Zuneigung. Hmm … manchmal gar nicht so weit entfernt, oder?

„Ach, wie klein ist doch der Mensch, und kann so Großes vollbringen.“ Mir fällt im Moment nicht ein, wer das gesagt hat. Vielleicht kommen Sie ja darauf, nachdem Sie Achim Hildebrands „… und alles wimmelnde Getier“ gelesen und sich an diese Rezension erinnert haben.

Nachdem unsere Sinne durch philosophische Betrachtungen nun hinreichend geschärft sind, bereiten wir uns darauf vor, kriminalistisch tätig zu werden. Allerdings lassen wir die üblichen Romanfiguren außen vor, und schlüpfen statt dessen in die Haut eines gewöhnlichen Siedlers. Ob es ihm gelingt, den Fall zu lösen, steht schwarz auf weiß bei „jon“ in deren „Sabotage“ geschrieben. Ich kenne den Täter inzwischen, doch hilft Ihnen das nichts, schließlich können Sie meine Gedanken nicht lesen.

Wie man eine Pointe behutsam herausarbeitet, und dem Leser dauerhaft in Erinnerung hält; so wie der Bildhauer in Stein, diese dem Leser förmlich in den Kopf meißelt, lässt sich bei Ralf Steinbergs „Schmerzen“ erlernen. Leider muss der Leser erkennen, dass, trotz sorgsamer Prophylaxe, sich manche Schmerzen einfach nicht vermeiden lassen.

Nachdem uns Edgar Güttge in seinem ersten Beitrag mit dem Sound des Weltalls vertraut gemacht hat, lässt er uns nun mit „Das Fax des FlugEngels“ die Bürokratie der Zukunft miterleben. Wer an keinem Haftnotizblock vorbeigehen kann, ohne zwanghaft einen Vermerk darauf zu kritzeln, dürfte an dieser Geschichte seine wahre Freude haben.

Und weiter geht’s. Dass Susanne Jaja nicht nur gut zeichnen kann (Titelbild) sondern ihre Phantasie auch beim Schreiben einsetzt, sieht man erneut an „Versiebt“ oder „Survival of the fittest“. Als Mann (und somit Profiheimwerker) griff ich bei dieser Geschichte instinktiv nach meinem Schweizer Messer, und blickte dennoch neidisch auf das Ultratool von Rogell. Für so ein Teil würde ein Testosteroni schon die ein oder andere Werkbank eintauschen. Aber was man mit dem Ding so alles anstellen kann, und ob es im entscheidenden Moment wirklich eine Hilfe darstellt, sollten Sie selber lesen.

Im Anschluss, gleich der nächste Bohrhammer. Die „Nachrichten aus dem Wissenschaftsrat“ schlagen ein, wie eine Bombe. Ein wahres Eldorado für Verschwörungstheoretiker. Ein Angriff auf die „Lupe“? Mehr darf ich nicht verraten, Inge Lütt schon.

Es folgt flammarions „das kann man gar keinem erzählen … aber es ist wahr!“
Einbildung ist die skurrilste Bildungsvariante. Die verschiedenen Fächer werden auf der Phantasieschule gelehrt. Die Autorin dürfte diese Einrichtung besucht haben. Was sich so alles in den eigenen vier Wänden abspielt, wenn man zu den Augen auch noch die verborgenen Sinne öffnet. Das kann man gar keinem erzählen … das sollte man lesen.

Gerhard Kemme „Gleis 10 oder Ankunft kann doch nicht so schwer sein.“
Als Gepäckträger hat man’s in der Gegenwart schon nicht leicht. Werfen Sie einmal bei Ihrer nächsten Urlaubsreise einen Blick auf die dienstbaren Geister. Seien Sie bitte höflich zu ihnen. Geben Sie etwas Trinkgeld, und schenken Sie ihnen ein Lächeln. Wir sind ja schließlich nicht in der Zukunft.

Zu anemones „Kriegsschauplatz“ fällt mir eine pervertierte Form der „Lust“ ein. Oft kann man diese bei Verkehrsunfällen beobachten. Nach der Formel: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ soll es somit den unbeteiligten Schaulustigen gleich doppelt hart erwischen.

In ihrem zweiten Beitrag zeigt uns Inge Lütt mit „Oculi mei“ die ganze Vielfalt ihres Könnens. So ganz nebenbei bringt sie es auch noch fertig, dem Leser, eine amüsante Lektion in Sachen Religion zu erteilen. Für jemanden wie mich, der die Schokoladenstücke des Adventskalenders schon immer im Voraus herausgestohlen hatte, war diese Geschichte natürlich ein besonderer Leckerbissen.

Es folgt Christian Savoys „Die Angst, stets gleich in unseren Seelen“. Diese Geschichte stimmt einen wieder sehr nachdenklich. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Man kann nur hoffen, sollte es tatsächlich einmal zu der beschriebenen Situation kommen, dass alle Beteiligten einen kühlen Kopf bewahren.

Zu Michael Schmidts „Geliebte Maid“ will ich nur soviel verraten. Wenn Sie auf dem Roten Planeten Ihr Blaues Wunder erleben wollen, sollten Sie schleunigst das Grüne Büchlein kaufen.

Oh ja – kein anderer Planet hat die Phantasie des Menschen so sehr beflügelt, wie der Mars. Er musste sowohl für kleine grüne Männchen, als auch für Schokoladenriegel mit zähflüssiger Karieszahnspachtelfüllung herhalten. Achim Hildebrand bringt den Stein erneut ins Rollen, mit „Sand in den Augen“ gibt er den Gerüchten neue Nahrung.

Dass Criss Jordan mit „Sonnenuntergang“ das Ende dieser Anthologie einleitet, lässt hoffen.
Nach der geschätzten Meinung der Autorin rückt das Ende des zukünftigen Menschen in weite Ferne. Gerade in Zeiten, in denen sich die Mundwinkel eines „Smilies“ immer öfter nach unten verziehen, ein wichtiges, ein optimistisches Emoticon.

Tja, das war’s leider schon, und schließlich folgt da noch:

„Wir über uns …“
Da erfährt man etwas über die Autoren

In „Noch mehr von uns …“
Da erfährt man noch etwas mehr über die Autoren.

Fazit:
Die Herausgeberin bereitet dem Leser mit dieser Anthologie ein kurzweiliges, amüsantes Vergnügen. Hier führt der literarische Geschlechterkampf zu einem eindeutlichen Remis. Was zweifelsfrei beweist, dass auch in der Zukunft männliche und weibliche Humanoiden überhaupt nicht voneinander lassen können, und unbedingt voneinander lesen sollten.
Gut – in einer Anthologie wird es immer einzelne Geschichten geben, die einem besser gefallen, doch eine schlechte konnte ich hier wirklich nicht finden.

Fugalee Page sagt: „Yeah!“. Dieses Büchlein kann getrost empfohlen werden. Der Leser darf sich mal schmunzelnd, mal nachdenklich zurücklehnen und unterhalten lassen. Und sollte jemand bereits zu der Generation gehören, wo Mensch und Gebiß sich des Nachts an verschiedenen Orten aufhalten, so wird‘s diesen zusätzlich erfreuen. Der Schriftsatz ist angenehm zu lesen, und macht die Leselupe (das Gerät, nicht die Bücherei) damit überflüssig.

Ulrike Jonack (Herausgeber)
Man gönnt sich ja sonst nichts …
27 amüsante Geschichten, die zum Nachdenken anregen
ISBN:3935982283
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Du musst hier nicht leben

Du musst hier nicht leben

Die Autorin wurde in Belgrad geboren und kam mit zwanzig Jahren nach New York.

Sie schildert eine Jugend zwischen jugoslawischer Großfamilie, Aufbruch in ein kommunistisches Kuba, ein Leben in den Bergen Jugoslawiens, in der Großstadt, im Kommunismus, zwischen verschiedenen Religionen und bewegt von vielen Ortswechseln.
Sascha ist die Hauptprotagonistin. Ihre Heimat ist Jugoslawien, wo sie ein unstetes Leben als aufmüpfige Tochter einer kranken, zarten Mutter und eines Vaters, der sich schon längst davon gemacht hat, lebt.
Ihre Schwester Lumen lebt in einer Heilanstalt für geistig Behinderte; sie äußerte der Schwester Sascha gegenüber “ Du musst hier nicht leben“.
Mit fünfzehn Jahren läuft Sascha von zu Hause weg, wird aufgegriffen und zur Großmutter in die Berge geschickt. Auch dort bleibt sie nicht lange, man schickt sie zu einem Onkel nach Kuba.
Hier beginnt sie ein Leben mit Alkohol, Drogen und früher sexueller Liebe. Sie sprengt alle Grenzen der Religion, der Tugend und familiärer Angepasstheit.
Niemand vermag sie zu bändigen. Als die Mutter, zu der sie zwischenzeitlich zurückgekehrt ist, schwer an Krebs erkrankt, kommt sie zu ihrem Vater nach Athen. Dort lebt sie ein vollkommen ungezügeltes Leben, für eine Muslimin unsagbar!
Sie lernt amerikanische GIs kennen, lebt mit diesem oder jenem zusammen. Hier und da findet sie sogar eine Liebe, die ihr heimatliche Geborgenheit vermittelt. Drogenkonsum und Alkoholverzehr sind ständige Begleiter. Es kommt zu Exzessen, sie klaut und schlussendlich setzt ihr Vater sie vor die Tür.
Das Leben geht weiter. Zur Beerdigung der Mutter kehrt sie noch einmal nach Hause zurück.
Am Ende erschleicht sie sich mit falschen Zeugnissen die Einwanderung nach USA. Dort lebt sie ihr einmal begonnenes Leben im sozialen Abseits weiter.
Sie ist hellwach und beobachtet ihre Umwelt, was das Buch zu einem bewegenden Zeugnis einer Aussteigerin macht.
Zwischendrin gibt es zarte Szenen, in denen sie sich nach Liebe sehnt und sie vermeintlich auch ab und zu findet.

Dieses ungebärdige Mädchen ist begabt und intelligent. Nur gelegentlich findet sich ein Gönner, der ihr wirklich wohl will und sie nicht nur auszubeuten gedenkt.

Insgesamt ist die Geschichte traurig und anrührend: wie ein Mensch in eine Welt zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen, zwischen Kriege und zerrissene Familienbande gerät und ganz alleine einen schwierigen, einsamen und abseitigen Weg sucht.
Es ist ein Sozialdrama, lebendig und anrührend geschrieben, fein beobachtet und unserer Zeit mit ihren Religions- und Rassenkonflikten durchaus angemessen.

Cl.B.

Natasha Radojcic
Du musst hier nicht leben
Familiengeschichte im zerrissenen Zeitalter der Kriege
ISBN:3827006317
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Nixenkuss

Nixenkuss

Sie lebt mit ihrer Mutter und einem geistesabwesenden Großvater in einem ehemaligen Seemannsheim. Der Vater ist schon vor einigen Jahren ins Meer gegangen. „Du bist eine Nixe“, hat er ihr zum Abschied gesagt. Eine Leiche wird nie gefunden und so glaubt die junge Frau, dass ihr Vater immer noch irgendwo da draußen ist. Das Haus steht in einer kleinen Stadt, an einer Felsküste im Norden der USA. Ihr Zimmer im Haus gleicht einem Krähennest, so sagt sie selbst. Alle anderen Zimmer sind vollgestellt mit Erinnerungen. Es ist kein Haus in dem man sich wohlfühlen kann. Gäste kommen nicht.

In der kleinen Stadt ist nicht viel los. Es gibt nur gelegentlich Arbeit. Die meisten Menschen hier sind dem Alkohol verfallen. Auch Jude, der 14 Jahre älter als sie ist ist, trinkt. Seit er aus dem Irak heimgekehrt ist, ist er sehr schweigsam. Sie liebt ihm trotzdem. Es ist keine gewöhnliche Beziehung, denn ihre Liebe wird nicht erwidert. Doch die 19-Jährige lässt sich nicht beirren. Sie lässt nicht locker und ertränkt Jude förmlich in ihrer Liebe.

Die Autorin schildert die unendliche Liebe ihrer jungen Heldin zu Jude auf eine ganz überraschend eigenwillige Art und Weise. Da die junge Frau glaubt, eine Nixe zu sein, muss sie sich dabei nicht an herkömmliche Klischees halten. So bietet das Meer mit seiner Kraft und seiner Außergewöhnlichkeit ganz neue Möglichkeiten, Gefühle sehr tiefgreifend und vor allem bildlich vorstellbar zu beschreiben. Dennoch wirkt die Geschichte nicht wie ein Märchen, sondern greifbar realistisch. Man kann nur staunen über den Erfindungsreichtum der Autorin und ihre unvergleichliche Art, sich auszudrücken. Sie zeigt, wie schwierig es ist, die Liebe eines Menschen zu gewinnen, der eine Mauer um sich errichtet hat. Nur eine Flutwelle kann hier etwas ausrichten. Der jungen Frau bleibt gar nichts anderes übrig, als sich in eine Fantasiewelt zu flüchten, um sich selbst zu schützen.

Über die Autorin:
Samantha Hunt wurde 1971 geboren. Sie veröffentlichte Gedichte, Kurzgeschichten und ein Theaterstück. „Nixenkuss“ ist ihr erster Roman. Die Autorin lebt in Brooklyn, New York.

Rezension von Heike Rau

Samantha Hunt
Nixenkuss
Deutsch von Bettina Barbanell
220 Seiten, gebunden
marebuchverlag, Hamburg
ISBN: 3-936384-97-5
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Emoticon

Emoticon

Emoticons, das sind die kleinen Zeichen, mit denen man sich beim Schreiben im Internet Stimmungen vermittelt: lächeln, seufzen, weinen, grinsen, Küsse usw. Sie sind zum Titel des Buches geworden, denn es geht hier u. a. auch um eine Liebesbegegnung, die über das Internet entstanden ist.

Die Politik Israels und Palästinas, das Leben als Jude heute in Israel und anderswo, all’ das zusammen wird in der Erzählung zu einem spannenden Roman ausgesponnen.

Zwei Frauen, Lola und Esther, Holländerinnen und Halbjüdinnen beide, gehen als junge Frauen aus Idealismus für eine Zeit lang nach Israel, um in einem Kibbuz zu arbeiten. Neben der schweren Arbeit tun sich einige Liebeleien auf. Beide werden schwanger, eine nur, Lola, bekommt das Kind, einen Sohn, Daniel. Er wird zum zentralen Mittelpunkt des Romans. Der Vater bleibt ungenannt und unbekannt für das Kind. Seine Person aber sorgt für schwere Konflikte zwischen den beiden Freundinnen.
Es geht im Verlauf der Geschichte auch um die Freundschaft und die Liebe und die Verschiedenartigkeit und Eifersucht zwischen den beiden Frauen.
Sie leben in Holland, wo Daniel heranwächst, geliebt von beiden.
Daniel erfährt sehr viel später von seinem israelischen Vater. Seine Sehnsucht, ihn zu suchen und kennen zu lernen, treiben ihn im Alter von 17 Jahren zu einer abenteuerlichen Reise nach Israel, um sich beim israelischen Militär zu verdingen. Esther, die Freundin seiner Mutter, begleitet ihn.

Neben dieser Handlung gibt es einen zweiten Strang: Aischa, eine Palästinenserin, wild, aufmüpfig und kämpferisch, will für ihr Land alles tun, vor allem aber in der Art einer Märtyrerin ein Zeichen setzen: sie gewinnt über das Internet Kontakt zu dem unerfahrenen und noch sehr jungen Daniel, der sich nach Liebe sehnt und nicht ahnt, welche Gefahren ihm durch diese anonymen Begegnungen im Internet drohen. Das Schicksal nimmt mit all’ seiner Tragik seinen Lauf!
Die Frauen werden auf der einen und auf der anderen Seite in ihren Leidenschaften, zwischen Liebe und Verzweiflung, hin und her gerissen. Krieg und Frieden, Liebe und Freundschaft: Jessica Durlacher hat beide Themen zu einem gelungenen Werk zusammen geführt.

Ihr ist mit diesem Roman ein äußerst spannender Politkrimi gelungen. Es bleibt aber nicht beim Krimi alleine, sondern Liebe, Erwachsenwerden, Freundschaft, die Politik Israels und Palästinas bieten einen sehr realistischen Hintergrund für die Erzählung, die dadurch eine spezielle Brisanz und Realitätsnähe gewinnt.

Es ist ein aufwühlendes, spannendes und sehr politisches Buch.
Cl.B.

Jessica Durlacher
Emoticon
Spannender, literarisch ambitionierter Politkrimi
ISBN:ISBN3257065159
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Sommerdiebe

Sommerdiebe

Dieses kleine Buch war das Erstlingswerk von Truman Capote. Es ist erst 2004 gefunden und verlegt worden.
Er schrieb dieses Buch mit 23 Jahren. Es läßt bereits ahnen, welche Fähigkeiten in ihm steckten. Er selber befand es der Veröffentlichung nicht für würdig und ließ es unbeachtet, vielleicht sogar im Glauben, dass es vernichtet, liegen.

Es handelt sich um eine merkwürdige kleine Geschichte, und sie spielt kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs.
Die siebzehnjährige Grady McNeil entstammt einer reichen Südstaatenfamilie, die sich auf der Upper East Side in New York angesiedelt hat. Die Mutter bereitet alles vor, ihre junge Tochter in die Gesellschaft einzuführen, die ältere Schwester Apple ist bereits ganz angepasste junge Familienmutter und der Vater ein Finanzmagnat. In diese heile vorgegebene Welt will sich Grady nicht einfinden.
Die Eltern schiffen sich zu einer großen Europareise für den Sommer in Europa ein.
Grady hat es vorgezogen, zu Hause zu bleiben. Voller Neugier auf ein unbekanntes Leben verliebt sie sich in den jüdischen Parkplatzwächter Clyde und verbringt mit ihm den Sommer im heißen und schwülen New York. Clyde gehört nicht zu der Klasse, die sich ihre Familie für sie gedacht hat.
Die Tage vergehen im Fluge und sie taucht ohne Hemmungen in diese ihr fremde Welt ein.
Die Schwester Apple kommt schließlich hinter ihr unglaubliches Leben, will sie heraus holen und ihr behilflich sein, in ihrer aller Leben zurückzukehren.
Die Geschichte endet jedoch tragisch, wie könnte es anders sein!
Ein wunderbar geschriebenes kleines Büchlein, voller Infragestellungen , was das Leben in der Upperclass bedeuten kann : die Leere und Öde eines vorprogrammierten Lebens in eingefahrenen Gleisen. Nur : das andere Leben birgt auch kein Glück. Im Gegenteil.
Cl.B.

Truman Capote
Sommerdiebe
New York nach dem Krieg, Upper Class- Geschichte
ISBN:ISBN3036951571
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Matthias Sodtke: Der kunterbunte Zauberesel

Matthias Sodtke: Der kunterbunte Zauberesel

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Sie sind die dicksten Freunde: Hase Nulli und Frosch Priesemut. Selbstverständlich verbringen sie viel Zeit miteinander. Eines morgens machen sie einen Ausflug und tanzen über Blumenwiesen und hüpfen über Kornfelder bis sie schließlich an einen kleinen Tümpel kommen. Nulli hält die heiß gehüpften Pfoten ins Wasser und Priesemut nimmt ein Bad.

Nulli wünscht sich einen Drahtesel, dann käme man viel besser und schneller von einem Ort zum anderen. Priesemut weiß nicht, was ein Drahtesel ist. Aber wie es der Zufall so will, stellen die beiden fest, dass ausgerechnet in diesem Tümpel jemand sein altes Fahrrad entsorgt hat. Die beiden holen das rostige Fahrrad aus dem Wasser und nehmen es mit nach Hause.

Mit viel Mühe richten sie das Fahrrad wieder her und machen daraus einen kunterbunten Zauberesel. Nulli weiß, wie das Fahrradfahren geht und zeigt es seinem Freund. Doch Priesemut fällt immer wieder auf die Nase. Er findet den Zauberesel furchtbar doof. Aus den gemeinsamen Fahrradausflügen wird wohl nichts werden. Doch dann macht Nulli im Schuppen von Oma Bär eine sensationelle Entdeckung…

Die Geschichte gefällt gut. Gerade kleine Kinder können sicher nachvollziehen, wie schwer es anfangs ist, das Fahrradfahren zu erlernen, besonders, wenn das Rad keine Stützräder hat. Die Enttäuschung Priesemuts ist groß, dabei hat er doch mitgeholfen, das Fahrrad wieder herzurichten. Zum Glück bewährt sich die Freundschaft zwischen Hase und Frosch ein weiteres Mal. Die beiden finden eine interessante Lösung für das Problems.

Die farbenfrohen Zeichnungen im großformatigen Buch sind klasse. Besonders wie Priesemut sich fühlt, wird sehr schön in den Bildern umgesetzt. Das gefällt nicht nur Kindern, auch die vorlesenden Eltern, Großeltern oder größeren Geschwister werden ihre Freude daran haben. Die Schrift ist handgelettert. Das Buch ist damit auch von der Aufmachung her etwas ganz Besonderes.

Rezension von Heike Rau

Matthias Sodtke
Der kunterbunte Zauberesel
36 Seiten, gebunden
ab 4 Jahren
Lappan Verlag Oldenburg
ISBN: 3-8303-1102-8
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Der Wellness-Garten

Der Wellness-Garten

Gärten kann man auf verschiedene Weisen nutzen. Zum Erholen und Entspannen, um neue Kräfte zu tanken oder auch um aktiv bei der Gartenarbeit Stress abzubauen. Aber auch für Menschen, die unter Allergien leiden oder die körperlich eingeschränkt sind, hat die Autorin Gestaltungskonzepte parat, die sich ganz nach Bedarf und den persönlichen Wünschen entsprechend, im Garten umsetzen lassen.

Auch in einem Garten, der hin zu einer Straße liegt und hellhörig ist, was die Nachbarn betrifft oder um den der Wind pfeift, kann man Ruhe und Entspannung finden. Störendenden Einflüssen kann man beispielsweise in einer abgeschirmten Ecke des Gartens entgehen. Die Autorin macht hier verschiedene Vorschläge, analysiert die Eignung von Hecken, begrünten Sichtschutzwänden, Natursteinmauern und begrünten Erdwällen.

Erholung finden, kann man besonders in einem Garten, der sich mit allen Sinnen erleben lässt. Die Autorin schlägt ganz besondere Pflanzenarrangements vor, beispielsweise mit besonders duftenden Blumen oder Stauden oder Pflanzen die durch ihre interessante Beschaffenheit faszinieren. Auch Gartenwegen kommt besondere Aufmerksamkeit zu. Hier barfuß zu laufen und die verschiedenen Untergründe zu fühlen, kann ein Erlebnis sein. Sehr schön ist auch ein plätscherndes Wasserspiel im Garten, ein künstlicher Bachlauf, ein Badeteich oder eine kleine Kneipp-Anlage.

Interessant dürfte das Buch auch für Allergiker sein. Hier steht der Schutz des Menschen vor Reizstoffen an erster Stelle. Auch hier hat die Autorin interessante Konzepte ausgearbeitet. Aufgezeigt wird, wie ein reizarmer Garten für Allergiker aussehen könnte und wie man dann im Garten trotz Allergie arbeiten kann.

Auch wer aktiv im Garten dem Stress begegnen möchte, ist mit diesem Buch gut beraten. Besonders nützlich sind hier die Porträts zu Obst- und Gemüsesorten, die sich gut für einen Wellness-Garten eigenen. Auch hier muss Harmonie im Garten nicht zu kurz kommen, geht eine sinnvolle Planung der Gartengestaltung mit vielen Beeten, Bäumen und Sträuchern voraus. Es macht Spaß, selbst angebautes Obst und Gemüse im Garten zu ernten und sich gesund zu ernähren.

Das vorliegende Buch ist sehr vielseitig. Hier findet jeder Gartenbesitzer auf sich zugeschnittene Konzepte, egal ob Erholung oder Aktivität im Vordergrund stehen. Die Autorin geht gezielt auf die unterschiedlichen Bedürfnisse ein. Der Leser findet eine Vielzahl von Anregungen, die sich oft sehr einfach umsetzten lassen und die durch ihre Wirkung überzeugen. Aber auch wer etwas ganz Besonderes plant, wie beispielsweise die Kneipp-Anlage, wird gut beraten.
Im Buch findet man sich leicht zurecht. Es ist gut gegliedert. Die Texte wurden mit anschaulichen Fotos und Zeichnungen, wie zum Beispiel Gartenplänen, ergänzt.

Über die Autorin:
Brigitte Kleinode, Diplom-Biologin, widmet sich seit Jahren gesundheitlichen Aspekten bei der Gartennutzung und -gestaltung. Im Ulmer Verlag sind bereits mehrere Titel von ihr rund um Gartenthemen erschienen.

Rezension von Heike Rau

Brigitte Kleinod
Der Wellness-Garten
Entspannen – erholen – genießen
118 Seiten, gebunden, 70 Farbfotos, 14 Zeichnungen
Verlag Eugen Ulmer Stuttgart
ISBN: 3-8001-4796-3
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Barbara Ehrenreich: qualifiziert & arbeitslos

Barbara Ehrenreich: qualifiziert & arbeitslos

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Barbara Ehrenreich legt sich eine neue Identität und eine neue Lebensgeschichte zu. Als Barbara Alexander, arbeitslose PR-Kraft, will sie als Undercover-Reporterin den Arbeitsmarkt testen. Sie will den Versuch unternehmen, einen gut bezahlten Job in der Führungsetage zu ergattern. Sie ist bereit, dafür ihr Bestes zu tun.
Zunächst muss sie feststellen, dass kaum noch jemand selbst nach Arbeit sucht. Aber Barbara Alexander passt sich an die üblichen Gepflogenheiten an. Sie nimmt sich einen Karrieretrainer, füllt Fragebögen aus und macht Persönlichkeitstest. Sie muss akzeptieren, dass die Vorspiegelung falscher Tatsachen zum Spiel gehört. Also bügelt sie ihr Bewerbungsschreiben und ihren Lebenslauf dementsprechend auf. Es ist ein harter Job, sich einen Job zu suchen. Barbara Alexander plant ihren Tag komplett durch, um alles in den Griff zu kriegen. Sie nimmt an Workshops und Seminaren teil, besucht Jobmessen, pflegt Kontakte, bewirbt sich auf Stellenanzeigen, liest Bücher zum Thema und unterzieht sich sogar einer Typberatung.
Nach vier Monaten Tourtour und 200 Bewerbungen ist sie zwar eine Menge Geld losgeworden. Dennoch ist es bis jetzt zu keinem Vorstellungsgespräch gekommen.

Aus der Traum. Da kann man nichts schön reden. Das Buch wirkt ernüchternd und desillusionierend. Zwar sind wir hier nicht in den USA, dennoch lassen sich Vergleiche ziehen. Nicht nur schlecht Ausgebildete suchen Arbeit, auch Akademiker haben es schwer, einen gut bezahlten Job zu finden.
Zumindest muss man sich als Arbeitssuchender nicht langweilen. Auch wenn man bei all den Psychotraining schon aufpassen muss, dass man der bleibt, der man ist. Und doch scheint es fast zum Zwang zu werden, immer weiter Geld in die Jobsuche und fragwürdige Unternehmungen zu investieren, was den entgültigen Ruin bedeuten kann. Der entgültige soziale Abstieg ist dann nicht mehr abzuwenden.
Natürlich ist dies nur der Erfahrungsbericht einer einzelnen Person, auch wenn hin und wieder die Erfahrungen anderer kurz eingeblendet werden. Man möchte nicht glauben, dass es wirklich so ist und es schlussfolgernd aus dem Buch allen so geht.
Lesenswert ist das Buch aber allemal. Es ist ein sehr ironisch geschriebenes Resümee und liest sich fast so gut wie ein Roman. Aber gerade das ist das Makabere. Wie kann ein Buch dieser Art und ohne gutes Ende wie eine Komödie wirken? Nun ja, wahrscheinlich hat es diese Wirkung nur auf die, die Arbeit haben.

Über die Autorin:
Barbara Ehrenreich hat Chemie, Physik und Molekularbiologie studiert. Sie gehört heute zu den bekanntesten Publizistinnen Amerikas. Essays und Reportagen von ihr erscheinen beispielsweise im New York Times Magazine und im Wallstreet Journal.

Rezension von Heike Rau

Barbara Ehrenreich
qualifiziert & arbeitslos
Eine Irrfahrt durch die Bewerbungswüste
Aus dem Amerikanischen von Gabriele Gockel und Sonja Schumacher
Kollektiv Druck-Reif
255 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann, München
ISBN: 3-88897-436-4