Markus Bürki (Hrsg.), Beat Fischer (Hrsg.) u. a.: Fingerhut & Herzgespann – Heilpflanzen aus dem Botanischen Garten der Universität Bern

Markus Bürki (Hrsg.), Beat Fischer (Hrsg.) u. a.: Fingerhut & Herzgespann – Heilpflanzen aus dem Botanischen Garten der Universität Bern

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Über 200 Pflanzenarten an Gift- und Heilpflanzen wachsen im Botanischen Garten der Uni von Bern. Diese werden im vorliegenden Heilpflanzenführer in Porträts gezeigt.

Zunächst wird etwas zur Geschichte der Pflanzenheilkunde erzählt. Hier wird auch auf bekannte historische Persönlichkeiten verwiesen, darunter Hildegard von Bingen und Paracelsus. Auch zur Anwendung von Heilpflanzen und den Grenzen der Selbstbehandlung werden Ausführungen gemacht. Interessante Infos über den Berner Heilpflanzengarten folgen.

Die Pflanzenporträts sind interessant angeordnet. Der Hauptwirkstoff und infolge der lateinische Name bestimmen hier die Reihenfolge. Die Hauptwirkstoffe sind Alkaloide, ätherische Öle, Bitter- und Scharfstoffe, Gerbstoffe, Glykoside, Schleimstoffe und verschiedene andere Wirkstoffe. Zu diesen Hauptwirkstoffen gibt es nähere Erklärungen.

Es gibt ausführlichere und kurze Pflanzenporträts. Hier lassen sich Pflanzenbeschreibung, Herkunft und Lebensraum, Inhaltsstoffe, Droge, medizinische Anwendung und Geschichte der Pflanze nachlesen. Auch auf Besonderheiten wird verwiesen.

Alle Pflanzen sind mit einem Foto aus dem Botanischen Garten versehen. Allerdings sind diese für einen Pflanzenführer viel zu klein geraten. Hier bin ich sehr enttäuscht. Aber vielleicht ist das eine Einladung, sich den Heilpflanzengarten in Bern direkt anzusehen. Es gibt einen Plan in der vorderen Klappe vom Botanischen Garten und einen speziell vom Heilpflanzengarten in der hinteren Klappe, sodass man sich mit dem Buch in der Hand gut zurechtfinden wird. Aber natürlich kann auch jeder andere Heilpflanzengarten besucht werden!

Das Buch ist übersichtlich aufgebaut. Mit großem Interesse habe ich es tatsächlich von vorn bis hinten gelesen. Es bietet eine gute Beschäftigung für alle, die sich für Heilpflanzen und Naturheilkunde interessieren. Es hält viele Informationen bereit, kann also als Lehrbuch und Nachschlagewerk genutzt werden.

Rezension von Heike Rau

Markus Bürki (Hrsg.), Beat Fischer (Hrsg.) u. a.
Fingerhut & Herzgespann
Heilpflanzen aus dem Botanischen Garten der Universität Bern
224 Seiten, Klappenbroschur
Haupt Verlag
ISBN-10: 3258080119
ISBN-13: 978-3258080116
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Megan Hunter: Vom Ende an

Megan Hunter: Vom Ende an

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Dieses schmale Bändchen wirft viele Fragen auf!

In einer spartanischen Sprache mit vielen Absätzen wird fast einem Gesang gleich von der apokalyptischen Welt einer Mutter und ihres Babys erzählt.

Sie bekommt das Kind unter Schwierigkeiten. Ihr Mann ist auf dem Berg, er wird hinzugerufen. Doch scheint es so, dass die Welt untergeht. Sie versinkt unter steigenden Fluten und im Morast.

Zwischen den eigentlichen Text geschaltet sind fast biblische Töne zu hören, die den Untergang und das Werden und Vergehen versinnbildlichen.

Personennamen gibt es nicht, nur die Anfangsbuchstaben von Namen bedeuten uns, dass es sich um Menschen in einer Ausnahmesituation handelt. Von einer Schwiegermutter und einem Schwiegervater ist die Rede; nach und nach aber verschwinden auch diese. Der Ehemann fährt und fährt mit Frau und Baby auf der Flucht vor den Wassermassen. Die Stadt London wird langsam überflutet, und man findet sich einer gewaltigen Klimakatastrophe ausgesetzt.

Als der Ehemann es nicht mehr aushält in dem Auto und bei Aufenthalten in einfachsten Lagern, bleiben Mutter und Sohn Z zurück. Parallel zur untergehenden Welt wächst und gedeiht das Kind. Sinnhafter kann man Anfang und Ende nicht darstellen.

Und sind die namenlosen nur mit den Anfangsinitialen erkenntlichen Menschen eine Anlehnung an Franz Kafkas K.?

Auch gemahnt das ganze Geschehen an die biblische Geschichte von der Arche Noah.

Denkt man an die z.Zt. im Meer ertrinkenden Flüchtlinge und deren Lageraufenthalte, so ist das hier geschilderte Untergangsszenarium gar nicht so weit von unserer Realität entfernt.

Einem atemlosen Aufschrei gleich schleicht die Erzählung fort, wortgewaltig, poetisch und desaströs in der Darstellung. Vorläufer dieser Erzählung mag Cormac McCarthy mit seinem Roman „Die Strasse“ sein. Er ist noch um ein Vielfaches trostloser in der Beschreibung eines sinnentleerten Lebens, in der die ganze Welt und alles Getier unter einem Ascheregen versinkt.

Megan Hunter (geb.1984) ist viel jünger als McCarthy (geb.1933) und findet eine ganz eigene Sprache für den Untergang. Ihre Worte klingen visionär im Hinblick auf bevorstehende Weltuntergangsszenarien. Erschrocken und geschockt bleibt ein Leser zurück, der sich der Vorstellung nicht entziehen kann, was Atombomben und Umweltkatastrophen für Folgewirkungen auf unser aller Leben haben könnte.

Ein wahrlich anspruchsvolles und tief berührendes schriftstellerisches Meisterwerk.

Megan Hunter lebt mit ihrer Familie in Cambridge.

Megan Hunter
Vom Ende an
160 Seiten, gebunden
C.H.Beck, Mai 2017
ISBN-10: 3406705073
ISBN-13: 978-3406705076
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Dirk Ippen (Hrsg.): Des Sommers letzte Rosen – Die 100 beliebtesten deutschen Gedichte

Dirk Ippen (Hrsg.): Des Sommers letzte Rosen – Die 100 beliebtesten deutschen Gedichte

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Wieder einmal hat sich ein Herausgeber die Mühe gemacht, nach neuen Kriterien die schönsten Gedichte aus fast 1000 Jahren zusammenzustellen.

Dirk Ippen ist Herausgeber dieser Gedichte.

In einer wunderschönen Aufmachung beschert er uns zusammen mit dem C.H. Beck Verlag mit diesem Büchlein einen Überblick über die Gedichte, die in Anthologien von 1900 -1999 am häufigsten vorkommen und je nach Häufigkeit angeordnet.

Der leicht melancholische Titel „Des Sommers letzte Rosen“ bietet einen Ausblick, mit wie stimmungsvollen Titeln wir rechnen dürfen.

Für jede Stimmung und jede Jahreszeit findet sich etwas: traurig-schön, melancholisch, je nach Jahreszeiten, Stimmungen und Gefühlslagen. Man findet Bekanntes und weniger Bekanntes: Fontane, Eichendorff, Uhland und Heine, von Celan bis Hölderlin und Droste-Hülshoff; von Goethe gibt es des „Wandrers Nachtlied“ in zweifacher Ausgabe mit verschiedenem Text ( S. 41 und S. 43). Nicht fehlen darf natürlich Fontanes Ribbeckgedicht und auch Brechts „Erinnerungen an die Marie A.“

Schmerzlich vermisst habe ich Schillers Gedicht „Das Mädchen aus der Fremde“ und Heines Gedicht „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“ und Heines Grabinschrift „Wo wird einst des Wandermüden…“. Auch Heines Gedicht „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ fehlte mir.

Immerhin kann man erfahren, welche Gedichte zu den beliebtesten gehören, und wie weit man selber mit ihnen übereinstimmt. Wie es im Vorwort von Dirk Ippen heißt “Ein Gedicht ist wie ein schönes Kunstwerk, sei es in der Malerei oder im Musikstück“……..aber

Zitat „Gedichte kann man überall mit hinnehmen“……, und zumindestens mir waren sie schon in jeder Lebenslage oder bei herausragenden Gelegenheiten hilfreich und tröstlich. Sowohl in der Freude als auch im Schmerz vermögen sie uns Menschen unsere jeweiligen Stimmungen widerspiegeln oder uns entzücken.

Gestört hat mich, dass ich keine Gedichtanfänge im Anhang als Register finde. Die Dichternamen werden in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit mit ihren Gedichten zusammen aufgeführt.

Erwähnenswert ist die im Anhang zu findende Abhandlung darüber, wann und wie man anfing, Anthologien zusammenzustellen.

Alles in allem ist das Büchlein eine weitere Ergänzung zu den vielen Anthologien, die man auf dem Büchermarkt finden kann. Schön, zu besitzen und auch zum Verschenken.

Des Sommers letzte Rosen
Die 100 beliebtesten deutschen Gedichten
192 Seiten, gebunden
C.H.Beck, März 2017
ISBN-10: 3406706304
ISBN-13: 978-3406706301
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Phillipa Ashley: Hinter den Café das Meer

Phillipa Ashley: Hinter den Café das Meer

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Liebe und ihr unerwarteten Zutaten…

An einem wunderschönen Strand in Cornwall/ England treffen eines Tages Demi und Cal zusammen.
Sie ist auf der Suche nach einem neuen Job, den sie dringend braucht, denn in einem Café am Strand hat sie ihren bisherigen verloren. Ein dummer Zufall führte zum Missgeschick bei einer Besucherin. Sheila, die ihr wohlgesonnene Chefin, musste sie entlassen, da sie nur die Pächterin des Cafés und damit abhängig von der grässlichen Besitzerin ist, bei der sich zu allem Übel das Missgeschick zugetragen hat.

Er ist aus Fernost zurückgekehrt. Aus welchen Gründen er die Ferne und das Abenteuer suchte bleibt zunächst unerkannt. Er will das sehr verkommene Farmgrundstück seiner Familie mit kleinen Ferienhäusern wieder in Schuss bringen. Als er Demi auf einer Bank antrifft, weiß er nicht, dass sie mit ihrem Hund obdachlos ist. Nur zögerlich engagiert er sie für die Renovierung und Instandsetzung der Anlage.

In leichter, unbeschwerter und angenehmer Weise führt uns Philippa Ashley in ihren Roman ein. Man spürt die langsame Annäherung von Cal und Demi. Von der Autorin wird ein unterschwelliger Spannungsbogen dadurch genährt, dass sie uns lange über die Vorgeschichte der beiden im Unklaren lässt.

Cal und Demi kommen sich im Laufe der Zeit allmählich näher, denn beide versuchen sich nach dem Verlust ihrer Eltern alleine in der Welt zurechtzufinden.
Der Leser erfährt sehr bald von der erotischen Anziehung zwischen Cal und Demi, die sich bei allerhand Gelegenheiten zeigt.

Phillipa Ashley ist eine talentierte Geschichtenerzählerin. Liebe, Frust und Verlassenheit, Mut und Kampfgeist zeichnen ihre beiden Hauptfiguren aus.
Sie beschreibt die erheblichen Anstrengungen, mit denen Cal und Demi an seiner neuen ökologischen Ferienanlage arbeiten. Harte körperliche Arbeit und Durchhaltekraft ist hier gefragt! Eine Realisierung ihrer Vorstellungen wird ihnen durch Intrigen von Widersacher erschwert.

Die Charaktere aller beteiligten Protagonisten werden klar herausgearbeitet, so dass man einen differenzierten Eindruck vom Leben und Treiben auf dem Landstrich in St Trenyan an der Küste von Cornwall bekommt.

Kleine Festlichkeiten und Begegnungen mit Nachbarn und Freunden lockern die Geschichte auf und tragen dazu bei, dass man sich das Leben in der kleinbürgerlichen Gesellschaft dort gut vorstellen kann. Sarkasmus, Humor und spritzige Plänkeleien verdeutlichen uns, wie die Menschen mit Schlagfertigkeit und einer gehörigen Portion Realismus durchs Leben gehen.

Die starken, stabilen und eigenwilligen Charaktere der Hauptakteure schüren neugierige Erwartung und bieten unvorhergesehene Entwicklungen.

Dieser heitere, humor- und gefühlvolle Schmöker erfüllt alle Erwartungen einer leichten und belebenden Unterhaltung!

Phillipa Ashley
Hinter dem Café das Meer
398 Seiten, broschiert
DuMont Buchverlag, Mai 2017
ISBN-10: 3832164073
ISBN-13: 978-3832164072
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Rebecca Raisin: Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine

Rebecca Raisin: Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine

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Wo Liebesgeschichte drauf steht, muss nicht immer nur eine Liebesgeschichte drin stehen. Der vorliegende Roman ist einer von vielen, die momentan in den Markt gespült werden und eine Liebesgeschichte in einem Buchladen in Paris erzählen. Parisliebhaber werden also auf ihre Kosten kommen.

Sarah hat einen kleinen Buchladen in der verschlafenen, amerikanischen Kleinstadt Ashford. Doch wirtschaftlich läuft es nicht besonders gut. Ihr Freund Ridge ist freier Journalist und reist um den Globus. Als schüchterne Einzelgängerin hatte sie eigentlich nie erwartet, eines Tages einen Mann zu lieben, mit dem sie bis ans Ende ihres Lebens gemeinsam verbringen mochte. Doch dann war es plötzlich passiert. Sie hatte Ridge kennengelernt. Wenn da nur nicht immer die Trennung wegen seines Jobs wäre. Übers Internet machte Sarah die Bekanntschaft mit Sophie aus Paris. Sophie ist eine Kollegin mit einem Buchladen direkt an der Seine. Sophie hat gerade eine gescheiterte Beziehung hinter sich und möchte Paris zumindest für eine Weile den Rücken kehren. Sie hat viel Vertrauen in ihre amerikanische Internetfreundin und schlägt ihr den Tausch der Buchhandlungen auf Zeit vor. Obwohl Sarah nur ihre Kleinstadt kennt, geht sie auf den Vorschlag ein und freut sich, die große weite Welt in Form von Paris, der Stadt der Liebe, der Kunst und der Schriftsteller kennenzulernen. Doch sie hatte nicht mit dem Chaos und dem Kundenandrang im Pariser Buchladen gerechnet. Ganz zu schweigen von der Mentalität der Franzosen im Allgemeinen und der „ihrer“ Mitarbeiter (in Ashford hat sie keine Mitarbeiter) im Besonderen.

Raisin hat ein interessantes Setting zusammengestellt und lässt es nicht nur in der Beziehung zwischen der Protagonistin, die alles aus der persönlichen Perspektive erzählt, und ihrem Journalisten krachen. Die Hektik der Großstadt und die andere Mentalität der Franzosen geben genügend Raum für Konflikte und überraschende Wendungen. Besonders gefallen hat mir eine Nebenhandlung, die in Form aufgefundener Liebesbriefe dazwischen gestreut wurde. Diese Form unterstützt die Erzählung in der zweiten Person, was eine besondere Note bringt. Die reine Verwendung von „du“ und „ich“ bringt eine kisternde Spannung, denn als Leser möchte man schon gerne wissen, um wen es sich beim Briefeschreiber und dem Empfänger handelt.

Alles in allem gibt es sehr viel Pariser Lokalkolorit und letzten Endes die Auflösung von drei Liebesgeschichten. Sommerliche Feelgood-Lektüre, die Spaß macht!

Rebecca Raisin
Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine
Aus dem Amerikanischen von Annette Hahn
Rüten & Loening Verlag, Berlin
ISBN 9783352008979

© Detlef Knut, Düsseldorf 2017
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Franzobel: Das Floß der Medusa

Franzobel: Das Floß der Medusa

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Es ist das Jahr 1816, als die Medusa von Frankreich nach Afrika segelt. Eine französische Kolonie ist das Ziel. Auch der zukünftige Gouverneur ist unter den Reisenden. Alle sind voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Der unfähige Kapitän Chaumarey hat es zu verantworten, dass das Schiff auf einer Sandbank aufläuft. Trotz aller Mühen ist es nicht freizubekommen. Die Lage ist hoffnungslos, denn Hilfe ist nicht zu erwarten. Da die wenigen Rettungsboote nicht über genügend Platz verfügen, wird ein Floß gebaut, das mit zum Festland geschleppt werden soll. Aber der Plan geht nicht auf. Weil es nicht vorwärtsgeht und die Bote abzutreiben drohen, wird das Seil gekappt und das manövrierunfähige Floß mit 147 Menschen seinem Schicksal überlassen.

Der Autor stellt sich diese Szenen vor und fügt sie zu einem spannenden Roman zusammen. Es ist ein Buch, von dem ich zunächst angenommen habe, dass es in seiner Schicksalshaftigkeit zu nahe gehen wird. Der Autor lässt die dafür nötige Nähe, aber nicht zu. Er schreibt in einem überzogen Schreibstil und lässt sehr viel an Sarkasmus mit einfließen. Das wirkt teilweise völlig deplatziert, verhindert aber, dass man sich inhaltlich auf das Buch voll und ganz einlassen kann oder sich den zentralen Figuren zu sehr annähert. Eine schonende Distanz bleibt also erhalten. Das spart die psychologischen Effekte, die zu beobachten sind, während sich die Katastrophe immer weiter zuspitzt, aber nicht aus. Eine Auseinandersetzung mit dem heutigen menschlichen Miteinander wird regelrecht erzwungen.

Das Buch ist nach einer wahren Begebenheit, einem historischen Ereignis geschrieben. Die geschilderten Szenen sind der Realität nahe und könnten sich so abgespielt haben. Ein harter, sehr erschreckender Überlebenskampf, der Brutalität und Kannibalismus nicht ausspart, wird aufgezeigt. Auch das Schicksal der wenigen Überlebenden wird weiter verfolgt und die Wirkung auf die Öffentlichkeit und die Politik von damals dargestellt.

Rezension von Heike Rau

Franzobel
Das Floß der Medusa
592 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag
ISBN-10: 3552058168
ISBN-13: 978-3552058163
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Anja Goerz: Wenn ich dich hole

Anja Goerz: Wenn ich dich hole

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Der neunjährige Lewe ist mit seinem Hund allein. Seine Mutter und Oma Grete sind zum Einkaufen gefahren. Als sie über längere Zeit nicht zurückkommen, versucht der Junge seine Mutter zu erreichen. Jedoch vergeblich. So bekommt er Angst in dem abgelegenen Haus seiner Oma im nordfriesischen Niebüll. Zumindest der Vater ist erreichbar. Aber Bendix kann nicht helfen. Er ist beruflich außer Landes unterwegs. Als sein Anschlussflug wegen der schlechten Wetterbedingungen ausfällt, steht fest, dass er noch viele Stunden brauchen wird, bis er bei seinem Sohn sein kann. Auch ihm gelingt es nicht, seine Frau Insa oder seine Mutter zu erreichen. Es muss etwas passiert sein.

Lewe bekommt es immer mehr Angst. Er kann nicht länger allein bleiben. Bendix wendet sich schließlich an die örtliche Polizei. Es gelingt ihm, Bruno Behrend zu überreden trotz Schneesturm zum Haus zu fahren und nach seinem Sohn zu sehen. Der Dorfpolizist kommt beruhigt zurück, denn es ist jemand da, der vorgibt, sich um den Jungen zu kümmern. Nur sind Mutter und Oma immer noch verschwunden und auch Lewe geht nicht mehr ans Telefon.

Im Grunde ist der Thriller sehr einfach gestrickt. Das Thema ist auch nicht wirklich neu. Es geht um Eifersucht und die in diesem Fall unberechenbaren Folgen. Die Autorin versteht es aber, eine unglaubliche Spannung zu erzeugen und den Leser zu fesseln. Dabei schreibt sie sehr flüssig. Ich habe das Buch sehr schnell gelesen! Insbesondere die unterschiedlichen Perspektiven sind es, die mitreißen. Als Leser kennt man sie alle und weiß damit um die gefährlichen Zusammenhänge. Im Buch kämpfen Bendix, Insa und Grete, Lewe und der Polizist für sich allein gegen einen anfänglich unbekannten Gegner. Wobei der Dorfpolizist seinen Job wirklich nicht gut macht. Er wirkt unglaubwürdig in seiner Ignoranz und Hilflosigkeit. Ansonsten sind die Charaktere aber perfekt ausgearbeitet. Ihr Handeln ist gut nachvollziehbar.
Später dann überschlagen sich die Ereignisse förmlich. Das Ende kommt zu plötzlich.

Rezension von Heike Rau

Anja Goerz
Wenn ich dich hole
Thriller
256 Seiten, Klappenbroschur
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423261471
ISBN-13: 978-3423261470
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André Heller: Uhren gibt es nicht mehr – Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr

André Heller: Uhren gibt es nicht mehr – Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr

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102 Jahre alt ist Elisabeth Heller, die Mutter des Autors André Heller. 1914 wurde sie geboren, wuchs in Wien und Südtirol auf, heiratete 1933 den Großindustriellen Stephan Heller und bekam zwei Söhne. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1958 wurde sie Directrice in Gertrud Höchsmanns Haute-Couture-Salon.

Elisabeth Heller sieht sich innerlich manchmal noch jung. Sie versteht es, zu träumen. Sie denkt aber auch mit Melancholie ans Verabschieden. Sie verdrängt das Thema nicht.

In den Gesprächen mit dem Sohn werden Erinnerungen wach. Es geht nicht mehr um Essentielles, die Gegenwart oder die Zukunft betreffend. Dennoch sind diese Gespräche innig und klar, klären sogar manchmal Missverständnisse zwischen Mutter und Sohn. Es wird geredet über Alltägliches, über Begegnungen und Gedanken, die in den Sinn kommen. Die Annäherung der beiden und ihr wachsender Respekt voreinander sind spürbar.

Vielleicht stellt sich so mancher das Leben mit über 100 Jahren als Last vor, beschwert von so vielen Erinnerungen. Die schönen, die melancholisch machen und die leidvollen, die für Kummer sorgen. Aber es ist auch von Weisheit, Nachsicht und Herzenswärme geprägt. Und daraus wiederum kann man Zuversicht schöpfen.

André Heller hat die Gespräche kaum gelenkt. Er ist im Hintergrund geblieben. Hat Stichworte gegeben und sanft nachgefragt. Hat auch das Schweigen zugelassen. Er hat aufgefangen, was die Mutter gerade beschäftigt oder was ihr einfach so in den Sinn gekommen ist.

Es ist ein beeindruckendes Buch, ein kleines Kunstwerk entstanden, das unglaublich viele sanfte Gefühle in sich trägt. Es verursacht eine etwas melancholische Stimmung, aber keine tieftraurige. Das Leben, auch im Alter, mit Humor zu nehmen, macht das Abschiednehmen doch etwas einfacher. Und Humor beweist Elisabeth Heller im Gespräch immer wieder.

Rezension von Heike Rau

André Heller
Uhren gibt es nicht mehr – Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr
112 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag
ISBN-10: 3552058311
ISBN-13: 978-3552058316
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J.M. Coetzee und Arabella Kurtz: Eine gute Geschichte

J.M. Coetzee und Arabella Kurtz: Eine gute Geschichte

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In einem partnerschaftlich-schriftlichen Dialog tauschen sich der Schriftsteller J.M. Coetzee und die Psychoanalytikerin Arabella Kurtz aus über das Leben und die Geschichten von Menschen oder die von Autoren erdachten Erzählungen.

Es geht um die Wahrheit und die subjektiven Sichtweisen in der Betrachtung der Erinnerung von Vergangenheit und Gegenwart.

In einem diffizilen Unterfangen entsteht auf diese Weise ein psychologisch-philosophischer Gedankenaustausch.

Schon in dem berühmten japanischen Film „Rashomon“ aus dem Jahr 1950 konnte man erfahren, wie dem Phänomen eines „philosophischen Diskurses über die Existenz der objektiven Realität“ (Wikipedia) nachgegangen wurde.

Ähnlich wie in dem Film geht es um die Wahrheit, die der subjektiven Sichtweise des Einzelnen entspricht. Ein Autor kann sich Geschichten ausdenken, die den Erfahrungen aus dem Leben entnommen zu sein scheinen. Doch er ist frei, zwischen Fiktion und Lebenserfahrung zu pendeln. In der Psychoanalyse aber geht es um die subjektive Wahrheit eines Klienten. Wie erinnert er seine Kindheit und Jugend? Und wie verändern sich Erinnerungen mit den Jahren? Was und wen macht einen Menschen zu dem, der er heute ist?

In dem schriftlichen Austausch der beiden Autoren werden Erkenntnisse aus theoretischer und praktischer Erfahrung angesprochen. Der Leser fühlt sich unwillkürlich einbezogen in die Gedanken des Erinnerns. Wie weit lassen sich die hier gewonnenen gedanklichen Anregungen mit den eigenen Erfahrungen in Verbindung bringen?

Selbstverständlich ist das Buch keine Anleitung zu einer Selbstanalyse. Doch weisen die philosophischen Exkurse den Weg, sich mit dem eigenen Erinnern zu befassen. Dabei wird man nach längerer Betrachtung zu der Einschätzung kommen, dass jeder Mensch je nach Herkunft, Umgebung und sozialen Bedingungen zu einem Denken und Handeln kommt, das seiner eigenen absoluten Wahrheit über Ursache und Wirkung entspricht. Je länger man sich mit den angesprochenen Themen befasst, desto umfangreicher wird die Einsicht über subjektive Erfahrungen, die unser politisches, kulturelles und soziales Leben mitbestimmen.

In der Psychoanalyse geht es u.a. auch um das Verdrängte und Vergessene. Diese ins Bewusstsein zu holen, macht einen Teil der Arbeit mit Klienten aus.

In einem Exkurs kann man etwas über die Kinderanalytikerin Melanie Klein und ihre Theorie der Entwicklung von Subjet-Objektbeziehungen erfahren.

Beide Dialogpartner bewegt die Frage, wie weit kollektives Denken zu gutem oder bösen Verhalten beiträgt. In einer Vielzahl von Beispielen werden diese Fragen reflektiert.

Insgesamt ist das Werk eine Auseinandersetzung mit dem Denken und Handeln, das unter welchen Bedingungen wie und wo zu beobachten ist.

In seinen theoretischen und praktischen Dimensionen gibt der Dialog Anregung zum Nachdenken und Reflektieren unterschiedlicher Werte und Verhaltensweisen je nach dem, in welcher Kultur oder in welchem gesellschaftlichem Umfeld wir uns bewegen.

Ein jeder von uns wird geprägt durch Vergangenheit und Gegenwart. Insofern könnte man die Diskussion ohne Ende fortführen.

J.M. Coetzee
Arabella Kurtz
Eine gute Geschichte
256 Seiten, gebunden
S. FISCHER, Oktober 2016
ISBN-10: 3100025482
ISBN-13: 978-3100025487
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Kristina Ohlsson: Schwesterherz

Kristina Ohlsson: Schwesterherz

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Bei diesem Thriller handelt es sich um den ersten Teil einer zweibändigen Geschichte, der allerdings auch selbstständig für sich alleine steht. Beide Bände bedingen nicht unbedingt einander.

Der Rechtsanwalt Martin Benner wird dazu gebracht, die Unschuld einer bereits durch Selbstmord ums Leben gekommenen Serienmörderin nachzuweisen. Ihr Bruder spazierte einige Monate nach deren Tod in die Kanzlei und nahm dem Anwalt ein Versprechen ab. Obwohl sich alles in Benner sträubt, kann er sich dem Sog der Neugierde nicht entziehen. So begibt er sich auf eine gefährliche Ermittlungstour, zusammen mit seiner Kanzleipartnerin Lucy. Ermittelt wird in Schweden als auch in Texas.

Kristina Ohlsson hat ein spannendes Figurenensemble zusammengestellt und lässt diese in einem ungewöhnlichen Plot miteinander agieren. Benner ist durch den Unfalltod seiner Schwester vor wenigen Jahren zu seinem Kind gekommen. Er hat seine Nichte damals adoptiert. Sie ist in der Geschichte vier Jahre alt und sorgt in seinem Leben dafür, dass er nicht mehr frei wie ein Junggeselle handeln kann. Zu Lucy, seiner Geschäftspartnerin, hat er ein chaotisches Bratkartoffelverhältnis. Sie waren mal ein Paar, haben sich aber getrennt, weil sie nicht mehr „miteinander konnten“. Doch gelegentlich und immer öfter haben sie aus „reiner Freundschaft“ Sex miteinander.

Was die Geschichte angeht, so gibt es eine Wendung nach der anderen. Man wird durch die Seiten getrieben, weil man von Anfang an wissen möchte: A) ob das Objekt der Ermittlung tatsächlich eine Serienmörderin war, B) warum sich der Rechtsanwalt in diesem Fall hat reinziehen lassen, C) was denn dann noch als schlimmste Sache in dem Fall passieren kann.

Gerade für den letzten Punkt hat die Autorin eine faszinierende Methode eingesetzt. Der Roman ist in mehrere Abschnitte unterteilt. Jeder Abschnitt beginnt mit einem Interview zwischen Martin Benner und einem Journalisten in einem Hotel. Die Geschichte, die wir lesen, erzählt Benner quasi dem Journalisten. Aber in dem jeweiligen Interview werden jede Menge Cliffhanger für den nächsten Abschnitt platziert. Wenn man das Interview liest, gibt es nur den Gedanken: Oh Gott, was kommt denn noch alles?

Hochspannung vom Feinsten!

Kristina Ohlsson
Schwesterherz
Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
Limes Verlag, München
ISBN 9783809026631

© Detlef Knut, Düsseldorf 2017
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